Dieses  war  der  größte  Sieg,  den  das  Papsttum  je  erfochten.
  Nun  bestand  aber  in  Deutschland  das  Recht,
daß,  wer  innerhalb  Jahr  und  Tagsich  nicht  aus  dem  Banne
löse,  auch  seine  weltliche  Stelle  verliere.  Die  Fürsten  ver:
langten  also  vom  Kaiser,  daß  er  innerhalb  dieser  Frist  die
Absolution  vom  Papst  erwirke;  wo  nicht,  so  müßten  sie
ihm  den  Gehorsam  versagen.  Darauf  nun  versprach  der
Kaiser,  er  werde  sich  dem  Papste  unterwerfen,  begab  sich
mitten  im  Winter  über  die  Alpen  und  traf  mit  dem  Papste,
der  eben  im  Begriffe  war,  auf  die  Einladung  mehrerer
deutscher  Großen  nach  Deutschland  zu  gehen  und  dort
die  Absetzung  des  Kaisers  zu  betreiben,  in  Kanossa  zus
sammen.  Dort  tat  Heinrich  IV.  die  verlangte  Buße,  wenn
auch  weit  entfernt  von  jeder  Zerknirschung,  und  der
Papstsprach  ihn  vom  Banne  frei,  nicht  gerade  zum  großen
Vergnügen  der  Deutschen.

Die  fernere  Frage  aber,  ob  der  Kaiser  nicht  Verbrechen
begangen  habe,  infolge  deren  er  die  Absetzung  verdiente,
sowie  die  Frage,  ob  die  dem  Papst  zur  Last  gelegten  Verbrechen
  auf  Wahrheit  beruhten,  war  hiermitnoch  keines&gt;
wegs  erledigt.  Da  fiel  nun  jene  denkwürdige  Szene  vor,
in  welcher  der  Papst  eine  Hostie  weihte,  in  zwei  Stücke
zerteilte  und  mit  den  Worten:  „Wenn  ich  die  mir  zur
Last  gelegten  Verbrechen  wirklich  begangen  habe,  so
soll  mich  diese  Hostie  vom  Erdboden  vertilgen;  wenn  du
dich  ebenso  rein  weißt  von  den  Verbrechen,  deren  du
beschuldigt  bist,  so  nimm  die  andere  Hälfte‘  —  die  eine
Hälfte  der  Hostie  konsumierte.  Der  Kaiser  weigerte  sich,
seinem  Beispiele  zu  folgen,  und  darauf  sagte  der  Papst
zu  den  deutschen  Fürsten:  ‚Ich  habe  euern  Kaiser  zwar
absolviert,  aber  ich  gebe  ihn  euch  schuldiger  zurück  als
früher‘  (culpabiliorem  vobis  reddo).

Nachdem  dies  geschehen  war,  ging  der  Kaiser  unversöhnt
  mit  dem  Papste  von  Kanossa  weg,  und  nun
sammelten  sich  alle  Italiener  um  ihn.  Die  deutschen
Fürsten  aber  setzten  ihn  ab,  weil  sie  seinen  Zorn  fürchteten.


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