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        <title>Deutschlands auswärtige Politik 1888-1914.</title>
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        Graf Ernst Reventlow 
Deutschlands auswärtige Politik 
1888—1914
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        Deutschlands 
auswärtige Politik 
1888—1914 
Von 
Graf Ernst Reventlow 
W# 
Zehnte, durchgesehene Auflage 
  
Berlin 1918:: Ernst Siegfried Mittler und Sohn 
Königliche Hofbuchhandlung:: Kochstraße 68—71 
M
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        Alle Rechte aus dem Geseche vom 19. Junk1901 
sowie das Abersetzungsrecht find vorbehalken. 
Coppyright 1916 by E. S. Mittler &amp; Sohn, Berlin.
        <pb n="7" />
        Vorwort zur neunten Auflage. 
Wesentliche Anderungen oder Zusätze haben sich nicht als nötig 
erwiesen. Das gilt mit einer Ausnahme. Ourch die Enthüllungen 
der derzeitigen russischen Regierung wurde im Herbst 1917 bekannt, daß 
der Deutsche Kaiser und der Zar während des Russisch-Japanischen Krieges 
versucht haben, ein deutsch-russisches Bündnis zustande zu bringen. Die 
Enthüllungen haben eine Reihe von Depeschen der beiden Monarchen in 
die Offentlichkeit gebracht, aus denen diese Bestrebungen und auch manche 
tatsächlichen Schritte klar hervorgehen. Anderseits gestatten die veröffent- 
lichten Depeschen keineswegs, ein vollständiges Bild zu gewinnen und lassen 
beinahe ganz die Tätigkeit der Staatsmänner, insbesondere des Deutschen 
Reichskanzlers, im Dunkeln. Unter diesen Umständen habe ich nicht für 
angezeigt gebalten, die durch die Depeschen der Monarchen bezeichneten, 
aber nur zu einem Teile ersichtlichen Borgänge als abgeschlossen und 
feststehend zu erzählen und zu behandeln. Wesentlich für diesen Entschluß 
war auch die Tatsache, daß von seiten der deutschen Regierung gänzlich 
von einer Bestätigung, auch von einer unbedingt notwendigen Ergänzung 
der russischen Enthüllungen, abgesehen worden ist. Das gleiche gilt von 
den seinerzeitigen italienischen Enthüllungen: die österreichisch-ungarische 
Regierung habe im JZahre 1913 IStaliens Dreibundhilfe gegen Serbien in 
Anspruch nehmen wollen und sei dabei auf Weigerung gestoßen. Oie Tat- 
sache eines solchen oder ähnlichen Vorganges dürfte nicht zu bestreiten sein, 
aber auch hier fehlt wieder eine Darstellung, Bestätigung oder Ergänzung 
von seiten der Mittelmächte. In der schon in früheren Auflagen ange- 
kündigten besonderen politischen Geschichte des Krieges werden diese 
Verhältnisse und Fragen gleichwohl eingebend behandelt werden. Gleich- 
zeitig darf hier gesagt werden, daß für das laufende Zahr das Erscheinen 
der Vorgeschichte des Krieges nunmehr endlich in sichere Aussicht genommen 
werden kann. 
In der vorliegenden Neuauflage ist auch Abstand davon genommen 
worden, die innere Vorgeschichte der Balkankriege neu zu bearbeiten. Die 
gegebene Schilderung ist in den wesentlichen Punkten auch nach allem, was 
inzwischen bekanntgeworden ist, als richtig anzusehen. Anderseits enthält 
die innere Vorgeschichte des Balkankrieges noch immer eine Reibe unge-
        <pb n="8" />
        VI Vorwort zur neunten Auflage. 
  
klärter Fragen und Momente. Sie warten bis heute einer einwandfreien 
Klarstellung. 
„Deutschlands auswärtige Politik“ hat sich auch im Laufe des verflossenen 
Jahres über Mangel an Angriffen und Anfeindungen nicht zu beklagen 
gehabt. Diese haben ihren Grund und ihre Motive aber stets auf politischem 
Gebiete gehabt, niemals auf dem geschichtlichen. Rückblickend muß ich sagen, 
daß es dem Buche merkwürdig gegangen ist. Ein Politiker hat es geschrieben, 
ohne Anspruch gerade auf geschichtliche Beachtlichkeit zu erheben. Im 
Laufe der Jahre seit dem Frühjahr 1914 sind die Anerkennungen zünftiger 
Historiker immer zahlreicher geworden, während politische Gegnerschaft die 
geschichtliche Wahrheit meiner Schilderung nicht nur nicht hat beeinträch- 
tigen können, sondern im Gegenteil sie hervorhebt. 
Charlottenburg, März 19 18. 
Graf Ernst Reventlow.
        <pb n="9" />
        Zur Einführung. 
ie erste Auflage dieser Schrift erschien im Frühjahr 1914 und ist im 
Laufe des Jahres 1913 geschrieben worden. Damals hatte der zweite 
Balkankrieg durch den Frieden zu Bukarest sein Ende erreicht. In Europa 
herrschte wieder Frieden, und in Deutschland war die Hoffnung ebenso 
wie der Glauben beinahe allgemein, daß der Friede dauern werde. Für 
diesen Glauben war vor allem eine Hoffnung maßgebend: die Hoffnung 
auf die vielberufene deutsch-englische Verständigung. Die einschlägigen 
Vertreter der Regierung des Deutschen Reiches hatten diese Hoffnung 
und dieses Vertrauen in häufiger Wiederholung zum Ausdruck gebracht. 
An mehr oder minder geheimnisvollen Andeutungen, was alles dafür 
im Werke sei, fehlte es nicht, ganz abgesehen von den freilich nur ihrem 
Dasein nach bekannten Berhandlungen zwischen dem Deutschen Reiche 
und Großbritannien über die portugiesischen Kolonien in Afrika und von 
den Verhandlungen, welche das Deutsche Reich, Großbritannien, Frank- 
reich und die Türkei über vorhandene und zukünftige Eisenbahnen in 
Mesopotamien und Spyprien pflogen. 
Wie nach jeder der europäischen Krisen seit Beginn des zwanzig- 
sten Jahrhunderts, so herrschte auch dieses Mal im Oeutschen Reiche das 
Gefühl und die Zuversicht, es sei eine „Entspannung“ eingetreten, auch 
habe sich wieder einmal gezeigt, daß alle Großmächte Europas einig ge- 
wesen seien im Wunsche und im Bestreben, der Welt den Frieden zu er- 
halten. Die Politik des Deutschen Reiches verfolgte tatsächlich dieses Ziel 
ebenso aufrichtig, wie vertrauensselig, wie unbedingt. Sie befand sich 
außerdem in einer irrigen Auffassung, wie sie im Sommer 1914 dem Ver- 
fasser in dem Worte eines deutschen Staatomannes entgegentrat: die 
anderen Mächte hätten alle eine große Angst vor dem Deutschen Reiche 
und wären heilfroh, wenn wir sie nicht angriffen; sie würden uns sicher 
nicht dangreifen. 
Zu diesen Verhältnissen und Momenten kam die Atmosphäre wirt- 
schaftlichen Gedeihens und Unternehmungsgeistes in Deutschland mit der 
weitverbreiteten Auffassung, die Zeit arbeite automatisch für das Deutsche 
Reich und Volk. Man brauche nur noch einige Jahre sich friedlich durch- 
zulavieren, dann werde der Frieden überhaupt nicht mehr gefährdet
        <pb n="10" />
        VIII Zur SEinführung. 
  
sein. Von der Regierung, im besonderen vom Oeutschen Reichskanzler, 
Herrn von Bethmann Hollweg, gefördert, zog die Auffassung weiter 
werdende Kreise, daß man durch Nachgiebigkeit an Großbritannien eine 
„Weltpolitik ohne Krieg“ fruchtbar und ertragreich werde treiben können 
und deshalb treiben müsse. Oiese Nachgiebigkeit sollte sich in erster 
Linie in der Flottenpolitik zeigen, und man hatte auf die Znitiative des 
Heutschen Reichskanzlers schon seit dem Zahre 1912 mit Betätigung dieser 
Nachgiebigkeit begonnen, wie später einwandfrei bekannt geworden ist. 
Heute liegen diese Berhältnisse und die damaligen Bestrebungen 
jedenfalls in ihren großen Zügen klar vor den Augen. Damals, im Fahre 
1913, war das nicht der Fall. Was die damalige Tripelentente in den 
Kulissen ihrer Politik tat und vorbereitete, entzog sich um so mehr den 
Augen der Außenstehenden, als von seiten der deutschen Regierung 
vertrauensvoll und gehbeimnisvoll immer wieder hervorgehoben wurde, 
was alles sich an guten Dingen vorbereite, man solle nur warten und nichts 
stören. 
Die Pelitik der Tripelentente war gerade damals eine äußerst geschickte. 
Sie bereitete den großen Schlag vor, der die Mittelmächte entweder 
friedlich demütigen, dann trennen und ihre allmähliche Bernichtung oder 
Verkümmerung einzeln herbeiführen, oder aber sie in einem gewaltigen 
kriegerischen Konflikte zerschmettern sollte. Zwar die Sprache Frank- 
reichs und Rußlands wurde gerade während jenes letzten Jabres beispiel- 
los drohend und bochfahrend, aber Großbritannien wußte die Leiter der 
deutschen Politik in ihrem Vertrauen zu halten. Bereinzelte Schlaglichter, 
wie die antideutsche Stellungnahme der britischen Politik in der Frage 
der deutschen Militärmission zu Konstantinopel um die Jahreswende 
1913/14, fanden geringe Beachtung, und sorgenvolle Fragen wurden mit 
leichter überlegenheit abgewehrt. Das Vertrauen auf das Vorhanden- 
sein unbedingter Friedlichkeit Großbritanniens war fest und damit gleich- 
falls das Bertrauen auf die Erhaltung des europäischen Friedens. 
Dabei war nicht zu verkennen, daß eine außerordentliche Regsam- 
keit des diplomatischen Lebens zwischen den Mächten nach allen Seiten 
bestand. Auf der Balkanhalbinsel schien der Stand der Oinge politisch 
keineswegs abgeschlossen, Rußland umwarb Rumänien, die serbische 
antiösterreichische Propaganda wurde immer stärker, auf Griechenland 
drückten die Westmächte, zu Konstantinopel arbeiteten alle Mächte. In 
Schweden herrschte wachsende Besorgnis vor Rußland, in Japan Neigung 
zur Annäherung an das Deutsche Reich, welche aber zu Berlin wegen der 
„gelben Gefahr“ und aus Besorgnis, in London und Wasbington zu ver- 
stimmen, nicht nur unerwidert blieb, sondern zurückgewiesen wurde. Da- 
zwischen spielten die inneren Beziehungen des damaligen Dreibundes
        <pb n="11" />
        Zur Einführung. IX 
  
und .· die ãäußeren Ztaliens zu den Westmächten und zu Rußland. Man 
sah damals von Berlin ebenfalls mit wachsendem Vertrauen nach Italien 
hin und schenkte wohl mehr Vertrauen, als angebracht war. Immerhin 
ließ die italienische Politik gerade während jener Jahre gelegentlich Hin- 
neigung zu festerem Anschlusse an das Deutsche Reich erkennen, während 
ernsthafte Mißbelligkeiten mit Frankreich gleichzeitig, wenn auch vorüber- 
gebend, eintraten. Man hoffte bei uns auf die Möglichkeit italienisch- 
österreichischen Ausgleiches, hoffte auch auf Beschwörung der russischen 
Gefahr durch die Monarchenbegegnung von Baltischport, und über allen 
Hoffnungen lag der Glaube an die völkerverbindende und Gegensätze 
ausgleichende Kraft der Zivilisation und Kultur durch das Mittel des 
immer höher gesteigerten internationalen Weltverkehrs und Handels. 
Aus allen diesen hier nur ganz flüchtig anzudeutenden Verhältnissen 
und Momenten ergibt sich, wenn man die damals in Oeutschland über- 
wiegend verbreitete Friedenozuversicht hinzunimmt, ein Bild von außer- 
ordentlicher Bielfarbigkeit. Man mochte die Entwicklung der ver- 
schiedenen der Zukunft des Oeutschen Reiches drohenden Gefahren noch 
so ernst oder gar pessimistisch einschätzen, so blieb doch für den Beobachter, 
der nicht an einer der diplomatischen Zentralstellen Europas selbst arbeitend 
oder leitend beteiligt war, keine Möglichkeit, anders als nach Indizien 
zu urteilen. Auf der anderen Seite haben die mit Recht vielbesprochenen 
belgischen Gesandtenberichte den Beweis geliefert, daß kluge, nüchtern 
beobachtende und urteilende Diplomaten auch von Berlin aus ein rich- 
tiges Bild vom Gange und von der Richtung der DOinge gewinnen 
konnten und deshalb gewinnen mußten. Oie leitenden deutschen Diplo- 
maten und Staatomänner sind anscheinend durch ständigen Wechsel von 
Furcht und Hoffnung in der Objektivität ihres Urteils und in der Ziel- 
sicherheit ihres Handelns und Unterlassens maßgebend beeinträchtigt 
worden. 
Wenn der Verfasser unter solchen Verhältnissen den Entschluß faßte 
und durchführte, eine Ubersicht der „Auswärtigen Politik Deutschlands 
von 1888 bis 1913¾ zu geben, obgleich auch für die vergangenen ZJahre 
und Jahrzehnte keine einzige der Fragen und Begebenheiten dem Ge- 
heimnisse des Aktenschrankes entwachsen war, so erschienen dem Verfasser 
doch die folgenden Gründe maßgebend: 
Eine solche oder ähnliche politisch-geschichtliche Darstellung der Nach- 
biomarckischen Periode, war nicht vorhanden. Einzelfragen, einzelne Ge- 
biete und Ausschnitte waren behandelt worden und besonders kritische 
Betrachtungen in Form geschichtlicher Aufsätze und als politische Poleimik 
waren in Fülle vorhanden. Die erstgenannte Kategorie umfaßt aber nur 
Teile jener Periode, die zweite geht zu wenig in die Einzelbeiten, in die
        <pb n="12" />
        X Zur Einführung. 
  
Zusammenhänge und deren Entstehung hinein. Ferner: was bisher an 
vielfach ausgezeichneten Arbeiten veröffentlicht worden war, verfolgte 
meist ausgesprochen politische Zwecke und in der Regel denjenigen einer 
Rutzanwendung gemachter Erfahrungen und bloßgelegter Fehler für die 
Zukunft. 
Es konnte dem VBerfasser nicht einfallen, mit seiner Schrift Anspruch 
auf geschichtliche Unanfechtbarkeit zu machen. Das ist im Vorwort zur 
ersten Auflage im Februar 1914 gleich zum offenen und gewollten Aus- 
druck gebracht worden. Es hieß dort: „Den (Anspruch) kann die Schrift 
schon deshalb nicht erheben, weil die Vorgänge zu nahe liegen, auch in 
ihren Einzelheiten, hauptsächlich ihren Wurzeln nach, nicht authentisch 
bekannt noch feststellbar sind. Dazu kommt, daß sich trotz Bemühens die 
subjektive Auffassung und die politische Sinnesrichtung des Verfassers 
nicht ganz aus der Beurteilung der Vorgänge haben ausschalten lassen. 
Beurteilungen der Vorgänge und Entwicklungen zu geben, aber habe ich 
sogar für notwendig gehalten. Sie mußten an die Stelle unumstößlicher 
geschichtlicher Klarstellungen treten, die hier nicht möglich waren.“ 
In dieser Einführung in die sechste Auflage muß der Verfasser ge- 
stehen, daß er über die Unumstößlichkeit geschichtlicher Klarstellungen 
skeptischer denkt als in den Zahren 1915 und 1914. Die Angriffe und An- 
feindungen, welche gegen diese Schrift und ihren Verfasser im Laufe des 
Jahres 1916 gerichtet worden sind, teils von Politikern, teils von Histo- 
rikern, haben diese Skepsis erzeugt. Davon wird weiter unten noch die 
Rede sein. 
Auch im Hinblick auf diese Dinge und Vorgänge sei wiederholt, daß 
weder für die erste Auflage noch für die späteren dem Verfasser Gelegenheit 
zum Studium amtlichen Quellenmaterials gegeben noch auch von ihm ge- 
sucht wurde, noch auch mündliche Aufschlüsse und Enthüllungen ihm zu- 
teil geworden sind. Der Berfasser suchte solches mit Absicht nicht, denn 
es ergibt sich sonst — nicht theoretisch, wohl aber praktisch — eine Bin- 
dung für Auffassung und Urteil und die Unmöglichkeit einer freien Kritik. 
Das gilt in um so höherem Grade, wenn die zu schildernden und zu be- 
urteilenden politischen Vorgänge der Gegenwart naheliegen oder aber 
mit ihr in starkem lebendigen Zusammenhange stehen. Der Verfasser 
wollte sich die Unabhängigkeit seines Standpunktes und die Freiheit 
seiner Kritik bewahren. Wie er diese Freiheit der Kritik zu benutzen ge- 
dachte, geht im übrigen aus den folgenden Sätzen des Vorwortes zur 
ersten Auflage hervor: „Der Gemeinplatz, die Kritik sei leicht, soll nicht 
wiederholt werden; der Verfasser hält es aber für seine Pflicht, hier zum 
Auedruck zu bringen, und zwar als eigene Erfahrung, daß die Schwierig- 
keit und auch Bedenklichkeit der Kritik mit dem Ernst des Studiums wuchsen,
        <pb n="13" />
        Zur Einführung. XI 
2 
welcher dem Gegenstande gewidmet wurde. Daß anderseits der kritische 
Standpunkt nicht ganz ausgeschaltet werden durfte noch konnte, ist schon 
deshalb selbstverständlich, weil der Verfasser, wenn er verstanden sein 
und anregen will, einen eigenen Standpunkt einnehmen muß, und in 
diesem eo ipso eine gewisse Kritik eingeschlossen ist. . . Die Ereignisse 
und Ergebnisse der beiden letzten Krisenjahre sind mit großer Zurück- 
haltung und Vorsicht behandelt worden. Sie stehen uns noch zu nahe, 
sind teils noch weit von einem Abschlusse entfernt, teils ungenügend fest— 
stellbar, teils würde eingehendere Behandlung dem deutschen Interesse 
nicht entsprechen. So wird der Leser manches politische i ohne sein 
Tüpfel finden. Genesis und Synopsis, das Werden und das Zusammen- 
schauen des aus Ursachen und Wirkungen sich knotenden Netzes bilden die 
Leitgedanken dieser Arbeit.“ 
Aus allem diesen ergibt sich, daß damals dem Verfasser fernlag, 
wenigstens für den zweiten Teil der von ihm behandelten Zeitperiode, 
etwa von der ZLahrhundertwende an, eine lediglich geschichtliche Arbeit 
zu schreiben; jedenfalls wog das politische Moment weitaus vor. Zum 
einen Teile ging das von selbst aus der Berufseigenschaft des Berfassers 
als politischer Schriftsteller und Tagesschriftsteller hervor, dem eine zunft- 
geschichtliche Bildung und dementsprechende Stellung nicht beiwohnt. 
Um so überraschender — keineswegs unangenehm — berührte es den 
Verfasser, als einige Kritiken der ersten Auflage aus der Feder zünftiger 
Historiker ihm mit Mißfallen zum Ausdruck brachten, ein derartiges Buch 
zu schreiben sei eigentlich nicht seine Sache, sondern ihre, der zünftigen 
Historiker, gewesen. Noch drastischer mußte es in diesem Zusammen- 
hange wirken, daß die Ausstellungen, die an dem Inhalt jener ersten Auf- 
lage gemacht wurden, nicht historischer, sondern politischer Natur waren. 
Politische Kritik war von vornherein, je nach dem politischen Standpunkte 
jeden Kritikers, zu erwarten gewesen, aber politische Kritik aus dem Munde 
zünftiger Historiker, welche das Erscheinen des Werkes aus der Feder 
eines Politikers mißbilligten, weil es bistorisch sei, — das kam dem Ver- 
fasser unerwartet, wenn es ihm gleich, wie gesagt, nicht unerfreulich war. 
Der Verfasser des vorwiegend politisch gedachten und politisch konzi- 
pierten Werkes konnte damit zufrieden sein, daß die kritisierenden Histo- 
riker es nach Inhalt und Aufbau gerade historisch einwandfrei fanden. 
Oie Schwierigkeit der Behandlung des Stoffes lag auf dem Gebiete, 
welches in den letztangeführten Sätzen des Vorwortes zur ersten Auflage 
angedeutet wird: die Ereignisse lagen teils zeitlich zu nahe, teil# waren 
sie noch weit von einem Abschlusse entfernt, teils waren sie nicht genügend 
feststellbar, teilö hätte ihre eingebendere Behandlung dem deutschen Inter- 
esse nicht entsprochen. Es handelte sich also auch hier in erster Linie um das
        <pb n="14" />
        XII Zur Einführung. 
  
politische Moment. Oer Gedanke des Berfassers war damales, etwa im 
Laufe der kommenden JZahre nötig werdende neue Auflagen je nach- 
dem Fortschritte der Zeit und dem Abschlusse der Ereignisse laufend zu 
vervollständigen, Bermutungen und Kombinationen durch mittlerweile 
feststellbare Tatsachen und inzwischen eingetretene Abschlüsse zu ersetzen 
und zu ergänzen. 
Da kam der Große Krieg im August 1914, und mit einem Schlage 
#nderte sich die Sache vollkommen. Zwar erschien die zweite Auflage 
noch unverändert, nur mit einem kurzen Anhange, weil sie schneller als 
gedacht notwendig wurde. Oann zeigte sich die unabweisbare Notwendig- 
keit, der veränderten Lage durchgreifend Rechnung zu tragen. 
Biel vorherige Unsicherheiten verschwanden, jene Zurückhaltung und 
Vorsicht usw., welche vorher notwendig gewesen war, konnte nunmehr 
fortfallen. Der Krieg zerschnitt durch seinen Eintritt den größten Teil 
des Netzes diplomatischer Zeziehungen und Bemühungen, er machte 
einen dicken Strich unter alle jene Bestrebungen und Manöver, die sich 
im Flusse befanden, und deren Ergebnis man vorher nicht hatte absehen. 
können, oder deren Gang man unter dem Gesichtspunkte des deutschen 
Interesses schon mit Vorsicht und Zurückhaltung gegenüberstehen mußte. 
Alle diese Fragen der damaligen Gegenwart oder diejenigen, welche 
in sie hineinragten, brauchten nicht mehr hopotbetisch behandelt zu werden 
oder offengelassen oder mit zurückhaltender Borsicht erörtert zu werden. 
Die Richtung und die Ziele der Politik aller unserer heutigen Gegner waren 
bis dahin Gegenstand dauernden Nätselratens gewesen, ebenso ihre Be- 
ziehungen untereinander. Der Krieg beseitigte den größten Teil auch 
dieser offenen Fragen, nicht auf einen Schlag, nicht gleich mit seinem 
Beginn; aber mit jedem Monate mehr. Eine Enthüllung und eine Klar- 
stellung folgte der anderen; eine Tatsache nach der anderen bestätigte, 
was man vorher nur vermuten konnte. Wiederum muß an dieser Stelle 
die hohe und, man kann in gewissem Sinne sagen, weltgeschichtliche Be- 
deutung der belgischen Gesandtschaftsberichte hervorgehoben werden. 
Sie sind politisch ebenso wie geschichtlich ein Dokument, welches von keiner 
Seite mit Erfolg angefochten werden kann. 
Es liegt in der Natur gerade politischer und diplomatischer Vorgänge, 
daß niemals ein Vorgang sich vollkommen isolieren läßt. In der Negel 
ist er nach der Bergangenheit wie nach der Zukunft bin durch eine Menge 
von Fäden und Beziehungen bedingt und verknüpft. Deehalb läuft der 
Schilderer und Beurteiler stets Gefahr, aus dem Zusammenhange herausê- 
zureißen und deshalb ein unvollständiges und schiefes Bild zu geben. Der 
Eintritt des Krieges hat, auch so gesehen, einen Abschluß als höhere Ge- 
walt geschaffen und alles, was vorber schwebte oder unvollendet war,
        <pb n="15" />
        p—————— m—7—---fl 
  
festgelegt, abgeschnittem oder vernichtet. Man konnte nicht mehr fragen: 
Was wird daraus werden, wie wird es sich gestalten? sondern man mußte fest- 
stellen: So ist es geworden, so standen die Dinge bei Ausbruch des Kriegee. 
Hieraus ergibt sich, daß der Berfasser einer zum Teil ganz neuen 
Aufgabe gegenübergestellt wurde. Er hatte sich die Frage vorzulegen, 
welche Teile, Fragen und Vorgänge seiner Schilderung durch die Cat- 
fachen und Aufschlüsse des Krieges als nicht mehr zutreffend erscheinen 
mußten. ¾ßiäll 
Es ist wohl nicht ein Zufall zu nemen, daß eine gänzliche Neu- 
bearbeitung des Buchee, ja eine Neuabfussung gerade beim Zeitpunkte 
der Marokkokrisis von 1905 an die Stelle des alten Textes treten inußte. 
Ein. Jahr vorher war die Entente Cordiale zwischen Großbritannien und 
Frankreich geschlossen worden. Zhre direkte Folgs war das Akutwerden 
der deutsch-französischen Marokkokrise, und an diese, welche durch die Kon- 
ferenz von Algeciras nur einen ganz äußerlichen Abschluß erhielt, schloß 
sich im Laufe der folgenden Jahre jene von Ensgland geleitete Politie 
der Einkreisung des Deutschen Reiches an, und gleichzeitig wurde während 
dieser Periode militärisch wie politisch der Große Krieg vorbereitet. Schon 
unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, ist klar, daß einmal der Ausbruch 
des Krieges als Tatsache und ferner die nach seinem Ausbruch erfolgenden 
Enthüllungen und Bloßlegungen gerade jene- Periode von 1905 bis 1914 
in ein belleres, bestimmteres und teilweise auch anderes Licht rücken 
würden. 
Schon der Ausbruch des Krieges beantwortete mit eins die vor dem 
Kriege nicht zu beantwortenden Fragen über die Ziele, die Mittel und 
die Ergebnisse der englisch-französisch-russischen Koalitionspolitik. Dazu 
kamen die Aufschlüsse über die gegenseitigen Bündnispflichten, die immer 
geleugnet worden waren und doch bestanden hatten und dabei nicht nach- 
zuweisen gewesen waren. Oie britisch-belgischen Abmachungen wurden 
bekannt. Die belgischen Gesandtenberichte warfen ihre scharfen und 
untrüglichen Schlaglichter. Die deutsch-britischen Berhandlungen vom 
Zahre 1912, über welche vorher Authentisches überhaupt nicht bekannt 
gewesen war, wurden bekannt. Dann kamen ganz wesentliche Aufschlüsse 
über die Balkankriege von 1912/13 und ihre Ursachen. Die enge ursäch- 
liche Beziehung, in der diese Kriege zur Vorgeschichte des Weltkrieges, 
ja selbst zu seinem Ausbruch gestanden haben, entzog sich bieher jeder 
öffentlichen Kenntnio. Man wußte nicht und konnte in Deutschland nicht 
wissen, daß die Borbereitung der Balkankriege durch England und Nußland 
mit dem Blick auf den dann in Szene zu setzenden Weltkrieg erfolgt war. 
Auch, um nur ein Beispiel anzuführen, inußte das Bekanntwerden dieser 
Vorgeschichte der Balkankriege eine andere Beurteilung der Haltung
        <pb n="16" />
        XIV Zur Einführung. 
der deutschen Diplomatie bei Ausbruch des ersten Balkankrieges zur Folge 
haben. 
Die Kritiken und die Angriffe, welchen die mit der dritten Auflage 
erfolgte Umarbeitung des zweiten Teiles der Schrift ausgesetzt gewesen 
ist, müssen in diesem Zusammenhange erwähnt werden. Sie gipfeln 
in dem Vorwurf, der Verfasser habe durch seine Umarbeitung eine dem 
Historiker übel anstehende Methode beobachtet. Aus einer historischen 
Harlegung sei eine politische Tendenzschrift, „ein Leitartikel“ geworden, 
und auch die Tendenz sei überaus verwerflich, weil sie sich einerseits gegen 
England, anderseits gegen die Führung der auswärtigen Politik des 
Heutschen Reiches richte. Eine Abhandlung: „Graf Reventlow als Ge- 
schichtschreiber", erschien zunächst in den „Preußischen Jahrbüchern“, 
wurde dann als Sonderdruck zu Hunderttausenden in den Kreisen der 
Gebildeten in Deutschland verbreitet mit dem Zwecke, die Schrift „Deutsch- 
lands auswärtige Politik 1888 bis 1914" nach Möglichkeit zu diskreditieren 
und den Berfasser sozusagen „unmöglich" zu machen. Der Verfasser 
des Pamphlets ist Dr. Beit Balentin, damals außerordentlicher Professor 
an der Universität Freiburg. Aicht lange nachher ist ihm infolge seines 
Verhaltens vor und in einem Beleidigungsprozesse die Venia legendi 
entzogen worden. Dr. Balentin war am Auswärtigen Amte zu Berlin 
beschäftigt und hat, wie widerspruchslos versichert worden ist, die Aufgabe 
gehabt, die Politik der deutschen Regierung vor dem Kriege zu recht- 
fertigen und zu verteidigen, ihre Gegner anzugreifen und womöglich 
bloßzustellen. In welchem Tone das Pamphlet Valentins gehalten war, 
ist deshalb von Interesse, und es wäre schade, wenn dieses Dokument 
in Vergessenheit geraten sollte. Die Schlußsätze mögen deshalb bier 
Platz finden: 
„Die schriftstellerischen Mittel, mit denen er (Reventlow) sein Buch 
umgearbeitet hat, sind zum Teil sehr bedenklich und mit der heiligen Pflicht 
eines Geschichtschreibers unvereinbar. Aus diesem Buche, so wie es heute 
vorliegt, läßt sich kein auch nur einigermaßen zutreffendes Bild der Ver- 
gangenheit gewinnen. Es ist den im Vorwort zur ersten Auflage ent- 
wickelten Prinzipien untreu geworden und stellt nur noch eine sostematische 
Zrreführung dar; es ist ein krasser Fall von bistoriographischer Demagogie. 
Die Beispiele, die wir angeführt haben, beweisen diese Tatsache mit aller 
nötigen Exaktheit. Wir lehnen also vom Standpunkte des Historikers 
diese rein auf die Tagesfragen und Tageskämpfe eingestellte, durch und 
durch tendenziöse Darstellung unserer auswärtigen Politik ab und können 
nicht umhin, sowohl vor diesem Buche wie vor seinem Autor mit allem 
Nachdruck und dem vollen Bewußtsein der Schwere dieser Vorwürfe 
öffentlich zu warnen.“
        <pb n="17" />
        Zur Einführung. XV 
Ich habe darauf in der „Deutschen Tageszeitung“ unter der Uber- 
schrift „Ein Kritiker“ das Folgende ausgeführt: 
„Der Herr Professor ist sehr unzufrieden mit dem Texte der dritten 
Auflage, politisch unzufrieden. Er beweist nun zwar nicht die NRichtigkeit 
seiner Auffassungen und die Unrichtigkeit der meinigen, versucht es gar 
nicht; aber er macht es mir zum schweren Vorwurfe, daß und wie ich den 
Text der dritten Auflage gegenüber dem der ersten geändert und ergänzt habe. 
Er betrachtet es als für mich peinliche „Entdeckungen“, wenn er die Unter- 
schiede sucht und findet, wie er sagt, bei der intimsten Kleinarbeit über- 
rascht“. Wenn ein erwachsener Professor das glaubt und die Genugtuung 
sittlicher Entrüstung dabei empfindet, so bin ich der letzte, ihm sein Ver- 
gnügen zu verkümmern. Komisch ist es aber; denn ich habe nie ein Hehl 
aus den Änderungen und Ergänzungen der dritten Auflage gemacht, 
sondern ihre Notwendigkeit betont und dargelegt: im Vorwort zur dritten 
Auflage — auf deren Titelblatt steht: „völlig umgearbeitet“ —, in einem 
Artikel, im Vorwort zur vierten Auflage. ZIch verweise auf die dort ge- 
machten Darlegungen und wiederhole nur zusammenfassend: die Ande- 
rungen waren und sind meiner Uberzeugung nach notwendig, weil in- 
zwischen eine Fülle neuen Stoffes vorlag und kam, weil aus vielen Hypo- 
thesen und Möglichkeiten Tatsachen geworden waren, weil durch die ab- 
schließende Tatsache des Krieges eine Menge Fragen sich beantworteten 
und manche — noch lange nicht alle — Gründe für Zurückhaltung und 
Vorsicht im Ausdruck und Urteil weggefallen waren. Daß dieses alles 
benutzt werden mußte, ist eine Selbstverständlichkeit; ebenso daß durch 
das Neue manches frühere Urteil über Vorgänge und auch Perfonen sich 
änderte. Daß diese Urteile Herrn Professor Beit Balentin in Zorn und 
beilige Entrüstung versetzen, — das zu sehen ist mir eine besondere Freude. 
Sein Zorn reißt ihn so weit hin, daß er mir unterstellt: ich hätte die Ande- 
rungen vorgenommen, um zu beweisen, daß England der Feind sei, und 
daß die deutsche Politik nicht auf der Höhe gestanden habe. Außerdem 
stellt er die Beh#uptung auf: ich glaubte, England habe nichts als den Krieg 
gewollt. Diese Behauptung ist bewußt unrichtig, denn der Professor 
hat das Buch Wort für Wort durchgelesen und weiß deshalb, daß ich 
Englands Politik Deutschland gegenüber charakterisiere: Krieg oder deut- 
sches Nachgeben. Das ist ein sehr großer Unterschied. 
„Professor Beit Balentin versteigt sich dann — und das ist wohl 
der Zweck der ganzen,. Ubung — zu dem folgenden Exorzismus: (hier 
folgt die oben schon angeführte „öffentliche Warnung“ vor dem Autor 
und seinem Buche). 
„Oie öffentliche Warnung vor Buch — eben erscheint die vierte Auf- 
lage — und Person des Autors in aller ihrer Feierlichkeit und wünschens-
        <pb n="18" />
        XVI Zur Elzfabrun. 
—# 
wertem philologischen Exaktheit ist in sich voll unfreiwilligen Zumors. 
Die Art, wie Professor Beit Balentin mich zu verunglimpfen sucht, ge 
reicht ihm nicht zur Ehre, weder als Kritiker noch als Politiker, noch als 
Professor. („Professor' kommt von Profiteor'!) Was er mik über 
unterlegt, das kommt nicht an meine Stiefelspitzen heran. 
Zu dem Satze im obigen Artikel: ich hätte in meinem Buche Eng- 
lands Politie Deutschland gegenüber charakterisiert alo: Krieg oder deutsches 
Bachgeben, und das bedeute einen sehr großen Unterschied, macht Professor 
Balentin die Anmerkung: „Vergleiche Reventlows abschließendes Urteil- 
das ih nochmals hinsetze: England hat seit Jahren die Welt organisiert 
und in Bewegung gesetzt, um den Bernichtungskrieg gegen ein fried- 
liches Volk zu führen."“ 
Damit sollte meine. Behauptung, ich hätte die Politik Englands 
mit „Krieg oder Demütigung“ charakterisiert, als unrichtig bezeichnet 
werden. Aun hatte ich aber jenen Satz gar nicht geschrieben, sondern den 
folgenden: „Gritische Herrschsucht und Handelseifersucht sind die Triebfedern 
gewesen, welche die Welt organisiert und in Bewegung gesetzt haben, 
um den Bernichtungekrieg gegen ein friedliebendes Bolk zu führen.“ 
Eine historische Autorität, Professor Eduard Meper, hat das Balen- 
tinsche Pamphlet zum Gegenstande einer Abhandlung in den „Süd- 
deutschen Monatsheften“ gemacht und hat sich mit einer Kraft und 
Offenheit geäußert, die es mir zur angenehmen Pflicht macht, ihm im 
Interesse der Sache aufrichtigen Dank dafür zu sagen, daß er mit dem 
Gewichte seines Namens für das, was wahr und gerecht ist, eingetreten ist. 
Professor Meper nimmt sich auch das von Valentin gefälschte Zitat aus 
meinem Buche vor und sagt dazu: „Daß das etwas wesentlich anderes 
ist, liegt auf der Hand. In seiner echten Fassung bezeichnet der Satz die 
treibenden Kräfte, welche die englische Politik zu ihrer entscheidenden 
Wendung gegen Oeutschland und zu der sostematisch und sorgfältig durch- 
geführten Organisation der großen Koalition geführt haben, die den Kampf 
eröffnet hat, der Deutschland vernichten sollte. Daß, wenn Oeutschland 
sich freiwillig unterwarf und damit aus dem Kreise der führenden Welt- 
mächte ausschied, die britische Politik e5 vorgezogen hätte, ihr Ziel ohne 
Schwertstreich zu erreichen, ist dadurch nicht ausgeschlossen. Ich lasse es 
dahingestellt, ob es Mangel an VBerständnis ist oder böser Wille gewesen 
ist, der Balentin zu seiner Fälschung veranlaßt hat; vermutlich war es 
eine Mischung von beidem.“ 
Es sei hinzugesetzt, daß sich jene Alternative: Krieg — oder freiwillige 
Unterwerfung, durch den ganzen zweiten Teil dee Buches hindurchzieht 
und gerade einem so aufmerksamen Leser wie Valentin, der mit der Tendenz
        <pb n="19" />
        Zur Einführung. XVII 
  
las, Diskreditiermaterial aus dem Buche zu gewinnen, nicht hat entgeben 
können. 
Professor Eduard Meper bekennt sich ferner zu einer Auffassung, 
die auch die meinige ist: 
„DOie eigentliche Triebfeder des Angriffes Balentins liegt jedoch auch 
noch nicht in der Stellung, die Reventlow gegen England einnimmt. 
Sie enthüllt sich vielmehr in Balentins schon angeführtem Schlußsatz; 
den ich noch einmal bierhersetzen muß: „Wir können nicht umhin, sowohl 
vor diesem Buche wie vor seinem Autor mit allem Nachdruck und dem 
vollen Bewußtsein der Schwere dieser Borwürfe öffentlich zu warnen.“ 
Also nicht nur eine falsche Auffassung soll kritisiert und ein Buch, das dem 
Kritiker wissenschaftlich verfehlt erscheint, als solches mit aller Schärfe 
verurteilt werden, sondern der Mann soll vernichtet werden, politisch wie 
moralisch. Es ist Offiziosus in seiner häßlichsten Gestalt, der hier sein wahres 
Gesicht enthüllt.“ 
„Dabei“, fährt Professor Meper fort, „ist Herrn Valentin das Miß- 
geschick begegnet, daß er mit seinem Angriff gegen Reventlows Auffassung 
der englischen Politik zu spät gekommen ist. Wenige Wochen nach dem 
Erscheinen von Balentins Aufsatz hat sich der Reichskanzler selbst zu eben 
dieser Auffassung bekannt. „Was die Briten aus Deutschland machen 
wollen,“ sagt er in der Rede vom 28. September 1916, „darüber lassen 
sie keinen Zweifel. Militärisch wehrlos, wirtschaftlich zerschmettert und 
bopykottiert, von aller Welt verurteilt zu dauerndem Siechtum, so siebt 
das Deutschland aus, das England sich zu Füßen legen will. Wenn dann 
keine deutsche Konkurrenz mehr zu fürchten ist, wenn Frankreich sich ver- 
blutet hat, wenn alle Kriegsverbündeten wirtschaftlich und finanziell 
England Frondienste leisten, die europäischen Neutralen jedem englischen 
Schiff, jeder schwarzen Liste parieren müssen, dann soll auch ein ohnmäch- 
tiges Deutschland den Traum einer englischen Weltberrschaft nicht mehr 
stören. Für dieses Ziel kämpft England mit einem in seiner Geschichte 
unerhörten Kräfteeinsatz, mit Mitteln, die einen Bruch des Bölkerrechts 
an den anderen reihen. Darum ist England der selbstsüchtigste, hartnäckigste, 
erbittertste Feind“.“ Professor Eduard Meper meint mit Recht, daß diese 
Worte des Kanzlers nichts anderes besagen als die Schlußworte des vor- 
liegenden Buches in seiner dritten Auflage. Der Unterschied ist freilich 
der, daß damals der Deutsche Reichskanzler nicht meiner Auffassung 
war, und daß Professor Balentin im Berein mit dem Auswärtigen Amt 
noch an der alten irrigen Auffassung festhielt, daß die großbritannische 
Politik, insbesondere Sir Edward Grey, nur durch die bösen französischen 
und russischen Staatsmänner zur Kriegsfolge verleitet worden sei und 
während des Krieges eine deutsch-englische Berständigung nicht aus- 
Graf Reventlow, Deutschlands auswärtige Politik. b
        <pb n="20" />
        XVIII Zur Einführung. 
  
geschlossen sei und deshalb erstrebt werden müsse. Herr Valentin war also 
in der Tat etwas zu spät gekommen. 
Biel wichtiger als diese Tatsache und überhaupt als die Person des 
Herrn Professors Balentin und das, was er schrieb — viel wichtiger ist 
das, was er sollte und was der Zweck dieser seiner Tätigkeit war. 
Auf Grund von Tatsachen, die jeder weitere Monat des Krieges 
als unwiderleglich bestätigt hat, ist in dem vorliegenden Buche geschil- 
dert worden, wie die Politik des Deutschen Reiches unter der Führung 
des Reichskanzlers, Herrn v. Bethmann Hollweg, sich als ihren Angel- 
punkt und als ihren Zweck, dem alles unterzuordnen war, eine sogenannte 
Verständigung mit Großbritannien gesetzt hatte. Es wird geschildert, wie 
keine Tatsachen, keine Krisen und keine Rückschläge den Deutschen Reichs- 
kanzler von dieser Politik abbringen konnten. Erst die britische Kriegs- 
erklärung an jenem Augusttage des Jahres 1914 veranlaßte den Reichs- 
kanzler zudem unumwundenen Zugeständnis an den scheidenden Botschafter 
Sir E. Goschen: hiermit stürze seine ganze Politik wie ein Kartenhaus 
zusammen. 
Diese Politik ist in der Tat den wirklichen Berhältnissen und treibenden 
Kräften nicht entsprechend gewesen und hat weitesttragende Folgen gezeitigt. 
Und dazu muß immer hervorgeboben werden, daß die Berständigungspolitik 
des Reichskanzlers keineswegs allgemein in Deutschland geteilt wurde. Der 
Schöpfer und Organisator der deutschen Marine, Großadmiral v. Tirpitz, 
bat diese Politik niemals gebilligt, sondern die großbritannische Politik wie 
ihre Pläne immer klar und richtig erkannt; das ist geschichtlich. Die Politik 
und alle Auffassungen und Voraussagen des Staatssekretärs des Reichs- 
Marine-Amtes wurden durch den Eintritt Großbritanniens in den Krieg be- 
stätigt, die des Deutschen Reichskanzlers erwiesen sich als unzutreffend. 
Das vorliegende Buch hat diesen Gang der Dinge, wenn auch nur 
in großen Zügen, festgestellt, und deshalb griff der beim Auswärtigen 
Amte beschäftigte Professor Beit Balentin zur Feder, um vor dem Buche 
und dem Autor öffentlich zu warnen. Seine Feststellung von Unterschie- 
den zwischen den neuen Auflagen und der ersten und zweiten konnte 
für einen nüchternen Beurteiler nicht als Borwand ausreichend für eine 
derartige Verfluchung angesehen werden. 
Valentin ist voll Entrüstung, daß von der dritten Auflage an England 
als Seele und Triebfeder der gegen Oeutschland gerichteten Koalition 
und als eigentlicher Anstifter des Weltkrieges dargestellt wird. Er schreibt: 
„Oie Tendenz Reventlows, England als den Anstifter alles Bösen und das 
Haupt einer durch zehn ZJahre konsequent betriebenen Verschwörung 
gegen Oeutschland hinzuftellen, kommt an manchen Stellen seines Buches 
in geradezu belustigender Weise zum Vorschein.“ Zn der ersten und zwei-
        <pb n="21" />
        Zur Einführung. XIX 
  
ten Auflage hat auch diese Frage in vielen wesentlichen Punkten offen- 
gelassen werden müssen. Beiläufig bemerkt, bin ich heute noch überzeugt, 
daß König Eduard an und für sich insofern friedliebend war, als er die 
Demütigung Oeutschlands lieber ohne Krieg herbeigeführt haben würde. 
Der Auöbruch des Krieges und das, was er nachher an Ereignissen und 
Enthüllungen gebracht hat, fordert gebieterische Berichtigung, Ergänzung 
und Feststellung, wo vorher nur Ansichten, Hypothesen und sktizzenhafte 
Schilderungen möglich waren. Balentin aber sagt in überlegener Fronie: 
„In der ersten Auflage hat Reventlow selbst auch noch so gedacht; in der 
dritten Auflage ist er klüger geworden. Warum? Znzwischen ist der 
Krieg ausgebrochen! . vor Tisch las man's anders!“ Professor Eduard 
Meper fügt hinzu: „Gewiß: aber „nders lesen“ würden wir auch, wenn 
uns Thukydides' erste Skizzen aus der Zeit vor dem Ende des Krieges 
erhalten wären, und sehr anders lesen wir z. B. bei Treitschke und Sybel 
in ihren Aufsätzen und Reden aus der Konfliktszeit und in den Werken, 
die sie geschrieben haben, als der Krieg die Entscheidung und die Klärung 
auch über die Vergangenheit (z. B. über eine damals so hart umstrittene 
Konvention mit Rußland 1863) gebracht hatte. Mit seinen Sätzen spricht 
Valentin nicht dem Grafen Reventlow das Urteil, wohl aber sich selbst 
und seiner Befähigung für selbständige geschichtliche Arbeit und gar für 
die Aufgaben eines politischen Historikers." 
Einer anderen abfälligen Kritik mit obligater Unterstellung bös- 
williger Tendenz muß noch Erwähnung getan werden, und nicht zwar 
um der Selbstverteidigung willen, sondern weil der Gegenstand auch an 
sich des Znteresses nicht entbehrt. 
Es handelte sich, wie zur Erklärung bemerkt sei, um den ersten Balkan- 
krieg, welcher im Herbst 1912 ausbrach. In derersten Auflage standen die folgen- 
den Sätze: „Wie dem Verfasser der verstorbene Staatesekretär v. Kiderlen-- 
Waechter sagte, und zwar vor Ausbruch des Krieges, hat er damals mehr- 
fach die Hochfinanz vertraulich warnen lassen, auch einige ihrer Bertreter 
persönlich gewarnt. Oie Kurse waren damals so hoch getrieben worden, 
daß auch ohne Eintritt des Krieges ein empfindlicher Rückschlag für das 
wirtschaftliche Leben kaum ausgeblieben wäre. Der Staatssekretär wies 
aber besonders auf die mögliche Gefahr der Balkankrisen hin. Eine Wir- 
kung blieb aus, und wenige Tage später erfolgte jener Zusammenbruch 
an den Börsen, welcher dem Deutschen Reiche viel Geld gekostet hat.“ 
Statt dessen steht in den folgenden Auflagen: „Auf deutscher wie auf 
österreichisch-ungarischer Seite .. täuschte man sich nicht nur über die 
Wahrscheinlichkeit des Kriegsausbruchs, sondern auch vollkommen über 
die Stärkeverhältnisse. v. Kiderlen-Waechter war bei Beginn des HKrieges 
der sichern Uberzeugung, die Türken würden sich ibrer vielen Feinde 
b'
        <pb n="22" />
        XX Zur Einführung. 
  
mit Leichtigkeit erwehren, wenn auch diese nicht vernichten können. Oes- 
wegen sah der deutsche Staatssekretär dem Verlaufe des Kampfes auch 
mit Ruhe entgegen“ usw. Später beißt es in der neueingefügten Charak- 
teristik v. Kiderlen-Waechters: „Während des Balkankrieges, den er, wie 
gesagt, nicht hatte kommen seben, und hinsichtlich dessen er die Kraft der 
Türkei und ihrer Gegner vollkommen falsch einschätzte, war sein Haupt- 
bestreben, die Gelegenheit zu benutzen, um die Beziehungen zu Groß- 
britannien zu bessern.“ 
Wegen dieses scheinbaren Widerspruches in den beiden Auflagen 
wendete sich Herr Professor Eduard Meyer an mich, und ich antwortete 
ihm wie folgt: 
„Wenige Tage vor dem Ausbruch des Balkankrieges sprach ich mit 
v. Kiderlen-Waechter über die Spannung. Er sagte, man könne in solchen 
Fällen bis zum letzten Augenblick nicht wissen, ob der Friede erbalten bleibe 
oder nicht. Bertreter der deutschen Finanz habe er aber auf alle Fälle ge- 
warnt und halte diese Warnung für um so unverfänglicher und notwendiger, 
als die Kurse von so schwindelhaf"er Höhe seien, daß es auch bei der Er- 
haltung des Friedens einen schweren Rückschlag auf dem Geldmarkte 
geben müsse. v. Kiderlen-Waechter rechnete ebenfalls mit der Möglichkeit 
einer noch weitergreifenden Balkankrisis, ohne daß damit der Krieg not- 
wendig verbunden zu sein gebraucht hätte. 
„Im übrigen stand v. Kiderlen-Waechter damals auf dem mir öfter 
zum Ausdruck gebrachten Standpunkt: Die Balkanstaaten und die Türkei 
solle man ruhig aufeinander losschlagen lassen, solange sie Geld, Kraft 
und Lust hätten. Es würde ihnen nichts belfen, denn die Großmächte 
seien sich darin einig, daß keine der Balkanmächte einschließlich der Türkei 
Gebietsgewinn aus dem Kriege erzielen dürfe. Er war im übrigen vom 
Siege der Türkei überzeugt und hatte von den Balkanstaaten die früher 
allgemein geltende Auffassung, daß ihre Heere und ihre Militärorgani- 
sation überhaupt zum Führen eines richtigen Krieges nicht imstande seien. 
und der Konflikt einen Charakter operettenhaften Brigantentums haben 
würde. v. Kiderlen-Waechter betonte wiederholt, daß die Großmächte 
darin einig seien, den Status quo auf der Balkanhalbinsel gemeinsam zu 
erhalten. 
„Auf der Grundlage dieser Ansichtsäußerungen des Staatssekretärs 
habe ich in der ersten bzw. zweiten Auflage die Lage geschildert. Ich er- 
innere insbesondere an den, ich glaube in der „Norddeutschen Allgemeinen 
Zeitung“ gebrauchten Ausdruck v. Kiderlen-Waechters kurz nach dem Aus- 
bruch des Krieges; die Großmächte würden gemeinsam ihr Bestes tun, 
um den Brand, wenn nicht zu löschen, so jedenfalls auf seinen Herd zu 
beschränken und nachber die Brandstätte zu säubern.
        <pb n="23" />
        Zur Einführung. XXI 
  
„Oie eigentlichen Ursprünge jenes Balkankrieges sind mir einiger- 
maßen vollständig und zuverlässig erst 1914 bekannt geworden. Sie zeigten 
ein Bild, welches gänzlich verschieden war von demjenigen, welches v. Ki- 
derlen-Waechter sich und anderen gemacht hat. Die damalige Einigkeit 
der Großmächte war von seiten der Tripelentente ein Manöver, um die 
Mittelmächte zu täuschen. Rußland im Einverständnis mit Großbritannien 
hatte von langer Hand den Balkanbund organisiert, und zwar in größter 
Heimlichkeit den Mittelmächten gegenüber. Der Zweck war, die Türkei 
in Europa zu zerschlagen, Osterreich-Ungarn eine neue schlimme Front 
zu schaffen, die deutsche Orientpolitik zu zertrummern und den Rest 
der Türkei zum willenlosen, von nirgendeher unterstützten Objekt 
der Tripelentente zu machen, schließlich dem Deutschen Reiche einen 
schweren Abbruch an Macht und Prestige zu bereiten und zugleich Italien 
an die Entente zu schmieden. v. Kiderlen-Waechter ging unmittelbar vor 
dem Kriege und noch in seinen Anfängen, als er den berühmten Status 
quo proklamierte, von ganz anderen als den wirklich gegebenen Voraus- 
setzungen aus. Er war über alle diese Dinge nicht unterrichtet. Er bielt 
einen kleinen amüsanten Balkankrieg für möglich und dann den Sieg der 
Türkei für sicher, aber diesen so organisierten Balkankrieg, wie er tat- 
sächlich war, hat er nicht geahnt und sich, wie seine Außerungen vorher 
und seine Politik nachber zeigte, auf einen solchen weder vorbereitet noch 
irgendwie damit gerechnet. Oie militärische Lage ebenso wie die poli- 
tische und diplomatische hatte ihn unvorbereitet gefunden und überrascht. 
„Aus diesen Gründen ist mir der Inhalt jener Gespräche mit v. Kider-- 
len-Wcaechter, den ich in der ersten Auflage stizzierte, nachher als unerheb- 
lich erschienen; denn angesichts der mir inzwischen bekannt gewordenen 
tatsächlichen Lage und Entwicklung hatten die Kiderlenschen Bemerkungen 
ihre Bedeutung verloren. Sie fußten auf einer Lage, die in Wirklichkeit 
gar nicht bestanden hat. Hätte ich sie wieder angeführt, so würde nötig 
gewesen sein, auseinanderzusetzen, daß der Staatssekretär sich in schwerem 
Zrrtume befand. Oiese Tatsache glaubte ich kürzer und sachlicher in der 
Weise zu charakterisieren, wie ich es nachher getan habe. Die von Valentin 
angedeutete Absicht: ich hätte durch die Weglassung des Gesprächs eine 
Herabsetzung v. Kiderlen-Waechters beabsichtigt, unterstellt mir nicht nur 
gemeine, sondern auch ganz kindische Absichten. Ich glaube, das gebt aus 
dieser meiner Darstellung ohne weiteres hervor. Ich darf schließlich noch 
besonders auf den Satz in der ersten und zweiten Auflage binweisen: 
„Der Staatssekretär wies aber besonders auf die mögliche Gefahr der 
Balkankrisen hin.“ Eine Krisis ist nicht ohne weiteres ein Krieg und, 
wie gesagt, meinte v. Kiderlen-Waechter auch in diesem Falle nicht mit 
„Balkankrisen“ den Balkankrieg als solchen.“
        <pb n="24" />
        XXII Zur Einführung. 
  
Hiermit können wir Professor Valentin verlassen. Es war aber nötig, 
weil es zum Bilde der Zeit gehört, auch für eine spätere Zukunft nicht 
in Vergessenheit geraten zu lassen, was für Mächte und was für Methoden 
am Werke gewesen sind, um selbständige Meinungsäußerungen, soweit 
sie unbequem waren und man versäumt hatte, sie zu unterdrücken, mit 
Aufgebot aller Kräfte und sonderbarer Mittel in Mißkredit zu bringen. 
Zm Augenblick, wo diese Zeilen geschrieben werden, stehen einander 
Großbritannien und das Oeutsche Reich im schärfsten Entscheidungs- 
kampf gegenüber. Heute ist es selbst in Deutschland wohl der Mehr- 
zahl klar geworden, was das Ausland schon vor einem Jahrzehnt wufßte, 
wie u. a. auch die belgischen Gesandtenberichte beweisen, daß der Krieg 
und seine Vorbereitung lediglich auf dem Willen Großbritanniens be- 
ruhen, den friedlichen Wettbewerb des Deutschen Reiches nicht zu dulden. 
Vor diesen seinen Wagen hat Großbritannien die französische Revanche- 
lust und die russische Eroberungssucht gespannt und sich eine Anzahl anderer 
Vasallen angegliedert. Der eigentliche Wesenszug des Kampfes ist aber, 
wie gesagt, von Anfang an durch das Wort: Großbritannien gegen das 
Deutsche Reich —bezeichnet und im weiteren Sinne: die angelsächsische Welt 
gegen das Deutsche Reich. Die Bereinigten Staaten sind nicht als Bri- 
tanniens Basall, sondern als gleichberechtigter LTeilnehmer und solidarischer 
Interessent offen auf den Plan getreten, nachdem sie zwei und ein halbes 
Zahr mit allen Mitteln bestrebt gewesen waren, durch neutralitätswidrige 
Unterstützung unserer Feinde und durch unglücklich langen erfolgreichen 
Druck auf die deutsche Regierung das Deutsche Reich zur Aiederlage zu 
führen. ANicht der Krieg hat den deutsch-angelsächsischen Gegensatz geschaffen, 
denner warseit anderthalb Jahrzehnten da. Der Krieg hatihn aberoffenbart, 
und darauf kommt es an. Seine Entwicklung im Laufe des letzten Menschen- 
alters in ihren Grundzügen zu zeichnen, bildet somit den Hauptinhalt 
und den Grundzug dieses Buchez. Nicht „Tendenz“ hat diesen Grundzug 
hineingebracht, sondern die an der Hand der Tatsachen gewonnene Ein- 
sicht und Uberzeugung, daß es so ist und daß die politische Entwicklung 
und somit die Geschichte dieser Fahrzehnte im wesentlichen nicht anders 
aufgefaßt werden kann. Je weiter uns der Lauf der Zeit von jener vor 
dem Kriege liegenden Periode entfernt, desto klarer, ja selbstwerständlicher 
wird es den Deutschen werden, daß nicht „Englandhaß“ es so erscheinen 
ließ, nicht „Englandhaß“ eo war, der die Dinge so sah, sondern daß sich bier 
einer der weltgeschichtlichen Zusammenstöße vorbereitete, welchen die ganze 
Welt kommen sah, nur nicht der größte Teil des deutschen Bolkes. 
Professor Oncken hat in einem Artikel der Frankfurter Zeitung an 
meiner Darstellung bemängelt, daß sie die Rolle Englands dem Deutschen 
Reiche gegenüber auf eine zu einfache Formel gebracht habe. Das sei
        <pb n="25" />
        Zur Einführung. XXIII 
  
unrichtig; auch in Großbritannien seien die verschiedensten Strömungen 
vorhanden gewesen, die einander gerade in Beziehung auf das Berhältnis 
zum Deutschen Reiche bekämpft hätten. Oiese Tatsache zu bestreiten, liegt 
mir fern, aber anderseits muß ich auf dem Standpunkt bleiben, daß eine 
"Darstellung, wie die vorliegende, in ihrer ganzen summarischen Form und 
Methode nicht im einzelnen auf die innerpolitischen Borgänge und Strö- 
mungen in Großbritannien eingehen kann, noch es darf. Dieses Buch 
wollte und will, wie sein Titel sagt, eine Darstellung der auswärtigen 
Politik des Deutschen Reiches geben. Hätte es sich um die Darstellung 
der britischen Politik während der vergangenen dreißig Zahre gebandelt, 
so würde die Aufgabe für den Verfasser eine wesentlich andere gewesen 
sein. Hier handelte es sich aber um die Darstellung der deutschen Politik 
als Ausgangspunkt und als Mittelpunkt, während die Politik der übrigen 
Mächte nur soweit zu schildern war, als das Verständnis der auswärtigen 
Politik des Deutschen Reiches es erforderte. Aber abgesehen davon halte 
ich im Gegensatz zu Herrn Professor Oncken die Ansicht aufrecht, daß im 
letzten Grunde die Formel der Politik Großbritanniens und ihres prak- 
tischen Berlaufes tatsächlich eine einfache gewesen ist. Zene Neben- und 
Gegenströmungen haben nicht die NRolle gespielt, welche Herr Professor 
Oncken anscheinend annehmen zu sollen glaubt. Sie blieben schließlich 
an der Oberfläche, während die tiefe Grundströmung der Politik des 
Inselreiches unbeirrt ihren Weg ging, denselben Weg, welchen sie mutatis 
mutandis seit den Tagen der Königin Elisabeth gegangen ist: die jeweilig 
stärkste europäische, seefahrende und Ausfuhrindustrie treibende Macht 
als Todfeind anzusehen, sie politisch und wirtschaftlich und, wenn es nicht 
anders geht, auch militärisch zu bekämpfen mit Hilfe einer tunlichst großen 
Mächtekoalition. Daß es in Großbritannien Leute gegeben hat, welche 
glaubten, das Deutsche Reich werde durch die Künste der Politik auf fried- 
lichem Wege zur Unterwerfung und in weiterer Folge zur Abhängigkeit 
und zum Albstiege gebracht werden können, das beweist nicht nur nichts 
gegen meine ODarstellung, sondern bestätigt sie. Um ein Beispiel zu wählen: 
so ist mir auch aus Leserkreisen als Fehler vorgeworfen worden, daß 
ich geschrieben habe, König Eduard habe den Krieg an und für sich nicht 
gewollt und die Erhaltung des Friedens vorgezogen. Ich bin auch heute 
noch der Uberzeugung, daß diese Auffassung die richtige ist. Eduard VII. 
hatte, wie Lansdowne, wie Grey, wie Haldane und Azsquith, das genannte 
Doppelprogramm, des Deutschen Reiches durch Zusammenbringung der 
großen Koalition mit friedlichen oder mit kriegerischen Mitteln Herr zu 
werden. Anwendung der friedlichen Mittel hätte König Eduard vor- 
gezogen, wie jeder Staatsmann sie vorgezogen haben würde, denn sie be- 
deutete den billigeren Weg. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß
        <pb n="26" />
        XXIV Zur Einführung. 
  
