450  Excurs  II.

er  auf  acht  Tage.  Ist  es  nun  nach  dem  oben  Gesagten  wahrscheinlich,  daß  die
Unterredung  mit  dem  Kaiser  im  südlichen  Baiern  stattfand,  so  folgt,  scheint  es,
mit  Nothwendigkeit,  daß  sie  in  die  Zeit  zwischen  den  1.  und  7.  März  fällt.
Denn  vorher  sowohl  wie  nachher  ist  Heinrich  nachweislich  mit  auderen  Dingen
beschäftigt,  und  auch  das  „multis  occupatus,“  mit  dem  er  sich  bei  dem  Propste
von  Reichersberg  entschuldigt,  spricht  für  die  Erledigung  einer  so  wichtigen  Angelegenheit
  gerade  in  dieser  Zeit.  Die  Zusammenkunft  fand  also  allem
Anscheine  nach  im  südlichen  Baiern  und  zwar  in  den  ersten  Tagen
  des  März  1176  statt.

Wenden  wir  uns  nun  zu  dem,  was  von  den  Vorgängen  bei  der  Unterredung
selbst  Überliefert  ist,  so  finden  wir  bei  Arnold.  Lub.  zunächst  eine  lange,  rhetorisch
  zugestutzte  Rede  des  Kaisers,  die  auf  historische  Glaubwürdigkeit  unmöglich
wird  Anspruch  machen  können;  er  läßt  Friedrich  reden,  wie  er  es  in  einer  solchen
  Lage  möglicher  Weise  hätte  thun  können.  Ferner  läßt  er  den  Kaiser  allerdings
  den  Fußfall  thun,  vom  Herzog  aber,  der  über  etwas  so  Unerhörtes  in  die
größte  Verwirrung  geräth,  ausgehoben  werden.  Dieser  Bericht  ist  offenbar  von
einem  bei  Arnold  zuweilen  bemerkbaren,  entschieden  für  Heinrich  voreingenommenen
  Standpunkt  aus  geschrieben.  Er  sieht  in  dem  Vorgange  —  ganz  abgesehn
zunächst  von  dem  Kern,  aus  dem  heraus  er  seine  so  detaillierte  Darstellung  entwickelt
  —  nur  eine  Verherrlichung  seines  Herzogs.  Das  beweist  schon  der  die
ganze  Glorie  dieser  Scene  bezeichnende  Zusatz;  „quod  humiliatus  in  terra  iaceret,
  sub  duc  ourvatur  orbis!“  vor  allem  aber  die  glänzende  Staffage,  die  gerade
Arnold  dem  ganzen  Vorfalle  zu  geben  weiß.  In  anderen  Quellen  ist  einfach  von
einer  Zusammenkunft  die  Rede,  hier  ist  es  ein  in  feierlichster  Form  versammelter
Reichstag,  alle  Fürsien  sind  gegenwärtig,  der  Kaiser  sitzt  auf  dem  Throne  und
erhebt  sich  von  da,  um  dem  trotzigen  Herzog  zu  Füßen  zu  fallen!

Auch  der  Bericht  des  Otto  Sanblas.,  den  Cohn  a.  a.  O.  mit  Recht  als
besonders  wichtig  hervorhebt,  bedarf  noch  einer  näheren  Analyse.  Da  er  nächst
Arnold.  Lub.  dem  in  Rede  siehenden  Ereignisse  der  Zeit  nach  der  nächste  ist,  so
wird  man  bei  der  im  Allgemeinen  doch  sehr  hoch  zu  stellenden  Glaubwürdigkeit
des  Otto  Sanblas.  von.  vornherein  zu  der  Annahme  berechtigt  sein,  daß  sein  Bericht
  derienige  ist,  welcher  sich  dem  faktischen  Sachverhalte  am  meisten  nähert.
Auch  sind  seine  Angaben  ebenso  klar  als  bestimmt.  Otto  Sanblas.  berichtet  nun:
1)  daß  Friedrich  Gesandte  um  Verstärkungen  nach  Deutschland  schickt,  unter  ihnen
auch  an  Heinrich  den  Löwen,  der  in  Chiavenna  mit  ihm  zusammenkommen  soll;
2)  er  geht  dem  kommenden  Heinrich  entgegen  und  „ut  perielitanti  imperio  subveniret
  plus  quam  imberinlem  deceret  maiestatem  humiliter  elllagitavit“;  3)
Heinrich  knüpft  seine  Hülfe  an  die  Bedingung,  daß  er  Goslar  bekommt,  worauf
der  Kaiser  nicht  eingeht.  Wenn  man  diesen  durchaus  klaren  Bericht  unbefangen
liest,  —  angenommen  einmal  ohne  Kenntniß  der  so  mannigfach  getrübten  Angaben
  späterer  Quellen  —  so  glaube  ich  nicht,  daß  man  aus  den  einfachen  Worten
  des  Otto  Sanblas.  herauslesen  wird,  daß  der  Kaiser  Heinrich  zu  Füßen  gefallen
  ist,  auch  das  nicht,  daß  die  Unterredung  zu  Chiavenna  stattgefunden  hat.
Der  Kaiser  bescheidet  Heinrich  den  Löwen  nach  Chiavenna:  als  er  naht,  geht  er

ihm  entgegen.  Es  stimmt  das  sehr  gut  zu  ber  äußersten  Bedrängniß,  in  der
sich  Friedrich  wenige  Wochen  vor  der  Schlacht  bei  Legnano  befand.  Es  fällt
damit  auch  der  letzte  Einwand  gegen  den  von  mir  versuchten  Beweis,  daß
Chiavenna  nicht  der  Ort  der  Zusammenkunft  gewesen  ist.  Aus  den  einfachen
Worten  des  Otto  Sanblas.  „plus  quam  imporialem  deceret  maiestatem  humiliter