K.  M.:  Was  ist  die  Aufgabe  des  deutschen  Regenten
in  dieser  Zeit?

R.:  Es  wird  sehr  schwer  sein,  die  vorwaltende  Tendenz
der  jetzigen  Zeit  ganz  zu  verwerfen;  sie  zu  ignorieren,
ist  auch  nicht  möglich.  Das  Wahre  liegt  wohl  in  der
Mitte.  Der  Fürst  muß  sein  Prinzip  der  Erblichkeit,  der
Regierung  von  oben  her,  festhalten,  solange  er  kann,
demungeachtet  aber  alles  das  tun,  was  in  der  Richtung
der  Zeit  liegt,  und  was  auch  eine  aus  der  Nationalsouveränität
  entsprungene  Macht  tun  würde.  Ich  glaube  nicht,
daß  man  die  Kammern  abschaffen  kann,  aber  modifizie:
ren  muß  man  sie.  Auch  das  ist  die  Aufgabe  des  Regenten,
die  Nationalität  zu  entwickeln,  was  gleichfalls  mit  der
Idee  der  Zeit  zusammenhängt.  Die  Erfüllung  dieser  Aufgabe
  im  einzelnen  unterliegt  freilich  großen  Schwierig:
keiten;  jede  Frage  muß  nach  ihrem  inneren  Werte  behandelt
  werden.

K.  M.:  Wie  nun  das  Prinzip  der  Kirche  wieder  aufgetaucht
  ist  und  dieselbe  ihre  Stärke  in  der  demokratischen
  Richtung  der  Zeit  sucht,  so  scheint  sie  wohl  die
Furcht  vor  derselben  zu  benützen,  um  uns  einseitig  ihre
Tendenz  aufzunötigen?

R.:  In  der  Demokratie  liegt  auch  ein  starkes  Element
gegen  die  Kirche;  die  Demokratie  hat  doch  mit  der  weltlichen
  Autorität  dasselbe  Interesse;  sie  wird  sich  nie  einer
Theokratie  unterwerfen  wollen.

K.  M.:  Kann  man  annehmen,  daß  es  jetzt  eine  größere
Menge  von  ausgezeichnet  gesitteten  Menschen  gebe  als
früher?

R.:  Das  läßt  sich  kaum  behaupten.  In  der  Sittlichkeit
kann  ein  Fortschritt  nicht  angenommen  werden,  denn
die  Sittlichkeit  ist  zu  sehr  mit  der  Persönlichkeit  verbunden.
  In  der  Humanität  ist  aber  ein  Fortschritt  wahrnehmbar,
  d.h.  das  Volk  betrinkt  sich  jetzt  weniger  als  früher;
es  prügelt  sich  weniger  usw.  Daß  aber  in  jedem  nachfolgenden
  Jahrhundert  eine  größere  Anzahl  von  sittlich
höher  potenzierten  Menschen  existiere,  läßt  sich  nicht

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