  
König Eduard und seine Leute einen reinen Festlandkrieg als ein großes 
Abel betrachtet haben würden. Den Beleg dafür bildet die Bosnische 
Krise von 1908/09. Damals tat die britische Politik mit König Eduard 
alles, um keine friedliche Erledigung der russisch-österreichischen Streit- 
fragen herbeizuführen, während Frankreich im Sinne der Erhaltung des 
Friedens tätig war. Dokumentarische Enthüllungen während des Krieges 
haben diese damalige Rolle der großbritannischen Politik bestätigt, aber 
sie liefert keinen Beweis dagegen, daß König Eduard im allgemeinen die 
Erhaltung des Friedens wünschte, ihr aber unter gewissen Umständen 
einen Krieg vorzog. 
Überblickt man gerade die letzten Fahrfünfte seit dem Jahre 190, so“ 
ergibt sich im Widerspruch zur Auffassung Professor Onckens eine Gerad-- 
linigkeit der auswärtigen Politik Großbritanniens von ganz klarem Ge- 
präge, und jene einfache Formel läßt sich für jedes Jahr und für jedes Er- 
eignis während dieser Zeit herausfinden. Die belgischen Gesandtenberichte 
lassen zwar erkennen, daß die deutschen Staatsmänner besonders in den 
ersten Jahren nach Schließung der Entente diese Geradlinigkeit nicht er- 
kannten, auch das Wesen der britischen Politik nicht begriffen hatten. 
Der damalige belgische Gesandte zu Berlin, Baron Greindl, schildert, 
wie große Hoffnungen die deutsche Regierung im Fahre 1906 auf die Ab- 
lösung des konservativen Ministeriums Balfour durch das liberale Kabi- 
nett Campbell Bannerman gesetzt hat. Zene Hoffnungen verwirklichten 
sich nicht, mußten vielmehr schon bald als irrig aufgegeben werden, denn 
es zeigte sich, daß die auswärtige Politik des Inselreiches ganz in den- 
selben Bahnen blieb und das gleiche Ziel verfolgte, wie die des alten 
Kabinetts. Die Träger der Politik des Deutschen Reiches haben auch 
später, besonders nach dem Jahre 1909 die großbritannische Politik nicht 
verstanden, sondern sie durch die Brille der eigenen Wünsche, es waren 
die bekannten Verständigungswünsche, gesehen und beurteilt. Weil man 
sich aber in Deutschland so viel und so gründlich über die auswärtige Politik 
Großbritanniens getäuscht hat, wird die eigentliche Formel eben dieser 
Politik nicht komplizierter, sondern behält ihre Einfachheit und Klarheit. 
Sie behält sie auch, wenn man ohne weiteres zugibt, daß es in den Jahren 
und Jahrzehnten vor dem Kriege einzelne Engländer gegeben hat, welche 
jene überlieferte britische Politik nicht billigten. Wenn aber Lord Loreburn 
damals die Abschaffung des Seebeuterechts predigte und Lord Avebury 
Bölkerverständigung und Eleichberechtigung des Deutschen Reiches emp- 
fahl, so hat das an der tatsächlich getriebenen Politik des Britenreiches 
nie das geringste geändert. 
Es wäre weiter bierzu noch anzuführen, daß es vor dem Kriege nicht 
nur belgische Diplomaten, sondern auch Männer in Deutschland gab,
        <pb n="27" />
        Zur Einführung. XXV 
  
welche sich über die Richtung und das Ziel des britischen Anmarsches 
durchaus klar waren. Auch hier steht an erster Stelle Großadmiral v. Tir- 
pitz. Die Einfachheit der Formel der britischen Politik mußte auch für 
jeden klar sein, der die Geschichte Großbritanniens und die Unveränder- 
lichkeit des britischen Charakters sowie die Lebensbedingungen des Insel- 
reiches kannte und politisch einzuschätzen fähig war. 
Die ODarstellung der auswärtigen Politik des Deutschen Reiches, wie sie 
im vorliegenden Buche versucht worden ist, gliedert sich mit natürlicher Not- 
wendigkeit in eine Anzahl größerer Abschnitte. Der erste Abschnitt beschäftigt 
sich beinahe ausschließlich mit den Grundlagen der von 1890 an rechnenden 
politischen Periode und der Amtsführung Caprivis, die sich daran anschloß. 
Der Ubergang vom ersten auf den zweiten Kanzler begriff nur eine kurze Zeit- 
spanne, war aber sehr reich an weittragenden Ereignissen, an folgen- 
schweren Vorgängen und an Ursachen späterer bedeutungsvoller Wir- 
kungen. Der Verfasser hat auch für notwendig gehalten, hier, allerdings 
in äußerster Kürze, ein Bild der europäischen Lage am Ende der Bics- 
marckischen Amtsführung zu geben; ohne eine solche Sktizze wäre das 
Nachfolgende nicht genügend verständlich gewesen, weil sonst die Boraus- 
setzungen und Ursachen der nachher zu schildernden Zeit gefeblt hätten. Sie 
durften auch nicht als bekannt angenommen werden. Aus den gleichen 
Gründen ist innerhalb dieses ersten Abschnittes ein besonderes Kapitel 
„Die Lücke in der Rüstung des Dreibundes“ eingefügt worden. Sie be- 
schäftigt sich mit unserem damaligen Bundesgenossen Italien und er- 
läutert die Vorgeschichte und Geschichte seiner Stellung zum Oreibunde. 
Wie in dem Vorworte zur ersten Auflage geschrieben wurde: „hat der 
Verfasser sich zu dieser scheinbar teilweise aus dem Rahmen des Ganzen 
etwas herausfallenden Ausführung entschließen zu müssen geglaubt, weil 
er für besonders wichtig hält, daß dieser Punkt in der deutschen Offentlich- 
keit mehr Berständnis finde, vor allem mehr beachtet werde, als es gemein-- 
hin geschieht“. Auch heute, im dritten Kriegsjahre, entspricht dieses der 
Ansicht des Verfassers. Die Stellung Italiens im Oreibunde war letzten 
Endes durch die geographischen Verhältnisse Italiens am Mittelländischen 
Meere bedingt, nach der positiven Seite sowohl als nach der negativen. 
Die Stellung IZtaliens zum Oreibunde bing ferner aufs engste zusammen 
mit den Beziehungen zwischen Großbritannien und Frankreich und der 
Art des deutsch-britischen Berhältnisses. Diese Tatsachen sind vielen Deut- 
schen erst während des Krieges einigermaßen klar geworden, weil die 
vergangenen Dreibundjahrzehnte der Erinnerung entschwunden waren, 
es auch eine übersichtliche Darstellung dieser interessanten Entwicklung 
nicht gab. Der Berfasser ist, nebenbei bemerkt, nicht der Auffassung, daß 
der Abfall Italiens im Frühsommer 1915 mit einer sozusagen schicksal-
        <pb n="28" />
        XXVI Zur Einführung. 
haften Notwendigkeit erfolgt wäre. Im Gegenteil dürfte eine geschick- 
tere und konsequentere deutsche Politik zum allermindesten Ztalien neu- 
tral erhalten haben. Damit soll nicht gesagt werden, daß die letzten, 
während des Krieges erfolgten deutschen Bemühungen durch den früheren 
Reichskanzler Fürsten Bülow nicht auf der Höhe gestanden hätten, im 
Gegenteil! Sie standen auf der Höhe, aber Fürst Bülow kam in eine 
Lage hinein, die verfahren und gewissermaßen unmöglich war. Die vor- 
herige Handhabung der deutschen Politik Italien gegenüber hatte einen 
Erfolg der Sendung des Fürsten Bülow unmöglich gemacht. Die geo- 
graphische Bedingtheit und ebenso die wirtschaftliche bleiben für Italien 
bestehen und werden auch nach dem Kriege ihre Wirkung, soweit cs mög- 
lich ist, zum Ausdruck bringen, je nachdem, wie der Krieg ausgeht, in ihrer 
Richtung beeinflußt. Die vor dem Kriege anscheinend gemachten politischen 
Bersuche, Italien und ÖOsterreich-Ungarn zu einer das Mittelmeer, wenn 
auch nicht beherrschenden, aber doch zu einer sehr starken maritimen Macht- 
gruppe auf gemeinsamer Basis zu machen, scheiterten und mußten schei- 
tern, weil die Lage zu sehr verschärft war. Der Gedanke konnte freilich 
nur als richtig bezeichnet werden. Auch der Krieg hat gezeigt, daß Italien 
und Osterreich-Ungarn vereinigt und nachher weiter verstärkt durch den 
Beitritt des Türkischen Reiches wahrscheinlich die Beherrschung des Mittel- 
meeres gegen die französische Flotte erreicht baben würden. Großbri- 
tannien konnte sich, während des Krieges ganz durch Kampf gegen Deutsch- 
land in Anspruch genommen, nur mit wenigen älteren Schiffen im Mittel- 
ländischen Meere beteiligen, wie u. a. die Oardanellenaktion gezeigt 
hat. Die Lage im Mittelländischen Meere und gerade auch die Stellung 
Italiens wird immer ein kompliziertes und wechselndes politisches Pro- 
blem bleiben. Deswegen ist das Kapitel „Die Lücke in der Rüstung des 
Dreibundes“ auch in der neuen Auflage geblieben und wird seine Be- 
rechtigung nicht nur für die Beurteilung der Bergangenheit, sondern auch 
für die politischen Fragen der Zukunft behalten. 
Die kurze Periode der Caprivischen Politik Anfang der neunziger Jahre 
legt die Grundlage für den Weltkrieg 1914. Der entscheidende Schritt war 
der überstürzte politische Bruch mit Rußland durch die Tatsache der Nicht- 
erneuerung des deutsch-russischen Rückversicherungsvertrages. Bismarck hat 
sich einst als größtes politisches Berdienst angerechnet, daß es ihm gelungen 
sei, während seiner Amtsführung einen europäischen Koalitionskrieg gegen 
das Deutsche Reich zu verhindern. Dem großen Staatsmann ist es seit den 
siebziger Jahren klar gewesen, daß bier die Gefahr für das junge Deutsche 
Reich läge, weil es als neues, starkes und lebenskräftiges Gebilde in der 
Nitte des europäischen Erdteiles den alten europäischen Mächten sämt- 
lich —mit Ausnahme Österreich-Ungarns und damals Italiens — unbequem
        <pb n="29" />
        Zur Einführung. XXVII 
  
und bedrohlich erschien. Biemarck war sich ebenfalle darüber klar, daß die 
politische Gruppierung in Europa, wie er sich auedrückte, die strategische 
Stellung sei, die von Zeit zu Zeit eingenommen oder aufsgegeben 
würde. Er war sich der Wandelbarkeit aller dieser Dinge und Berhält- 
nisse bewußt. Er wird auch nicht geglaubt haben, mit dem Dreibunde 
einerseits, der russischen Rückversicherung anderseits, eine ewige Garantie 
erzielt zu haben. Die wachsende russische Feindschaft Deutschland gegen- 
über war ihm bekannt, und ebenfalls war es die wachsende russisch-fran- 
zösische Annäherung. Das konnte für einen Staatsmann aber kein Grund 
sein, nunmehr die Flinte ins Korn zu werfen und den politischen Bruch 
mit Rußland zu vollziehen, sondern hätte das Gegenteil zur Folge haben 
müssen. Bismarck hat die N#ichterneuerung des Rückversicherungsvertrages 
auch stets als schwersten Fehler des neuen Kurses bezeichnet. Caprivi 
wollte das Deutsche Reich anstatt dessen auf England stützen. Frankreich 
und Rußland vereinigten sich, die großbritannische Politik bemächtigte sich 
des isolierten Deutschlands, und nach wenigen Zahren zeigte sich die Wahr- 
beit des Bismarckischen Ausspruches: der Deutsche Kaiser werde ja in 
seinen Hoffnungen auf England schwer enttäuscht werden. Es folgten der 
Sturz Caprivis und der dann mit Hohenlohe cinsetzende Versuch, die 
Beziehungen zu Rußland wieder anzuknüpfen und auch zu Frankreich 
in ein besseres BVerhältnis zu gelangen. Die Verstimmung zwischen Groß- 
britannien und dem Deutschen Reiche wuchs, während das Deutsche Reich 
mit den beiden benachbarten Festlandgroßmächten sein Ziel ebensowenig 
erreichte. Die Borbedingungen für die deutsche Einkreisung waren somit 
geschaffen, es fehlte nur noch die Berbindung zwischen Großbritannien 
mit Frankreich einerseits, mit Rußland anderseits. Vorher versuchte Groß- 
britannien noch einmal, um die Zahrhundertwende und nachher, das 
Deutsche Reich zu einem engeren Anschlusse zu gewinnen, um den Preis 
natürlich der deutschen Unabhängigkeit und um den der deutschen Flotte. 
Fürst Bülow erkannte die Gefahr und lehnte ab, und nun erfolgt in den 
kommenden Zahren die Bildung der Entente Cordiale, die dann nach 
dem Russisch-Japanischen Kriege durch den russischen Anschluß ergänzt und 
gestärkt wird. Die Bildung der Entente Cordiale im Jahre 1904 ist als 
Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung und als die zweite große 
Etappe zum beutigen Weltkriege anzusehen. Die Entente Cordiale, der 
Zusammenschluß Großbritanniens und Frankreichs bei unbestrittener bri- 
tischer Bormundschaft bedeutete gleichzeitig die Beilegung einer Jahr- 
bunderte alten Gegnerschaft, berbeigeführt durch freiwillige Unter- 
werfung Frankreichs. Die Entente Cordiale war eine politische Folgerung 
aus der Nichterneuerung des deutsch-russischen Rückversicherungsvertrages 
nach Beseitigung des Hindernisses der vorher bestehenden britisch-fran-
        <pb n="30" />
        XXVIII Zur Einführung. 
  
zösischen Spannung undrichtet sich selbstbeemußt und offen gegen das Deutsche 
Reich; Großbritanmien steht aufjedes Risikohinter Frankreich. Als dann in den- 
selben Jahren 1904 und 1905 Rußland auf Englands Veranlassungvon Japan 
im Fernen Osten geschlagen worden war und im Znneren durch Revolution 
zerrüttet wurde, stand auch dem britisch-russischen Zusammenschlusse kein 
Hindernis mehr im Wege. Er begann sofort, und sein formaler Bollzug 
fand 1907 statt. In die gleiche Zeitperiode fällt die entschlossen gegen 
Deutschland betätigte Stellungnahme der Entente Cordiale, nämlich in 
der Marokkofrage. Die Konferenz in Algeciras liefert den Beweis, daß 
das Deutsche Reich in der Marokkofrage, in der das Recht völlig auf deut- 
scher Seite steht, ganz Europa und die Vereinigten Staaten von Amerika 
gegen sich hat. Auch Ztalien steht auf der Gegenseite, und der andere 
Bundesgenosse Osterreich-Ungarn wagt nicht, über eine neutrale Haltung 
hinauszugehen und nicht mehr zu tun, als der deutschen Diplomatie 
ihren Rückzug auf der Konferenz zu vermitteln. Das Deutsche Reich sieht 
sich isoliert und von allen vermeintlichen Freunden verlassen. Dabei be- 
findet es sich militärisch in denkbar günstiger Lage, denn Rußland ist wehr- 
los und Frankreich nicht bereit. Die deutsche Friedensliebe ist aber unbe- 
dingt, und deshalb wird die Gelegenheit nicht benutzt, dem Deutschen Reiche 
freie Luft zum Atmen in Europa und in der Welt ein für allemal zu schaffen. 
Unter Großbritanniens Führung wird nach diesen seinen großen Er- 
folgen die antideutsche Koalition immer umfangreicher und schließt sich 
immer fester zusammen. England und Frankreich treffen mit Belgien 
die berühmten Abmachungen und schließen im Mittelmeer mit Spanien 
und Italien Verträge. Oer britischen Staatskunst ist es gelungen, Nor- 
wegen von Schweden zu trennen und einen dänischen Prinzen auf den 
norwegischen Thron zu bringen, dessen Frau eine Britin ist. Die große 
Bedeutung dieses englischen Schachzuges ist dem deutschen Bolke erst jetzt 
in diesem Kriege zum Bewußtsein gelangt: ein Großbritannien bot- 
mäßiges Norwegen, ein geschwächtes, unentschlossenes Schweden, ein 
überwiegend deutschfeindliches Skandinavien, eine ununterbrechbare Ver- 
bindung zwischen Rußland und Großbritannien. Auch im Fernen Osten 
wird gesorgt, daß die deutschen Interessen und Bestrebungen auf Schritt 
und Tritt gegen geschlossenen Widerstand aller anderen Mächte anzu- 
kämpfen haben und durch sie lahmgelegt werden. 
Im Jahre 1908/09 wird die Bosnische Krisis zu einer Generalprobe 
der Wirksamkeit des bisher von König Eduard und seinen Helfern gelei- 
steten Werkes. Die Probe zeigt, daß Rußland einen Krieg noch nicht 
führen kann und Frankreich ihn deshalb nicht führen will. Großbri- 
tanniens Gewinn aus der Krisis bleibt: Berschärfung der europäischen 
Lage und des russischen Hassesgegen Deutschland und Osterreich-Ungarn, wei-
        <pb n="31" />
        Zur Einführung. XXIX 
  
  
tere Erschütterung des italienischen Verhältnisses zu den Mittelmächten, stei- 
gende Rüstungen Frankreichs, Rußlands und Großbritanniens. Dazu kommt 
wachsende Entfremdung der Bereinigten Staaten dem Deutschen Reiche 
gegenüber, trotz aller deutschen Werbungen um amerikanisches Wohlwollen. 
AMit der Bosnischen Krisis und nachher tritt die Orientfrage immer 
beherrschender in den Vordergrund. Die unter Englands Leitung ge- 
führte Politik der großen Koalition läuft auf Schwächung und Bernich- 
tung der neuen Türkei hinaus, damit auf Unmöglichwerden jeder posi- 
tiven Orientpolitik und Orientwirtschaftspolitik des Deutschen Reiches. 
Dazu kommt die Erwägung, daß eine derartige Auflösung des Orients 
und die ihr entsprechende Entwicklung auf der Balkanhalbinsel zunächst 
zur Schwächung und allmählich zur Zersetzung und Vernichtung Öster- 
reich-Ungarns führen müsse. Serbien tritt als balkanischer Sprengmittel- 
punkt in den Vordergrund. Rußland steht hinter Serbien, Großbritannien 
hinter Rußland. Die allgemeine Lage spitzt sich weiter zu. 
Znzwischen glaubt Frankreich die marokkanische Frucht reif, und es 
kommt zum Zwischenfall von Agadir. Europa steht an der Schwelle des 
Krieges, welcher aber durch deutsche Nachgiebigkeit verhbindert wird. Es 
schließt sich an der Tripoliskrieg JZtaliens. Ihm folgen die Balkankriege und 
im unmittelbaren Zusammenhange schließt sich die Katastrophe von 1914 an. 
Ze weiter jene Periode fortrückt und zur Bergangenheit wird, desto 
klarer und erschütternder zeigt sich der Eindruck, wie das Deutsche Reich, 
Ende der achtziger Jahre gebietend und umworben auf kunstooll fester 
politischer und diplomatischer Grundlage in der Welt stehend, seitdem durch 
schwankende und unzureichende Politik ein Stück des Bismarckischen Erbes 
nach dem anderen verlor, günstige Gelegenheiten zu einem gerechten Kriege 
für die Berteidigung seiner Lebensinteressen unbenutzt ließ undschließlich 1914 
ohne politische und diplomatische Vorbereitung, politisch beinahe isoliert, 
in den Großen Krieg hineinverwickelt wurde. Von diesen Oingen wird 
in einer besonderen Vorgeschichte des Großen Krieges noch zu reden sein. 
Sie konnte aus mancherlei Gründen bisher noch nicht abgeschlossen werden, 
geschweige denn erscheinen. 
Die Geschichte der Politik des Deutschen Reiches seit Beginn der 
neunziger Jahre bedeutet den mit unzureichenden diplomatischen und 
politischen Mitteln, mit mangelndem Klarblick und ohne Einheitlichkeit 
staatomännischer Gedanken gemachten Versuch, die deutsch-englische Frage 
einer ersprießlichen Löfung entgegenzuführen. Diese Frage ziebt sich durch 
alle jene Jahre hindurch und beherrscht im Grunde alles, was geschieht. 
Mit Beginn der neunziger Zahre sieht Großbritannien im Deutschen 
Reiche den wirtschaftlichen Wettbewerber der Zukunft, die Macht, welche 
nach dem Muster Spaniens, Hollands, Frankreichs vernichtet oder auf
        <pb n="32" />
        XXX Zur Einführung. 
— 
— 
friedlichem Wege zum willenlosen Objekte Großbritanniens gemacht 
werden müsse. Der Deutsche Kaiser erkannte mit Antritt seiner Regierung 
das Mittel und den Weg. Weitblickend und mit mächtiger Anregung 
verlangte er eine starke Flotte für das Deutsche Reich. Zehn Jahre lang 
mußte er vergebens gegen deutschen Unverstand, gegen Gedankenträgheit 
und Widerspruch kämpfen. Dann gelang es mit Hilfe des von ihm er- 
wählten Mannes, des späteren Großadmirals v. Tirpitz, den Flottenbau 
in die Wege zu leiten. In einer unglaublich kurzen Zeit ist Gewaltiges 
geschaffen worden, aber das Ziel konnte nicht erreicht werden. Der Krieg 
kam zu früh. Die auswärtige Politik des Deutschen Reiches stand nicht 
auf der Höhe der Marinepolitik, und seit dem Zahre 1900 hat sie die letztere 
bekämpft, geleitet durch den schweren Zrrtum einer deutschen Verständi- 
gungspolitik Großbritannien gegenüber um den Preis deutscher See- 
geltung und Unabhängigkeit. 
Der deutsche Flottengedanke und die deutsche Flotte selbst ziehen sich 
durch die ganze im vorliegenden Buche behandelte Periode hindurch, 
bald in dieser Form, bald in jener. In Großbritannien war man sich klar 
darüber, daß eine Lösung der deutschen Flottenfrage im deutschen Sinne 
es dem britischen Volke unmöglich machen werde, seine Handelseifersucht 
dem Oeutschen Reiche gegenüber in der altgewohnten und überlieferten 
Weise zu betätigen. So ging die britische Politik zielbewußt darauf aus, 
einer starken deutschen Flottenpolitik alle denkbaren Hindernisse in den 
Weg zu legen, politisch wie wirtschaftlich, immer im Gedanken, daß die 
deutsche Flottenfrage mit der Entwicklung des Deutschen Reiches als 
Festlandmacht eng und ursächlich zusammenhinge. Auch unter diesem 
Gesichtspunkte betrachtet, wird man erkennen, daß die europäische Politik 
seit 1890 im Zeichen des großbritannischen Kampfes gegen den wirtschaft- 
lichen Nebenbuhler Deutschland gestanden hat. 
Zur Zeit, wo diese Zeilen geschrieben werden, scheint der Große 
Krieg in sein entscheidendes Stadium getreten zu sein. Die Oeutschen 
haben allen Grund, guten Mutes der Zukunft entgegenzusehen. Wenn 
gerade in diesem weltgeschichtlichen Augenblick eine neue Auflage dieses 
Buches in die Offentlichkeit gehen kann, so muß sich damit der ernste Wunsch 
verbinden, daß für den Friedensschluß und für die nachfolgende Zeit die 
Deutschen aus den politischen und wirtschaftlichen Begebnissen und Er- 
fahrungen lernen mögen; daß sie sich endlich die dem Deutschen so schwie- 
rige Erkenntnis aneignen, daß Leben und Entwicklung der Bölker auf der 
Machtfrage beruhen und immer beruhen werden und daß auch eine so- 
genannte Kulturpolitik der realen Machtgrundlage bedarf. 
Charlottenburg, Mai 1917. 
Graf Ernst Reventlow.
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        Inhaltsverzeichnis. 
Seite 
Vorwort zur neunten Auflagge.. .. . . V 
Zur EinführngaVVcccycübl. 
Erster Abschnitt. 
Von NRußland zu Großbritannien. 
1887—1894. 
Nach zwei Fronennn 19 
Olee Schwierigkeiten der Lage Deutschlands Ende der achtziger Jahre. — 
Bismarcks Besorgnisse. — Die Macht Frankreichs wächst, der russisch-deutsche 
Segensatz verschärft sich. — Wachsen der französisch-russischen Annäherung. — 
Fürst Gortschakow und Frankreich. — Frankreichs Kolonialpolitik unter Ferry. 
— 1883 Oreibund, 1884 Neutralitätsverträge; dadurch französisch-russische An- 
näherung bintangebalten. — Nach Ferrys Sturz Umschwung, Mohrenheim und 
Fredericks, Ribot, de Frepcinet, Herbette. — Russischer Deutschenhaß, das 
neue europäische Motiv: der Zweifrontenkrieg. — Kompliziertheit des deutsch- 
russischen Berhältnisses. — 1887 deutsch-russischer Rückversicherungsvertrag; 
französische Gewehre für das russische Heer. — 1889 russisch-französische An- 
leihe. — Schwanken Alexanders III., sein Charakter. — Vergebliche Bemühungen 
Biemarcks. 
Die Lücke in der Rüstung des Dreibundes 918 
Crispis Mission bei Bismarck 1877. — Bündnisbesprechungen: „Nehmen 
Sie Albanien!“— Graf Cortis Politik, italienisch-deutsche Bündnisverhandlungen 
mterbrochen, Itallens Isolierung auf dem Berliner Kongreß. — Frankreich 
nimmt Tunis. — 1883 tritt Ztalien dem Dreibunde bei. — 1887 Graf NRobilant 
fordert und erreicht durch England Sicherung der italienischen Stellung im Mittel- 
meer. — Enger Anschluß Großbritanniens an den Oreibund ohne geschriebenen 
Vertrag. — „England die Flotte, der Dreibund die Armeen.“ — ZBtalienisch- 
kranzösischer Zollkrieg, Kolonialpolitik. — 1888 Crispi bei Biemarck. — Staliens 
Mittelmeerbedürfnisse; seine Stellung zum Dreibunde, Grenzen und Hindernisse. 
Die Rückversicherung und ihre Auflöfunngg 13.-26 
1890 lehnt Tapriol Erneuerung ab. — Rückversicherung nie authentisch be- 
lannt geworden, nur durch Blemarckische Enthüllungen 1897. — 1884 deutsch-
        <pb n="34" />
        XXXII Inhaltsverzeichnis. 
  
österreichisch-russische Neutralitätsverträge. — 1887 Erneuerung des deutsch- 
russischen Neutralitätsvertrages, Bismarck-Schuwalow. — Geheimhaltung des 
Vertrages. — Oer defensive und loyale Charakter des Rückversicherungsvertrages. 
— DOas Verhältnis zu Großbritannien der Kernpunkt der Rückversicherung, 
keine Schädigung österreichischer Interessen. — Marschalls Auffassung. — 
Gegensatz zwischen dem Nückversicherungsvertrage und der deutschfeindlichen 
Stimmung und Politik in Rußland. — Biemarck und Alexander III. — Caprivis 
Besorgnisse. 
Zwei neue Mächtegruppen. 
Großbritanniens Interesse an der Trennung Rußlands von Deutschland. — 
Die Ohnmacht des Deutschen Reiches zur See. — Großbritanniens antirussischer 
Einfluß auf Caprivi. — Caprivis deutsch-englisches Ergänzungsprinzip, englische 
und deutsche Reden. — Kühle Aufnahme des Deutschen Kaisers in Rußland. — 
1891 Unterzeichnung der politischen Entente zwischen Frankreich und Ruß- 
land; Admiral Gervais in Kronstadt. — Der frankreichfreundliche Vatikan. — 
Leise Abkühlung Großbritanniens gegen Deutschland nach Auflösung der Rück- 
versicherung. — Kaiser Wilhelm II. im Orient 1888; erste deutsche Eisenbahn-- 
konzession für Anatolien. — Marschall und die Handelsverträge. — Oie Kühle 
des russisch-deutschen Berhältnisses. — Französische LTäuschung über russische 
Angriffsabsichten auf Deutschland. — 1892 russisch-französische Militärkonven-- 
tion. — 1893 Ausarbeitung des russisch-französischen Bündnisses, Toulonreise 
Admiral Avellans. — 1894 russisch-französisches Bündnis unterzeichnet, deutsch- 
russischer Handelsvertrag geschlossen, deutsch-französisches Kamerun-Kongo-- 
abkommen unterzeichnet. — 1893 russischer Thronfolger in Berlin, Heeres- 
vorlage. 
Der Helgoland= und Sansibarhandel 
Inhalt des Abkommens. — Biemarck über Sansibar und Zukunftsaussichten. 
— Englische Befriedigung, deutsche Unzufriedenheit. — Caprivis Begriff von 
Kolonialpolitik: kein Feind derselben, aber beschränkte Anschauung. — Hohen- 
lohe über das Abkommen und seine Ursachen. — Der wachsende Wert Helgo- 
lands, der abnehmende Sansibars. — Helgoland für die deutsche Küstenverteidi- 
gung und für die Entwicklung der deutschen Flotte. — Bismarcks unrichtiges 
Urteil. — Die Vorgeschichte der Erwerbung Helgolands, Abgeordneter Kalle, 
Caprivi, Herbert Bismarck, Prinz Wilhelm. — Helgoland als vitale Notwendig- 
keit für Deutschland. — Englisches Unverständnis, Lord Salisbury: Die senti- 
mentale Insel. — Ourch Helgoland beute das Abkommen gerechtfertigt. 
Am Ende der Amtsführung Caprivis . 
EnglischeUnzufrcedenhettuberdasdeutfchfranzoftfcheKamerunabkoms 
men.—1893deutfchenglischesKamerunabkommen—Franzof1scheKolomat· 
pläne. — Deutschland und Frankreich protestieren erfolgreich gegen britischen 
Vertrag mit dem Kongostaate. — 1894 britische Schwenkung zu Rußland, Prinz 
von Wales in Petersburg, mittelasiatisches Abkommen. — 1894 Beginn der 
Transvaalfrage, zwei deutsche Kreuzer in der Delagoabucht. — Tod Alexan- 
ders III., Rücktritt Caprivis, Ermordung Carnots, Hobenlohe Kanzler. — 
Tastende deutsche Politik. — Symptome italienisch-französischer Annäherung. — 
Folgen der Nichterneuerung der Rückversicherung. — Capriodi. 
Seite 
26-38 
39—52 
5257
        <pb n="35" />
        Inhaltsverzeichnis. XXXIII 
  
Seite 
Die Lage zur e . ... 537- 66 
Kaiser Wilhelms II. erste Maßnahmen und Pläne. — Feblen einer deutschen 
Flotte, die englische Flotte als Ergänzung. — Oer Einfluß des Fehlens der Rück- 
versicherung auf die Lage zur See. — Kaiser Wilhelm und Biemarck über Welt- 
politik. — Englisches Mißfallen, deutsches Unverständnis. — Abersicht: die eng- 
lische, französische, italienische, österreichisch-ungarische, russische Flotte. — 
Der Wörthzwischenfall. — Vergebliche Bemühungen des Deutschen Kaisers. 
Zweiter Abschnitt. 
Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 
1895—1903. 
Der Weg zur Krügerdepeshe 6062- 82 
1895 Kaiser Wilhelm II. in England, englische Preßangriffe und Unzufrieden- 
heiten gegen Deutschland. — Oie südafrikanische Frage wird akut, ihre Vor- 
geschichte. — Krüger, Rhodes, Chamberlain. — Krügers Hoffnung auf Deutsch- 
land. — Baron Marschalls Südafrikapolitik. — Die britische Erstickungspolitik 
in Südafrika. — Vorbereitung des Einfalls Jamesons und seine Ausführung. — 
Marschall und Salisbury. — Gefangennahme Zamesons 2. Januar 1896. — Das 
Krügertelegramm, seine Wirkung in Großbritannien und in ODeutschland. — 
Ziele und Mittel der deutschen Südafrikapolitik, ihr Grundfehler. — Die driti- 
sche Südafrikapolitik. — Frankreich hat nur einen einzigen Feind. — Neuer 
Kurs der deutschen Südafrikapolitik. — Deutschland und die Dongolaexpedition. 
Die europäische Entente in Ostassen 83— 87 
1894/95 Japanisch-Chinesischer Krieg, Friede von Schimonoseki.— Eingreifen 
Rußlands, Deutschlands, Frankreichs. — Russischer und französischer Gewinn. — 
Was veranlaßte Deutschland zu dieser Politik? — Vorbereitung der Erwerbung 
von Kiautschou, Hohenlohe und Zar Nikolaus. — Deutsche Kritik der deutschen 
Ostasienpolitik, die Unberechtigung der ersteren. — Versuch einer Politik der 
freien Hand. 
Die englische Handelseifersucht. — Das erste Flottengesetz 37—102 
Britische Beunruhigung über Deutschlands wirtschaftlichen Fortschritt; Lord 
Rosebery, Chamberlain, Konsularberichte. — Die Krügerdepesche nicht Ur- 
sache, sondern Anlaß. — Wachsende deutsch-englische Berbitterung. Zunehmen 
des deutschen Verständnisses für Flotte, britische HDrohungen: Germaniam esse 
delendam. — Die Fortschritte des deutschen Uberseehandels. — Erfreuliche 
Folgen der deutsch-englischen Krisis. — 1897 Kontreadmiral Tirpitz Staats- 
sekretär, neue erfolgreiche Ara, 1898 erstes Flottengesetz. — Militärische und 
politische Bedeutung des ersten Flottengesetzes. — Was war deutsche Welt- 
politik? — Reichsgewalt und Seegewalt. 
Graf Reventiow, Heutschlande auewartige Politik. G
        <pb n="36" />
        XXXIV Inhaltsverzeichnis. 
  
Seite 
Cherbourg — Kreta — Kiautschou — Angola. . . . . . .102-123 
1896 Zarenreise nach Paris. 1897 Französischer Präsident in Kronstadt: 
„vereinte und alliierte Nationen“. — Zar Nikolaus in Breslau, Kaiser Wilhelm II., 
Hohenlohe; nach Paris, Darmstadt. — Biemarckische Enthüllungen über Rück- 
versicherung, ihr Zweck und ihr Erfolg. — Deutsch-russisches Einverständnis, 
1897. — Griechisch-Türkischer Krieg, Kreta. — Gegensatz zwischen britischer Po- 
litik und Politik der Festlandmächte, österreichisch-russisches Einverständnis über 
den Orient. — DOeutscher Blockadevorschlag, seine Ablehnung, Italien auf Groß-- 
britanniens Seite. — Unnötiges Hervortreten der deutschen Politik in der griechi- 
schen Frage. — Frieden zu Konstantinopel Dezember 1897. — Rücktritt Baron 
Marschalls, Bülow Staatssekretär, seine Politik der Zurückhaltung in orientali- 
schen Fragen. — November 1897 Missionarmord, Besitznahme der Kiautschou- 
bucht, Admiral v. Diederichs. — Pachtvertrag von Kiautschou, der Zweck und 
der Wert der Pachtung. — Rußlands Chinaverträge, Port Arthur, mit Japan über 
Korea. — Beunruhigung Großbritanniens, Wei-hai-wei. — Berschiedene Bedeu- 
tung der drei Stützpunkte. — Deutschland zwischen Großbritannien und Ruß- 
land. — Britische Annäherungspolitik an Deutschland, Chamberlains Reden in 
Birmingham und Wakefield. — Bülows Ablehnung deutsch-britischer Bindung. — 
Die Aufrichtigkeit der britischen Annäherungsbestrebungen. — Oeutsch-briti- 
sches Abkommen über Angola; Balfour, Hatzfeld. — Kein Zusammenhang 
zwischen Angolavertrag und deutscher Burenpolitik. 
Faschoda — Manila — Samoa. . ... .. . . . . 123-140 
Deutsch-französische Beziehungen bis 1898, Hoflihkeiten des Deutschen 
Kaisers. — Zusammengehen in ÖOstasien. — Französisch-britische Reibungen in 
Ostafrika. — Marchand und Kitchener, Delcassé auswärtiger Minister. — Sep- 
tember 1898 Beginn der Krisis von Faschoda. — Britische Drohungen, französisches 
Nachgeben. — Delcassé und seine Politik, „la bonne entente“, neue Orientierung 
der französischen Politik zu Großbritannien und zu Italien. — Ztalienisch- 
französische Annäherung, Handelsvertrag, Tripolibabkommen. — Italiens Politik 
der Nebeneinnahmen, Bülow und Ztalien. — Französisch-italienisches Abkom- 
men. — Täuschung in Deutschland über französische Stimmung. — 1898 Ameri- 
kanisch-Spanischer Krieg. — Untergang der „Maine“, amerikanisches Mißtrauen 
gegen Deutschland. — Admiral Dewey und Admiral v. Diederichs vor Manila. — 
Fürst Bülow und der Botschafter White über die deutsch-amerikanischen Be- 
ziehungen, die ungausrottbare Legende. — Oie Samoafrage wird akut, Unmög- 
lichkeit der Dreiherrschaft. — 1899 Verständigung und Samoaabkommen. — 
Deutsch-englischer Bertrag über Togo und Sansibar, deutsch-spanischer Bertrag 
über Marianen-, Karolinen- und Palauinseln. 
Deutschland und England während des Burenkrieges 140-—152 
Zuspitzung der Ausländerfrage in Südafrika. — Englisch-transvaalische Ber- 
handlungen, Krüger-Chamberlain-Milner. — Keine britischen Besorgnisse wegen 
Deutschland. — Die Tragik der Buren. — Bülows Stellungnahme, ihre Gründe, 
der Umschwung seit Marschall. — Oie Frage europäischer Intervention. — 
Frankfurter Friede. — Chamberlains Annäherungsversuche, Rede in Leicester. — 
Beschlagnahme der deutschen Postdampfer, deutsche Mißstimmung und diplo- 
matischer Erfolg.
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        Inhaltsverzeichnis. XXXV 
Seite 
Der Schritt zur deutschen Hochseeflottt 1327J62 
Flottenvorlage-Ankündigungen Herbst 1899, Kaiser Wilhelms Rede, Stim- 
mung in Deutschland. — Januar 1900 neue Flottenvorlage, mit Verdoppelung des 
Gesetzes, Begründung der Vorlage. — Flottenbestrebungen der anderen See- 
mächte und ihre Ursachen. — Aufnahme der deutschen Vorlage in England. — 
Hohenlohes und Bülows Standpunkt. — Die Bülowsche Englandpolitik. 
Bozerkrieg und Yangtse-Vertrag... 1423—173 
Vorgeschichte des Boxerkrieges, sein Ausbruch. — Der Gesandtenmord, die 
Tätigkeit der Flotte. — Die Ernennung des Grafen Waldersee, ihre Begleitumstände 
und Gründe. — Großbritannien und Japan. — Oie Russen besetzen die Man#- 
dschurei. — Russischer Vorschlag, Peking zu räumen; Deutschlands Weigerung. — 
Das deutsch-englische Bangtseabkommen veröffentlicht; sein Wortlaut und seine 
Bedeutung. Die russische Note und der Entwurf des russisch-chinesischen Man- 
dschureiabkommens. — Erregung und Widerspruch in England; Fürst Bülows 
Deutung des Bangtseabkommens: Ausschluß der Mandschurei. — Wendepunkt 
der britischen Politik und der deutsch-englischen Beziehungen. — Zurückziehung 
des russischen Mandschureivertrages, deutsch-russische Herzlichkeit. 
Entscheidungen und Scheidungen .. . . . . 173-189 
Britische Verstimmung gegen Oeutschland, deutsche Enerustuns über Cham- 
berlains Rede in Edinburgh, Erschwerung der deutschen Politik durch die deut- 
sche Stimmung. — Die Frage englisch-deutscher Bündniöverhandlungen um 
1901. — Japanisch-britische Borverhandlungen und die Frage deutscher Betei- 
ligung; Hapaschi, Lansdowne, Eckardtstein. — Bülows Rede über Beziehungen 
zu England. — Englisch-japanisches Bündnis, Deutschlands Gründe, nicht teilzu- 
nehmen. — Rußlands und Frankreichs Stellung zum Bündnisse. — Bülows 
Stellungnahme zum Bündnisse. — Rußlands ostasiatische Ziele und das eng- 
lische Interesse, Deutschland gegen Rußland auszuspielen. — Das Vorspiel des 
Russisch-= JZapanischen Krieges. — Das russische Generalstabswerk über Rußlande 
politische Stellung bei Ausbruch des Krieges. 
Dritter Abschnitt. 
Vor und nach Algeciras. 
1903—1908. 
Die „glücklich vollendete Annäherungg"“" 190—199 
Fortschritte der französisch-italienischen Annäherung. — Der Herzog von 
Genua und Loubet in Toulon. — Delcassé und Ugron. — Treibereien gegen die 
Dreibunderneuerung, geteilte Stimmung in Italien. — Italiens Orientziele. — 
Delcasse schiebt Albanien vor Tripolis. — März 1902 Bülow in Italien, Dreibund 
erneuert; unter welchen Umständen? — Außerungen Bülowe und Rudinis; 
#s
        <pb n="38" />
        XXXVI Inhaltsverzeichnis. 
Seite 
Größe des politischen Umschwunges. — Französisch-italienische Entente Cor- 
diale. — Berhältnis Frankreichs und Großbritanniens zu Italien. — Bülows An- 
schauung von den Oreibundpflichten und das italienisch-französisch-englische 
Verhältnis. — Biktor Emanuel in London. — Biktor Emanuel in Paris: das 
„glücklich vollendete Werk der Annäherung“. 
König Eduards Anfänge — Reibunrgen 199--209 
1901 König Eduard VII. — Seine portugiesische Kundgebung. — 1903 
Eduard VII. in Paris; Präsident Loubet und Delcassé in London. — Herbst 1903 
englisch-französischer Schiedsgerichtsvertrag. — Eduard VII. in Wien; Zar 
Nikolaus in Wien. — Mürzsteger Konvention, zwischen Goluchowoki und Lambs- 
dorff; Orientprogramm des Status quo der beiden Mächte. — Bülows Orientinter- 
esse indirekter Natur. — Ausprägung des englisch-deutschen Gegensatzes. — Schaf- 
fung der britischen Heimatflotte und des schottischen Stützpunktes Rosyth, eng- 
lische Aberschätzung der deutschen Flotte, Beginn der Invasionsfurcht. — Früh- 
sommer 1902 Ende des Burenkrieges, Chamberlains imperialistische Agitation. — 
Fortsetzung der englisch-französischen Annäherung und der britischen Abkehr 
von Oeutschland. — Wirtschaftliche Eifersucht Großbritanniens; britisch-kana- 
disch-deutscher Larifstreit. — Scharfe britisch-deutsche Auseinandersetzungen. 
Venezuela — Die Vereinigten Staaten 209-220 
Das deutsch englische Ultimatum an Venezuela und seine Gründe. — 
Amerikanisches Mißtrauen gegen Deutschland, zu geringes Ergebnis der Reise 
des Prinzen Heinrich. — Veröffentlichungen des Botschafters Mr. White über 
die deutsche Neutralität im Spanisch-Amerikanischen Kriege. — Beröffentlichung 
im Deutschen Reichsanzeiger über den britischen Intrigierversuch während des 
Krieges und die deutsche Lopalität. — Hetzerei der britischen Presse; Monroe-- 
doktrin; Erregung der amerikanischen Presse. — Deutsch-britische Blockade 
venezolanischer Häfen; Italien schließt sich an. — Erledigung; der Zar als Schieds- 
richter. — Rechtfertigung des deutschen Vorgebens gegenüber dessen Tadel in 
Deutschland. — Ar. Bowens Hemdärmeldiplomatie. — Oie öffentliche Meinung 
in den Bereinigten Staaten; Tätigkeit Speck v. Sternburgs. — Der Nutzen der 
Au"tauschprofessoren. — Oeutsche Illusionen über deutsch-amerikanische Be- 
ziehungen. — Die Natur der deutsch-amerikanischen Beziehungen und ihre 
Grenzen. — Das deutsche Element in den Bereinigten Staaten, seine Einfluß- 
losigkeit als solches. 
Die Entente Cordiale — Marokko — Hull — Kiel 220-242 
8. April 1904 britisch-französisches Abkommen über Marokko usw. unter- 
zeichnet. Der IZnhalt des Abkommens. — Beröffentlichung des spanisch-fran- 
zösischen Abkommens. — Gleichzeitig Unterzeichnung eines geheimen britisch- 
französischen und französisch-spanischen Abkommenê. — Znhalt und Bedeutung 
der vier Abkommen; contradictio in adjecto. — Die Madrider Konvention. — 
Rückblick auf die französischen Beziehungen zu Marokko; Rückblick auf die deut- 
schen Beziehungen zu Marokko. Deutscher Standpunkt von Anfang an: keine 
Eroberungspolitik — offene Tür. — Bülows Außerungen über Marokko, 1902 
bis 1904. — Bülow über die britisch-französische Aussöhnung: Verminderung 
der Reibungsflächen. — Oie britisch-französische Entente Cordiale eine logische 
Folge der Bülowschen Politik. — Aufnahme des Abkommens in Frankreich
        <pb n="39" />
        Inhaltsverzeichnis. XXXVII 
  
Seite 
und in England. — Graf Romanones in der spanischen Kammer über das Ab- 
kommen. — Oie Entscheidung ist gefallen. — Oie neue Konstellation und der 
Ostasiatische Krieg. — Bülow und die Neutralisierung Chinas. — Ausfahrt der 
baltischen Flotte, Zwischenfall von Hull. — Britische Erregung gegen Rußland 
und Deutschland, Kriegögefahr. — Weitere Verschärfung der britischen Stim- 
mung; König Eduards Besuche in Kiel und deutsch-britischer Schiedsgerichts- 
vertrag ohne Einfluß; Bagdadbahn. 
Der britische Pollenfrontwechsel — Die Bedentung der Dread- 
noughtpolitikfk. ’z#23-255 
Ausbau der deutschen Flotte. — Lord Soschen über Aüstungsverständigung. 
— Oezember 1904 Neuorganisation der britischen Flotte für 1905; Schwerpunkt 
in der Nordsee, Entlastung im Mittelmeer, dann in Ostasien; die Reserveflotte im 
Dienste. — Politische und militärische Bedeutung der maritimen Gewichtsver- 
schiebungen in Europa, Rückblick auf ihre Entwicklung. — 1905 Beginn der 
britischen Dreadnoughtpolitik. — Ein Augenblick der Entscheidung für Deutsch- 
land; die deutsche Flottenvorlage von 1905. — Die Flottenpolitik, eine steigende 
Schwierigkeit für die auswärtige deutsche Politik. — Britische Drohungen; Mr. Ar- 
thur Lee, „Der erste Schlag“. — Wollte Großbritannien Präventiokrieg führen? 
Tanger .. .....255—266 
Marokkoerklärung Bülowe im Neichstage. – Tangerreise des Deutschen 
Kaisers. — Die Ursachen und Motive der Tangerreise: Geheimklauseln des 
Marokkovertrages, Vorschläge des französischen Gesandten in Marokko, Uber- 
gehung des Deutschen Reiches. — Kaiser Wilhelm über Lissabon nach Tanger; 
Reden und Erklärungen. — Die deutsche Marokkopolitik nicht geändert. — 
Delcassé und Radolin, Rouvier, Bülow. — Britische Bündnisangebote an Frank- 
reich. — Deutsche Anfrage in Rom. Kabinettskrise in Paris, Delcassés Rücktritt. 
— DOelcassés Enthüllungen, britische Ableugnungen. — Oeutsch- marokkanischer 
Konferenzvorschlag. — Frankreich stimmt zu, deutsch-französische Erklärungen. 
Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag 266—305 
Wie war Heutschlands Politik? — Oelcassée Fehler. — Tittonis Telegramm; 
die Schwäche der deutschen Flotte; Englands Entschlossenheit. — Kaiser Wilhelms 
Besuch zu Kopenhagen; Marokko und die deutsche Stellung zum ##slam.— Oie Frage 
deutsch-französischer Sonderverständigung; Entschlossenheit Deutschlands, keinen 
Krieg zu führen. — Umschwung französischer Stimmung; großbritannische Ent- 
schlossenheit zum Kriege. — Sir E. Greyps Bedingungen; die britische Flotte in der 
Ostsee; Dänemarks Unbehagen. — Zusammentritt der Algeciraskonferenz; die 
antideutsche Majorität. — Verlauf der Konferenz; Frankreichs Ziel erreicht. — 
Die Algecirasakte eine Kulisse und Farce; der großbritannische Erfolg. — Sinken 
des deutschen Ansehens; großbritannischer Kabinettewechsel. — Der Kurs 
bleibt; „Gefahrzone erster Ordnung“; die Begegnung von Björkö. — Der 
japanisch-britische Bündniövertrag von 1905;; britisch-französische Militär- und 
Flottenkonvention. — Die britisch-belgische Militärkonvention; Werbung bei 
den Niederlanden. — Trennung Skandinaviens; König Eduard in Homburg; 
Haldane in Berlin; Anbahnung der Haager Konferenz. — Vorgeschichte der 
Konferenz; Dreadnoughtpolitik; der britische Standpunkt. — Das Stärkever- 
bältnis der britischen und der deutschen Flotte; die britische Hinterlist der Rüstungs- 
einschränkung; die deutsche Weigerung; der deutsche Erfolg im Baag.
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        XXXVIII Inhaltsverzeichnis. 
  
Seite 
Das russisch-britische Abkommen und andere Abkommen . . 305 333 
Deutschlands Loyalität Rußland gegenüber; Rußlands Haltung zu Al- 
geciras. — Das englisch-russische Abkommen 1907; Rußlands Stellung dazu. — 
Großbritanniens Ziel: Deutschlands solierung; gescheiterte deutsche Hoff- 
nungen. — Politischer Pessimismus wegen der Einkreisung; Rußlands Front- 
wechsel. — Die Vorteile des Abkommens für Großbritannien; das britisch- 
russische Abkommen und die deutsch-österreichische Orientpolitik. — Orient und 
Balkan Angelpunkt der Verständigung; König Eduard in Spanien. — Das 
Mittelmeerabkommen; Frankreich geht in Marokko vor. — Fälle von AUdschda 
und Casablanca. — Pichons Marokkopolitik. — „Außerhalb des Rahmene der 
Algecirasakte“; Frankreichs Anmaßung steigt. — Die Erhebung Mulai Hafids; 
deutsche Marokkointeressen; Gebrüder Mannesmann. — Französische Zu- 
versicht; Kaiser Wilhelm und die Niederlande; das Nordseeabkommen; das 
Ostseeabkommen. — Oas französisch-japanische Abkommen; der Optantenvertrag. 
Vierter Abschnitt. 
Marokko und Balkan als Angelpunkte 
der Einkreisung. 
1908—1914. 
Orientpolitik und Bosnische Krifiiiis 334—385 
Kaiser Wilhelms Gedanke aktiver Orientpolitik; Bismarck und die Türkei. — 
Kaiser Wilhelm und Abdul Hamid. — Vorläufer der Bagdadbahn. — Oeutsch- 
land als neuer Bewerber in der Türkei. — Oie deutsche Bagdadbahnkonzession; 
großbritannische Bedenken; Lord Lansdownes Ablehnung 1903. — Lord Curzon 
und Koweit; Englands damalige Ablehnung ein Glück; Deutschlands Weg ging 
über die Balkanhalbinsel. — Italien und die Orientpolitik der Mittelmächte; 
Osterreich-Ungarn und die Balkanstaaten. — Das politische Programm König 
Peters von Serbien; der Neoslawismus; das Mürzsteger Programm. — König 
Eduard vernichtet 1905 die Mürzsteger Politik; Großbritannien wird maßgebend 
für die Balkanpolitik. — Der Plan der Sandschakbahn; internationale Ent- 
rüstung unter Großbritanniens Regie. — Oie Begegnung zu Reval 1908; das 
mazedonische Reformprogramm; König Eduards Versuche in Wien. — Kaiser 
Franz Zoseph nimmt ÖOsterreich- Ungarns Vorteil wahr; die jungtürkische Revo- 
lution. — Grep begrüßt das jungtürkische Regime; Kaiser Franz Joseph annek- 
tiert Boônien und die Herzegowina. — Vorgeschichte der Annexion; Rückgabe 
des Sandschaks Nowibasar an die Türkei. — Entrüstung des Oreiverbandes; 
türkischer Protest; serbische Erregung; Bülow steht hinter Osterreich-Ungarn. — 
Frankreich wünscht Frieden; Rußland nicht bereit; die Frage internationaler 
Konferenz. — Aehrenthals Erfolg; endgültige Entscheidung durch Bülow. —
        <pb n="41" />
        Inhaltsverzeichnis. XXXIX 
  
Seite 
Ursachen des Erfolges; die Festigkeit der Mittelmächte und Rußlands Unbereit- 
schaft; Großbritanniens Erfolg; Berschärfung der Beziehungen Rußlands zu 
den Mittelmächten. — Serbien als russischer Außenposten; Kaiser Wilhelms 
Rede in Döberitz. — Deutschlands Leistung an Österreich-Ungarn; das deutsch- 
französische Marokkoabkommen von 1909; die negative Bedeutung des Ab- 
kommens. — König Eduard in Berlin; die „Flottenpanik“ in Großbritannien. — 
Deutschfeindliche Kundgebungen amerikanischer Seeoffiziere; die Armeeagita- 
tion in Großbritannien, Roberts und Haldane. — Die Londoner Seerechts- 
konferenz von 1909; ihre Ursache die Haager Konferenz von 1907. — Britisches 
Seekriegsrecht, die Neutralen im Seekriege; der Kampf gegen die Londoner 
Deklaration in England; deutsches Unverständnis. 
Potsdam — Agadir — Tripolss 3385--419 
Bethmann Hollweg Reichskanzler, eine neue politische Periode; v. Kiderlen- 
Waechter und die Marine; vertrauensvolle Aussprache mit England; Tirpitz 
ein unheilvoller Mann. — Monarchenreisen und Sbesuche 1909, Racconigi. — 
Russisch-ösfterreichische Entspannung; die Potsdamer Begegnung. — Der In- 
halt des Potsdamer Abkommens. — König Eduards Tod 1910; König Eduards 
Politik und ihre Ubereinstimmung mit dem großbritannischen Volke. — Deutsch- 
land hofft wieder auf Verständigung; Frankreichs Marokkopolitik nach dem Ab- 
kommen von 1909. — Der Zug nach Fes 1911; der „Panther"“ vor Agadir. — 
v. Kiderlen-Waechters Marokkopolitik; war ein Kriegsschiff das richtige Mittel?— 
Beginn der deutsch-französischen Marokkoverhandlungen: Garantien in Marokko, 
Kompensationen in Mittelafrika; Ergebnis: ein Torso. — Deutsche Regierung 
wollte Krieg vermeiden; Englands Eingreifen, Lloyd Georges Rede, des 
Reichskanzlerô Antwort. — Fortgang der Berhandlungen und ihr Abschluß; 
Unzufriedenheit in Deutschland. — Hauptzweck der deutschen Marokkopolitik 
gescheitert; englische Kriegsvorbereitungen während der Marokkokrise. — Der 
italienische Tripoliskrieg und sein Verlauf. — Deutschlands beikle Stellung 
zwischen Italien und Türkei; deutscher Erfolg. — Ztalienisch französische 
Reibungen; San Giuliano über das Mittelmeer. — Die deutsche Italienpolitik; 
italienische Doppelzüngigkeit. 
Die Sendung Lord Haldanes, ihre Begleitumstände und Folgen 419 -441 
Englische Verstimmung gegen Grey; neue englisch--belgische Berein- 
barungen. — Oie Blissinger Frage und englische Bemühungen bei Holland; immer 
festerer Zusammenschluß des Dreiverbandes. — DOie deutschen Wehrvorlagen 
1912; neue deutsche Verständigungshoffnungen. — Lord Haldanes RZeise nach 
Berlin; Lord Haldane verkrüppelt die deutsche Flottenvorlage. — Die deutsch- 
englischen Besprechungen über Neutralitätsabkommen; Großbritanniens Politik 
mit Neutralitätsabkommen unvereinbar. — Nebenzwecke des Haldaneschen 
Besuches; englische Spionage; Berhandlungen über Orient und Portugiesisch- 
Afrika; deutsche Weltpolitik und kein Krieg. — Abschluß der Verhandlungen, 
Geheimhaltung des Abkommens; neue Bagdadbahnverhandlungen; deutscher 
Berzicht auf den Bau der Endstrecke. — Churchille Reden: die deutsche Luxus- 
flotte, 10 zu 16. — Der Deutsche Reichskanzler über Churchills Rede 1913; der 
Briefwechsel zwischen Grey und Cambon; Vereinigung der französischen Flotte 
im Mittelmeer. — Die Begegnung von Baltischport; Ssasonow in Groß= 
britannien; Vorbereitung des Balkankrieges.
        <pb n="42" />
        XIL Inhaltsverzeichnis. 
  
Seite 
Der letzte Alkt. . . ... . ......441477 
Der Balkanbund; seine Vorgeschichte; Mazedonien, Albanien; bulgarisch- 
serbische Annäherung. — Der Gesandte v. Hartwig; Anfang 1912 bulgarisch- 
serbisches Bündnis. — Sommer 1912 bulgarisch-griechischer Bertrag; Herbst 
1912 Ausbruch des Krieges; der Dreiverband über alles unterrichtet; Zentral- 
mächte überrascht. — Falsche Einschätzung der Balkankraftverhältnisse seitene der 
Zentralmächte; Zusammenbruch der Status-quo-Formel, der serbische Marsch 
nach der Adria. — Italiens Stellungnahme; bulgarische Bermittlung zwischen 
Serbien und Osterreich-Ungarn; der Deutsche Reichskanzler erklärt deutsche 
Solidarität; russische „Probemobilmachungen". — Die Londoner Botschafter- 
vereinigung; die große deutsche Heeresvorlage; die Stimmung in Frankreich. — 
Der Skutaristreit; der Tod v. Kiderlen-Weechters, sein politischer Charakter. — 
Der Präliminarfriede zu London; der zweite Balkankrieg; Eingreifen Rumä- 
niens und Bukarester Konferenz. — Der Vertrag von Bukarest; die Revisions- 
frage; die Balkanlage und die deutschen Heeresforderungen. — Oie deutsche 
und die österreichisch-ungarische Balkanpolitik, ihre Trennung; das unabhängige 
Albanien. — Die deutsche Vermittlerrolle; Deutschlands Vertrauen zu Grep; 
die Lage nach dem Buvbarester Friedensschlusse; Fürst Lichnowskys Rede. — 
Der Zar und der König von England in Berlin, die deutsch-französischen Zwischen- 
fälle; die „brennende Frage von Alsace-Lorraine“; der italienische Besuch zu 
Kiel; Italiens Haltung und Absichten. — Rumänien und Rußland, deutsche 
Versäumnisse. — Burlgarisch-österreichische Annäherung; König Konstantin 
zu Berlin, französische Berstimmung. — GEescheiterte japanisch-deutsche An- 
näherungsbestrebungen. — Kokowzow in Paris, Anleihe; der Streit um die 
deutsche Militärmission, die armenische Reformfrage. — Deutsch-britisch-fran- 
zösisch-türkische Berhandlungen über Orientbahnen. — Wachsende Spannung 
mit Rußland; deutsches Bertrauen zu Großbritannien. — Britischer Monarchen- 
besuch zu Paris; Verhandlungen über russisch-britische Flottenkonvention; bri- 
tischer Flottenbesuch in Kronstadt und in Kiel. — Ermordung des Erzberzog- 
Thronfolgers und seiner Gemahlin. 
Verzeichnis der Personennamgngennmn 478480
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        Erster Abschnitt. 
Von Rußland zu Großbritannien. 
1887—1894. 
Nach zwei Fronten. 
Das Ende der achtziger und der Anfang der neunziger Zahre bildeten 
für die Politik des Deutschen Reiches eine ungewöhnlich schwierige 
Periode. Das würde sogar dann gelten, wenn man von dem Personen- 
wechsel Bismarck-Caprivi absehen wollte; — es versteht sich aber von 
selbst, daß dieser Personenwechsel im Vordergrunde bleibt. Oie Fest- 
stellung würde auch dann gelten, wenn auf Bismarck ein Staatsmann von 
höheren Fähigkeiten gefolgt wäre. Trotzdem ist es notwendig, gerade 
an die Spitze dieser geschichtlich-politischen Betrachtungen gewisser- 
maßen als Leitsatz zu stellen: der Ausgang der achtziger und der An- 
fang der neunziger Jahre bildeten für die Politik des Deutschen Reiches 
die schwierigste Periode seit dem Bestehen des Reiches. 
Noch heute wird das bekannte Wort des Grafen Schuwalow oft an- 
geführt, als Bismarck ihm von seinen Sorgen wegen europäischer, dem 
Deutschen Reiche gefährlicher Koalitionen gesprochen hatte. Schu- 
walow sagte: „Vous avez le cauchemar des coalitions“, Biomarck gibt in 
seinen „Gedanken und Erinnerungen“ dem Grafen Schuwalow recht: 
der Gedanke an gegnerische Koalitionen in Europa habe ihm damals 
tatsächlich schlaflose Nächte bereitet. 
Seit 1883 bestand der aDreibund und hatte seit seiner ersten Er- 
neuerung, 1887, an Festigkeit zugenommen. Da war nichts zu besorgen, 
solange man nicht mehr von dem Bunde erwartete und verlangte, als 
er leisten konnte; Biemarck hat von Italiens Bundesgenossenwert stets 
skeptisch gedacht. — Zwei andere politische und militärische Faktoren aber 
wuchsen von Jahr zu Jahr: die Macht Frankreichs und damit sein Ansehen 
in Europa, auf der andern Seite der russisch-deutsche Gegensatz; dieser 
nicht zum wenigsten infolge des deutsch-österreichisch-ungarischen Bündnisses. 
Daraus mußte sich folgerichtig ein Wachsen der russisch-französischen An- 
Grof Revenilow, Deutschlanbe auewärtigqe Politie. 1
        <pb n="44" />
        2 1. Abschnitt. Bon Rußland zu Großbritannten. 1887—1894, 
  
näherungsbestrebungen ergeben. Das war auch tatsächlich der Fall. Die 
Anfänge dieser Annäherung reichen weiter zurück, als gemeinbin an- 
genommen wird. Den Gedanken einer russisch-französischen Entente, ja 
eines Bündnisses, brachte schon Fürst Gortschakow mit nach St. Petersburg, 
als er 1878 voll Eifersucht und Erbitterung gegen Bismarck und dessen 
Politik vom Berliner Kongresse zurückkehrte. Er hat diesen Entente- 
gedanken auch verschiedene Male ausgesprochen. Der russische Reichs- 
kanzler erklärte, mit dem Zwecke der Veröffentlichung, im Herbst 1879 — 
beinahe genau vier Wochen vor der Unterzeichnung des deutsch-öster- 
reichischen Bündnisses — einem französischen Journalisten: in Europa 
sei eine neue politische Konstellation möglich geworden: Frankreich 
brauche nur stark zu sein, damit Rußland ein Bündnis mit ihm suche. 
Zene russisch-deutschen Mißstimmungen und die aus ihnen sich ge- 
legentlich ergebende Politik pflegt man vielfach noch mit der Eifersucht 
des Fürsten Gortschakow zu begründen. Daß diese vorhanden war und 
sich politisch auszuleben versuchte, ist nicht zweifelbaft. Der wachsende 
russisch-deutsche Gegensatz aber begründete sich darin nicht allein. Das 
Deutsche Reich, schon durch sein Borhandensein als eine gewaltige Macht* 
in Mitteleuropa, wo bis dahin keine solche Macht gewesen war, mußte 
Rußland unbequem werden. Die Politik des Fürsten Bismarck erkannte 
das und die darin liegende Gefahr, und er versuchte ebendeshalb, die 
deutsch-russischen Beziehungen so freundschaftlich und so vertrauensvoll zu 
gestalten, wie er konnte. Dieser Politik aber waren Grenzen gesetzt in der 
deutschen Rücksicht auf die Machtstellung und das Znteresse OÖsterreich- 
Ungarns und durch das Bestreben Bismarcks, auch mit Großbritannien 
in guten Beziehungen zu leben. In Rußland hatte die Rolle Bismarcks 
im Berliner Kongresse tief verstimmt, nicht nur persönlich den Fürsten 
Gortschakow, sondern auch die weiten Kreise und starken Strömungen 
in Rußland, deren Ziel russische Ausbreitung nach dem Orient unter 
Überrennung Osterreich-Ungarns war. Die Stärke dieser Strömungen 
ist wohl hauptsächlich deshalb in Deutschland unterschätzt worden, weil 
das Gewicht und die Macht des Zaren und der Beziehungen zwischen 
den Opnastien so bedeutend war. Alexander III. wollte tatsächlich den 
Frieden. Die persönlichen Beziehungen der beiden Kaiser, das Vertrauen 
des russischen Monarchen zu Bismarck, ferner des letzteren Bestreben: wo 
immer das deutsche Interesse es gestattete, russischen Wünschen entgegen- 
zukommen, verhinderten lange eine tatsächliche Förderung des Gortschakow- 
schen Lieblingsgedankens. Die Monarchen wie deren Negierungen 
hatten trotz mancher gelegentlichen Schwierigkeiten das Gefühl, po- 
litisch und dynastisch aufeinander angewiesen zu sein und positiv: zu 
beiderseitigem Nutzen und zur Erhaltung des Friedens miteinander
        <pb n="45" />
        Nach zwei Fronten. 
  
  
arbeiten zu können. Erst Anfang der achtziger Jahre konnte, als starke 
politische Gegenkraft, die panslawistische Bewegung, geführt von Katkow 
und Skobelew, in die Erscheinung treten. Frankreich zählte bis Mitte 
der achtziger Zahre, auch noch später zeitweise, für die russische Politik 
nicht als voll, vor allem nicht für den Zaren. Niemand am russischen 
Hofe glaubte an Beständigkeit der inneren Berhältnisse in Frankreich, 
und der Zar Alexander III. war der Ansicht, daß man politisch auf eine 
Macht nicht bauen dürfe, in der jeder Kabinettswechsel grundstürzende, 
nie vorherzusehende Ereignisse und Entwicklungen bringen konnte. 
Frankreich war in seiner Eigenschaft als Republik der Herd der Revo- 
lution und des politischen Radikalismus in Europa und bildete insofern 
einen schroffen Gegensatz zum Reiche des Zaren, der sich als Bertreter 
und Personifizierung des legitim-monarchischen Gedankens fühlte und 
zu betätigen strebte. Frankreich war außerdem die im großen Kriege 
niedergeworfene, geschwächte und isolierte Macht, der selbst Gort- 
schakow als unerläßliche Bedingung, um für eine Allianz begehrenswert 
zu sein, erklärt hatte, sie müsse stark sein und nicht an Revanche denken. 
Dieses „Starksein“ bedeutete nicht nur Heereskraft, sondern vor allem 
die Solidität der staatlichen Maschine und die Sicherheit stetigen Funk- 
tionierens auch in Krisenzeiten. 
1882 schied der alte Fürst Gortschakow aus dem Amte, Herr v. Giers 
trat an seine Stelle, jahrelang bestrebt, mit dem Oeutschen Reiche in 
guten Beziehungen zu leben. In Frankreich begann unter Ferrp, von 
Bismarck begünstigt, eine koloniale Ausdehnungspolitik im fernen 
Osten, bis im Jahre 1885 das unglückliche Gefecht von Langson dieser 
Periode ein Ende machte und Ferrp stürzte. Ferrp hat später von sich 
gesagt, er habe sich ständig bemüht, mit Rußland in engere Bezie- 
hungen zu kommen. Das entspricht auch den Tatsachen, aber es gelang 
ihm nicht, und zwar wesentlich deshalb, weil seine Kolonialpolitik Frank- 
reich auf Deutschland anwies und in Europa von Biemarck abhängig 
erhielt. 
1885 wurde der Dreibund geschaffen, und im Frühjahr 1884 gelang 
es Biemarck, Neutralitätsverträge zwischen dem Deutschen Reiche, 
Rußland und ÖOsterreich-Ungarn zustande zu bringen; drei Jahre vorher 
hatte Zar Alexander III. den Thron bestiegen. Die französische Hoff- 
nung auf Rußland verschwand wieder, die Stellung des ODeutschen Reiches 
war gewaltiger, beherrschender, anscheinend auch gesicherter denn je, 
Frankreich isoliert, unsicher und wenig geachtet. Nach Ferrys Sturz 
gewann die NRevanchepartei beherrschendes Übergewicht: man wollte 
nicht mehr in „nebelhaften Kolonialunternehmungen“ die Kräfte zer- 
splittern, sondern alle Kräfte auf Konsolidierung der europäischen Stel- 
1*
        <pb n="46" />
        4 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
lung Frankreichs verwenden. Die Hauptträger dieses Programmes waren 
und wurden in der Folgezeit die Minister de Frepcinet und Ribot. Nach 
Berlin wurde der tüchtige Botschafter Herbette geschickt. 
In der bulgarischen Angelegenheit des Fürsten Alexander gelang 
es der französischen Regierung, mit Geschick sich dem russischen Ber- 
trauen zu insinuieren. Sie wurde dabei, abgesehen von der Gunst der 
politischen Lage, auf das eifrigste gefördert durch den russischen Gesandten 
in Paris, Baron v. Mohrenheim, einen Mann, der für die russisch-fran- 
zösische Annäherung, wenn schon meist vielleicht mehr passio als aktio, 
von ganz außerordentlicher Bedeutung gewesen ist. Neben ihm wirkte 
der russische Militärattaché zu Paris, der General Baron Fredericks. Ein 
Symptom der veränderten Atmosphäre ging schon aus einer Ansprache 
dieses Militärs hervor, die er gelegentlich einer Denkmalseinweihung 
zu Paris bielt: „Ich bin hier das Echo der Sompathie, welche diese Feier 
in Rußland hervorruft, ich bringe Ihnen ein Zeugnis der Freundschaft 
Rußlands.“ Von einer Anzahl französischer und russischer Diplomaten 
wurde unaufhörlich und in aller Heimlichkeit an dem großen Ziele russisch- 
französischer Annäherung weitergearbeitet, wenn man auch nur mit 
großer Vorsicht dem Zaren und den Hoftreisen gegenübertrat, denn ihnen 
war das alte traditionelle Verhältnis zu Deutschland noch etwas Selbst- 
verständliches. Der dänische Hof und die dänische Diplomatie aber bildeten 
ein sehr wirksames Hilfsmittel, gewissermaßen den diplomatischen „Um- 
schlagshafen“ des französisch-russischen Berkehrs. 
Das deutsch-französische Berhältnis war gerade in der zweiten Hälfte 
der achtziger Zahre überaus kühl und durch eine nicht endende Reihe 
von „Zwischenfällen“ ein äußerst gespanntes geworden; ein Tatbeweis 
ex contrario übrigens für die Nichtigkeit der Bismarckschen Anschau- 
ung: es sei für Deutschland nützlich, wenn das französische Bolk und 
die französische Politik durch koloniale Unternehmungen nach außen 
abgelenkt und Kräfte wie Interessen außerhalb Frankreichs nach Möglich- 
keit konzentriert würden. Immerhin lag in der Natur der Berhältnisse, 
daß eine solche Politik kolonialer Ablenkung gerade für Frankreich nur 
eine Episode sein konnte. Der Rückschlag mußte einmal kommen. JZe 
später er kam, desto mehr Zeit hatte Bismarck für die Festigung des 
jungen Deutschen Reiches gewonnen. Nicht zu verhindern war die Er- 
starkung Frankreichs, und normal in diesem Sinne war, daß die Autorität 
der Stellung des Deutschen Reiches zu Frankreich von Jahr zu Jahr 
abnahm, anderseits die französische Selbständigkeit und Bewegungs- 
freiheit wuchs. Bismarck sind die russisch-französischen Annäherungs- 
bemühungen nicht verborgen geblieben, er vermochte sie aber nicht zu 
hindern, um so weniger als die Feindlichkeit der russischen Stimmung
        <pb n="47" />
        Nach zwei Fronten. 5 
  
gegen Deutschland wuchs. Emsige panflawistische, polnische und fran- 
zösische Einflüsse bearbeiteten den Zaren und seine Umgebung mit wach- 
sendem Erfolge. Sogar ein in Brüssel erscheinendes Organ des Ministers 
v. Giers sprach offen von der „Aufrechterhaltung des Friedens und des 
europäischen Gleichgewichtes durch ein russisch-französisches Bündnis“. 
Oie Loyalität der Politik Bismarcks in der bulgarischen Krisis wurde 
in Rußland nicht anerkannt, weil der Oeutsche Kanzler die Orientziele 
der Politik Rußlands nicht restlos, nämlich auf Kosten Osterreich-Ungarne, 
fördern wollte noch konnte. Auch die Aussprache zwischen dem Zaren 
und Bismarck im Winter 1887 zu Berlin änderte wenig an der Kühle 
der Beziehungen. Die „Treulosigkeit des Deutschen Kanzlers auf dem 
Berliner Kongresse“ bildete eine unerschöpfliche Quelle der Erbitterung 
und Hetzerei in Rußland. Die Gefährlichkeit der Spannung wurde eine 
derartige, daß Bismarck Anfang des Zahres 1888 den deutsch-öster- 
reichischen Bündnisvertrag veröffentlichte. Zugleich vertrat er die Mili- 
tärvorlage. Die große Rede des Kanzlers brachte das neue europäische 
Motir: das des Zweifrontenkrieges. Heute sind wir seit länger als einem 
Bimerteljahrbundert an den Gedanken des Zweifrontenkrieges gewöhnt. 
Oamals hatte wohl der Generalstab diesen, wie alle denkbaren Möglich- 
keiten in Betracht gezogen, auch der Politik war er nicht fremd gewesen. 
Die Hervorhebung des Zweifrontenkrieges als greifbare Möglichkeit, als 
„Gefahr“ für Deutschland aber leitete eine neue Epoche ein. Die neue 
Lage bezeichnete den totalen Umschwung der europäischen Verhältnisse, 
einen Umschwung, der sich allmählich durchgesetzt hatte und an die 
Oberfläche gekommen war, wie ein Strom, der aus unzähligen unsichtbaren 
kleinen Quellen gebildet, plötzlich als große unzerstörbare Tatsache vor 
aller Augen liegt. 
Freilich waren auch da, in „#de#aler Konkurrenz“, zwei Gebiete zu 
unterscheiden: ein direkt gegen Deutschland sich richtendes Rußland, und 
eine direkt durch Österreich-Ungarn das Deutsche Reich zur Teilnahme 
am Kriege zwingende russische Politik. Das „Tertium comparationis“ 
war der Orient, welchem Bismarck ein unmittelbares, deutsches Interesse 
nicht entgegenbrachte, aber ein mittelbares, weil mit den Balkan- und 
Orientfragen Lebensfragen Österreich-Ungarns verknüpft waren. Beiden 
Eventualitäten hatte das deutsch-österreichische Bündnis Rechnung ge- 
tragen. Als Bismarck dieses veröffentlichte, verfolgte er zunächst den Zweck, 
Rußland zu zeigen, daß ÖOsterreich eintretendenfalls nicht allein stehen 
werde. Es bedeutete also keine Drohung, sondern im Gegenteil eine poli- 
tische Maßnahme, um die kriegerische Stimmung in Rußland zu dämpfen 
und den Krieg zu verhindern. Die Maßnahme erwiee sich als wirksam. 
Dazu muß aber bemerkt werden, daß die russische Regierung und der Zar
        <pb n="48" />
        6 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
längst vorher über das Bestehen des österreichisch-deutschen Bündnisses 
unterrichtet waren. Die Veröffentlichung wandte sich nicht gegen sie, 
sondern gegen die Stimmung eines energisch gegen alles Deutsche trei- 
benden russischen Bevölkerungsteiles. 
Das deutsch-russische Verhältnis jener ZJahre ist deswegen so merk- 
würdig und in sich kompliziert, weil es einerseits durch den Rückversiche- 
rungsvertrag ein befestigtes Werk war, weil anderseits höfische, zarische 
und „panflawistisch" genannte, national-russische Mißstimmungen mit 
jedem Zahre wuchsen und die gleichfalls wachsende ausgesprochene und 
angriffölustige Feindschaft des Panslawismus in hohem Maße verstärkten. 
Skobelew hatte das Wort gesprochen: Der Weg nach Wien führe über 
Berlin, und er meinte das sicherlich nicht mit Beziehung auf das deutsch- 
österreichische Bündnis, sondern hatte das Deutschtum überhaupt im Auge, 
dessen Schicksalsstunde geschlagen haben würde, sobald das Deutsche Reich 
niedergeworfen wäre. Österreich mußte dann von selbst fallen. Oiese 
einander widerstrebenden Momente in den deutsch-russischen Beziehungen 
erhielten noch eine neue Seite dadurch, daß die französisch-russischen An- 
näherungsversuche konsequent fortgesetzt wurden und tatsächliche Fort- 
schritte machten. Es klingt erstaunlich, entspricht aber der geschicht- 
lichen Wahrheit, daß im Zahre 1887, demselben Zahre, als der deutsch- 
russische Rückversicherungsvertrag zum ersten Male erneuert wurde, der 
russische Militärattaché in Paris sich an den französischen Kriegsminister 
mit der Frage wandte, ob die französische Waffenindustrie nicht ermächtigt 
werden könne, 500 000 Lebelgewehre für das russische Heer herzustellen. 
Der Kriegeminister antwortete: man sei gern bereit, möchte aber doch die 
Sicherheit haben, daß diese Gewehre niemals auf Franzosen schießen 
würden. Baron Fredericks erklärte, man werde alle nötigen Sicherheiten 
geben. Der Botschafter, Baron Mohrenheim, machte die Worte des Militär- 
attachés zu den seinigen, und damit war die Angelegenheit auf das 
diplomatische Gebiet hinübergeschoben: die Geschicklichkeit der fran- 
zösischen Politik hatte einen außerordentlichen Erfolg errungen. Nicht 
nur lieferte Frankreich den Russen die Gewehre, deren Bestimmung 
war, auf Österreicher und Deutsche zu schießen, sondern dieser Anlaß 
hatte die Gelegenheit gegeben, um nach langer und sorgfältiger Vor- 
bereitung amtlich eine vertrauensvolle Annäherung der beiden Mächte 
zu besprechen und zu präzisieren. Garantien, daß diese Gewehre nicht 
auf Franzosen schießen würden! Solche Garantien waren nur möglich 
durch eine Entente zwischen den beiden Mächten, also ein gegenseitiges 
Einverständnis über bestimmte politische Richtlinien und Ziele. Ende 
1888 wurde die erste russische Anleihe in Frankreich begeben, ein an sich 
wichtiges, vor allem ein richtunggebendes Ereignis. Das alles fand in
        <pb n="49" />
        Nach zwei Fronten. 7 
  
