sich  während  der  Schau  ein  objektiver  Zusammenhang
der  allgemeinen  Entwicklung.  Es  kam  dabei  zuletzt  etwas
mehr  heraus  als  eine  bloße  Anhäufung  einzelner  Tatsachen.
  Wenn  Ranke  selber  mehr  in  der  Art  eines  Dichters
  dem  Widerspiel  der  Geschichte  zusah,  sich  am  dramatischen
  Reiz  erfreute  oder  in  porträthafter  Zeichnung
gefiel,  so  sucht  die  heutige  Forschung  mit  den  ratio&gt;
nalen  Mitteln  vergleichender  Erkenntnis  doch  auch  nur
seinem  Ziel,  einer  Ergründung  des  Menschlichen,
näherzukommen.  Es  bleibt  bei  seiner  Einsicht,  daß  die
Geschichtswissenschaft  zu  diesem  Ziel  hin  ihre  eigenen
Wege  der  Erfahrung  geht,  und  das  Bewußtsein  von  ihm
gibt  ihren  bis  ins  einzelne  sich  verzweigenden  Bemühungen
  allererst  ihren  Sinn.

Da  das  menschliche  Wesen  sich,  geschichtlich  angesehen,
  in  der  Zeit  auswirkt,  so  kommen  die  verschiedenen
  Seiten  seiner  Art  darin  nacheinander  zur  Ent:
faltung.  Daher  herrscht  in  jeder  Periode  der  Geschichte
jene  innere  Spannung,  weil  jeweils  eine  Tendenz  vor:
herrscht  oder  überwiegt  und  eine  entgegengesetzte  bändigt,
  bis  diese  eines  Tages  wieder  frei  wird.  Es  ist  also
sinnlos,  von  einem  Fortschritt  zu  reden,  da  jede  Epoche
ihren  Wert  und  ihr  Ethos  in  sich  trägt  und  „unmittelbar
zu  Gott  ist‘“.  Das  Mittelalter  ist  nicht  im  Vergleich  etwa
zur  Renaissance  eine  zurückgebliebene  Periode,  sondern
es  hat  trotz  vieler  Schwächen  Züge  des  Menschentums
herausgebracht  —  wie  die  Unterordnung  des  Kosmos
unter  einen  jenseitigen  Zweck  —,  die  uns  nachher  ver:
lorengegangen  sind.  So  überwiegt  in  der  Geschichte
bald  die  eine,  bald  die  andere  Tendenz,  bald  ein  politischer,
  bald  ein  künstlerischer,  bald  ein  ökonomischer
Geist.  Nur  in  der  immer  stärkeren  Ausbreitung  der
Zivilisation,  der  Herrschaft  des  Menschen  über  die  Kräfte
der  Natur,  ist  ein  Fortschritt  zu  verzeichnen.

So  angesehen  erscheint  die  Beschäftigung  mit  der  Ver:
gangenheit  nicht  als  das  müßige  Spiel  eines  romantischen
Antiquars,  sondern  als  ein  Akt  notwendiger  Selbstbesin-207

