—  4  —

Meinen  Hohen  Berbündeten  habe  Ich  für  die  Bereitwilligkeit  zu  danken,  mit
welcher  sie  den  Bedürfnissen  des  gemeinsamen  Vaterlandes  entgegengekommen
sind.  Ich  spreche  diesen  Dank  in  dem  Bewußtsein  aus,  daß  Ich  zu  derselben  Hingebung
  für  das  Gesammtwohl  Deutschlands  auch  dann  bereit  gewesen  sein  würde,
wenn  die  Vorsehung  Mich  nicht  an  die  Spitze  des  mächtigsten  und  aus  diesem
Grunde  zur  Leitung  des  Gemeinwesens  berufenen  Bundesstaates  gestellt  hätte.
Als  Erbe  der  Preußischen  Krone  aber  fühle  Ich  Mich  stark  in  dem  Bewußtsein,
daß  alle  Erfolge  Preußens  zugleich  Stufen  zur  Wiederherstellung  und  Erhöhung
der  Deutschen  Macht  und  Ehre  geworden  sind.

Ungeachtet  des  allgemeinen  Entgegenkommens,  und  obschon  die  gewaltigen
Ereignisse  des  letzten  Jahres  die  Unentbehrlichkeit  einer  Neubildung  der  Deutschen
  BVerfassung  zu  allseitiger  Ueberzeugung  gebracht  und  die  Gemüther  für  die
Annahme  derselben  empfänglicher  gemacht  hatten,  als  sie  früher  waren  und  später
  vielleicht  wiederum  sein  würden,  haben  wir  doch  in  den  Verhandlungen  von
Neuem  die  Schwere  der  Aufgabe  empfunden,  eine  volle  Uebereinstimmung  zwischen
so  vielen  unabhängigen  Regierungen  zu  erzielen,  welche  bei  ihren  Zugeständnissen
  obenein  die  Stimmungen  ihrer  Landstände  zu  beachten  haben.

Je  mehr  Sie,  meine  Herren,  Sich  diese  Schwierigkeiten  vergegenwärtigen,
um  so  vorsichtiger  werden  Sie,  davon  bin  Ich  überzeugt,  bei  Prüfung  des  Verfassungs-Euntwurfes
  die  schwer  wiegende  Verantwortung  für  die  Gefahren  im
Auge  behalten,  welche  für  die  friedliche  und  gesetzmäßige  Durchführung  des  begonnenen
  Werkes  entstehen  könnten,  wenn  das  für  die  jetzige  Vorlage  hergestellte
  Einverständniß  der  Regierungen  für  die  vom  Reichstage  begehrten  Aenderungen
  nicht  wieder  gewonnen  würde.  Heute  kommt  es  vor  Allem  darauf  an,
den  günstigen  Moment  zur  Errichtung  des  Gebändes  nicht  zu  versäumen;  der
vollendetere  Ausbau  desselben  kann  alsdann  getrost  dem  ferneren  vereinten  Wirken
  der  Deutschen  Fürsten  und  Volksstämme  überlassen  bleiben.

Die  Ordnung  der  nationalen  Beziehungen  des  Nordeutschen  Bundes  zu
unseren  Landsleuten  im  Süden  des  Main  ist  durch  die  Friedensschlüsse  des  vergangenen
  Jahres  dem  freien  Uebereinkommen  beider  Theile  anheimgestellt.  Zur
Herbeiführung  dieses  Einverständnisses  wird  unsere  Hand  den  Süddeutschen
Brüdern  offen  und  entgegenkommend  dargereicht  werden,  sobald  der  Norddeutsche
  Bund  in  Feststellung  seiner  Verfassung  weit  genug  vorgeschritten  sein  wird,
um  zur  Abschließung  von  Berträgen  befähigt  zu  sein.

Die  Erhaltung  des  Zollvereins,  die  gemeinsame  Pflege  der  Volkswirthschaft,
die  gemeinsame  Verbürgung  für  die  Sicherheit  des  Deutschen  Gebietes  werden
Grundbedingungen  der  Verständigung  bilden,  welche  voraussichtlich  von  beiden
Theilen  angestrebt  werden.

Wie  die  Richtung  des  Deutschen  Geistes  im  Allgemeinen  dem  Frieden  und
seinen  Arbeiten  zugewandt  ist,  so  wird  die  Bundesgenossenschaft  der  Deutschen
Staaten  wesentlich  einen  defensiven  Charakter  tragen.  Keine  feindliche  Tendenz
gegen  unsere  Nachbarn;  kein  Streben  nach  Eroberung  hat  die  Deutsche  Bewegung
der  letzten  Jahrzehnte  getragen,  sondern  lediglich  das  Bedürfniß,  den  weiten
Gebieten  von  den  Alpen  bis  zum  Meere  die  Grundbedingungen  des  staatlichen
Gedeihens  zu  gewähren,  welche  ihnen  der  Eutwicklungsgang  früherer  Jahrhunderte
  verkümmert  hat.  Nur  zur  Abwehr,  nicht  zum  Angrif  einigen  sich  die  deutschen
  Stämme,  und  das  ihre  Verbrüderung  auch  von  ihren  Nachbarvölkern  in
diesem  Sinne  aufgefaßt  wird,  beweist  die  wohlwollende  Haltung  der  mächtigsten
SVEropäischen  Staaten,  welche  ohne  Besorgniß  und  ohne  Mißgunst  Deutschland
von  denselben  Vortheilen  eines  großen  staatlichen  Gemeinwesens  Besitz  ergreisen
  sehen,  deren  sie  sich  ihrerseits  bereits  seit  Jahrhunderten  erfreuen.  Nur  von
uns,  von  unserer  Einigkeit,  von  unserer  Vaterlandsliebe  hängt  es  daher  in  diesem