derselben Periode statt — wie wir nicht vergessen wollen —, wo Frank- 
reich im Innern durch die Boulangerschen Treibereien erschüttert 
wurde, wo zeitweilig der Friede auf der Schneide des Messers stand, 
während man gleichzeitig die Pariser Weltausstellung vorbereitete, die 
Weltausstellung, die der Welt den Beweis liefern sollte, daß Frankreich 
sich von seinen Ai#ederlagen erholt habe und nicht nur militärisch, son- 
dern auch gewerblich auf der Höhe der Zeit stehe. 
Alexander III. schwankte noch immer, ob eine Präzisierung des 
russisch-französischen Verhältnisses im russischen Interesse liege, und 
die Boulangerschen Krisen konnten ihn in diesen Bedenken nur bestärken. 
Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß Zar Allexander stets weit von 
kriegerischen Plänen, dem Deutschen Reiche gegenüber, entfernt gewesen 
ist; er war überhaupt friedliebend. Ein wertvolles Urteil über den Cha- 
rakter des Zaren gibt der verstorbene Graf Richard v. Pfeil, der neun 
Jahre in russischen Diensten als Oberst des Regiments Preobraschenski dem 
Zaren vielfach nahe gewesen ist, auch wohl dessen Vertrauen bis zu einem 
gewissen Grade genossen hat. Von seiner Abschiedsunterredung mit dem 
Zaren, sie fand im Jahre 1889 statt, sagte er: „Der Gesamteindruck, den 
mir Kaiser Alexander III. machte, war der von mir lange vermutete, 
daß er absichtlich von seiner Umgebung in einem tiefen Mißtrauen gegen 
Deutschland gehalten werde, und daß sich dieses Mißtrauen nunmehr 
derart in ihm eingewurzelt habe, daß an eine Anderung überhaupt kaum 
noch zu denken sei. Er war von seiner Friedensliebe mit Recht über- 
zeugt, glaubte aber auch allen diesen seinen Ratgebern und den sonstigen 
maßgebenden Persönlichkeiten in Rußland, von denen viele den Frieden 
durchaus nicht so wünschten wie er.“ — Zn dieser Charakteristik, die wir 
auch durch die Politik des Zaren bestätigt finden, liegt auch ein gewisses 
Schwanken eingeschlossen. Der Zar beklagte sich z. B. dem Grafen Pfeil 
gegenüber, daß auf Betreiben Bismarcks alle wahren deutschen Freunde 
Rußlands einflußlos gemacht würden. Im selben JLahre, ebenso wie zwei 
Zabre vorber, 1887, versicherte er aber Bismarck mündlich seines beson- 
deren Vertrauens und hatte nur die einzige Sorge, er werde nicht im Amte 
bleiben. Wiederum berichtet Fürst Hohenlohe in seinem Tagebuche 
vom Fahre 1892: Der Zar habe dem Kaiser gesagt, er habe alles Ver- 
trauen zu Caprivi, wenn dagegen Bismarck ihm etwas gesagt habe, so 
hätte er immer die UÜberzeugung gehabt „qu'il me tricherait“ (daß er 
mich bintergehen würde). Und dieses Vertrauensvotum für Capridvi fällt in 
dieselbe Zeit, wo die russisch-französische Militärkonvention zustande 
kam, die Exaltationen der Kronstädter Feste ein Jahr vorber stattgefunden 
hatten, und Caprivi eine Politik des Deutschen Reiches in die Wege ge- 
leitet hatte, die sich von Rußland entfernte und auf eine intime Annähe-
        <pb n="50" />
        8 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
rung an Rußlands schärfsten Gegner, Großbritannien, erfolgreich bin- 
arbeitete! 
Die russische Stimmung nach der Biesmarckschen Februarrede 1888 
war nicht so beschaffen, wie Bièmarck gewünscht hatte, vielmehr man 
sah sie in Rußland als eine Herausforderung an, welche durch die Tat- 
sache der russischen Rüstungen hervorgerufen worden sei, ebenso wie die 
Veröffentlichung des deutsch-österreichischen Bündnisses. Oiese Auf- 
fassung ist auch dem Zaren suggeriert worden. Stellen wir dieser Tat- 
sache die fernere gegenüber, daß kurz vor der Entlassung Bismarcks Kaiser 
Wilhelm der festen Uberzeugung war, Rußland befinde sich in voller 
Vorbereitung eines Angriffes auf die österreichischen Grenzen, so ergibt 
sich damit ein merkwürdiges Wechselspiel von Mißverständnissen überaus 
nachteiliger Art; es wäre leicht, dieses Bild durch weitere Züge zu ver- 
vollständigen. 
Uber den Biomarckschen Bemühungen um russisches Bertrauen zur 
Politik des Deutschen Reiches liegt eine gewisse Tragik. Niemand wird 
schärfer als er die vorsichtig, geschickt und unaufhaltsam arbeitenden Kräfte 
der französisch-russischen Annäherung erkannt haben. Sie lagen, wie wir 
heute objektiv sagen können, mit europäischer Naturnotwendigkeit in der 
Erstarkung Frankreichs eingeschlossen. Diese Erstarkung aber zu verhindern, 
war auch Bismarck auf die Dauer nicht möglich, besonders nicht, seitdem 
die Dezentralisation der französischen Kraft durch große koloniale Unter- 
nehmen, durch eine Politik europäischer Konsolidierung ersetzt worden war. 
Auf dem Berliner Kongresse hatte Rußland nicht das Maß an Beute und 
an Vorteilen davongetragen, welches es gewünscht hatte. Osterreich- 
Ungarn, vor allem Großbritannien, die hauptsächlichen und die mäch- 
tigsten Konkurrenten Rußlands, hatten es unter Anwendung stärkster Mittel 
verhindert. Dem Deutschen Reichskanzler wurde dieser Mangel an Erfolg 
von den Russen zur Last gelegt, weil man von ihm, als Entgelt für die 
russische Neutralität 1870/71 ein so aktives Eintreten für die russischen 
Orientwünsche verlangte, wie es den Lebensinteressen des Deutschen 
Reiches unmittelbar zuwidergelaufen wäre. Nachdem dann wieder die 
russische Politik den Fürsten Bismarck gezwungen hatte, Stellung zu 
russischen Angriffsabsichten auf Osterreich zu nehmen, und nachdem seine 
Entscheidung negativ ausgefallen war, stand die allgemeine russische Stim- 
mung, auf der Grundlage der überlieferungsmäßigen Orientpolitik und 
Orientziele Rußlands, ungeachtet gelegentlicher Schwankungen, fest. Die 
Tatsache des deutsch-russischen Rückversicherungsvertrages ändert daran 
nichts, zumal dieser, übrigens auf ausdrücklichen Wunsch des Zaren, strenge 
geheimgehalten worden war. 
Im Frühjahr 1888 war Kaiser Wilhelm I. aus dem Leben geschieden.
        <pb n="51" />
        Die Lücke in der Rüstung des Dreibundes. 9 
Die Welt wußte, daß Kaiser Friedrich ein todkranker Mann war und seine 
Regierung nur sehr kurze Zeit dauern konnte. In der Hand des Fürsten 
Bismarck lag damals tatsächlich alles, und zu gleicher Zeit war die Gegner- 
schaft gegen ihn in Deutschland selbst zu einem Höchstmaße an Schärfe und 
Bitterkeit angewachsen, eine Tatsache, die man im Auslande häufig mit 
Geschicklichkeit benutzte. Der dänisch-französische seinerzeit sehr einfluß- 
reiche und tätige diplomatische Agent Herr Jules Hansen sagt nach dem Weg- 
gange Bismarcks: „In Europa schuf das Ereignis eine wahrhafte Erleich- 
terung. In Frankreich hatte man die Empfindung, daß eine neue Ara 
anbreche und daß man endlich von der durch Biomarcks gewalttätige Politik 
erzeugten Beklemmung und Beängstigung befreit sein werde. Aun endlich 
hatte Frankreich nicht mehr den energischen Einspruch zu fürchten, den 
Bismarck jedenfalls gegen die Verwirklichung eines französisch-russischen 
Bündnisses erhoben hätte, und damit war die Aufgabe des französischen 
Ministers des Auswärtigen sehr erleichtert.“ — 
Das ist freilich mur ein Stimmungsbild, entworfen in einer Zeit, wo 
Hansen vom deutsch-russischen Rückversicherungsvertrage nichts ahnte und 
das Zögern des russischen Zaren, zu einem formalen Bündnisse mit Frank- 
reich zu kommen, nur auf direkte Einwirkung Bismarcks fälschlich zurück- 
führte. 
Die Lücke in der Rüstung des Dreibundes. 
Zm Jahre 1877 reiste Crispi in geheimer Mission zu Bismarck, um 
sich mit ihm über ein italienisch-deutsches Bündnis zu beraten. Die An- 
bahnung enger Beziehungen zwischen den beiden Ländern oder vielmehr 
deren Wiederaufnahme datierte schon seit Anfang der siebziger Zahre. 
Ztalien wollte sich politisch und diplomatisch in Europa befestigen, hatte 
aber damit Schwierigkeiten, zumal weil die italienischen Staatsmänner selbst 
uneinig waren und ebensowenig wie die öffentliche Meinung Ztaliens 
wußten, wie und mit welchen Mitteln die italienische Politik zu orientieren 
sei. Dazu kam militärische, maritime und finanzielle Schwäche. Man 
schwankte zwischen Anschluß an Frankreich und einem solchen an die mittel- 
europäischen Mächte. Die Unterredungen, die Crispi, der von Anfang an 
entschlossen für eine Annäherung an Deutschland eintrat, mit Bismarck 
hatte, fanden kurz vor dem Berliner Kongresse statt. Die beiden Staats- 
männer erörterten u. a. die italienisch-österreichischen Beziehungen. Bis- 
marck machte deren Freundlichkeit gewissermaßen zur Bedingung eines 
deutsch-italienischen Bündnisses. In der Orientfrage fürchtete Crispi, 
daß Osterreich-Ungarn einen zu großen Landzuwachs erhielte, und erklärte, 
IStalien könne nicht gestatten, daß Osterreich Bosnien und die Herzegowina 
besetze. Bismarck bot ihm dafür Albanien an und sagte, wie Crispi berichtet:
        <pb n="52" />
        10 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
„Ubrigens, wenn sich Österreich Bosnien nimmt, nimmt sich Btalien 
Albanien oder irgendein anderes türkisches Gebiet am Adriatischen Meer.“ 
Crispi erwiderte: „Eine Provinz an der Adria genügt uns nicht. Wir würden 
nicht wissen, was wir damit anfangen sollten.“ Man wolle eine Grenz- 
regulierung nach den Alpen hin und eine gesicherte Ostgrenze. 
Bismarck erklärte, daß solche Forderungen für Österreich nicht dis- 
kutabel seien. Man ließ den Punkt fallen, wurde sich aber über die wesent- 
lichen Bedingungen eines italienisch-deutschen Bündnisses einig. 
Zn London fand Crispi dieselbe Ansicht bei Lord Derby: „Nehmen 
Sie Albanien!“ Wie anders hätten sich die Orientfragen gestaltet, wenn 
Ztalien damals Albanien bekommen hätte. 
Zn England war man zu einem Abkommen mit #Italien sehr bereit. Es 
wurde aber eben vor dem Berliner Kongresse durch die ungeschickte Stellung- 
nahme des Grafen Corti und die Franzosenfreundlichkeit des Minister- 
präsidenten Cairoli ebenso zu Wasser, wie die deutsch-italienische Annähe- 
rung. Wie England zu. den für Italien wichtigen Fragen stand, gebt aus 
dem folgenden Telegramm des italienischen BotschafterS in London am 
3. März 1877 hervor: „ begann ich mit Lord Derbpy über die Angelegen- 
heiten in Agypten, Tripolis und Tunis zu verhandeln. Er sagte mir, es 
sei augenscheinlich, daß Italien und England im Mittelmeer gemeinsame 
Interessen hätten, daß er einen Meinungsaustausch über dieses Thema 
wünsche und sich vorbehielte, darauf zurückzukommen.“ Graf Corti, eben 
Minister des Auswärtigen geworden, wies dieses für Italien unter allen 
Umständen vorteilhafte Anerbieten zurück. Auch Fürst Bismarck wartete 
vergeblich auf amtliche Fortsetzung der von Crispi angebahnten Bündnis-- 
verhandlungen, und so fand sich Italien auf dem Berliner Kongresse von 
vornherein in einer überaus unvorteilhaften Lage. Es wollte wohl etwas, 
wußte aber nicht was und stand vollkommen isoliert da. Die beiden Groß- 
mächte, Deutschland und England, konnten kein Bertrauen zu einer Politik 
hegen, welche sich kurzsichtig, unbeständig und damit auch unzuverlässig 
gezeigt hatte. 
Auf dem Kongresse gingen die Dinge ihren bekannten Gang. Eng- 
land hatte kurz vor dem Zusammentritte des Kongresses mit der Türkei 
ein Schutz- und Trutzbündnis geschlossen, durch das es dem Türkischen 
Reiche seinen asiatischen Besitzstand verbürgte (Agypten) und sich die 
Insel Cppern geben ließ. Auf dem Kongresse hatten zunächst alle Bevoll- 
mächtigten die Erklärung abgegeben, daß sie durch keine geheimen Ab- 
machungen irgendwelcher Art gebunden wären. Auch die englischen 
Bevollmächtigten hatten diese Versicherung abgegeben, konnten es aber 
schließlich nicht vermeiden, mit dem Cypern-Vertrag an das Licht zu kom- 
men. Oiraeli entdeckte ihn zunächst dem Fürsten Bismarck, dieser nahm
        <pb n="53" />
        Die Lücke in der Rüstung des Oreibundes. 11 
  
Akt von dem neuen Momente, und man wurde sich darüber einig, daß 
als Entgelt an Frankreich freie Hand in Tunis gegeben werden könne. 
Mit dieser Eröffnung beschwichtigte Lord Salisbury, damals zweiter 
Bevollmächtigter des Kongresses, den französischen Bevollmächtigten 
Waddington, der zunächst ebenso entsetzt wie entrüstet über diesen eng- 
lischen Schlag gegen Frankreichs Mittelmeerstellung gewesen war. Die 
Erlaubnis Deutschlands und Englands an Frankreich, bei gegebener Ge- 
legenheit die Hand auf Tunis zu legen, blieb zunächst geheim, wennschon 
im Laufe der kommenden Zabre die italienischen Staatsmänner durch 
Gerüchte, die der Wahrheit nahe kamen, lebhaft beunruhigt worden waren. 
Die französische Okkupation von Tunis traf das italienische Volk 
überaus schwer, um so schwerer, als Italien sich in Europa völlig verein- 
samt sah. Die in Betracht kommenden Großmächte hatten auf dem Ber- 
liner Kongresse die französische Tunis-Expedition gebilligt, und selbst 
die Freunde Italiens, Deutschland und England, weigerten sich, irgend 
etwas gegen Frankreich zu tun. Der Unwille der wissenden Politiker 
über Cairoli und den italienischen Bevollmächtigten des Berliner Kon- 
gresses, Grafen Corti, war um so größer, als eben damals englische, wahr- 
scheinlich auch deutsche Staatsmänner der italienischen Regierung ver- 
blümt Tripolis angeboten hatten, und zwar als Ausgleich für Tunis. 
Außerdem wurde bekannt, daß Bioèmarck bereits vor dem Kongresse dem 
Grafen Corti hatte sagen lassen, Deutschland wäre stets gern bereit, auf 
dem Kongresse für die Besetzung von Tunis — das damals schon der ita- 
lienische Einfluß ausfüllte — einzutreten. Corti wollte überklug sein und 
wies das Anerbieten mit der spöttischen Bemerkung zurück: ob dem Für- 
sten Biemarck wirklich soviel daran läge, Italien in einen Krieg mit Frank- 
reich zu verwickeln. — Oiese „Klugheit“ war politisch ihr Gegenteil und 
hat Ztalien um Tunis gebracht. Hätte Ztalien damals das Anerbieten an- 
genommen und das Unternehmen gut vorbereitet, so würde sein Ver- 
hältnis zu Frankreich nicht schlechter geworden sein, im Gegenteil, und 
außer Tunis wäre auch Cripolis heute längst italienisch. Also auch diese 
Gelegenheit war versäumt, Ztalien sah sich isoliert, fühlte sich schwach, 
und nun in dieser ganz veränderten Lage nahm man endlich die alten 
italienisch-deutschen Bündnispläne energisch wieder auf. Frankreich war 
durch Tunis der erklärte Gegner geworden. 1885 wurde der Beitritt 
Ztaliens zum deutsch-österreichischen Bündnis unterzeichnet. In den fol- 
genden Zahren versuchte die großbritannische Regierung mehrfach, Italien 
zu politischer und militärischer Mitwirkung in Agopten zu bewegen, was 
aber vom damaligen Ministerpräsidenten abgelehnt wurde. Man fürch- 
tete dadurch in unhaltbare Berhältnisse mit Frankreich zu gelangen und 
scheute ebenfalls die Kosten. Crispi, der mit Recht diese Ablehnung für
        <pb n="54" />
        12 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
einen großen Fehler hielt, schrieb damals: „In Agppten wird die Frage 
über die Herrschaft im Mittelmeer gelöst, und wir könnten uns für die in 
Tunis erlittenen Niederlagen entschädigen.“ An einer anderen Stelle 
seiner Denkwürdigkeiten") sagt der große Staatsmann: „England fürchtet 
nicht die Entwicklung unserer Marine, im Gegenteil, es freut sich ihrer Ent- 
wicklung, denn dadurch entsteht eine Seemacht, die Frankreich entgegen- 
treten könnte .. Als Freunde und Berbündete der Engländer haben wir 
zur See nichts zu befürchten. Wenn der entgegengesetzte Fall einträte, 
würden wir nie Herren unserer Küsten sein.“ 
Die Kenntnis gerade dieser großen programmatischen Gesichts- 
punkte, die sich nicht nur Crispi, sondern alle bedeutenden italienischen 
Staatsmänner in jener Periode vorsetzten, ist unbedingt notwendig, wenn 
man die italienische Politik verstehen will. Dazu muß bedacht werden, 
daß Frankreich damals unbestritten die zweite Seemacht der Welt war 
und eine Flotte besaß, die durch den siebziger Krieg nicht gelitten hatte. 
Die italienische Politik war somit zur See mit Notwendigkeit auf englische 
Freundschaft angewiesen, da die Dreibundmächte zur See nicht in Betracht 
kamen. Zusammengehen mit England an den afrikanischen Nordküften 
war für eine tatkräftige, ausgreifende italienische Politik damals vorteil- 
haft und von dem Augenblicke an selbstverständlich, wo Italien nicht mehr 
schwankte: zwischen Frankreich und Großbritannien zur See, zwischen Frank- 
reich und Deutschland zu Lande. 
Während der ersten Periode des neuen ODreibundes waren die italie- 
nischen Staatsmänner aber englischer Hilfe im Mittelmeer nicht sicher, 
fühlten sich von Bismarck geringschätzig behandelt, offenbar, weil er Stetig- 
keit bei ihnen vermißte. Besonders fehlte aber im Bündnisvertrage das, 
was Italien vor allem zu haben müssen glaubte: Sicherung seiner Stellung 
im Mittelländischen Meere. Oer italienische Minister des Auswärtigen, 
Graf Robilant, stellte dieses als Bedingung vor Erneuerung des Bünd- 
nisses, und Bismarck, der die Rotwendigkeit einer solchen Ergänzung erkannte, 
versuchte, die englische Regierung zu bewegen, Italien diejenigen Garan- 
tien für das Mittelmeer zu bieten, welche Deutschland nicht geben konnte. 
Diese aus italienischen Quellen stammenden Mitteilungen werden durch 
Ausführungen bestätigt, die Fürst Bismarck um Mitte der neunziger Zahre 
in seinem Hamburger Organ machen ließ. Es heißt da u. a.: „Wenn 
Graf Nobilant bei der damaligen Erneuerung des Dreibundes (1887) 
eine vorherige Abmachung mit England zum Schutze der italienischen Inter- 
  
*) Zn diesem Zusammenhange möchte ich nicht verfehlen, auf die Memoiren Crispie 
binzuweisen, eine wahre Fundgrube für die politische und diplomatische Zeitgeschichte. 
Leider ist nur ein Teil ins Deutsche übersetzt: „Die Memoiren Francesco Crispis“, deutsch 
von W. Wichmann. Rom, Verlag F. Fontane &amp; Cie. Berlin 1912. Oieses Buch schließt 
bereito mit dem Jahre 1890, ist aber von bob#m Interesse.
        <pb n="55" />
        Die Luͤcke in der Rustung des Dreibundes. 13 
  
essen im Mittelmeer zur Bedingung gemacht und auch durchgesetzt hat, 
so hat er damit nur getan, was Fürst Bismarck an seiner Stelle auch getan 
haben würde .. In bezug auf #talien hat er (Bieèmarck) stets die Ansicht 
vertreten, daß das Königreich des maritimen Schutzes durch die englische 
Flotte niemals ganz entbehren könne und deshalb stets mehr oder weniger 
auf England Rücksicht nehmen müsse.“ — Außerdem soll Graf Nobilant 
eben damals mit Osterreich-Ungarn unter Zustimmung des Deutschen 
Reiches eine Bereinbarung getroffen haben: daß ein neuer Gebietszu- 
wachs Osterreich-Ungarns auf der Balkanhalbinsel Italien berechtigen 
würde, Kompensationen ebendort zu verlangen. 
1887 reiste Crispi wieder zum Fürsten Bismarck, um die Bervollständi- 
gung des Bündnisvertrages durch eine Militärkonvention zu erreichen. 
Bismarck erklärte seine Ubereinstimmung. Crispi kehrte befriedigt nach 
Rom zurück und hielt seine große aufsehenerregende Rede mit Andeu- 
tungen über die Richtlinien seiner Politik und deren Grundlagen: „Aber 
wenn wir auf dem Festlande mit den Zentralmächten verbündet sind, 
wenn wir im Mittelmeere im Einverständnis mit England vorgehen, so 
verfolgen wir dennoch keine Ziele, durch die sich andere Mächte (Frank- 
reich) bedroht fühlen können.“ AUber die mit Biemarck getroffenen Ab- 
machungen sagte Crispi, niemals sei „#n einer so vollständigen und herz- 
lichen Verbindung, wie sie zwischen Italien und seinen Berbündeten 
besteht, seine Würde mehr geachtet, und seien seine Znteressen mehr ge- 
währleistet worden.“ Die Londoner „Times“ aber schrieben dazu: „Eng- 
land, dessen Interessen alle mit dem Frieden und der geregelten Fort- 
entwicklung der Dinge verknüpft sind, stellt sein Ubergewicht auf die 
Seite dieses so hervorragend zur Erhaltung des Bestehenden dienenden 
Bundes.“ 
Schon aus dieser Wendung geht hervor, daß ein förmlicher Bertrag 
mit Großbritannien nicht bestand. Fürst Bismarck hat sich in den neunziger 
ZJahren seine Stellung in diesem Punkte folgendermaßen bezeichnen 
lassen: „Tatsächlich ist das Bemühen des Fürsten Bismarck nie über den 
Zweck hinausgegangen, die Berbindung der britischen Seemacht mit 
den Interessen des Friedensbundes und namentlich Ztaliens zu sichern.“ 
Anderseits ließe sich an unzähligen Aussprüchen des Fürsten Bismarck 
zeigen, daß er die britische Seemacht als natürliche Deckung gefährdeter 
maritimer Interessen des Dreibundes ansah. Darin lag naturgemäß um- 
gekehrt die Voraussetzung, daß die großbritannische Politik ihre Stellung 
und ihre Interessen besser durch Anschluß an den Dreibund als an Frank- 
reich oder Frankreich und Rußland gedeckt glaubte. Und dementsprechend 
arbeitete die Bismarcksche Politik, mit der Kunst und dem Fernblicke des 
Meisters, konsequent darauf hin, diese Boraussetzungen für England zu
        <pb n="56" />
        14 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
erhalten oder neu zu schaffen. Es sei nur an seine Behandlung der ägyp- 
tischen Frage erinnert. 
Wenn Fürst Bismark also hier ein Prinzip der Ergänzung: Eng- 
land die Flotte, der Dreibund die Armeen! für richtig bielt, so war doch 
dieses von dem Caprivischen Ergänzungsprinzipe wenige Zahre nachher 
völlig verschieden, weil der zweite Deutsche Kanzler die deutsche Politik 
in ein Verhältnis zur englischen brachte, das nach dem Berfallenlassen 
des deutsch-russischen Neutralitätsvertrages an Unabhängigkeit zu stark 
verloren hatte, um vorteilhaft zu sein, ja auch um dauern zu können. 
Das dergestalt politisch gestärkte Ztalien ließ sich nun auch nicht mehr 
durch den französischen Versuch wirtschaftlichen Oruckes einschüchtern, 
sondern Crispi begann den Zollkrieg mit Frankreich, der ein Zahrzehnt 
währen sollte. Auf Bismarcks Betrieb wurde von deutscher Seite alles 
getan, um in dieser schwierigen Lage dem Bundesgenossen Hilfe zu leisten 
und die sinkenden italienischen Werte zu stützen. Auch im übrigen folgt 
während dieser Periode ein französisch-italienischer Zwischenfall dem 
anderen, eine Reiberei der anderen, bald über Marokko, bald in Tunis, 
bald in Massaua. Als im Winter 1888 eine Konzentration französischer 
Geschwader im Mittelländischen Meere stattfand und man sich in Italien 
darüber stark beunruhigte, erschien sofort die englische Kanalflotte in den 
Gewässern des Mittelländischen Meeres. England stellte also „sein Über- 
gewicht in den Oienst des Friedensbundes“. 
1888 finden wir Crispi wiederum beim Fürsten Biemarck, und die 
Presse hob hervor, daß dieser Besuch sich wohl nicht zum wenigsten auf 
die italienisch-französischen Reibereien in Afrika zurückführe. Man täusche 
sich in Frankreich mit der Annahme, daß #talien nur auf dem Festlande 
deutschen Schutz zu gewärtigen habe. 
Als Kaiser Wilhelm II. sich auf seiner Romreise 1888 vom Staats- 
sekretär des Auswärtigen Amtes, dem Grafen Herbert Biemarck, beglei- 
ten ließ, äußerte dieser zu Crispi: „Die drei vereinigten Monarchien sind 
stark genug, um den Frieden zu erhalten. Wir dürfen une aber nicht die 
Freundschaft Englands verscherzen, dessen Macht uns im Mittelmeer so 
nötig ist.“ Lord Salisbury habe dem Kaiser neuerdings gesagt, er werde 
im Mittelmeer im Einverständnisse mit der italienischen Regierung handeln. 
So war um die Wende der achtziger Jabre die Lage im Mittellän- 
dischen Meere kurz folgendermaßen: Erbitterter Gegensatz zwischen Italien 
und Frankreich; auf dem Lande Zollkrieg, in Afrika ständige Reibereien. 
Ztalien hatte das Gefühl seiner Schwäche zur See Frankreich gegenüber, 
siebt sich aber durch das Einverständnis Großbritanniens mit der Politik 
des Dreibundes, im besonderen mit der italienischen Mittelmeerpolitik 
wirksam gedeckt. Für Großbritannien steht in allererster Linie die ägpp-
        <pb n="57" />
        — 
Oie Lücke in der Rüstung des. Oreibundes. 13 
  
  
tische Frage, außerdem eine ganze Reihe kolonialer Differenzpunkte mit 
Frankreich. Die Frage der Vorherrschaft im Mittelmeer ist brennend, 
und die britische Regierung empfindet das Bedürfnis, Frankreich seine 
Stellung in Tunis, die es britischer Erlaubnis verdankt, nach Möglichkeit 
zu erschweren. Der leitende Staatsmann des Deutschen Reiches läßt 
Ztalien neben dem vertraglichen Beistande alle Hilfe angedeihen, zu welcher 
seine europäische Autorität ihn befähigt. Aichtsdestoweniger verfolgt er 
seinen alten Grundsatz, kolonialen Bestrebungen Frankreichs freie Hand 
zu lassen. Damit wird der französisch-italienische und französisch-eng- 
lische Gegensatz in seiner Schärfe erhalten. Trotz des Fehlens deutscher 
Seemacht liegen die Fäden auch der Mittelmeerfrage in der gewaltigen 
Hand des Fürsten Bismarck. 
Wie überall, so muß auch die Politik Ztaliens auf der geographischen 
Gestaltung und der Machtfrage beruhen. Die italienische Halbinsel, die sich 
lang und schmal mit ungeheurer Küstenentwicklung in das Mittelländische 
Meer binein erstreckt, sieht sich von zwei großen Seemächten umgeben, 
der englischen und der französischen. Großbritannien hatte damals kein 
Znteresse an einem zur See besonders schwachen Italien, weil die bri- 
tischen Staatsmänner der Ansicht waren, eine für England lästige Stärke 
werde die italienische Flotte nie erreichen können. Wäre sie aber, an den 
italienischen VBerhältnissen gemessen, möglichst stark, so könnte man darin 
nur ein wünschenswertes Gegengewicht zur See gegen Frankreich er- 
blicken. Diese Auffassung bestand so lange, wie der englisch-französische 
Gegensatz, und umgekehrt die französische: daß Frankreich ein abhängiges 
Ztalien gebrauche und eigentlich verlangen könne, weil das moderne 
Ztalien seine Existenz Frankreich zu danken habe. Mit wie groben Mitteln 
man arbeitete, zeigte 1888 das Wort des französischen Unterhändlers: 
Ein neuer Handelsvertrag zwischen den beiden Mächten werde nicht zu- 
stande kommen, solange Italien dem Dreibund angehöre. 
Der Oreibund anderseits konnte, der Natur und den Mitteln der 
beiden Kaiserreiche entsprechend, die Küsten, die Inseln und die über- 
seeischen Interessengebiete Italiens im Mittelmeere nicht schützen. Deutsch-- 
land und ÖOsterreich-Ungarn konnten von der italienischen Politik nicht 
verlangen, daß sie diese Blöße und diese gefährlichen Angriffeflächen 
ignorierte. Italiens Forderung, daß der Dreibund es auch nach dieser Seite 
hin sicherstellte, — sollte es selbst dem Dreibunde ein sicheres Glied bleiben 
— dieses Verlangen war legitim. Es ging aus der Naturpflicht und dem 
Naturrecht des Anspruches auf Schutz bervor. Der Oreibund selbst aber 
verfügte über solche Mittel nicht, und deshalb griff Fürst Bismarck auf
        <pb n="58" />
        16 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großdritannien. 1887—1894. 
  
England als Surrogat zurück, ein Surrogat, das so lange nicht schaden 
konnte, wie seine Wirksamkeit im Einklange, nicht nur mit den Interessen 
Staliens, sondern auch mit denen des Oreibundes blieb. 
Im Laufe der Zeit änderten sich die politischen Berhältnisse wie 
auch die Kraftverhältnisse in Europa außerordentlich, aber in höherem 
Grade zu Wasser als zu Lande. Deshalb wiederum ist die Stellung Ita- 
liens für die italienische Politik selbst lange Zeit sehr schwierig gewesen. 
Für die übrigen Mächte, die des Dreibundes wie die anderen, bildete 
die Bestimmung Italiens und der Einfluß auf sie einen Gegenstand größter 
Aufmerksamkeit. Deutschland als ODreibundmacht konnte mit Ztalien 
aber nur dann eine richtige und letzten Endes erfolgreiche Politik treiben, 
wenn diese immer wieder auf die Grundlagen der italienischen Stellung 
im Mittelmeer einerseits, im Dreibunde anderseits zurückging und von 
eben ihnen auch wieder ihren Ausgang nahm. Schon die eine Tatsache, 
welche bei der öffentlichen Meinung Deutschlands zeitweise in Bergessen- 
heit geraten war, — und in der Beurteilung der Tagespolitik deshalb oft 
außer Betracht blieb — mußte bei jeder Beurteilung der auswärtigen 
Politik Ftaliens mit maßgebend bleiben: daß die Gründer des Dreibundes, 
Bismarck und Crispi, die Schutzgarantie der italienischen Mittelmeer--- 
interessen durch England für vollkommen unerläßlich hielten. Sonst, so 
war ihre Ansicht, mußte Italien dem französischen Ubergewichte nach- 
geben und sich automatisch dem Dreibunde entfremden. 
Hinsichtlich der Nützlichkeitsfrage, unter den damaligen Berhält- 
nissen, rechnete die deutsche Politik etwa folgendermaßen: 
Zum Oreibunde gehörig, mit seinen beiden Bundesgenossen völlig 
einig und seinen Vertragspflichten treu ergeben, werde, während eines 
europäischen Krieges, Italien eine gewisse französische Truppenmacht 
an den italienisch-französischen Grenzen gebunden halten. Die Armee 
Osterreich-Ungarns werde dann in ihrer ganzen Stärke nach den öst- 
lichen event. südöstlichen Grenzen der Doppelmonarchie ausgenutzt werden 
können. Wenn anderseits Italien sich nicht im Dreibund befände, oder 
aber ihm nur formal und mit halbem Herzen zugehörte, so würde Oster- 
reich-Ungarn im Kampfe gegen Rußland gezwungen sein, einen großen 
Teil seiner Streitkräfte an der österreichisch-italienischen Grenze zu binden 
und mit der Hand am Säbelgriff bereitzuhalten, wenn nicht überhaupt 
offener Kampf zwischen den beiden Nachbarmächten ausbräche. Frank- 
reich seinerseits brauchte an der italienischen Grenze keine Truppen zu 
lassen. Das entsprechende Verhältnis würde zur See für die beiden Mächte 
gelten. Ein nicht zum Oreibunde gehöriges Italien würde ferner mit 
Notwendigkeit Frankreich dienstbar werden, schon im Frieden Frankreichs 
Mittelmeerstellung enorm stärken und auf Österreich-Ungarn drücken,
        <pb n="59" />
        Die Lacke in der Rüstung des Dreibundes. 17 
  
während im Kriege Frankreich dann dem Deutschen Reiche mit um so 
größerer Land- und Seemacht unmittelbar entgegentreten könnte. Schließ- 
lich wäre die politische Wirkung eines von Frankreich abhängigen und mit 
ihm eng verbundenen Italiens die Gefahr, daß Großbritannien sich ver- 
anlaßt sehen würde, ein Einverständnis zur See mit diesen beiden Mächten 
zu suchen. Dadurch aber würde wiederum die Stellung Großbritanniens 
zum Deutschen Reiche mit Notwendigkeit eine ungünstige, zumal im 
Hintergrunde einer solchen Kombination sich bereits der Schatten einer 
englisch-russischen Berständigung erhob. 
Zn Anbetracht nun der Tatsache, daß die italienischen Staatsmänner 
immer vor einer sehr schwierigen Aufgabe standen, auch eine starke fran- 
zosenfreundliche Strömung in Italien vorhanden war, wendete Biomarck 
seinen alten Grundsatz für Bündnisbeziehungen mit ganz besonderer 
Sorgfalt auf Italien an: es sollte sich im Dreibunde wohlfühlen und sollte 
die Erhöhung seiner Sicherheit und die Vorteile seiner Zugehörigkeit 
zum Oreibunde tatsächlich und ständig empfinden. Oie französische Politik 
hat unauphörlich versucht, stets mit großer Geschicklichkeit, die Gegenseite 
dieses Argumentes in der politischen Praxis zur Geltung zu bringen, näm- 
lich Ztalien durch Lockungen mit Vorteilen eine Zugehörigkeit zu Frank- 
reich vorteilhafter erscheinen zu lassen als die zum Oreibunde. Stete 
bildet ein französischer Appell an gewisse Seiten des italienischen Wesens 
und gewisse Teile des italienischen Bolkes wirksame Hebel, zumal wenn 
irgendein anderes Ereignie die erregbare Bevölkerung enttäuscht hatte, 
ein Ereignis sogar, das tatsächlich nicht mit der Zugehörigkeit Italiens 
zum Oreibunde in ursächlicher Beziehung stand, sondern nur sich begab, 
während Ztalien zum Dreibunde gehörte. Ein einziger militärischer Miß- 
erfolg von einer an sich geringen Bedeutung, der dem italienischen General 
Baratieri in Afrika zustieß, warf mit einem Schlage die Crispische Politik 
über den Haufen und öffnete die Ohren der Italiener den unrichtigsten 
Erzählungen und phantastischen Darstellungen über die angeblich unheil- 
vollen Folgen seiner Dreibundszugehörigkeit. Wenn man von Ztalien 
spricht, und sagt: Ztalien vertritt diese oder jene Politik, — so ist dieses 
Italien, wie übrigens in manchen anderen Ländern auch, bäufig ein 
einziger Mann, der möglicherweise morgen nicht mehr da ist, weil eine 
auch zeitlich unberechenbare Volksstimmung ihn trägt und fallen läßt. Es 
heißt — nach französischen und österreichischen Quellen —, daß beim Ab- 
schlusse des Dreibundes sich die Monarchen verpflichtet haben, insbe- 
sondere auch der König von Ztalien, gegebenenfalls persönlich mit allen 
Kräften auf die Beibebaltung oder Wiedererneuerung des Bündnisses zu 
wirken. Damit wollte man ein stabiles Element in der Flucht der parlamen- 
tarischen Erscheinungen schaffen und hat das verhältniomäßig ohne Zweifel 
Graf Reventlow, Heutschlands auswärtige Polltlk. 2
        <pb n="60" />
        18 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
auch getan. Die Uberzeugung vom Autzen der Zugehörigkeit Italiens 
zum Oreibunde wuchs unter den Politikern IZtaliens zunächst erheblich. 
Dieser ANutzen zeigte sich sozusagen auf Schritt und Tritt der italienischen 
Politik und Wirtschaft, ohne daß Italien Unkosten davon gehabt hätte. 
Ob die Staatsmänner in den ersten Dreibundszeiten geneigt und imstande 
gewesen wären, durchzusetzen, daß Italien in einem europäischen Kriege 
seinen Bundespflichten genügte, muß dahingestellt bleiben, wahrscheinlich 
hätte das ganz und gar von der Konstellation und von den Ergebnissen 
italienischer Zweckmäßigkeitsberechnungen abgehangen. Wandeldbar blieb 
das Element desjenigen Teils der italienischen Politik, welcher nicht direkt 
durch den Dreibundvertrag umschrieben wird, und eben hier, wo die Ita- 
liener politisch und militärisch ihre schwache Stelle fühlten, wo die nicht 
dokumentarisch-vertraglich verbürgte Garantie des Status quo im Mittel- 
ländischen Meere durch die britische Flotte Platz zu greifen hatte, setzte 
die französische Politik ein. Hierzu gesellten sich in den neunziger Jahren 
die afrikanischen Schwierigkeiten, ferner solche finanzieller und wirtschaft- 
licher Natur. Dazu kam allgemein der alte, zunehmende italienische 
Haß gegen ÖOsterreich-Ungarn und die Fremdbeit des Ztalieners deutschem 
Wesen gegenüber, und schließlich, wie wir heute erfahren haben, das 
gänzliche Fehlen des Momentes der Bundestreue. Trotzdem, wie hier 
schon vorweggenommen sei, war der Verrat von 1915 kein unausweichliches 
Verhängnis, sondern das negative Ergebnis einer ausweichenden Politik 
innerhalb des Oreibundes. 
Die Grundzüge der italienischen Politik und das deutsch-italienische 
Verhältnis sind hier, zu Anfang des letzten Bierteljahrhunderts deutscher 
Politik, deshalb besonders stizziert worden, weil beide die Grundlage 
und Erklärung für viele wichtige politische Erscheinungen und Akte während 
dieser fünfundzwanzig Jahre bilden. Ohne deren Kenntnis wären die 
letzteren nicht verständlich, geschweige denn beurteilbar. 
Die Rückversicherung und ihre Auflösung. 
General v. Caprivi, als Bismarcks Nachfolger im Frühjahr 1890 er- 
nannt, lehnte eine Erneuerung des deutsch-russischen Rückversicherungs- 
vertrages ab oder unterließ stillschweigend die Erneuerung. Mit dem 
Herbste des gleichen Jahres erlosch der Vertrag. 
Bevor wir die Folgen dieses vielbesprochenen und schwerwiegenden 
Aktes erörtern, ist es notwendig, kurz auf seine Vorgeschichte einzugehen, 
soweit sie bekannt ist. Amtlich Authentisches ist niemals über den Rück- 
versicherungsvertrag gesagt worden. Von seiner Ezistenz erfuhr man 
erst durch die Enthüllungen der „Hamburger Nachrichten“ im Jahre
        <pb n="61" />
        Oie Rückversicherung und ihre Auflösung. 19 
  
1896, nachdem in der deutschen Presse behauptet worden war, das Ver- 
hältnis zwischen dem Deutschen Reiche und Rußland sei bereits unter 
dem Fürsten Bismarck schlecht und der Draht gerissen gewesen. Darauf 
brachten die „Hamburger Nachrichten“ in wiederholten Ausführungen 
die Enthüllung, daß bis zum Zahre 1890 eben jener Vertrag existiert habe, 
nachdem er im Jahre 1884 auf drei Zahre geschlossen und 1887 auf weitere 
drei Zahre verlängert worden sei. Begreiflicherweise erregten diese Mit- 
teilungen, die durch Kommentare anscheinend sehr gut informierter 
Wiener Zeitungen ergänzt wurden, ein ganz ungeheures Aufsehen. Im 
Deutschen Reichstage kam die Sache zur Sprache, und Freiherr v. Mar- 
schall stellte sich auf den Standpunkt, daß er nur theoretisch und aka- 
demisch über das von den „Hamburger Nachrichten“ behauptete Ab- 
kommen sprechen könne, denn wenn es wirklich existiert habe, so würde 
es zu den Staatsgeheimnissen gehören und sich infolgedessen jeder Er- 
örterung durch beamtete Personen entziehen. Die Beweisgründe des 
damaligen Staatssekretärs gipfelten im wesentlichen darin, daß ein solches 
Sostem doppelter und einander ergänzender Berträge den Nachteil habe, 
daß diese sich gegenseitig abschwächten oder gar entwerteten, die Ver- 
tragsmächte mißtrauisch machten und im Kriege wahrscheinlich versagen 
würden. Ein Staatêmann von der Autorität und den Fähigkeiten Bismarcks 
habe eine so komplizierte Vertragemaschine vielleicht beherrscht und lenken 
können, aber normalerweise müsse man sie als zu verwickelt bezeichnen. 
Auch für diese Argumente ist die Entstehung des Rückversicherungs- 
vertrages lehrreich. 
Im September 1884 fand im Schlosse von Skierniewice die Zusammen- 
kunft der drei Kaiser, Wilhelms I., Alexanders III. und Franz Josephs, 
statt. Sie bedeutete eine, wenn auch veränderte Auflage des alten Orei- 
kaiser-Bündnisses und gipfelte darin, daß die drei Kaiser einander wohl- 
wollende Aeutralität für den Fall zusagten, daß das Reich eines von ihnen 
angegriffen werden würde. Oie drei Herrscher waren begleitet von den 
verantwortlichen Leitern ihrer auswärtigen Politik: Bismarck, Giers und 
Kalnokpy. Unmittelbare Veranlassung und Zweck bildete die russisch- 
englische Spannung, außerdem die Besorgnis französischer Angriffs- 
gelüste und die Befestigung des Vertrauens zwischen Rußland und ÖOster- 
reich-Ungarn. ODie drei Kaiserreiche waren damit die Herren der euro- 
päischen Lage. 
1887 lagen die Verhältnisse erheblich anders. Die Spannung zwischen 
Rußland und Osterreich war, hauptsächlich durch die verschiedenen 
Balkanfragen, eine immer schärfere geworden, die russisch-französische 
Annäherung hatte Fortschritte gemacht, das Mißtrauen Alexanders III. 
gegen Deutschland befand sich auf einem Höhepunkte infolge der so- 
2•
        <pb n="62" />
        20 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
genannten bulgarischen Fälschungen. Es waren das gefälschte Depeschen, 
die den Beweis liefern sollten, daß Bismarck in der Angelegenheit des 
Fürsten Ferdinand von Bulgarien heimlich antirussische Politik getrieben 
habe im Gegensatze zu der amtlich von ihm angegebenen und vertretenen. 
Alexander III. kam im November 1887 für kurze Zeit von Kopenhagen 
nach Berlin, und es gelang Biemarck, ihn auf einer Audienz zu über- 
zeugen, daß die Depeschen gefälscht seien. Biomarck hat nach seiner 
Entlassung wiederholt in so bestimmter Weise betont, der Zar habe 
ihm damals völlig vertraut, und im Anschluß an jene Unterredung sei der 
Rückversicherungsvertrag mit dem rrussischen Botschafter zu Berlin, 
Grafen Schuwalow, erneuert worden, daß bierüber kein Zweifel möglich 
ist. Es handelte sich also um einen Vertrag, der genau so beschaffen war 
wie der von 1884, nur mit dem Unterschiede, daß Österreich-Ungarn 
nicht dabei war. Unmittelbar nach jener Berliner Zusammenkunft er- 
schien im „Pester Llopd“ eine wahrscheinlich inspirierte Darstellung der 
Unterredung Bismarcks mit dem Zaren: Der letztere habe mit Bestimmt- 
heit versichert, er wünsche die Erhaltung des Friedens und wiederhole 
jetzt sehr gern die Versicherung, daß ihm weder ein Angriff gegen Deutsch- 
land, noch die Teilnahme an einer gegen Deutschland gerichteten Koali- 
tion in den Sinn komme. — Has ist ungefähr derselbe wie der viele Jahre 
später von Bismarck bzw. den „Hamburger Nachrichten“ bezeichnete In- 
halt des deutsch-russischen Bertrages: daß jede der beiden Mächte im 
Falle, daß die andere von einer dritten Macht angegriffen würde, wohl- 
wollende Neutralität zu beobachten habe. Der „Pester Llopd“ von da- 
mals wußte freilich nicht, daß eine schriftliche Firierung des Abkommens 
stattgefunden hatte, vielmehr deutet seine Drstellung nur eine münd- 
liche Berständigung an ungefähr derart, wie im Zanuar 1911 durch das 
Potodamer Abkommen stattfand. 
Der deutsch-russische Bertrag von 1887 scheint durch die mündliche 
Versicherung des Zaren ergänzt worden zu sein, daß er auch gegen ÖOster- 
reich-Ungarn keinen Angriff plane. Äußerlich wurde jene Berliner Ab- 
machung nur dadurch hervorgehoben, daß der russische Botschafter Graf 
Schuwalow unmittelbar noch während der Anwesenheit des Zaren, also 
sofort nach der Unterredung, den Schwarzen Adlerorden erhielt. Das 
Abkommen selbst wurde auf den besonderen Wunsch des Zaren streng 
geheimgehalten, während nach Biemarcks späterer Angabe das Oeutsche 
Reich zur Geheimhaltung keinerlei Grund gehabt hätte. Unter dem 
Siegel der Berschwiegenheit ferner wurde auch der Kaiser von Österreich 
in Kenntnis gesetzt. 
Wo lag der springende Punkt des deutsch-russischen Vertrages? 
Seitdem sein früheres Besteben und seine spätere Nichterneuerung
        <pb n="63" />
        Die Rackversicherung und ihre Auflösung. 21 
  
  
bekannt ist, haben Politiker und Laien meist seine Hauptbedeutung darin 
gesehen, daß er Rußland gebunden habe, und zwar Frankreich gegenüber. 
Biemarcks Autorität und außerordentlicher Gewandtheit sei es gelungen, 
dem Zaren und den russischen Staatsmännern diesen Vertrag als Lasso 
überzuwerfen und sie daran zu halten. Oie Gegengabe Deutschlands 
habe in der Sicherung Rußlands gegen einen Angriff von seiten Oster- 
reich-Ungarns bestanden. Auch in der öffentlichen Meinung ÖOsterreich- 
Ungarns wurde nach den Hamburger Enthüllungen diese Auffassung ver- 
treten, und zwar mit Erbitterung und Empörung: der Rückversicherungs- 
vertrag sei von seiten Deutschlands eine Hinterlist und Treulosigkeit gerade 
Osterreich-Ungarn als Bundesgenossen gegenüber gewesen. Ein reichs- 
deutsches Witzblatt jener Tage zeigte Bismarck, wie er zwei Schwerter 
schmiedete und seinem Sohne Herbert erklärte: das eine sei für Osterreich, 
das andere gegen ÖOsterreich. Noch heute hört man in Oeutschland viel- 
fach die Ansicht vertreten: der Rückversicherungsvertrag sei zwar ein 
WMeisterstück Bismarckscher Klugbeit, aber doch nicht ganz lopal gegen 
unseren Bundesgenossen Österreich-Ungarn gewesen. Es gab damale, in 
den innerpolitisch so bewegten Zeiten, Anfang der neunziger Jahre, 
genug Leute und Strömungen im Deutschen Reiche, in Osterreich-Ungarn 
und in Großbritannien, die das größte Interesse daran hatten, diese Dar- 
stellung und Auffassung volkstümlich zu machen. Ihr Bestreben ist merk- 
würdig vollkommen gelungen. Dabei hätte schon die einfache Uberlegung 
das Gegenteil zeigen können, wenigstens die stärksten Zweifel an der 
Richtigkeit erwecken müssen: daß Rußland aus Furcht vor einem Angriffe 
Osterreich-Ungarns sich zur Verpflichtung habe bewegen lassen, im An- 
griffökriege einer dritten Macht gegen Deutschland wohlwollend neutral 
zu bleiben. Ein Angriff Osterreich-Ungarns auf Rußland! — welchem 
Zaren, welchem russischen Staatsmanne wäre ein solches Schreckgespenst 
im letzten Orittel des neunzehnten Jahrhunderts wohl zuzutrauen ge- 
wesen? Im Falle aber, daß Rußland in Bulgarien einrückte, und Öster- 
reich Ungarn daraus den Casus belli machte, konnte Deutschland sich ent- 
scheiden, welche Partei es als den Angreifer betrachten wollte. Daraus 
ergab sich in Verbindung mit den Grundsätzen der deutschen Politik die 
Wahrscheinlichkeit, daß Bismarck keine Neigung hatte, die deutsche Armee 
um Burlgariens willen marschieren zu lassen. 
Rein, der Gefahrpunkt für Rußland lag bei Großbritannien, 1887 
ebenso wie 18841 Ein britisch-russischer Krieg war damals und auch noch 
später ein Ereignis, mit dem und auf welches in Europa vielfach gerechnet 
wurde. Brach ein solcher Krieg aus, so war es für Rußland nicht nur 
erwünscht, sondern von höchster Bedeutung: ein wohlwollend neutrales 
Deutsches Reich an seiner europäischen Landgrenze und an der Ostsee
        <pb n="64" />
        22 1. Abschnitt. Bon Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
zu haben. Eben dieselbe deutsche Aeutralitätsverpflichtung gab Rußland 
die Sicherheit, daß Osterreich-Ungarn die Gebundenheit Rußlands wäh- 
rend eines russisch-englischen Krieges nicht feindselig dem Russischen 
Reiche gegenüber ausnutzen würde. Dem Zaren war der Indalt des 
deutsch-österreichischen Bündnisses längst vor dessen Beröffentlichung 
(Februar 1888) bekannt. 
Durch den Rückversicherungsvertrag war Rußland gegen einen An- 
griff seines schlimmsten Feindes gedeckt. Großbritannien seinerseits sah 
sich der Möglichkeit beraubt, eine europäische Großmacht zu finden, die 
geneigt gewesen wäre, vereint mit ihm und im Dienste der britischen 
Interessen eine russenfeindliche Festlandspolitik zu treiben und womöglich 
die Waffen zu ergreifen, wenn Großbritannien den Augenblick für günstig 
bielt. 
Der Reichskanzler v. Caprivi antwortete im Reichstage auf den Vor- 
wurf: der Draht zwischen Berlin und Petersburg sei gerissen: dieser Draht 
bestehe nach wie vor; er (Caprivi) habe nur dafür gesorgt, daß der Strom 
nach Petersburg nicht zu stark werde und den anderen Leitungen nach 
Wien und Rom den Strom nehme. Das war damals dem Reichstage 
nicht verständlich, denn niemand wußte um den Rückversicherungsvertrag. 
Wir finden die gleichen Andeutungen in den Denkwürdigkeiten des Fürsten 
Hohenlohe, dem Caprivi sagte, daß das Bekanntwerden des Rückver- 
sicherungsvertrages den Dreibund gesprengt haben würde. Als nach 
Bekanntwerden des russisch-französischen Bündnisses die Enthüllungen 
der „Hamburger Nachrichten“ über den Rückversicherungsvertrag die 
politische Welt in Erregung versetzten, wurden von seiten der Regierung, 
übrigens auch von österreichischer Seite, ähnliche Ansichten laut, und man 
hob besonders hervor, daß im Rückversicherungsvertrage eine Fllopalität 
Osterreich gegenüber gelegen babe. Bei kühler Betrachtung kann man 
das — auch abgesehen von dem bereits Gesagten — heute nicht zugeben, 
denn der Rückversicherungsvertrag mit seiner Verpflichtung zu wohl- 
wollender Neutralität des einen, wenn der andere angegriffen werden 
sollte, konnte Osterreich-Ungarn gegenüber nur dann illoyal sein, wenn 
das deutsch-österreichische Bündnis ein Schutz- und Trutzbündnis gewesen 
wäre. Es war und ist aber bekanntlich ein genau vertraglich nieder- 
gelegtes Verteidigungsbündfiis. Hätte also Osterreich-Ungarn Rußland an- 
gegriffen, so wäre Deutschland Osterreich-Ungarn gegenüber zur Hilfe 
nicht verpflichtet gewesen, ja nicht einmal zu wohlwollender Aeutralität. 
Für den einer gesunden österreichischen Politik fernliegenden Gedanken 
eines Angriffs auf Rußland wäre das Deutsche Reich zur wohlwollenden 
Neutralität Rußland gegenüber verpflichtet gewesen. Auch nachhber, als 
der Rückversicherungsvertrag längst nicht mehr bestand, war nicht anzu-
        <pb n="65" />
        Oie Ruckversicherung und ihre Auflösung. ,E 23 
  
nehmen, daß das Oeutsche Reich einem nach Osten angriffslustigen Öster- 
reich mit Wohlwollen in irgendeiner Form zur Seite stehen würde. 
Der Staatssekretär Freiherr v. Marschall wies in seiner Reichstags- 
rede auf die großen Schwierigkeiten hin, die das Vorhandensein des Rück- 
versicherungsvertrages politisch und diplomatisch in sich getragen habe. 
Zm akuten Falle, so meinte er, würde es sich immer um die schwierige 
Entscheidung für das Oeutsche Reich gehandelt haben, ob Angriff vor- 
liege oder Verteidigung, und gerade im Hinblick auf die russisch-öster- 
reichischen Reibungen würde man so nach der einen Seite oder nach der 
anderen in die unangenehmste Lage gekommen sein und entweder die 
Freundschaft Rußlands oder die Osterreich-Ungarns verscherzt haben. 
Das kann bis zu einem gewissen Grade sicher zutreffen. Aber es ist schließlich. 
bei allen Bündnissen mehr oder weniger der Fall. Deutschland hat heute 
ebenso wie je das Interesse, mit dem Russischen Reiche nicht nur in freund- 
schaftlichen, sondern auch in vertrauensvollen Beziehungen zu leben. In 
russisch-österreichischen Konflikten steht das Deutsche Reich äußerstenfalls 
auch heute vor der subjektiven Entscheidung, ob Osterreich-Ungarn ange- 
griffen hat oder angegriffen worden ist, und macht sich mit dieser Ent- 
scheidung eine der beiden Mächte zum Feinde. Die Frage der Bündnisse 
im Kriege ist immer eine offene, denn es können jeden Augenblick Um- 
stände eintreten, welche Bismarck mit den Worten angedeutet hat: Keine 
Macht sei verpflichtet — wir setzen hinzu: und berechtigt —, wichtige 
eigene Lebensinteressen auf dem Altar der Bündnistreue zu opfern! — 
Bündnisverträge sind erprobtermaßen in Friedenszeiten mächtige diplo- 
matische Werkzeuge und besonders für die Erhaltung des Friedens, auch 
bei aktiver Politik, nützlich. Sache eines leitenden Staatsmanns wird es 
sein, vor Ausbruch eines Krieges eine Lage herzustellen, die es dem Bundes- 
genossen vorteilhaft erscheinen läßt, die von ihm übernommenen Bünd- 
nisverpflichtungen zu halten. Unbedingtes aber gibt es auf dem Gebiete 
der Bündnistreue sicher nicht. Gerade wegen der außerordentlichen Wichtig- 
keit von Bündnisbeziehungen in Friedenszeiten war der Rückversicherungs- 
vertrag so wertvoll, denn jeder der europäischen Staaten hatte so ein 
schweres Risiko in teils unbestimmter Form vor sich, und alle diese Risikos 
lagen in der Hand Biemarcks. 
Es ist also sachlich unzutreffend, wenn gesagt wird, Biomarck habe 
durch den Rückversicherungsvertrag Rußland isoliert und seine Politik 
lahmgelegt oder von Deutschland abhängig gemacht. Das Gegenteil war 
richtig: der Rückversicherungevertrag gab Rußland die wohlwollende Neu- 
tralität seines Grenznachbarn Deutschland — und damit de tacto auch 
die wohlwollende ANeutralität Österreich-Ungarns — in einem Kriege 
mit Großbritannien, derjenigen Macht, welche Rußland als den Gegner
        <pb n="66" />
        24 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
der Zukunft betrachtete, und zwar als einen gefährlichen. Umgekehrt 
sah sich Großbritannien für einen solchen Fall jetzt gewissermaßen einem 
einigen Europa gegenüber, denn mit Frankreich befand es sich in einer 
Periode fortgesetzter Kolonialstreitigkeiten, außerdem war Frankreich 
eben durch die Einigung der beiden Kaisermächte in politische Abhängigkeit 
geraten. ODaher auch die Anstrengungen der französischen Staatsmänner, 
die deutsch-feindlichen Strömungen in Rußland und die Orientbestrebungen 
der russischen Politik zu benutzen, um aus dieser unangenehmen Lage 
heraus zu gelangen. Bismarck kannte genau die Umtriebe auf beiden 
Seiten, war auch über die russische Truppenanhäufung an der Grenze 
orientiert, die er für ein diplomatisches Druckmittel im Falle einer Orient- 
krisis hielt, nicht aber für eine Bedrohung der deutschen Grenzen in Über- 
einstimmung mit französischen Angriffsabsichten. 1888 sagte er, er habe 
noch das gleiche Bertrauen zur russischen Politik, „das alles (jene für 
viele Deutsche beunruhigenden Symptome und Pressetreibereien) wiegt 
federleicht gegen die Autorität des Kaiser5 von Rußland“. 
Ein Zahr vorher hatte das Moskauer Blatt Katkows geschrieben: 
Eine russisch-französische Allianz brauche keinen geschriebenen Bertrag, 
sie werde bei jedem Angriff gegen Deutschland von selbst in Kraft treten. 
Es folgte die russische Prohibitivzollpolitik gegen Deutschland, Bismarck 
verbot darauf die Lombardierung russischer Werte; die gewaltsame Russi- 
fizierung der Ostseeprovinzen griff in brutaler Form Platz, die russischen 
Truppenverschiebungen nach den deutschen und österreichischen Grenzen 
nahmen zu. Zugleich hatte das Fahr, wie erwähnt wurde, die ersten bin- 
denden französisch-russischen Berhandlungen gebracht. Alles wog aber 
„federleicht“ für Bismarck gegen die Autorität des Kaisers von Rußland 
und, wie in Parenthese dabeistand, gegen die Tatsache des geheimen 
Rückversicherungsvertrages. Solange dieser bestand und solange die po- 
litische Lage, vor allem das englisch-russische Berhältnis, diesen Bertrag 
für Rußland nötig machte, — solange konnte Biemarck sich durch alle jene 
Vorgänge und TCreibereien in seinem Bertrauen zu letzten Entschlüssen 
der russischen Politik nicht beunruhigt fühlen. Man kann deehalb seine 
Worte vom „Bertrauen“ usw. als aufrichtig gemeint ansehen, zumal er 
auf der anderen Seite durch die Militärvorlage und das Wehrgesetz allen 
militärischen Möglichkeiten Rechnung trug und den Gedanken des Zwei- 
frontenkrieges gleichsam zu einem offiziellen Begriffe gemacht hatte. 
Das Zahr 1889 kam beran, und es folgte die letzte Unterredung Bis- 
marcks mit dem Zaren Alexander in Danzig. Wie Bismarck erzählt und 
wie Jahre vorher die deutsche und österreichische Presse feststellte, brachte 
auch diese Unterredung wie die von 1887 das Ergebnis vollen und aus- 
gesprochenen Vertrauens des Zaren zu Bismarcks Politik. Zn den fran-
        <pb n="67" />
        Die Ruͤckoersicherung und ihre Auflösung. 25 
  
zösischen Darstellungen jener Periode wird von diesem Besuche betont, 
er habe nichts an der unaufhaltsam sich vollziehenden russisch-französischen 
Annäherung ändern können. Wenn damit eine Erfolglosigkeit festgestellt 
werden soll, so geht diese Kritik am Ziele vorbei, denn darum handelte 
es sich gar nicht und konnte es sich nicht bandeln. Man darf vielmehr an- 
nehmen, daß für Bismarck nach wie vor als Hauptpunkt die erneute Fest- 
stellung der Friedensliebe des russischen Selbstherrschers in Betracht 
stand. Wenn der Zar, und das war der Fall, ihm versicherte, er werde 
weder Deutschland angreifen, noch an einem Angriffe auf das Oeutsche 
Reich teilnehmen, stehe also nach wie vor auf dem Boden des Rückver- 
sicherungsvertrages, so genügte das Bismarck genau ebenso, wie es dem 
Zaren genügte, daß Biemarcks Politik im Hinblick auf Großbritannien 
und dessen Berhältnis zum Dreibunde weder dem Wortlaute des Rück- 
versicherungsvertrages, noch den russischen Lebensinteressen überhaupt 
zuwiderlaufen würde. Das einfache Wort des Zaren war genügend, 
denn neben der Unbeschränktheit seiner Macht war er friedliebend. Daß 
Biomarcks Bertrauen kein blindes war, und daß der große Kanzler die 
antideutsche und antiösterreichische Strömung in Rußland sah und nicht 
geringschätzte, ist selbstverständlich. Wenn er öffentlich sein Bertrauen 
zum Zaren so betonte, so stärkte er damit umgekehrt das Bertrauen des 
Zaren zum Leiter der Politik des Deutschen Reiches. 
Bismarck hat verschiedene Male erzählt, wie Zar kllexander bei 
jener letzten Begegnung mit dem Ausdrucke des Bertrauens zur Politik 
und zur Person des Fürsten die zweifelnde Frage verbunden habe, ob er 
sicher sei, noch längere Zeit im Amte zu bleiben. Biemarck habe dies 
versichert. Im folgenden Jahre 1890 stand schon die Wiedererneuerung 
des russisch-deutschen Neutralitätsvertrages in Frage. Zieht man das in 
Betracht, so gewinnt jene Frage des Zaren erst ihre bedeutende Beziehung. 
Sie wird ergänzt durch die seinerzeit in der russischen, deutschen und 
österreichischen Presse behauptete Tatsache, daß Anfang des Jahres 1890 
während der KanzlerkrisiS der russische Botschafter zu Berlin, Graf Schu-- 
walow, Bismarck aufsuchte und bei ihm die Verlängerung des VBertrages 
in Anregung brachte, jedoch Bedenken für den Fall äußerte, daß ein Per- 
sonenwechsel im Kanzleramte stattfinden würde. Wenige Monate nach- 
her trat der Kanzlerwechsel ein. Graf Schuwalow nahm trotz seiner 
Bedenken wieder die Initiative, fand aber bei dem neuen Reichskanzler, 
Grafen Caprivi, keinen Anklang. Der Neutralitätsvertrag wurde nicht 
erneuert und lief im Sommer 1890 stillschweigend ab. Fürst Hohenlohe 
schreibt in seinen Denkwürdigkeiten: Caprivi habe ihm damals gesagt, 
daß das Bekanntwerden des russisch-deutschen Vertrages den Oreibund 
gesprengt baben würde, und er ihn deshalb nicht erneuert hätte. Caprivi
        <pb n="68" />
        26 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannten. 1887—1894. 
hätte außerdem über den Inhalt des Vertrages gesagt: „Wir hätten Ruß- 
land freie Hand in Bulgarien und Konstantinopel garantiert gegen die 
russische Berpflichtung, in einem deutsch-französischen Kriege neutral zu 
bleiben.“ Hohenlohe bemerkt dazu: „Ich fürchte, daß uns ÖOsterreich 
das nicht danken wird“, und führt das damalige Wort Schuwalows an: 
Caprivi habe als „trop honnste homme“ gehandelt. Man wird sich dieser 
Ansicht Schuwalows heute noch anschließen müssen. Was übrigens jene 
„Garantie“ deutscher Neutralität für weitaussehende russische Balkan- 
unternehmungen anlangt, so war sie schwerlich im Vertrage enthalten, 
sondern hätte höchstens eine speziale Anwendung des Vertrages in ge- 
wissen Fällen der Praxis bedeutet. Nach den Ansichten, die Bismarck 
auch in seinen „Gedanken und Erinnerungen“ über die Behandlung 
russischer Orientpolitik geäußert hat, ist möglich, daß die Caprivische An- 
gabe richtig war. Zieht man die weitere Konsequenz, so geht daraus 
aber noch keineswegs eine Gefährdung oder Schädigung Osterreich-Un- 
garns hervor, sondern dieser unser Bundesgenosse hätte am Balkan sehr 
wohl auf seine Kosten kommen können. Diejenigen europäischen Groß- 
mächte, welche sich dann mit Grund als schwer geschädigt angesehen haben 
würden, waren nicht Österreich-Ungarn, sondern wiederum Großbritannien 
und Frankreich. 
Zwei neue Mächtegruppen. 
Die britische Politik hatte alles Interesse, einen europäischen Zu- 
stand abzuändern, der Großbritannien isoliert hielt und es in einer Weise 
auf den Dreibund anwies, die um so binderlicher war, als es in keiner 
politischen Frage die Unterstützung irgendeiner anderen europäischen 
Macht erhalten konnte. Man braucht nur die kolonialen Reibereien zwi- 
schen Deutschland und England während der achtziger Zahre zu verfolgen, 
um den Beweis hierfür zu haben. Großbritannien gab, sei es früher 
oder später, so gut wie ausnahmslos nach. Bekannt ist die Abbitte, 
welche Lord Granville im März 1885 im Oberhause an die deutsche Re- 
gierung mit ihren Kolonialbestrebungen richtete. Für den Ton, in dem 
Bismarck zu jener Zeit mit der britischen Regierung verkehren konnte, 
ist iene Instruktion für den deutschen Botschafter in London, Grafen 
Münster, charakteristisch: „Unser Berhalten muß darauf gerichtet sein, 
in Deutschland den Eindruck zu verhüten, als ob wir dem in der Tat auf- 
richtig vorhandenen Wunsche des guten Einvernehmens mit England 
vitale Interessen Deutschlands opfern könnten.“ Die Ocdjekte seiner 
Kolonialpolitik bezeichnete Bismarck also schon im Jahre 1884 als „vitale 
Fnteressen“ Heutschlands!
        <pb n="69" />
        Zwei neue Mächtegruppen. 27 
  
