392  3.  Buch.  6.  Kapitel.

ioo.  verlassen  zu  haben  scheint,  genügt,  um  die  Vermuthung  zu  rechtfertigen,
daß  es  sich  da  zwischen  den  Verwandten  um  ernste  Dinge,  um  die
gemeinsame  Förderung  ihrer  in  derselben  Richtung  liegenden  Interes-.
  Febr.  sen  gehandelt  habe.  Am  3.  Februar  1190  finden  wir  den  jungen
Heinrich  in  St.  Réole  im  südlichen  Frankreich  bei  Richard  I.)
Der  König  von  England  ist  gerade  im  Begriff,  nach  Sicilien  aufzubrechen,
  wo  er  sich  mit  Philipp  II.  August  von  Frankreich  zu  gemeinsamer
  Reise  nach  dem  heiligen  Lande  treffen  wollte.  Leider
aber  ist  dies  auch  alles,  was  wir  wissen.  Doch  ist  dies  allein  schon
so  auffällig,  daß  der  junge  Heinrich,  während  in  Deutschland  ein
schwerer  Kampf  nicht  ganz  glücklich  geführt  war,  neue  Arbeiten  aber
noch  bevorstanden,  nach  dem  südlichen  Frankreich  eilt,  daß  schon
diese  eine  Notiz  uns  zu  der  Vermuthung  nöthigt,  daß  diese  Reise
mit  der  schwebenden  Frage,  mit  dem  Kampfe  der  Welfen  gegen
Heinrich  VI.  auf  das  Engste  zu  verbinden  sei.  Ging  Heinrich  der
Löwe  vielleicht  schon  damals  damit  um,  sich  mit  den  sieilianischen
Gegnern  Heinrichs  VI.  zu  verbinden  und  so  durch  einen  im  äußersten
  Süden  und  im  äußersten  Norden  gleichzeitig  aufflammenden
Kampf  den  in  die  Mitte  genommenen  König  niederzudrücken,  —  ein
Plan,  der  nicht  lange  danach,  unter  den  günstigsten  Umständen  und
mit  der  größten  Aussicht  auf  Erfolg  unternommen,  trotz  seiner
großartigen  Anlage  scheiterte,  nicht  sowohl  durch  einen  unglücklichen,
aber  entscheidenden  Zwischenfall,  als  durch  die  wahrhaft  bewundernswürdige
  Umsicht  und  Energie  des  jugendlichen  Heinrich  VI.  ?  Oder
wollte  Richard  I.  seine  Anwesenheit  in  Sicilien  benutzen,  um  den
wohl  schon  in  der  Stille  gehegten  Plan  auszuführen  und  sich  des
erledigten  Reiches  zu  bemächtigen?  Eine  solche  Diversion  würde
allerdings  seinen  Schwager  im  Norden  Deutschlands  wesentlich
gefördert  haben.

Was  aber  auch  der  Welfen  Pläne  und  Entwürfe  gewesen  sein
mögen,  welche  Absicht  des  jungen  Heinrichs  winterliche  Reise  zu  seinem
  Oheim  gehabt  haben  mag,  für  den  Augenblick  wurde  ihre  Ausführung
  doch  verhindert.  Denn  so  wie  der  wenig  günstige  Stand
seiner  Angelegenheiten  Heinrich  den  Löwen  mahnen  mußte,  die
Sache  nicht  auf  das  Aeußerste  zu  treiben,  so  lag  Heinrich  dem  VI.
jetzt  jedenfalls  auch  viel  daran,  diesen  lästigen  Kampf  beendigt  zu

1)  Heinricus,  fllius  ducis  Saxoniae  regni  nostri  primo,  tertia  die  februntritt

  auf  als  Zeuge  in  der  Urk.  Ri-  nül.  Origg.  Guclf.  III,  p.  731.
chards  I.  apud  Regoiam  e.  anno