142  1.  Buch.  9.  Kapitel.

Gefilden  Herzog  Ladislaus  von  Böhmen  die  wichtige  Pergamentrolle
zur  Hand  nahm  und  unter  dem  tiefen,  erwartungsvollen  Schweigen
der  glänzenden  Versammlung  mit  lanter  Stimme  die  Satzungen
verkündete,)  die  von  nun  an  zu  Recht  bestehend  einen  seit  achtzehn
Jahren  zum  Verderben  Deutschlands  mit  nur  kurzen  Unterbrechungen
geführten  Streit  beendigen  und  die  beiden  mächtigsten  Familien  des
Reichs  mit  einander  versöhnen  sollten.  In  diesem  freudig  bewegten
Angenblick  konnte  niemand  ahnen,  daß  auch  jetzt  noch  der  Streit
zwischen  Hohenstaufen  und  Welfen  nicht  beendet,  sondern  nur  vertagt
  sein  sollte,  um  nach  gerade  zwanzigjähriger  Ruhe  mit  um  so
größerer  Wuth  wieder  auszubrechen  und  dann  recht  eigentlich  erst
verderblich  zu  werden.

Folgendes  aber  waren  die  Bedingungen  und  gegenseitigen  Zugeständnisse,
  auf  Grund  deren  Friedrich  die  bisher  unversöhnlichen
Parteien  zu  friedlicheren  Gedanken  vermocht  hatte  und  in  denen  er
damals  die  Bürgschaft  für  einen  dauernden  Frieden  gefunden  zu
haben  hoffen  konnte.  Herzog  Heinrich  der  Aeltere  entsagte  in  aller
Form  dem  Herzogthume  Baiern,  das  er  bisher  innegehabt  hatte,  und
übergab  zur  Bezeichnung  dieser  Verzichtleistung  die  sieben  Fahnen,
die  er  bei  seiner  Belehnung  als  Sinnbild  empfangen  hatte,  wiederum
an  den  Kaiser.  Dieser  seinerseits  belehnte  nun,  indem  er  diese
Fahnen  ihm  übergab,  seinen  Vetter,  den  Herzog  von  Sachsen,  mit
Baiern.:)  Damit  wurde  dem  Welfen  Alles,  was  er  fordern  konnte
und  wofür  sein  Geschlecht  so  lange  gekämpft  hatte:  mit  dieser  Förmlichkeit,
  der  Rückgabe  der  sieben  das  Herzogthum  Baiern  darstellenden
Fahnen  an  den  Sachsenherzog,  war  die  Rechtsfrage  erledigt,  der
stricten  Rechtsform  Genüge  geleistet.  Doch  war  dies  eigentlich  eben
nur  eine  Förmlichkeit;  das,  was  den  Streit  wirklich  beendigte,  was
dem  Reiche  einen  dauernden  Frieden  schaffen  sollte,  waren  die  der
wörtlichen  Erfüllung  der  Rechtsansprüche  der  Welfen  folgenden,  sie
zum  Theil  wieder  aufhebenden  oder  wenigstens  einschränkenden  Vereinbarungen.
  Von  den  sieben,  das  ihm  zu  Lehen  aufgetragene  Herzogthum
  Baiern  darstellenden  Fahnen  gab  Heinrich  von  Sachsen,
unmittelbar  nachdem  er  sie  empfangen,  zwei  in  die  Hand  des  Kaisers

1)  Prir.  min.  1.  .  ..  de  consilio  Henricus  maior  natu  ducatum  Haioaet
  iudicio  principum  Wadizlao  illu-  riae  per  VII  vezilla  resignavit.  —
stri  duce  Boemie  sententiam  Iun  der  Urk.  heißt  es:  —  dux  Austriae
promulgante.  resignavit  nobis  ducatum  Bawarie

2)  Otto  Fris.  l.  e.  Erat  autem  duem  statim  in  beneficium  concessihacc
  summa  (ut  recolo)  concordiae:  mus  duci  Sazonie.