hereingeschwemmt  werden.  In  dieser  Aktion  und  Reaktion
  der  Geister  liegt  eine  ungeheure  Bewegung  und  zugleich
  ein  großes  Lebenselement.

K.  M.:  Ist  die  Ausprägung  der  Nationalitäten  auch  ein
Zug  unserer  Zeit?

R.:  Allerdingstendiertdie  Nationalsouveränität  dahin.
Frankreich  z.B.  hat  sich  als  Nation  gegen  die  Fremdherrschaft
  erhoben;  ebenso  Rußland  und  Deutschland
gegen  die  Franzosen.  Diese  Nationalitäten  haben  also
eine  größere  Bedeutung  gewonnen.  Eine  ganz  andere
Frage  ist  aber  die  Konstituierung  der  Nationalitäten  als
Staaten,  welche  auch  zu  den  Lieblingsideen  unserer  Zeit
gehört.  Deutschland  aber  hat  sich  wie  ein  Mann  gegen
Frankreich  erhoben,  ohne  als  Staat  konstituiert  gewesen
zu  sein;  also  hängen  diese  beiden  Begriffe,  Ausprägung
der  Nationalitäten  und  Konstituierung  derselben  zu
Staaten,  nicht  mit  Notwendigkeit  zusammen.  Die  Abschließung
  der  Nationalitäten  aber  gegeneinander  ist
jetzt  nicht  mehr  durchführbar;  sie  alle  gehören  mit  zum
großen  europäischen  Konzert.

K.  M.:  Wenn  man  in  seiner  Zeit  etwas  Bedeutendes
wirken  will,  soll  und  kann,  so  muß  man  also  seine  Zeit
verstehen,  die  Aufgabe  derselben  sich  klarmachen  und
eine  gewisse  Zeitrichtung  ergreifen,  um  die  besondere
Aufgabe,  die  man  sich  hiernach  gestellt  hat,  zu  realisieren
  ?

R.:  Vor  allem  muß  man  die  Welt  verstehen  und  dann
das  Gute  wollen.  Es  ist  beim  Privatmann  dasselbe  wie
beim  Fürsten;  nur  in  der  Potenz  ist  die  Aufgabe  verschieden.
  In  seiner  Zeit  stehend,  muß  er  dasjenige  tun,
was  ihm  notwendig  scheint  und  was  ihm  sein  Gewissen
diktiert.  Er  darf  seine  Feinde  nicht  für  gering  achten,
und  sich  nicht  eine  Vorstellung  von  den  Dingen  machen,
wie  sie  nicht  sind.  Glaubt  er  nach  seinem  besten  Wissen
und  Gewissen  mit  den  Strömungen  der  Zeit  gehen  zu
können,  so  soll  er  es  tun;  ist  er  nicht  dieser  Meinung,
so  darf  er  sich  ihnen  nicht  hingeben.

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