die  Küste  erobert  und  dort  eine  Reihe  von  christlichen
Fürstentümern  gegründet.

Die  Frage  ist  nun  aber  die:  Wie  konnten  diese  Gründungen,
  vom  Mutterlande  getrennt,  bestehen?  Zwei
Momente  machten  es  möglich:  1.  daß  unter  demselben
Impuls  die  Seemacht  der  romanischen  Städte  sich  entwickelte
  (Venedig,  Genua,  Barcelona  usw.),  welche  die
Verbindung  mit  dem  Orient  unaufhörlich  vermittelten  ;
2.traten  die  Ritterorden  hinzu,  in  welchen  sich  die  sonders
barste  Gestaltung  des  europäischen  Adels  ausbildete.  Es
hatten  sich  nämlich  im  Morgenlande  Rittervereine  gebildet,
  welche  ursprünglich  keinen  anderen  Zweck  hatten
als  den,  die  Pilger  zu  verpflegen  und  den  Weg  der  wallfahrenden
  Christen  vor  den  räuberischen  Sarazenen  zu
sichern.  Diese  ritterlichen  Vereinigungen  (Johanniter
und  Templer)  breiteten  sich  nach  und  nach  über  das  zurückliegende
  Europa  aus,  wurden  mit  reichlichen  Dota&gt;
tionen  ausgestattet  und  erhielten  bald  zahlreichen  Zuzug
von  dem  europäischen  Adel,  der  eine  Ehre  darin  fand,
sich  ihnen  anzuschließen.

So  nahm  das  Städtewesen  sogleich  beim  ersten  Aufkommen
  und  ebenso  der  ganze  europäische  Adel  eine
hierarchische  Gestalt  an,  und  der  Papst,  der  an  der  Spitze
der  Kreuzzüge  stand,  verbündete  sich  dadurch  1.  mit
den  großen  Vasallen,  2.  mit  dem  gesamten  Adel,  3.  mit
den  Städten,  4.  mit  der  gesamten  Population,  welche
fast  an  nichts  anderes  mehr  dachte  als  an  die  Kreuzzüge.
Man  kann  also  sagen,  daß  die  Kreuzzüge  zunächst  die
Wirkung  hatten,  die  päpstliche  Macht  ungemein  zu  ver
mehren.

Die  Position  aber,welche  die  Kreuzfahrer  eingenommen
hatten,  erschien  von  vornherein  als  eine  ganz  unhaltbare.
Sie  hatten  sich  nämlich  gerade  in  der  Mitte  der  sarazenischen
  Welt  festgesetzt,  nicht  weit  von  Bagdad,  wo  das
Kalifat  seinen  Sitz  hatte,  und  nicht  weit  von  Ägypten,
wo  ebenfalls  ein  Zentrum  der  islamitischen  Kultur  war,
so  daß  sie  sich  ungefähr  in  derselben  Lage  befanden  wie

6  Ranke,  Die  Epochen  der  neueren  Geschichte.  Nr.  290—292  81