Einleitung.  5

brochenen  Stammbaume  zu  vereinigen:  unter  den  tapferen  Schaaren
des  Odoaler  sollten  die  Stammväter  des  Welfischen  Hauses  zum
Sturz  des  letzten  römischen  Schattenkaisers  mitgewirkt  haben)  Der
eigentliche  Sitz  ihrer  Macht  aber  blieb  ihre  deutsche  Heimath.  Vor
allem  im  südlichen  Baiern,  in  den  schönen,  reich  gesegneten  Landschaften
  nördlich  vom  Bodensee  finden  wir  die  Welfen  reich  begütert
und  hoch  angesehen,  schon  zur  Zeit  Karls  des  Großen  durch  den
Grafentitel  ausgezeichnet.  Frühzeitig  griffen  sie  auch  bedeutungsvoll
in  den  Gang  der  deutschen  Geschichte  ein.  Eine  Welfin  war  es,
die  ebenso  schöne,  wie  stolze,  ehrgeizige  und  ränkevolle  Judith,  welche
Ludwig  der  Fromme  819  zur  zweiten  Gemahlin  erkor,  welche  dann
durch  die  Ansprüche,  die  sie  für  ihren  dem  Kaiser  (823)  geborenen
Sohn  Karl  den  Kahlen  erhob  und  trotz  des  Widerspruchs  seiner
älteren  Geschwister  bei  ihrem  schwachen  Gemahl  durchzusetzen  wußte,
recht  eigentlich  die  Veranlassung  gab  zu  den  unseligen  Kämpfen
zwischen  Ludwig  und  seinen  Söhnen.

Von  ihrem  jüngern  Bruder  Eticho  stammt  dann  die  ältere  Linie
der  deutschen  Welfen  ab,  welche  durch  stetige  Vermehrung  ihrer  Besitzungen,
  namentlich  in  Schwaben  und  Baiern,  sich  den  Anspruch
und  die  Aussicht  auf  eine  immer  größere  und  glänzendere  Zukunft
erwarb.  Es  war  ein  stolzes,  selbstbewußtes  Geschlecht,  das  etwas
darin  suchte,  nur  auf  seinem  Erbe  und  Eigen  zu  hausen,  keinem  Herrn
durch  Annahme  von  Lehen  dienstbar  zu  werden.  Der  Sage  nach
gab  erst  zu  Anfang  des  10.  Jahrhunderts  der  Welfe  Heinrich  diese
stolze  Freiheitsliebe  auf  und  wurde  ein  Lehnsmann  des  Kaisers,  den
er  aber  zugleich  durch  kecke  List  zur  Ueberlassung  eines  sehr  großen
Länderbesitzes  genöthigt  haben  soll.!)  Er  gründete  auch  in  dem
Stammsitze  seines  Hauses,  in  Altdorf,  ein  Nonnenkloster,  dem  er
und  seine  Nachfolger  eine  besondere  Sorgfalt  zuwendeten,  in  dessen
Grabgewölben  dann  auch  die  Mehrzahl  derselben  zur  letzten  Ruhe
bestattet  worden  ist.  Einer  seiner  Nachkommen,  Welf  II.  (gest.  1030),
erbaute  die  von  nun  an  mit  Altdorf  als  Stammsitz  der  Welfen
geltende,  lieblich  gelegene  Ravensburg,  nach  der  sich  das  Geschlecht
dann  auch  wohl  noch  in  späterer  Zeit  genannt  hat.  Derselbe  tummelte
  sich  aber  auch  wild  herum  in  den  Fehden,  die  zeitweise  die
so  starke  und  thatkräftige  Regierung  Conrads  II.  erschütterten:  er

1)Vergl.  hen  und  zu  dem  Fol-  2  Annul.  Saxon.  1126.  Non.

enden  Eichhorn,  urgeschichte  der  8S§s.  VI,  p.  764.
elfen.  Hannover  1816.