Man hat sich heute bei uns, besonders in den Kreisen der fanatischen 
Bismarckverehrer, bisweilen in den Glauben eingesponnen, daß der all- 
gemeine Respekt vor Bismarck und seiner bekannten Entschlossenheit zur 
Tat allein genügt hätte, um Großbritannien zum fortgesetzten Aachgeben 
zu bringen. Daran pflegt dann die Folgerung geknüpft zu werden: auch 
der nachbismarckische Staatsmann brauche nur angesichts irgendeiner 
Frage den rücksichtslosen Willen zur Tat zu zeigen, um Erfolg zu erzielen. 
Daß hierin ein Korn Wahrheit liegt, braucht nicht bewiesen zu werden, 
aber die Stärke der Bismarckschen Position war vor allem doch in der 
tatsächlichen politischen Lage enthalten, die seine Weisheit und Um- 
sicht in Europa allmählich geschaffen hatten. Ohne dies würde er, be- 
sonders in jener Zeit völliger Ohnmacht des Oeutschen Reiches zur See, 
auch durch allerbestimmtestes Auftreten und rücksichtslosen Willen zur 
Tat von den nüchternen Staatsmännern jenseits der Nordsee sicher wenig 
erreicht haben. Die empfindlichsten Punkte Großbritanniens: Indien, 
Agppten, der Orient und Mittelasien, waren durch die von Bismarck in 
Europa geschaffene Mächtegruppierung und das die Mächte verbindende 
oder ausschließende Vertragsnetz in gefährlicher Weise erponiert worden. 
Daher schrieb sich die bisweilen beinahe ängstlich anmutende Nachgiebig- 
keit der britischen Staatsmänner gegenüber den Wünschen des Groß- 
meisters der europäischen Politik, der alle Fäden in der Hand hielt und 
Oeutschlands Rücken für jede praktisch denkbare Eventualität gedeckt hatte. 
Aimmt man hierzu die bekannten persönlichen Abneigungen des 
Londoner Hofes gegen Bismarck, so bedarf es keiner besonderen Be- 
gründung, daß von England aus alles Denkbare getan wurde, um zur 
Unterwühlung von Bismarcks Stellung zu arbeiten. Das ist während der 
neunziger Jahre oft in Abrede gestellt worden, und der Reichskanzler 
v. Caprivi nahm schon in seinen ersten Reden Stellung dagegen. Nach 
seiner Persönlichkeit kann man annehmen, daß er guten Glaubens war 
und überzeugt, die Verhältnisse rein sachlich zu würdigen. Im Lichte der 
tatsächlichen Zusammenhänge aber halten solche Annahmen nicht stand. 
England hatte allen Grund zu wünschen und zu erstreben, daß Biemarck 
verschwände und mit ihm der deutsch-russische Neutralitätsvertrag. Bon 
diesem und vom Termine seines Ablaufes oder seiner Erneuerung hatte 
man um die Jahre 1889/90 in England Wind bekommen. 
General v. Caprivi — die Annahme liegt jedenfalls nahe — wird 
von London her die Suggestion auf sich haben wirken lassen, daß der 
deutsch-russische Rückversicherungsvertrag eine Zlloyalität gegen ÖOsterreich- 
Ungarn und eine Gefahr für das Bestehen des Dreibundes bedeute. Es 
ist sonst schlechtbin unverständlich, wie auf einmal diese Auffassung in 
den hohen politischen Kreisen des Oeutschen Reiches Boden gewinnen
        <pb n="70" />
        28 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
konnte. Alle Zeichen weisen hier nach England hinüber, sogar die These 
„vom gefährdeten Oreibunde“, denn England stand gerade in jener Zeit 
dem Dreibunde außerordentlich nahe. Es wäre also für den gutgläubigen 
Caprivi nicht einmal überraschend gewesen, wenn etwa englische Staats- 
männer, so der damalige Botschafter in Berlin, Sir E. Malet, sich mit 
Besorgnis über die Möglichkeit der Gefährdung des England so teuren 
Oreibundes geäußert hätten. 
Oie britischen Staatsmänner wollten für die indischen Grenzen und 
den Orient Luft haben und deshalb Rußland die deutsche Rückendeckung 
nehmen, sie wollten von der ägpptischen Sorge wenn nicht befreit, so 
wenigstens erleichtert werden und die europäische Einmütigkeit in dieser 
Frage durch einen stärker betonten Gegensatz Rußland-Deutschland auf- 
heben; die französisch-russischen Annäherungsstadien waren ihnen natürlich 
genau bekannt. Sie hofften schließlich, zu einer Revision der von Bismarck, 
als vorläufig, getroffenen englisch-deutschen Abmachungen über Afrika 
zu gelangen. 
Bismarck ging, und unmittelbar setzte der Umschwung der deutschen 
Politik ein. Der Reichskanzler v. Caprivi war sofort entschlossen, die Rück- 
versicherung mit Rußland aufzugeben und das Steuer seiner Politik 
nach Großbritannien hin zu wenden. Caprivi hat zweifellos nach einem 
subjektiv klaren und vollständigen Programme gehandelt, keineswegs, wie 
es häufig dargestellt wird, gewissermaßen in Unüberlegtheit und dilettan- 
tischer Ungeschicklichkeit. Anscheinend erstrebte der zweite Deutsche Kanzler 
ein Verhältnis zwischen dem Deutschen Reiche und Großbritannien, das 
man etwa als ein solches gegenseitiger Ergänzung bezeichnen könnte; 
Ergänzung durch das stärkste Heer einerseits, die stärkste Flotte anderseits. 
Von Großbritannien aus hatten schon im Jahre vorber zielbewußte Be- 
mühungen nach dieser Nichtung eingesetzt. Als Kaiser Wilhelm II. im 
August 1889 zu einer Flottenschau nach England gereist war, wurde ihm 
der Titel eines Admiral of the Fleet verliehen. Nach der Flottenschau 
hielt der Prinz von Wales, nachmals König Eduard VII., während des 
Bankettes eine Rede, in der die Sätze vorkamen: Der Deutsche Kaiser 
habe die größte Flotte, welche England jemals in seiner Geschichte zu- 
sammengebracht habe, besichtigt. In unserer Zeit müsse jedes Land auf 
alle Möglichkeiten vorbereitet sein, und er, der Prinz von Wales, sei über- 
zeugt, daß die große deutsche Armee und die britische Flotte dazu dienen 
würden, den Frieden der Welt zu wahren! — 
Einige Tage später nahm nach einer Manöverübung englischer Land- 
truppen Kaiser Wilhelm Gelegenbeit, daran zu erinnern, wie in den 
Schlachten bei Malplaquet und Waterloo preußisches und britisches Blut 
für eine gemeinsame Sache vergossen worden sei. Das Organ des eng-
        <pb n="71" />
        Zwei neue Wächtegruppen. 20 
— . 
  
  
lischen Premierministers, Lord Salisbury, die „Morning Post“, schrieb 
eben damals: „Weder England noch Deutschland denken an einen Krieg, 
aber beiden Ländern wird täglich einleuchtender, daß, wenn ihnen der 
Krieg aufgedrängt wird, sie zusammen stehen oder fallen müssen; es be- 
darf deshalb keines papiernen Bündnisses zwischen ihnen.“ 
Nach der kurz stizzierten europäischen Lage hatte Großbritannien 
allein Anlaß, in so dringlichen Andeutungen zu sprechen. Das Deutsche 
Reich befand sich nicht in einer Notlage, — solange die Rückversicherung 
mit Rußland bestand. 
Am 16. August, als die Erinnerung an die Schlacht bei Bionnille 
im Kasino des 1. Garde-Dragoner-Regiments Königin Biktoria von Groß- 
britannien und Zrland gefeiert wurde, waren der Deutsche Kaiser und die 
Mitglieder der britischen Botschaft zu Berlin anwesend. Der englische 
Geschäftsträger hielt eine Rede und sagte: „Er werde niemals die Ehre 
vergessen, zu einem Feste eingeladen zu sein zu Ehren eines der bedeu- 
tungsvollsten Ereignisse der Geschichte. Deutschland und Großbritannien 
seien durch die ältesten Bande der Stammesgemeinschaft vereint und 
seien von den frühesten Anfängen ihrer nationalen Existenz in fortgesetzter 
Allianz gewesen. Zu Lande und zur See gingen sie jetzt Hand in Hand 
zur Erhaltung des Friedens und zur Förderung des Fortschrittes der Kul- 
tur in allen Weltgegenden!“ 
Es handelte sich also in keiner Weise um Improvisationen oder um 
„impulsive“ Festreden, sondern um Bekundungen einer sehr ernsthaften 
politischen Annäherung. Das Zusammengehen „in allen Weltgegenden“ 
mag sich mit auf die ostafrikanische Blockade bezogen haben, wo ein deut- 
sches und ein britisches Geschwader in enger Berbindung miteinander 
operierten. 
Wie ernst man in Großbritannien damals die Lage des Znselreiches 
ansah, ergibt sich daraus, daß im Jahre 1889 jene große, für damalige 
Zeit beispiellose Flottenvorlage — der Naval Defence Act — bewilligt 
und ihm der sogenannte Zweimächtemaßstab, bezogen auf die franzö- 
sische und die russische Flotte, zugrunde gelegt wurde. 
Zm Unterhause aber tat das Parlamentsmitglied Labouchere die be- 
deutsame Frage: ob Großbritannien seine Hilfe in verbindlicher Weise 
an Italien zugesagt habe. Die Regierungsvertreter gaben hierauf keine 
Antwort. 
Bielfach wird gerade diese wichtige Tatsache vergessen: Fene beiden 
Reden wurden vor der oft genannten 8ede gehalten, welche Kaiser Wil- 
helm II. am 22. März 1890 zu Berlin hielt, als dort der spätere König 
Eduard VII. zum Besuche weilte. Fürst Hohenlohe erzählte die Geschichte 
und sagt: Der Kaiser habe die Uniform eines englischen Admirals ge-
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        30 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
tragen, die Waffenbrüderschaft in der Schlacht bei Waterloo erwähnt 
und gesagt, er hoffe, daß die deutsche Armee mit der englischen Flotte 
zusammen den Frieden erhalten werde. Der alte Moltke, der zugegen 
war, habe dann zu Hohenlohe gesagt: „Ein politisch Lied, ein garstig 
Lied“, und der Hoffnung Ausdruck gegeben, die Rede werde nicht in 
der Zeitung erscheinen. Nach dem Vorgange von 1889, wo der Prinz 
von Wales, nicht der Deutsche Kaiser, zuerst gerade diesen Ton ange- 
schlagen hatte, gewinnt dessen Tischrede von 1890 ein ganz anderes An- 
sehen. Hauptsächlich fällt aber ins Gewicht, daß damals Bismarck noch 
im Amte war und sein Sohn Herbert die Innigkeit des deutsch-englischen 
Verhältnisses Crispi gegenüber ausdrücklich billigte. Die erwähnte Aus- 
lassung des Organs Lord Salisburps, der „Morning Post“, bestärkt diese 
Auffassung. Alles in allem erscheint hiernach die Ansicht nicht mehr halt- 
bar, daß die Rede des Kaisers sich gegen Rußland gerichtet hätte, um so 
weniger, als er im August desselben Zahres als Gast des Zaren über 
Reval nach Narva ging. Weiter dürfte in Betracht kommen, daß damals, 
am 22. März 1890, weder der Rückversicherungsvertrag verfallen, noch 
der deutsch-englische Bertrag über Helgoland und Sansibar usw. geschlossen 
worden war. Dieser (am 17. Juni 1890 geschlossen) erregte allerdings 
starke Mißstimmung in Rußland und die Besorgnis derjenigen sehr engen 
Kreise in Rußland, welche um den Rückversicherungsvertrag wußten. Die 
andern erblickten im Helgolandvertrage einfach ein bedrohliches Zeichen 
deutsch-englischer Annäherung. Insbesondere die panslawistische Presse 
in Rußland gab der Ansicht Aueêè#druck, daß hinter den deutsch-englischen 
Abmachungen mehr stecke, alo man annehme. 
Oer Besuch des Kaisers in Rußland fiel denn auch ziemlich kühl 
aus, nur ganz kurze Trinksprüche wurden gewechselt, und die russische 
Presse erklärte gleichzeitig: die politische Lage sei nach dem Kaiserbesuche 
genau dieselbe wie vorher, die tatsächlichen Beziehungen Rußlands 
zu Frankreich würden dadurch nicht im mindesten geändert. Der Zar 
zog nach langem Zögern jetzt Frankreich gegenüber die Konsequenzen 
aus der neuen Lage: der Präsident der französischen Republik und der 
Minister des Auswärtigen erhielten hohe russische Orden, der russische 
Generalstabschef reiste nach Frankreich, der französische Kriegsminister 
Ferron redete auf: „die große tapfere russische Armee, die keine Koali- 
tion zu fürchten habe, die Schwesterarmee“ . .Eine weitere russische 
Anleihe in Frankreich im Betrage von 400 Millionen Franken kam zu- 
stande. Kurz, die Würfel waren gefallen. 
Zar Alexander und seine Staatsmänner waren der Ansicht, daß man 
nunmehr zu bestimmten Abmachungen mit Frankreich kommen müsse. 
Im Jahre 1891 wurde die politische Entente zwischen den beiden Mächten
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        Zwei neue Machtegruppen. 31 
  
schriftlich formuliert und unterzeichnet. Admiral Gervais trat an der 
Spitze eines Geschwaders die Reise nach Kronstadt an, unmittelbar nach- 
dem der Oeutsche Kaiser in England einen Besuch gemacht hatte. Der 
Empfang der Franzosen in Kronstadt und in Peterhof spielte sich unter 
demonstrativer Herzlichkeit und sogenannter Begeisterung ab. In Peter- 
hof hörte der Zar stehend den Mordgesang der französischen Revolution, 
die Marseillaise, an und trank auf das Wohl des Präsidenten der fran- 
zösischen Republik. Der Zar telegraphierte an den Präsidenten Carnot: 
„Die Anwesenheit des glänzenden französischen Geschwaders, das in 
diesem Augenblick in Kronstadt ankert, ist ein neues Zeugnis für die tiefen 
Sympathien, welche Frankreich und Rußland einen.“ Der Präsident der 
Republik bediente sich in seiner Antwort genau derselben Redewendung: 
„Tiefen Sympatbien, welche die beiden Länder einen.“ 
Ein russisch-französisches Bündnis war weder geschlossen worden, 
noch wurde es damals geschlossen. Die neue Etappe, welche Admiral 
Gervais'" Geschwaderreise zum Auedruck brachte, war der schriftliche Ab- 
schluß der Entente zwischen den beiden Mächten, durch welche ihr vor- 
heriges unverbindliches Freundschaftsverhältnis das politische Rückgrat 
erhielt. In Frankreich erregte der Besuch ungeheure Begeisterung, und 
der Minister Constant bezeichnete die neue Lage nicht unrichtig, als er 
„die vollständige Wiederaufrichtung des Landes, sozusagen den Wieder- 
eintritt Frankreichs in die Welt“, feststellte. Die Tage der französischen 
Äsolierung waren nicht nur vorüber, sondern auch die Zeiten, wo keine 
Großmacht mit dem geschlagenen, niedergeworfenen Lande, dessen innere 
Zustände Mißtrauen und dessen Ohnmacht Bedenken einflößten, sich in 
nähere Verbindung einlassen wollte. Man hat viel über die Auedrücke 
französischer Freude und Begeisterung in den Zeiten des Russentaumels 
gespottet. Sicher war die Zeit voll von Ubertreibungen, und das leb- 
hafte, an den Wunden seines Ehrgeizes und seiner Eitelkeit leidende, 
rachedurstige Bolk war in seinen Außerungen weder wählerisch, noch 
kannte es Grenzen. Darüber kann aber kein Zweifel sein: Grund hatten 
die Franzosen zur Zufriedenheit und zum Zubeln. 
Die neue Republik war als bündnisfähige Großmacht nunmehr an- 
erkannt, die französischen Staatsmänner, vor allem Ribot und de Frep- 
cinet konnten die Früchte ihrer geschickten, ausdauernden und vor allem 
geduldigen Arbeit endlich unter Dach bringen. Geduldig war diese Arbeit 
wahrlich gewesen, besonders seit Mitte der achtziger Jahre hatte man 
sich weder durch den Widerwillen des Zaren, noch durch das Bioèmarcksche 
UÜbergewicht, noch durch die fortwährenden Katastrophen im Innern 
Frankreichs vom Ziele abbringen lassen, mit Rußland in feste Beziehungen 
zu gelangen. Jeder Anlaß war benutzt worden. Jules Ferry hatte um
        <pb n="74" />
        32 1. Abschnitt. Bon Rußland zu Großbritannien. 1887 — 1894. 
die Mitte der achtziger Jahre erfolgreich seinen Einfluß aufgeboten, um 
Rußland in der Verwaltung der ägpptischen Schulden Platz und Stimme 
zu besorgen, de Freycinet benutzte die bulgarische Krisis, um Rußland 
diplomatische Dienste zu erweisen. 
Schließlich kam ein wichtiger und einflußreicher Helfer noch von 
einer dritten Seite: der Papst ließ seinen Staatesekretär, den Kardinal 
Rampolla, eine Vatikanpolitik machen mit dem Endzwecke, durch An- 
näherung an Frankreich Rom wiederum in den Besitz des Papstes zu 
bringen. Wie verfehlt diese vatikanische Politik in sich auch war, sie stützte 
sich auf das schlechte französisch-italienische Berhältnis und leistete Frank- 
reich erhebliche Dienste durch die Anerkennung, welche der Papst damit 
der neuen Republik, als der am meisten geliebten Tochter der Kirche, 
zuteil werden ließ. Der Kardinal Lavigerie wählte zu seiner Tafelmusik 
die Marseillaise. Crispi hatte schon 1889 im Parlamente ausgerufen: 
„Unser Feind ist nicht Osterreich, sondern der Vatikan.“ Der Politik des 
Papstes, die zum Bruch treiben wollte und die stärksten Mittel, darunter 
das zeitweilige Verlassen Roms, androhte, erwiderte Crispi durch den 
Kardinal Hohenlohe" Rom könne ja der Papst verlassen, wenn er durch- 
aus wolle, aber er möge sich vorher klarmachen, daß weder er noch einer 
seiner Nachfolger dann jemals nach Rom zurückkehren und daß die katho- 
lische Kirche unsäglichen Schaden davon haben werde. 
Frankreich nahm dieses vatikanische Entgegenkommen freundlich auf 
und verwandte es nutzbringend. Es war von ernster politischer Bedeutung, 
als der Papst die französischen Katholiken ausdrücklich anwies, nunmehr 
auch der Republik als der ihr von Gott gesetzten Obrigkeit zu gehorchen. 
Zwischen Frankreich und Italien war die Erbitterung, verschärft 
durch den Zollkrieg, hoch gestiegen. Als 1891 der Dreibund auf weitere 
sechs Jahre erneuert worden war und vom Ministerpräsidenten Rudini 
im Parlament besprochen wurde, konnte dieser hinzusetzen: über den 
Status duo im Mittelmeere wäre seinerzeit mit bestem Erfolge mit Eng- 
land verhandelt worden. Das gleiche wurde aus England bestätigt, da- 
gegen legte die britische Regierung Wert auf die Erklärung, daß sie keine 
förmlichen Dreibundsverpflichtungen eingegangen sei, auch keinen mit 
der Dreibundspolitik verbundenen Schritt getan habe. Der Unterstaate- 
sekretär Fergusson erklärte sogar: in einem deutsch-französischen Kriege 
würden in erster Linie Englands nationale Interessen zu Rate gezogen 
werden. Den ZBtalienern war diese englische Stellungnahme nicht über- 
raschend, noch beunrubigend, zumal sie wußten, daß im Mittelländischen 
Meere Italiens und Großbritanniens Znteressen teils einander deckten, 
teils gleichlaufend waren. 
Einen anderen, weniger günstigen Eindruck mußten die Erklärungen
        <pb n="75" />
        Zwei neue Machtegruppen. 55 
  
Fergussons in Deutschland machen. Ist es gleich an und für sich eine 
Selbstverständlichkeit, daß jede Macht ihre eigenen Interessen an die 
erste Stelle setzt, so lag in der durch eine Anfrage hervorgerufenen aus- 
drücklichen Stellungnahme des britischen Unterstaatssekretärs doch ein 
gewisses Abrücken vom Oreibunde, auch die Absicht, zu verhindern, daß 
andere Mächte Großbritannien mit dem Oreibunde identifizierten. Hält 
man die Monarchenreden auf englischem und auf deutschem Boden 
(1889/90) dagegen, so ist der Eindruck nicht hinwegzuweisen, daß inner- 
halb jener kurzen Zeit eine Anderung in der britischen Haltung einge- 
treten war. Sie bedeutete nur eine Schattierung freilich, die englisch- 
deutsche Freundschaft bestand weiter, aber eben diese Schattierung war 
von symptomatischer Wichtigkeit. Großbritannien hatte den großen — 
im Sinne des Wortes epochemachenden — Erfolg erreicht: Deutsch- 
land an sich gezogen, Rußland die deutsche, Deutschland die russische 
Rückendeckung genommen zu haben. Diese Tatsachen waren da und 
nicht mehr rückgängig zu machen, also konnten die britischen Staats- 
männer die bisher nach außen gezeigte Haltung völliger Solidarität mit 
den Dreibundmächten ein wenig abschwächen. 1890 hatte man mit Frank- 
reich das Abkommen über Sansibar-Madagaskar abgeschlossen; außer- 
dem erbielt Frankreich den Westen der Sahara bis zum Nordrande des 
Tschadsees und damit unmittelbare Verbindung zwischen Algier und 
Senegambien. Auch diese Verträge bedeuteten eine Annäherung zwischen 
den beiden Mächten und eine weitere Verwischung englischer Partei- 
nahme zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich. 
Den Aufforderungen der Pforte, Agoypten zu räumen, entsprach Eng- 
land nicht. Lord Salisbury erklärte, er wolle erst „das Werk vollenden“. 
Im selben JZahre fand die Konversion der ägyptischen Schuld statt. Wäh- 
rend die Pforte hier nur Abweisung, Druck und latenter Feindlichkeit 
begegnete, hatten die beiden ersten Regierungsjahre Kaiser Wilhelms II. 
eine entschiedene und viel bemerkte Annäherung der deutschen Politik 
an die Türkei gebracht. Schon im Herbste seines zweiten Regierungs- 
jahres benutzte Kaiser Wilhelm II. die Hochzeit seiner Schwester, der 
Prinzessin Sophie, mit dem Kronprinzen von Griechenland, um nachher 
den Sultan in Konstantinopel zu besuchen. Dieses Ereignis erregte unter 
zweifachem Gesichtspunkte großes Aufsehen: Der Herrscher des Deutschen 
Reiches behandelte den Sultan freundschaftlich und auf gleichem Fuße; 
ferner: das Deutsche Reich, das bisher den Orientdingen mit stark betonter 
Zurückhaltung gegenübergestanden hatte, trat in tätige Bezlehungen zu 
dem vermeintlich so kranken Manne Europas. 
Der Zar Alexander III. hatte im Frühjahr des Jahres 1888 aller- 
dings dem Konstantinopler Besuchsplane Kaiser Wilhelms II. mit Miß- 
Gras NReventlow, ODeittschlonde ouam #rtige Voll##
        <pb n="76" />
        34 1. Abschnitt. Von Rußlanb zu Großbrilannien. 1387—1894. 
  
trauen gegenübergestanden. Er richtete an Biemarck die Frage: „Et 
Constantinople?“ Bismarck versicherte dem Zaren, daß die Reise nichts 
bezwecke, nicht auf Anderung des Status quo im Orient ziele, damit schien 
das Mißtrauen Zar Alexanders beschwichtigt. Deutscherseits wurde aus- 
drücklich die Erhaltung der Türkei proklamiert. Zm selben Jahre folgte die 
erste Konzession an eine deutsche Gesellschaft zum Bau und Betriebe ana- 
tolischer Eisenbahnlinien Ismid-Angora, mit dem Vorzugerechte nach 
Diarbekr und Bagdad. 1890 kam ein türkischer Handelsvertrag. 
Die in jenen Jahren von Caprivi geschlossenen Handelsverträge 
können hier nur in ihrer Wirkung nach außen kurz gestreift werden. Dem 
Kanzler und dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Freiherrn 
v. Marschall, schwebte das Ziel vor, mit der Wirtschaftspolitik, die sie 
als nützlich für das eigene Land betrachteten, eine günstige politische Wir- 
kung auf die uns politisch nahestehenden Mächte, vornehmlich ÖOsterreich- 
Ungarn und Italien, zu verbinden. Diese Wirkung trat nicht ein. Zur 
Abhängigkeit, in die Deutschland wirtschaftlich durch die Handelsverträge 
von anderen Mächten gelangte oder zu gelangen drohte, trat das politisch 
nachteilige Ereignis, daß diese, wie Bismarck sie nannte, „wirtschaftlichen 
Trinkgelder“ die deutsche Stellung politisch schwächten und schwächen 
mußten. Mit Rußland konnte man sich zunächst längere Zeit nicht einigen, 
es kam zum Zollkriege, und in diesem gab Caprioi schließlich nach, obgleich 
ersterer Rußland mehr schadete als Deutschland. Nachdem man den Han- 
delskrieg einmal begonnen hatte, hätte er auch durchgeführt werden müssen. 
Das Berhältnis zu Rußland konnte sich nach den Geschehnissen der 
Jahre 1890 und 1891 nicht über die Atmosphäre äußerster Kühle erheben. 
Den Besuch Kaiser Wilhelms in Narva hatte man in Rußland so aufge- 
nommen und wohl auch dem Zaren diese Ansicht beigebracht: der Deutsche 
Kaiser wolle nunmehr, nachdem er Rußland Großbritannien gegenüber 
isoliert habe, es zum Aufgeben seiner neugewonnenen Beziehungen mit 
Frankreich bewegen. Man kann nicht annehmen, daß Kaiser Wilbelm 
gerade in jener ersten Maienblüte des Zweibundes geglaubt hätte, er 
würde durch Anstreben eines solchen Zieles anders in Rußland wirken, 
als verstimmend. Sein Ziel wird gewesen sein, freundliche Beziehungen 
zu unterhalten oder wieder anzuknüpfen, wenn sie etwa eine Unter- 
brechung erfahren hatten. Das persönliche Berhältnis der beiden Kaiser 
ist einwandfrei nicht darzulegen. Nur das ist zweifellos, daß man mit 
steigendem Erfolge versucht hat, auf dem Wege politischen und persön- 
lichen Klatsches so viel Mißtrauen zwischen ihnen zu säen wie möglich. 
Beide haben sich einander getäuscht, weil sie übereinander getäuscht worden 
sind. Wie in Rußland eine starke Strömung vorbanden war, für die das 
Bündnis mit Frankreicyh Krieg mit Deutschland bedeuten sollte, so gab es
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        Zwei neue Mächtegruppen. 
Oin 
  
auch in Deutschland Politiker und sehr einflußreiche Militärs, die einen 
Krieg mit Rußland für unvermeidlich hielten und der Ansicht waren, man 
solle nicht warten, bis es mit seinen Rüstungen ganz fertig sei. Weder der 
Zar noch der Deutsche Kaiser wollten einen Krieg, jeder glaubte sich durch 
Pläne des anderen bedroht. Der Zar wurde darin naturgemäß von seinen 
dänischen Berwandten und von Frankreich aus bestärkt, während der mit 
einer dänischen Prinzessin verheiratete Prinz von Wales, der nachmalige 
König Eduard WVII., mindestens keinen Grund hatte, Mißtrauen zwischen 
De,utschland und Rußland zu bindern oder zu zerstören. Einen tatsächlichen 
Grund zur Berstimmung gab dem Zaren freilich die Polenpolitik Caprivis. 
Ohne von der inneren Bedeutung dieser Politik reden zu wollen, war 
sie nach außen, einmal Rußland gegenüber, ungefähr das Schädlichste, 
was der Deutsche Kanzler tun konnte. Caprivi machte sich das alte, unheil- 
volle Vorurteil mancher seiner Vorgänger in Preußen zu eigen: er wollte 
die Polen durch „Wohlwollen gewinnen“, sie durch Zugeständnisse und 
Vorzugsbehandlung zu guten Preußen und Oeutschen machen. Za, er 
betrachtete sie geradezu als ein Bollwerk Preußens gegen Rußland. Die 
Wirkung auf die russischen Polen und auf die österreichischen braucht nicht 
erörtert zu werden. Der Zar und seine Regierung aber mußten die Capri- 
vische Polenpolitik als eine im politischen Sinne unfreundliche Handlung 
des Deutschen Reiches gegen Rußland betrachten, eine Handlung, die ge- 
rade an einem der empfindlichsten Punkte des Russischen Reiches und 
der russischen Politik einsetzte. Unter diesen Verhältnissen konnten die 
Bemühungen Kaiser Wilhelms, nach dem Verfallenlassen des Neutralitäts- 
vertrages und während des Zusammengehens mit Großbritannien in ein 
freundliches Berhältnis zu Rußland zu gelangen, nicht von Erfolg be- 
gleitet sein. 
Die Franzosen täuschten sich in jenen Jahren über die Richtung der 
russischen Politik und die Sinnesrichtung des Zaren. Die Friedensliebe 
Frankreichs wurde damals wie später immer wieder betont, aber daneben 
— und wie hätte es auch anders sein können? — klang der Nevanche-- 
gedanke durch. Die Franzosen glaubten, daß Rußland allen Anlaß habe, 
mit Frankreich zusammen Deutschland und Osterreich-Ungarn anzugreifen, 
und daß ein solcher Krieg die Wahrscheinlichkeit des Erfolges für sich haben 
werde. Die Zeit von 1887 bis in die neunziger Jahre binein war von 
Zwischenfällen und von schweren inneren Krisen in Frankreich angefüllt, 
bei deren jeder die europäischen Großmächte die Beantwortung der Frage: 
Krieg oder nicht Krieg, als vom Zufall abhängig ansehen mußten. Ob 
diese Zwischenfälle und Krisen sich nun Schnäbele nannten oder Boulan- 
ger oder Lohengrin, oder ob es sich um den bedauerlichen Besuch der Kai- 
ferin Friedrich in Paris handelte: immer lag die brennende Lunte dicht 
5
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        36 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannten. 1887—1894. 
— — — 
neben dem offenen Pulverfasse. Dabei konnte naturgemäß nicht ohne 
Wirkung bleiben, daß auf dem Platze Bismarcks Caprivi stand. Was 
Wunder, wenn der Wunsch den Gedanken zeugte, wenn man sich über 
die Sinnesrichtung des Zaren täuschte und glaubte, Alexander III. werde 
das „Gleichgewicht Europas“ wiederherstellen, indem er das Schwert 
Rußlands zöge, um Frankreich Elsaß-Lothringen zu erobern? 
Im FZahre 1892 fand eine Reihe von Festen in Frankreich statt, auf 
denen die siegesgewisse Revanchestimmung zum unverhüllten Ausdruck 
kam. Der Großfürst Konstantin von Rußland erschien auf einem Turner- 
und Studentenfeste in Nancy um dieselbe Zeit, wo der Zar mit dem Deut- 
schen Kaiser in Kiel eine flüchtige Begegnung hatte. In Nancy waren auch 
tschechische Turner erschienen, die sangen: „Und gäbe es so viel Oeutsche 
wie Teufel in der Hölle, Rußland ist mit uns. Ist jemand gegen uns, 
Frankreich schmettert ihn zu Boden.“ Bei der Ankunft des Großfürsten 
entfaltete man eine Fahne mit der Inschrift: „Rußland, 1870“. Oie 
Gedächtnisfeiern der großen Schlachten von 1870 riefen ähnliche Kund- 
gebungen hervor, unter einer Beteiligung und mit einer Begeisterung, 
die keinen Zweifel über die Gespanntheit der Atmosphäre lassen konnte. 
Als schließlich im Herbste des Jahres die Jahrhundertfeier der Revolution 
stattfand und der Präsident Carnot im Pantheon erschien, sangen die 
Chörc, von der Musik begleitet, die Strophe aus der Marseillaise „Amour 
sacré de la patrie, soutiens, onduis nos bras vengeurs!“ (Geheiligte Liebe 
zum Baterlande leite und stärke unseren Arm zur Nache.) 
Bei einer solchen Stimmung und Willensrichtung war klar, daß man 
die in den französisch-russischen Reden und Depeschenwechseln ständig 
wiederholte „gemeinsame Aufrechterhaltung des europäischen Gleich- 
gewichtes“ und die „Verteidigung gemeinsamer Znteressen“ als eine 
„offensive“ Berteidigung auffaßte. Es ist bemerkenswert, daß die Entente 
von 1891 unter den Klängen des politischen Leitmotivs: Aufrechterhaltung 
des europäischen Gleichgewichtes, Verteidigung der gemeinsamen Inter- 
essen abgeschlossen wurde. Was sollte das bedeuten? Auf französischer 
Seite sicherlich einen Angriffskrieg gegen Deutschland bei erster Gelegen- 
heit, denn die Franzosen erachteten das europäische Eleichgewicht durch 
das Deutsche Reich und seine Bündnisse, vor allem durch ein deutsches 
Elsaß-Lothringen, ale gestört, und die Tatsache allein sei genügender Grund, 
um das „GEleichgewicht“ mit allen Mitteln wiederherzustellen. Aber den 
Inhalt des damaligen Entente-Bertrages und des Bündnisses von 1893, 
welches auf der Grundlage der Abmachungen von 1891 und 1892 abge- 
schlossen wurde, ist nie etwas anderes verlautet, als daß der Vertrag diese 
Hauptmomente entbalte: Erhaltung des europäischen Gleichgewichtes 
bzw. dessen Wiederherstellung und gemeinsame Verteidigung gemein-
        <pb n="79" />
        Zwei neue Mächtegruppen. 37 
samer Interessen; Erhaltung des Friedens. Das sind also Grundlagen, 
die sehr viel breiter sind als die etwa des deutsch-österreichischen Bünd- 
nisses. Hier setzt das Eintreten des sogenannten Bündnisfalles den Angriff 
einer bestimmt bezeichneten dritten Macht voraus, die Bedingungen 
sind so genau bestimmt, wie es überhaupt im voraus möglich ist. Im 
Falle des russischen und französischen Bündnisses war aber, wie es scheint 
und wie es von sehr unterrichteten französischen Politikern und Schrift- 
stellern bestätigt wird, der Spielraum und damit die Willkür der Auf- 
fassung und Auslegung ungleich größer. Was sind gemeinsame ZInteressen, 
wann erachtet man sie als bedroht, mit welchen Mitteln verteidigt man 
sie, mit welchen Mitteln erhält man einen Frieden, dessen Basis man 
nicht anerkennt? — Das waren Fragen, die ebenso nach Belieben beant- 
wortet werden konnten wie die weitere: ob die gemeinsamen Interessen 
und die Erhaltung des europäischen Gleichgewichts nicht zweckmäßiger 
durch den Angriff verteidigt werden. 
Wären Alexander III. und MNikolaus II. nicht persönlich friedliebend 
gewesen, so würde das Bündnis mit Frankreich schon viel früher Europa 
den Krieg gebracht haben, darüber kann kein Zweifel sein. In jener ernsten 
Zeit, Anfang des Jahres 1893, wo die Panamaskandale das Ansehen Frank- 
reichs und seine innere Einheit schwer gefährdeten, war es nur eine natür- 
liche Reaktion, daß in Frankreich Politiker, Soldaten und öffentliche Mei- 
nung wünschten, „die schmutzige Wäsche der Republik mit Blut zu waschen“. 
Alexander III. aber dachte anders und war nach wie vor weit entfernt 
von Kriegswünschen: „Gott gebe Frieden, Ruhe und allseitiges Wohler- 
gehen uns allen in der teuren Heimat !“ Als Alexander im Anfange des 
gleichen Fahres 1893 den Grundstein zum neuen Hafen von Libau legte, 
da wies er auf die vielen im Baltischen Meere erfochtenen Siege der ruf- 
sischen Flotte hin und auf die Angriffe, die von hier aus auf die russischen 
Grenzen ausgeführt werden könnten. Er glaubte immer noch an die Mög- 
lichkeit eines deutschen Angriffes, und der Zollkrieg mit Deutschland, unter 
dem die russischen Berhältnisse schwer litten, erböhte seine Abneigung 
und sein Mißtrauen. 
Nach zweimaligem Aufschube erfolgte 1893 die Reise des Admirals 
Avellan nach Toulon, und die Entzückung der Franzosen stieg zum Gipfel. 
Reden wurden gehalten, Telegramme gewechselt, aber vom Bündnisse 
noch nicht gesprochen, aus dem einfachen Grunde, weil es noch nicht ab- 
geschlossen war. Das Telegramm, welches der Zar beim Abschiede des 
Geschwaders von Toulon an den Präsidenten Carnot richtete, enthielt 
nur die verschieden deutbaren Wendungen: „Die Beweise lebhafter Som- 
pathie, welche sich noch einmal in so beredter Weise gezeigt haben, knüpfen 
ein neues Band zu denjenigen, welche unsere beiden Länder vereinigen,
        <pb n="80" />
        58 1. Abschnitt. Bon Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
und werden, wie ich hoffe, beitragen zur Sicherung des allgemeinen Frie- 
dens als Ziel ihrer Bestrebungen und ihrer beständigen Wünsche.“ Der 
Präsident Carnot sprach in seiner Rede an Bord eines Panzerschiffes 
von der Freundschaft der beiden großen Nationen und dem durch sie ge- 
sicherten Weltfrieden. Eine zweite Auflage der Touloner Feier fand un- 
mittelbar darauf in Kopenhagen statt, wo der Zar wie jeden Herbst bei 
seinen dänischen Verwandten weilte. 
Im Winter des Jahres 1893 waren die Bündnisverhandlungen tat- 
sächlich abgeschlossen. Die Unterzeichnung des russisch-französischen Bünd- 
nisses erhielt Anfang März 1894 die Billigung des Zaren. 
Am 15. März aber wurde zu Berlin das deutsch-französische Grenz- 
abkommen über die Grenzführung zwischen dem deutschen Kamerun- 
gebiete und dem französischen Kongo unterzeichnet. Am Tage darauf 
ging im Oeutschen Reichstage der deutsch-russische Handelsvertrag durch, 
in welchem die beiden Mächte sich die Meistbegünstigung zusicherten. 
Es war ein ironisches Zusammentreffen, aber vielleicht doch nicht 
ganz ohne tatsächliche innere Beziehungen, daß das Oeutsche Reich im 
selben Augenblicke mit den beiden Kontrahenten eines dem Oeutschen 
Reiche zum mindesten nicht freundlich gegenüberstehenden Bündnisses 
zwei Sonderabkommen einging. Die Politik des Reichskanzlers Caprivi 
sollte nach der Ansicht dieses Staatsmannes offenbar eine solche der freien 
Hand und einer gewissen politischen Borurteilslosigkeit sein; nach beiden 
Seiten! 
Zu Anfang des ZJahres 1893 machte der russische Thronfolger einen Be- 
such in Berlin, und kurz darauf erklärte Caprivi im Reichstage: es sei falsch, 
wenn wir uns um augenblicklicher Vorteile willen Rußland näherten. Die 
russisch-französische Annäherung behandelt der Reichskanzler in der Offent- 
lichkeit als einen Borgang, den man nicht habe hindern können, als einen 
Zustand, der wegen der Friedensliebe des Zaren nichts Bedrohliches für 
Deutschland einschließe. Gleichwohl müsse man auf alle Möglichkeiten 
gefaßt sein. 1895 wurde dem Reichstage eine Heeresvorlage unterbrei- 
tet, welche diesen Anforderungen Rechnung tragen sollte. Ob dem Reichs-- 
kanzler zum Bewußtsein gekommen ist, daß Rußland mit chemischer Not- 
wendigkeit zu Frankreich hin gezwungen worden war, weil er selbst es 
isoliert hatte, steht dahin. Caprivi hat anscheinend politisch nicht verstanden, 
daß die von ihm, von Waldersee und anderen erblickte russische Gefahr 
um so größer werden mußte, je enger das russisch-französische Berhält- 
nis wurde.
        <pb n="81" />
        Der Helgoland- und Sansibarhandel. 39 
  
Der Helgoland= und Sansibarhandel. 
DOie wesentlichen Punkte des deutsch-englischen Abkommens über 
die ostafrikanischen Kolonien und Helgoland vom 17. Juni 1890 waren 
die folgenden: Deutschland gab zugunsten Großbritanniens die Schutz- 
herrschaft über das Sultanat Witu und die Somaliküste auf, im Norden 
des englischen ZInteressengebietes. Dazu kamen die vorgelagerten Inseln 
Manda und Patta. Uganda, dessen König kurz vorher durch Dr. Karl 
Peters veranlaßt worden war, sich unter deutschen Schutz zu stellen, ge- 
langte nunmehr in die britische Interessensphäre. Das Deutsche Reich gab 
seine Zustimmung, daß England über das Sultanat Sansibar (die Insel) 
mit Ausnahme des an die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft verpachteten 
Küstenstriches das Protektorat übernähme. Zener Küstenstrich wurde 
Deutschland in der Form zugesprochen, daß England dem Sultan von 
Sansibar gegenüber seinen Einfluß aufbieten solle, um diesen zur Ab- 
tretung des Küstenstriches an Deutschland gegen eine Geldsumme zu 
veranlassen, was auch geschah. Deutschland erhielt weiter die Befugnis, 
das Hinterland bis an die großen Seen auszudehnen. In Südwestafrika 
erhielt Deutschland gegen Abtretung der Gebiete am Agamisee an Eng- 
land einen schmalen Landkorridor (sechs Kilometer breit) nach dem Sam- 
besiflusse; dieses ist der sogenannte Caprivizipfel. 
Mit dem Protektorate der Inseln Sansibar und Pemba verdielt es 
sich folgendermaßen: wenige Zahre vorher hatten Deutschland und Eng- 
land die Souveränität des Sultans von Sansibar anerkannt. Ourch BVer- 
mittlung der deutschen Regierung war es gelungen, Frankreich ebenfalls 
zur Anerkennung zu bewegen. Bismarck hatte mit diesem von ihm selbst 
angeregten Schritte beabsichtigt, die britische Politik zu binden und zu 
verhindern, daß Großbritannien auf Sansibar zum Schaden der deutschen 
Interessen zu beherrschendem Einflusse gelangte. Fürst Bismarck ließ 
in seinem Hamburger Organe damale hierzu schreiben: „Es galt für eng- 
lische Absicht, Afrika so weit wie möglich mit einem Küstenvorhange in 
englischem Besitze zu umgeben, der die schließliche Herrschaft über das 
Innere des Landes von selbst sicherstellen mußte. Die deutsche Vertretung 
wurde durch die Anerkennung des Sultans ebenbürtig, der deutsche Ein- 
fluß machte Fortschritte und erschien den Engländern 1890 als deutsches 
Übergewicht.“ 
Es war also zwar an sich richtig, als der Reichskanzler v. Caprivi 
erklärte: Deutschland hätte Sansibar nicht aufgeben können, denn man 
hätte die Insel nie besessen. Anderseits läßt sich aber nicht in Abrede stellen, 
daß deutscherseits durch den Bertrag von 1890 auf einen zukünftigen 
Besitz der Inseln Sansibar und Pemba verzichtet wurde. Oie Frage ist
        <pb n="82" />
        40 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
heute müßig, ob man diesen Besitz hätte tatsächlich erreichen können. 
Fürst Biomarck war der Ansicht, daß, wenn Caprivi die Kunst des War- 
tens verstanden hätte, Sansibar, überwiegend von deutschem. Einflusse 
erfüllt, eines Tages deutsch geworden wäre. Aebenbei bemerkt, wurde 
gerade das Abkommen über Sansibar von den Franzosen unangenehm 
empfunden, weil ohne Rücksicht auf Fronkreich der englische Einfluß da- 
mit über den unabhängigen Sultan von Sansibar gesetzt wurde. Deutsch- 
land und Frankreich waren bisher in manchen kolonialen Fragen zusammen- 
gegangen und hatten so wiederholt wirksam das englische Ubergewicht 
aufgehoben oder vermindert. Durch die Sansibaraktion der deutschen 
Politik wurde Frankreich an England herangedrängt und gelangte dann 
auch in der Folge zu einem Austauschabkommen über Sansibar einer- 
seits, Madagaskar anderseits. In England wurde der Erwerb Sansibars 
sehr hoch angeschlagen, und die dortige Presse urteilte: der Schlüssel zur 
Stellung in Ostafrika ist die Insel Sansibar; jede Seemacht, welche diese 
Insel besitzt, übernimmt die Führerrolle an der ostafrikanischen Küste. 
Dieses Urteil hat sich freilich in der Folge als sehr stark übertrieben, ja 
als irrig erwiesen. 
Der Sturm der Entrüstung, welcher sich in Deutschland über das 
Abkommen in allen seinen Teilen erhob, ging in einigen sehr wesentlichen 
Punkten von falschen Voraussetzungen und oberflächlichen Urteilen aus 
(siehe Seite 42 ff.), mag in anderen der Form nach übertrieben gewesen 
sein. Heute, wo wir nach Ablauf beinahe eines Bierteljahrhunderts jenem 
Tausche ganz kühl gegenüberstehen, wird man doch sagen müssen, daß 
dem allgemeinen Unwillen ein sachlich richtiger Instinkt zugrunde lag. 
Das allgemeine Urteil war, daß das Deutsche Reich damals nicht gezwun- 
gen gewesen sei, einen ungünstigen Tausch zu machen. Man trat weite 
und hoffnungsreiche Gebiete an England ab, die zum Teil unter nationaler 
Begeisterung in Deutschland von den kühnen Bahnbrechern in Afrika 
gewonnen worden waren. Man hatte nicht ohne tatsächlichen Grund 
und sachliche Berechtigung von einem großen deutschen Kolonialreiche 
in Ostafrika geträumt. Was England als Entgelt in Afrika für die deutschen 
Abtretungen gab, erschien überaus geringfügig, denn jenen Küstenstreifen 
hätte man aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso über kurz oder lang be- 
kommen. Alles, was mühevoll gewonnen oder vorbereitet war, das hatte 
man nun durch einen Federstrich aus der Hand gegeben. Wie war das 
zu begreifen, wie zu rechtfertigen? 
Oer Reichskanzler v. Caprivi hat seinen Standpunkt damals in aus- 
führlichen Reden dargelegt. Er sagte: man habe sich endlich mit England 
über die Grenzführungen in Afrika einigen müssen, um klare Berhält- 
nisse zu schaffen. In Sansibar habe England die stärkere Stellung ein-
        <pb n="83" />
        Der Helgoland- und Sansibarhandel. 41 
—... 
  
genommen, der deutsche Einfluß sei gering gewesen, das Ganze eine Quelle 
für zukünftige Mißhelligkeiten mit England. Man müsse sich vom deut- 
schen Standpunkte fragen, wie weit die kolonisatorischen Kräfte überhaupt 
reichten, „wie weit reicht das Geld, das Deutsche in Kolonien anzulegen 
gesonnen sind, und wie weit reicht unser Menschenmaterial, das in den 
Kolonien verwendbar ist? .. Man hatte an zu vielen Stellen gleich- 
zeitig angefangen und hatte nun beide Hände voll mit Dingen, die man 
zu verwerten nicht imstande war, weil man weder Geld noch Menschen 
dafür hatte.“ Der Reichskanzler versuchte dann weiter seine Behauptung 
zu belegen: „Ich meine, daß auch vom rein finanziellen Standpunkte 
die Geschichte uns insofern recht gegeben hat, ale sie zeigt, wie kostspielig 
zuzeiten der Besitz eines absolut wertlosen Landes werden kann.“ Damit 
meinte er Witu, wo die Engländer gerade eine kostspielige Expedition 
ins Innere hatten unternehmen müssen. 
Diese beiden Caprivischen Aussprüche: von der „absoluten Wert- 
losigkeit“ des Landes, und die Auffassung, daß alles Gebiet, welches man 
nicht innerhalb einer klar absehbaren Frist fruchtbringend ausnützen könne, 
überflüssig sei, sind überaus charakteristisch für seine Auffassung von Ko- 
lonialpolitik. ODagegen ist nicht richtig, den Reichskanzler v. Caprivi alo 
„Feind der Kolonialpolitik“ schlechthin zu bezeichnen. Er begriff als 
früherer Chef der Admiralität den Autzen und die Notwendigkeit aus- 
wärtiger Kohlenstationen für die Marine, auch im allgemeinen die Not- 
wendigkeit für Deutschland, Kolonialpolitik zu treiben; er fand aber die 
Art des deutschen Kolonisierens planlos und unüberlegt und urteilte, 
daß sie zu weit geführt babe. Man hat den Eindruck einer starken Pedanterie 
der Anschauung, welche militärische Ordnung, Klarheit und Bestimmtheit, 
nach Ort und Zeit, auf einem Gebiete verlangte, — und dieses Gebiet 
auch eben danach begrenzen und einteilen wollte, — wo es ganz unmöglich 
und praktisch höchst schädlich war. Dem Reichskanzler Caprivi schwebte 
hinsichtlich der Kolonien immer das griechische Wort vor: In nichts zuviel! 
Er wollte nur so viel Kolonialgebiet haben, wie man „ausnützen“ konnte, 
er wollte alles bürokratisch klar übersehen und übersichtlich einteilen. Auch 
grundsätzlich betrachtet, war das nur akademisch richtig, für alle praktische 
Kolonialpolitik aber, nicht nur im einen oder anderen Falle, sondern grund- 
sätzlich falsch. Der Grundsatz aller praktisch tätigen Kolonialmächte war 
richtiger: zunächst zu nehmen, soviel man habhaft werden konnte, oder in 
der einen oder anderen Form unter den eigenen Einfluß zu bringen und 
in strittigen Gebieten den Zwischenzustand ruhig bestehen zu lassen und 
zu warten. 
General v. Caprivi behandelte infolge dieser seiner Anschauungen 
die großen Kolonialgebiete in Ostafrika, welche entweder schon unter
        <pb n="84" />
        42 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
deutscher Vormundschaft standen oder von steigendem deutschen Ein- 
flusse durchdrungen wurden — aber nicht unmittelbar ausnutzbar waren 
und ihm als wertlos erschienen — nur als Mittel seiner auswärtigen Poli- 
tik, nicht als Selbstzwecke innerhalb des Rahmens der Kolonialpolitik. 
Es kann sicherlich nicht behauptet werden, daß ein solches Verfahren unter 
allen denkbaren Umständen unrichtig sei. Nützlich und zweckmäßig kann 
es aber nur dann sein, wenn der Leiter der Politik sich in vollem Umfange 
über den kolonialen Wert der kolonialen Objekte klar ist, die er als Mittel 
seiner auswärtigen Politik nutzbar machen will, und sie nicht nur als realen, 
sondern auch als eventualen Wert beurteilt. 
Hohenlohe schreibt in seinen Denkwürdigkeiten unter dem 19. Zuni 
1890: „Aus den Mitteilungen, die ich gestern im Auswärtigen Amt er- 
hielt, geht hervor, daß das Abkommen keineswegs ungünstig ist, und daß 
wir mit der Abtretung von Helgoland zufrieden sein können. Dazu kommt, 
daß, wie Münster (der deutsche Botschafter in London) geschrieben hat, 
die Stimmung in England uns sehr ungünstig war, da wir in der Kolonial- 
politik die Engländer in ungewohnter Weise auf die Hühneraugen getreten 
hatten. Wir waren also der Gefahr ausgesetzt, daß sich England an Frank- 
reich und Rußland angeschlossen hätte, was ganz gefährlich geworden 
wäre.“ 
Wir wissen nicht, wie weit die damals von England gemachten Schwie- 
rigkeiten oder drohenden Andeutungen gegangen sind. Jedenfalls ist aber 
schwer denkbar, daß sie einer geschickten Diplomatie unmöglich gemacht 
hätten, jene kolonialen Einfluß- und Grenzfragen auch weiterhin auf die lange 
Bank zu schieben. Die einzige heute feststellbare Tatsache ist die, daß der 
Reichskanzler v. Caprivi dieser Ansicht war und hauptsächlich deshalb den 
Tausch bzw. das Abkommen für nötig und für nützlich hielt. Er war der 
Meinung, daß Deutschland in Ostafrika nur Dinge opfere, die ohne Wert 
seien; daß man dafür den wertvollen Küstenstreifen und das wertvolle 
Helgoland erhalte, außerdem, und das war die Hauptsache, enge freund- 
schaftliche Beziehungen zu England. 
Es ist leider nicht festzustellen, in welchen zeitlichen Berhältnissen 
zueinander Gedanke und Ourchführung des Abkommens mit England 
zu dem Gedanken des Aufgebens des deutsch-russischen Neutralitätsver-- 
trages gestanden haben. Es ist wahrscheinlich, daß sie aus derselben drei- 
fachen Wurzel erwachsen sind: dem Gefühle der persönlichen Unmöglich- 
keit, das von Bis#marck errichtete Sostem europäischer Politik aufrecht- 
zuerhalten und zu meistern; dem Mißtrauen gegen Rußland, der Zu- 
gänglichkeit gegenüber den Argumenten britischer Staatsmänner; eine 
Zugänglichkeit wiederum, die sich teilweise in der Überzeugung Caprivis 
begründete, das Deutsche Reich bedürfe nach seinen Verhältnissen engsten
        <pb n="85" />
        Der Helgoland- und Sansibarhandel. 43 
  
Anschlusses an Großbritannien. Es liegt auf der Hand, daß die britischen 
Staateomänner schnell zugriffen und die Gelegenheit ausnutzten, besonders 
da sie wußten — wahrscheinlich sogar selbst suggeriert hatten —, daß Caprivi 
den deutsch-russischen Neutralitätsvertrag fallen zu lassen entschlossen war. 
So hatte Caprivi von seinem Standpunkte wenig fortgegeben, um 
viel dafür einzutauschen. In Deutschland war man durchweg anderer 
Ansicht, und auch heute ist es kaum möglich, sich des Glaubens zu ent- 
schlagen, daß es politisch und sachlich nicht nötig war, alle jene afrikanischen 
Gebiete preiszugeben. Freilich, die Politik wird von Personen gemacht, 
und so beruhte die Art jenes Handels auch auf den persönlichen Uberzeu- 
gungen und relativen Fähigkeiten Caprivis. Es ist nicht richtig, zu sagen, 
daß er sich von England habe „übertölpeln“ lassen, denn er hatte sich 
subjektiv vollkommen klare Urteile über die zur Verhandlung stehenden 
kolonialen und rein politischen Tauschwerte gebildet. Caprivi und Lord 
Salisbury maßen nicht mit ungleichen, sondern mit ganz ungleichartigen 
Maßstäben. Caprivis Wertbemessung der Kolonien war unrichtig, Lord 
Salisbury hatte nicht die Fähigkeit, in Helgoland einen Zukunftswert 
zu erblicken. 
Wer heute abschätzen will, wieviel von den deutschen Ergebnissen 
jenes Tauschhandels wesentliche positive Bedeutung behalten hat, wird 
weit vor allem die Insel Helgoland finden. Die negative Bedeutung, mit 
anderen Worten der Berlust jener großen afrikanischen Gebiete, bleibt 
natürlich Verlust, während die Insel Sansibar, besonders auch als Zu- 
kunftswert, ebenso weit überschätzt worden ist wie die Walfischbucht. Es 
ist schwer, jene aufgegebenen afrikanischen Gebiete mit der Insel Helgo- 
land in Vergleich zu stellen, weil beide der Art und dem Gebiete des Wertes 
nach zu verschieden sind. Will man sie aber usiter einen Generalnenner 
bringen, so ist als solcher nur der Zustand anzuerkennen, welcher vorhanden 
war, als der Tauschhandel noch nicht stattgefunden hatte. Man könnte 
einwenden, daß, ehe wir Helgoland hatten, kein Mensch nachteilig emp- 
fand, daß wir es nicht besaßen, und, wenn sich später ein Wert entwickelt 
habe, dieses auch bei den afrikanischen Gebieten, die deutscherseits auf- 
gegeben wurden, der Fall gewesen sein würde. Diese Beweisführung 
ist aber nicht richtig, denn die, wenn man so sagen darf, unmittelbar inter- 
essierte Stelle: die deutsche Marine, war sich eines erheblichen Wertes 
der Insel Helgoland wohl bewußt; in erster Linie begriff man, daß in der 
Hand einer anderen Seemacht die Insel ein Pfahl im deutschen Fleisch war. 
Dieser „negative“ Wert war klar. Der positive ist erst viel später allgemein 
in Deutschland anerkannt worden.
        <pb n="86" />
        44 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
— 
Man mußte sich selbstverständlich schon für Mobilmachungevorbe- 
reitungen und Operationspläne, für alle der Küstenverteidigung gel- 
tenden Dispositionen die Uberlegung machen, wie man das britische Helgo- 
land militärisch zu verrechnen habe. Da der Admiralstab ebensowenig 
wie der Generalstab nur mit jeweiligen politischen Konstellationen rechnen 
kann noch darf, so wird er damals auch einen Krieg mit England, nicht 
nur einen solchen mit Frankreich in Betracht gezogen haben. Auch in der 
Erwägung eines französischen Krieges konnte die Marinebehörde aber 
nicht a priori die Annahme zugrunde legen, daß Großbritannien sich in 
wohlwollender Neutralität, ja überhaupt im Stande der ANeutralität dem 
Deutschen Reiche gegenüber verhalten würde. Daß Großbritannien 
damals diese wohlwollende Neutralität Deutschland gegenüber betätigt 
haben würde, kann freilich keinem Zweifel unterliegen; das mag beiläufig 
bemerkt sein, um Mißverständnisse auszuschließen. Es ist nicht nötig, hier 
alle militärischen Eventualitäten zu erschöpfen, wir können sie in den 
einen Satz zusammenfassen: daß die Insel Helgoland in den Händen 
einer feindlichen oder nicht wohlwollend neutralen Macht, sei es auch nur 
zeitweise während des Krieges, eine erhebliche Gefahr für die deutsche 
Küstenverteidigung und Flotte, auch eo ipso eine Schwächung beider 
bedeutet haben würde. 
Die deutsche Marine war damals sehr klein, sie besaß kein einziges 
vollwertiges Hochseeschlachtschiff, ihr Schiffsmaterial war teils veraltet, 
teils in der Anlage verfehlt und nicht unter dem Gesichtspunkte zielbewußter 
einheitlicher Verwendung entstanden. ODer einzige Teil der Flotte, dem 
ein wirklicher und höherer Wert auch nach beutiger Beurteilung zuge- 
messen werden konnte, waren die Torpedoboote. Die feste Küstenvertei- 
digung war sehr lückenhaft und schwach; es fehlte auch ihr jene organische 
Einheitlichkeit, die nur aus dem leitenden Gesichtspunkte hervorgehen kann, 
welcher das Schiffsmaterial und seine Entstehung, Organisation und mili- 
tärischen Berwendungszweck in höherer Einheit zur Deckung bringt. Oes- 
halb war die deutsche Flotte auf die Küstenverteidigung angewiesen, und 
wenn auch schon damals weitergehende Pläne und Gedanken bei vielen 
Seeoffizieren bestanden haben, so würde um die Zeit des Helgoland- 
tausches eine andere kriegerische Berwendung der deutschen Flotte gar 
nicht möglich gewesen sein. Unter diesem Gesichtspunkte beurteilten 
denn auch die maritimen Autoritäten die Insel Helgoland. Es war ihnen 
klar, daß die Insel in Feindeshand eine gefährliche Angriffsbasis gegen 
die Küsten und Flußmündungen unserer Nordseebucht und den deutschen 
Seehandel bedeutete. Setzte man ein wohlwollend neutrales England 
voraus, so fiel diese Helgolandgefahr weg. Wurde Helgoland jetzt aber 
deutsch, so mußte die deutsche Marine die Insel verteidigen, oder diese
        <pb n="87" />
        VBer Helgoland- und Sanjibardandei. 45 
  
  
würde unmittelbar in den Besitz des Feindes übergehen und ihm als 
Basis dienen. Das bedeutete einen unangenehmen Punkt, denn die Kosten- 
frage war für die Marine jener Zeit nicht nur eine heikle, sondern man konnte 
sie nur mit einem hohen Grade von Hoffnungslosigkeit betrachten. Hier 
mögen denn auch gewisse Bedenken bei den leitenden Seeoffizieren sich 
erhoben haben, als die Insel Helgoland deutsch wurde. Biel Geld auf sie 
zu verwenden, wäre nur auf Kosten dringender Bedürfnisse der schwim- 
menden Flotte möglich gewesen, man mußte Helgoland also vorläufig 
als schwache Stelle — neben vielen anderen — in den Kauf nehmen. Be- 
kanntlich beschränkte man sich darauf, die Insel nach Kräften gegen einen 
Handstreich zu schützen, ein Schutz freilich, der keineswegs genügte und 
der die Gefahr, die aus dem deutsch gewordenen Helgoland erwuche, nicht 
beseitigen, sondern eigentlich nur vermehren konnte. 
Das Urteil des Fürsten Bismarck ist bekannt und viel erörtert worden. 
Der Vollständigkeit halber mag es aber auch in diesem Zusammenhange 
Platz finden: 
„Im Hinblick auf eine voraussichtlich französische Blockade war bisher 
die Deckung Helgolands durch die englische Neutralität für uns nützlich; 
ein französisches Geschwader konnte daselbst kein Kohlendepot haben, 
sondern war genötigt, zur Beschaffung des Kohlenbedarfs in bestimmten 
nicht zu langen Zeiträumen nach den französischen Häfen zurückzukehren 
oder eine große Anzahl von Frachtschiffen hin- und bergehen zu lassen. 
Jetzt phaben wir den Felsen mit eigener Kraft zu verteidigen, wenn wir 
verhindern wollen, daß die Franzosen im Falle des Krieges sich daselbst 
festsetzen.“ (Gedanken und Erinnerungen II.) 
1891 hat Bismarck an Busch gesagt, der Wert der Insel läge mehr 
in der Phantasie, und sie sei für uns im Kriege besser in den Händen einer 
neutralen Macht, lasse sich auch nur schwer befestigen und nur mit großen 
Kosten. Auch in anderer Verbindung hat der große Kanzler betont: die 
Insel müßte sehr stark befestigt werden, sollte sie Nutzen für uns haben. 
Daß das Bismarcksche Urteil in seinem Hauptpunkte nicht nur längst 
überholt ist, sondern tatsächlich auch damals schon unrichtig war, braucht 
kaum bewiesen zu werden. Niemand hat nachdrücklicher als Bismarck 
auch noch in den letzten Jahren seines Lebens betont und gelehrt, daß man 
keine politische Gruppierung, kein Bündnis als Dauerzustand betrachten 
dürfe, das Element der internationalen Politik sei ein flüssiges und kehre 
trotz aller Bindungen von Zeit zu Zeit immer wieder in diesen, den na- 
türlichen Aggregatzustand, zurück. Schon unter diesem richtigen Gesichts- 
punkte betrachtet, war es grundsätzlich falsch, den Wert oder Unwert der 
Insel Helgoland nur unter der Voraussetzung einzuschätzen, daß die vor- 
malige Besitzerin, Großbritannien, in einem deutsch-französisch-russischen
        <pb n="88" />
        46 1. Abschnitt. Bon Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
Kriege dem DOeutschen Reiche unbedingt wohlwollend neutral bleiben 
werde und als Gegner niemals in Betracht kommen könne. 
Recht hatte Bismarck mit der Bemerkung, die Insel könne für uns 
nur Wert haben, wenn sie sehr stark befestigt sei. Er sagte das zur BVerstär- 
kung der Bedenken gegen die Zweckmäßigkeit der Erwerbung. SHeute 
können wir dieses Bedenken nicht als richtig anerkennen, aber man ver- 
steht es wenigstens bistorisch im Gedanken an die Kämpfe, welche Bismarck 
und auch noch seine nächsten Nachfolger um die nötigsten Aufgaben und 
um Summen, die absolut und verhältnismäßig sehr gering waren, durch- 
fechten mußten. Tatsächlich hat es lange gedauert, bis Helgoland jene 
notwendige starke Befestigung bekommen hat. Zunächst freilich mußte 
eine Befestigung im großen Maßstabe hinter den Bedürfnissen der Flotte 
und Küstenverteidigung mit Recht zurückgestellt werden. Sie waren in 
der Tat dringender. 
Als der Reichskanzler v. Caprivi im Reichstage das Abkommen ver- 
teidigte, äußerte er sich über die Insel Helgoland mit den folgenden Sätzen: 
„Die Insel Helgoland, die wir dabei bekommen haben, wurde ja allgemein 
für ziemlich wertvoll gehalten, wenigstens spricht man ihr ein pretium 
affectionis zu, — man gibt auch zu, wenigstens ein Teil der Menschen, 
daß sie für die Verteidigung unserer Nordseeküsten einen gewissen Wert 
haben könnte. Ich schlage den Erwerb dieser Insel in dem Vertrage — 
und das kann ich jetzt sagen — ungleich höher an, den negativen Wert. 
Stellen Sie sich vor, was geworden wäre, wenn die Insel, von der man 
sagt, sie war für die Engländer ziemlich wertlos — und das mag ja richtig 
sein —, aus englischen Händen in andere übergegangen wäre. England 
hat Bedürfnisse in allen Weltteilen, hat Besitzungen rund um den Erdball, 
und es möchte am Ende nicht ganz schwer geworden sein, für England 
ein Tauschobjekt zu finden, das ihm willkommen gewesen wäre, und für 
das es wohl geneigt gewesen wäre, die Insel fortzugeben. Ich möchte ein- 
mal den Entrüstungssturm — und in diesem Falle würde ich ihn für be- 
rechtigt gehalten hbaben — gesehen haben, wenn im Laufe von Zahr und 
Tag oder kurz vor Ausbruch eines künftigen Krieges die englische Flagge 
von Helgoland heruntergegangen und eine uns weniger nabestehende 
vor unseren Häfen erschienen wäre.“ 
Wir wissen nicht, ob Caprivi tatsächlich begründete Besorgnis hat 
hegen können, daß Helgoland durch Tausch in die Hände Frankreichs. 
überginge. Die Annahme klingt recht unwahrscheinlich, stand aber nicht 
außerhalb des Bereiches der politischen Möglichkeit. Seine Begründung 
des Wertes der Insel ist deshalb nicht eben inhaltreich; England zieht er 
— von seinem Standpunkte folgerichtig — nicht als möglichen Gegner in 
Betracht.
        <pb n="89" />
        Der Helgoland- und Sansivarhandel. 47 
In der Denkschrift, die damals von Caprivi veröffentlicht wurde, 
führte er aus: Die Insel bedeute für Deutschland eine wesentliche Er- 
höhung des Schutzes der Küsten und Flußmündungen an der Nordsee. 
Auch neutral hätte sie einem Feinde gleichwohl einen gewissen Stützpunkt 
gewährt. — HDas ist nicht unrichtig, denn eine neutrale Insel schoß im 
Kriege nicht selbst, stützte keine deutschen Seestreitkräfte, diente nicht als 
deutsche Beobachtungsstation, gab aber unter gewissen Verhältnissen 
feindlichen Schiffen außerhalb der Neutralitätsgrenze Schutz gegen Wind 
und Wetter. — Sei die Insel, so fährt der Bericht fort, in unserem Besitze 
und gut befestigt, so könne eine feindliche Flotte sich kaum längere Zeit 
vor den Flußmündungen halten, eine Blockade würde sehr erschwert wer- 
den, auch erhalte der im Bau befindliche Nordostseekanal erst durch das 
deutsche Helgoland seinen vollen Wert. — 
Diese Beweisgründe waren damals stichhaltig und sind es heute — 
man möchte sagen — in zwanzigster Potenz. Für die deutsche Marine 
war es schon 1890 lediglich eine Geldfrage, den Wert Helgolands stark 
zu erhöhen, nämlich durch entsprechende Befestigung. Die strategische 
Lage der Insel tief im Winkel der Nordseebucht, dicht vor der Elbe, Weser, 
Jade und Ems und vor der Mündung des Nordostseekanales ist eine mili- 
tärisch so ungemein inhaltreiche, daß man sich trotz der damals so intimen 
englisch-deutschen Beziehungen wieder und wieder wundern muß, wie 
der sprichwörtliche praktische Weitblick der Engländer über die Bedeutung 
der Insel völlig hinwegsehen konnte. Das wird durch die Vorgeschichte 
noch drastischer beleuchtet: 
In den Jahren 1885 und 1887 — wir folgen hier dem Berichte des 
früheren Reichstagsabgeordneten Kalle, mitgeteilt von Prof. W. Müller — 
war im englischen Unterhause der Antrag gestellt worden, die Znsel, 
welche England nur Kosten verursache, ohne kommerziellen und strategischen 
NRutzen zu bringen, an Deutschland abzutreten, was zur festeren Knüp- 
fung des zwischen den beiden Staaten bestehenden Freundschaftsbandes 
dienen würde. Die britische Regierung erwiderte, Deutschland lege keinen 
Wert auf den Besitz Helgolands. Daraufhin wendete Kalle sich an den 
damaligen Chef der Admiralität, v. Caprivi, „der die Bedeutung der 
Insel voll anerkannte“, aber für nötig erklärte, daß Kalle, der im Reichs- 
tage eine Resolution einbringen wollte, sich vorber an das Luswärtige Amt 
wende. Man müsse da erfahren, ob die internationalen Beziebhungen 
zur Anbahnung eines solchen Schrittes angetan seien. Der Staatssekre- 
tär des Auswärtigen Amtes, Graf Herbert Bismarck, habe gesagt, die 
Erwerbung Helgolands werde schon lange geplant, auch wünsche sie Prinz 
Wilhelm (Kaiser Wilhelm II.). Augenblicklich sei die Anregung der Frage 
aber nicht opportun, denn man wünsche die derzeitige britische Regierung
        <pb n="90" />
        48 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannten. 1887—1894. 
  
