von  Seiten,  von  denen  es  mich  überrascht  hat.  Der  Vertreter  einer  Norddeutschen
Republik?)  begeistert  sich  plötzlich  für  die  monarchische  Verfassung  Preußens;  ein  katholischer
  Geistlicher")  stellt  diese  selbe  Verfassung  mit  dem  Heile  seiner  Seele  an  dem
Leitfaden  eines  Bibelspruches  auf  dieselbe  Höhe,  und  sprach  zu  uns,  in  Ton  und  Worten
die  tiefste  Erschütterung  darüber  verrathend,  daß  an  dieser  Verfassung  auch  nur  ein  Artikel
  geändert  werden  könnte  —  auf  gesetzmäßigem  Wege,  wohlverstanden.  Ich  zweifle
keinen  Augenblick  an  der  aufrichtigen  Ueberzeugung,  mit  der  diese  Worte  gesprochen  wurden;
  aber  überrascht  hat  es  mich,  daß  er  die  Wirkung  davon  abschwächte  durch  einen
scherzhaften  Seitenhieb  auf  meine  Person:  „ich  würde  mir  auch  zu  helfen  wissen,  wenn
hier  nichts  zu  Stande  käme.“  M.  H.,  ob  ich  mir  in  diesem  Falle  zu  helfen  wüßte,  das
will  ich  hier  unerörtert  lassen;  ich  würde  mir  aber  nicht  helfen.  Ich  habe  meinem  Könige
und  Lande  niemals  den  Dienst  versagt;  in  einem  solchen  Falle  aber  würde  ich  ihn  versagen
  und  würde  denjenigen,  die  das  Chaos  herbeigeführt  haben,  auch  überlassen,  den
Weg  aus  dem  Labpyrinthe  wieder  heraus  zu  finden.  Wenn  von  anderer  Seite?),  von  Abgeordneten,
  mit  denen  ich  mir  mancher  gemeinschaftlichen  Ansicht  bewußt  bin,  von  Mitgliedern
  des  Preußischen  Abgeordnetenhauses,  —  von  solcher  Seite,  von  der  ich  glaube,
daß  sie  wirklich  das  Zustandekommen  der  Sache  will,  dennoch  hier  der  Satz  aufgestellt
worden  ist,  daß  die  Preußische  Verfassung  über  der  Reichsverfassung  einstweilen  stehe,  daß
dasjenige,  was  hier  vereinbart  wird  zwischen  der  Gesammtheit  der  Landesregierungen,
nachdem  mit  Mühe  eine  Vereinigung  unter  diesen  erzielt  worden,  und  zwischen  den  freigewählten
  Vertretern  von  30  Millionen  Deutschen,  schon  jetzt  vor  die  Assisen  des  Preußischen
  Landtages  citirt  wurde  —  m.  H.,  da  hat  mich  ein  wehmüthiges  Gefühl  beschlichen,
daß  diejenigen,  die  uns  neu  hinzugetreten  sind,  so  rasch  die  Illusion  verlieren,  die  sie  etwa
gehabt  haben  könnten,  daß  der  Meusch  wirklich  mit  seinen  größeren  Zwecken  wächst,  und
daß  der  weitere  Gesichtskreis,  den  der  größere  Staat  haben  soll,  sich  auch  allen  seinen
Mitgliedern  mittheilt.  Die  Herren,  die  so  kurzweg  hier  das  Wort  aussprechen,  daß
der  Preußische  Landtag  das  Product  unserer  Arbeiten  in  den  und  den  Fällen  verwerfen
  oder  genehmigen  werde  —  ihre  Legitimation  dazu  ist  schon  vorgestern  angezweifelt
worden.  Aber  ich  möchte  Sie  fragen:  was  würden  Sie  sagen,  wenn  heut  zu  Tage  eine
der  verbündeten  Regierungen  schon  von  Hause  aus  erklärte:  wenn  dies  und  das  nicht  in
der  Verfassung  steht,  so  nehme  ich  sie  unter  allen  Umständen  nicht  an!  wenn  ein  Stand
oder  eine  Kaste  diese  selbe  Erklärung  abgäbe,  wenn  ein  Mitglied  der  Mecklenburgischen
Ritterschaft  aufträte  und  sagte:  wenn  unsere  Rechte  nicht  geschont  werden  —  und  sie
wiegen  auf  der  Waagschale  der  Gerechtigkeit  gerade  ebenso  schwer,  wie  die  des  Preußischen
  Landtags  —  so  spielen  wir  nicht  mit!  Ich  erinnere  Sie  daran,  m.  H.,  als
die  Versuche  von  Frankfurt  und  von  Erfurt  mißlangen  —  der  von  Erfurt  nicht  so  sehr,
wie  hier  gemeint  wurde,  durch  das  Widerstreben  der  betheiligten  Regierungen,  wenn  ich
auch  nicht  behaupten  kann,  daß  unsere  Preußische  Regierung  damals  mit  der  wünschenswerthen
  Energie  ihre  Aufgabe  vertreten  hätte;  er  scheiterte  meines  Erachtens  daran,  daß
Hannover  und  Sachsen  einfach  auf  die  Oesterreichische  Armee,  die  hinter  Olmütz  stand,
mehr  Vertrauen  hatte  als  auf  den  Drei-Königsbund  (das  war  wohl  das  Durchschlagende,
wenn  es  auch  eine  Menge  anderer  Ursachen  gegeben  haben  mag)  —  ich  erinnere  Sie
daran,  daß  man  für  uns,  die  wir  damals  unter  dem  Namen  der  Preußischen  Junkerpartei
die  Verantwortung  für  das  Nichtzustandekommen  vor  der  Oeffentlichkeit  aufladen  mußten,
kein  Wort  finden  konnte  in  der  öffentlichen  Presse,  was  stark  genug  war,  um  „diesen  unwürdigen
  Mangel  an  Vaterlandsliebe“  zu  brandmarken,  der  dahin  führte,  „aus  Standesinteressen
  lieber  einen  Junkerstaat  von  der  Größe  der  Mark  Brandenburg  zu  gründen“
und  was  dergleichen  von  Ihnen  bereits  vergessene  Zeitungsartikel  waren,  die  auf  uns
Schmach  und  Vorwurf  häuften,  weil  wir  das  Werk  gehindert  hätten,  das  wir  zu  Stande

3)  Abgeordneter  Dr.  Rée  von  Hamburg.
4)  Abgeordneter  Dr.  Michelis  (Kempen).
5)  Abgeordneter  Twesten,  Lasker.