Die  Zustände  im  Slavenlande.  135

Obgleich  der  schnelle  Aufschwung  Lübecks  durch  vie  feindlichen  11.
Maßregeln  Herzog  Heinrichs  wesentlich  beeinträchtigt  und  für  den
Augenblick  wenigstens  gelähmt  worden  war,  so  war  es  doch  noch
immer  der  hauptsächlichste  Verkehrsplatz  zwischen  den  deutschen  Ansiedlern
  und  den  Slaven  geblieben.  Namentlich  an  den  Sonn=  und
Festtagen  strömten  die  Slaven  von  allen  Seiten  herbei,  um  Handel
und  Tausch  zu  treiben.  Wie  schon  Vicelin  solche  Orte  wegen  der
großen  Menge  der  dort  zusammenkommenden  für  besonders  geeignet
zur  Ausübung  seines  Missionswerkes  gehalten  hatte,  so  erhob  sich  jetzt
auch  Bischof  Gerold  und  ermahnte  die  zahlreich  versammelten  Slaven
  —  ihr  Haupt,  Pribislav  selbst,  war  zugegen  —  dem  Götzendienste
  zu  entsagen  und  sich  der  von  ihm  verkündeten  Lehre  zuzuwenden;
  namentlich  aber  sollten  sie  doch  endlich  ablassen  von  ihrem
steten  Mord  und  Raub  gegen  die  Christen.  Pribislav  selbst  gab
da  dem  Gerold  auf  seine  im  Uebrigen  mit  Beifall  aufgenommene
Ermahnung  eine  Antwort,  die  allerdings  mit  aller  Schärfe,  aber
durchaus  richtig  den  Punkt  bezeichnete,  in  dem  für  einen  glücklichen
und  dauernden  Erfolg  der  Mission  unter  den  Slaven  das  größte
Hinderniß  lag.  Sie  seien  alle  gern  bereit,  sagte  er,  seinen  Worten
Folge  zu  leisten,  vom  Heidenthume  und  seinen  Vergehen,  namentlich
den  stets  erneuten  räuberischen  Fehden  abzulassen;  daß  sie  es  aber
nicht  thäten,  sei  nicht  ihre  Schuld:  die  deutschen  Fürsten,  Herzog
Heinrich  von  Sachsen  und  Graf  Adolf  von  Schauenburg,  deren
Oberhoheit  sie  sich  beugen  müßten,  seien  es,  die  sie  immer  wieder
und  wieder  zu  Raub  und  Plünderung  und  damit  auch  zum  Abfall
vom  Christenthume  hindrängten.  Bitter  beschwerte  sich  Pribislav
über  die  drückenden,  kaum  zu  erschwingenden  Steuern  und  Abgaben,
die  ihnen  vom  Herzoge  sowie  vom  Grafen  auferlegt  würden.  Dem
ersteren  hätten  sie  schon  tausend,  dem  letzteren  mehrere  hundert  Mark
erlegen  müssen:  damit  aber  sei  es  noch  nicht  abgethan,  sondern  jeden
Tag  kämen  neue  Forderungen  und  damit  auch  neue,  harte  Bedrückungen.
  Daß  diese  Schilderung,  die  Pribislav  von  dem  Walten  des
Herzogs  und  des  Grafen  in  ihren  neu  erworbenen  flavischen  Gebieten
  machte,  unrichtig  wäre,  konnten  Gerold  und  die  Seinen  leider
nicht  behaupten,  im  Gegentheil  sahen  sie  sich  genöthigt,  dieselben  als
vollständig  begründet  anzuerkennen.  Auf  die  Borstellung  des  Gerold,
die  Slaven  möchten  nur  erst  das  Christenthum  fest  und  sicher  annehmen,
  so  würde  man  sie  auch  nicht  mehr  so  hart  bedrücken,  erwiederte
Pribislav  ganz  richtig  mit  der  Forderung,  daß  man  ihnen,  wenn  sie