Heinrichs  des  Löwen  letzte  Tage.  427

sein.  Gelang  es  ihm  ihre  Hand  zu  erhalten,  so  konnte  er  —  wie
es  schien  —  dem  Kaiser,  so  sehr  er  auch  Anfangs  grollen  mochte,
seine  Gnade  schließlich  doch  abzwingen.  In  aller  Stille  wandte  er
sich  an  die  Pfalzgräfin  Irmengard.  Sie  war  ihren  alten  Plänen
treu  geblieben  und  sagte  ihm  ihre  beste  Unterstützung  zu.  Sie  suchte
ihrer  Tochter  Gesinnung  zu  erforschen,  und  als  sie  diese  von  entschiedenem
  Widerwillen  gegen  das  französische  Ehebündniß  erfüllt,
dem  ihr  in  der  Jugend  bestimmten  Gemahl  aber  in  treuer  Liebe  ergeben
  fand,  da  stand  sie  nicht  an,  durch  einen  eigenmächtigen,  kühnen
Schritt  die  Pläne  ihres  Gemahls  und  des  Kaisers  zu  durchkreuzen,
um  dadurch  ihres  einzigen,  geliebten  Kindes  Glück  und  die  Zukunft
eines  befreundeten  Fürstenhauses  zu  sichern.  Sie  sandte  dem  jungen
Heinrich  geheime  Botschaft  von  der  ihm  so  günstigen  Gesinnung
ihrer  Tochter  und  ließ  ihn  auffordern,  so  schnell  und  geheim  wie
möglich  nach  Stahleck,  ihrer  stattlichen  Burg  am  Rhein,  zu  kommen.
Ihr  Gemahl,  Pfalzgraf  Conrad,  weilte  gerade  an  des  Kaisers  Hof
und  seine  Abwesenheit  mußte  sie  benutzen,  um  ihre  Pläne  ins  Werk
zu  setzen.

Im  tiefsten  Winter,  auf  geheimen  Pfaden  und  ohne  Begleitung,
machte  sich  der  junge  Heinrich  auf  den  Weg;  unerkannt  und  ohne
daß  seine  Gegner  eine  Ahnung  davon  hatten,  kam  er  glücklich  in
Stahleck  an.  Jubelnd  begrüßte  ihn  seine  schöne  Braut.  Es  war
eine  stille  und  geheime  Hochzeit,  die  da  um  Neujahr  1194  an  den
Ufern  des  Rheins  begangen  wurde.  Keine  prunkende  Schaar  zahlreicher
  Verwandten  und  Freunde,  kein  lauter,  tosender  Festjubel
umgab  das  junge  Paar;  nur  des  Priesters  Segen  gab  ihrem  Bunde
die  Weihe.)

Wenige  Tage  danach  kehrte  Pfalzgraf  Conrad  vom  Hofe  des
Kaisers  heim;  da  fand  er  nun  seine  Tochter,  die  er  dem  König  von
Frankreich  zugesagt  hatte,  in  den  Armen  des  jungen  Welfen.  Dies
kam  ihm  völlig  unerwartet:  aber  da  der  Segen  der  Kirche  auf  den

1)  Ann.  Stederburg.  L.  c.  Tandem
  matre  sua  agente,  palatino  inscio
vocatus  per  medios  fines  suorum  inimicorum
  et  per  varias  insidias  mirabiliter
elapsus,  Protegente  se  Deo,  cum  ctiam
ipsa,  qune  futura  erat  sponsa,  quid
agerctur,  ignoraret,  vespertino  crepussculo
  intrarit,  et  ipsa  nocte  absque
nuptiarum  celebratoribus,  non  tamen
sino  benedictione  sacerdotali,  thalumi

collocati  sunt,  et  felix  contractum  est
matrimonium.  Agl.  den  poctisch  ausgeschmückten
  Bericht  der  Braunschweiger
  Reimchronik.  Kürzer
sind  naa.  Lub.  IV,  20.  Radulf.
Dicet.  p.  612.  —  Die  Vermählung
gehört  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  in
dn  Januar  des  J.  1194,  wie  O.  Abel,
K.  Philipp  p.  309  dargethan  hat.

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1191.