zu erhalten. Bringe sie die Helgolandfrage ein, so werde sie wahrscheinlich 
starke Opposition finden. Sobald die Berhältnisse aber günstig seien und 
man deutscherseits über einen geeigneten AuSgleichsgegenstand verfüge, 
werde man vorgehen. 
Die Ereignisse der nächsten Jahre haben es dazu bekanntlich nicht 
kommen lassen, aber diese unanfechtbaren Angaben zeigen auf alle Fälle, 
daß der Erwerb der Insel schon unter Bismarck eingehend erwogen wor- 
den war, auch auf seiten der Marineverwaltung. Letzterer mußte sich 
die Frage geradezu aufdrängen, von dem Augenblicke an, wo der Bau 
des Nordostseekanals beschlossen war (Baubeginn 1887). Durch diesen 
Kanal wurde die Elbmündung nicht nur zum Alusfallstor für die deut- 
schen Streitkräfte nach der Nordsee, sondern ebendeshalb zum Angriffs- 
punkte für die Seestreitkräfte eines Feindes und damit zu einer überaus 
gefährlichen Stelle, wenn nicht genügender Schutz vorhanden war. Eine 
Macht, die Helgoland besaß und zugleich über eine starke Flotte verfügte, 
war in gewissem Sinne Herrin des deutschen Nordostseekanals. Es ist 
nichts Zuverlässiges darüber bekannt, aber an sich wahrscheinlich genug, 
daß Prinz Wilhelm, später Kaiser Wilbelm II., der IZnsel Helgoland nicht 
nur das „pretium affectionis“ zubilligte, sondern daß er den tatsächlichen 
strategischen Wert der IZnsel erkannte. Kaiser Wilhelm hat gerade auf 
maritimem Gebiete verschiedene Male bedeutenden Weitblick gezeigt. 
Die ihm eigene Beharrlichkeit, mit der er den Gedanken festhielt, bis er 
in der Lage war, ihn ausführen zu lassen, die Schnelligkeit, mit der er den 
Erwerb der Insel durchsetzte, läßt darauf schließen, daß es sich für ihn 
nicht nur um den Gefühlswert handelte. Die ungeheuere Wertsteigerung, 
welche die Insel seit etwa einem Jahrzehnt erfahren hat, durch die neu- 
zeitlichen Faktoren des Seekrieges: Unterseeboote, Luftfahrzeuge, die 
neue Ara des Minenkrieges, die Funkentelegraphie — die konnte frei- 
lich damals niemand voraussehen. Heute — darüber besteht längst kein 
Zweifel mehr — ist uns Helgoland mehr wert als irgendein denkbares 
Kolonialgebiet. Ein in fremden Händen befindliches Helgoland würde 
für das jetzige und zukünftige Deutschland einen maritim und politisch 
tatsächlich unerträglichen Zustand bedeuten. Ein englisches Helgoland 
würde mit dem Anwachsen der deutschen Flotte und der Vervollständi- 
gung der deutschen Küstenverteidigung entsprechend militärisch ausge- 
staltet worden sein, heute eine gewaltige Festung und einen wohl aus- 
gerüsteten Stützpunkt für Unterseeboote, Torpedoboote und Luftfahr-- 
zeuge bilden, eine unschätzbare Beobachtungs- und Signalstation, ein 
Kohlendepot und einen Ankerplatz für britische Hochseegeschwader. Wir 
hätten die britische Flotte mitten in unseren eigenen Gewässern, un- 
mittelbar vor unseren Flußmündungen in Sicht der Küstenbefestigungen
        <pb n="91" />
        Der Helgoland- und Sansibarhandel. 49 
und beherrschend für die Mündung des Nordostseekanals bzw. der Elbe, 
Zade, Weser und Ems. Kein deutsches Kriegsschiff könnte aus- oder ein- 
laufen, ohne von Helgoland aus — oder von dort stationierten Schiffen 
— gesichtet und nach England signalisiert zu sein. Zieht man dazu die 
schon jetzt ungeheuer erhöhte und immer noch wachsende Geschwindigkeit 
der Kriegsschiffe in Betracht, ferner das für die Praxis beinahe zeitlose 
Arbeiten der Funkentelegraphie als Signalmittel, so braucht nicht mehr 
langatmig bewiesen zu werden, daß ein beute englisches Helgoland nicht 
nur unbequem wäre, nicht nur eine Gefahr darstellte, sondern daß es eine 
ungestörte Mobilmachung der einzelnen Elieder unserer Seestreitkräfte 
und Küstenverteidigung unmöglich machen und ihren Aufmarsch noch 
weniger gestatten würde. Deutschland hätte Schiffe bauen, es hätte viele 
Millionen in seine Seerüstung hineinstecken können, aber das englische 
Helgoland hätte stets unmöglich gemacht, daß die deutsche Seemacht ein 
strategisches Rückgrat erhielte. Kurz, es ist mit keiner Silbe übertrieben, 
wenn man behauptet, daß eine starke deutsche Seemacht ohne ein deut- 
sches Helgoland damals ausgeschlossen gewesen wäre. Das würde aber 
in weit höherem Maße heute ebenso wie morgen gelten; denn der mili- 
tärische Wertzuwachs der Insel steigt weiter. Daraus geht hervor, daß 
an und für sich kein kolonialer Wert zu hoch sein konnte, um die Insel 
wieder an Deutschland zu bringen, denn von den kolonialen Werten, 
die damals in Betracht kamen, bedeutete kein einziger eine vitale Not- 
wendigkeit für die Verteidigungsrüstung des Oeutschen Reiches, weder 
der Gegenwart, noch der Zukunft. Die Frage, welche, wenn schon einiger- 
maßen akademisch geworden, zu beantworten bleibt, ist: ob es nötig war, 
gerade jenen kolonialen Preis für die Insel zu zahlen. Das wird man, 
ohne dem damaligen Reichskanzler zu nahe zu treten, verneinen können. 
Wie ausgeführt wurde, war der Hauptzweck, den Caprivi mit dem Ab- 
kommen von 1890 verfolgte, weniger, einen in sich vorteilhaften Handel 
zu machen, als die Beziehungen mit England besser zu gestalten und zu 
festigen, weil er sie gefährdet und erschüttert glaubte. 
Zn England dachte man 1890 ebenso wie 1885 und 1887 sehr gering 
vom Werte der Insel Helgoland. Trotzdem wurde ein am 2. Juni 1890 
im Unterhause gestellter Antrag auf Abtretung Helgolands an Deutsch- 
land mit überwiegender Mehrheit abgelehnt, unter der sonderbaren Be- 
gründung, daß man dann auch die Kanalinseln an Frankreich und Ei- 
braltar an Spanien abtketen müsse. Bierzehn Tage später, nachdem die 
Tauschbedingungen bekannt geworden waren, wurde die Abtretung von 
beiden Parlamenten angenommen. In der englischen Presse war man 
mit dem Abkommen überaus zufrieden und meinte, die Insel Helgoland 
sei von äußerst zweifelhaftem Werte und werde nur von Schmugglern 
Gros Reventlew. Oeuüchland= auswmöctige Volitik. 4
        <pb n="92" />
        50 1. Abschnitt. Bon Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
und Gefühlemenschen geschätzt, während die Insel Sansibar den Schlüssel 
in Ostafrika bilde. Zede Seemacht, welche diese Insel besitze, habe die 
Vorherrschaft an der ostafrikanischen Küste. 
Der Premierminister Lord Salisburpy führte aus, daß Helgoland, 
nachdem es im Kriege gegen Napoleon von Wichtigkeit für England ge- 
wesen sei, seit 1821 keine militärische Besatzung mehr habe. Der strate- 
gische und kommerzielle Wert der Insel sei für England geringfügig. Im 
Falle eines Krieges mit Deutschland würde dieses sofort eine Streitmacht 
nach Helgoland senden, bevor die englische Ersatzflotte angelangt sei. 
Zm Falle eines Krieges mit anderen Mächten müsse England bei Helgo- 
land eine Flotte stationieren und würde somit seine Kräfte zersplittern 
müssen. Die Abtretung der „sentimentalen Insel“ (sentimental island) 
entspreche den wahren Znteressen Englands, nachdem man jetzt einen 
befriedigenden Ersatz dafür ausfindig gemacht habe. 
Man kann diese Ausführungen vom militärischen Standpunkte nur 
mit Kopfschütteln betrachten und mit Erstaunen darüber, daß die bri- 
tische Admiralität sich die verschiedenen denkbaren politischen und mili- 
tärischen Möglichkeiten gar nicht durchdacht hatte. Man war offenbar 
einerseits geblendet durch die großen Zugeständnisse Deutschlands in 
Afrika, anderseits — und das war der springende Punkt — dachte man 
nicht entfernt daran, daß eine wirklich beachtenswerte deutsche Seemacht, 
eine Hochseeflotte in absehbarer Zeit entstehen könne. War eine solche 
aber nicht vorhanden und trotzdem Krieg mit Deutschland, so konnte es 
den britischen Interessen ziemlich gleichgültig sein, ob ein deutsches Helgo- 
land daläge, das die britischen Geschwader gar nicht zu beachten brauchten, 
sondern rechts und links passieren konnten, um die deutschen Häfen und 
Küsten direkt zu blockieren. 
Auf seiten Lord Salisburys ist der Gedanke an die Möglichkeit eines 
Krieges mit Deutschland überhaupt nur ein akademisches Gedankenspiel 
gewesen, und er war ohne Zweifel der Uberzeugung, welche er mit den 
Worten ausdrückt: „Wir haben ein Abkommen getroffen, das jede Gefahr 
der Uneinigkeit und des Streites zwischen uns beseitigt und auf lange 
Zeit hinaus die guten Beziehungen derjenigen befestigt, die infolge ihrer 
Sompathien füreinander, infolge ihrer Interessen und ihrer Abkunft 
immer gute Freunde sein werden.“ 
Man war also in England mit dem Handel an und für sich sehr zu- 
frieden, und das Wort Stanleys: man habe für einen Hosenknopf einen 
ganzen Anzug erhalten, drückte wohl die allgemeine Ansicht der britischen 
Diplomaten und Kolonialpolitiker aus. Dazu kam als zweites, sebr er- 
hebliches Moment die Beurteilung des Tauschgeschäftes im Rahmen der 
europäischen Lage: Der deutsch-russische Aeutralitätsrvertrag war gelöst
        <pb n="93" />
        Oer Helgoland- und Sansibarhandel. 51 
  
worden, Großbritannien sah sich von einem bedeutenden Teile seiner 
russischen Sorgen befreit und wußte, daß die deutsche Politik ebendes- 
halb bis auf weiteres auf Zusammengehen mit der britischen — ja auf 
ihr Kielwasser — in hohem Maße angewiesen war. Die britische Politik, 
die sich möglicherweise vorher in gefährlicher Weise isoliert fühlte, brauchte 
jetzt keine unvorteilhaften Kompromisse mehr mit Frankreich zu schließen 
oder an solche zu denken. Sie hatte eine sehr vorteilhafte europäische 
Basis durch Verbindung mit der größten festländischen Militärmacht ge- 
wonnen, anderseits diese auf dem europäischen Festlande aus ihrer be- 
herrschenden Stellung hinausgebracht, schließlich für einen lächerlich gering 
erscheinenden Preis die vorher eingeengte Stellung des britischen Reiches 
in Ostafrika frei gemacht und erweitert. 
Zn Deutschland war die Mißbilligung des deutsch-englischen Ab- 
kommens eine ganz allgemeine. Unter Führung der vom Fürsten Bis- 
marck inspirierten „Hamburger Nachrichten“, außerdem der deutschen 
Kolonialforscher und Kolonialpolitiker, wurde heftige Kritik geübt, deren 
sachliche Argumente bereits Erwähnung gefunden haben. Was allen 
diesen Kritiken fehlte, war eine auch nur annähernd richtige Einschätzung 
des gegenwärtigen und zukünftigen Wertes der Insel Helgoland. Es ist 
möglicherweise Absicht gewesen, daß man auf seiten der Regierung bzw. 
der Marineverwaltung unterließ, mit der nötigen Eindringlichkeit Auf- 
klärung zu schaffen. Nur vom damaligen Admiral Reinhold Werner liegt 
eine wohlwollende Beurteilung Helgolands vor, die aber auch nicht weiter 
in den Gegenstand eindrang, sondern an der Oberfläche blieb. 
Die Frage ist heute müßig, ob man Helgoland damals billiger hätte 
bekommen können. Oie Wahrscheinlichkeit läßt sich nicht abstreiten. Was 
wir aber heute wissen, während damals kein Mensch daran dachte, vielleicht 
außer dem Deutschen Kaiser, das ist die absolute, durch nichts ersetzbare 
Notwendigkeit, daß wir Helgoland haben mußten, wenn Oeutschland 
zur See etwas gelten sollte und wollte. Hier liegt der eigentliche Knoten, 
in welchem die Frage sich schürzt und aus dem sie auch nur gelöst werden 
kann. Eine starke deutsche Hochseemacht war aber ein Gedanke, der da- 
mals wohl nur im Kopfe des Deutschen Kaisers und einiger weniger 
Seeoffiziere bestand. Unter diesem Gesichtspunkte mußte sich die Frage 
des Tausches, der Tauschwerte und ihre nachherige Beurteilung ganz 
andere darstellen. Weiter ist zu beachten, daß möglicherweise keine Zeit 
zu verlieren war, wollte man Helgoland haben. Wir brauchen heute nach 
den Erfahrungen der letzten anderthalb Jahrzehnte nicht zu beweisen, 
daß keine britische Regierung an eine Abtretung der Insel, für welchen 
Preis auch immer, hätte denken können, sobald offenbar geworden war, 
daß die Pläne des Deutschen Kaisers tatkräftig und konsequent auf eine 
4
        <pb n="94" />
        52 1. Abschnitt. Bon Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
starke deutsche Flotte hinausgingen. Im Augenblicke wäre die Möglich- 
keit eines Erwerbs der Insel für das Deutsche Reich unwiederbringlich dahin 
gewesen und damit die Zukunft der deutschen Seemacht im Keime verkrüp- 
pelt worden. 
Am Ende der Amtsführung Caprivis. 
In die Beziehungen Oeutschlands zu England begannen sich einige 
leise Mißtöne einzuschleichen. Der deutsch-französische Kamerunvertrag 
hatte in England Unzufriedenheit erregt, weil durch ihn Frankreich bis 
an den Scharifluß herangekommen war. 
Im Winter 1893 war ein Abkommen mit England über die West- 
grenze des Hinterlandes von Kamerun geschlossen worden, die Frage der 
Ostgrenze blieb mit Frankreich zu regeln. Die französische Regierung 
hatte damals schon weitausschauende Pläne in Erwägung. Oer Ge- 
danke eines großen einheitlichen französischen Reiches in Afrika stand den 
Staatsmännern vor Augen. Mit Eifer, mit Geschicklichkeit und Energie 
nahm man die Frage in die Hand, während auf deutscher Seite wohl 
weniger Eifer vorhanden war, zumal aber große und feste Gesichtspunkte 
für die Richtung einer zukünftigen deutschen Expansion in Afrika fehlten. 
Wir brauchen uns nicht mehr in eine Kritik jenes Abkommens einzu- 
lassen, aber es kann kaum ein Zweifel obwalten, daß es heute in Deutsch- 
land eine Unmöglichkeit wäre, ein solches Abkommen einzugehen. Oie 
Pariser Presse war voll Triumph darüber und verzeichnete es als den 
„ersten Sieg über Deutschland“. Die Kehrseite aber war, wie gesagt, der 
Unwille Englands, denn gerade dasjenige Gebiet, welches man im deutsch- 
englischen Vertrage vom November 1893 Deutschland gelassen hatte, 
damit die Franzosen es nicht nähmen, wurde nun an Frankreich abge- 
treten. Zwischen Frankreich und England bahnten sich damals scharfe 
Gegensätze in Afrika an, und es konnte Frankreich nur erwünscht sein, 
bei dieser Gelegenheit das Deutsche Reich England gegenüber als Kulisse 
vorzuschieben. So betonte man im französischen Senat die Gemein- 
samkeit der deutsch-französischen Kolonialinteressen. 
Im selben Zahre vereinbarte England mit dem Kongostaate einen 
Vertragsentwurf, welcher den Engländern den Landstreifen zwischen dem 
Albert-Eduardsee und dem Tanganjikasee in Pacht gab. Es war dieses 
ein Akt der Rücksichtslosigkeit gegen Deutschland sowohl wie gegen Frank- 
reich, außerdem stand der Bertrag als solcher dem Kongovertrage von 
1884 entgegen, denn dieser verbot dem Kongostaate, auf eigene Hand 
Grenzänderungen vorzunehmen. Deutschland und Frankreich erhoben 
sofort Protest gegen jenen Pachtvertrag, welcher daraufhin denn auch 
aufgeboben wurde.
        <pb n="95" />
        Am Ende der Amtsführung Caprivis. 53 
  
Zm britischen Kabinette war gegen Ende des Jahres 1892 Lord 
Salisburp durch Gladstone ersetzt worden; Staatssekretär des Auswär- 
tigen war Lord Rosebery. Der Reichskanzler Caprivi hatte im Reichs- 
tage das Vertrauen ausgesprochen, diese neuen Männer würden ebenso 
eifrig die englisch-deutschen Beziehungen pflegen wie Lord Salisbury. 
Zener versuchte Kongovertrag Englands zeigte aber schon eine gewisse, 
nicht sehr freundschaftliche Hinterhältigkeit, und als 1894 Lord Rosebery 
Premierminister wurde, trat eine entschiedene Schwenkung nach Ruß- 
land hin bervor. Der Prinz von Wales reiste — wie die „Times“ sagten, 
als „Sonderbotschafter“ — nach St. Petersburg und wurde dort mit 
freundschaftlicher Spmpathie begrüßt. Die russisch-englischen Schwierig- 
keiten in Mittelasien wurden durch ein Abkommen zeitweilig beigelegt, 
und die englische Presse begann bereits mit Recht von einer Isolierung 
Oeutschlands zu sprechen. 
Im selben Zahre schickte die deutsche Regierung zwei Kriegeschiffe 
nach der Oelagoabai als Demonstration gegen indirekte englische Ein- 
mischung in portugiesische Streitigkeiten. Daraufhin schrieb die Trans- 
vaaler „Volks Stem“: „Bisher haben die Oeutschen uns gegenüber die 
Engländer immer frei schalten lassen; endlich scheint man in Berlin die 
Verkehrtheit dieser Politik eingesehen zu haben. Zm Namen des trans- 
vaalischen BVolkes bringen wir Deutschland unseren Dank.“ Oer südafrika- 
nische Knoten begann sich zu schürzen, und die ODelagoabai wurde von 
den Buren mit dem richtigen Instinkt der Besorgnis als der gefährliche 
Punkt erkannt. 
Am 1. November 1894 starb Zar Alexander. Kurz vorher war der 
Reichskanzler v. Caprivi zurückgetreten, nachdem er noch das Biemarcksche 
Verbot vom Jahre 1887, russische Werte zu beleihen, aufgehoben hatte. 
Die MaPnnahme wurde „als ein Akt hoher Gerechtigkeit“ in Rußland 
gepriesen, blieb aber naturgemäß ohne politischen Einfluß, während 
anderseits selbstverständlich war, daß eine solche Ausnahmebestimmung 
nicht für die Dauer berechnet sein konnte. Bismarck selbst hat nach seinem 
Rücktritte geäußert: es sei nur eine Gelegenhbeitsmaßnahme gewesen. 
In Frankreich wurde der Präsident Carnot ermordet, und als Minister 
des Auswärtigen begann der geschickte Gabriel Hanotaux eine eifrige 
und erfolgreiche Tätigkeit. Hanotaux trieb eine Politik, die ihren Me- 
thoden nach beweglich und vorurteilsfrei war, auch im politischen Ver- 
kehr mit Mächten, zu denen Frankreich in nicht guten Beziehungen stand, 
zumal mit dem Deutschen Reiche und Großbritannien. 
Der Schluß der Caprivischen Amtezeit zeigt das Deutsche Reich im 
Zustande einer tastenden politischen Orientierung nach Auflösung der 
von Biemarck geschaffenen Konstellation. Deutschlands beide großen fest-
        <pb n="96" />
        54 1. Abschnitt. VBon Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
ländischen Grenznachbarn hatten sich die Hände gereicht und waren fest 
miteinander verbunden. Die deutsch-russischen Beziehungen waren lose 
und kühl, ohne gegenseitiges Bertrauen, während das vor zwei Jahren 
noch so enge Verhältnis mit Großbritannien sich zu lösen fortfuhr und 
schon unklar geworden war. Koloniale Fragen begannen die Orientie- 
rung der Großmächte stark zu beeinflussen. Deutschland beteiligte sich 
nicht mit Geschick an ihnen, soweit Grenzregelungen in Frage kamen. 
Dagegen scheint jene Entsendung der beiden deutschen Kreuzer nach der 
Oelagoabucht aus einem, wenn nicht zielbewußten, so doch von einem 
bestimmten Gesichtspunkte ausgehenden politischen Gedanken des Frei- 
herrn v. Marschall veranlaßt worden zu sein: dem eines erheblichen 
deutschen Interesses an der Selbständigkeit und Unabhängigkeit der süd- 
afrikanischen Burenrepubliken. Es war das die einzige Jußerung einer 
weitergreifenden Politik des Deutschen Reiches, eines ersten Anfanges. 
Der Dreibund stand unerschüttert da, aber in Ztalien war der Streit 
der Meinungen heißer denn je. Das Land litt wirtschaftlich stark. Viele 
Politiker behaupteten, daß das Deutsche Reich seinem südlichen Bundes- 
genossen nicht mehr so bereitwillig und energisch Rückenstärkung gäbe, 
wie zu Bismarcke Zeiten. Der Oreibund erdrücke dagegen durch seine 
ungeheuren Militärlasten das italienische Volk wirtschaftlich. Eine starke 
— Fgleichzeitig frankreichfreundliche — Opposition gegen Monarchie und 
Heer machte sich bemerklich. Crispi, 1894 wieder Ministerpräsident, trat 
mit Energie für das Heer ein und rief den IZtalienern zu: „Nur die Mon- 
archie bezeichnet die Einheit und die Zukunft des Baterlandes.“ Trotz des 
Zwischenfalles von Llgues-Mortes, als in Italien die gerechte Entrüstung 
gegen Frankreich wieder einen Gipfel erreichte, war während der Jahre 
1891 bis 1894 ein Vachsen der Stimmung für Frankreich unverkennbar: 
nicht gerade bewußt auf Kosten des Oreibundes, aber es herrschte doch 
die Anschauung, daß nach Aufbhören des Zollkrieges und Platzgreifen 
einer versöhnlicheren Stimmung zwischen den beiden Mächten die wirt- 
schaftlichen Nöte des Landes sich mindern würden. Unterstützt wurde 
diese Stimmung durch das Mißfallen am italienisch-deutschen Handels- 
vertrage. Crispi, als Bertreter der Opposition im Parlamente, tadelte 
sogar (1892), daß man den ODreibundvertrag vor dem Abschluß des neuen 
Handelsvertrages erneuert und so ein Oruckmittel im Sinne des letzteren 
ohne Not aus der Hand gegeben habe. 
Die internationalen Kolumbusfeste 1892 in Genua vollends waren 
ein bedeutungsvolles Syomptom von dem Umschwunge der italienischen 
Stimmung Frankreich gegenüber. Kriegeschiffe aller europäischen Na- 
tionen lagen auf der Reede von Genua versammelt, freilich nur ein ein- 
ziger deutscher Kreuzer bezeichnete als ein von der französischen Presse
        <pb n="97" />
        Am Ende der Amtsfuhrung Caprlvis. 55 
  
verspottetes Symbol die Ohnmacht des Deutsches Reiches zur See. Der 
Chef des französischen Geschwaders aber, Admiral Rieunier, überbrachte 
dem König von Ztalien einen Brief des Präsidenten Carnot, und der König 
antwortete: dieser Brief sei der Beweis einer Freundschaft, „die uns 
teuer ist und die unseren Gefühlen lebhaftester Sympathie für Frank- 
reich entspricht !|7 — 
Trotz der Herzlichkeit der wiederholten deutsch-italienischen Monarchen- 
besuche, trotz der unbezweifelbaren Aufrichtigkeit dieser Kundgebungen, 
zeigten jene Symptome eben durch die Ständigkeit ihrer Wiederholung, 
daß — vom Könige bis zu den Abgeordneten der Opposition im Parla-- 
mente und bis zu den politisch zielbewußten Verherrlichern lateinischer 
Rassengemeinschaft und italienischer Dankpflichten gegen Frankreich — 
das nach der französischen Seite hin drängende Moment stärker wurde. 
Ende des Jahres 1893 erhoben sich sogar Stimmen für ein enges Zu- 
sammengeben mit Rußland und Frankreich. Oen leitenden Persönlich- 
keiten und dem Könige lag zwar eine Trennung vom Oreibunde fern, 
aber näher rückte der Gedanke: außerhalb des genau und knapp ver- 
standenen Rahmens dieses Vertrages eine unabhängige Politik zu machen. 
Das Ansehen Frankreichs wuchs, seine Macht indirekt und direkt auch, 
und diesen Tatsachen proportional naturgemäß auch das Schutzbedürfnis 
Italiens im Mittelländischen Meere. Der Schutz Englands war ihm 
seinerzeit für die Erhaltung des Status quo im Mittelländischen Meere 
zugesagt worden, aber die Hauptgarantie für diesen Schutz hatte man 
neben dem Interesse Großbritanniens am Mittelländischen Meere auch 
in dessen wohlverstandenem Interesse erblickt, mit Bismarck, bzw. dem 
Oeutschen Reiche, konform zu geben. Jetzt war Bismarck nicht mehr da, 
das deutsch-russische Bertragsband war gelöst, und in demselben Augen- 
blicke riß auch das Band, an dem Biemarck durch den deutsch-russischen 
Vertrag die englische Politik bis zu einem gewissen Grade gehalten hatte. 
Oie Tatsache, daß Bismarck die komplizierte Situation beherrscht hatte, 
und daß die Italiener an sich wiederholt die Bestätigung erfahren hatten: 
wenn er etwas sagt, so tut er es und kann es auch — hatte ihnen das Ge- 
fübl der Sicherheit gegeben. A#icht zum wenigsten durch jene ungeheure 
Autorität und die Eigenschaft, welche Crispi an Bismarck hervorbob: 
„er weiß immer genau, was er will“, war es überhaupt möglich gewesen, 
alle Fliehkräfte in seinem Systeme zusammenzuhalten. Seitdem hatte 
sich die Lage gründlich verändert, die deutsche Politik flößte gerade dem 
immer mißtrauischen Ztaliener nicht mehr das Bertrauen ein wie früher. 
Als dann gegen Ende der Caprivischen Amtszeit auch Schwierigkeiten 
zwischen Deutschland und England eintraten, ohne daß auf der anderen 
Seite das deutsch-russische Verhältnis sich wesentlich gebessert hätte, ale
        <pb n="98" />
        56 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
ferner Italien sich wirtschaftlich in dauernd ungünstiger Lage befand, 
da kam jene auf Annäherung an Frankreich strebende Stimmung immer 
stärker zum Vorschein. 
Bier Fahre sind zur Beurteilung der Tätigkeit eines leitenden Staats- 
mannes nicht immer ausreichend. Daß der Reichskanzler v. Capriovi sich 
alo Nachfolger eines Bismarck unter allen Umständen in einer üblen 
Lage befand, braucht nicht betont zu werden. Ebensowenig kann man 
den Standpunkt als unrichtig bezeichnen, daß ein europäisches Sostem, 
wie Bismarck es eine Reihe von Jahren zu meistern vermocht hatte, über 
die Kräfte eines durchschnittlichen Staatsmannes binausging, also in 
seiner Bollständigkeit auf die Dauer nicht erhalten und beherrscht werden 
konnte. Was man Caprivi vorgeworfen hat und auch heute noch als einen 
unbegreiflichen Fehler ansehen muß: das war die Plötzlichkeit seiner Abkehr 
von Rußland und die gewollte oder ungewollte Bedingungelosigkeit, mit 
der er sich England näherte und sich dort in die Arme einer im Grunde 
feindlich gerichteten, kühlen und scharfsichtigen Staatskunst hineinwarf. 
„Hals über Kopf“, so hat damals Bismarck diese Politik bezeichnet, und es 
ist auch jetzt nach mehr als zwanzig Zahren kaum möglich, sie anders zu 
charakterisieren. Die Kolonialpolitik Caprivis, wenn man überhaupt von 
einer solchen sprechen will, ging praktisch im wesentlichen darauf hbinaus, 
alles, was er für augenblicklich überflüssig hielt, von vornherein als Tausch- 
objekt zu betrachten und nach dem Grundsatze: ich habe es selbst billig 
bekommen, Wert lege ich nicht darauf, ich gebe es billig fort! — zu ver- 
handeln. 
Wenn oft gesagt worden ist, man habe von Capriri keine kolonialen 
Kenntnisse verlangen können, solche seien damals in Deutschland über- 
haupt sehr selten gewesen, so ändert das doch nichts daran, daß sein Ver- 
fahren der politischen Geschäftstaktik widersprach. Biomarck verstand 
sicher wenig von Kolonien im fachmännischen Sinne, aber er verstand, 
Zukunftsaussichten abzuschätzen, vor allem auch zu erkennen, was fremden 
Konkurrenten an unserem Besitze wertvoll erschien. Dementsprechend 
bemaß Bismarck den Wert politisch. 
Caprivi war während einer Reihe von Zahren Chbef der Admiralität 
gewesen und hatte in der jungen und kleinen deutschen Marine organi- 
satorisch und auf dem personalen Gebiete Großes und Gutes geleistet. 
Aber auch bier finden wir einen Mangel an Gesamtüberblick, vor allem 
einen Mangel an Perspektive. Er befand sich auf dem Standpunkte: viel 
Geld wird für die Marine niemals flüssig sein, sie wird immer klein bleiben. 
Kleine Marinen müssen sich auf die unmittelbare Küstenverteidigung 
beschränken. Das gilt also auch für die des Deutschen Reiches! — Es 
scheint darin ein gewisser Wesenszug des Caprivischen Charakters zu liegen:
        <pb n="99" />
        O□D 
Die Lage zur See. 
  
eine freiwillige Einschränkung des eigenen inneren Tätigkeitsgebietes. 
Caprivi wies der Marine mit vollem Bewußtsein die Rolle der Küstenver- 
teidigung zu und beschränkte sie auf diese. Seine damaligen Baupro- 
gramme, seine Außerungen und Oenkschriften legen dafür Zeugnis ab. 
Und es ist bemerkenswert, daß er gerade in diesem Punkte von seinem 
Vorgänger in der Admiralität, dem General v. Stosch, durchaus abwich. 
Diesem hochverdienten Manne hatte, wenn auch als Zukunftsbild, vorge- 
schwebt, daß der Schwerpunkt der Tätigkeit der deutschen Flotte auf der 
hohen See zu liegen habe und dementsprechend auch das Schiffsmaterial 
für die Verwendung auf hoher See zu bauen sei. 
In seiner Wirtschaftspolitik verfolgte der Reichskanzler v. Caprivi 
die Grundsätze des Freihandels, soweit ihm das angesichts der deutschen 
Verhältnisse durchsetzbar war. Er machte sich das — unzutreffende — 
französische Wort zu eigen: Das neue Deutschland müsse entweder Waren 
ausführen oder Menschen. Trotzdem kam ihm aber der Gedanke nicht, 
daß eine so ausschließlich auf überseeischen Exporthandel gestellte Wirt- 
schaftspolitik mehr als jede andere einer sehr starken Kriegsflotte bedürfe, 
daß ein paar hundert kleine Torpedoboote an den Küsten und ein Dutzend 
kleiner Kreuzer auf den Ozeanen nicht annähernd genügen konnten. 
Man steht bier vor einem merkwürdigen Widerspruche. Bielleicht hat 
Caprivi tatsächlich die Auffassung und den Wunsch gehabt, durch eine 
enge Verbindung mit England werde die britische Hochseeflotte gewisser- 
maßen selbsttätig als Surrogat für die fehlende deutsche eintreten und 
dem deutschen Handel den nötigen Schutz leihen. 
Die Lage zur See. 
Die Behauptung ist nicht übertrieben, daß Kaiser Wilhelm II. mit 
dem festen VBorsatze den Thron bestiegen hat, dem Deutschen Reiche eine 
große Flotte zu schaffen. 
Caprivi wurde als Chef der Admiralität sofort durch einen See- 
offizier ersetzt und übernahm ein Armeekorpes, bis er, im Frühjahr 1890, 
auf den Kanzlerposten berufen wurde. Das erste, was der neue Chef, 
Bizeadmiral Graf Monts, und zwar auf Befehl des Kaisers, tat, war das 
Einbringen der Forderung vier großer Hochseeschlachtschiffe. Sie bedeutete 
Abkehr vom Küstenverteidigungsgedanken Caprivis, den ersten Schritt 
zum Gedanken einer deutschen Hochseeflotte. Ihre weitere Entwicklung 
auf diesem Wege wurde durch die Verhältnisse im Reichstage, durch das 
in Oeutschland noch allgemein mangelnde Berständnis für die neuen 
Ziele und durch eine nicht immer geschickte amtliche Bertretung um mehr 
als ein halbes Jahrzebnt verzögert.
        <pb n="100" />
        58 I. Abschnitt. Von Rußland zu Großdritannien. 1887—1894. 
  
Kaiser Wilhelm II. konnte sich 1888 und 1890 über die endgültige 
Gestalt und Stärke der deutschen Flotte noch nicht klar sein. Dazu lag 
alles noch viel zu sehr im Dunkeln, bestanden doch auch zu große Meinungs- 
verschiedenheiten in Fachkreisen. Eine Hochseeflotte sollte jedenfalls ge- 
schaffen werden als Kern der heimischen Streitkräfte, daneben zur Küsten- 
verteidigung entsprechende Mengen von kleinen Fahrzeugen, Torpedo- 
booten usw., und für den Schutz des überseeischen Handels an Ort und 
Stelle eine größere Anzahl von Kreuzern. So waren die ersten Pläne 
des Kaisers in Ubereinstimmung mit den damals in leitenden Stellungen 
befindlichen Seeoffizieren. In Großbritannien waren diese Pläne nicht 
unbekannt; schon beim Regierungsantritte Kaiser Wilhelms erging sich 
die englische Presse in langen Ausführungen darüber. Oie führenden 
Männer in Großbritannien empfanden aber keine Beunruhigung, ja nicht 
einmal Mißfallen. Sie kannten die gänzliche Bedeutungslosigkeit der 
deutschen Marine, sie wußten, wie deren Einrichtungen auf allen Gebieten 
in den Anfängen staken, sie wußten vor allem, ein wie ungeheuer schwie- 
riges, langwieriges und kostspieliges Werk es ist, eine leistungsfähige gute 
Kriegsflotte zu schaffen und zu erhalten, wieviel Erfahrung, Weitblick, 
Konsequenz und Hilfsmittel dazu notwendig sind. 
Eine deutsche Flotte war nicht vorhanden, und zeitlich stand es in 
unbestimmbarer Ferne, wie und wann sich die kaiserlichen Pläne ver- 
wirklichen könnten. Während jener Periode der flottenlosen Zeit aber 
lag der politische Gedanke nahe genug, bei eintretenden Gelegenheiten 
mit einer Verwertung des deutsch-englischen Freundschaftsverhältnisses 
gerade zur See rechnen zu können. Es hatte etwas Symbolisches an sich, 
als im Jahre 1890 die englische Mittelmeerflotte — ihr Flaggschiff führte 
den beute so berühmten Namen „Dreadnought“ — zusammen mit dem 
deutschen Geschwader aus dem Piräus auslief, unter Führung der „Hohen- 
zollern“, auf der die deutsche Kaiserstandarte wehte. Der Deutsche Kaiser, 
als englischer „Admiral der Flotte“, ließ die vereinten deutschen und 
englischen Geschwader nach seinen Signalen eine Zeitlang manörrieren; 
ein einzigartiges Schauspiel! Es hat sich seitdem nicht wiederholt. Wollte 
Oeutschland in jenen ersten Jahren eine Politik überseeischer und kolo- 
nialer Expansion, so war die Zustimmung Englands notwendig, und 
um so mehr, wenn man sich auf die englische Flotte stützen zu müssen 
glaubte. 
Wir baben gesehen, wie in dem deutsch-englischen Kamerunvertrage 
Deutschland den Engländern gewissermaßen als Puffer gegen Frank- 
reichs Expansion in Afrika dienen sollte, und wie kurz nachher daeselbe 
befreundete England rücksichtslos über vertragliche Verpflichtungen hin- 
wegzugehen versuchte und bereit war, den deutschen Interessen schweren
        <pb n="101" />
        Die Lage zur See. 59 
  
Schaden zuzufügen. Oeutschland und Frankreich protestierten mit Er- 
folg; das englische Borhaben war auch zu wenig vorbereitet, um sich 
durchzusetzen. 
Von dem Augenblicke an aber, wo die deutsche Politik gewagt hatte, 
in kolonialen, überseeischen Dingen selbständig etwas zu wollen und zu 
tun, was den englischen Staatsmännern nicht gefiel, da trat ungesäumt 
der Mißton in die deutsch-englischen Beziehungen hinein. Diese an und 
für sich geringfügigen, jedenfalls nicht bedeutenden Ereignisse liefern die 
Probe auf das Exempel: wie die britische Politik Deutschland gegenüber 
nach dem Rücktritte Bismarcks und dem Alblaufe des deutsch-russischen 
Neutralitätsvertrages orientiert war. In dem Vertrage von 1890 hatte 
man England nicht zum wenigsten deshalb so großes Entgegenkommen in 
Afrika bewiesen, weil, wie Fürst Hohenlohe schreibt, man der kolonialen 
Politik Großbritanniens unter Bismarck „zu sehr auf die Hühneraugen 
getreten“ habe. Zetzt, in den Zahren 1893 und 1894, kam das Umgekehrte 
zur Geltung, und da stand dem Deutschen Reiche — auch abgesehen vom 
deutsch-russischen Bertrage — kein Gegenmittel mehr zur Verfügung. 
Eine Flotte besaß es nicht. 
Vorhanden waren reichlich hundert gute Torpedoboote, außerdem 
eine Sammlung teils veralteter, teils in der Anlage verfehlter Panzer--- 
schiffe. Unter Caprivi war kein einziges Hochseeschlachtschiff auf Stapel 
gelegt worden. Denken wir jetzt, wo sich die Verhältnisse für die Flotte 
günstiger entwickelt haben, als man voraussehen konnte, an jenen Zu- 
stand zurück, so ist es vielleicht ein Borteil gewesen, daß die Dinge schein- 
bar hoffnungslos standen, denn Helgoland wäre sonst den Engländern 
sicherlich nicht feil gewesen. Für die Beurteilung der damaligen Politik 
jedoch kann das naturgemäß nicht in Betracht kommen. 
Die Schwierigkeit, welche bei dem Stande der maritimen Berhältnisse 
für jeden Nachfolger Bismarcks sich erhob im Augenblicke, wo überseeische 
Fragen in Betracht kamen, liegt ohne weiteres auf der Hand. Solange 
es sich in überseeischen Angelegenheiten um Schwierigkeiten und Rei- 
bereien mit Mächten des europäischen Festlandes handelte, blieb der 
Schwerpunkt der Streitfrage an sich, besonders ihre Entscheidung im 
äußersten Falle, auf dem Festlande, sobald es sich aber um Mächte han- 
delte, die, wie Biômarck nach seiner Verabschiedung sagte, „wir zu Lande 
nicht langen können“, dann lag die Sache ganz anders. Es bestand nur 
die Möglichkeit, durch Bündnisse oder Einverständnisse ad hoc indirekt 
auf die zu Lande uns nicht erreichbare Macht zu wirken. Das konnte 
Deutschland vorher mit geschickter Benutzung des gespannten englisch-- 
russischen Berhältnisses unter Umständen erreichen. Nach 1890 war da- 
von nicht mehr die Rede. Wenn also um die Jahre 1895 und 1894 eng-
        <pb n="102" />
        60 1. Abschnitt. Bon Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
lische Zeitungen vom „isolierten Deutschland“ sprachen, so war das in 
gewisser Beziehung und gerade vom britischen Standpunkte gesehen, 
nicht unrichtig: der Dreibund war über die Küstenlinien Europas hinaus 
nicht wirksam. Wollte und mußte aber eine der Dreibundmächte In- 
teressen auf dem Meere und über dem Meere vertreten und verteidigen, 
ohne es mit eigenen Mitteln zu können, so blieb ihr nur übrig, Verbin- 
dungen mit anderen Mächten zu suchen. Eine solche war bis 1890 für 
Deutschland der russische Vertrag. Man kann nun gewiß hier wieder 
fragen, ob selbst Bismarck sein System der Bersicherungen und Rück- 
versicherungen auch in der überseeischen Politik und gegen England auf 
die Dauer Hätte durchführen können. Das vermag niemand zu sagen, 
wir können nur mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß es immer 
schwieriger geworden wäre. Bismarck hatte mit seiner Wirtschaftspolitik 
einerseits, seiner Kolonialpolitik anderseitao den Grund zum größeren 
Deutschland und damit zur Weltpolitik gelegt. Eine deutsche Flotte mußte 
schon aus diesen Gründen notwendig werden. Bieomarck hat in seinen 
letzten Lebensjahren sich gelegentlich auch über dieses Gebiet geäußert 
und sich mehrere Male übereinstimmend dahin ausgesprochen, das Deutsche 
Reich müsse eine so starke Flotte haben, daß Seemächte zweiten Nanges 
ihm die See nicht verbieten könnten. Das war ein offenes Bekenntnis 
zum Prinzipe des Hochseekrieges, ging also weit über das hinaus, was 
Caprivi von der deutschen Flotte verlangte und wollte. 
Der Wunsch und Wille des Deutschen Kaisers, dem Deutschen Reiche 
zu einer starken Flotte zu verhelfen, beruhte auf einem eminent poli- 
tischen Gedanken. Er stand, wie man damals vielleicht weniger, heute 
aber vollkommen klar übersehen kann, in geradem Widerspruche zur Poli- 
tik, ja, zur ganzen staatsmännischen Anschauung des zweiten Kanzlers. 
Oaß der Deutsche Kaiser — wie gesagt, von ganz anderen Gesichts- 
punkten als sein Kanzler ausgehend — gedacht hat, man müsse, bis Deutsch-- 
land eine starke Flotte habe, versuchen, mit England in guten Beziehun- 
gen zu bleiben und deshalb auch gelegentliche Zugeständnisse machen, 
liegt nicht fern und war, innerhalb gewisser Grenzen, politisch selbst- 
verständlich. 
Die Gedanken, welche ihm vorschwebten und ihn leiteten, hat der 
Kaiser am 18. Zanuar 1896 — gelegentlich der Feier des fünfundzwanzig- 
jährigen Bestehens des Deutschen Reiches — kurz und programmatisch 
zusammengefaßt mit den Worten: „Aus dem Oeutschen Reich ist ein 
Weltreich geworden. AUberall in fernen Teilen der Erde wohnen Tau- 
sende unserer Landsleute. Deutsche Güter, deutsches Wissen, deutsche 
Betriebsamkeit gehen über den Ozean. Nach Tausenden von Millionen 
beziffern sich die Werte, die Deutschland auf der See fahren hat. An
        <pb n="103" />
        Die Lage zur See. 61 
  
Sie, meine Herren, tritt die ernste Pflicht heran, mir zu helfen, dieses 
größere deutsche Reich auch fest an unser beimisches zu gliedern.“ 
Diese „Angliederung“, von welcher der Kaiser spricht, war nur denk- 
bar durch eine Weltpolitik, und eine solche nur möglich, wenn eine ge- 
nügend starke Flotte zur Berfügung stand. Oas Kaiserliche Progranm 
lag anderseits in der geraden Entwicklungslinie des ODeutschen Reiches. 
Es mußte einmal aufgestellt und durchgeführt werden. 
Bismarck hatte gesagt: „Bis zum Jahre 1866 trieben wir preußisch- 
deutsche, bis 1870 deutsch-europäische Politik, seitdem Weltpolitik. — 
Bei der Berechnung der zukünftigen Ereignisse müssen wir auch die Ber- 
einigten Staaten ins Auge fassen, die sich zu einer jetzt von den meisten 
noch ungeahnten Gefahr auf wirtschaftlichem Gebiete entwickeln werden. 
Das eine wird sich in Zukunft vom anderen nicht trennen lassen. Der 
Krieg der Zukunft ist der wirtschaftliche Krieg, der Kampf ums Dasein 
im großen. Mögen meine Nachfolger dies immer im Auge behalten und 
dafür sorgen, daß, wenn dieser Kampf kommt, wir gerüstet sind.“ Und 
ein anderes Mal sagte der große Kanzler: „Die Pflege eines starken und 
stolzen Nationalgefühles ist unsere heilige Pflicht, und zumal die Deut- 
schen im Auslande können und sollen stets wissen, daß 50 Millionen Deutsche 
bereitstehen, deutsche Ehre und deutsche Interessen zu vertreten.“ Und 
wiederum sagte er im Jahre 1885, daß die Steigerung der Bewilligungen 
für die Flotte aus einer sehr erfreulichen Ursache herrührte, „nämlich 
weil der deutsche Handel in die Weite und Breite sich mehrt und also eines 
größeren Schutzes bedarf. Daß wir so viel Schiffe in den asiatischen 
Gewässern und so viele Interessen an der Ost- und Westküste von Afrika 
zu schützen haben würden, haben wir früher nicht geglaubt. Aber nun 
dieses erfreuliche Ergebnis, daß ein größerer Seehandel eines größeren 
Schutzes durch die Flotte bedarf, nun wiederum auf das Konto unserer 
neuesten Vorlage zu setzen, das ist doch auch nicht gerecht.“ — 
Kaiser Wilhelm hat mit seinem Programm die Bismarcksche Politik 
in zeitgemäßer Form und Art fortgesetzt. Daß jenes sein Bekenntnis am 
18. Januar 1896 keine Augenblickseingebung war, sondern seit seiner 
Thronbesteigung ihm fest vor Augen stand, ist längst eine allgemein an- 
erkannte Wahrheit. Die Periode Caprivi war allerdings nicht geeignet ge- 
wesen, die Verhältnisse den kaiserlichen Zielen näherzuführen. 
Versuchen wir aber, uns diese Periode fortzudenken, so wäre doch 
der Mangel einer deutschen Flotte auch politisch in vollem Umfange 
negativ wirksam geblieben. Die Lücke konnte nur allmählich und nur 
durch eigene Kraft überwunden werden. Die fremde Kraft der englischen 
Flotte nach dem Ergänzungsprinzipe zu benutzen, war ein in der Wurzel 
ungesunder Gedanke. Er erinnerte an jenen Zustand, als vor der Grün-
        <pb n="104" />
        62 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannien. 1887—1894. 
  
dung des neuen Oeutschen Reiches der deutsche Seehandel der Hansa- 
städte sich als unter englischem Schutze stehend betrachtete und betrachten 
mußte. Man war gezwungen, „mit dem Hute in der Hand“, wie Bis- 
marck während der Dampfersubventionsdebatten sagte, „bei Fremden 
bettelnd sich durchzuschlagen“. Anders konnte es auch mit jener deutsch- 
englischen Freundschaft nach 1890 nicht werden. Das war ein Verhältnis, 
dem die Grundlage der Gleichberechtigung fehlte: Macht auf beiden 
Seiten. Die Seemacht befand sich nur auf der englischen Seite. In- 
folgedessen verlangte die britische Politik vom Oeutschen Reiche Ge- 
folgschaft überall da, wo die deutsche Macht nicht binreichte, wo die Groß- 
britanniens aber herrschte. 
Nach der Rede des Kaisers vom 18. Januar 1896 schrieben die „Times“: 
„Die Proklamierung eines anderen Oeutschen Reiches der Zukunft muß 
unbedingt uns einige ernste und verfängliche Fragen nahelegen: In 
welchen bisher herrenlosen Gebieten soll es zustande gebracht, oder wie 
und wem soll es durch Eroberung entrissen werden? Von wem soll es be- 
völkert werden?“ Also Unverständnis und Anspielung auf die Macht- 
losigkeit des Deutschen Reiches zur See. Man wußte in England nur 
zu gut, daß eine kraftvolle überseeische Politik sich ohne eine starke Flotte 
nicht treiben läßt. In Deutschland aber sagte Herr Eugen Richter: es 
gäbe zwei Klassen von Flottenenthusiasten: nämlich ehrliche Kolonial- 
schwärmer und Intriganten! — So gingen der Argwohn des Auslandes 
und die Verständnislosigkeit der öffentlichen Meinung im Deutschen 
Reiche Hand in Hand. 
Als Kaiser Wilhelm zur Regierung kam, stand, dem Tonnengehalte 
nach, die deutsche Flotte an fünfter Stelle unter den Kriegsflotten der 
Welt. Weitaus an erster stand die britische, ungefähr zwei Orittel ihres 
Tonnengehaltes zählte die französische Flotte, auf zwei Fünftel der fran- 
zösischen bezifferten sich die Tonnengehalte der italienischen und der 
russischen Flotte. Dann erst kam die deutsche Flotte. Qualitativ schnitt 
die deutsche Flotte noch ungünstiger ab. 
Das Zahr 1888 bildete gleichwohl für die Flotte Großbritanniens 
einen Zeitpunkt des Tiefstandes. Im selben Zahre setzte eine vom der- 
zeitigen Kapitän zur See und Parlamentemitglied, Lord Beresford, 
geführte Agitation ein, welche auf die dringende Notwendigkeit hinwies, 
die Flotte stark und schnell zu vermehren. Eine für damalige Zeit bei- 
spiellos umfangreiche Flottenvorlage wurde eingebracht, nämlich die 
Fertigstellung der folgenden Schiffe innerhalb eines Zeitraumes von 
vier Zahren: 8 Schlachtschiffe erster, 2 Schlachtschiffe zweiter Klasse, 
9 Kreuzer erster Klasse, 33 kleinere Kreuzer und 18 Torpedoboote. Der 
Erste Lord der Admiralität, Lord Hamilton, begründete die Vorlage da-
        <pb n="105" />
        Oie Lage zur See. 63 
  
mit, daß Englands Ubermacht zur See unbedingt gewahrt werden müsse. 
Deshalb müsse erreicht werden, daß die britische Flotte den vereinigten 
Flotten zweier anderer Seemächte überlegen sei. In jenem Jahre 1888 
wurde, zum ersten Male amtlich, jener vielerörterte Zweimächtemaßstab 
aufgestellt. Er bezog sich auf Frankreich und Rußland. Das Baupro- 
gramm wurde pünktlich zu allgemeiner Bewunderung durchgeführt. In 
der ersten Hälfte der neunziger Jahre stand die britische Flotte, absolut 
und vergleichsweise, auf der Höhe aller damals denkbaren Aufgaben. Es 
war die Zeit des engsten Einvernehmens mit dem Dreibunde, die Zeit, 
wo mündliche Abmachungen dahin bestanden, daß die englische Flotte 
bei Ausbruch eines Krieges den Status quo im Mittelländischen Meere 
gegen Frankreich wahren werde. Der Schwerpunkt der britischen Flotte 
lag tatsächlich im Mittelländischen Meere, während das Kanalgeschwader 
die britische Front nach der Atlantischen Küste Frankreichs darstellte. 
Eine große Menge von Kreuzern war auf die ausländischen Stationen 
verteilt. Die verhältnismäßige Anzahl der im Oienst befindlichen Schiffe 
und Verbände war erheblich geringer als in unseren Tagen. Die Fähig- 
keit der britischen Flotte, die Meere zu beherrschen, einerlei, welche Mächte-- 
kombination ihr Gegner sein würde, stand außer Frage. 
Zn Frankreich war das maritime Interesse im wesentlichen auf das 
Mittelländische Meer gerichtet. In den Kammerverhandlungen des Jahres 
1893 wurde auedrücklich festgestellt, daß Frankreichs Mittelmeergeschwader 
stärker sei als die italienische Flotte, während das atlantische Geschwader 
der deutschen Flotte gewachsen sei. Tatsächlich machten sich schon um 
die Mitte der neunziger Jahre Zeichen des Rückganges und des Ver- 
falles in der französischen Flotte bemerklich. Sachverständige Fran- 
zosen legten ihr in jenem Jahre nur ein Drittel des Wertes der englischen 
bei. Auch stellte man fest, daß die Eröffnung des deutschen Kaiser-Wil- 
helm-Kanales höhere Anforderungen an die atlantischen Streitkräfte 
Frankreichs stelle als bisher. Der stete Wechsel der Marineminister, die 
Verschiedenheit ihrer Anschauungen, die inneren Wirren und Unruhen, 
die das Land durchtobten, schließlich die Bereinigung der Anstrengungen 
auf die Armee, das alles bewirkte, daß der Wert der französischen Flotte 
mehr und mehr zurückging; zunächst freilich nur wenigen bemerklich. 
Ztalien hatte seit den achtziger Jahren mit ungeheurer Anstrengung 
versucht, eine starke Flotte zu schaffen. Der Weitblick seiner Staats- 
männer, an der Spitze Crispi, hatte die Wahrheit erfaßt, daß Italien eine 
selbständige Mittelmeerpolitik lediglich auf der Basis einer starken Flotte 
treiben könne. Es konnte Ztalien nicht in den Sinn kommen, auf eine 
Flotte von der Größe der französischen hinzuarbeiten. Was man wollte, 
war eine Flotte, die bei verhältnismäßig geringem Umfange das beste
        <pb n="106" />
        64 1. Abschnitt. Von Rußland zu Großbritannten. 1887—1894. 
Schiffsmaterial aufwies. Geniale Konstrukteure bauten jene damals 
vielbewunderten Schiffe von bisher nie dagewesener Größe und Schnellig- 
keit. Der marinepolitische Gedanke dabei war: daß die langgestreckten 
Küsten der italienischen Halbinsel ein gewisses Maß von Schutz — bei 
der Beschränktheit der für Flottenbauten zur Verfügung stehenden Mittel 
— nur durch eine Anzahl schneller und mächtiger Schiffe erbalten könnten, 
die bald hier, bald dort überraschend aufträten und sich vermöge über- 
legener Geschwindigkeit zu starken, feindlichen Schiffsverbänden ent- 
ziehen könnten. Es war gelungen, die Flotte Italiens an die dritte Stelle 
unter den Mächten zu bringen und ihr hohe Achtung zu verschaffen. Selbst 
wenn man in den Folgejahren auf dieser Bahn ohne Unterbrechung und 
Abschweifung hätte weiterschreiten können, so wäre an eine Emanzi- 
pation Italiens von der Notwendigkeit englischen Flottenschutzes doch 
nicht zu denken gewesen. Nach dem kolonial-politischen Zusammenbruche 
Mitte der neunziger Jahre trat auch für die Flotte ein verhängnisvoller 
Rückschlag ein. 
In einer noch weit weniger günstigen Lage befand sich die Marine 
unseres österreichisch-ungarischen Bundesgenossen. Das einzige Gute, 
was sie aufwies, war ein vorzügliches Offizierkorps. Um das Schiffs- 
material aber stand es sehr wenig gut, in einem Kriege hätte die öster- 
reichisch- ungarische Flotte sich auf die strikte Küstenverteidigung be- 
schränken müssen. 
Ob die Flotte des Russischen Reiches in jener Zeit ein wirksamer 
Bundesgenosse der französischen gewesen wäre, kann man bezweifeln. 
An Schiffszabl übertraf, wie gesagt, die russische Marine die deutsche 
um ein nicht unbeträchtliches Maß; mit der Schlagfertigkeit aber stand 
es ebenso mangelhaft wie mit dem Geschwaderdienste und den Friedens-- 
übungen überhaupt, gar nicht zu reden von der Organisation. Aus diesen 
Gründen vielleicht hat man im JZahre 1892 keine Flottenkonvention als 
Ergänzung der Militärkonvention zwischen Frankreich und Rußland ge- 
schlossen. Ohne Zweifel galt es als die selbstverständliche Aufgabe der 
russischen Flotte, in einem Kriege zwischen Dreibund und Zweibund 
die eigenen Ostseeküsten zu verteidigen und, wenn die Berhältnisse es 
gestatteten, die deutschen Ostseeküsten anzugreifen. Daß man sich russischer- 
seits aber viel von einer solchen offensiven Aktion versprochen und sie dem- 
gemäß im Frieden vorbereitet hätte, ist unwahrscheinlich. 
Aus diesen Machtverhältnissen zur See ergab sich die Möglichkeit 
für Großbritannien, in seiner glänzenden Isolierung zu bleiben und dabei 
aktive Politik großen Maßstabes zu treiben; wohl gemerkt, hatte diese 
Möglichkeit vorher nicht im selben Maße bestanden, nämlich solange 
die deutsch-russische Rückversicherung vorhanden war. Als damals, Ende
        <pb n="107" />
        Die Lage zur See. 65 
  
  
F 
der achtziger Zahre, England so auffällig und demonstrativ an den Orei- 
bund heranrückte, als Crispi sagen konnte: „für das Festland der 
Dreibund, für die Seeinteressen England“ — da schrieb die „Mor- 
ning Post“ über Deutschland und England: beiden Ländern werde täglich 
einleuchtender, daß sie zusammen stehen und fallen müßten, es bedürfe 
deshalb keines papiernen Bündnisses zwischen ihnen —, da handelte es 
sich nicht um eine Gefälligkeit, die England dem Oreibunde erwies, son- 
dern um ein dringendes Anlehnungsbedürfnis der britischen Politik. 
Wenige Zahre nachber bestand dieses Bündnis nicht mehr, denn der 
deutsch-russische Neutralitätsvertrag hatte aufgehört zu existieren, auf 
dem Festlande standen sich zwei Mächtegruppen gegenüber, und das 
Organ der englischen Regierung, der „Standard“, sprach von dem „iso- 
lierten Deutschland“. » 
Ferner ergab sich aus dieser Machtstellung Englands mit subjektiver 
Selbstverständlichkeit das Berlangen der Botmäßigkeit von den Mächten, 
welche es als seine „Freunde“ betrachtete und wirklich wünschte, sie alo 
solche betrachten zu können. Wiederholt zeigte sich auch später in eng- 
lischen Redeein und Publikationen jene naive Verwunderung darüber, daß 
das Deutsche Reich nicht volle Befriedigung darin fände, der Beherrscherin 
der Ozeane ein dienstwilliger Freund zu sein. Im Vertrage von 1890 hatte 
Großbritannien das Entgegenkommen, dessen es bedurfte, gefunden. 
Als es nachher gelegentlich ausblieb, war der Unmwille groß. 
Das Oeutsche Reich aber versuchte Kolonial- und Weltpolitik zu 
treiben ohne Flotte und sollte bald empfinden, was das bedeutete, nach- 
dem die Festlandgruppierung der Mächte sich so unglücklich geändert 
hatte. Unter diesem Gesichtspunkte war auch der russisch-englische Pamir- 
vertrag (1895) ein Symptom für die veränderte Lage, anderseits der 
„Wörth-Zwischenfall“ auf der Reede von Cowes. Dorthin war der Deutsche 
Kaiser zu den großen Segelregatten mit dem Deutschen Panzergeschwader 
gekommen. Am Jahrestage der Schlacht von Wörth bielt der Kaiser 
an Bord dieses Schiffes eine Ansprache an die Mannschaft über jene 
denkwürdige Schlacht. Daran nahm die Londoner Presse starken An- 
stoß und erdreistete sich zu der Bemerkung: der Kaiser würde gut getan 
haben, in britischen Gewässern eine Bezugnahme auf den Oeutsch-Fran- 
zösischen Krieg zu unterlassen. Das machte damals tiefen Eindruck auf 
die öffentliche Meinung Deutschlands und wurde mit Recht als Som- 
ptom für den Beginn einer völligen Veränderung der Lage aufgefaßt. Im 
Jahre 1889 war es gewesen, ale bei derselben Gelegenheit — den Segel- 
regatten von Cowes — der Prinz von Wales in einer Ansprache gesagt 
batte: nach seiner Uberzeugung würden die große deutsche Armee und 
die britische Flotte dazu dienen, den Weltfrieden zu erhalten. 
Graf Reventlow, Oeutschlands auswäriige Polkiik 5
        <pb n="108" />
        66 1. Abschnltt. Von Kußland zu Großbritannten. 1887—1894. 
  
