Leben  unter,  und  so  würde  auch  diese  Anschauung  von
der  Geschichte,  dieser  Prozeß  des  sich  selbst  nach  verschiedenen
  logischen  Kategorien  entwickelnden  Geistes
auf  das  zurückführen,  was  wir  oben  bereits  verwarfen.
Nach  dieser  Ansicht  würde  bloß  die  Idee  ein  selbständiges
  Leben  haben;  alle  Menschen  aber  wären  bloße
Schatten  oder  Schemen,  welche  sich  mit  der  Idee  erfüllten.
Der  Lehre,  wonach  der  Weltgeist  die  Dinge  gleichsam
durch  Betrug  hervorbringt  und  sich  der  menschlichen
Leidenschaften  bedient,  um  seine  Zwecke  zu  erreichen,
liegt  eine  höchst  unwürdige  Vorstellung  von  Gott  und
der  Menschheit  zugrunde;  sie  kann  auch  konsequent  nur
zum  Pantheismus  führen;  die  Menschheit  ist  dann  der
werdende  Gott,  der  sich  durch  einen  geistigen  Prozeß,
der  in  seiner  Natur  liegt,  selbst  gebiert.

Ich  kann  also  unter  leitenden  Ideen  nichts  anderes  verstehen,
  als  daß  sie  die  herrschenden  Tendenzen  in  jedem
Jahrhundert  sind.  Diese  Tendenzen  können  indessen  nur
beschrieben,  nicht  aber  in  letzter  Instanz  in  einem  Begriff
  summiert  werden;  sonst  würden  wir  auf  das  oben
Verworfene  neuerdings  zurückkommen.

Der  Historiker  hat  nun  die  großen  Tendenzen  der
Jahrhunderte  auseinanderzunehmen  und  die  große  Geschichte
  der  Menschheit  aufzurollen,  welche  eben  der
Komplex  dieser  verschiedenen  Tendenzen  ist.  Vom
Standpunkte  der  göttlichen  Idee  kann  ich  mir  die  Sache
nicht  anders  denken,  als  daß  die  Menschheit  eine  unendliche
  Mannigfaltigkeit  von  Entwicklungen  in  sich  birgt,
welche  nach  und  nach  zum  Vorschein  kommen,  und  zwar
nach  Gesetzen,  die  uns  unbekannt  sind,  geheimnisvoller
und  größer,  als  man  denkt.

Gespräch

König  Max:  Sie  haben  oben  vom  moralischen  Fortschritt
  gesprochen;  haben  Sie  hierbei  auch  den  inneren
Fortschritt  des  einzelnen  im  Auge  gehabt?

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