Wenn  man  sich  vergegenwärtigt,  daß  der  Islam  als  erobernde
  Macht  aufgetreten  war  und  einen  großen  Teil
des  zum  römischen  Reiche  gehörigen  Gebietes  überflutet
hatte,  so  liegt  der  Gedanke  nahe,  daß,  nachdem  im  Abendlande
  sich  eine  feste  Gewalt  gebildet  hatte,  diese  die
ganzeinihr  wohnende  Kraft  dazu  hätte  anwenden  sollen,
sich  dem  Islam  entgegenzusetzen  und  ihm  die  eroberten
Provinzen  wieder  zu  entreißen.  Dieser  Gedanke  ist
auch  einmal  gefaßt  worden:  Otto  III.  und  Papst  Gerbert
hatten  den  Plan  gemacht,  zunächst  nach  Afrika  zu
gehen  und  die  Provinzen  wieder  zu  erobern,  welche
voreinst  zum  weströmischen  Reiche  gehört  hatten,  und
von  da  aus  Syrien  zu  erobern.  Ein  solcher  Gedanke
konnte  aber  unter  den  damaligen  Umständen  nicht  realisiert
  werden.

Was  ist  das  Charakteristische  bei  den  Kreuzzügen?  Sie
sind  große  gemeinschaftlicheUnternehmungen  desabendländischen
  Reiches  gegen  den  Orient.  Eine  solche  ge:
meinschaftliche  Unternehmung,  angefangen  unter  einem
weltlichen  Oberhaupt,  hätte  eine  methodische  Krieg:
führung  verlangt;  davon  waraberbei  den  Kreuzzügen  bei:
nahe  gar  keine  Rede  ;  sondern  diese  gingen  von  einem  rein
geistlichen  Gesichtspunkte  aus,  nämlich  bloß  von  dem
Verlangen  nach  dem  Wiederbesitz  des  heiligen  Grabes,
dessen  Besuch  den  frommen  Wallfahrern  durch  die  Sarazenen
  auf  alle  mögliche  Weise  erschwert  wurde.

Die  Erinnerung  daran,  daß  das  mohammedanische
Reich  auf  den  Trümmern  römischer  Provinzen  entstanden
sei,  war  gänzlich  entschwunden.  Nur  die  Belästigungen
der  Wallfahrer  durch  die  Moslimen  hallten  im  Abend:
lande  wider,  und  die  Erbitterung  hierüber  wurde  durch
die  feurige  Beredsamkeit  eines  phantastischen  Einsiedlers,
Peter  genannt  von  Amiens,  zu  hellen  Flammen  angefacht.
Seine  Aufforderungen  fanden  namentlich  Anklang  im
Reiche  der  Capetinger,  wo  eine  glänzende  Ritterschaft
unter  dem  Einfluß  einer  lebendigen,  durch  Poesie  ge:
nährten  Phantasie  lebte.

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