So machten sich immer deutlicher und immer häufiger Beweise für 
die Ungesundheit des britisch-deutschen Freundschaftsverhältnisses be- 
merkbar, dessen Auffassung auf beiden Seiten eine so verschiedene war. 
Am 8. Januar des Zahres 1895 hielt der Deutsche Kaiser einer An- 
zahl von Parlamentariern einen längeren Vortrag über die maritimen 
Bedürfnisse des Deutschen Reiches und forderte sie zum Schlusse auf, sie 
möchten „dem Fürsten Bismarck, dem Begründer unserer Kolonialpolitik, 
zum 80. Geburtstage die Freude machen, die für die Flotte geforderten 
notwendigen Summen zu bewilligen“. Zn diesem Satze liegt die Erkennt- 
nis entbalten, daß eine Kolonialpolitik ohne Flotte dem Deutschen Reiche 
eine Unmöglichkeit bedeutete, und daß eben hier die vornehmste Ursache 
der Schwierigkeiten und Rückschläge jener Zeit lag, nachdem die Surro- 
gate verschwunden oder unbrauchbar geworden waren. 
Das DOeutschland des Zahres 1895 war aber noch nicht reif für diese 
Erkenntnis.
        <pb n="109" />
        Zweiter Abschnitt. 
Weltpolitische 
Mühen ohne zureichende Mittel. 
1895—1909. 
Der Weg zur Krügerdepesche. 
Als der Deutsche Kaiser im Sommer 1895 die Königin von England, 
seine Großmutter, wie beinahe jedes Jahr besuchte, machte sich eine Be- 
wegung in der englischen Regierungspresse bemerklich, die großes Auf- 
sehen überall und in Deutschland heftigen Unwillen erregte. Der Lon- 
doner „Standard“ brachte eine Reihe von Artikeln, die sich, anstatt den 
Kaiser zu begrüßen, in ironischem Tone persönlich gegen ihn wandten. 
Man machte den Kaiser darauf aufmerksam, daß er bei der Königin eine 
Unterrichtsstunde in politischer Weisheit nehmen solle. Er könnte aller- 
dings nie imstande sein, die Königin an Scharfsinn zu übertreffen, es 
würde aber schon genug sein, wenn er sich seiner Abstammung der mütter- 
lichen Seite würdig zeige. Sachlich fügte das Blatt dann binzu: englische 
Minister müßten stets den Wunsch haben, gute Beziehungen mit dem 
Deutschen Reiche zu unterhalten, aber die Politik des Kaisers habe die 
Tendenz, diplomatische Experimente zu machen. Deutschland möge be- 
denken, daß Englands Entgegenkommen für Deutschland wertvoller sei 
als alle anderen diplomatischen Beziehungen. 
Es entspann sich eine deutsch-englische Preßfehde, und schließlich 
kam der „Standard“ damit heraus, daß der Hauptgrund des englischen 
Unwillens der deutsche Einspruch gegen das englische Kongoabkommen 
sei. Dieser offene, in seiner Art brüske und überaus anmaßende Angriff 
nicht nur gegen die deutsche Politik, sondern auch gegen die Person des 
Kaisers sollte wohl einerseits bezwecken, den Kaiser einzuschüchtern und 
ihn zur Initiative einer Aussprache mit der Königin von England zu 
bringen, anderseits den deutschen Staatsmännern zu zeigen, daß man 
nicht geneigt sei, mit Wohlwollen hinzunehmen, wenn das flottenlose 
Deutschland sich erdreiste, England auf dem Gebiete der Kolonialpolitik
        <pb n="110" />
        68 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
in die Quere zu kommen. Unwahrscheinlich ist indessen, daß der englische 
Unwille und jener Angriff des „Standard“ sich in der Hauptsache auf 
die — wie durchweg in Deutschland angenommen wurde — südafri- 
kanische Politik bezogen habe. Die Anspielung des Blattes auf die „diplo- 
matischen Experimente“ und auf den Wert englischen Entgegenkommens 
im Bergleiche zu den Beziehungen Oeutschlands mit anderen Mächten 
ließ vielmehr auf die im fernen Osten angebahnte Annäherung zwischen 
dem Deutschen Reiche und Rußland schließen. Eine solche lief, allgemein 
politisch wie im besonderen auf dem Gebiete der ostasiatischen Politik, 
allen englischen Interessen und Zielen zuwider. In Afrika dagegen han- 
delte es sich nicht um solche „diplomatischen Experimente“, sondern um 
Versuche des Deutschen Reiches, dort selbständige Kolonialpolitik, zumal 
auch koloniale Wirtschaftspolitik, sogar gegen England zu treiben. Das 
schien den britischen Staatsmännern wohl minder gefährlich, weil sie sich 
nach einfacher Uberlegung der Machtfrage sagten, daß derartige deutsche 
Versuche, sofern England nur fest blieb, scheitern mußten, und zwar un- 
bedingt. 
Oamit soll keineswegs gesagt sein, daß der deutsch-französische Pro- 
test gegen den Kongovertrag England gleichgültig gewesen sei. Das war 
er nicht und um so weniger, weil er unerwartet kam. Ein englischer Re- 
gierungsvertreter sagte freilich: Wenn man gewußt bätte, welchen Wert 
Oeutschland auf diesen Punkt lege, so würde man den VBertrag gar nicht 
angeregt haben. Das war nach der anderen Seite bin übertrieben, aber 
bei ruhiger Betrachtung der damaligen Berhältnisse wird man nicht in 
Abrede stellen können, daß bei aller Würdigung einer vereinten deutsch- 
französischen Gegnerschaft in Afrika die britischen Staatsmänner sich 
sagen konnten und es wahrscheinlich auch getan haben: die Sache sei 
nicht dringlich. Gerade mit der Ourchführung des Planes einer Länge- 
bahn durch Afrika konnte man ohne Schaden warten, zumal das im Süden 
Afrikas liegende Problem, das die Boraussetzung zu jener Bahn enthielt, 
noch nicht gelöst war. Hier hatte sich um die Mitte der neunziger Jahre 
ein starkes britisches Interesse konzentriert und ebenfalls ein starkes 
deutsches: die Burenfrage begann in ihr letztes, entscheidendes 
Stadium zu treten. 
Begonnen hatte diese Frage in den sechziger Jahren, als die Diamant- 
felder im Oranjefreistaat, und in den siebziger Zahren, als in der Trans- 
vaalrepublik Goldfelder entdeckt wurden. 1877 machte England seinen 
ersten Bersuch, die Transvaalrepublik zu verschlucken, und kleidete diesen 
Versuch nach bewährter Tradition in die Absicht und den Charakter einer 
britischen Hilfsaktion für die Buren, die sich in Geldverlegenheit befanden, 
außerdem unglückliche Gefechte mit schwarzen Nachbarn gehabt hatten.
        <pb n="111" />
        Der Weg zur Krügerdepesche. 69 
  
Eine Volksabstimmung wurde arrangiert, ein paar tausend Buren stimm- 
ten für Einverleibung in das Britische Reich, die anderen verweigerten 
ihre Unterschrift. So galten die abgegebenen Stimmen, und die Trans- 
vaalrepublik wurde im Frühjahre 1877 als Teil des Britischen Reiches 
erklärt. Bier Zahre später, 1881, hatte man sich gesammelt und war 
entschlossen, das von England erschlichene Ergebnis: den Berlust der 
burischen Unabhängigkeit, wieder rückgängig zu machen. Man wählte 
das einfachste und nachdrücklichste Mittel: die GEewalt. In dem Gefechte 
bei Majuba Hill wurde die englische Truppe von den Buren zum Teil 
gefangen, zum Teil in die Flucht geschlagen; die Buren hatten beinahe 
gar keine Verluste. Sie waren nach der englischen Uberlistung während 
der letzten drei Jahre in sich geeinigt und politisch gefestigt worden, sie 
hatten begriffen, daß die alten Zeiten ungestörter Behaglichkeit vorbei 
waren, daß sie genötigt waren, nicht nur einig und wehrhaft zu sein, 
sondern auch Politik zu treiben, wenn sie selbständig bleiben wollten. 
Großbritannien legte diesen Mißerfolg einstweilen zu den Akten 
und schloß im gleichen Zahre 1881 einen Bertrag mit den Buren. Dieser 
Vertrag billigte der Transvaalrepublik die bedingte Unabhängigkeit, näm- 
lich die Suzeränität der Königin von England zu. Die Buren, vor allem 
ihr erster Mann und von 1883 an ihr dauernder Präsident, Krüger, konn- 
ten in diesem Vertrage nur den Anfang gänzlicher Abhängigkeit erblicken. 
Krüger erlangte 1884 einen anderen Vertrag, der die Unabhängigkeit 
der Republik nunmehr voll anerkannte, mit der einzigen Ausnahme, 
daß, wie der nachher so viel besprochene Artikel 4 des Vertrages fest- 
setzte, die Transvaalrepublik Bündnisse mit anderen Staaten und Mächten 
— abgesehen von dem benachbarten Oranjefreistaat — nur eingehen 
dürfe, wenn die Königin von England bzw. deren Regierung sechs Monate 
nach Bekanntwerden des Entwurfes keinen Einspruch dagegen erboben 
hätten. Diese Bestimmung bezog sich auch auf Berträge und Abkommen. 
Wahrscheinlich betrachtete der Präsident Krüger auch diesen Vertrag nur 
als Vorstufe zu völliger Abhängigkeit. Darauf ließ auch seine Reise nach 
Berlin im Jahre 1884 schon schließen. 
Damals wurde er in Berlin vom Kaiser Wilhelm I. und dem Fürsten 
Biemarck mit ausgesuchter Freundlichkeit empfangen, aber man ging 
keinerlei feste Beziehung mit ihm ein, obgleich Krüger in seiner bekannten 
Redewendung offen darauf anspielte: Wenn es einem Kind schlecht gehe, 
sehe es sich um Beistand um, und so bäte er, daß Kaiser Wilhelm auch 
den Buren helfe, wenn es ihnen einmal schlecht geben sollte! — Oiese 
Anregung wurde mit Schweigen, also nicht einmal mit einer verbind- 
lichen Gegenredewendung beantwortet. Der Gedanke, von dem Krüger 
ausging, war zweifellos nicht der rassenhafter Zusammengehörigkeit
        <pb n="112" />
        70 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zurelchende Mittel. 1895—1903. 
zwischen Buren und DOeutschen, sondern der Hinblick auf die deutsche 
Kolonialpolitik und deren mutmaßliche Ziele im südlichen Afrika. Das 
begriff man in England bald genug und begann nun folgerichtig in ver- 
steckter Gemeinschaft mit der britisch-afrikanischen Gesellschaft (Chartered 
Company) unter Cecil Rhodes die Burenrepubliken geographisch nach 
allen Seiten zu isolieren. 
Bald sahen sich die Buren auf allen Seiten eingeengt. Uber die Ab- 
sichten Großbritanniens waren sie schon lange nicht mehr im Zweifel. 
Dann kam das Ereignis 1894, dessen wir bereits gedachten, und in diesem 
Augenblicke war den Engländern klar, daß wenig Zeit zu verlieren sei. 
Rhodes verfolgte mit seiner rücksichtslosen Energie den Zusammenschluß 
Südafrikas und stieß dabei auf den Widerstand Transvaals. Rhodes 
war das deutsche Südwestafrika dabei ein unangenehmes Element; er 
erklärte öffentlich, jenes Gebiet könne ihm gar nicht gefallen, die Deut- 
schen würden auch einmal einsehen, daß es für sie wertlos sei, weil der 
einzige brauchbare Hafen, die Walfischbucht, englisch sei, und sich dieses 
Gebietes entledigen. Die Ziele Rhodes' waren von vornherein klar: er 
verschleierte sie nicht. 
Der Goldreichtum Transvaals lockte massenhafte Einwanderung ins 
Land, hauptsächlich Briten. Ihnen standen nach den Verträgen keine 
politischen Rechte zu, jedoch mußten sie Steuern zahlen. Den Buren er- 
schien das Stimmrecht für diese Leute ausgeschlossen, weil ihre Zahl 
wuchs, also die Gefahr vorlag, daß eines Tages der englische Einfluß auf 
diese Weise die Republik beherrschen würde. Die — durchweg englischen — 
Ausländer in Transvaal bildeten einen sogenannten Nationalverein und 
stellten diese Organisation in den Dienst der Agitation für Erlangung des 
Bürgerrechtes. Dabei verweigerten sie Kriegödienst, wenn es sich um 
NR#eder, werfung von Kaffernaufständen oder ähnliches handelte. Die Stoß- 
kraft des Bereins erschien besonders gefährlich, weil Rhodes mit seiner 
Macht, zumal seinem Gelde, dahinter stand und nicht minder die bri- 
tische Regierung, vertreten durch den Kolonialsekretär Mr. Chamberlain. 
Die Besorgnis der Burenführer stieg immer mehr. Die Blicke des Präsi- 
denten Krüger hatten sich schon lange auf das Deutsche Reich gerichtet, 
und Anfang des Jahres 1895 glaubte er den Augenblick gekommen, öffent- 
lich die Erwartung anzudeuten: das Oeutsche Reich werde unter Um- 
ständen tatkräftig eingreifen. Alles Deutsche war damals populär in der 
Burenrepublik, vieles war auch geschehen, um das Interesse des Deutschen 
Reiches für die Burenstaaten zum Auedruck zu bringen. Die deutsche 
Aktion in der Delagoabai Herbst 1894 hatte die Zuversicht der Buren noch 
bestärkt. Zu einer bedeutsamen Kundgebung kam es am 27. Januar 1895, 
dem Geburtstage des Deutschen Kaisers. Oie burischen Behörden be-
        <pb n="113" />
        Oer Weg zur Krügerdepesche. 71 
  
tonten diese Feier in ganz besonderer Weise. Auf dem Festmahle sagte 
der deutsche Generalkonsul, er hoffe, der Präsident Krüger wisse nun- 
mehr, daß Deutschland ein wirklich aufrichtiger Freund sei. Deutsch- 
Südwestafrika kenne kein größeres politisches Interesse, als die Trans- 
vaalrepublik in ihren Bemühungen um Erhaltung des politischen Gleich- 
gewichtes in Südafrika zu unterstützen. Krüger antwortete, erzählte von 
seinem Berliner Besuche 1884 und rühmte die Oeutschen in Transvaal, 
die, anders wie die Engländer, den Gesetzen bereitwillig Folge leisteten. 
Die Schlußworte waren: „Unsere kleine Republik kriecht nur noch unter 
den Großmächten herum, und wir fühlen wohl, daß, wenn der eine uns 
einen Tritt versetzen will, der andere dies zu bindern versucht.“ 
Der deutsche Generalkonsul hatte nicht improvisiert, sondern nach 
Berliner Instruktionen gehandelt. Das bestätigte sich kurz nachher, als 
der britische Botschafter in Berlin dem Freiherrn v. Marschall ein Schrei- 
ben des britischen Kolonialsekretärs überreichte, des Inhalts: Deutsch-- 
land nähre in Transvaal einen der internationalen Stellung der Republik 
widersprechenden Geist. Der Staatssekretär antwortete, das Ziel der 
deutschen Politik sei, diejenigen materiellen Interessen zu schützen, und 
zwar gegen jeden Eingriff, die sich Deutschland durch Bau von Bahnen 
und durch Anknüpfung von Handelsinteressen mit der Transvaalrepublik 
geschaffen habe. Darin sei für Deutschland notwendig enthalten, daß 
Transvaal als Staat selbständig bleibe, und zwar gemäß dem Vertrage 
von 1884. Diese Interessen forderten die Erhaltung des bestehenden Zu- 
standes der Bahnen und des Hafens in der Delagoabai. Wenn auch Eng- 
land diesen Zustand erhalten wolle, so müsse die britische Regierung 
Stellung nehmen gegen die Bestrebungen Rhodes“ und seines Gehilfen, 
Dr. Jameson. Diese gingen darauf aus, die Transvaalrepublik mit dem 
englischen Südafrika zu vereinigen. Einzig die Tatsache, daß die britische 
Regierung sich diesen Bestrebungen nicht widersetze, sei der Grund, wes- 
halb in der südafrikanischen Republik jener Geist entstanden sei, der in 
London mißfiele. Der britische Botschafter erklärte darauf: Dr. Jameson 
strebe keine politische, sondern eine wirtschaftliche Bereinigung der süd- 
afrikanischen Staaten an. Die Antwort des deutschen Staatssekretärs 
war: gerade eine solche laufe den deutschen Interessen zuwider. 
Der Gegensatz zwischen der deutschen und der englischen Politik 
lag damit ebenso klar wie derjenige zwischen Großbritannien und der 
Transvaalrepublik. Der britische Gesandte sprach von dem Geiste, wel- 
cher der internationalen Stellung Transvaals nicht angemessen sei und 
von Deutschland genährt würde. Er meinte also, daß die politische Rücken- 
stärkung Transvaals durch das Deutsche Reich dem transvaalsch-bri- 
tischen Vertrage von 1884 zuwiderlaufe. Das konnte insofern der Fall
        <pb n="114" />
        72 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
sein, als die britische Regierung unter diesem Vertrage etwas anderes 
verstehen wollte als das, was er besagte. Es ließ sich nicht wegdeuteln, 
daß die Transvaalrepublik unabhängig war mit der einzigen Einschränkung, 
daß sie Berträge mit dritten Mächten (außer dem Oranjefreistaate) nicht 
ohne stillschweigende Zustimmung der britischen Regierung schließen 
durfte. Auf die deutsch-transvaalschen Beziehungen traf dieser Artikel 
aber nicht zu, denn da sollte kein Vertrag geschlossen werden. Die Er- 
haltung auch der wirtschaftlichen Selbständigkeit der Transvaalrepublik 
war kein Vorwand der deutschen Politik, sondern tatsächlich ihr Ziel. Die 
Gründe dafür lagen ebenso klar zutage: Erhaltung und Stärkung der 
wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Südafrika, die 
nach britischer Aufsaugung der südafrikanischen Republiken schwer be- 
einträchtigt werden würden. Dazu kam die Nähe der beiden deutschen 
Kolonien in Afrika, möglicherweise auch der Gedanke, daß früher oder 
später Portugal den Wunsch hegen könne, sich seiner Kolonien zu ent- 
ledigen. Ein britisches Südafrika mußte allen deutschen Interessen zu- 
widerlaufen. Auf Kosten Großbritanniens, seines Kolonialbesitzes und 
seiner berechtigten Bestrebungen ging die deutsche Politik nicht, aber sie 
stand in schroffem Gegensatze zu Bestrebungen, die das amtliche Groß- 
britannien damals nicht offen bekennen wollte, die es aber eifrig durch 
Cecil Rhodes und seine Helfer fördern ließ. Anderseits nahmen die 
deutschen wirtschaftlichen Interessen in Südafrika damals stark zu, der 
deutsche Handel, die deutsche Kapitalbeteiligung an öffentlichen Unter- 
nehmungen in und nach den Burenrepubliken wuchs sichtlich und erregte 
in gleichem Maße die Unruhe und Eifersucht der Engländer. 
Freiherr v. Marschall und Fürst Hohenlohe waren der irrigen Über— 
zeugung, das Fehlen eines vertraglichen und sachlichen Rechtes würde 
Großbritannien veranlassen, wie ein Fahr vorher beim Kongovertrage, 
auf deutschen Widerstand hin seine Ansprüche und Politik aufzugeben. 
An den südafrikanischen Republiken nahmen 1895 die Oinge rasch 
ihren Berlauf. Im Frühjahr wurde ein mit England geschlossener Ver- 
trag wegen des Swasilandes vom Volksraad genehmigt und das Gebiet 
dem Vertrage gemäß von den Buren besetzt. Von dort aus konnten die 
Buren den Ozean erblicken, nur ein schmaler Landstreifen trennte sie von 
der Küste: die Gebiete zweier Häuptlinge am Pongolaflusse. Der Prä- 
sident Krüger wandte sich an den britischen Gouverneur des Kaplandes 
mit der Bitte, diese Gebiete in Besitz nehmen zu dürfen. Sie wurde ab- 
geschlagen; England könne dann nicht die britischen Interessen im Swasi- 
lande kontrollieren und schützen. Ungesäumt legte Großbritannien — das 
amtliche — selbst die Hand auf die Pongolagebiete, obgleich es noch 1889 
die Rechte der südafrikonischen Republik auf sie anerkannt batte, Ende
        <pb n="115" />
        Der Weg zur Krügerdepesche. 73 
  
April desselben Jahres annektierte Großbritannien noch einen kleinen 
Küstenstrich, Amatongaland. Es hätte, zwischen der Oelagoabucht, dem 
Swasilande und dem Zululande gelegen, den Burenrepubliken die heiß- 
ersehnte Möglichkeit eines schmalen Ausganges nach dem Meere gelassen. 
Eben vom Ozeane aber wollte man die Republik unter allen Umständen 
abschließen. Das war durch diese beiden letzten vertragswidrigen Schritte 
erreicht worden. Die britische Regierung glaubte offenbar, die Entwick- 
lung werde nunmehr einen schnellen Gang nehmen, man müsse den 
Augenblick benutzen. Das Transvaal und der Oranjefreistaat protestierten 
gegen die britische Annexion des Amatongalandes. Das Gefühl, ihre 
Sache sei eine gemeinsame und Bereinigung ihrer Kräfte notwendig, be- 
gann eine tiefgehende Bewegung für festen Zusammenschluß der beiden 
Republiken hervorzurufen. 
In der DOelagoabucht lagen im Sommer 1895 die deutschen Schiffe 
„Condor“ und „Cormoran“ — nach der Außerung des Vorsitzenden des 
deutschen Vereins in Prätoria — als ganz gewichtiger Faktor zur Erhal- 
tung des Gleichgewichtes in Südafrika, als Anerkennung Oeutschlands, 
daß die Delagoabucht der Hafen Transvaals sei; eine Äußerung neben- 
bei, der sachliche Berechtigung ebensowenig zustand wie politische Oppor- 
tunität. Damals war gerade die Bahn von Prätoria nach der Hafen- 
stadt Lorenzo Marquez vollendet, deren Bau England alle denkbaren 
Schwierigkeiten bereitet hatte. Der Eröffnungsfeier wohnte der Gou- 
verneur des Kaplandes bei und nahm Gelegenheit zu einer Ansprache. 
Er betonte, England habe sich niemals in die Angelegenheiten des Trans- 
vaals mischen wollen, wies aber auf die Gemeinsamkeit der Interessen 
des ganzen Südafrikas hin. Präsident Krüger ließ darauf veröffentlichen, 
er lege auf diese Erklärungen keinen Wert. Zugleich begann eine lebhafte 
Agitation in Transvaal, man wollte sich jener Bestimmung des Vertrages 
von 1884 entledigen und beanspruchte das Recht, auch ohne stillschwei- 
gende Zustimmung der britischen Regierung, Berträge mit dritten Mächten 
einzugehen und abzuschließen. Man fühlte sich in Transvaal besonders 
nach der engen Annäherung mit dem Oranjefreistaat kräftig genug, rech- 
nete außerdem mit deutschem Beistande, über dessen Art man sich aller- 
dings wohl wenig Gedanken machte. 
Großbritannien war sich über die Bedeutung des Augenblickes klar 
und zögerte nicht zu handeln. Oie britisch-südafrikanische Gesellschaft 
begann ihre Agitation für das Stimmrecht der Ausländer in Transvaal 
und andere Reformen mit revolutionärer Heftigkeit zu betreiben. Man 
drohte offen mit Gewalt gegen die transvaalsche Regierung. Der Staats- 
sekretär v. Marschall machte die britische Regierung im Oktober und Ende 
ODezember darauf aufmerksam, daß die in Transvaal, hauptsächlich in
        <pb n="116" />
        74 2. Abschnitt. Weltpolltische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
Fohannesburg wohnenden Briten einen Gewaltakt vorbereiteten. Oie 
Deutschen in Prätoria wandten sich telegraphisch an den Deutschen Kaiser 
mit der Bitte um Intervention. Am 30. Dezember brach Dr. Jameson 
mit 800 Mann von der Grenze des Betschuanalandes, also vom Westen, 
in das Transvaal ein und marschierte auf Prätoria. Die britische Re- 
gierung hatte keine Schritte auf die Vorstellungen des deutschen Staate- 
sekretärs unternommen. Am Sl. Dezember bat die deutsche Regierung 
die portugiesische, ein Landungskorps von 50 Mann des „Seeadler“ 
durch das portugiesische Gebiet von der Oelagoabai ab nach Prätoria 
marschieren zu lassen, um die Deutschen zu schützen. Am Tage darauf 
antwortete der englische Premierminister Lord Salisbury: er erkenne 
die Gefahr und die Schädlichkeit des Famesonschen Einbruches für ver- 
schiedene europäische Interessen in Südafrika an und tue alles, um den 
Transvaalstaat bedrohende Gewalttätigkeiten abzuwenden. Freiherr 
v. Marschall antwortete mit der Anfrage, welche Schritte die britische 
Regierung zu tun gedenke, um den nunmehr geschaffenen vertragswidrigen 
Zustand zu beseitigen. Zugleich wies der Staatssekretär auf die zahl- 
reichen Außerungen der englischen Presse hin, man werde in der Trans- 
vaalsache keinerlei fremde Einmischung dulden, einerlei, woher sie kom- 
men könne. 
Während dieses diplomatischen Zwiegespräches hatten sich die Dinge 
in Südafrika schnell und überraschend entwickelt. Dr. Jameson, der einen 
Befehl des Gouverneurs der britischen Kapkolonie, zurückzukehren, un- 
beachtet ließb, sah sich auf dem Marsche nach Prätoria von einer über- 
legenen Burenmacht eingeschlossen und mußte sich am 2. Januar 1896 
den Buren ergeben. Oiese rückten in Johannesburg, den Herd der 
englischen Umtriebe innerhalb des Landes, ein und fanden dort schrift- 
liche Beweise für die Pläne der britisch-südafrikanischen Kompagnie. 
Zameson hatte sich Prätorias definitiv bemächtigen sollen. 
Der lange vorbereitete Plan war ziemlich schmählich gescheitert. 
Man hatte sich englischerseits von der Wachsamkeit der Buren ein fal- 
sches Bild gemacht, auch viel zu geringe Streitkräfte zusammengebracht. 
Hätte Zameson sich Prätorias bemächtigt, so wäre möglicherweise das 
Schicksal der Republik schon damals entschieden worden. 
Die Bitte des Deutschen Reiches: den Ourchmarsch durch das portu- 
giesische Gebiet, von der Delagoabai bis in das transvaalsche Gebiet, 
einem deutschen Landungskorps zu gestatten, wurde mit dem Siege der 
Buren gegenstandslos, ehe eine Antwort der portugiesischen Regierung ein- 
getroffen war. Bielleicht ist so eine schwere deutsch-britische Komplikation 
damals vermieden worden, denn wenn Portugal ja gesagt hätte, würde 
England nein gesagt und kaum gezögert haben, die Konsequenzen zu ziehen.
        <pb n="117" />
        Oer Weg zur Krügerdepesche. 75 
  
Die Gefangennahme ZJamesons mit seinen Leuten erregte unge- 
heures Aufsehen. Die englische Presse mißbilligte notgedrungen den Ja- 
mesonschen Einfall, das gleiche tat die britisch-südafrikanische Gesellschaft, 
obgleich Rhodes nicht nur die treibende Kraft, sondern der Befehlshaber 
Zamesons gewesen war. Man rückte, teils mit mühsamer Entrüstung, 
teils mit verlegenen Ausflüchten, zu einem kleinen Teile auch mit auf- 
richtiger Mißbilligung, von Zameson ab. In den Beginn dieser Zeitungs- 
auseinandersetzungen traf am 3. Januar 1896 die folgende Oepesche des 
Deutschen Kaisers an den Präsidenten Krüger: 
„Ich spreche Ihnen meinen aufrichtigen Glückwunsch aus, daß es 
Ihnen, ohne an die Hilfe befreundeter Mächte zu appellieren, mit Zhrem 
Volke gelungen ist, in eigener Tatkraft gegenüber den bewaffneten Scharen, 
welche als Friedensstörer in Ihr Land eingebrochen sind, den Frieden 
wieder herzustellen und die Unabhängigkeit des Landes gegen Angriffe 
von außen zu wahren.“ 
Krüger antwortete: „Ich bezeuge Ew. Majestät meinen innigsten, 
tiefgefühlten Dank für Ew. Moajestät aufrichtige Glückwünsche. Mit Gottes 
Hilfe hoffen wir weiter alles Mögliche zu tun für die Beständigkeit unserer 
Republik."“ 
Das war das so viel besprochene und verurteilte Krüger-Telegramm 
des Kaisers. Es ist keine „impulsive“ Handlung des Kaisers gewesen, 
sondern nach Inhalt und Form vom Baron v. Marschall aufgesetzt worden. 
In seiner Gegenwart, ferner der des Geheimrates v. Holstein, des Staats- 
sekretärs des Reichs-Marine-Amtes Hollmann, des Admirals Knorr und 
des Marinekabinettschefs Freiherrn v. Senden-Bibran, wurde der Wort- 
laut der Depesche festgelegt. Der Staatssekretär v. Marschall ist der Uber- 
zeugung gewesen, daß eine Kundgebung der Stellungnahme des Deut- 
schen Reiche# zum Jameson-Einfall, in der Form einer kaiserlichen De- 
pesche, politisch notwendig sei. Diesem Rate hat sich der Deutsche Kaiser 
gefügt. 
Betrachten wir den Inhalt und die Form der Oepesche: 
Der Deutsche Kaiser spricht dem Präsidenten seinen Elückwunsch 
aus, daß es ihm und seinem Volke gelungen ist, den Frieden wieder her- 
zustellen und die Unabhängigkeit zu wahren, ohne an die Hilfe befreun- 
deter Mächte zu appellieren; dieses Argument wird durch die Worte 
„in eigener Tatkraft“ noch verstärkt. Darin lag die Versicherung nicht 
enthalten: wenn es den Buren nicht aus eigener Kraft gelungen wäre, 
wenn sie an Hilfe befreundeter Mächte appelliert hätten, so würde Deutsch- 
land den nötigen Beistand gewährt haben. Näherliegend erschien die 
Deutung: Der Präsident sei zu beglückwünschen, eben weil es aus eigener 
Kraft gelungen war, den Frieden herzustellen und die Unabhängigkeit
        <pb n="118" />
        76 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen obne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
zu wahren, denn im anderen Falle wäre zweifelhaft gewesen, ob ein 
Appell an befreundete Mächte den entsprechenden Erfolg gehabt hätte. 
— Mit dem Worte: „die Unabhängigkeit des Landes“, stellte sich der 
Kaiser auf einen von England nur eingeschränkt gebilligten Standpunkt. 
Der Ausdruck „bewaffnete Scharen“ brauchte nicht anzudeuten, daß und 
von wem diese Scharen indirekt angetrieben und geleitet worden seien. 
In Deutschland erregte das Telegramm beinahe allgemeine Be- 
geisterung. Man nahm es für ein Zeichen, daß die Politik des Deutschen 
Reiches nunmehr auf die burische Sache festgelegt worden sei. Die Som- 
pathie des deutschen Volkes für die Buren und ihre Sache, die kolonial- 
politischen Pläne, die man für die Entwicklung deutsch-afrikanisch-buri- 
scher Beziehungen damit verband, schließlich die Erbitterung über die Be- 
handlung, welche Großbritannien dem Oeutschen Reiche, seiner Politik, 
der Person des Deutschen Kaisers durch die britische Presse hatte ange- 
deihen lassen — das alles hatte einen allgemeinen Beifallssturm in Deutsch- 
land zur Folge, ein erlöstes „Endlich!“ Das ganze deutsche Volk stand 
hinter der Depesche des Kaisers — wie es sie verstand. 
In der englischen Presse rief die Depesche eine Explosion von Wut, 
Angriffen und Beschimpfungen gegen das Deutsche Reich hervor. Der 
Feldzug begann mit einer Oepesche des Berliner „Times“-Korrespon- 
denten an sein Blatt: „Dieses Telegramm darf gleichwohl nicht nur als 
ein Ausdruck der persönlichen Gefühle des Kaisers aufgefaßt werden. 
Es wurde aufgesetzt im Palais des Kanzlers, wo der Staatssekretär des 
Auswärtigen, Baron v. Marschall, der Staatssekretär des Reichs-Marine- 
Amts, Admiral Hollmann, und andere auf Aufforderung des Fürsten 
Hohenlohe mit dem Kaiser konferierten. Das Telegramm gewinnt des- 
halb die Bedeutung eines Staatsdokumentes von höchster Bedeutung, 
um so mehr, als es eine unumwundene Anerkennung der Unabhängigkeit 
der südafrikanischen Republik enthält.“ 
Ein Blatt sagte: „Richt Glückwünsche, sondern Beileid des Kaisers 
an Buren und Briten wäre am Platze gewesen.“ Wolle der Kaiser Krieg 
mit England führen, „wo wären seine Berbündeten?“ Ein anderes Blatt 
sprach von einer höchst unfreundschaftlichen Handlung gegen das eng- 
lische Bolk, ein drittes von einem internationalen Affront, und die „Mor- 
ning Post“ sagte: Die britische Nation werde dieses Telegramm niemals 
vergessen, sondern in der Orientierung ihrer auswärtigen Politik immer 
daran denken. In London fanden Mißhandlungen Deutscher auf den 
Straßen statt, die Schaufenster deutscher Kaufleute wurden zertrümmert, 
kurz, man hatte in England jegliche Haltung infolge der Plötzlichkeit der 
Ereignisse verloren und offenbarte Auffassungen und Gefühle, die man 
bisher mit aller Vorsicht zu verbergen gesucht hatte. Zene britische Stim-
        <pb n="119" />
        Der Weg zur Krügerdepesche. 77 
  
mung wurde am schlüssigsten charakterisiert durch einen vom Fürsten 
Bismarck veranlaßten Artikel in den „Hamburger Nachrichten“, der die 
folgenden Sätze enthielt: 
„Die Politiker, die in der englischen Presse heute zu Worte kommen, 
hatten sich die Sache offenbar so zurechtgelegt, daß sie mit heuchlerischer 
Entrüstung den Flibustierzug nicht billigen konnten, aber die faktischen 
Konsequenzen des Uberlaufens der Burenpolitik, auf das sie gerechnet 
hatten, als unabänderliches Ergebnis akzeptierten. Das kaiserliche Tele- 
gramm an den Präsidenten von Transvaal ist ihnen aber derartig uner- 
wartet gekommen, daß sie die bis dahin getragene Maske vollständig ver- 
gessen haben und plötzlich eine Sprache führen, als ob der räuberische 
Überfall des Dr. Zameson eine amtliche Operation der englischen Regie- 
rung gewesen wäre. Läge dieser Fall wirklich vor, so wäre allerdings 
das kaiserliche Telegramm ein Schachzug gegen die englische Regierung 
gewesen, so aber ist es doch nur eine Kundgebung gegen denselben ge- 
walttätigen Bruch des Friedens durch Dr. Zameson, den bis dahin alle 
englischen Autoritäten als ihnen vollständig fremd gemißbilligt haben. 
Wir erinnern uns kaum eines Ereignisses in neuerer Zeit, in welchem 
die Unehrlichkeit der englischen Presse in dieser Weise festgenagelt worden 
wäre, wie in dem zornigen Ausbruch gegen das kaiserliche Telegramm, 
durch welches der Oeutsche Kaiser doch, genau betrachtet, nur der sitt- 
lichen Entrüstung der englischen Regierung über den Einbruch in Trans- 
vaal den Beistand seiner europäischen Autorität leistete. Wir hätten also 
aufrichtigerweise erwarten dürfen, daß die englische Presse dem Deut- 
schen Kaiser ihren Dank votierte für den energischen Beistand, mit dem 
er ihrer eigenen Entrüstung über diesen ruchlosen Näubereinbruch in 
Transvaal Auê5druck gegeben hat.“ 
In einer Unterredung kurz darauf sagte Biomarck: „Das Telegramm 
des Kaisers hätte dem Präsidenten Krüger mit Schicklichkeit und Anstand 
von der englischen Regierung selbst geschickt werden können.“ 
In Großbritannien blieb es nicht bei den Worten, sondern man 
rüstete unmittelbar sechs Kreuzer als fliegendes Geschwader aus, die nach 
der Delagoabai gehen sollten. Die „Times“ schrieben dazu, man wolle 
ein Geschwader zur Hand haben, sofort und überall da, wo Gefahr vor- 
handen sei. Der Aufsatz schloß mit einer Andeutung auf die „Präten- 
sionen“ des Deutschen Kaisers: „.unsere Verträge, wenn es ihm Ver- 
gnügen mache, in Stücke zu reißen.“ Außerdem wurde ein Teil der Re- 
serveflotte in Dienst gestellt, in Tag- und Nachtarbeit betrieb man die 
Fertigstellung reparaturbedürftiger Schiffe, eine besondere Torpedo- 
booteflottille wurde in den Kanal geschickt, kurz, man tat so, als ob ein 
Krieg mit ODeutschland bevorstehe. Zur Erregung und zu dieser Auf-
        <pb n="120" />
        78 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mitel. 1895—1903. 
  
fassung der Sache wird die nachher von der britischen Regierung auedrück- 
lich als falsch anerkannte Meldung des englischen Konsuls zu Prätoria bei- 
getragen haben, daß Präsident Krüger tatsächlich die Hilfe des Deutschen 
Reiches und Frankreichs angerufen habe. 
Der Inhalt des diplomatischen Meinungsaustausches in jenen Wochen 
ist nicht bekannt geworden. Die englische Presse erzählte von einem ent- 
schuldigenden Schreiben des Oeutschen Kaisers an die Königin. Darauf- 
hin wurde in dem deutschen halbamtlichen Organe festgestellt, daß von 
keiner maßgebenden Stelle aus entschuldigende Erklärungen in der Trans- 
vaalfrage nach London gerichtet worden seien. Desgleichen trat die amt- 
liche deutsche Presse der englischen Behauptung entgegen: das deutsche 
Volk habe begonnen zu entdecken, daß der Kaiser bei dem Versuche, Ber- 
tragsbestimmungen umzustoßen, nicht weise gebandelt habe. Die halb- 
amtlichen Organe zu Berlin stellten fest, daß Kaiser und Volk völlig einig 
seien. 
Der Staatesekretär v. Marschall hatte sich im Reichstage auf den 
Boden der kaiserlichen Depesche zu stellen. Es war eine Interpellation 
eingegangen, ob die Regierung bereit wäre, die Depesche zu verantworten, 
weil man sie so gut wie allgemein für einen impulsiven Akt des Kaisers 
hielt. Die große Mehrbeit des Reichstages, abgesehen nur von den So- 
zlaldemokraten, sprach aber dann ihre volle Zustimmung in der von Mar- 
schall dargelegten Politik des Deutschen Reiches aus. 
Wie war diese Politik beschaffen? 
Der Staatssekretär sah die Sache folgendermaßen an: Die unan- 
fechtbare Grundlage der deutsch-transvaalschen Beziehungen bilde der 
zwischen dem ODeutschen Reiche und der südafrikanischen Republik 1885 
geschlossene, von England genehmigte Handelsvertrag. Dieser gewähre 
die Meistbegünstigung und sichere den dortigen Deutschen Handels- und 
Gewerbefreiheit. Auf dieser rein wirtschaftlichen Grundlage der gegen- 
seitigen Beziehungen sei das Deutsche Reich niemals mit England (also 
dem amtlichen) in Gegensatz geraten, wohl aber mit den Bestrebungen, 
das ganze Südafrika zu einem geschlossenen Wirtschaftsgebiete zu ver- 
einigen. Dadurch würden die deutschen Znteressen schwer geschädigt 
werden. Oeutschland wolle sich nicht in die inneren Angelegenheiten 
der südafrikanischen Republik mischen, auch erstrebe es kein Protektorat. 
Deutschland sei aber nicht verantwortlich, wenn die Buren Mißtrauen 
gegen jene imperialistischen Bestrebungen empfänden. Oafür träfe die 
Verantwortung vielmehr die Förderer dieser Bestrebungen, die auch vor 
Gewalt nicht zurückschreckten. Die Beziehungen zur britischen Regierung 
hätten keinen Augenblick aufgehört, gute normale und freundliche zu sein; 
sie habe alles zur Verhinderung des JLamesonschen Uberfalles getan.
        <pb n="121" />
        Der Weg zur Krügerdepesche. 79 
  
Gegen die Erregung des englischen Volkes könne man mit Beweisgründen 
nicht ankämpfen. 
Betrachten wir den Standpunkt der amtlichen Politik des Deutschen 
Reiches. 
Es ist gezeigt worden, wie der Bertrag von 1884 und die in ihm ent- 
haltene Einschränkung der transvaalschen Unabhängigkeit durch den Ar- 
tikel 4 (daß die südafrikanische Republik Verträge mit anderen Nächten 
— abgesehen vom Oranjefreistaat — nur mit Genehmigung Englands 
schließen dürfe) die Grundlage für beide Seiten bildete. Freiherr v. Mar- 
schall hatte mit seinen Darlegungen vollkommen recht. Weder die freund- 
lichen deutsch-burischen Beziehungen, noch die Entsendung der deutschen 
Kreuzer, noch endlich die geplante Entsendung eines Landungskorps von 
der Delagoabucht zum Schutze der Oeutschen nach Prätoria standen im 
Widerspruche zu den Verträgen. Auch das kaiserliche Telegramm tat 
es nicht, denn die in diesem betonte „Unabhängigkeit“ bezog sich im Zu- 
sammenbange lediglich auf eine Unabhängigkeit, die der Vertrag von 
1884 gewährte. 
Freiherr v. Marschall, den man als den Träger jener Politik anzu- 
sehen hat, arbeitete während seiner Amtsführung mit Vorliebe auf Grund 
rechtlicher Argumente. Beim deutsch-englischen Vertrage von 1890 ver- 
teidigte er bzw. der Reichskanzler deutsche Zugeständnisse immer wieder 
damit, daß deutsche Anfprüche auf die betreffenden Gebiete juristisch 
nicht zu rechtfertigen gewesen wären. ODas gleiche geschah hinsichtlich des 
deutsch-französischen Bertrages über die Abgrenzung des Hinterlandes 
von Kamerun; ebenfalls zu ungunsten des deutschen Kolonialgebietes. 
Das Umngekehrte trat ein, als Freiherr v. Marschall gegen den Bertrag 
Großbritanniens mit dem Kongostaate 1894 Protest erbob. Dieser Pro- 
test hatte, aus früher erwähnten Gründen, Erfolg. 
Man hat den Eindruck, als ob Marschall sich den Blick über die ent- 
scheidende Bedeutung der Machtfrage in den Bestrebungen der Bölker 
und in ihren internationalen Beziehungen hätte trüben lassen. Oder 
aber, wenn man annehmen wollte, daß er mit dem Bertrage von 1884 
nur als Kulisse gearbeitet hätte, um die deutsch-transvaalschen Bezie- 
hungen weitgesteckten Zielen entgegenzuführen, so blieb die entscheidende 
Frage offen: wie konnte das Deutsche Reich gegen einen entschlossenen 
Widerstand Großbritanniens solche Ziele erreichen? Es wurde erwähnt, 
wie nach der Krügerdepesche ein Londoner Blatt den Kern der Sache 
mit der ironischen Frage erfaßte: wie Deutschland sich denn eigentlich 
einen Krieg mit Großbritannien dächte. Dafür fehlten in der Tat alle 
Mittel, während die deutschen Küsten, die deutschen Kolonien und der 
ganze deutsche Uberseehandel, Dinge, welche die Marschallsche Politik
        <pb n="122" />
        80 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—19os. 
  
vor allem fördern und ausbreiten wollte, der englischen Flotte hilflos 
preisgegeben waren. Man steht vor einem Nätsel, wenn man nicht an- 
nehmen will, daß Marschall an ein Nachgeben Großbritanniens glaubte 
oder auch der Ansicht war, das amtliche Großbritannien werde nicht nur 
formal, sondern sachlich von Cecil Rhodes und seiner Politik abrücken. 
Die Deutsche Regierung kann damals nicht über die Stärke der in 
und für Südafrika treibenden britischen Kräfte unterrichtet gewesen sein. 
Man hatte auch keinen Anhalt gehabt, um die Wirkung auf die Stimmung 
der öffentlichen Meinung in England vorher zu ermessen. Sie trat nach 
der Depesche mit einer Heftigkeit auf den Plan, die sicherlich nicht er- 
wartet worden war. Sie gestattete der britischen Regierung eine tat- 
sächliche Bewegungsfreiheit, die sie sonst nicht gehabt hätte, und stützte 
mit entscheidender Kraft den imperialistischen Gedanken, welcher sich da- 
mals in der Person Nr. Joseph Chamberlains zu vereinigen begann. 
Die Ausbrüche der öffentlichen Meinung in Großbritannien ließen keinen 
Zweifel darüber, wie tief der Gedanke eines großen geeinten britischen 
Südafrika schon in Fleisch und Blut der britischen Nation eingedrungen war. 
Der Kolonialsekretär Mr. Chamberlain sprach sich damals mit Offen-- 
heit aus, als er auf die Angriffe antwortete, die von englischen Liberalen 
gegen ihn gerichtet worden waren: Das Ziel jeder britischen Regierung 
in Südafrika sei die Erhaltung der Stellung Englands als die der dort 
vorherrschenden Macht (paramount power). Diese Stellung sei durch 
bereitwillige Hingabe von Gut und Blut gewonnen, ohne welche es ein 
Südafrika im Sinne des Gebrauchsowortes jetzt nicht geben würde. Das 
zweite Ziel der englischen Politik sei die Herstellung eines Zustandes, 
wie er in Kanada bereits mit bestem Erfolge berbeigeführt worden sei. 
Es sei der höchste Wunsch Cecil Rhodes' gewesen, auf friedlichem Wege 
eine Vereinigung aller südafrikanischen Staaten zu einem gemeinsamen 
Ziele herbeizuführen, unter dem Schutze der britischen Flagge. Leider 
habe er diese Absicht nicht durchführen können, aber sein Ziel müsse das- 
jenige jeder britischen Regierung bleiben. 
Blicken wir auf die seitdem vergangenen Jahre zurück, so erscheinen 
jene Worte Chamberlains als das programmatische Bekenntnis eines weit- 
blickenden Staatomannes, der weiß, was er will. Chamberlain hatte von 
seinem Standpunkte aus mit der Feststellung recht, daß jede britische Re- 
gierung — wie nun einmal die Berhältnisse in Südafrika gestaltet worden 
waren — die Bereinigung unter der britischen Flagge anstreben müsse. 
Oie englischen Minister konnten mit Recht fragen: welche Macht ist willens 
und imstande, uns zu hindern? Oie europäische Konstellation war allen 
derartigen Plänen seit 1890 günstig. Obendrein hatte nach der Krüger- 
depesche der französische Botschafter, in London der britischen Regierung
        <pb n="123" />
        Oer Weg zur Krügerdepesche. 81 
  
gesagt: „Frankreich hat nur einen einzigen Feind, und das ist Deutsch- 
land. England kann danach seine Politik einrichten.“ Das sollte bedeu- 
ten: in einem englisch-deutschen Kriege werde Frankreich ohne weiteres 
gegen Deutschland stehen. Die Offentlichkeit hat diese Tatsache freilich 
erst im Zabre 1908 erfahren. Damals erschien in der „Deutschen Revue“ 
ein vielbemerkter Aufsatz von einem „Wissenden“, der sie feststellte. 1896 
war die deutsche Offentlichkeit aber geneigt, anzunehmen, daß Frank- 
reich, allein durch sittliche Entrüstung veranlaßt, sich zu Deutschland gegen 
England stellen würde. Oie französische Presse hatte solche Entrüstung 
in starken Worten geäußert; nicht die französische Regierung. Aber kein 
Franzose dachte daran, sie in die Praxis überzuführen. 
Wir sagten vorher, man habe auf deutscher Seite wahrscheinlich 
nicht geglaubt, daß die britischen Pläne für Südafrika so fest und klar 
waren und die öffentliche Meinung sie so tief in sich aufgenommen hatte. 
Deshalb hat Baron Marschall offenbar die Machtfrage vorher gar nicht 
in Betracht gezogen. Als diese dann in kaum verhüllter Form von der 
englischen Seite aufgeworfen wurde, war damit die ganze „Frage“ als 
solche erledigt. Die Leiter der deutschen Politik dachten nicht daran und 
konnten vernünftigerweise nicht daran denken, mit Großbritannien Krieg 
zu führen. Für Großbritannien ging es um das geeinte Südafrika, das 
Chamberlain damals voraussah und vorbereitete. Für die deutsche Politik 
ging es um die Handelsbeziehungen zu Transvaal, daneben vielleicht um 
das Bestreben, sich weitergehende kolonialwirtschaftliche und kolonial- 
politische Möglichkeiten offen zu halten, — nicht aber um Ourchführung 
fest vorgezeichneter Pläne, deren Berwirklichung man tatsächlich und ent- 
schlossen wollte. So stand für England nach dieser Seite hin ungleich mehr 
im Spiele als für die deutsche Politik. Umgekehrt verfügte Großbritannien 
über die ozeanbeherrschende Flotte, während die Seestreitkräfte Deutsch- 
lands den Namen einer Flotte nicht verdienten. Zhre Vernichtung war 
ohne Risiko und ohne nennenswerten Kraftaufwand jederzeit und überall 
möglich. Großbritannien schließlich verfügte ohne geschriebene Bünd- 
nisse über freiwillige, rachedurstige Bundesgenossen, während das Deutsche 
Reich gerade Großbritannien gegenüber völlig allein stand. 
Will man in zwei Worten die deutsche Politik, welche zum Krüger- 
telegramm führte, charakterisieren, so beruhte sie auf unrichtiger Ein- 
schätzung wichtiger und entscheidender Faktoren auf der englischen Seite. 
Sie glaubte mit juristischen Argumenten und mit dem Bertragerecht 
wirken zu können, wo auf der britischen Seite der nüchterne und feste 
Wille bestand, sich durch keinerlei papierne Hindernisse beirren zu lassen, 
sondern sich den Weg zur Macht durch die Mittel der Macht zu bahnen, 
s koste, was es wolle. 
Hrof Reventlow, Deutschlands auowärtloc Polltie.
        <pb n="124" />
        82 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
Zene in der Wurzel unrichtige deutsche Politik, die schließlich zur 
Krügerdepesche führte, in ihr gipfelte und mit ihr endete, war nicht per- 
sönliche Politik des Deutschen Kaisers, sondern es war die Politik seiner 
berufenen und verantwortlichen Natgeber. Die Gerechtigkeit verlangt 
eine solche Feststellung in aller Ausdrücklichkeit. 
In Transvaal gingen die Dinge ihren Gang. England schickte noch 
einen Kreuzer nach der Delagoabucht. Präsident Krüger verlangte Aus- 
kunft über den Zweck des neu in Dienst gestellten Fliegenden Geschwaders 
und erhielt die Antwort: England wolle für alle Fälle vorbereitet sein. 
Der Staatssekretär Chamberlain teilte dem Präsidenten Krüger gleich- 
zeitig mit: England werde sich um jeden Preis der Einmischung jeder 
fremden Macht in die Angelegenheiten Transvaals widersetzen. Oie bloße 
Annahme, Oeutschland denke an solche Einmischung, babe einen bei- 
spiellosen Ausbruch der öffentlichen Meinung hervorgerufen. Kurz darauf 
machte Chamberlain dem Präsidenten Krüger bekannt, daß die Beschwer- 
den der Ausländer berücksichtigt werden müßten, sonst würde die Aus- 
sicht auf eine dauerhafte Regelung in verhängnisvollster Weise beeinflußt 
werden. Jene sogenannten Reformen, nämlich die Bermehrung der Rechte 
der Ausländer in Transvaal mit dem Ziele der Gleichstellung den Buren 
gegenüber, mußten mit Notwendigkeit zum Selbstmorde der Transvaal-= 
republik oder zum Kriege führen. Ein Orittes gab es nicht. Das Deutsche 
Reich legte der britischen Politik keine Hindernisse mehr in den Weg. 
Freiherr v. Marschall nahm im Frühjahr 1896 Gelegenheit, Groß-- 
britannien zu zeigen, daß die deutsche Politik nicht an Unfreundlichkeit 
denke: 
Am 1. März 1896 war eine italienische Division unter dem General 
Baratieri bei Adua in Abessinien von dem Heere des Negus Menelik 
geschlagen und zum großen Teile gefangen genommen worden. Die 
Stellung Ztaliens in Afrika war erschüttert und gewährte England dort 
nicht mehr die Deckung, welche es brauchte. Die Derwische erhoben sich 
und gingen in der Richtung auf Erpthrea vor, und die großbritannische 
Regierung glaubte die britische Autorität in Oberägppten bedroht. Sie 
bereitete eine Expedition nach Dongola vor, um den ägyptischen Süden 
zu erhalten, und richtete an die in Agppten beteiligten Großmächte das 
Ersuchen, die Kosten des Feldzuges aus der ägpptischen Schuldenkasse 
zu bestreiten. Frankreich, unterstützt von Rußland, lehnte ab. Das Deutsche 
Reich stellte sich zu allgemeinem Erstaunen dem englischen Ansuchen 
günstig gegenüber und trat dafür ein. Halbamtlich wurden als Begrün- 
dung die Znteressen des italienischen Bundesgenossen angeführt.
        <pb n="125" />
        Die europäische Entente in Ostasien. 83 
— — — — — — — — — —— 
  
Die europäische Entente in Ostasien. 
Am 27. Juli 1894 griff ein japanisches Geschwader an der Westküste 
Koreas die chinesische Truppentransportflotte an, welche 10 O0O00 Mann 
in Korea landen sollte. Oie chinesischen Schiffe wurden teils vernichtet, 
teils entkamen sie. Der jahrhundertealte Kampf zwischen dem Chinesi- 
schen Reich und Japan war in den Beginn seiner letzten Periode getreten. 
Die Armeen und die Flotten gingen gleichzeitig gegeneinander vor. Korea 
hatte ein Schutz- und Trutzbündnis mit Japan geschlossen. Japan 
bediente sich des alten Mittels, den chinesischen Einfluß auf Korea zu 
brechen, indem es dessen Selbständigkeit proklamierte. 
Am 21. November befand sich Port Arthur in japanischer Hand, 
die Japaner waren Herren der Halbinsel Liautung. Ende Oezember 
1894 wünschte die Pekinger Regierung in Friedensverhandlungen mit 
Zapan zu treten, und es war der deutsche Zolldirektor, Herr Oetring, 
welcher als Aberbringer eines Schreibens von Li-hung-Tschang nach Tokio 
geschickt wurde. Li-hung-Tschang führte dann die Verhandlungen. 
Zm April 1895 wurde zu Schimonoseki der Friede geschlossen auf 
die Bedingungen: China tritt die Halbinsel Liautung mit Port Arthur 
an Japan ab, außerdem die Insel Formosa; es öffnet dem Verkehr fünf 
neue Häfen, gibt den Zapanern die Berechtigung, Fabriken und andere 
industrielle Anlagen zu gründen, und zahlt eine Kriegsentschädigung von 
600 Millionen Mark. 
Da legten sich drei europäische Großmächte ins Mittel. Von deut- 
scher Seite war bereits Anfang März der Nat an Japan ergangen, auf 
festländisches Gebiet zu verzichten. Die Aluffassung der deutschen Regie- 
rung war: eine Festsetzung Japans auf dem ostasiatischen Kontinent 
würde sein entschiedenes Ubergewicht über China bedeuten, besonders 
auch in wirtschaftlicher Beziehung; Fapan würde „wie eine Schildwache 
vor den Zufuhrstraßen nach China sitzen und sie beherrschen“. Als kurz 
darauf Frankreich und Rußland beschlossen, auf Japan einzuwirken, 
trat Deutschland der Aktion bei, deren Zweck nach dem Ausspruch des 
französischen Ministers Hanotaux war, eine VBerschiebung des Gleich- 
gewichtes zum Nachteile Rußlands zu verhindern. Das sel die gebiete- 
rische Pflicht Frankreichs. Nach deutscher Darstellung der damaligen 
Zeit hätte sich das Deutsche Reich, als seine Mahnung an Japan ohne 
Erfolg blieb, mit Rußland ins Benehmen gesetzt; dann wäre Frankreich 
beigetreten. Wie nun auch der innere Gang dieses Zusammencchlusses 
gewesen sein mag: die Folge war, daß Japan dem Drucke der drei Mächte 
nachgab und auf die Halbinsel Liautung verzichtete, sehr schweren Her- 
zens. Oie japanischen Staatsmänner, die ununterbrochen siegreich ge- 
6“
        <pb n="126" />
        84 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
wesenen Streitkräfte und die öffentliche Meinung waren voll Wut. China, 
dessen Integrität durch den Protest der drei Mächte gewahrt worden 
war, stellte alo Dank dem Deutschen Reiche zunächst ein kleines Grund- 
stück als Konzession für die dortigen deutschen Kaufleute dicht bei der 
Hafenstadt Cientsin zur Berfügung und gestattete ebenfalls die Errich- 
tung einer deutschen Niederlassung in Hankau. Frankreich erbielt be- 
deutende territoriale und andere Zugeständnisse an der Grenze von 
Kochinchina, Rußland garantierte China eine Anleihe von 400 Millionen 
Franken, erhielt außerdem mit umfangreichen Zugeständnissen die Kon- 
zession zum Bau der Mandschureibahn bis Port Arthur, — hatte also 
den Löwenanteil bekommen, während das Oeutsche Reich eigentlich 
nichts erhielt. 
Großbritannien batte sich, als feststand, daß die Zapaner siegreich 
auf der ganzen Linie bleiben würden, in schnellem Wechsel der Stellung 
an die Seite Fapans begeben. Der Grund war ebenso klar wie die Motive, 
welche Rußland zu seiner gegenteiligen Stellung veranlaßten. Oie rus- 
sische Politik drängte auf Korea hin, und man hatte in St. Petersburg 
schon den Blick auf Port Arthur gerichtet. Die Interessen Rußlands in 
Korea und an Korea standen fest, auch die sibirische Bahn befand sich 
im Bau. Als Grenznachbar des Chinesischen Reiches mit der Absicht, 
auf dieses wachsenden Einfluß zu gewinnen, mußte dem Russischen Reiche 
eine japanische Fußfassung auf dem Kontinente als unerträglich erscheinen. 
Die Gründe und Erfolge des französischen Anschlusses wurden bereits 
erörtert. 
Die Frage bleibt: was das Oeutsche Reich letzten Endes zu jener 
Znterventionspolitik im fernen Osten veranlaßte, durch die es sich einmal 
den Unwillen Japans zuzieben, ferner sich in Gegensatz zur englischen 
Politik begeben mußte. 
Soweit sich heute übersehen läßt, kam eine Anzahl von Gründen zu- 
sammen. Damals, um Mitte der neunziger Jahre, war in Deutschland 
ziemlich allgemein die Auffassung: der neue Reichskanzler, Fürst Hohen- 
lohe, habe diese Gelegenheit benutzt, um wieder den Anschluß an Ruß- 
land zu finden und damit die deutsch-russischen Beziebungen allgemein 
zu bessern. Daß dieser Gedanke mitgewirkt bat, ist wahrscheinlich, wenn 
nicht sicher. Fürst Hohenlohes Politik ging von Anfang an darauf hin, 
den Draht nach Petersburg wieder mit elektrischem Strome zu füllen. 
Der alte erfahrene Staatsmann wußte die Bedeutung der Beziehung 
zu Rußland zu schätzen, und sein Borhaben wurde ihm durch den rus- 
sischen Thronwechsel erleichtert, ebenso durch seine persönlichen Bezie- 
hungen in Rußland, wo er Grundbesitz hatte. 
In seinen Denkwürdigkeiten erzählt der Fürst: er habe bei seinem
        <pb n="127" />
        Die europäische Entente in Ostasien. 85 
  
  
Besuche in Petersburg dem Zaren gesagt: wir wären (in Ostasien) von 
dem Wunsche geleitet gewesen, unsere guten Beziehungen zu Rußland zu 
manifestieren. Darüber sei der Zar erfreut gewesen und habe selbst seiner 
Befriedigung über die deutsche Politik in der ostasiatischen Angelegen- 
heit Ausdruck gegeben. — Selbstverständlich braucht man aus der Oar- 
stellung, die Hohenlohe dem Zaren gab, nicht zu schließen, daß die deut- 
sche Politik nur von dem Wunsche beberrscht gewesen sei, „unsere guten 
Beziehungen zu Rußland zu manifestieren“". Mitgespielt hat aber, wie 
gesagt, dieses Motiv ohne Zweifel stark. Bemerkenswert ist auch die 
Außerung des Zaren, ob nicht die Person des damaligen Staatssekretärs, 
Freiberrn v. Marschall, die Ursache der deutsch-russischen „Mißverständ- 
nisse“ gewesen sei. Hohenlohe antwortete darauf, „daß Marschall nur 
das täte, was ihm befohlen werde, daß nichts ohne den Befehl des Kai- 
sers geschehe“. Schließlich gibt der Füest die sibpllinische Bemerkung 
von sich: „vielleicht hätten Meinungsverschiedenheiten zu Mißverständ- 
nissen Anlaß gegeben“. Er hätte es lieber umkehren können. Den wich- 
tigen Kern der deutschen Stellungnahme enthüllt Hohenlohe in dem 
gleichen Berichte durch die Mitteilung, der Zar habe ihm gesagt: „er 
habe unserem Kaiser im Frühjahr geschrieben, er würde nichts dagegen 
haben, wenn wir uns irgend etwas dort erwerben wollten, um einen 
festen Punkt oder eine Kohlenstation zu haben.“ Worauf Hohenlohe 
dem Zaren sagt: der Deutsche Kaiser habe es ihm unter dem Siegel der 
Verschwiegenheit mitgeteilt. Zum Schlusse jener Unterhaltung trägt 
der Zar dem Kanzler beste Grüße an den Kaiser auf und bittet ihn, ihm 
persönlich zu schreiben, wenn er etwas mitzuteilen habe. Das war im 
Herbst 1895. Der Zar nahm damals und ebenso während seines Besuches 
zu Breslau im nächsten Jahre Gelegenheit, sein tiefes Mißtrauen gegen 
die großbritannische Politik zum Ausdrucke zu bringen. „Die Beziehungen 
Rußlands zu Deutschland“, sagte Nikolaus II. dem Kanzler, „werden 
stets gute bleiben.“ 
Aus diesen Mitteilungen des alten Kanzlers, die, als sie nieder- 
geschrieben wurden, für die Offentlichkeit nicht bestimmt waren, geht der 
Umschwung unwidersprechlich hervor, den die deutsch-russischen Be- 
ziehungen durch das Zusammengehen von 1895 erfahren hatten. Klar 
wird ebenfalls, daß dieses Zusammengehen die Grundlage für die 
spätere deutsche Pachtung an der Kiautschoubucht bildete. Die Gesamt- 
beurteilung jener Schwenkung der deutschen Politik muß also eine sehr 
wesentlich andere sein als die zeitgenössische jener Tage, ganz einerlei, 
wie man sich zu dem später zu erörternden Werte der Kiautschoupachtung 
stellen will. 
Das deutsche Zusammengehen mit Rußland und Frankreich wurde
        <pb n="128" />
        86 2. Ubschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1898—1903. 
.. 
damals vom Organe des Fürsten Bismarck, den „Hamburger Nachrich- 
ten“, als ein „Sprung ins Dunkle“ bezeichnet. Es galt auch sonst in der 
deutschen Presse als ein neuer Beweis des sogenannten Zickzackkurses, 
einer schwenkenden und schwankenden, planlosen Politik. Planlos war 
diese Politik nun zweifellos nicht: sie schuf sich die ihr notwendig erschei- 
nende Vorbedingung für einen deutschen Fußpunkt an der chinesischen 
Küste, der zugleich ein Einfallstor des deutschen Handels nach China 
hinein, einen Anlaufhafen für Handelsschiffe und eine Basis für deutsche 
Kriegsschiffe in jenen Meeren bilden sollte. Das Bedürfnis war in jedem 
dieser drei Punkte vorhanden. Dazu kam die Gelegenheit, ipso kacto 
Rußland einen großen Oienst zu leisten und mit ihm, sozusagen, in eine 
stillschweigende Entente über Ostasien zu gelangen. Aluf der anderen 
Seite standen als Nachteile: die Verstimmung Fapans und die Stellung, 
welche hier zum ersten Male in einer großen Frage offen gegen England 
genommen wurde. Die Verstimmung JZapans von 1895 hat bis zum 
Kriege 1914/15 nie aufgehört zu wirken. Es gab wohl keine Großmacht 
damals einschließlich Großbritanniens, die nicht Japan stark unterschätzte. 
Das ist ein schwerer Fehler gewesen, aber keiner der Deutschen allein, 
während anderseits die Wichtigkeit der japanischen Stimmung Deutsch- 
land gegenüber, auch wenn man ZJapan unterschätzte, auf der Hand liegen 
mußte. Ee ist oft gesagt worden, daß man jene Stimmung zu unseren 
Ungunsten leichtfertig, ungeschickt und unnötigerweise erweckt hätte. 
Eine Beurteilung der Richtigkeit oder Unrichtigkeit jenes deutschen Vor- 
gehens ist nur möglich unter dem Gesichtspunkte, der damals die deutsche 
Politik leitete. Oieser Gesichtspunkt war, wie gesagt: die Vorbereitung 
für Erwerbung eines deutschen Fußpunktes an der ostasiatischen Küste. 
Hätte Deutschland sich zurückgehalten oder gar mit England für Zapan 
Stellung genommen, so wäre dieses Ziel schwerlich erreicht worden. 
Dann würde Japan die Halbinsel Liautung mit Port Arthur zunächst 
jedenfalls behalten haben. Rußland hätte seine Anwartschaft auf Port 
Arthur vorläufig aufgeben müssen und ohne Zweifel einer deutschen 
Fußfassung ernsten Widerstand entgegengesetzt. Auf alle Fälle würden 
sich die deutsch-russischen Beziehungen verschlechtert haben, man würde 
weder bei England noch bei Fapan auf wohlwollende Begrüßung eines 
deutschen Kiautschou haben rechnen können. 
Ein großer Teil der öffentlichen Meinung Deutschlands, mit ihr das 
Organ des Fürsten Bismarck, urteilte auch, daß ODeutschland sich hätte 
zurückhalten und in der Kunst des Wartens üben müssen. Man könnte 
dem angesichts der damaligen Verbältnisse beipflichten, wenn nicht eben 
die — damals allen öffentlichen Beurteilern unbekannte — geheime 
Vereinbarung zwischen dem Deutschen Kaiser und dem Zaren über den
        <pb n="129" />
        Die europäische Entente in Ostasien. 87 
  
Erwerb zweier ostasiatischer Stützpunkte bestanden hätte. Oeutschland 
wollte den Zweck, es mußte auch die Mittel wollen. Es ist auch gesagt 
worden, die deutsche Politik habe mit jenem Schritte um Frankreichs 
Gunst werben oder überhaupt Anschluß an die europäischen Festlands- 
mächte finden wollen. Das kann, wie aus allem obigen hervorgeht, zu- 
mal hinsichtlich Frankreichs, höchstens alö wünschenswerte Begleiterschei- 
nung betrachtet worden sein. Man darf auch nicht vergessen, daß dieser 
Schritt im selben JZahre erfolgte, wo Kaiser Wilhelm sein öffentliches 
Bekenntnis zur Notwendigkeit deutscher Weltpolitik ablegte. Hier bot 
sich Gelegenheit zu einem weltpolitischen Schritte von anscheinend großer 
weltwirtschaftlicher Tragweite und sie wurde benutzt. Die Psychologie 
gerade jener Periode der amtlichen Politik scheint unter dem Motto: 
Weltpolitik zu stehen, letztere dagegen weniger als jeweiligen Haupt- 
zweck Anderungen der europäischen Gruppierung im Auge gehabt zu haben. 
Auf die Gefahr hin, eine Ketzerei auszusprechen, möchten wir meinen, 
daß die deutsche Politik darauf ausging, eine Politik der freien Hand nach 
jeder Seite hin zu sein; ob und wann sie dieses Ziel erreicht hat, — diese 
Frage ist von der Tatsache jenes Bestrebens — oder Programmes — 
unabhängig und zu trennen. 
Man muß degzhalb auch die Auffassung für unrichtig halten: der 
deutsche Schritt 1895 habe gewissermaßen eine prinzipielle Abkehr der 
deutschen Politik von England bedeutet. Daß das nicht der Fall war, 
zeigt eine Reihe von späteren Ereignissen und Momenten, außerdem 
waren 1895 die Tage der kurzen deutsch-britischen Intimität schon vor- 
über, und die südafrikanische Krisis übte ihren Einfluß auf die deutsch- 
englischen Beziehungen bereits seit 1894. Es mag sein, daß die Leiter 
und Bertreter der deutschen Politik noch immer hofften, durch gelegent- 
lichen Anschluß an Großbritannien erfolgreich weltpolitischen Zielen nach- 
gehen zu können. Um es aber noch einmal zu sagen: Zweck und Ziel war 
Weltpolitik. Ihr ordnete man die Ubel, welche den Leitern der deutschen 
Politik als die kleineren erschienen, unter. Oaß tatsächlich diese Übel 
nicht „die kleineren“ waren, hat vor allem und in verhängnisvoller Weise 
die Unterschätzung Japans gezeigt. 
Die englische Handelseifersucht — Das erste Flottengesetz. 
In einer öffentlichen Versammlung sagte der frühere Premier- 
minister Lord Roseberny: er führe die Störung des Berhältnisses zwischen 
Großbritannien und Deutschland nicht nur auf die Transvaalfrage, son- 
dern vor allem darauf zurück, daß Deutschland Großbritannien auf wirt- 
schaftlichem Gebiete zu überflügeln beginne. Er sei ganz überrascht von
        <pb n="130" />
        88 2. Abschnitt. Weltpolltische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
den technischen und kommerziellen Fortschritten der Deutschen; der deut- 
sche Wettbewerb auf diesen Gebieten sei eine Gefahr der Zukunft. Deutsch- 
land besitze das vollkommenste Sostem technischer Ausbildung, sei da- 
her der gefährlichste Nebenbuhler Großbritanniens und bedrohe den 
britischen Handel, sogar in Indien und ÄAgppten. Ein anderes Mal sagte 
Lord Roseberp: „Wir sind bedroht durch einen furchtbaren Gegner, 
welcher uns benagt wie das Meer die schwachen Partien einer Küste be- 
nagt — ich meine Oeutschland. Der Handel des vereinigten Königreiches 
hört nicht auf, sich zu verringern, und was es verliert, das gewinnt in 
der Hauptsache Deutschland.“ — Oer Kolonialsekretär Mr. Zoseph Cham- 
berlain variierte dasselbe Motiv, freilich mit dem Sonderzwecke, für sein 
Zdeal des imperialistischen Zusammenschlusses auf dem wirtschaftlichen 
Gebiete Stimmung zu machen. 
Schon seit Zahren wurden in den englischen Zeitungen Berichte 
britischer Konsuln veröffentlicht, die das Wachsen des deutschen Wett- 
bewerbes auf den überseeischen Märkten feststellten und beklagten. Man 
hatte diese Erscheinungen aber als etwas hingenommen, das sich natur- 
gemäß aus der machtpolitisch gesicherten inneren Entwicklung des Deut- 
schen Reiches ergab und ergeben mußte. Diejenigen britischen Kreise, 
welche anders dachten, kamen mit ihren Gedanken nicht an die Offent- 
lichkeit. Bom Zeitpunkte der Krügerdepesche an trat die englische Wirt- 
schaftseifersucht mit beispielloser Behemenz nach außen in die Erschei- 
nung. DOie deutsche Transvaalpolitik, gewiß, die vergaß man nicht und 
gedachte auch nicht, sie in Zukunft zu vergessen. Man empfand sie als 
eine Anmaßung des flottenlosen Deutschen Reiches gegen das seebeherr- 
schende England. Das Oeutsche Reich und seine Politik schuldeten, so 
war die allgemeine britische Auffassung, Großbritannien Dank für ein 
subjektives Wohlwollen, und auf dem Gebiete des Seehandels und der 
Kolonien Gehorsam und Anschluß. Bei dauernd gutem Betragen wäre 
dann vielleicht hier und da ein überseeischer Brocken für Deutschland ab- 
gefallen. In diesem Sinne nur war man entrüstet mit der Naivität des 
auserwählten Volkes, daß Deutschland in der Transvaalangelegenheit es 
an dem schuldigen Gehorsam hatte fehlen lassen. Als ein ernsthaftes 
Hindernis für die britischen Pläne in Südafrika betrachtete man jedoch 
diese deutschen Bestrebungen nicht. Davon war keine Rede, denn man 
wußte und sah genau, daß den Deutschen an den nötigen Machtmitteln, 
um die Marschallsche Transvaalpolitik in die Tat umzusetzen, alles fehlte. 
Aus diesem Grunde war auch die früher vielbesprochene Erscheinung 
selbstverständlich, daß die amtliche Politik des britischen Reiches schon 
unmittelbar nach der Krügerdepesche wieder in unverändert freundlichen 
Beziehungen zu der amtlichen deutschen Politik stand. Es lag eben kein
        <pb n="131" />
        Dle englische Handelseifersucht — Das erste Flottengesetz. 89 
  
