Asiens  auf  alle  rundherum  wohnenden  Nationen,  übers.
wältigten  das  Reich  Chowaresm,  das  Kalifat  von  Bagdad,
  das  chinesische  Reich,  errichteten  an  den  Pforten
Europas  und  Asiens  das  goldene  Chanat,  welches  von
da  aus  über  ganz  Rußland  und  Polen  sich  erstreckte,  und
erfüllten  alles  mit  Raub  und  Mord.  Es  war  das  Ideal  der
Barbarei,  welches  hier  gewissermaßen  realisiert  wurde;
das  einzige  Denkmal,  das  sie  aufrichteten,  bestand  aus
den  Köpfen  der  Erschlagenen.  —  Unter  den  Nachfolgern
  Dschingischans  drangen  die  Mongolen  bis  Neustadt
in  Österreich  und  Liegnitz  in  Schlesien  vor,  wo  sie  end»
lich  aufs  Haupt  geschlagen  wurden.  Wären  aber  die  ur:
sprünglichen  Sitze  der  Mongolen  Europa  näher  gewesen,
so  daß  sich  nicht  bloß  die  äußersten  Ausläufer  dieses
Völkerstromes  an  die  Grenzen  Deutschlands  ergossen
hätten,  so  wäre  wahrscheinlich  die  europäische  Chris
stenheit  verloren  gewesen;  denn  Kaiser  und  Papst  hatten
vollauf  mit  ihren  gegenseitigen  Händeln  zu  tun  und
fanden  keine  Zeit,  sich  den  Einfällen  der  Mongolen  zu
widersetzen.

Die  Barbarei,  welche  damals  über  den  Orient  sich  er:
goß,  beherrscht  ihn  auch  noch  heutzutag,  und  wir  sehen
hier  an  einem  eklatanten  Beispiele,  wie  wenig  an  einen
allgemeinen  Fortschritt  des  menschlichen  Geschlechtes
zu  denken  sei.  Wir  aber  wenden  jetzt  unsere  Aufmerksamkeit
  wieder  auf  jenen  großen  Völkerkomplex  des
Abendlandes.  In  diesem  war  zwar  die  Entwicklung  des
Papsttums  ein  höchst  wichtiger  Moment,  aber  es  leuchtet
ein,  daß  dadurch  nicht  die  Vollendung  der  Dinge  bezeichnet
  ward,  wie  sie  in  Europa  geschehen  konnte  und
sollte.

Weder  in  den  äußeren,noch  in  den  inneren  Angelegenheiten
  entsprach  das  Papsttum  der  Idee,  welche  man
sich  von  einer  allgemeinen,  im  Abendlande  herrschenden
  Autorität  bilden  mußte.  Jerusalem  und  Konstantinopel
  waren  verlorengegangen;  Polen  und  Ungarn  gerieten,
  wenn  auch  nicht  für  immer,  in  die  Hände  der

7  Ranke,  Die  Epochen  der  neueren  Geschichte.  Nr.  290—292  97