Feinde.  In  bezug  auf  das  Innere  lag  das  Papsttum  durch
sein  bis  in  das  kleinste  entwickeltes  Dogma,  seinen  Kultus
  und  seine  kirchlichen  Ansprüche  überhaupt  unendlich
  drückend  auf  der  europäischen  Welt.  Man  denke
nur  an  die  Verfolgungen  der  Albigenser  und  Waldenser,
  welche  letztere  die  Bibel  nur  in  der  Ursprache  lesen
wollten!  Das  Papsttum  konnte  also  sein  europäisches
Reich  nach  außen  nicht  verteidigen,  und  nach  innen
drückte  es  auf  dasselbe.  .

Wenn  wir  weiter  bis  auf  den  letzten  Grund  zurückgehen,
  der  die  Ausbildung  jener  päpstlichen  Weltherrschaft
  erklärt,  so  liegt  derselbe  darin,  daß  das  europäische
  Gemeinwesen,  das  wir  aus  einer  Verbindung  der
romanischen  mit  der  germanischen  Welt  haben  entstehen
sehen,  vom  Ursprung  an  zu  einer  hierarchischen  Rich»
tung  angetan  war;  denn  im  romanischen  Wesen  hatte
die  Kirche  die  größte  Bedeutung.  Sie  war  aber  doch
nicht  alles,  und  im  germanischen  Wesen  lag  ein  unend&gt;
licher  Freiheitstrieb  und  Sinn  für  das  Naturwüchsige,
der  auf  die  Dauer  in  dem  hierarchischen  Wesen  seine
Befriedigung  nicht  finden  konnte.  Auf  der  anderen  Seite
war  doch  auch  die  weltliche  Gewalt  etwas  für  sich  Bestehendes.
  Die  Germanen  waren  aus  ihren  Wäldern  gekommen,
  um  das  römische  Reich  zu  erobern,  nicht  aber,
um  der  römischen  Kirche  dienstbar  zu  sein.  Die  Kultur
hatten  sie  annehmen  wollen,  nicht  aber  diese  Dienste.
Es  liegt  also  in  der  Natur  der  Sache,  daß  auf  diese  hierarchische
  Epoche  eine  andere  folgte,  in  welcher  sich  der
innere  Trieb  der  romano-germanischen  Völker,  die  wir
als  eine  lebendige  Einheit  betrachten,  auf  das  lebhafteste
entwickelt,  nicht  nach  einer  vorgezeichneten  philosophischen
  Regel,  sondern  in  unaufhörlicher  Ausbildung
seiner  Tendenz.

98