288  2.  Buch.  9.  Kapitel.

Laufbahn  angekommen  ist.  War  es  für  ihn  überhaupt  möglich,  noch
höher  zu  steigen,  so  blieb  dazu  eigentlich  nur  noch  ein  Weg:  das,
was  er  jetzt  als  Vassall  des  Kaisers,  als  Fürst  des  Reichs  besaß,
mußte  sein  Eigenthum,  er  ein  selbständiger,  souveräner  Fürst  werden,
  der  keinen  höhern  über  sich  anzuerkennen  hatte.  Ob  Heinrich
dies  gewollt,  ob  er  sich  der  Oberhoheit  des  Kaisers  und  des  Reichs
entziehen  und  eine  eigene  Herrschaft,  ein  niedersächsisch-flavisches
Reich  hat  bilden  wollen,  —  wer  könnte  darauf  eine  Antwort  geben?
Aber  wie  es  tief  in  der  menschlichen  Natur  begründet  liegt,  namentlich
  aber  in  so  hochbegabten,  zu  den  größten  Dingen  berufenen
Geistern,  wie  er  in  Heinrich  flammte,  daß  sie  ein  letztes  Ziel
niemals  erreichen,  sondern  sobald  sie  an  dem',  was  ihnen  bisher
das  Höchste  war,  angelangt  sind,  rastlos  nach  einem  neuen,  noch
höheren  streben,  so  wird  der  Trieb,  seine  Macht  noch  mehr  zu
vergrößern,  eine  noch  glänzendere  und  gewaltigere  Stellung  einzunehmen,
  auch  in  der  Brust  des  ja  ohne  dies  schon  als  ehrgeizig
und  herrschsüchtig  hinreichend  charakterisierten  Welfen  geglüht  haben.
Ich  sage  der  Trieb:  d.  h.  der  unbewußte,  über  den  er  sich  selbst
nicht  klar  geworden,  der  aber  im  entscheidenden  Augerblick  seine
Handlungsweise  bestimmte,  der,  ohne  daß  er  auch  dann  sich  selbst
ihn  deutlich  ausgesprochen,  sein  ganzes  Schicksal  in  eine  Bahn  lenkte,
die  mit  reißender  Schnelligkeit  zum  Abgrund  führte.

Der  Augenblick  aber,  in  dem  eine  solche  Entscheidung,  bei  der
jener  unklare,  in  seiner  Seele  schlummernde,  aber  rastlos  thätige
Trieb  nach  Höherem  einen  verhängnißvollen  Einfluß  üben  konnte,
trat  eben  jetzt  an  ihn  heran.  —