übrigen  Okzident  legten,  war  eine  Verbreitung  der
Zivilisation  in  Mitteleuropa  nicht  denkbar.  Nun  aber,
nachdem  die  Alpen  eröffnet  waren,  fingen  die  Römer  an,
auf  der  einen  Seite  bis  nach  Pannonien  vorzudringen
—  so  Tiberius  —,  auf  der  anderen  Seite  rückten  sie  in
Deutschland  bis  in  das  Innerste  von  Westfalen  vor.  Hier
wurden  sie  zwar  geschlagen;  aber  demungeachtet  wurde
das  ganze  Gebiet  längs  des  Rheines  und  südlich  der  Donau
romanisiert:  Köln  und  Augsburg  waren  römische  Städte.

Was  Cäsar  in  einer  anderen  Richtung  begonnen  hatte,
vollendete  Claudius,  deralseinerderdümmsten  Menschen
verschrien  ist,  nämlich  die  Eroberung  Britanniens.  Diese
Ländererwerbungen  zogen  sich  fort  bis  ins  zweite  Jahrhundert,
  in  welchem  Trajan  nach  Besetzung  Daciens  und
Mösiens  das  Gebiet  der  Rumänen  oder  Walachen  vor:
bereitete.  Die  Herrschaft  der  Römer  erstreckte  sich  über
das  schwarze  Meer  bis  an  den  Euphrat  und  fand  ihre
westliche  Grenze  im  atlantischen  Ozean.

Das  Hauptereignis  des  ersten  Jahrhunderts  unserer
Zeitrechnung  war  also,  daß  die  in  Rom  aufgenommene
orientalisch-griechische  Kultur,  die  sich  mit  der  lateinischen
  vereinigt  hatte,  nunmehr  in  den  Okzidentströmte,
daß  also  alles  in  diesem  ersten  Jahrhundert  eroberte  Land
Kulturgebiet  wurde.  Es  ist  ein  Glück,  daß  diese  Eroberungen
  ihre  Grenze  in  Deutschland  fanden;  aber  ohne
die  römischen  Eroberungen  würden  wir  nichts  von  Kuls
tur  wissen,  und  innerhalb  dieser  Grenzen  war  ihre  Er:
scheinung  das  größte  Weltereignis,  welches  je  vor  sich
gegangen  ist.  Diese  ungeheure  Einheit  löste  sich  zwar
wieder  auf  in  zwei  Hälften,  in  eine  griechische  und  eine
lateinische;  der  Westen  redete  lateinisch!),  der  Osten
griechisch;  aber  das  Ganze  bildete  doch  eine  Einheit.  —

1)  Das  lateinische  Idiom  wanderte  nach  Gallien  und  Spanien,
und  ersteres  nahm  sich  sogleich  der  römischen  Beredsamkeit
eifrigst  an.  Das  argute  loqui,  das  Witzigreden  war  schon  damals
eine  Hauptsache  bei  den  Galliern,  und  im  3.  und  4.  Jahrhundert
ging  man  zu  ihnen,  um  die  römische  Beredsamkeit  zu  üben.

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