Der  Euntscheidungskampf  mit  dem  Kaiser.  327

sein  Privileg  anzusehen  geneigt  war,  fürchtete  die  jugendlich  aufstrebende
  Kraft  seines  erst  noch  machtlosen  Schützlings:  es  entstanden
bald  Mistrauen  und  Neid  und  damit  fortwährende  Streitigkeiten
zwischen  den  scheinbar  Verbündeten,  und  mehr  als  einmal  wandten
sie  ihre  Waffen  gegen  einander.  Da  nun  so  jedem  von  beiden  an
der  Schwächung  des  anderen  gelegen  sein  mußte,  so  konnte  Heinrich
bei  Dänemark  kaum  auf  wirkliche  Unterstützung  hoffen:  denn  wenn
er  seiner  Macht  beraubt  wurde,  so  zog  Waldemar  I.  daraus  den
größten  Vortheil,  indem  er  freie  Hand  gegen  die  Slaven  bekam.
Dies  wußte  auch  der  Kaiser  sehr  wohl,  und  da  es  nun  wirklich  zum
Kampfe  mit  Heinrich  kam,  suchte  er  sich  dem  ihm  auch  nicht  sehr
freundlich  gesinnten  Dänenkönige  wieder  zu  nähern  und  ihn  auf  seine
Seite  herüberzuziehen.")

Trotz  dieser  Lage  der  Dinge  versuchte  Heinrich  der  Löwe,  Waldemar
  I.  zu  einer  Unterstügung  zu  gewinnen:  er  lud  ihn  zu  einer
Unterredung  ein.  Erst  nach  längerem  Widerstreben  und  nur  ungern
erschien  Waldemar:  sie  kamen  an  derselben  Brücke  zusammen,  wo
er  so  oft  den  kecken  Uebermuth  Heinrichs  in  Geduld  hatte  ertragen
müssen.  Der  Herzog  verlangte  von  Waldemar  Hülfe  gegen  den
Kaiser.  Waldemar  aber  war  zu  klug,  als  daß  er  sich  zu  irgend
einem  unpolitischen  Schritte  hätte  hinreißen  lassen  sollen.  Er  sah
sehr  wohl,  daß  die  größere  Aussicht  auf  den  Sieg  auf  der  Seite
des  Kaisers  sei,  daß  er  daher  —  wenn  es  auch  nicht  unmöglich  war,
daß  der  Herzog  sich  der  Uebermacht  erwehrte  —  im  Bunde  mit  den
Sachsen  den  größeren  Gefahren  ausgesetzt  war.  Daher  mochte  es
ihm  als  das  Beste  erscheinen,  sich  für  keinen  von  beiden  zu  entscheiden,
  sondern  beide  mit  einer  aufschiebenden  Antwort  abzuweisen  und
sich  erst  dann  offen  zu  erklären,  wenn  die  Würfel  bereits  zu  Gunsten
  des  einen  oder  des  anderen  gefallen  sein  würden.  Demgemäß
gab  er  deun  auch  bei  dieser  Zusammenkunft  eine  ausweichende  Antwort.
  Ob  er  sie  aber  wirklich  in  die  Form  gekleidet  hat,  in  der  sie
ein  für  seinen  König  nur  allzu  begeisterter  dänischer  Geschichtschreiber,
  der  Grammatiker  Saxo,  überliefert,  muß  dahingestellt  bleiben,
hat  aber  wenig  Wahrscheinlichkeit  für  sich.  Danach  nämlich  hätte
Waldemar  dem  Herzoge  Vorwürfe  gemacht  über  die  Gewaltthätigkeiten,
  die  er  sich  gegen  Kirchen  und  Geistliche  erlaubt,  über  die  Räubereien,
  durch  die  er  sich  ihre  Güter  widerrechtlich  angeeignet  hätte:

1)  Sao  Gr.  p.  946:  Imprimis  H.  duci)  certius  afluturum  credebat,
Waldemarum  regem,  quem  eidem  (sc.  astutia  tentat.