298  3.  Buch.  1.  Kapitel.

Memmingen,  die  Freigebigkeit  gegen  Dichter  und  Sänger  mochte
nicht  unbedeutendes  Geld  verzehren.  Heinrich  der  Löwe  aber,  welcher
  zwar  die  Erbschaft  begierig  ergriff,  diesen  Vortheil  aber  nur
durch  möglichst  geringe  Opfer  erkaufen  wollte,  glaubte,  daß  ihm  bei
dem  hohen  Alter  Welfs  und  seinem  bald  zu  erwartenden  Tode  die
Erbschaft  voch  nicht  entgehen  könnte,  unterließ  es,  die  ausbedungenen
Summen  zu  zahlen:  freilich  waren  auch  seine  Finanzen  niemals  in
besonders  glänzender  Ordnung.  Diesmal  aber  hatte  er  sich  getäuscht:
  entrüstet  wandte  sich  der  alte  Welf  an  seinen  anderen  Neffen,
den  Kaiser  Friedrich,  und  bot  ihm  unter  gleichen  Bedingungen  sein
Erbe  an.  Friedrich  zahlte  nicht  bloß  die  bestimmte  Summe,  sondern
  beliebig  so  viel,  als  der  alte  Held  zu  seiner  glänzenden  Hofhaltung
  bedurfte,  und  gewann  ihn  dadurch  so  ganz,  daß  er  nicht
bloß  seinen  reichen  Lehen,  dem  Herzogthum  Spoleto,  der  tuseischen
Mark  und  Sardinien  zu  Gunsten  des  Kaisers  entsagte,  sondern
ihm  auch  alle  seine  übrigen  Besitzungen  übergab:  diese  erhielt  er
dann  mit  reichen  Hinzufügungen  vom  Kaiser  zur  Nutznießung  auf
Lebenszeit  zurück..)  Der  Verlust  eines  so  glänzenden  und,  wie  es
schien,  so  sicheren  Zuwachses  seiner  Macht  kränkte  Heinrich  den
Lewen  tief  und  er  hat  dies  dem  Kaiser  niemals  vergessen.
Während  so  Heinrichs  des  Löwen  Verbindung  mit  einer  dem
Kaiser  feindlichen  Partei,  sein  unersättliches  Streben,  seine  Macht
zu  vergrößern  trotz  der  Hindernisse,  die  ihm  der  Kaiser  in  den  Weg
zu  legen  anfing,  seine  Gereiztheit  darüber,  daß  der-Kaiser  ihm  bei
der  Welfischen  Erbschaft  zuvorgekommen  war,  ihn  dem  Kaiser  und
diesen  ihm  mehr  und  mehr  entfremdete,  erhob  sich  in  Sachsen
allmählich  ein  neuer  Grund  der  Feindschaft,  welcher  denn  auch,  wie
es  scheint,  zu  dem  endlichen  Bruche  am  Wesentlichsten  beigetragen
hat.  Schon  seit  langer  Zeit  konnten  die  übrigen  Fürsten  des
Reiches,  vor  allen  die  sächsischen,  nur  mit  Neid  und  banger  Sorge
auf  die  stets  wachsende  Gewalt  Heinrichs  des  Löwen  sehen:  selbst
die  Mächtigsten  unter  ihnen  waren  ihm  kaum  gewachsen  und  bei
der  gewaltigen  Rücksichtslosigkeit,  mit  welcher  der  Herzog  das  Recht
des  Stärkeren  so  oft  geltend  machte,  mußten  sie  mit  Recht  für  ihre
Selbständigkeit  fürchten.  So  hatte  denn  schon  seit  Jahren  ein
Ringen  der  sächsischen  Fürsten  gegen  die  Uebermacht  Heinrichs  des
Löwen  begonnen:  mehr  als  einmal  hatten  sich  förmliche  Fürsten-1)

  Otto  Sanblas  c.  21.  (Böhmer,  Fontes  II,  601.)  Bgl.  oben  p.  255.