Excurs  II.  443

Excurs  II.

Ueber  Heinrichs  des  Löwen  Zusammenkunft  mit  Friedrich  I.
vor  der  Schlacht  bei  Legnano.

Wenn  uns  bei  der  Darstellung  einer  Reihe  von  historischen  Ereignissen,  Über
welche  die  Quellen  wenig  und  nur  Unklares  geben,  zwischen  diesen  unbefriedigenden
  Angaben  auf  einmal  ein  bis  in  den  kleinsten  Zug  ausgeführtes  Bild  entgegentritt,
  so  muß  uns  dies  gegen  die  Richtigkeit  desselben  zweifelhaft  machen  und
die  Frage  nahe  legen:  woher  kommt  es,  daß  derselbe  Schriftsteller  die  unmittelbar
  vorhergehenden  und  die  gleich  darauf  folgenden  Ereignisse  so  wenig  kennt,
von  diesem  einen  Punkte  aber  eine  so  Überaus  genaue  Anschauung  hat?  Das
Mistrauen  muß  sich  aber  noch  steigern,  wenn  wir  sehen,  daß  das  Dargestellte  ein
Ereigniß  ist,  über  welches  der  Verfasser  auch  bei  dem  besten  Willen  nicht  genau
unterrichtet  sein  kann.

In  diesem  Falle  befinden  wir  uns  nun  bei  dem,  was  uns  über  die  Unterredung
  Heinrichs  des  Löwen  mit  Friedrich  I.  vor  der  Schlacht  bei  Legnano  überliefert
  wird.  Dic  derselben  vorhergehenden  sowohl  wie  die  ihr  folgenden  Umstände
  sind  nur  äußerst  mangelhaft  bekannt,  von  der  Zusammenkunft  selbst  aber
wird  ein  äußerst  detailliertes  Bild  entworfen.  Und  daß  es  auch  ein  höchst  poetisches
  Bild  ist,  läßt  sich  nicht  leugnen;  wohl  aber  muß  man  fürchten,  daß  der
Erzähler  sich  von  dem  warmen  Antheil,  den  er  an  der  Sache  nimmt,  fortreißen
läßt  und  darüber  den  ruhigen  und  klaren,  kritisch  prlifenden  Blick  verliert.  Bis
zu  einem  gewissen  Grade  scheint  dies  denn  auch  der  Fall  gewesen  zu  sein,  und
eine  genaue  Prllfung  der  Quellen  ergiebt  eine  wesentlich  andere  Anschauung
der  Sache.

Die  Erzählung  dieser  Zusammenkunft  nun,  wie  sie  heut  zu  Tage  üblich  ist,
ist  in  der  Hauptsache  folgende:  Friedrich  I.  ruft,  da  sein  Kampf  gegen  Alessandria
  unglücklich  ist,  die  deutschen  Fürsten  zu  Hülfe;  Heinrich  der  Löwe  allein
weigert  sich,  dem  Rufe  Folge  zu  leisten.  Der  Kaiser  fordert  ihn  daher  zu  einer
Unterredung  auf,  welche  nördlich  vom  Comersee,  in  Chiavennc  stattfinden  soll.
Der  Herzog  kommt  zwar,  wird  aber  durch  keine  Vorstellungen  umgestimmt,  ja,
fllr  bloße  Geldhülfe  verlangt  er  bedentende  Abtretungen  in  Sachsen.  In  dieser
höchsten  Noth,  wo  für  ihn  alles  auf  dem  Spiele  steht,  fällt  Friedrich  dem  gewaltigen
  Herzog  zu  Füßen:  —  vergeblich,  er  giebt  nicht  nach,  hebt  den  Kaiser  nicht
einmal  auf.  Da  richtet  die  Kaiserin  Beatrix  ihren  Gemahl  auf  und  ermahnt
ihn,  dieser  Schmach  eingedenk  zu  sein,  wie  Gott  ihrer  gedenken  werde.  Jordanus
  aber,  des  Herzogs  Truchseß,  preist  seinen  Herrn  glücklich,  denn  nachdem  der
Kaiser  vor  ihm  gekniet,  werde  unzweifelhaft  auch  noch  die  kaiserliche  Krone  auf
sein  Haupt  kommen.  ,

Einzelne  Modifilationen  finden  sich  in  dieser  hergebrachten  Darstellung,  je
nachdem  die  Autoren  entweder  alle  von  einander  ziemlich  abweichende  Quellenstellen
  zu  vereinigen  suchen,  oder  einer  besonders  folgen.  So  nimmt  L.  Giesebrecht,
  Wendische  Geschichten  III,  p.  236  ff.,  zwei  Unterredungen  an,  während
Böttiger,  H.  d.  L.  p.  314  wenigstens  zu  den  Anfängen  einer  kritischen  Behandlung
  dieser  Frage  kommt.  Neuerdings  ist  dieselbe  dann  mehrfach  behandelt
worden:  A.  Ozlberger,  „Hat  Kaiser  Friedrich  I.  vor  der  Schlacht  bei  Legnano