Die  Zeit  der  Verbannung.  355

großartige  Herzogthum  getheilt  und  zerstückelt;  den  besten  Theil  hatte
der  Erzbischof  von  Cöln  erhalten,  der  Rest  war,  freilich  durch  eine
Menge  Abzüge  und  Ausscheidungen  noch  mehr  verringert,  dem  bisherigen
  Grafen  Bernhard  als  Herzogthum  übergeben  worden.  Aber
aus  Furcht  vor  einer  ähnlichen  Machtentfaltung,  wie  man  sie  an
Heinrich  dem  Löwen  erfahren,  hatte  man  dem  neuen  Herzoge  von
den  Hülfsmitteln,  die  seinem  Vorgänger  zu  Gebote  gestanden  hatten,
so  viel  entzogen,  daß  er  außer  Stande  war,  seine  Stellung  in  nachdrücklicher
  Weise  geltend  zu  machen.  Es  kam  dazu,  daß  die  vielen
kleineren  Machthaber,  Grafen  und  Herren,  auf  denen  Heinrichs  des
Löwen  Uebermacht  bisher  so  drückend  gelastet  hatte,  nach  seinem
Sturze  frei  aufathmeten  und  nun  das,  was  die  Fürsten  des  Reiches
im  Großen  an  ihm  geübt  hatten,  im  Kleinen  nachzuahmen  bemüht
waren.  Jeder  von  ihnen  dachte  nur  an  die  Erweiterung  seines
Besitzes,  die  Vergrößerung  seines  Ansehens;  sich  dem  neuen  Herzoge
  unterzuordnen  war  keiner  gewillt,  vielmehr  ging  Aller  Streben
dahin,  sich  ihm  möglichst  unabhängig  gegenüberzustellen.  Auch  war
Herzog  Bernhard  —  wie  es  scheint  —  nicht  der  Mann,  der  diesen
Widerstand  durch  ein  kluges,  gemäßigtes,  dabei  aber  doch  energisches
und  durchgreifendes  Verfahren  zu  brechen  gewußt  hätte.  Fast  schien
es,  als  führte  er  nur  den  Namen  eines  Herzogs  von  Sachsen,  ließe
sich  dessen  Rechte  aber  widerstandslos  entziehen.)

Unter  den  sächsischen  Großen,  denen  Bernhard  nun  als  Herzog
  vorgesetzt  war,  mußte  der  junge  Graf  Adolf  von  Schauenburg
für  den  bedeutendsten  gelten.  Es  war  ein  jugendlich  kräftiger,  kühner,
  nach  Ehre  und  Macht  strebender  Mann;  von  Heinrich  dem
Löwen,  mit  dessen  Haus  das  seine  eine  lange  Reihe  von  Jahren
hindurch  auf  das  Engste  verbunden  gewesen  war,  gekränkt,  hatte  er
ihn  verlassen  und  sich  der  kaiserlichen  Partei  angeschlossen.  Als
Lohn  für  seine  Mitwirkung  bei  der  Besiegung  des  Herzogs  hatte  er
die  reichen  Gefälle  von  Lübeck  davongetragen,  auch  war  ihm  seine
ganze  Grafschaft,  deren  ehn  Heinrich  bei  seinem  Abfalle  beraubt  hatte,
mit  reichen  Hinzufügungen  wieder  zurückerstattet  worden.  Freilich

1)  Bal.  Arnold.  L.  ub.  III,  11:  Cum  prius  in  cometian  positus  strenuissimus

  fratrum  suorum  fuisset,  ad

—  bost  exilium  ducis  Henriei  —  —
tyrannieo  more  unus  quisque  regnabat
in  loco  suo  et  alterultrum  vim  laciebant
  et  vim  patiebantur.  Denique
Bernhardus  dux,  qui  principatum  obtinere
  vidcbatur,  segniter  agebat,  et

ducatum  prometus,  non  ut  verus  princeps
  profceichbat,  sed  ut  superpositus
degenerabat  et  qussi  Paciflleum  se  exhibens,
  in  omnibus  tardus  et  distinctus
erat.

23°

118#.