l.  Gründung  einer  allgemeinen
Weltliteratur

Das  ganze  römische  Wesen  hatte  zwar  einen  griechisch
redenden  und  einen  lateinisch  redenden  Teil,  die  beiden
daraus  hervorgehenden  Literaturen  aber  hatten,  obwohl
die  eine  im  Orient  herrschte  und  die  andere  im  Okzident
herrschend  wurde,  doch  gewissermaßen  ein  Hauptziel.
Dieses  sieht  man  unter  anderem  in  der  Historie  mit  der
größten  Bestimmtheit:  sobald  die  Römer  zur  Weltherrschaft
  gelangten,  hatten  die  Griechen  keine  höhere
Idee,  als  das  römische  Gemeinwesen  zu  erfassen  und  zu
beschreiben  —  Polybius,  Dionys  von  Halikarnassus!  —
Diese  Tendenz  setzte  sich  auch  in  den  folgenden  Jahrhunderten
  fort,  wie  denn  der  Hauptgeschichtschreiber
der  Kaiserzeit,  Dio  Cassius,  ein  Grieche  war.  Die  Römer
haben  zwar  in  ihrem  Tacitus  einen  der  größten  Geschichtschreiber,
  welche  je  gelebt  haben,  aufzuweisen;  allein  dieser
  ergreift  mehr  die  moralische  Seite  der  Weltgeschichte
und  beschreibt  die  Inkonvenienzen,  die  durch  das  Prinzipat
  im  römischen  Staate  hervortraten  ;  aber  das  Universal:
historische  in  der  Geschichte  wurde  mehr  von  den  Griechen
  als  von  den  Römern  erfaßt  —  so  von  Appian,  von
Plutarch,  der  die  Römer  als  Persönlichkeiten  zu  begreifen
suchte,  indem  es  ihm  darauf  ankam,  sie  durch  Vergleichung
  mit  den  Helden  einer  anderen  Nation  zu  welt
historischer  Bedeutung  und  Würde  zu  erheben.

Es  bildete  sich  also  jene  sonderbare  Erscheinung  einer
Doppelliteratur,  jene  Literatur  in  zwei  Sprachen,  welche,
obwohl  beiderseits  mit  einer  besonderen  Tendenz,  doch
in  der  Idee  ganz  identisch  ist.  Hiernach  fragt  es  sich:
welches  war  der  Erfolg  dieser  Literatur?  Um  die  Frage
zu  beantworten,  werfe  ich  einen  kurzen  Rückblick  auf
die  klassische  griechische  Literatur.  Die  Produkte  dieser
Zeit  sind  entstanden  wie  Naturprodukte,  jedes  in  eigentümlicher
  Weise  auf  eigentümlichem  Boden;  jeder  Autor
schrieb  in  seinem  Dialekte,  und  die  klassische  Literatur

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