Der  Entscheidungskampf  mit  dem  Kaiser.  345

nationalen  Eitelkeit  Saxos  entsprungene  Erfindung:  um  nicht  zugeben
  zu  müssen,  daß  ein  Land,  dessen  Oberhoheit  sich  Waldemar  I.
gern  vindiciert  hätte,  ohne  Rücksicht  auf  ihn  vom  Kaiser  vergabt  sei,
erdichtet  er  eine  Geschichte,  nach  der  es  scheint,  als  habe  Waldemar
ein  ihm  anerkannter  Weise  zustehendes  Recht  dem  Kaiser  nur  zeitweilig
  abgetreten,  sei  aber  durch  dessen  listigen  Betrug  ganz  darum
gekommen!

Während  der  Kaiser  in  Lübeck  weilte,  hielt  sich  Heinrich  der
Lawe  in  Stade  auf.  Nur  noch  wenige,  darunter  der  getreue  Guncelin
  von  Schwerin,  hielten  bei  ihm  aus;  auf  das  Eifrigste  waren
sie  beschäftigt  die  Stadt  zu  einem  letzten  Widerstandsversuche  in  den
Stand  zu  setzen.  Es  wurden  Mauern  gebaut,  Gräben  gezogen,
Maschinen  gefertigt;  alles  mußte  diesem  Zwecke  dienen:  selbst  ein
paar  Kirchthürme,  welche  durch  ihre  Höhe  die  Befestigungen  zu  gefährden
  schienen,  wurden  rücksichtslos  abgetragen.  Aber  alle  diese
Rüstungen  waren  vergeblich,  wenigstens  sollte  Heinrich  der  Löwe
selbst  keinen  Nutzen  mehr  davon  haben.)

Friedrich  J.  selbst  sah  nach  der  Einnahme  des  wichtigsten  Platzes,
Lübecks,  den  Kampf  gegen  den  verrätherischen  Herzog  für  beendet
an.  Indem  er  daher  die  Belagerung  des  letzten  Zufluchtsortes
Heinrichs  des  Löwen,  Stade's,  den  Fürsten  überließ,  ging  er  selbst
über  die  Elbe  zurück  und  lagerte  sich  westlich  von  Lüneburg.))  Auch
der  Herzog  mußte  den  Kampf  für  entschieden  ansehen,  und  zwar  als
für  ihn  durchaus  verloren.  Die  Fruchtlosigkeit  selbst  eines  äußersten
Wiverstandes  in  Stade  erkennend,  zog  er  es  vor,  noch  einmal  auf
dem  Wege  friedlicher  Unterhandlung  sein  Glück  zu  versuchen;  freilich
  war  es  dazu  zu  spät,  und  jetzt  noch  vom  Kaiser  erträgliche  Bedingungen
  zu  erhalten,  konnte  er  kaum  hoffen.  Doch  wollte  er  noch
einmal  versuchen,  Friedrich  milde  zu  stimmen.  Er  erbat  sich  sicheres
Geleit:  es  wurde  ihm  gewährt,  und  nur  von  wenigen  Getreuen  begleitet
  begab  sich  Heinrich  nun  nach  Lüneburg,  von  wo  aus  er  mit
circumdederat  et  munitiones  fortissimas
  cum  machinis  ibidem  construxzerat.
  Et  Guncelinus  comes,  qui  ipsum
opus  urgebat,  turres  monasterii  beatae
virginis  Mariue,  quia  nimis  contigune

videbantur  munitioni,  temerario  ausu
destruzit.

besprochen  wurde,  namentlich  die  in
beiden  Fällen  charakteristische  Bedinzung,
  die  Unterredung  ganz  geheim  zu
ten.
1)  Arnol  d.  I.  ub.  II,  22:  Duxz
autem  —  apud  Stadium  positus  erat,
et  illuo  se  quasi  propter  loci  firmitatem

  receperat.  Quia  etsi  ab  hostibus
locus  ipse  caperetur,  ipse  tamen  per
aquas  sc  evadere  posse  sporabat.
Maximo  enim  vallo  eivitatem  ipsam

2)  ibid.  Imperator  vero  inde  regrediens
  transivit  Albiam  et  castrametatus
  est  iuxta  Luneburg  ad  plagam
  oceidentalem.

1921.