nung,  der  dem  Menschen  die  Art  seiner  Gattung  enthüllt
und  ihm  den  billigen  Stolz  auf  die  Gegenwart  ausredet.
Es  hängt  andererseits  mit  der  geistigen  Herkunft  Rankes
  zusammen,  der  in  den  Hervorbringungen  des  Christentums
  und  der  Antike  letzte  Werte  erblickte,  wenn
ihm  alles,  was  außerhalb  der  darauf  errichteten  Kultur
lag,  der  Beachtung  weniger  wert  zu  sein  schien.  So  hat
er  das  römische  Reich  der  ersten  christlichen  Jahrhun&gt;
derte  zum  Ausgangspunkt  dieser  weltgeschichtlichen  Betrachtung
  gemacht.  Alle  alte  Geschichte  mündet  in  die
römische  ein,  und  die  ganze  neuere  geht  aus  ihr  hervor.
Durch  den  römischen  Staat  und  die  in  ihn  hineingewachsene
  Kirche  wurde  die  Einheit  des  Abendlandes
geschaffen.  Es  war  einer  der  „vornehmsten  Gedanken“
Rankes,  an  dessen  unbedingte  Richtigkeit  er  glaubte,  daß
die  christlichen  Völker  Europas  als  ein  Ganzes,  gleichsam
als  ein  Staat  zu  betrachten  seien.  Gerade  als  ein  Mensch
der  überkommenen  aristokratischen  Bildung  sah  er  wie
Goethe  die  Kultur  Europas  durch  das  immer  ungestümer
anschwellende  Verlangen  nach  nationaler  Souveränität
gefährdet.  Er  wiiterte  darin  eine  „‚destruktive‘“  Tendenz,
die,  indem  sie  die  Einheit  des  Kontinents  zerschlug  und  in
den  einzelnen  Ländern  neue  Schichten  emporbrachte,
die  Pfiege  geistigen  und  christlichen  Lebens  bedrohte.
In  der  Tat  haben  Zeitgenossen  bald  hernach  die  Emps
findung  gehabt,  daß  mit  1859  und  1866  die  Welt  eine
andere  geworden  sei.  Ein  universaler  Geist  wie  Jakob
Burckhardt  hat  ähnlich  wie  Ranke  in  die  Zukunit  ge
blickt.  Wir  sind  zur  Zeit  wieder  soweit,  uns  nach  der
verlorenen  Einheit  Europas  zurückzusehnen.  Rankes
Vorträge  gipfeln  in  dem  Aufruf  an  seinen  königlichen
Hörer,  die  Zeit  nicht  blind  zu  verdammen.  In  ihr  regten
sich  mächtige  Kräfte,  und  es  war  trotz  alledem  ‚ein  Glück,
in  derselben  zu  leben“.  Aber  doch  sollte  er  gerade  als
Monarch  seines  Amtes  zugunsten  einerWahrungderalten,
von  oben  und  nicht  von  unten  her  geleiteten  Ordnung
der  Dinge  walten.  Mario  Krammer.