Grund zum Gegenteile vor, nachdem der „Zwischenfall“ an sich Erledi- 
gung gefunden hatte, und seitdem der britischen Politik in Südafrika 
durch die deutsche Politik keinerlei Hindernisse in den Weg gelegt wurden. 
Auch in der Folge zeigte sich auf beiden Seiten der Wunsch und 
ebenso die Möglichkeit, gelegentlich politisch zusammenzugehen. In Eng- 
land sollten sich bald noch viel weitergehende Bestrebungen für eine An- 
näherung an Oeutschland entwickeln. Trotz alledem aber war seit der 
Krügerdepesche die Stimmung zwischen den Bevölkerungen der beiden 
Länder eine dauernd schlechte und tief erbitterte, die Regierungen moch- 
ten tun und wünschen, was sie wollten. Diese Verstimmung bezog sich 
zunächst direkt auf die südafrikanische Angelegenheit. Man war in Deutsch- 
land tief erbittert über ihren Ausgang und niedergeschlagen angesichts 
der deutschen Ohnmacht. Man erhob die beftigsten Vorwürfe gegen die 
nachherige Politik der Reichsregierung, obgleich diese, wie wir vorher 
sahen, sachlich die einzig mögliche war. Man verstand vielfach nicht, daß 
die Politik, welche zur Krügerdepesche führte, eine unrichtige deshalb war, 
weil sie nicht auf dem Boden einer ihren Zielen entsprechenden Macht 
stand und alle Faktoren der anderen Seite falsch einschätzte. Als nun voll- 
ends nach der Krügerdepesche der unerwartete Sturm der öffentlichen 
Meinung in England unverhüllte Feindseligkeit und geringschätzigste Auße- 
rungen über die deutsche Politik und ihre Machtmittel brachte, vertiefte 
sich nur noch die Wirkung auf das deutsche Bolk, ohne daß freilich un- 
glücklicherweise die grundsätzliche Fehlerhaftigkeit der deutschen Süd- 
afrikapolitik bis 1896 richtig gewürdigt worden wäre. Dagegen begann 
es in den Köpfen zu dämmern, daß der Oeutsche Kaiser doch wohl mehr 
Recht habe, als man bisher geglaubt hatte, wenn er eine starke deutsche 
Flotte verlangte und zu schaffen versuchte. 
Die Stimmung der britischen Bevölkerung nahm an Erbitterung zu, 
aber — umgekehrt wie die deutsche — verlegte sie sich beinahe ausschließ- 
lich auf die Beobachtung und die Aufbauschung der wirtschaftlichen Ri- 
valität zwischen den beiden Mächten. Jener Zeitabschnitt vom Beginn 
des Jahres 1896 bis zur Jahrbundertwende hinterläßt die Uberzeugung, 
daß es ganz unrichtig ist — wie es auch heute noch geschieht — von den 
„unheilvollen Folgen der Krügerdepesche“ zu sprechen, die unsere Be- 
ziehungen zu England verdorben haben sollen. Aufrechterhalten läßt 
sich weiter nichts, als daß die Krügerdepesche einen Ausbruch beispiel- 
loser Heftigkeit der öffentlichen Meinung in England zur Folge gehabt 
hat. Die Krügerdepesche kann aber nur als der äußere Anlaß, als die Ge- 
legenheit dieses Ausbruches angesehen werden, nicht als seine Ursache. 
Die eigentliche Ursache lag vielmehr in dem Gefühle der Engländer, 
daß Deutschland auf dem wirtschaftlichen Gebicte sich zu einem ständig
        <pb n="132" />
        90 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
gefährlicher werdenden Nebenbuhler entwickele. Solange sich die öffent- 
liche Meinung in England der Uberzeugung hingab, dieser wirtschaft- 
liche Nebenbuhler werde sich zum mindesten nicht einfallen lassen, eine 
selbständige überseeische Politik zu versuchen, bielt man nicht für ange- 
zeigt, die vorhandene Unruhe und Erbitterung wegen des wirtschaft- 
lichen Wettbewerbes Deutschland gegenüber zum Auedruck zu bringen. 
Man konnte nicht wissen, in was für Lagen die politische und militärische 
Hilfe des Deutschen Reiches sich als von unschätzbarem Werte für Groß-- 
britannien erweisen würde. Aun schien mit der Krügerdepesche nicht nur 
die Illusion zerstört worden, daß das Deutsche Reich sich in überseeischen 
Dingen freiwillig von der britischen Politik abhängig machen werde, son- 
dern man konnte auch nicht mehr darüber zweifelhaft sein, daß Deutsch- 
land, wenn auch nicht im Besitze der erforderlichen Macht, des Willens 
war, seine wirtschaftliche Entwicklung über See auch durch die Mittel 
der Politik so sehr zu fördern, wie es nur immer anging, allein oder im 
Vereine mit anderen Mächten. Ein Beispiel dafür hatte 1895 der deutsch- 
russisch-französische Zusammenschluß im fernen Osten geliefert. Auch 
da befand sich also Deutschland im Lager des schlimmsten und gefähr- 
lichsten Gegners der britischen Politik in Asien, während die beiden 
Inselmächte, Zapan und Großbritannien, allein auf der Gegenseite 
standen. 
Zn Deutschland ist es nur wenig bekannt geworden, daß die deutsche 
Regierung im JZahre 1896 mit der russischen und der französischen Regie- 
rung in Verbindung trat, um womöglich ein Abkommen zu vereinbaren, 
welches die Garantie der Neutralität der südafrikanischen Republiken ge- 
währleistete. Wie weit diese Besprechungen gedieben, wissen wir nicht. 
Nach dem Gesagten war aber klar, daß sie zu einem Ergebnisse nicht füh- 
ren konnten, weil Frankreich jede derartige BVerbindung mit dem Deut- 
schen Reiche ablehnte und schon im Falle der Wahrscheinlichkeit eines 
ernsten europäischen Konfliktes sich gegen Deutschland gestellt haben würde. 
Dazu kam, daß die Transvaalsche Republik sich dem deutschen Gedanken 
gegenüber keineswegs entgegenkommend verhielt. Der weitblickende und 
energische Staatssekretär Dr. Leyds freilich war ein überzeugter Ver- 
fechter des Planes, aber sein Bertreter in Südafrika dachte anders, und 
Präsident Krüger war schwach, beberrschte wohl auch nicht in dem Maße 
das Gebiet der Politik und Diplomatie, wie man im allgemeinen ange- 
nommen hat. Aberflüssig ist es zu sagen, daß die englische Politik alles 
Denkbare tat, um zu hintertreiben, daß die Südafrikanischen Republiken 
vertraglich sich unter den Schutz der europäischen Festlandmächte stellten. 
Genug, der Plan scheiterte, und mit ihm scheiterten die glänzenden wirt- 
schaftlichen Aussichten Deutschlands in Südafrika sowie die Hoffnung,
        <pb n="133" />
        Dle englische Handelseifersucht — Das erste Flottengesetz. 91 
  
die burischen Germanen der Anglisierung entziehen zu können. Die von 
der deutschen Politik hier angestrebte „Solidarität der Festlandmächte“ 
zeigte sich als Phantom: weil dieses Mal das Problem ein überseeisches 
war, und weil Deutschland sich nicht dem Zweibunde anschloß wie in Ost- 
asien, sondern vom Zweibunde Unterstützung in einer Frage verlangte, 
die eine europäische werden konnte, dabei an und für sich der russischen 
Politik gleichgültig war. 
Zn dem vielmaschigen Kausalnetze der auswärtigen Politik mit ihren 
Macht- und Wirtschaftsfragen wird man bei jeder neuen Erscheinung, 
bei jedem neu auftretenden Momente nicht eine einzige Ursache, sondern 
eine ganze Anzahl zu suchen haben. Sie häufen sich und verstärken ein- 
ander, bis schließlich der letzte „Tropfen“ kommt. Woher dieser kommt 
und wie er beschaffen ist, pflegt gemeinhin nicht von besonderer Wichtig- 
keit zu sein. Ein englischer Seeoffizier schreibt in seiner preisgekrönten 
Arbeit über das Wesen der Seeherrschaft das Folgende: 
„Wir (Großbritannien) ziehen nicht in den Krieg aus sentimentalen 
Gründen. Ich zweifle, ob wir das jemals taten. Krieg ist das Ergebnis 
von Handelestreitigkeiten; seine Ziele sind, dem Gegner diejenigen Han- 
delsbedingungen durch unser Schwert aufzuzwingen, welche wir als not- 
wendig erachten zum Vorteile unseres Handels. Wir lassen alle Arten 
von Kriegsursachen gelten, aber zugrunde liegt ihnen allen der Handel. 
Ob die Ursache des Krieges die Verteidigung oder der Erwerb einer stra- 
tegischen Position sein mag, ob der Bruch von Berträgen oder was sonst 
noch — alle Ursachen führen sich auf den Handel als gemeinsame Wurzel 
zurück, aus dem einfachen und schlagenden Grunde, weil der Handel 
unser Lebeneblut ist!s# 
Unter diesem Gesichtspunkte müssen wir auch die nach außen bin 
ironischen und verächtlichen, im Grunde aber beunruhigten und besorgten 
Kommentare der britischen Presse verstehen, als Kaiser Wilhelm An- 
fang 1896 jene Rede bielt: das Deutsche Reich sei ein Weltreich geworden, 
es gelte nun, die Deutschen außerhalb der Grenzen des Reiches mit diesem 
fest zusammenzuschließen. Eine objektive und billige Beurteilung konnte 
in jenen Worten des Kaisers nichts Bedrohliches, auch keine Eroberungs- 
pläne finden, vielmehr nur Richtlinien für naturgegebene und deehalb 
legitime Bestrebungen eines wachsenden und handeltreibenden Volkes. 
Das aber war es gerade, was Großbritannien als eine „Herausforderung“ 
und Bedrohung seiner vitalen Interessen erschien, und um diesen eigent- 
lichen Grund der Beunruhbigung zu verbergen, schob man Deutschland, 
vor allem dem Deutschen Kaiser, napoleonische Eroberungspläne unter. 
Die Aufregung über diese vermeintlichen Pläne war künstlich und in sich 
unwahr. Hätten sie bestanden, so würde am allerwenigsten Großbritannien
        <pb n="134" />
        92 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1896—1903. 
  
nötig gehabt haben, sie zu fürchten. Was Großbritannien fürchtete, war 
der deutsche Handelswettbewerb. 
Der Kernpunkt und das Wesen jener fortgesetzten internationalen 
Erörterungen fand seinen Ausdruck am prägnantesten in dem damals 
vielbesprochenen Aufsatze der Londoner Wochenschrift „Saturday Re- 
view“ vom Herbst 1897. Der ungenannte Verfasser knüpfte an die Zu- 
sammenkunft zwischen dem Oeutschen Kaiser und dem Zaren und die 
starke Besserung der deutsch-russischen Beziehungen an, vor allem aber 
an ein dem Fürsten Bismarck von den „Times“ zugeschriebenes Wort: 
„Der Kernpunkt der Unterhaltung zwischen dem Kaiser und dem Zaren 
muß sich um England gedreht haben.“ Bismarck habe, so sagte die Zeit- 
schrift, längst erkannt: „was schließlich mun auch das englische Volk ein- 
zusehen beginnt, daß es in Europa zwei große unversöhnliche, entgegen- 
gesetzte Kräfte gibt, zwei große Nationen, welche die ganze Welt zu ihrer 
Domäne machen und von ihr Handelstribut einfordern möchten. Eng- 
land .. und Oeutschland . wetteifern miteinander in jedem Winkel 
des Erdballes. Im Transvaal, am Kap, in Mittelafrika, in Indien, in 
Ostasien, auf den Inseln der Südsee und im fernen Nordwesten, überall, 
wo die Flagge der Bibel und der Handel der Flagge gefolgt ist, da hat 
der deutsche Handlungsreisende mit dem englischen Hausierer gestritten. 
Wo es gilt, ein Bergwerk auszubauen oder eine Eisenbahn zu bauen, 
wo Eingeborene von der Brotfrucht zur Büchsenfleischnahrung, von der 
Enthaltsamkeit zum Handelsschnaps binübergeleitet werden sollen, da 
suchen Deutsche und Engländer einander zuvorzukommen. Eine Million 
kleiner Nörgeleien schafft den größten Kriegsfall, den die Welt je ge- 
sehen hat. Wenn Oeutschland morgen aus der Welt vertilgt würde, so 
gäbe es übermorgen keinen Engländer in der Welt, der nicht um so rei- 
cher wäre. Bölker haben jahrelang um eine Stadt oder um ein Erbfolge- 
recht gekämpft; müssen sie nicht um einen jährlichen Handel von fünf 
Milliarden Mark Krieg führen 2“ 
„Was Biemarck sich vorstellte und was auch wir bald einsehen werden, 
ist die Tatsache, daß nicht nur der greifbare Interessenstreit zwischen 
England und Deutschland vorhanden ist, sondern, daß auch England die 
einzige Großmacht ist, die Deutschland ohne enormes Risiko und ohne 
Zweifel am Erfolge bekämpfen kann ... Nach diesem Erfolge werde 
man an Frankreich und Rußland sagen: sucht euch Kompensationen, 
nehmt euch innerhalb Deutschlands, was ihr wollt, ihr könnt es haben.“ 
Der Schluß des Artikels wurde durch die seitdem so oft zitierten Worte 
gebildet: „Germaniam esse delendam.“ Ungefähr um dieselbe Zeit 
äußerte sich in Deutschland Professor Schäffle über englische und deutsche 
Seeinteressen in Ausführungen, die für die damaligen Stimmungen und
        <pb n="135" />
        Oie englische Handelseifersucht — Das erste Flottengesetz. 93 
  
Auffassungen, besonders aber als Gegenstück zu den englischen Artikeln 
noch heute von Znteresse sind. Schäffle schrieb u. a.: „Die Fortschritte 
unseres Seehandels seit fünfundzwanzig, namentlich aber seit zehn Zahren 
sind so gewaltig, unsere wirtschaftliche Bedeutung ist rasch so groß ge- 
worden, daß Deutschland von seiten der NRivalen her auf alles gefaßt 
sein muß. Man gebe sich darüber keiner Täuschung hin, daß die Engländer, 
wenn sie es nur irgend wagen können, bei erster Gelegenheit unserem 
Überseehandel und unserer Exportindustrie den Todesstoß zu geben suchen 
werden .. Erund zur Eifersucht hat der riesige Aufschwung, welcher 
seit der Gründung des Reiches der Nberseehandel, die Exportindustrie, 
die Reederei, der Schiffbau, die Gründung überseeischer Banken, die 
Beteiligung an auswärtigen Eisenbahnen und Plantagen genommen 
haben, in gerüttelt vollem Maße unsern Rivalen wirklich gegeben.“ 
Zm Frühjahr 1898 richtete der Engländer Sidney Wbitman, der dem 
Fürsten Bismarck persönlich bekannt war, brieflich an ihn die Frage, 
wie die englisch-deutschen Beziehungen gebessert werden könnten. Fürst 
Bismarck ließ dem Engländer durch den Grafen Rantzau, seinen Schwieger- 
sohn, antworten — wir folgen der Bersion der „Hamburger Nachrichten“: 
„Der Fürst bedaure, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und 
England nicht besser seien, als sie eben sind. Bedauerlicherweise wisse 
er kein Mittel dagegen, da das einzige ihm bekannte, das darin bestehe, 
daß wir unserer deutschen Industrie einen Zaum anlegten, nicht gut ver- 
wendbar sei.“ 
Es ist eine Tatsache von Bedeutung, daß gerade Biemarck, der sich 
nach seiner Entlassung nie gescheut hatte, öffentlich auszusprechen, wenn 
seine Ansichten mit denen des „neuen Kurses“ nicht übereinstimmten, 
oder aber, der sich zurückhielt, wenn er eine Meinungsäußerung für schäd- 
lich hielt, in diesem Falle — zwei Jahre nach der Krügerdepesche — er- 
klärte, das einzige Mittel zur Berbesserung der englisch-deutschen Be- 
ziehungen sei, der deutschen Industrie einen Zaum anzulegen. Das wäre, 
wie er ironisch meinte, „nicht gut verwendbar“. 
Die deutsche Handelerivalität kam den Engländern um so unbe- 
quemer und überraschender, weil sie früher nicht mit ihr gerechnet hatten. 
Großbritannien war von alter Zeit her im Besitze des Handelsmonopole 
der Welt. Es konnte den Freihandel zunächst mit ungeheurem Erfolge 
einführen, weil es keine Nebenbuhler ernster Art in der Welt hatte. Groß- 
britannien trat, wie Bismarck — Ende der siebziger Zahre — in einer 
Reichtagsrede sagte, wie ein allen seinen Mitmenschen an Kräften weit 
überlegener Athlet auf die Bühne und sagte: nun kommt heran, wenn 
ihr könnt! Und sie konnten alle nicht. So gedieh das freihändlerische 
England nicht durch das „freie Spiel der Kräfte“, sondern weil es die
        <pb n="136" />
        94 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
  
einzige „Kraft“ war. Als dann der deutsche Zollverein entstanden war 
und nach 1870 das Deutsche Reich versuchte, eine Industrie- und Handels- 
macht zu werden, da schlug es fehl, weil ihm der innere Markt fedlte, 
weil es immer nur kaufte und nicht verkaufte; wie Biesmarck sagte: unser 
Wirtschaftsleben wäre an innerer Blutleere zugrunde gegangen. Ende 
der siebziger Jahre ging der Kanzler deshalb zum Schutzzoll über. Seine 
segensreichen Folgen für den deutschen Außenhandel zeigten sich bereits 
um Aitte der achtziger Jahre kräftig. 
Fürst Hohenlohe schrieb im Jahre 1897, als die erste Tirpitzsche Flotten- 
vorlage zur Erörterung stand: „Um nun Geld für das Reich zu bekommen, 
änderte Bismarck seine Zollpolitik und gab den gemäßigten Freihandel 
auf. Auch hier stand das deutsche Volk auf seiner Seite. Nun bekamen 
wir Geld, 300 bis 400 Millionen, und das Reich konnte leben. Die Schutz- 
zollpolitik erzeugte aber einen kolossalen Aufschwung der Industrie.“ 
Als Großbritannien zuerst die Konkurrenz der deutschen Ware auf 
dem eigenen Innenmarkte nachteilig empfand, da wurde das berühmte 
Gesetz erlassen, daß alle aus Deutschland eingeführten Waren den Stem- 
pel „made in Germany“ tragen sollten. Dem lag die vorgefaßte britische 
Ansicht zugrunde, daß die englische Ware eo ipso viel besser sei als die 
deutsche, und aus diesem Grunde kein Abnehmer Ware kaufen würde, 
über deren deutschen Ursprung er unterrichtet sei. Das war der erste 
große Zrrtum und Fehlgriff, denn gerade jener Stempel wurde zur Ur- 
sache, daß überall nun erst recht die deutsche Ware auf Kosten der englischen 
gesucht und gekauft wurde. 
Das Jahr 1896, welches so ereignisreich gerade auf dem Gebiete der 
britisch-deutschen Beziehungen war, bildete auch wirtschaftlich zufällig 
einen bedeutenden Abschnitt auf eben diesem Gebiete, ja, einen epoche- 
machenden. 1896 zum ersten Male zeigte sich die deutsche Flagge im 
Hamburger Hafen der englischen überlegen. Zu gleicher Zeit erwies 
die Statistik, daß England aus dem früher sehr umfangreichen und ge- 
winnbringenden Zwischenhandel, welchen es für Deutschland über See 
gefübrt hatte, fast verdrängt worden war. Von 1886 bis 1896 war der 
deutsche Seeverkehr nach England — berechnet nach der Tonnenzabl — 
nur um 35 Prozent gestiegen, nach Schweden um 917, nach Osterreich- 
Ungarn um 340, nach den Vereinigten Staaten um 128, nach Mexiko, 
Mittel- und Südamerika um 317, nach Indien und Ostasien um 488, 
nach Australien um 475, nach Südafrika um 250, nach der Levante um 
261 Prozent. Die Hochseefischereien der Nordsee, die früher beinahe aus- 
schließlich in englischer Hand gewesen waren, hatten sich von 1873 bis 
1896 verzwölffacht. In derselben Zeit war die Zahl der deutschen Damp- 
f#er auf das Sechsfache gestiegen, ihr Tonnengehalt auf mehr denn das
        <pb n="137" />
        Oie englische Handelseifersucht — Das erste Flottengesetz. 95 
—— 
Zehnfache. Der Wert des deutschen Gesamthandels hatte um elfhundert 
Millionen Mark zugenommen. Die deutschen Passagierdampfer galten 
mit Grund und Recht als die besten und schnellsten der Welt. Oie deut- 
schen Konsulate im Auslande vermehrten sich von Jahr zu Jahr, und 
ebenso wuchs die Höhe der in Ubersee investierten Beträge deutschen Geldes. 
Alle diese Tatsachen wurden — das war ein überaus wichtiges Zu- 
sammentreffen politischer, militärischer und wirtschaftlicher Momente in 
den JZahren 1896 bis 1899 — erst damals weiteren Kreisen des deutschen 
Volkes bekannt. Es war das große Verdienst des neuen (seit 1897) Staats-- 
sekretärs des Reichs-Marine-Amts, Kontreadmirals Tirpitz, Denkschriften 
und Zusammenstellungen anfertigen zu lassen, die dem deutschen Volke 
zeigten: einmal, wie ungeheuer seine wirtschaftlichen Fortschritte, im be- 
sonderen die des seeischen und überseeischen Handels, waren, welcher Zu- 
kunft sie entgegengingen, ferner, daß diese „Seeinteressen“ nicht nur be- 
schränkte Interessenkreise, sondern das ganze Volk aufs tiefste berührten 
und zu Bedingungen für dessen Wohlstand geworden waren. Man muß 
rückschauend heute sagen, daß jene Veröffentlichungen oder, allgemein 
gesprochen, die Volkstümlichmachung des Begriffes der deutschen See- 
interessen eine Tat dargestellt hat, deren Folgen von höchster Bedeutung ge- 
wesen sind. Sie erst begannen in den Augen der deutschen Bevölkerung 
jene Rede Kaiser Wilhelms II. von der deutschen Weltpolitik zu recht- 
fertigen. Sie erklärten ferner durch sich selbst und auf das allerbeweis- 
kräftigste die britische Unruhe und Eifersucht. Sie endlich zeigten dem 
deutschen Bolke das ungeheure Mißverhältnis zwischen der Größe und 
Bedeutung der deutschen Seeinteressen für Gegenwart und Zukunft und 
ihrer Schutzlosigkeit. Wie eine englische Zeitschrift eben in jener Zeit 
schrieb: „Die deutsche Flotte ist recht gut, ihre Seeleute und Offiziere 
sind tapfere Männer, aber auch sie halten es nicht für möglich, unsere 
Schiffe bei einer Ubermacht von 3 gegen 1 zu schlagen. In dieser Uber- 
macht würden wir im vorigen Jahre gegen sie gewesen sein. Wir können 
deshalb annehmen, daß die Deutschen ihre Flotte im Hafen gehalten 
haben würden, weil sie es nicht nötig haben, ihren Mut in einem hoff- 
nungslosen Kampfe zu zeigen .. Die Anglophoben in der deutschen 
Presse scheinen gar nicht zu wissen, daß Deutschland eine sehr große Han- 
delsflotte hat. Uberall weht die deutsche Flagge. Mit der Kriegs- 
erklärung würde die ganze deutsche Handelseflotte uns auf Gnade und Un- 
gnade ausgeliefert sein. Auf allen Weltmeeren würden unsere Kreuzer 
deutsche Schiffe aufbringen und wegnehmen ... Deutschland bat nur 
kurze Küstenlinien, und seine Hafeneinfahrten sind ganz besonders leicht 
zu sperren. Nun überlege man sich, wieviel es für Deutschland ausmachen 
würde, wenn seine Flagge vom Weltmeere verdrängt und seine Häfen
        <pb n="138" />
        96 2. Abschnitt. Weltpolltische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
blockiert wären .. Geradeheraus gesagt, würde ein Krieg für Deutsch-- 
land, selbst wenn er von deutscher Seite mit größter Weisheit und Vor- 
sicht geführt würde, doch einen unmittelbaren Verlust allerschwerster Art 
zur Folge haben, während wir so gut wie gar nichts verlieren würden.“ 
Es war nicht möglich, auch nur einen einzigen dieser Sätze Lügen 
zu strafen. Deshalb wurden die Jahre von 1896 bis 1898 Lehrjahre erster 
Ordnung für das deutsche Bolk. Damals rang es sich, in seiner Mehrheit 
wenigstens, zur Uberzeugung durch, daß eine den Seeinteressen und der 
wirtschaftlichen Zukunftsweltstellung des Reiches angemessene Flotte Not- 
wendigkeit sei. Damals begann man zu begreifen, daß die „Liebhaberei“ 
Kaiser Wilhelms II. für die Flotte auf seinem klaren Verständnisse für 
die Notwendigkeit des Reiches beruhte und dem Urteile der zahlreichen 
klugen und spöttelnden Zeitgenossen um beinahbe ein FJahrzehnt vor- 
ausgewesen war. Und das war der große unvergängliche Gewinn, den 
das deutsche Volk aus der englisch-deutschen Krisis des Zahres 1896 um 
den Preis eines diplomatischen Mißerfolges gezogen hat, eines Miß- 
erfolges, der aus einer Boraussetzung erwachsen war, welche keine Politik 
der Welt rechtfertigen kann: ohne entsprechende Machtmittel Macht- 
politik zu treiben. 
Schon in den Jahren der Flotte des Heutschen Bundes um 1848 
war in Frankfurt das Wort gesprochen worden, daß ein Staat sich kein 
größeres Unternehmen vorsetzen könne, als das: eine Flotte zu bauen. 
Die alten See- und Flottenpraktiker, die Engländer, wußten das aus der 
eigenen Erfahrung wie aus derjenigen ihrer Rivalen zur See. Ob die 
Deutschen von 1897, welche für den Bau einer Kriegeflotte eintraten, 
sich über die Größe des damit begonnenen Unternehmens alle klare Rechen- 
schaft gaben, mag dahingestellt bleiben. In England sah man den deut- 
schen Bestrebungen während der neunziger Jahre, auch noch nachher, 
mit Ruhe zu. Die englische Presse belehrte die Deutschen wiederholt: 
in einem Kriege mit England würde die Biederlage Deutschlands nur 
um so schwerer, nur kostspieliger werden, je stärker die deutsche Flotte 
werde, denn diese könne natürlich niemals etwas erreichen, sondern werde 
schon in den ersten Tagen des Krieges von der englischen Ubermacht ver- 
nichtet werden. Wozu also eine Flotte bauen! 
Bis zum Jahre 1897 war das Streben des Deutschen Kaisers nicht 
von Erfolg begleitet gewesen, teils wegen des allgemeinen Unverständ- 
nisses und dementsprechenden Widerstandes im Reichstage, teils wegen 
einer amtlichen Vertretung, die der Geschicklichkeit, fester Gesichtspunkte 
und organischer Richtlinien entbehrte. 1897 im Sommer übernahm 
Kontreadmiral Tirpitz das Staatssekretariat des Reichs-Marine-Amts. 
Schon im Herbste desselben Zahres legte er einen organischen Flotten-
        <pb n="139" />
        Die englische Handelseifersucht — Das erste Flottengesetz. 97 
  
plan vor, der sich von den Bestrebungen seiner Vorgänger in den Einzel- 
heiten und grundsätzlich völlig unterschied. Dieser Plan legte das ent- 
scheidende Gewicht auf die Hochseeflotte. Bisher hatte die Marineleitung, 
wie vorher auseinandergesetzt worden ist, gewissermaßen zwei Wege zu- 
gleich in der Entwicklung der Flotte zu beschreiten versucht: schwimmende 
und feste Küstenverteidigung, zusammen mit einem Kern der Schlacht- 
flotte in den heimischen Gewässern, eine große Anzahl schneller und kräf- 
tiger Kreuzer auf den Ozeanen, um dort den Kreuzerkrieg gegen den 
feindlichen Handel zu führen. Hiermit brach der neue Staatssekretär so- 
fort und gründlich. Der Gedanke, die Führung des Kreuzerkrieges zu 
einer Hauptaufgabe der Flotte zu machen, verschwand und der Begriff 
der unmittelbaren Küstenverteidigung trat für die nächste Zeit in den 
Hintergrund. Ziel des deutschen Flottenbaues wurde für die kommenden 
Zahre ausschließlich der Aufbau und die Organisation einer Hochsee- 
schlachtflotte. Zunächst bemaß man ihre Stärke gering, um den Anfang 
sicher zu haben — aus einer Reihe innerpolitischer, parlamentarischer, 
technischer, administrativer, auch militärischer Gründe. Oer unaus- 
gesprochene Gedanke des Kaisers und des Staatssekretärs war aber schon 
damals, dem Deutschen Neiche eine absolut und relativ starke Hochsee- 
flotte in erster Linie zu schaffen, und dann für das erforderliche Beiwerk 
an fester Küstenverteidigung und auswärtigen Stationärkreuzern zu 
sorgen. 
Man ist auf den ersten Blick vielleicht geneigt, diesen Wechsel und 
Umschwung gegen früher auoeschließlich vom militärischen und marine- 
technischen Standpunkte zu betrachten und nur aus ihm zu begründen. 
Tatsächlich war jener Gedanke aber neben seiner rein fachlichen Bedeu- 
tung ein neues politisches Moment erster Ordnung. 
Bisher war man in ODeutschland gewohnt gewesen, die beimischen 
Aufgaben und Notwendigkeiten der Kriegsflotte von denen, welche ihr 
in außerheimischen Gewässern zufielen, zu trennen. Wie oft wurde das 
Argument angewandt: wir brauchen keine „schweren, unbehilflichen 
Schlachtschiffe“, die im Frieden exerzieren und im Kriege nichts nützen; 
was Oeutschland haben muß, sind schnelle und kräftige Kreuzer, die im 
Frieden dem deutschen Ansehen und den deutschen Interessen im Aus- 
lande dienen, während sie im Kriege den deutschen Handel schützen und 
den feindlichen schädigen. Dieser Beweisführung lag, wenn überhaupt 
ein greifbarer Gedanke, die Annahme zugrunde, daß deutsche Interessen 
irgendwelcher Art jenseits der Ozeane an Ort und Stelle gegen eine 
andere zur See und über See starke Großmacht auf die Dauer wirksam 
verteidigt werden könnten. Als 1895 deutsche Krieger nach der Oela- 
goabucht gingen, da konnte man vielfach die Auffassung lesen: die deut- 
Graf Neventlow, Oeutschlands auewärtige Politik. 7
        <pb n="140" />
        98 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
schen Besatzungen würden den Engländern schon zeigen, daß Deutschland 
nicht mit sich spaßen ließe. Tatsächlich können Kriegsschiffe in solchen 
Fällen an und für sich nie etwas anderes bedeuten als eine politische 
Demonstration, gewissermaßen den Fehdehandschuh: man wartet, ob 
der andere ihn aufnehmen wird. Hätte man 1895 eine gutgeschulte und 
kriegöbereite Hochseeflotte gehabt, etwa von der damaligen Größe der 
französischen, so würden die politischen Ereignisse um Südafrika ver- 
mutlich von vornherein einen anderen VBerlauf genommen haben. Hätte 
man anstatt dessen eine große Menge von Kreuzern auf den Ozeanen 
besessen, aber keine starke Hochseeflotte, so würde der Berlauf nicht an- 
ders gewesen sein, wie es tatsächlich der Fall war. Mit andern Worten: 
Teilstreitkräfte und Teilerfolge zur See im Auslande haben in einem 
Seekriege Deutschlands gegen eine unsern beimischen Küsten nabeliegende 
Inselmacht keine erhebliche Wirkung auf den Ausgang des Krieges, wenn 
sie nicht durch eine starke Heimatskraft unterstützt werden. Umgekehrt: 
ist in der Heimat eine Hochseeflotte von entsprechender Stärke vorhanden, 
so wird ihr Erfolg Teilmißerfolge in auswärtigen Meeren mit Uber- 
schuß ausgleichen, während wiederum ihre Niederlage durch keinerlei 
Erfolge in außerheimischen Gewässern auch nur annähernd ausgeglichen 
werden kann, in den allermeisten Fällen aber ohne jeden Einfluß bleibt. 
Das war die große Wahrheit, welche die Flottenbaupolitik und den Or- 
ganisationsplan des Staatssekretärs Tirpitz zu verwirklichen bestrebt war. 
Die Uberlegung wäre unvollständig, wenn man sich nicht vor Augen 
bielte, daß damals die deutsche Flotte tatsächlich ein Nichts war, in der 
Heimat wie draußen, daß die schwimmende wie die feste Küstenverteidi- 
gung nicht annähernd ausreichend war. Aus diesem Vichts galt es, das 
Notwendige zu schaffen, und zwar unter dem Zwange und mit den Be- 
schränkungen, die eo ipso in den Verhältnissen des Deutschen Reiches 
lagen und immer liegen werden: die Hauptgrundlage muß für das Deutsche 
Reich mit seinen Landgrenzen und seinen Nachbarn immer und unter 
allen Umständen die Armee bleiben. Gerade diese naturgegebene Be- 
schränkung machte den schöpferischen Gedanken einer deutschen Hochsee- 
flotte zu einem so überaus kühnen. Wie durchaus von vorn man an- 
fangen mußte, das bezeichnete eine ÄAußerung des Staatssekretärs Tirpitz 
im Winter 1897/98 in Bertretung seiner Vorlage: wenn die Vorlage 
bewilligt sei und dementsprechend ausgeführt werde, so würde im Jahre 
1904 die deutsche Flotte aufgehört haben, eine Quantité négligeable 
zu sein. 
Die 1897 beginnende Epoche kann man als die Zeit bezeichnen, 
während welcher Deutschland konsequent bestrebt war, seiner Ohnmacht 
zur See abzuhelfen. Bis 1897 bestand die völlige Ohnmacht; Versuche
        <pb n="141" />
        Die englische Handelseifersucht — Das erste Flottengesetz. 99 
  
der Abhilfe hatten versagt. Diese erste Periode hatte mit der deutsch- 
englischen Freundschaft unter Caprivi begonnen, die auf dem Prinzip 
der „Ergänzung“ beruhte, einer Freundschaft, die nur kurze Zeit dauern 
konnte und dauerte. Sobald eine deutsche überseeische Politik zu treiben 
versucht wurde, welche nicht im englischen Fahrwasser schwimmen wollte, 
mußte jener, übrigens nicht schöne Traum verschwinden. Oieser Fall 
trat ein. Jene deutsche Politik konnte aber nicht erfolgreich sein, weil 
keine Macht hinter ihr stand. Ee ist in diesem Zusammenhange von grund- 
sätzlicher Bedeutung, daß die deutsche überseeische Politik damals, wo sie 
Anschluß an die europäisch-asiatische Festlandmacht Rußland fand, im 
fernen Osten ihr Ziel erreichte. Besondere Umstände, vor allem die geo- 
graphischen Berhältnisse, hatten dieses Zusammengehen ad hoc möglich 
gemacht. Die Frage und der Gedanke drängen sich wieder auf: wieviel 
vorteilhafter es gewesen wäre, wenn der deutsch-russische Aeutralitäts- 
vertrag in Kraft geblieben und die deutsche Flotte sich gleichsam hinter 
ihm als Schild hätte entwickeln können. Das wäre gerade damals für 
die auswärtige Politik eine unschätzbare Schutz- und Trutzwaffe gewesen. 
Auch die afrikanische Politik des Deutschen Reiches hätte dann unter 
wesentlich günstigeren Auspizien gestanden. Freilich, ersetzen konnte 
jener Vertrag eine deutsche Flotte natürlich nicht. 
So hatte der Reichskanzler Fürst Hohenlohe denn in jeder Beziehung 
recht, als er in der Begründung der ersten Tirpitzschen Flottenvorlage 
erklärte: „die deutsche Flotte sei das Ergebnis der politischen Entwicklung 
Deutschlands“ und „der Kraftüberschuß Deutschlands ist ein kostbares 
Kapital, das gepflegt werden muß. Das ist eine unserer ersten Pflichten. 
Dafür nehme ich das Wort Woltpolitik in Arspruch.“ Auch Biemarck 
hatte dem Staatssekretär des Reichs-Marine-Amts direkt seine Zustim- 
mung zu der organischen Flotter forderung ausgedrückt, nahm verschie- 
dentlich auch Gelegenheit, in den „Hamburger Nachrichten“ und anderen 
Organen das gleiche zu tun. Es läßt sich unschwer aus den Zusammen- 
hängen seiner Reden urd sonstigen Außerungen nachweisen, daß der 
Fürst auch über die Absicht der Regierung: späterhin ricl weitergchende 
Forderungen einzubringen, unterrichtet war urd sie grundsätzlich billigte. 
Die „Weltpolitik“, von der Fürst Hohenlohe sprach, hat im Laufe 
aller jener Jahre das Schicksal der meisten Schlagworte getcilt: sie wurde 
mißverstanden. Die einen waren der Uberzeugung, die Vertreter der 
deutschen Regierung mit dem Kaiser an der Spitze wollten, wie Fürst 
Bülow später sagte, den Hans Dampf in allen Gassen machen, die anderen 
verlangten mit Heftigkeit und Nachdruck, daß sofort eine deutsche Politik 
getrieben werden müsse, als ob wir eine starke Flottc besäßen, als ob das 
Deutsche Reich noch durch einen Vertrag mit Rußland verbunden sei, 
7°•
        <pb n="142" />
        100 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1905. 
  
und als ob nicht die deutsch-englischen Beziehungen von Bolk zu Volk 
und amtlich von tiefem Mißtrauen erfüllt seien. #ene Tage sind lange 
vorbei, und desto umumwundener kann man heute aussprechen, daß eine 
„Weltpolitik des Kürassierstiefele“ damals weniger von Erfolg begleitet 
gewesen sein würde denn je. 
Fürst Hohenlohe hatte mit seinem Worte von der Weltpolitik und 
dem Kraftüberschuß ebenso recht wie mit der Bemerkung, daß eine deutsche 
Flotte das Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands sei. 
Was aber in allen diesen an sich richtigen Begründungen und Ausfüh- 
rungen nicht genügend zum Ausdrucke kam, das war die bedenkliche Be- 
deutung des nachgerade ungeheuerlich werdenden Mißverhältnisses zwi- 
schen der Höhe dieser zu schützenden Werte und dem Mindestmaße des 
Schutzes, der notwendig war. Man beurteilt die politischen Aufgaben 
und damit die politischen Leistungen jener Zeit unrichtig, wenn man 
dieses Moment nicht genügend bewertet. Eine Reihe von Jahren nach- 
her wies Fürst Bülow andeutungsweise darauf hin, als er im Reichs- 
tage sagte, die Schwierigkeiten für die deutsche Diplomatie und Politik 
wären durch die Notwendigkeit, Weltpolitik zu treiben, gegen frühere 
Zeiten erheblich gewachsen. Weltpolitik mußte aber getrieben werden, 
weil die deutsche Wirtschaft sich immer mehr in die Weltwirtschaft ver- 
flocht, auch die Kolonialpolitik das weltpolitische Element per se ein- 
schloß. In diesem Mißverhältnisse zwischen Ziel und Mitteln beruhte, 
zum Teil wenigstens, die Tragik verschiedener Mißerfolge der deutschen 
Politik im Laufe des nächsten Jahrzehntes. Noch größer — und bisweilen 
peinlich — trat das Mißverhältnis in Erscheinung, jedesmal, wenn Miß- 
erfolgen Ankündigung und Erörterung großer Ziele vorausgegangen waren. 
Unrichtig wäre, von einem damaligen Frontwechsel der Politik des 
Deutschen Reiches zu sprechen. Es handelte sich nicht um einen Wechsel, 
sondern um eine Bermehrung der Fronten, um eine große Vermehrung, 
ferner der wirtschaftlichen und politischen Reibungsflächen, zeitlich wie 
örtlich. In dieses weltumfassende, sausende Getriebe trat das Deutsche 
Reich neu ein. Wohin es seine Pläne richtete, wo immer seine Kauf- 
leute sich im privaten Wettbewerbe durchsetzten, da fand Oeutschland 
die anderen Großmächte als Erstankömmlinge, die nicht gewillt waren, 
ihren Besitz oder ihre Hoffnungen und Ansprüche aufzugeben. Hätte die 
deutsche Kriegsflotte auch mur annähernd im Verhältnisse zu den deutschen 
Seeinteressen zugenommen gehabt! — aber das Gegenteil war, wie wir 
sehen, der Fall, und daraus ergab sich im Bereine mit der Notwendigkeit 
politischer Neuorientierung der Reichspolitik und der deutschen Lage 
zwischen Rußland, Frankreich und Großbritannien, die ganz einzigartige 
und eigenartige ungünstige Lage des Deutschen Reiches. In ihr war,
        <pb n="143" />
        Die englische Handelseifersucht — Das erste Flottengesetz. 101 
  
wenn nicht die Notwendigkeit, so doch die Wahrscheinlichkeit enthalten, 
daß die deutsche Politik — gewissermaßen bei jeder Bewegung — bald 
hier, bald dort anecken und zu Mißstimmungen mit anderen Mächten ge— 
langen mußte, ohne daß immer vorher abzuschätzen war, ob man den 
Anlauf auch erfolgreich bis zum Ziele machen werde oder nicht. Gewiß 
sind gerade in dieser Richtung wiederholt Fehler gemacht worden, aber 
eine ungünstige Prädisposition war in den Berhältnissen enthalten, und 
die konsequente Frage, ob diese oder jene Situation zur Kriegsfrage ge- 
macht werden könne oder müsse, wurde in steigendem Naße Problem. 
Diese Berhältnisse und Mißverständnisse waren gelegentlich wohl 
geeignet, Zwiespältigkeit in unsere auswärtige Politik hineinzubringen. 
Es war begreiflich, daß Politiker und Diplomaten ohne genügende Kennt- 
nis der maritimen und marinepolitischen Grundelemente die Frage auf- 
warfen, was für einen Zweck denn eine Seerüstung habe, die einem nur 
Feinde schaffe und nie stark genug werden könne; eine Frage, die von der 
Presse und den Staatomännern des Auslandes den Oeutschen stets auf 
das eindringlichste vorgehalten wurde. 
So fing das Deutsche Reich mit dem Jahre 1897/98 an, seine Flotte 
planmäßig auszubauen, als sie — bei sehr geringem Qualitätswerte — 
halb so groß war wie die französische und ein Orittel der englischen be- 
trug. Die russische nahm eben damals einen gewaltigen Aufschwung. 
Rußland wollte weitschauende ostasiatische Pläne ausführen und seine 
Vormacht in den chinesischen Gewässern unumstritten machen. Auf 
eigenen und auf fremden Werften baute es Schlachtschiffe und Kreuzer. 
Zedes fertige Schiff wurde nach dem fernen Osten entsandt. In Frank- 
reich kämpften noch heftig die alte und die junge Schule miteinander. 
Die letztere war der Ansicht, daß es falsch sei, das Hauptgewicht auf die 
Linienschifföflotte zu legen, man müsse vielmehr in der Hauptsache große 
Kreuzermassen für den Handelskrieg bauen. Die italienische Flotten- 
macht war im Laufe des letzten Jahrzehntes stark zurückgegangen und 
die Neigung Italiens trat immer mehr hervor, mit Frankreich in gute 
Beziehungen zu gelangen, auch mit England in solchen zu bleiben. Man 
sieht, wie die Situation von 1889 sich allmählich und unaufhaltsam ver- 
schoben hatte: damals der schärfste Gegensatz und bittere Feindschaft 
zwischen Italien und Frankreich, eine volle Entente zwischen dem Drei- 
bunde und England für die Erhaltung des Status quo im Mittelländischen 
Meere und Extraanschluß der großbritannischen Politik an die des Orei- 
bundes. Geht man den Ursachen der Anderung nach, so liegen sie letzten 
Endes in den Seemachtfragen bei den verschiedenen Staaten. 
Die schnelle Beweglichkeit des Schiffes auf der überall gleich be- 
fahrbaren Fläche der Ozeane ist symbolisch für die zahlreichen Möglich-
        <pb n="144" />
        102 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen obne zureichende Mitel. 1896—1903. 
  
  
keiten politischer Gruppenverschiebungen, sobald die Seemacht im Spiele 
ist. Taucht hier ein neuer Seemachtfaktor auf, verringert sich oder ver- 
schwindet dort ein alter, so tritt unmittelbar und überall die Wirkung 
davon zutage, sei es durch Verschiebungen, sei es durch Gewichts- und 
Druckausgleich. Kann man bei den stärker werdenden Seemächten sagen, 
daß ihre seeische und überseeische Politik (nicht der Handel) der Flagge 
folgt, so ist bei den schwächer werdenden fast ohne Ausnahme das Um- 
gekehrte der Fall. Unter einem anderen Gesichtspunkte freilich steht außer 
Zweifel, daß eine starke Seemacht sich nur ein Bolk schaffen und erhalten 
kann, dessen Machttrieb politisch, wirtschaftlich und national auf ganz ge- 
sunden Füßen steht, das in seiner überwiegenden Mehrheit und dauernd 
von der Notwendigkeit überzeugt ist, daß es die notwendigen Opfer bringen 
muß; das außerdem jene Wahrheit in sich aufgenommen hat, die der 
Deutsche Kaiser mit den Worten bezeichnete: daß Reichsgewalt See- 
gewalt und Seegewalt Reichsgewalt ist, daß beide einander bedingen und 
die eine ohne die andere nicht besteben kann. 
Selten ist ein für Deutschland so wahres Wort gesprochen worden. 
Cherbourg — Kreta — Kiautschou — Angola. 
Zm Oktober 1896 reiste Zar Nikolaus mit der Zarin nach Frankreich, 
landete in Cherbourg und bielt von dort seinen Einzug in Paris. Der 
Präsident der Republik sprach von der Union des mächtigen Kaiserreiches 
und der arbeitsamen Republik, die einen wohltätigen Einfluß auf den 
Weltfrieden üben könnte, „befestigt durch eine erprobte Treue, wird diese 
Union fortfahren, überallhin ihren glücklichen Einfluß geltend zu machen“. 
Der Zar sprach von den „uns so wertvollen Banden. Diese Freund- 
schaft kann, wie Sie selbst sagten, durch ihre Beständigkeit nur den glück- 
lichsten Einfluß ausüben.“ Im Lager von Chalons erwähnte der Zar 
„das tiefe Gefühl der Waffenbrüderschaft“ und der Präsident der Re- 
publik „die feierliche Bekräftigung unwandelbarer Freundschaft“. In 
beiden Wendungen lag die Andeutung der Militärkonvention. Das 
Wort Bündnis fehlte aber, und dieser Umstand erregte in Frankreich 
einige Unrude. 
Zm Sommer 1897 erbielt der Präsident der Republik eine Einladung 
vom Zaren nach Kronstadt. Trinksprüche ähnlichen Inhaltes wurden 
ausgetauscht, und da endlich fiel auf beiden Seiten das Wort von den 
„vereinten und alliierten Nationen, die vom gemeinsamen Ideal der 8i- 
vilisation, des Rechtes und der Gerechtigkeit geleitet werden und sich 
brüderlich in der loyalsten und aufrichtigsten Umarmung zusammen- 
schließen“. Das Organ des damaligen Ministerpräsidenten Méline, „Soir“,
        <pb n="145" />
        Cherbourg — Kreta — Kiautschou — Angola. 103 
  
sprach im Anschlusse an diesen Depeschenwechsel vom Vorhandensein 
eines französisch-russischen Defensiv- und Offensiv-Bündnisses, das in 
Kronstadt vom Präsidenten und vom Zaren unterzeichnet worden sei. 
Auf besonderen Wunsch des Zaren sei dem Wortlaute des Bündnisver- 
trages als einer der Zwecke des Bündnisses beigefügt worden: „Erhaltung 
des allgemeinen Friedens.“ In Frankreich war der JZubel über diesen so 
lange ersehnten und vorbereiteten Erfolg ungeheuer, zumal man sich 
das — als vorhanden angenommene — offensive Moment im Vertrage 
natürlich als Hauptsache und Hauptzweck des Bündnisses vorstellte. Gleich-- 
wohl trat eine Anzahl von Vorkommnissen ein, die geeignet waren, Wasser 
in den französischen Wein zu tun. 
Bevor 1896 der Zar nach Paris kam, traf er mit dem Deutschen Kaiser 
in Breslau zusammen; die üblichen Trinksprüche wurden gewechselt, und 
wenn diese auch nichts Besonderes besagten, so ließen sie wie der Besuch 
doch keinerlei Zweifel darüber, daß der Zar ein gutes Verhältnis mit dem 
Deutschen Reiche persönlich wünschte. Damals hatte er jene Unterhaltung 
mit dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe, in der er dem Kanzler die 
russische Freundschaft Deutschland gegenüber betonte, nachdem er im 
Vorjahre Hohenlohe sein Einverständnis bestätigt hatte, daß Deutschland 
sich an der ostasiatischen Küste festsetze. Durch diese Tatsachen gewinnt 
jeine Breslauer Monarchenzusammenkunft viel größere Bedeutung, als 
man ihr bisher gemeinhin beimaß. Diese Bedeutung hatte die Kehrseite, 
daß der russischen Politik naturgemäß vicl daran lag: für ihre eignen 
großen Ziele in Ostasien Deutschland durch solche Partnerschaft festzulegen, 
und zwar gegen die mit Sicherheit zu erwartende großbritannische Gegner- 
schaft. 
Nach seinem Pariser Besuche kam der Zar wieder nach Deutschland, 
hielt sich in Darmstadt auf, empfing dort einen privaten Besuch des Deut- 
schen Kaisers von Wiesbaden aus und erwiderte ihn kurz darauf. Das 
deutsch-russische Berhältnis wurde wieder zum Gegenstande eifriger Er- 
örterungen in der Presse, und verschiedene Blätter äußerten die An- 
sicht, daß die von Bismarck und seinen Organen ausgesprochene Be- 
hauptung: der neue Kurs habe es mit Rußland verdorben, doch nicht 
stimmen könne. Heute (18960) sei das deutsch-russische Berhältnis ein 
sehr viel günstigeres als zu Zeiten des Fürsten Biomarck. Darauf erschien 
in den „Hamburger Nachrichten“, in der Folge auch in anderen Blättern, 
eine Reihe von Aufsätzen, die das frühere Bestehen des deutsch-russischen 
Neutralitätsvertrages enthüllten, gleichzeitig erklärten, daß Graf Caprivi 
aus eigener Initiative gegen den russischen Wunsch den Bertrag nicht 
erneuert habe. Diese Enthüllungen erregten naturgemäß in der poli- 
tischen Welt des Fnlandes wie des Auslandes ein ungeheures Aufsehen.
        <pb n="146" />
        104 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
Wir geben hier auf die Meinungsstreitigkeiten, die sich in Deutschland 
darüber entwickelten, nicht ein, und hinsichtlich des Vertrages selbst sei 
auf den 1. Abschnitt verwiesen. Wir fragen hier nur: welchen Zweck die 
Veröffentlichungen des Fürsten Biemarck hatten und welchen sie er- 
reichten. Daß die Enthüllungen im deutschen Sinne geschadet hätten, 
kann schwerlich behauptet werden, denn der verantwortliche Träger der 
derzeitigen Politik, Graf Caprivi, war nicht mehr im Amte, und die Politik 
des Deutschen Reiches hatte die von Caprivi beschrittenen Wege: be- 
dingungslosen Anschluß an England, Zurückhaltung und Mißtrauen gegen 
Rußland! — bewußt verlassen. Wohl aber, und das bildete auch ihren 
Hauptzweck, war die Enthüllung geeignet, den Franzosen einen schla- 
genden Beweis für die Beweggründe zu geben, welche Rußland in ihre 
Arme getrieben hatten. Bis dahin war man in Frankreich überzeugt 
gewesen, daß diese russischen Beweggründe vor allem in der Furcht vor 
Deutschlands Machtstellung, in den Zielen der russischen Orient- und 
Balkanpolitik und in dem Hasse des Slawentumes gegen das Germanen- 
tum, schließlich auch auf dem Wunsche beruhten, gegen den deutsch-öster- 
reichischen Zweibund ein Gegengewicht zu schaffen, dessen Zweck nicht 
lediglich Berteidigung gegen Angriffe, sondern „Wiederherstellung des 
gestörten europäischen Gleichgewichtes“ bildeten. Daraus erklärte sich 
auch jene kampflustige Zuversicht Frankreichs, die man seit Beginn der 
neunziger Jahre in steigendem Maße beobachten konnte. 
Die Biemarckschen Enthüllungen nun belehrten nicht nur Frank- 
reich, sondern die ganze Welt eines Besseren. Sie lieferten den unwider- 
leglichen Beweis, daß Rußland nicht aus Haß gegen Oeutschland und 
mit dem Hintergedanken eines Krieges sich mit dem revanchelustigen 
Frankreich verbunden hatte, sondern weil es durch das Berfallenlassen 
des deutsch-russischen Neutralitätsvertrages isoliert worden war, haupt- 
sächlich England gegenüber, in zweiter Linie Österreich-Ungarn gegen- 
über, alles in allem, weil es für Rußland und seine Politik eine Lebensnot- 
wendigkeit bedeutete, festen Anschluß an eine europäische Großmacht zu 
gewinnen. 
Was den ZInhalt des französisch-russischen Bündnisvertrages anlangt, 
so wird er bis heute geheim gehalten. Wie im 1. Abschnitt auseinander- 
gesetzt worden ist und wie der Krieg 1914/15 bewiesen hat, steht fest, daß 
für das Eintreten des Bündniefalles ein erheblich größerer Spielraum 
gelassen worden war als im deutsch-österreichischen Bündnisse. Begriffe 
wie: Erhaltung und Herstellung des Friedens, Erhaltung und Herstellung 
des Eleichgewichtes waren sogenannte Kautschukbegriffe. In Wirklichkeit 
hat es sich immer um ein Schutz- und Trutzbündnis zwischen den beiden 
Mächten gehandelt.
        <pb n="147" />
        Cherbourg — Kreta — Kiautschou — Angola. 105 
  
Zm August 1897 war Kaiser Wilhelm in Erwiderung des vorjährigen 
Zarenbesuches in Kronstadt und Peterhof. Nach seiner Rückkehr sagte 
er in einer Rede zu Graudenz: „Unser Nachbar im Osten, ein lieber, ge- 
treuer Freund, hat dieselben politischen Ansichten wie ich.“ Die russische 
Presse aber sprach damals — stark übertreibend — von der gewaltigen 
Kraft des deutsch-russisch-französischen Bundes, er diene der unausbleib- 
lichen Schwächung Englande. 
Das deutsch-russische Einverständnis bezog sich nicht nur auf den 
fernen Osten, sondern auf den nahen Osten. 
r * 
- 
Oas zweite bedeutende Ereignis des Jahres 1897 war der Ausbruch 
des Griechisch-Türkischen Krieges. Den Anlaß bildete eine heftige Stei- 
gerung der beständigen Unruhen auf der Insel Kreta. Die dortigen Grie- 
chen erhoben sich gegen die türkische Herrschaft und verlangten für sich 
die griechische, während in Griechenland selbst die Bevölkerung das gleiche 
forderte und der König sich genötigt sah, der Strömung nachzugeben. 
Unter Führung eines Verwandten des Königs, des Obersten Bassos, 
setzte eine griechische Truppenmacht nach Kreta über und ergriff tätig 
Partei für die Aufständischen. 
Die Frage war nicht neu, überhaupt hatte sich die Lage im Orient 
seit einiger Zeit gespannt. Die „armenischen Greuel“ beschäftigten, 
besonders im Jahre 1896, die internationale Offentlichkeit und die Politik 
der Großmächte. Damals schickte England ein Geschwader vor Saloniki 
und forderte alle Mächte auf, an einer maritimen Aktion teilzunehmen, 
um die Türkei entweder zu Reformen in Armenien zu bewegen, oder 
aber um gegen sie einzuschreiten. Die Mächte lehnten aber den englischen 
Vorschlag ab, und die britische Politik erlitt dabei einen Mißerfolg. 
Oie tiefere Ursache jener Pläne der Regierung Lord Salisburys lag 
nun nicht in den wie gewöhnlich aufgebauschten und übertriebenen „ar- 
menischen Greueln“, sondern in der Tatsache, daß der Sultan Abdul 
Hamid Neigung gezeigt hatte, die ägyptische Frage aufzurollen. Lord 
Salisbury gedachte deöhalb, jede Gelegenheit zu benutzen, um ein ge- 
meinsames Vorgehen der Mächte gegen die Türkei zustande zu bringen 
und dann womöglich überhaupt mit dem Türkischen Reiche ein Ende 
zu machen. Die Handhabe sollte ihm in diesem Falle Armenien liefern. 
Der Plan schlug fehl, weil Rußland ebenso wie Osterreich-Ungarn, trotz 
ihrer Nebenbuhlerschaft auf dem Balkan, zunächst gleichgerichtete Ziele 
hatten, auch die Erhaltung der Türkei. Rußland konnte ferner deshalb 
eine Aufrollung der türkischen Frage nicht wünschen, weil es gerade 
seine aktive und weitausschauende Politik im fernen Osten anbahnte.
        <pb n="148" />
        106 2. Abschnitt. Weltvolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1395—1903. 
  
Es wollte im nahen Osten Ruhe haben, und die russischen Staatsmänner 
durchschauten leicht auch das zweite Ziel der britischen Politik: die Kräfte 
Rußlands gerade jetzt im nahen Osten zu binden und damit dem fernen 
Osten zu entziehen. Österreich-Ungarn mußte aus naheliegenden Gründen 
die Erhaltung des Status quo der Türkei wünschen, und deshalb konnten 
Kaiser Franz Joseph und der Zar mit ihren Ministern leicht zu einer Ver- 
tändigung gelangen. Im Jahre 1897 war Kaiser Franz Foseph in Peters- 
burg. In ihren Trinksprüchen erklärten die Monarchen ihr gegenseitiges 
Einverständnis und ihre Solidarität. Das Oeutsche Reich war früher nur 
indirekt beteiligt gewesen, hatte zum mindesten kein Interesse an Bedro- 
hung oder Berkleinerung der Türkei gehabt. Dazu war aber seit dem Be- 
ginn der neunziger JLahre die neue deutsche Orientpolitik gekommen. 
Sie zielte auf eine lebhafte deutsche Wirtschaftsbetätigung im Türkischen 
Reiche hin und mußte schon deshalb wünschen, daß seine territoriale 
Zntegrität ebensowenig wie die Ruhe und die Bewegungzfreiheit ge- 
stört würde. Deutschland stand somit im Lager der Festlandmächte. 
Man konnte damals (18960) also wohl von einer Zsolierung Großbritanniens 
in der orientalischen Frage reden. Salisbury soll damals dem Deutschen 
Kaiser die Aufteilung des Türkischen Reiches angeboten haben. Das An- 
gebot, dessen Hauptzweck wohl war, Deutschland mit Rußland zu ver- 
feinden, wurde abgelehnt. 
Aun brachte das Zahr 1897 die griechisch-türkischen Unruhen. Griechen- 
land befand sich geldlich in schlimmer Lage, hatte im Jahre vorher wieder 
seine Zinszahlungen herabgesetzt und damit u. a. auch die deutschen Obli- 
gationsinhaber schwer geschädigt. Die deutsche Regierung brachte bei 
den Mächten die Errichtung einer internationalen Kommission zur Aber- 
wachung des griechischen Geldwesens und der Zinszahlungen in An- 
regung. Hier widersetzte sich die britische Regierung, während die anderen 
zustimmten. Schließlich wurde ein Mittelweg beschritten. 
War also die Stimmung in Deutschland Griechenland gegenüber 
schon wegen seiner unzuverlässigen Finanzgebarung nicht gerade günstig, 
so stieg die Mißstimmung durch die kretensische Aktion Griechenlands. 
Die deutsche Regierung erklärte es unter der Würde, nach dem völker- 
rechtswidrigen Berhalten Griechenlands noch diplomatische Schritte in 
Athen zu tun. Der Kreuzer „Kaiserin Augusta“, der mit Kriegsschiffen 
anderer Nationen vor Kreta lag, erhielt den Befehl: „im Einvernehmen 
mit den Schiffen anderer Mächte jeden feindseligen Akt Griechenlands 
zu verhindern, außerdem zur Wiederherstellung der Ordnung und zur 
Vermeidung weiteren Blutvergießens tunlichst mitzuwirken“. Baron 
v. Marschall führte im Reichstage an, das Deutsche Reich habe keine 
Sonderinteressen im Orient, es wünsche nur Erhaltung des europäischen
        <pb n="149" />
        Cherbourg — Kreta — Kiantschou — Angola. 107 
  
