78  1.  Buch,  b.  Kapitel.

1119.  die  geistliche  Selbstherrlichkeit  in  der  empfindlichsten  Weise  zu  spüren.
Denn  unerschütterlich  beharrte  Herzog  Heinrich  auf  seiner  Forderung
der  Investitur  und  hielt,  was  er  dem  Vicelin  für  den  Fall  der
Weigerung  angedroht  hatte.  Er  entzog  der  unter  ihm  stehenden
Kirche  nicht  bloß  die  ihr  bisher  zufließenden  Zehnten,  sondern  nahm
auch  von  den  ihr  geschenkten  Gütern  manches  wieder  zurück:  ja,  Oldenburg,
  des  Bischofs  Sitz  selbst,  hatte  unter  diesem  Zorne  schwer
zu  leiden.  Und  so  oft  Vicelin  dem  Herzoge  mit  der  Bitte  um  Abhülfe
  nahete,  hatte  dieser  keine  andere  Antwort,  als  daß  er  ganz
bereit  sei  ihm  zu  dienen,  sobald  er  nur  die  Investitur  aus  seiner
Hand  angenommen  haben  würde.')  Da  Vicelin  sich  hierzu  aber
noch  immer  nicht  bequemen  wollte,  so  konnte  er  sein  Amt  nur  mit
fester  Resignation  unter  immer  steigenden  Entbehrungen  verwalten.
Dennoch  nahm  das  Werk  der  Christianisierung  gerade  in  dieser  Zeit
einen  rüstigen  Fortgang.  Das  Bethaus  zu  Hagersvorf  wurde  damals
gegründet;  in  Bornhoved  wurde  eine  neuerbaute  Kirche,  in  Lübeck
ein  Altar  von  Vicelin  geweiht.")  Auch  nach  Oldenburg  begab  sich
der  unermüdlich  thätige  Bischof  und  predigte  dort  unter  den  noch
im  Heidenthum  verharrenden  Slaven.  Kein  Punkt  in  seinem  Bisthum
  schien  ihm  zu  der  bekehrenden  Thätigkeit  so  trefflich  geeignet
wie  gerade  Oldenburg:  dort  war  der  Verkehr  zwischen  den  deutschen
Ansiedlern  und  den  Slaven  am  lebhaftesten  und  an  den  Sonntagen
  strömte  eine  große  Menge  zu  Handel  und  Tausch  unter  den
Mauern  der  Stadt  zusammen.  Von  dieser  Gelegenheit  für  sein
Bekehrungswerk  Nutzen  zu  ziehen,  ließ  Vicelin  vor  den  Thoren  der
Stadt  ein  hölzernes  Kirchlein  erbauen,  um  dort  den  zu  weltlichen
Geschäften  versammelten  Schaaren  das  Evangelium  zu  predigen.)

Herzog  Heinrichs  Ansehn  stieg  inzwischen  durch  sein  erfolgreiches
  Auftreten  gegen  die  Slaven  von  Tag  zu  Tage.  Auch  über  die
Grenzen  Deutschlands  hinaus  verbreitete  sich  der  Ruhm  seiner  Macht
und  kriegerischen  Tüchtigkeit.  In  Folge  dessen  kam  es  denn  gerade

I)  ibid.  Quoties  enim  pontisex
noster  ducem  adiit  interpellaturus  pro
negotiĩis  ec2lesiae,  ille  se  paratum  esse
ostendit  ad  ompia,  dune  oseissot
utilitas,  si  illi  primum  debitus  honor
exhibitus  fuisset,  alioquin  frustra  contra
  impetum  fuminis  iri.  —

2  ibid.  Dedicatum  est  ergo  eo
tempore  oratoriom  Cuzalinge,  quae  alio
nonime  Hagerestorp  dicitur.  Sed  et
ecclesia  Bornhovede  tunc  dedicata  est.

Venitque  ad  novam  eivitatem,  qune
Lubeke  dioitur,  confortare  manentes
illic  et  dedicavit  ibi  altare  domino  Deo.
3  ibid.  Inde  progrediens  vieitavit
Aldenburg  Dedit  autem  epis--copus
  pecuniam  caesoribus  lignorum
ad  impensas  sanotuarül  et  coeplum  est
opus  fabricac  prope  vallum  urbis  antiquae,
  duo  omnis  terra  die  dominica
bropter  mercatum  oonvenire  solebat.