Friedens und dauernde Ordnung im Orient. Gleichlaufend mit diesen 
Außerungen gingen halbamtliche russische Kundgebungen: man wolle 
Europa vor dem Kriege bewahren und erkenne die Stellung Deutschlande 
in der kretischen Frage sowie Griechenland gegenüber als richtig an. 
Der österreichische Minister des Auswärtigen stellte sich auf denselben 
Standpunkt und pries mit besonderer Wärme die „erfreuliche Ausgestal- 
tung unseres Berhältnisses zu Rußland“. Die beiden Mächte seien auf 
Zusammengehen im Orient angewiesen, sie bätten sich geeinigt auf das 
Programm: keinerlei Eroberungsgedanken, Unabhängigkeit und Selbst- 
bestimmung der Balkanstaaten, Ausschluß jeder Einflußnahme auf ihre 
inneren Verhältnisse. — Die russische Presse aber eskomptierte trium- 
phierend die „unausbleibliche Schwächung Englands“. Das war diplo- 
matisch bis zu einem gewissen Grade der Fall, aber nur in der Orient- 
politik und vorübergehend. 
Oie deutsche Regierung hatte den Mächten eine Blockade der grie- 
chischen Häfen vorgeschlagen. Ourch eine solche würde es Griechenland 
unmöglich sein, weiteres Kriegsmaterial und Truppen nach Kreta zu 
senden, außerdem würde der Oruck dieser Maßnahme Griechenland in 
kurzem zur Unterwerfung unter den Willen der Mächte zwingen. Rein 
militärisch betrachtet war dieser Vorschlag zweifellos richtig, seine Ver- 
wirklichung würde zum Ziele geführt haben. Die weit wit#tigere Frage 
war nur, ob es gerade von seiten des Deutschen Reiches klug war, ihn zu 
machen, und dicse Frage mußte verneint werden. Großbritannien lehnte 
ihn sofort ab, nachdem kurz vorher Lord Salisbury die Erklärung im 
Parlamente gegeben hatte: das englische Volk sei den Griechen günstig 
gesinnt; „andere Teile Europas sind der Ansicht, daß Griechenland das 
Völkerrecht mißachtet und den Frieden Europas gestört habe“. Italien 
lehnte ebenfalls den deutschen Blockadevorschlag ab. — 
Der Griechisch-Türkische Krieg hat zu Ereignissen von europäischer 
Bedeutung bekanntlich nicht geführt. Oie verschiedenen diplomatischen 
Schachzüge der einzelnen Mächte sind ohne unmittelbare weittragende 
Folgen geblieben. Damals wurde in der deutschen Offentlichkeit, be- 
sonders durch die von Bismarck beeinflußte Presse, getadelt, daß die deutsche 
Politik sich mit ihrem Blockadevorschlage und mit ihrer scharfen Stellung- 
nahme gegen Griechenland überhaupt ohne Not in die vorderste Reihe, 
ja auf den am meisten exponierten Platz begab. Man muß diese Kritik 
auch heute noch als richtig anerkennen, wenn die Stellungnahme des 
Deutschen Reiches anderseits auch sicher den Zweck erreichte, der Türkei 
zu zeigen, daß Deutschland ihr zuverlässiger Freund sei und es nicht bei 
Worten bewenden lasse. 
Weit wichtiger erscheint der rückschauenden Betrachtung aber das
        <pb n="150" />
        108 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
Grundsätzliche jenes Vorganges: die um die Orientfrage gruppierten 
großen Festlandsmächte konnten Großbritannien gegenüber nicht nur 
eine unabhängige, sondern eine überlegene Politik treiben, solange sie 
auf dem Boden ihrer Macht blieben, nämlich auf dem Festlande. Sobald 
sie diesen verließen und sich auf die See begaben, waren die Nollen ver- 
tauscht. Eine Blockade gegen den Willen Großbritanniens in Szene zu 
setzen und durchzuführen, war von vornherein ausgeschlossen. Im Jahre 
vorher, 1896, als die Festlandmächte den britischen Vorschlag einer Aktion 
ablehnten und damit Lord Salisburpy seine Niederlage beibrachten, da 
war das möglich, weil der entscheidende Teil der von Großbritannien 
geplanten Aktion auf dem Festlande lag. Den deutschen Plan gegen 
Eriechenland konnte man aber nur zur See ausführen, nicht ohne Groß-- 
britanniens Einwilligung, unter keinen Umständen im Widerspruche zur 
britischen Regierung. Ein solcher Vorschlag von seiten einer Festland- 
macht konnte politisch also nur richtig sein, wenn man entweder der Ein- 
willigung Großbritanniens sicher war oder aber die Absicht hatte, die 
Weigerung britischerseits hervorzurufen und damit dessen Stellungnahme 
als eine ausdrückliche festzunageln. Diese zweite Eventualität, welche 
unter Umständen zweckmäßig und gerechtfertigt sein kann, hatte im vor- 
liegenden Falle aber keinen praktischen Zweck. So blieb positiv ledig- 
lich die indirekte Wirkung der deutschen Anregung auf die Türkei. Auf der 
anderen Seite stand die Verschärfung des Gegensatzes zu England und 
schließlich die Stellungnahme der dritten Dreibundmacht Ztalien. Ihr 
Verhalten war symptomatischer Natur. Von Gefühlen hat sich die ita- 
lienische Politik nie leiten lassen, und so war auch in diesem Falle phil- 
hellenische Begeisterung nicht der Grund, daß sie sich in offenen Gegen- 
satz zur Haltung der beiden anderen Dreibundmächte stellte. Die Ursache 
lag vielmehr darin, daß Italien sich zur See in einen Gegensatz zu Groß- 
britannien nicht stellen konnte. — Die allgemeinen Gründe hierfür sind 
im 1. Abschnitt auseinandergesetzt worden. — Das italienische Bolk sah in 
diesem Vorgange einen Beweis, daß sich die Stellung Italiens zum Drei- 
bunde in Mittelmeerfragen seit früher geändert habe. Die Tatsache konnte 
nicht bestritten werden. Es entbehrte der Begründung, wenn die drei- 
bundfeindliche Presse in Europa von einer Erschütterung des Dreibundes 
sprach, aber es war nicht in Abrede zu stellen, daß insbesondere die nie 
ruhende französische Presse eine empfängliche Stelle Italiens traf, wenn 
sie bei solchen Gelegenheiten darauf hinwies, daß für seine Mittelmeer- 
politik Ztalien nicht nur keinen Vorteil aus dem Oreibunde ziehe, sondern 
sich z. B. während der griechisch-türkischen Krisis in schroffem Gegen- 
satze zur Politik seiner Bundesgenossen befunden habe. 
Der Griechisch-Türkische Krieg endete bekanntlich mit dem Siege
        <pb n="151" />
        Cherbourg — Kreta — Kiautschou — Angola. 109 
  
der Türkei. Griechenland mußte eine Kriegsentschädigung zahlen, er- 
hielt aber Thessalien. Im Frieden zu Konstantinopel am 16. Dezember 
1897 erhielt Kreta die Selbständigkeit unter einem griechischen Statt- 
halter. Die seinerzeit von Oeutschland vorgeschlagene internationale 
Finanzkommission wurde eingesetzt, um eine Zuverlässigkeit der griechi- 
schen Geldwirtschaft anzubahnen, die einerseits den Interessen der Gläu- 
biger Rechnung trüge, anderseits Garantien für die Möglichkeit griechi- 
scher Anleihen schüfe, mittels derer die Kriegeentschädigung bezahlt werden 
konnte. 
Der deutsche Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, v. Bülow, 
welcher im Frühwinter 1897 den Baron Marschall abgelöst hatte, äußerte 
sich im Reichstage auf Anfragen folgendermaßen: „Wir haben an Kreta 
nach wie vor keine anderen Interessen, als daß dasselbe nicht zum Eris- 
apfel und nicht zur Brandfackel werde.“ Oeutschland habe sich auch nur 
in diesem Sinne diplomatisch betätigt: „denn gerade weil die Pforte weiß, 
daß wir ihr ganz objektiv gegenüberstehen, konnten wir in entscheidenden 
Momenten, wie damals, als es sich darum handelte, ob die Türken dem 
besiegten Griechenland den von diesem erbetenen Waffenstillstand ge- 
währen oder den Vormarsch auf Athen fortsetzen sollten, sagen, daß es 
nicht weise von ihr sein würde, sich den vereinigten Wünschen aller euro- 
päischen Mächte entgegenzusetzen. An einem positiven Drucke auf die 
Pforte werden wir uns aber nicht beteiligen.“ Wenn andere Mächte einen 
solchen Druck ausübten und wenn Streit entstände, so würde Deutsch- 
land ruhig beiseite treten. Auch Griechenland gegenüber sei man von 
freundlichen Gesinnungen durchdrungen, aber Griechenland sei der an- 
greifende Teil gewesen, habe in der Erledigung seiner geldlichen Ver- 
pflichtungen gröblich gefehlt und viele deutsche Inhaber griechischer Werte 
schwer geschädigt. — Der Umschwung gegenüber der Marschallschen 
Politik ist klar! 
Das dritte und unter dem deutschen Gesichtspunkte bedeutendste 
Ereignis leitete sich im November 1897 ein. 
In der chinesischen Provinz Süd-Schantung wurden am 4. November 
zwei deutsche Missionare ermordet; man hielt den Gouverneur der Pro- 
vinz für den intellektuellen Urheber dieses Mordes. Am 14. November 
erschien das deutsche Kreuzergeschwader unter dem Befehle des Konter- 
admirale v. Oiederiche mit den Schiffen „Kaiser“, „Prinzeß Wilhelm“, 
„Arkona“ und „Cormoran“" in der Bucht von Kiautschou an der Halb- 
insel Schantung, deren Hinterland zu der gleichnamigen Provinz gehört. 
Das Geschwader schiffte ein Landungskorps aus, und dieses besetzte den
        <pb n="152" />
        110 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
Hafen. Oie chinesischen Garnisonen und Besatzungen der Lager wurden 
von den Chinesen geräumt, ohne daß es zum Kampfe kam. Unmittelbar 
nach der Landung erließ der Geschwaderchef v. Diederichs eine Pro- 
klamation der Besitzergreifung. 
Zugleich wurden diplomatische Unterhandlungen mit der chinesischen 
Regierung angeknüpft, die einerseits Sühne für die beiden Morde ver- 
langten, anderseits eine gewisse Bürgschaft dafür, daß man in Zukunft 
solchen Vorkommnissen nicht wehrlos gegenüberstehe. Was die Sühne 
betraf, so bewilligte die chinesische Regierung die Absetzung des Gouver-- 
neurs von Schantung, Versetzung einer Reihe von Beamten, Strafver- 
fahren gegen die Mörder, Entschädigungssumme für die katholische Mission 
und Bau dreier Sühnekirchen in Schantung. Außerdem schloß die deutsche 
Regierung mit der chinesischen einen Vertrag, kraft dessen die Bucht von 
Kiautschou mit einem näher bezeichneten Hinterlande auf 99 Jahre an 
Deutschland verpachtet würde. 
Der Vertrag lautete folgendermaßen: „I. DOie kaiserlich chinesische 
Regierung, um den berechtigten Wunsch der deutschen Regierung zu er- 
füllen, ebenso wie andere Mächte in den ostasiatischen Gewässern einen 
Punkt zu besitzen, wo deutsche Schiffe ausgebessert und ausgerüstet, die 
Materialien und Vorräte dafür niedergelegt sowie sonstige zugehörige 
Einrichtungen getroffen werden können, überläßt der deutschen Regie- 
rung pachtweise, vorläufig auf 99 ZJahre, das auf beiden Seiten des Ein- 
gangs der Bai von Kiautschou in Süd-Schantung belegene, weiter unten 
bestimmte Gebiet, dergestalt, daß es der deutschen Regierung freistehen 
soll, innerhalb dieses Gebietes alle möglichen Bequemlichkeiten und An- 
lagen zu errichten und die zu deren Schutze erforderlichen Maßnahmen 
zu treffen. Das der deutschen Regierung verpachtete Gebiet besteht unter 
Zugrundelegung der englischen Seekarte der Kiautschoubai vom Fahre 
1863 aus: 1. Der Landgrenze nördlich des Einganges der Bai, abge- 
grenzt gegen Nordosten durch eine von der nordöstlichen Spitze von Potato 
Zsland bis zur Meeresküste in der Richtung auf Loshan gezogene gerade 
Linie; 2. der Landzunge südlich der Bai, abgegrenzt nach Südwesten 
durch eine vom südlichsten Punkte der südsüdwestlich von Tschiposan befind- 
lichen Einbuchtung in der Richtung auf die Tolosan--Cosaninseln bis zur 
Meeresküste gezogene gerade Linie; 5. den IZnseln Tschiposan und Potato 
Zoland sowie sämtlichen vor dem Eingang zur Bucht gelegenen Inseln 
einschließlich Tolosan und Seslientan. II. Außerdem verpflichtet sich die 
chinesische Regierung, in einer Zone von fünfzig Kilometern im Umkkreise 
rings um die Bucht keine Maßnahmen oder Anordnungen ohne Zu- 
stimmung der deutschen Regierung zu treffen und insbesondere einer 
etwa notwendig werdenden Regulierung der Wasserläufe kein Hinder-
        <pb n="153" />
        Cherbourg — Kreta — Kiautschou — Angola. 111 
  
nis entgegenzusetzen. Auch gewährt die chinesische Regierung den deut- 
schen Truppen ein Ourchmarschrecht durch die bezeichnete Zone. III. Um 
jeder Möglichkeit von Konflikten vorzubeugen, wird die chinesische Re- 
gierung während der Pachtdauer im Pachtgebiet Hobeitsrechte nicht aus- 
üben, sondern sie überläßt dieselben ebenso wie die Hoheitsrechte auf der 
gesamten Wasserfläche der Kiautschoubucht der deutschen Regierung. 
Die deutsche Regierung wird auf den Inseln und Untiefen vor dem Ein- 
gang der Bucht Seezeichen errichten. IV. Im Falle, daß das an der 
Kiautschoubucht verpachtete Gebiet sich für die Zwecke der deutschen 
Regierung nicht passend erweisen sollte, wird die chinesische Regierung 
der deutschen Regierung einen besser geeigneten Platz gewähren und 
das Kiautschougebiet unter Ersatz der von der deutschen Regierung dort 
gemachten Aufwendungen zurücknehmen. V. Eine genauere Festsetzung 
der Grenzen des Pachtgebietes und der deutschen Zone nach Maßgabe 
der örtlichen Berhältnisse soll durch Kommissare der beiden Regierungen 
erfolgen.“ 
Wir wissen aus vorhergehenden Ausführungen, daß die Erwerbung 
eines festen Punktes an der chinesischen Küste schon seit mehreren Jahren 
ein Ziel der deutschen Politik war, und daß bereits 1895 eine Berstän- 
digung zwischen dem Oeutschen Kaiser und dem Zaren bestand. In 
Deutschland war die Uberraschung damals aber sehr groß und, abge- 
sehen von Ausnahmen, sprach die öffentliche Meinung die Besorgnis 
aus, man stürze sich in Abenteuer einer phantastischen Weltpolitik und 
habe es wieder mit einem der impulsiven Einfälle des Deutschen Kaisers 
zu tun, der dem Oeutschen Reiche teuer zu stehen kommen könnte. Diese 
Vermutungen und Vorwürfe waren gleich unberechtigt, denn abge- 
sehen von dem Gesagten, war es ein langgefühltes, von Jahr zu Jahr 
sich empfindlicher bemerkbar machendes Bedürfnis, einen festen Punkt 
an der ostasiatischen Küste zu erwerben. 
Daß ein gewisses Wagnis in der Erwerbung lag, konnte nicht be- 
stritten werden, das aber genügt nicht, um die Erwerbung von Kiautschon 
unbedingt als einen Fehler erscheinen zu lassen. Das ODeutsche Reich be- 
fand sich damals in der Lage, überseeische Erwerbungen gewissermaßen 
ohne das Fundament entsprechender Macht machen zu müssen. Es ver- 
fügte über keine Flotte und hatte keine Bündnisse oder nach dieser Nich- 
tung hin wirksame BVerträge mit überseeischen Mächten. Darin lag die 
Schwäche, und hinzu kam mit ebenso großer Bedeutung die Tatsache, 
daß die Zeiten vorbei waren, wo ausdehnungsbedürftige europäische 
Mächte sich Gebiete, Inseln und Küstenorte nehmen konnten, wie und 
wo es ihnen gefiel. Diese Periode, welcher England sein Niesenkolonial- 
reich verdankte, war einer solchen eifersüchtigsten Wettbewerbes und bös-
        <pb n="154" />
        112 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
willigsten Argwohnes gewichen. Das deutsche Kiautschou wurde also 
gewissermaßen in die Luft hineingebaut, wohl im Grundgedanken, es 
sei nun Sache der Politik, eine sichernde Grundlage zu schaffen. Dies 
dürfte in der Tat möglich gewesen sein, auch nachdem die Zeit der eigent- 
lichen Gefährdung eingetreten war, nämlich die Verdrängung Rußlands 
aus dem fernen Osten und die Vorherrschaft des Großbritannien ver- 
bündeten Japans ebendort. Ze stärker Zapan wurde, desto notwendiger 
war für die deutsche Politik, eine Beziehung zwischen dem Oeutschen 
Reiche und Japan herzustellen, welche eine Sicherung Kiautschous be- 
deutete. 
Die deutsche Ausfuhr nach dem chinesischen Markte hatte sich in den 
letzten zehn Jahren verdreifacht, und der Staatssekretär des Auswärtigen 
Amtes traf das Richtige, wenn er sagte: „Wir waren uns schon vorher 
nicht im Zweifel darüber, daß wir in Ostasien einen territorialen Stütz- 
punkt brauchten. Ohne eine solchen würden wir dort in wirtschaftlicher, 
in maritimer und in allgemeinpolitischer Hinsicht in der Luft schweben. 
In wirtschaftlicher Beziehung brauchen wir eine Eingangstür zu dem 
chinesischen Absatzgebiete, wie Frankreich eine solche in Tonking, England 
in Hongkong und Rußland im Norden besitzt.“ 
Es handelte sich also darum, wirtschaftlich eine Eingangspforte nach 
China ebenso wie einen Auslaß aus dem riesigen Gebiete nach dem Ozeane 
zu besitzen. Bisher war Oeutschland gerade in diesem wichtigen Punkte 
hinter den anderen Seehandelsmächten in China weit zurück. Das mußte 
der sich so stark vermehrende deutsche Ausfuhrhandel immer schwerer 
empfinden. 
Sieht man von der Eigentümlichkeit der Form der Besitznahme ab, 
so bietet Kiautschou geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie die Flagge 
dem Handel gefolgt ist, bier freilich sehr spät. Auch rein maritim be- 
trachtet, lag die Notwendigkeit auf der Hand. Die deutschen Kriegeschiffe 
hatten in den Ostasiatischen Gewässern bisher weder einen eigenen Stütz- 
punkt noch eine Kohlenstation, sie mußten selbst für geringfügige Re- 
paraturen und zum Docken nach Hongkong oder nach einem japanischen 
Kriegshafen gehen, waren also räumlich und damit auch zeitlich, oft im 
Gegensatze zu ihren jeweiligen Aufgaben an der chinesischen Küste, in 
der unangenehmsten Weise gebunden. Oazu kam, daß nach Erklärung 
der einschlägigen geistlichen Autoritäten die Lage der Dinge in China 
eine deutsche Fußfassung für die Lebensfähigkeit der deutschen Missionen 
geradezu notwendig machte. 
Was die Wahl des Ortes anlangt, so batte das deutsche Kreuzer- 
geschwader und hatten Techniker wie wirtschaftliche Autoritäten schon 
seit Jahren an der ostasiatischen Küste Umschau gehalten, welcher Punkt
        <pb n="155" />
        Cherbourg — Kreta — Kiautschou — Angola. 113 
  
sich am besten eignen würde, bei sich bietender Gelegenheit als deutscher 
Fußpunkt im Reiche der Mitte ausersehen zu werden. Man war sich 
über die Kiautschoubucht einig geworden. Ihre Lage ist gewissermaßen 
zentral zu den japanischen Gewässern, dem Gelben Meere und der Vang- 
tsemündung. Oie Bucht ist eisfrei und, wie wir ja jetzt übrigens schon 
lange wissen — einer der besten Häfen, wenn nicht der beste, an der chine- 
sischen Küste. Das Klima ist gut. Besonders fiel die Beschaffenheit des 
Hinterlandes ins Gewicht. ARicht nur wußte man, daß umfangreiche 
Kohlenlager dort waren, sondern für Bahnanschlüsse nach dem Innern 
des Reiches lag der Hafen sehr günstig, wie sich nachher auch auf das 
einwandfreieste erwiesen hat. Zugleich mit dem Pachtvertrage war mit 
der chinesischen Regierung die Konzession einer Eisenbahn vom Pacht- 
gebiete nach Norden bis zum späteren Anschluß an das damals geplante 
chinesische Eisenbahnnetz vereinbart worden. 
Es berührte merkwürdig, daß zahlreiche bedenkliche Beurteiler 
damals von einem impulsiven und unüberlegten Schritte sprachen, wo 
doch gerade die überaus schnelle Aufeinanderfolge der Landung, der 
Proklamation des Admirals, des Pachtvertrages und des Konzessions- 
vertrages den schlagendsten Beweis für eine von langer Hand her über- 
legte und in allen Einzelheiten vorbereitete Aktion sprach. 
Zweifellos hat es der deutschen Politik damals tatsächlich fern- 
gelegen, mit der Besitznahme bzw. Pacht des Kiautschougebietes die Inte- 
grität des Chinesischen Reiches zu verletzen oder auf Zerstückelung bin- 
zuwirken. Daß eine allgemeine Aufteilung Chinas früher oder später 
bevorstehe, mag man allerdings wohl für nicht unwahrscheinlich gehalten 
haben. Die vom Staatesekretär für die Fußfassung genannten Gründe 
waren aber keine Vorwände, sondern wirklich maßgebend gewesen. Die 
Ermordung der Missionare bildete den Anlaß zur Aktion der Besitznahme, 
nichts weiter. Was man aus der Kiantschoubucht in der Folge machen 
solle, darüber haben allerdings längere Zeit noch Erwägungen geschwebt. 
Die Frage war, ob man unter großen Geldaufwendungen eine Küsten- 
festung ersten Ranges aus dem Platze machen wollte oder nicht. Man 
entschied sich, es nicht zu tun, sondern das Pachtgebiet nach der Seeseite 
wie nach der Landseite lediglich gegen Handstreich zu schützen. Der Ge- 
danke war verlockend, einen festen Platz zu schaffen, etwa von der Be- 
deutung, wie sie die Russen kurz darauf Port Arthur zu geben gedachten: 
die einer uneinnehmbaren Festung. Es hat Jahre gegeben, wo diese An- 
sicht in Deutschland auch viele und gewichtige Anhänger hatte. Gleich- 
wohl ist es gut, daß nichts daraus wurde, und zwar aus folgenden Gründen: 
Deutschland hatte nicht die Möglichkeit, eine gesicherte Seeverbindung 
nach Kiautschou zu unterhalten. Es hing immer ab von dem guten Willen 
Graf Reventlow, Deutschlands auswärtige Politik. 8
        <pb n="156" />
        114 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
des seebeherrschenden Englands, außerdem an Ort und Stelle von dem 
guten Willen Japans, das seit dem Russisch-JZapanischen Kriege die un- 
beschränkte Seeherrschaft in den ostasiatischen Gewässern besaß. Wollte 
man nun selbst annehmen, daß die seebeherrschenden Mächte dem Deut- 
schen Reiche keine ernsten Hindernisse in den Weg gelegt hätten, um das 
erforderliche Material zum Bau und zur Armierung einer gewaltigen 
Seefestung nach Ostasien zu bringen und den Bau auch auszuführen, so 
war doch unausweichlich, daß Deutschland sich mit einem solchen Platze 
einen Stein des Anstoßes und einen Angriffspunkt für andere Mächte 
schuf, ohne die Möglichkeit, im Kriege Berbindung mit diesem Platze auf- 
rechterhalten zu können. Bestand in einem deutsch-englischen Kriege 
selbstverständlich keine Möglichkeit, deutsche Kriegsschiffe und Truppen- 
transporte nach Kiautschou zu senden, so war das gleiche in einem deutsch- 
französischen Kriege sehr zweifelhaft, zum mindesten aber überaus zeit- 
raubend. Außerdem mußte man aber damit rechnen, daß nicht nur China 
jeede unbequeme oder gefährdete Lage Oeutschlands ausgenutzt haben 
würde, um ein stark befestigtes deutsches Kiautschou als solches vom 
ostasiatischen Festlande verschwinden zu lassen. Darin lag wieder die 
Wabbrscheinlichkeit, daß eine Parteinahme gegen Oeutschland in China 
weit eher wahrscheinlich wurde als das Gegenteil. Selbst ein neutrales 
Großbritannien hätte keinerlei Interesse daran gehabt, daß Kiautschou 
deutsch bliebe, im Gegenteil! Solchen Uberlegungen gegenüber wurde 
bieweilen der Einwurf erhoben: man müsse eben, wenn man überhaupt 
in Ostasien etwas wolle, eine uneinnehmbare Festung aus Kiautschou 
machen, nach der Landseite wie nach der Seeseite. Wirklich uneinnehm- 
bare Festungen gibt es kaum, und in diesem Einzelfalle liegt auf der Hand, 
daß die Bedingungen einer uneinnehmbaren Festung im fernen Osten 
gerade für Deutschland am allerschwersten zu schaffen waren. Wirklich 
gesichert werden und sein konnte, wie gesagt, das Kiautschougebiet nur 
durch ein enges politisches Einvernehmen zwischen dem Oeutschen Reiche 
und Japan. Dieses hätte, trotz der Mißstimmungen von 1895, das Ziel 
der deutschen Ostasienpolitik sein müssen. (In den vorigen Auflagen dieses 
Buches konnte man dieses nicht sagen, s. u.) 
Ein Bergleich Kiautschous mit Port Arthur war schon deshalb nicht 
richtig, weil dieser Platz sich in Landverbindung mit Rußland befand und 
den dauernden Stützpunkt für eine starke russische Flotte abgegeben haben 
würde, wenn nicht der Russisch--Japanische Krieg dazwischen gekommen 
wäre. Und dieser Krieg kam auch nicht zufällig dazwischen, sondern weil 
Japan es unerträglich fand, eine solche See- und Landmacht dicht vor 
seinen eigenen Küsten groß werden zu sehen. Das Oeutsche Reich konnte 
aber nicht daran denken, gewissermaßen seinen maritimen Schwerpunkt
        <pb n="157" />
        Cherbourg — Kreta — Kiautschou — Angola. 115 
— 
  
in Gestalt von Flottenverschiebungen nach dem fernen Osten zu legen. 
Die beimischen Gewässer mußten, ungeachtet aller guten Beziehungen 
mit europäischen Mächten immer der maritime Kraftmittelpunkt für das 
Deutsche Reich bleiben. Steht das aber fest, so ergibt sich ohne weiteres, 
daß es in jedem Sinne unpraktisch gewesen wäre, ungeheure Kosten auf den 
Ausbau eines Küstenplatzes zu verwenden, der militärisch im Rahmen 
des Ganzen immer nur ANebenzwecken dienen kann, der anderseits um so 
gefährdeter wird, je stärker man ihn ausbaut. So tat die deutsche Re- 
gierung durchaus recht, als auch nach dieser Seite der wirtschaftliche und 
damit friedliche Charakter der Besitzunahme von Kiautschou tatsächlich in 
den Vordergrund gestellt wurde. Die Chinesen ebenso wie die Japa- 
ner sollten Kiautschou nicht als eine Drohung und eine Gefahr ansehen, 
auch wollte man das ohnehin starke Mißtrauen und den Haß des Chi- 
nesen gegen den Fremden durch die Betonung des friedlichen Charakters 
der Fußfassung wirksam bekämpfen. Japan wurde auch damals noch 
weit unterschätzt. 
Nichtsdestoweniger war natürlich das Aufsehen über die deutsche 
Besitznahme ein außerordentliches. Es wurde noch größer, als im Februar, 
März und Mai drei Berträge Rußlands im fernen Osten bekannt wurden. 
Mit China schloß Rußland einen Vertrag, demzufolge Port Arthur an 
der Südspitze der Halbinsel Liautung und die östlich davon, am Eingange 
zur Bucht von Korea liegende Insel Talienwan an Rußland verpachtet 
wurden; zunächst für einen Zeitraum von 25 Jahren. Ferner erdielt 
Rußland von China das Recht, Port Arthur mit seiner großen sibirischen 
Bahnlinie durch eine Eisenbahn zu verbinden. „Dieses Abkommen", 
so sagte ein offiziöses Blatt, „ist eine direkte und natürliche Folge der 
zwischen den beiden großen Reichen, deren Bestrebungen zum Besten 
ihrer Völker darauf gerichtet sein müssen, auf der ganzen ungeheuren 
Strecke ihrer Grenzbesitzungen die Ruhe aufrechtzuerhalten, bestehenden 
Beziehungen.“ Oie Integrität des Souveränrechtes Chinas bleibe ge- 
wahrt, anderseito genüge der Vertrag den Bedürfnissen Rußlands ale 
Grenzmacht. Der Hafen von Talienwan würde dem Handel aller Na- 
tionen geöffnet sein. Am 28. März nahmen russische Truppen von der 
Landseite, das russische Geschwader vom Hafen aus Besitz von Port 
Arthur. 
Ferner wurde ein Vertrag Rußlands mit Korea veröffentlicht, laut 
welchem das Königreich Korea an Rußland die Hirschinsel abtrat, um 
als russische Kohlenstation zu dienen. Oiese kleine Insel liegt in der 
Enge von Korea zwischen dem Südostende der Halbinsel und der ja- 
panischen Küste, vor dem koreanischen Hafen Fusan, und galt für einen 
flottenstrategisch überaus wichtigen Punkt. 
##
        <pb n="158" />
        116 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895- 1903. 
  
Der dritte Vertrag war zwischen Rußland und Japan über Korea ge- 
schlossen worden. Die Selbständigkeit Koreas wurde anerkannt, beide 
Mächte verpflichteten sich, vor direkter Einmischung in die inneren An- 
gelegenheiten des Landes sich jedesmal untereinander zu verständigen, 
wenn es sich um Ernennung von militärischen Instruktoren und finan- 
ziellen Ratgebern handle. Ferner: Rußland werde den wirtschaftlichen 
Beziehungen zwischen Japan und Korea keine Hindernisse bereiten. 
Wie die Dinge mit Korea damals lagen, bedeutete der Vertrag für 
Rußland einen sehr wesentlichen Erfolg und schuf im Bereine mit den 
beiden anderen Verträgen Rußland mit einem Schlage eine gewaltige 
Stellung im fernen Osten. 
Zn Großbritannien erregte dieser neue russische Schritt enormes 
Aufsehen; er wirkte wie eine Bombe. HOie öffentliche Meinung Groß- 
britanniens und seine Staatsmänner saben die Integrität Chinas und 
damit besonders die wirtschaftlichen Interessen Großbritanniens im Reiche 
der Mitte auf das schwerste bedroht. 
Aichtsdestoweniger handelte die britische Regierung schnell ent— 
schlossen: bereits am 2. April wurde zwischen ihr und China ein Pacht- 
vertrag geschlossen, der den Küstenpunkt Wei-hai-wei am Gelben Meere 
in großbritannischen Besitz brachte. 
Oiesei drei Pachtungen: Kiautschou, Port Arthur und Wei-hai-wei 
waren ihrem Charakter nach völlig voneinander verschieden. Uber Kiau- 
tschou haben wir gesprochen; diese Pachtung verfolgte keine Zwecke macht- 
politischer Natur. Port Arthur und seine Bahnverbindung nach den 
großen sibirischen Linien sollten Kopf und Rückgrat für eine russische 
Provinz bilden, welche man einst von China abzutrennen hoffte, be- 
stehend aus der Mandschurei, den Halbinseln Korea und Kwantung. 
Hier lag also ein imperialistischer Plan größten Stiles vor, in welchem 
Machtpolitik und Wirtschaftspolitik gleichermaßen enthalten waren. Oie 
britische Pachtung von Wei-hai-wei schließlich verfolgte weder wirtschaft- 
liche, noch imperialistische Zwecke, sondern bildete einen rein militärischen 
Gegenzug gegen Port Arthur. Im Frühling desselben Jahres äußerte 
sich Balfour als Vertreter der englischen Regierung dazu folgender- 
maßen: „Als die Regierung von den Verhandlungen Rußlands bezüglich 
Port Arthurs hörte, habe sie Rußland vorgeschlagen, von der Besitz- 
nahme abzustehen, während England seinerseits sich verpflichten wollte, 
von keinem Hafen in der Bucht von Petschili Besitz zu ergreifen. Ruß- 
land habe diesen Vorschlag abgelehnt und sei daraufhin benachrichtigt 
worden, daß England für sich die Freiheit beanspruche, die zum Schutze 
seiner Interessen nötigen Schritte zu tun. Man habe darauf Wei-hai-wei 
zu denselben Bedingungen erhalten wie Rußland Port Arthur. Von
        <pb n="159" />
        Cherbourg — Kreta — Kiautschou — Angola. 117 
  
Weihai-wei aus beherrsche England die Bucht von Petschili, und dieser 
Stützpunkt halte Port Arthur das Gleichgewicht.“ Balfour wies mit 
Ernst und Besorgnis auf die „verhängnisvollen Aberraschungen“ hin, 
welche die neue Entwicklung für die Zukunft Chinas bringen könne. Aus 
den gesamten Parlamentsverhandlungen jenes Frühjahrs und Sommers 
in den englischen Kammern sprach tiefste Besorgnis und Unruhe NRuß- 
land gegenüber. ODagegen legte man besonderen Wert auf die Betonung, 
daß die Besitzuahme von Weihai-wei sich keineswegs gegen die deutschen 
Rechte in Schantung richte. Der Regierungsvertreter erklärte, man habe 
aus eigenem Antriebe der deutschen Regierung Anzeige von der Pach- 
tung Wei-hai-wei gemacht, um Mißverständnisse zu vermeiden. Oiese 
Erklärung lautete, nach der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“: 
„Die englische Regierung hat im Hinblick auf die bevorstehende Besitz- 
nahme Weiehai-weis der deutschen Regierung spontan die Mitteilung 
gemacht, daß sie nicht willens sei, deutsche Rechte oder Interessen in 
Schantung zu schädigen oder in Frage zu stellen, oder der deutschen Re- 
gierung in jener Provinz Schwierigkeiten zu bereiten; daß sie insbesondere 
nicht beabsichtige, von Wei-hai-wei oder dem dazu gehörigen Gebiete 
aus Eisenbahnverbindungen nach dem Inneren der Provinz anzulegen.“ 
RNimmt man dazu die wiederholte Betonung Balfours, daß die 
Besetzung von Wei-hai-wei nichts mit der deutschen Pachtung zu tun 
habe und sich ausschließlich gegen die russische richte, wie anderseits die 
Tatsache, daß die internationale Lage und Politik Englands zu jener Zeit 
genau mit diesen amtlichen Erklärungen übereinstimmen, so beweist das 
alles unwiderleglich die Unrichtigkeit der Behauptungen: die Pachtung 
von Kiautschou sei die eigentliche Ursache des Russisch-= Zapanischen Krieges 
geworden und habe im besonderen die beiden anderen Pachtungen her- 
vorgerufen. Tatsächlich stand der Plan russischer Ausdehnung in China 
schon lange fest, Port Arthur sollte nur ein Mittel zum großen Gesamt- 
zwecke sein. Angesichts dieser russischen Pläne hatte dann Kaiser Wil- 
helm sich mit Rußland über einen festen Punkt für Oeutschland ver- 
ständigt. Dahin zielte auch die Außerung des Fürsten Bülow im Reichs- 
tage: Deutschland befände sich im Einklange mit Rußland, „dessen Inter-- 
essen in Europa nirgends die unfrigen durchkreuzen, in Ostasien viel- 
fach mit denselben parallel laufen, und dessen natürliche Machtentwick- 
lung wir als aufrichtige Freunde mit neidloser Sompathie begleiten“. 
Wahrscheinlich ist, daß die großbritannische Politik hoffte, das 
Deutsche Reich werde durch Kiautschou in Gegensatz zur ostasiatischen 
Ausdehnungspolitik Rußlands gebracht werden können.
        <pb n="160" />
        118 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
Ganz im Gegensatze zur Stellungnahme Großbritanniens während 
des Griechisch-Türkischen Krieges im vergangenen Zahre (1897), zeigten 
im Jahre 1898 die Parlamentedebatten in London eine ausgesprochene 
und entschiedene Neigung der britischen Regierung zur Annäherung an 
Deutschland. Aicht nur hatte man jene freundliche und entgegenkommende 
Erklärung hinsichtlich Wei-hai-weis abgegeben, zu der die britische Re- 
gierung in keiner Weise verpflichtet gewesen war, sondern der Schatz- 
kanzler Balfour fragte ausdrücklich im Parlamente: was nun nach einer 
solchen freiwilligen Erklärung zur Bersöhnung der öffentlichen Meinung 
Deutschlands im Wege stände. Die parlamentarische Opposition sprach 
sich mit einer solchen Heftigkeit gegen ein Bündnis Großbritanniens mit 
Deutschland aus, daß schon daraus auf konkrete Annäherungsabsichten 
innerhalb der britischen Regierung geschlossen werden mußte. Der Ko- 
lonialsekretär Chamberlain erklärte: „Ich bin vollkommen bereit zu sagen, 
daß ich bessere Beziehungen zu Oeutschland wünsche. Ich glaube, daß 
unsere Interessen in China denen Oeutschlands viel näher verwandt sind 
als denen Rußlands.“ Anderseits betonte der Kolonialsekretär im Par- 
lamente und in einer großen Rede in Birmingham, daß die Jsolierung 
Großbritanniens angesichts der Ereignisse im fernen Osten „gefährlich“ 
sei: „Solange China in seiner gegenwärtigen Lage und England ohne 
Verbündete ist, würde es in Zukunft möglich sein, die Unabhängigkeit 
Chinas gegen die Einfälle einer großen militärischen Macht zu bewahren? 
.. Has Ergebnis des ODreibundes war die Erhaltung des europäischen 
Friedens. Und wenn Bündnisse im Plane wären, denen England mit 
demselben Ziele beitreten könnte, — würde das eine Fingotat sein, ein 
solches Bündnis einzugehen?“ Lord Beresford trat öffentlich dafür ein, 
England solle sich bestreben, mit Deutschland zu einer Berständigung 
zu gelangen, und Lord Curzon, der Unterstaatssekretär des Auswärtigen 
Amtes, meinte: man sei nicht berechtigt, neue Konkurrenten mit Eifer- 
sucht zu betrachten, solange ihr Wettbewerb friedlich und legitim sei, 
Curzon sprach das weise, und angesichts seiner damaligen Jugend doppelt 
bedeutende Wort: England solle, anstatt eifersüchtig zu sein, sich lieber 
bemühen, im Zeitalter der Konkurrenz dasjenige zu erhalten, was es 
im Zeitalter des Monopols erworben habe. 
Die britische Stimmung charakterisierte sich alles in allem: als Miß- 
trauen gegen die russische Politik, Besorgnis gegenüber der wachsenden 
russischen Machtstellung im fernen Osten; Furcht, Rußland gebe auf 
Zerstückelung Chinas hinaus und England allein würde diese nicht hintan- 
halten können. Sich der Inselmacht Japan zu bedienen, dieser Gedanke 
war seit 1895 schon den britischen Staatsmännern nicht fremd gewesen, 
jedoch hielt man wahrscheinlich die japanische Macht vorläufig nicht für
        <pb n="161" />
        Cherbourg — Kreta — Kiautschou — Angola. 119 
  
ausreichend. So blieb Deutschland übrig. Großbritannien schätzte, wie 
die angeführten Außerungen zeigen, die Richtung der deutschen Politik 
in Ostasien durchaus zutreffend ein und würdigte, daß diese Politik nicht 
auf eine Zerstückelung Chinas hinauslief oder hinauslaufen sollte. Dieses 
Urteil war auch insofern durchaus richtig, als die deutsche genau wie die 
englische Wirtschaftspolitik in China offene Tür und freie wirtschaftliche 
Betätigung, wirtschaftliche Durchdringung des riesigen chinesischen Marktes 
anstrebte, nicht aber wie Rußland Besitznahme großer Gebiete. Daraus 
ergab sich für die britischen Staatsmänner, daß Deutschland wie England 
ein gleiches Interesse an der Erhaltung Chinas hatten, während wieder 
die russischen Bestrebungen im Gegensatze dazu standen. 
Am 8. Dezember 1898 hielt Chamberlain eine vielbemerkte Rede 
in Wakefield und sagte u. a. das Folgende: „Wir haben mittels eines 
freundschaftlichen und redlichen Gedankenaustausches festgestellt, daß es 
sehr wichtige Fragen gibt, in denen sich die deutschen Interessen ebenso 
wie die englischen berühren. Wir können uns verständigen, uns helfen 
und können unterlassen, in diesen Fragen einer die Politik des anderen 
zu verhindern, und ein Augenblick der Uberlegung wird beweisen, daß 
die englischen und die deutschen Interessen in keinem Teile der Erde in 
ernstlichem Widerstreite stehen.“ Er hoffte, die größte Flottenmacht 
der Welt und die größte militärische Macht würden sich in Zukunft öfter 
begegnen, und er behauptete, daß das Einvernehmen mit Deutschland 
ein Erfolg sei, und zwar nicht der geringste, den die britische Regierung 
erreicht habe. 
Wir wissen nicht, ob und welche Anerbietungen oder Andeutungen 
von Anerbietungen der deutschen Regierung in jenem Jahre 1898 von 
der britischen gemacht worden sind. Zene Debatten fanden in den Sommer- 
monaten statt, und im Dezember erklärte Fürst Bülow: „Was unser Ver- 
hältnis zu England angeht, so möchte ich heute darüber nur dies sagen — 
damit glaube ich aber eine ganze Menge zu sagen, — daß es allerlei Fragen 
und mancherlei Punkte gibt, wo wir mit England zusammengehen können 
und gern mit England zusammengehen, ohne Schädigung und unter 
vollster Wahrung anderweitiger wertvoller Beziehungen.“ 
Das war also in freundlichster Form eine entschiedene Ablehnung, 
das Deutsche Reich an einer Politik in Ostasien zu beteiligen, welche es 
in Gegensatz zu Rußland bringen konnte, ja ohne jeden Zweifel bringen 
mußte, denn die britische Regierung wollte ja gerade einen Helfer gegen 
Rußland haben, insbesondere Rußland einen starken Festlandsgegner 
schaffen. 
Es entsprach und entspricht also keineswegs der Wahrheit, wenn 
man in bezug auf jene Periode von heuchlerischen Annäherungeversuchen
        <pb n="162" />
        120 2. Abschnitt. Weltpolltische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
Großbritanniens redet. Diese Versuche an sich waren im Gegenteil sehr 
aufrichtig und, wie wir gesehen haben, hielt man in England auch mit 
dem Motive keineswegs hinterm Berge. Fürst Bülow seinerseits batte 
offenbar zwei Hauptgründe, nicht auf die englischen Anerbieten einzu- 
gehen. In erster Linie wollte er das mühsam wieder gewonnene gute Ver- 
hältnis mit Rußland nicht aufgeben. Die Vorteile, welche eine solche neue 
Schwenkung für ODeutschland ergeben konnte, waren unsicher, ja nebelhaft, 
die Nachteile groß, denn trotz Ostasien blieb Rußland immer noch Deutsch-- 
lands Nachbar in Europa mit einer beiden Ländern gemeinsamen langen 
Landgrenze, es blieb auch der Bundesgenosse Frankreichs. Gute deutsch- 
russische Beziehungen waren der deutschen Politik auch im nahen Oriente 
erwünscht. Schließlich wäre es in Rücksicht auf den Oreibund nachteilig 
gewesen, das deutsch-russische Berhältnis kühl oder gar feindselig werden 
zu lassen, denn, wie wir gesehen haben, waren die russisch-österreichischen 
Beziehungen damals besonders eng. Man hätte möglicherweise Öster- 
reich mehr zu Rußland hinübergeschoben, als nützlich war, und sich so 
auf dem Festlande annähernd vollständig isoliert. Auf der anderen Seite 
konnte Fürst Bülow annehmen, daß die Gefahren, welche England für 
sich in Ostasien kommen sah, für Deutschland lange nicht so bedeutend 
waren. Dazu kam als Faktor die öffentliche Meinung in Deutschland, 
welche seit der Krügerdepesche von tiefster Bitterkeit und regstem Miß- 
trauen gegen alles Englische erfüllt war, während die öffentliche Meinung 
in England, in nationalen Fragen diszipliniert und praktisch wie immer, 
nicht gezögert hatte, eine britisch-deutsche Annäherung zu propagieren. 
Es gebt aus den angeführten Aussprüchen des Fürsten Bülow hervor, 
daß er analog der Hohenloheschen Politik — vor Bülows Amtsantritte — 
in allen Fragen, die sich nicht durch die Bündnisse Deutschlands unmittel- 
bar beantworteten, eine Politik der freien Hand als für Deutschland 
gegeben erachtete. Der Dreibund und freundliche Beziehungen zu Ruß- 
land waren die Grundlagen seiner Politik, nach allen anderen Richtungen 
bin wollte er tunlichst freie Entscheidung von Fall zu Fall. 
Kaiser Wilhelm II. beglückwünschte im April 1898 die Königin von 
England zum Siege, welchen Lord Kitchener bei Atbara über Kalifen- 
truppen erfochten hatte. In der englischen Presse las man damals, und 
der Wunsch war wohl der Vater des Gedankens, daß dieser Glückwunsch 
einen Frontwechsel der deutschen Politik anzeige. Davon war keine 
Rede, aber augenscheinlich wollte man zeigen, daß weder der Kaiser, 
noch die deutsche Regierung einen prinzipiellen Gegensatz zur britischen 
sahen, sondern deren Erfolge auf anderen Gebieten mit Wohlwollen ver- 
folgten. Es handelte sich also um eine Höflichkeit, die an und für sich nichts 
kostete.
        <pb n="163" />
        Cherbourg — Kreta — Kiautschou — Angola. 121 
  
Zenes „Einvernehmen“ zwischen Oeutschland und England, auf 
welches Chamberlain in seiner Rede (Seite 119) anspielte, ist offenbar 
der Geheimvertrag über eine eventuelle Teilung der portugiesischen 
Besitzungen in Südafrika zwischen dem Deutschen Reiche und Großbri- 
tannien. Bülow sagte darüber im Winter 1899 nur, er könne sich dazu 
nicht äußern, da die beiden Regierungen sich gebunden hätten, das Ab- 
kommen bis zum Eintritte bestimmter Umstände geheimzuhalten; es 
handle sich sowohl um aktuelle Fragen, „als um Eventualitäten, die in 
Zukunft eintreten können“. 
Ob jenes sogenannte Angolaabkommen gleichzeitig Deutschland ver- 
pflichtete, Großbritannien den Burenrepubliken gegenüber freie Hand 
zu lassen, ist eine Frage, welche nicht einwandfrei beantwortet werden 
kann. Es ist besonders in Deutschland vielfach behauptet worden. Man 
könnte es schon aus diesem Grunde bezweifeln, weil Großbritannien 
eines solchen deutschen Zugeständnisses tatsächlich nicht bedurfte. Natür- 
lich lag aber der britischen Regierung, die demnächst den südafrikanischen 
Krieg zu führen gedachte, daran, ein freundwilliges Deutschland — wenn 
billig zu haben — auf dem Festlande zu wissen. 
Üüber den Inhalt des Vertrages ist im Laufe der Fahre eine Reihe 
von Mitteilungen in der englischen und französischen Presse erschienen, 
die inhaltlich wiedergegeben sein mögen: 
Zm Zahre 1898 befand sich Portugal in außerordentlicher Geldver- 
legenheit, es konnte seinen Gläubigern die Zinsen nicht bezahlen und 
erhielt in Europa keinen Kredit mehr. Man ging deshalb in Lissabon — 
vielleicht auch unter dem Eindruck des spanischen Kolonialzusammen- 
bruches — mit dem Gedanken um, einen Teil der portugiesischen Ko- 
lonien zu veräußern. Portugiesische Geldleute und der Gouverneur von 
Mozambique gingen nach London und Berlin, und das Ergebnis der Ver- 
handlungen war ein vom englischen Minister Balfour und dem deutschen 
Botschafter Grafen Hatzfeld im September 1898 unterzeichneter Ver- 
trag. Dieser Vertrag soll begreifen: Mozambique mit Lorenzo-Marques 
Angola, Benguela, Mossamedes und den portugiesischen Kongo. Die 
beiden Mächte hätten eine vorläufige Teilung dieses Besitzes getroffen 
und die Preise festgesetzt, welche an Portugal eintretendenfalls zu zahlen 
wären; sei es, daß es sich um Kauf oder um Abtretung, oder um Pachtung 
handeln solle. Dieses Abkommen sicherte beiden Mächten damit das 
Vorkaufsrecht und gleichzeitig auch gegenseitige diplomatische Unter- 
stützung. 
Der Sinn des Abkommens war jedenfalls, daß Portugal eines 
Tagee gewillt sein werde, seine Kolonien ganz oder zum großen Teil 
gegen entsprechende Geldbeträge abzutreten. Wann diese „Zukunfts-
        <pb n="164" />
        122 2. Abschnitt. Weltpolltische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
epentualität“, wie Bülow die Lage bezeichnete, eintreten würde, konnte 
naturgemäß nicht bestimmt werden, während anderseits außer Zweifel 
stand, daß Großbritannien in der Hand hatte, Portugals Geldverlegenheiten 
ihren Gang natürlicher Steigerung gehen zu lassen oder sie zu bebeben. 
Oie folgenden anderthalb Jahrzehnte haben gezeigt, daß die britische 
Politik sorgfältig vermied, eine Konstellation eintreten zu lassen, die jenen 
Gebeimvertrag akut gemacht hätte. Dagegen sicherte England sich durch 
Eisenbahn- und Hafenkonzessionen den wirtschaftspolitischen Einfluß auf 
eben die Gebiete, für welche Deutschland „Vorzugsrechte“ erhalten hatte. 
Die deutschen Bemühungen: Kohlenstationen auf Madeira und den Azoren 
zu erwerben, wurden durch britische Ränke bei der portugiesischen Re- 
gierung hintertrieben, kurz die britische Politik wollte zwar Deutschland 
durch eine „Annäherung“ sich nutzbar machen, meinte die Annäherung 
selbst aber keineswegs ehrlich. 
Was Südafrika anlangte, so hatte sich auch vor diesem Geheim- 
abkommen die Sprache der englischen Regierungsvertreter gegen 1895/96 
keineswegs geändert. Nach 1897 forderte Chamberlain laut und aus- 
drücklich eine Politik der festen Hand in der transvaalschen Ausländer-- 
frage, und Cecil Rhodes erklärte: „so wird allmählich die Union Süd- 
afrikas erreicht werden“ 1898 im Februar, also eine erhebliche Zeit- 
spanne vor dem Abbschlusse des deutsch-britischen Abkommens, erklärte 
Chamberlain im Parlamente in einer Note an den Präsidenten Krüger: 
„Ihre Moajestät nimmt gegenüber der südafrikanischen Republik die Stel- 
lung eines Souveräns ein, der dem Bolke dieser Republik Selbstregierung 
unter gewissen Bedingungen gewährt hat.“ Das war die Politik, die 
Chamberlain tatsächlich auch trieb und die entweder zu freiwilligem 
Nachgeben der Buren oder zum Kriege führen mußte. 
Nach der Politik und der Persönlichkeit Bülows darf man annehmen, 
daß er der südafrikanischen Frage und der Burenfrage im besonderen 
kühl gegenüberstand und mit einer ganz anderen Auffassung der Dinge 
in sein Amt eintrat, wie sie sein Borgänger, Baron Marschall, bis zum 
Krügertelegramme betätigt hatte. Die Unmöglichkeit, den blritischen 
Plänen in Südafrika erfolgreichen und in seinen Ergebnissen für Deutsch- 
land vorteilhaften Widerstand zu leisten, ist dem Staatssekretär wie dem 
Reichskanzler Bülow ohne Zweifel von Anfang an eine selbstverständliche 
Tatsache, ein einfaches Ergebnis richtiger Einschätzung der Machtfrage ge- 
wesen. Die englischen Staatsmänner waren über die Machtfrage ebenso- 
gut orientiert wie die deutschen, sie wußten ebenso genau, daß sie Deutsch- 
lands Neutralität durch Zugeständnisse nicht zu erkaufen brauchten. War- 
um also sollte es ihnen überhaupt in den Sinn gekommen sein, um etwas 
zu werben, dessen sie nicht benötigten? Die großbritannischen Staats-
        <pb n="165" />
        Faschoda — Manila — Samoa. 123 
  
männer legten aber erheblichen Wert auf engere und für Oeutschland 
hoffnungesvoll scheinende Beziehungen, um die Zsolierung Großbritanniens 
zu beseitigen. Man empfand diese um so unbequemer, weil Chamberlain 
baldigst seine südafrikanischen Pläne zu verwirklichen gedachte. 
Faschoda — Manila — Samoa. 
Die Politik des Deutschen Reiches der französischen Republik gegen- 
über war während des letzten halben Jahrzehntes die gleiche geblieben, 
jedenfalls in ihren großen Zügen. Frankreich war aus der Panamakrisis 
in die Drepfuskrisis gelangt, mühsam wieder aus ihr hinausgeführt wor- 
den, und dann, um das Jahr 1898, gab das Wiederaufnahmeverfahren 
in der Angelegenheit Dreyfus wieder Anlaß zu Stürmen, welche die 
Republik und die Armee in ihren Grundfesten erschütterten. Immer bei 
diesen und anderen Anlässen wandte sich die Erregung der öffentlichen 
Meinung gegen Oeutschland als den Feind, der zu den Verlegenheiten 
Frankreichs beitrüge, wo er könne, und nur den Augenblick erwarte, 
um über den westlichen Nachbar herzufallen. An dieser Auffassung änderte 
das Bündnis mit Rußland verhältnismäßig wenig, zumal da es, wie an 
anderer Stelle erörtert worden ist, den Franzosen schon bald klar wurde, 
daß der Zar weit entfernt war, die russischen Armeen als Werkzeug fran- 
zösischer Revanche anzusehen. Dazu kam die Besserung der deutsch- 
russischen Beziehungen vom Jahre 1895 ab. 
Von deutscher Seite, besonders auch vom Oeutschen Kaiser, wurde 
wiederholt versucht, den Franzosen die Versöhnlichkeit der deutschen 
Stimmung zu zeigen. ODer Oeutsche Kaiser versäumte keine Gelegenheit, 
den Franzosen Liebenswürdigkeiten und Höflichkeiten zu erweisen, mochte 
es sich um Begnadigungen französischer Offizierspione handeln oder um 
Beileidsdepeschen, wie nach dem Tode des alten Marschalls Canrobert 
und der Ermordung des Präsidenten Sadi Carnot, oder um Empfang 
und gesellschaftliche Bevorzugung hervorragender Franzosen in Berlin 
oder auf Seefahrten. Als im Sommer 1895 die Eröffnung des Kaiser- 
Wilhelm-Kanals stattfand, wurde auch Frankreich eingeladen, ebenso 
wie siebzehn andere Nationen, sich durch Entsendung von Kriegsschiffen 
an der Feier zu beteiligen. Richt zum wenigsten, um eine so allgemeine 
Teilnahme zu ermöglichen, wurde die rein wirtschaftliche Bedeutung der 
neuen Verbindungswasserstraße zwischen der Ostsee und der Nordsee 
gegenüber der militärischen in den Bordergrund gestellt. In Frankreich 
herrschte zunächst große Erregung über die Einladung, und es erhoben 
sich heftige Stimmen für ihre Ablehnung: es hieße sich vor dem Sieger 
von 1870 beugen, sei eine Demütigung Frankreichs. Schließlich ent-
        <pb n="166" />
        124 2. Abschnitt. Weltpolitische Muühen ohne zureichende Mittel. 1805 1903. 
  
schloß man sich aber, der Einladung Folge zu leisten, im richtigen Ge- 
fühle, daß es sich beiderseits um einen Höflichkeitsakt handle, der zu nichts 
verpflichte und keine tiefere Bedeutung habe. Das französische Ge- 
schwader nahm aber Gelegenheit, den Besuch zu einer politischen De- 
monstration zu machen, indem es im Verein mit dem russischen Geschwader, 
nicht allein, in den Kieler Hafen einlief; zum Zeichen, daß Frankreich 
nicht alleinstehe, sondern sich auf einen mächtigen Bundesgenossen stütze. 
Während der Festlichkeiten selbst benahm sich der französische Geschwader--- 
chef mit seinen Offizieren ungeschickt und unhöflich. 
Man hat diese Politik deutscher Aufmerksamkeiten viel getadelt, 
im besonderen geglaubt, daß der Kaiser sich Zllusionen über ihren Ein- 
druck mache. Oafür spricht jedoch nichts, was beweisbar wäre, um so 
weniger, als der Kaiser bei anderen Gelegenheiten niemals gezögert 
hat, Frankreich in seinen Reden auch entgegengesetzte Seiten zu zeigen. 
Die Franzosen haben sich damals freilich die Ansicht gebildet, daß der 
Deutsche Kaiser geradezu mit Sehnsucht auf freundliche Worte seitens 
der Franzosen warte und die sogenannte Bersöhnung mit allen Fasern 
seines Wesens erstrebe. Diese Auffassung ist eine nicht erwünschte Folge 
der deutschen Liebenswürdigkeiten von damals gewesen. 
Gleichwohl war nicht in Abrede zu stellen, daß politische Ereignisse 
der neunziger Jahre verschiedentlich eine gewisse äußerliche Annäherung 
zwischen den beiden Mächten zustande brachten. Der gemeinsame Pro- 
test gegen den englischen Vertrag mit dem Kongostaate, das entschiedene 
Zusammengehen im fernen Osten seit dem Jahre 1895, die gleichartige 
Stellungnahme der deutschen und der französischen Politik im nahen 
Oriente während der armenischen und der griechisch-türkischen Krisis, 
das war alles eine sachliche Parallelarbeit, welche hauptsächlich durch 
die Vorurteilslosigkeit und die bewegliche Politik Hanotaux', des dama- 
ligen Ministers des Auswärtigen, ermöglicht worden war. In der Frage 
des britischen Dongolafeldzuges freilich waren die französischen und die 
deutschen Ansichten einander entgegengesetzt. Man geht aber fehl, jene 
gelegentliche Zusammenarbeit als den Beginn oder eine Vorstufe zur 
„Versöhnung“ zu betrachten. Auch Hanotaux selbst hat daran niemals 
gedacht. Es handelte sich vielmehr um Dinge, die zehn ZJahre später 
von einem französischen Politiker und Schriftsteller als der Austausch 
des Kleingeldes der Diplomatie bezeichnet wurden. Daß im übrigen keine 
Anderung eingetreten war, dafür lieferte jene Erklärung des amtlichen 
Frankreichs nach der Krügerdepesche den schlagenden Beweis: Frank- 
reich habe nur einen einzigen Feind, und zwar auf dem Festlande; England 
möge danach seine Politik einrichten ... Man sieht daraus unter anderm, 
daß den Franzosen der Gedanke einer Annäherung an England auch da-
        <pb n="167" />
        Faschoda — Manila — Samoa. 125 
  
mals schon nicht fernlag. Französische Staatsmänner hatten sich, aller- 
dings mit Unterbrechungen, schon seit den achtziger Zahren bemüht, ein 
Einverständnis mit Großbritannien anzubahnen. Es hatte sich aber immer 
zerschlagen, teils infolge der wachsamen Politik Bismarcks, welche die 
beiden Mächte durch koloniale Fragen auseinanderzuhalten wußte, teils 
infolge der aktiven Politik großen Stiles, welche Frankreich in Afrika 
trieb. Sie mußte in immer schärferen Gegensatz zur britischen Politik 
treten, denn es handelte sich hier — man braucht nur das Wort Agppten 
zu nennen — um Lebensfragen der britischen Politik im Sinne des Wortes. 
Zene französische Afrikapolitik, besonders während der zweiten Hälfte der 
neunziger Jahre, wurde mit Konsequenz und Zähigkeit von großen Ge- 
sichtspunkten getrieben. Großbritannien war sich dieser Gefahr völlig bewußt. 
Oie britischen Staatsmänner, schon lange entschlossen, Agypten nie 
wieder zu räumen, nur die öffentliche Erklärung dieser Absicht zu ver- 
meiden und von Zeit zu Zeit der jeweiligen Lage angepaßte Vorwände 
zu gebrauchen, strebten danach, alle anderen Kolonialmächte von den 
Grenzen Agyptens abzudrängen oder sie nicht heranzulassen. Oiesem 
Zwecke sollte auch der durch Oeutschland und Frankreich verhinderte 
Vertrag mit dem Kongostaate dienen, diesem Zwecke diente die britische 
Oongolaexpedition, deren Notwendigkeit die britische Regierung nach 
außen mit der Niederlage der Italiener bei Adua begründete. Gewiß 
hatte sie insofern recht, als der neue Mahdistenaufstand seinen Anlaß 
in der Niederlage Italiens hatte. Anderseits wurde von den Franzosen 
behauptet, daß Großbritannien eben an dieser Niederlage der Ztaliener 
die Schuld trage, um Unruhen entstehen zu lassen und eingreifen zu 
„müssen“. Genug, im Frühjahr 1896 wurde die Oongolaexpedition orga- 
nisiert. Die Franzosen wußten genau, daß der englische Feldzug unter 
dem Oberbefehle des Generals Kitchener das Endziel hatte, die britische 
Herrschaft am oberen Ail zu begründen und zu befestigen. Die fran- 
zösischen Absichten auf diese Gebiete waren in England nicht unbekannt 
geblieben. Sir Edward Grey, damals Unterstaatssekretär des Auswärtigen 
Amtes, wies 1895 auf die französische Expedition Marchand hin und 
sagte, er glaube nicht, daß die Nachrichten davon auf Wahrheit beruhten, 
denn wenn sich diese Expedition von Westafrika nach einem Gebiete be- 
gebe, „wo unsere Rechte schon so lange anerkannt sind, so würde das 
nicht nur ein unerwarteter Akt sein, sondern die französische Regierung 
muß genau wissen, daß es ein unfreundlicher Akt wäre und als solcher in 
England betrachtet werden würde“. 
Die französische Regierung ließ sich jedoch nicht beirren, sondern 
rüstete unter der Führung des damaligen Hauptmanne Marchand eine 
Expedition aus. Oiese landete im Sommer 1896 zu Loango an der West-
        <pb n="168" />
        126 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
küste des französischen Kongogebietes und nahm ihren Weg auf Fa- 
schoda im oberen Nilgebiete. Von der anderen Seite, von Abessinien 
aus, hatten die Franzosen eine korrespondierende Expedition vorbereitet. 
Der französische Geschäftöträger Lagarde hatte mit dem König Menelik 
eine Bahnkonzession im Harrargebiete vereinbart und schickte sich nun- 
mehr an, mit seiner Expedition den Hauptmann zu Faschoda zu treffen. 
Marchand erreichte den Ort Faschoda im Juli 1898 und beißte dort die 
französische Flagge. Lord Kitchener hatte im September die Schlacht 
bei Omdurman geschlagen, war in Khartum eingerückt und erschien nun 
am 19. September zu Faschoda. Oer britische General erklärte, daß 
Großbritannien Anspruch auf das Gebiet von Faschoda erbebe, da es 
innerhalb des vom ägyptischen Khediven beherrschten Gebietes läge. 
Marchand weigerte sich, die Flagge niederzuholen. Kitchener ließ die 
britische und die ägyptische Flagge daneben heißen; ein seltsames Schau- 
spiel, welches nicht lange dauern sollte. Die Angelegenheit erregte großes 
Aufsehen, und Großbritannien führte sogleich eine drohende Sprache. 
Oer englische Botschafter in Paris erklärte: wenn Frankreich die Politik 
der Nadelstiche fortsetze, so würde Großbritannien die Politik rücksichts- 
voller Schonung aufgeben und Maßnahmen treffen, die vom ersten Fach- 
mann in diesen Fragen vorgeschlagen seien, aber nicht gerade den Ge- 
fühlen der Franzosen entsprechen würden. 
Die Regierung hatte durch Delcassé dem britischen Botschafter schon 
im September erklärt, er betrachte Marchand mit seiner Expedition 
nur als einen „Emissär der Zinvilisation“, sagte aber gleichzeitig, Frank- 
reich habe die Gebiete des oberen Ails niemals als englische Interessen- 
sphäre anerkannt. Gleichwohl läge ihm außerordentlich viel daran, in 
freundschaftlichen Berhältnissen mit Großbritannien zu bleiben. Die 
britische Regierung erleichterte dem französischen Minister des Aus- 
wärtigen seine Stellungnahme dadurch, daß sie sofort mit den schwersten 
Drohungen anrückte. Oer britische Schatzkanzler erklärte u. a.: Wenn 
Frankreich etwas anderes täte, als England wünsche, so würde die An- 
gelegenheit ein so ernstes Gesicht erhalten, wie es zwischen zwei großen 
Mächten nur möglich sei. Im übrigen ließ England die Flottenreserven 
einberufen, die in den großen Kriegshäfen liegenden Schiffe dienstbereit 
machen, auch seine Landtruppen auf Kriegsfuß bringen. Der Kolonial-= 
sekretär Chamberlain erklärte freilich, man dürfe diese Maßnahmen nicht 
als Drohungen, sondern müsse sie als Vorsichtsmaßregeln ansehen. Groß- 
britannien beanspruche im Namen Agpptens, „das wir um den Preis 
der größten Opfer von Ruin und Anarchie befreit haben, die völlige Herr- 
schaft über alle Gebiete, die Agyppten früher angehörten oder die in die 
Hände der Derwische gefallen sind“.
        <pb n="169" />
        Faschoda — Manila — Samoa. 127 
  
Der neue Minister des Auswärtigen, Oelcassé, war zur Zeit des 
Faschodafalles erst seit kurzer Zeit an die Stelle seines Vorgängers Hano-- 
taur gekommen. Ourch den Zufall, daß der Ministerwechsel vor der 
Krisis erfolgt war, hat die Weltgeschichte vielleicht eine andere Wendung 
erhalten. Hanotaux, dessen Politik von vielen Franzosen als opportu- 
nistisch getadelt wurde, hatte England gegenüber wiederholt nicht nur 
eine scharfe Sprache geführt, sondern sich in seiner Kolonialpolitik auch 
durch englisches Mißfallen nicht beirren lassen. Er war Vertreter fran- 
zösischer Kolonialpolitik großen Stiles und bereit, zur Erreichung seiner 
kolonialen Ziele, so oft es vorteilhaft erschien, sich auch Deutschlands zu 
bedienen. Rußland, den Verbündeten Frankreichs und Gegner Eng- 
lands, wußte er als sicheren Rückhalt, und bei der deutschen Politik glaubte 
er nach den verschiedenen Borgängen in Ostasien und in Afrika gelegent- 
liche Bereitwilligkeit für eine antienglische Stellungnahme voraussetzen 
zu können. Ob und inwieweit gerade im letzten Jahre der Hanotaurschen 
Amtsführung Deutschland und Frankreich auf diesen Gebieten zusammen 
gearbeitet haben, entzieht sich genauer Kenntnis. Auf französischer Seite 
wurde behauptet, daß der deutsche Botschafter Graf Münster bei Hano- 
taux eine gemeinsame Aktion angeregt habe, welche die Selbständigkeit 
der portugiesischen Kolonien in Afrika gegen englische Protektionsgelüste 
garantieren sollte. Bevor Hanotaux habe antworten können, sei Oel- 
cassé an seine Stelle getreten, und dieser habe überhaupt nicht geant- 
wortet. Delcassé hat diese Geschichte in der Kammer ausdrücklich in Ab- 
rede gestellt; sie besaß auch wenig innere Wahrscheinlichkeit. 
Mit Delcassé kam ein Staatomann von neuer Richtung an die Spitze 
der auswärtigen Angelegenheiten Frankreichs. R. Pinon in seinem Buche 
„France et Allemagne“ charakterisiert ihn (1915) als einen Mann, der vor 
seinem Amtsantritte in allen den politischen Gruppen und mit den- 
jenigen Diplomaten Fühlung hatte, welche die ODeutschland gegenüber 
gemäßigten französischen Kabinette mit ihren „SGefälligkeiten“ gegen 
Deutschland scharf mißbilligten. „Bon lauterem Patriotismus erfüllt, 
im Berein mit einem grenzenlosen Ehrgeiz, hatte er in seinem Berkehr 
mit den gambettistischen Kreisen den Gedanken der Nevanche in sich auf- 
genommen, ohne aber damit die Mäßigung zu vereinigen, welche Zeit 
und Nachdenken im Geiste des großen Tribunen hervorgebracht hatten; 
ohne ferner die Revoncheidee außerhalb und über der Tagespolitik zu 
halten. Obendrein ist Delcassé kein Staatsmann von Grundsätzen, nicht der 
Mann einer bestimmten Linie. Er ist Empiriker, die Ereignisse tragen ihn 
mehr, als daß er sie vorbereitete. Er ist aber geschickt in der Kunst, nach- 
träglich die von ihm gemachte Politik in guter Aufmachung vorzuzeigen, 
deren Idee er häufig der Inspiration und der glänzenden Phantasie-
        <pb n="170" />
        128 2. Abschnitt. Weltpolltische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1908. 
  
kraft Ar. Barrêres (Botschafter in Rom), sowie der Erfahrung und Au- 
torität Mr. Paul Cambons (Botschafter in London) verdankt. Klug und 
vorsichtig im Anfange seiner Aktionen, ließ er sich durch die scheinbaren 
Erfolge, die man ihm zuschrieb, blenden. Seine politischen Träume über- 
schritten das Maß, er sprach zuviel von ihnen, und die Realitäten bildeten 
einen zu peinlichen Gegensatz dazu. Oelcassé berauschte sich am Weibh-- 
rauche vorzeitigen Ruhmes, bis die Ereignisse es übernahmen, ihm in 
brutaler Weise das Gefühl jener dauernden Notwendigkeiten nahezu- 
legen, welche auf die französische Politik drücken.“ 
Oie folgenden sieben Fahre rücken die Person ODelcassés in den Vor- 
dergrund der politischen Geschichte Europas, im besonderen derjenigen 
des Deutschen Reiches. Hier sei zur Person nur gesagt, daß in dem an- 
geführten Urteil René Pinons manches richtig, das Urteil in seiner Ge- 
samtheit jedoch ungünstiger erscheint, als der Politiker Oelcassé es ver- 
dient. Auf alle Fälle ist man sich 1898 und während der folgenden Jahre 
in Deutschland nicht darüber klar gewesen, daß ein völlig anderer Geist 
mit dem Amtaantritte Delcassés in die auswärtige Politik Frankreichs 
eingezogen war. Ein anderer französischer Schriftsteller, Biktor Berard, 
erzählte in einer Pariser Zeitschrift 1905, Delcass habe im November 
1898 gesagt: „Ich möchte dieses Haus nicht verlassen und von meinem 
Ministerposten nicht weichen, ohne ein gutes Einvernehmen (la bonne 
entente) mit England bergestellt zu haben.“ Blicken wir auf die JZahre 
der ersten Delcasséschen Amtsführung zurück, so muß ihm zugestanden 
werden, daß er dieses sein Programm nicht nur festgehalten, sondern 
auch erfolgreich durchgeführt hat. 
Die Angelegenheit von Faschoda gab Delcassé Gelegenheit, gleich 
einen großen Schritt zur Verwirklichung seines Programms zu tun. 
Zm November 1898, nach Einlaufen des Marchandschen Berichtes, gab 
Frankreich den englischen Forderungen gegenüber nach. Oelcassé er- 
klärte in der Kammer: er habe für patriotisch gehalten, einen Konflikt 
zu vermeiden, der ein Unglück für die ganze Welt gewesen sein und Opfer 
gefordert haben würde, die außer Verhältnis zum Streitobjekte gestanden 
hätten. Auch in den Kammern herrschte die Stimmung vor, daß es gut 
sei, einen Konflikt mit Großbritannien vermieden zu haben, während 
die Offentlichkeit Frankreichs freilich tief niedergedrückt war. Es blieb 
weder in Frankreich noch in Europa ein Geheimnis, daß der franzö- 
sische Marineminister die völlige Unzulänglichkeit und Unbereitschaft 
der französischen Flotte erklärt hatte. Als Marchand im Frühjahr 1899 
nach Frankreich zurückgekehrt war und begeistert empfangen wurde, 
sagte er: „Mir empfanden die Erniedrigung Frankreichs, die in dem 
Augenblick erfolgte, wo es im Begriff stand, den Erfolg zu erzielen. Ooch
        <pb n="171" />
        Faschoda — Manila — Samoa. 129 
— 
das alles ist nun vorbei. Denken wir nicht mehr daran und blicken wir 
jetzt, wo Ruhe und Frieden eingekehrt sind, sicheren Auges in die Zu- 
kunft. Ein zweites Mal aber dürfte Frankreich so etwas nicht wieder 
erleben.“ 
Oie „Schmach von Faschoda“ war im Laufe der nächsten Jahre 
noch ein Schlagwort in Frankreich. Es kam in der Hauptsache der frau- 
zösischen Marine zugute, insbesondere dem später zu erwähnenden Flotten- 
gesetze des Marineministers de Lanessan. Die antienglische Stimmung 
im französischen Bolke schien einen kaum zu überbietenden Höhepunkt 
erreicht zu haben, denn die Demütigung war in der Tat eine beinahe 
beispiellose. Die französische Flagge war geheißt worden in einem tat- 
sächlich herrenlosen Gebiete. Sie mußte vor der englischen niedergeholt 
werden, weil Großbritannien es wollte und entschlossen schien, mit den 
Mitteln seiner Macht seinen Willen durchzusetzen. Ob die britische Re- 
Gierung tatsächlich zu einem Kriege entschlossen gewesen ist, mag dahin- 
gestellt sein. Bielleicht sah man die französische Nachgiebigkeit voraus, weil 
man die Schwäche Frankreichs zur See kannte. In Frankreich war man 
der Ansicht, daß im Falle französischen Widerstandes gegen ihre Forde- 
rungen die britische Regierung entschlossen gewesen sei, den Franzosen 
Tunis abzunehmen, das Nachbargebiet Agyptens. Das wäre in der Tat 
leicht ausführbar gewesen, um so leichter, als der Kriegöhafen und das 
Arsenal von Biserta damale noch lange nicht fertig waren. 
Oie politische Literatur Frankreichs jener Jahre ist voll vom Aue- 
drucke tiefer Erbitterung gegen England und vom Gefühle gekränkten 
nationalen Stolzes. Inmitten dieser öffentlichen Stürme saß Oelcassé 
und arbeitete mit Paul Cambon an seinem Plane einer französisch-eng- 
lischen Annäherung. Ihnen beiden ist möglicherweise der Zwischenfall 
von Faschoda nicht unerwünscht gekommen, denn er gab ihnen die Gelegen- 
heit, England ihre politische Gesinnung zu zeigen und diesen Höhepunkt 
der kolonialen Meinungeverschiedenheiten zwischen den beiden Mächten 
zu einer gründlichen Erledigung eben dieser Frage zu benutzen, um reinen 
Tisch zu machen. 
Im Frühjahr 1899 überließ Frankreich dann in einem Abkommen 
an Großbritannien alles, was die britische Regierung verlangte. Groß- 
britannien war von jetzt an unbestrittene Herrin des oberen Ai#ls und 
jenes ganzen Gebietes, von dem Chamberlain sprach: wo jemals das alte 
Agypten irgendwelche Ansprüche hatte geltend machen können. 
Im selben Zahre 1899 nahm Delcassé Gelegenheit zu erklären, man 
verfüge nunmehr über gewaltige Kolonisationsgebiete, anderseits sei 
Frankreiche Absorptionskraft nicht unbegrenzt; kurz, er begann deut- 
licher zu betonen, daß er nicht daran denke, die ausgreifende Kolonial- 
Graf Reventlow, Deutschlands auswärtige Politlk. 9
        <pb n="172" />
        150 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
politik seines Vorgängers Hanotaux fortzusetzen. In Großbritannien ver- 
zeichnete man diese Wendung mit Befriedigung. Die britische Supre- 
matie war wieder einmal stabiliert worden. Beinahe widerspruchslos 
hatte sich ihr die zweitgrößte Seemacht der Erde, die empfindlichste Nation 
der Welt, gefügt. Und diese Nation dachte, nachdem sie den Schlag er- 
halten und sich unterworfen hatte, nicht an eine Politik der Rache, son- 
dern ihre Leiter schlugen die entgegengesetzte Politik ein: anstatt gegen 
England — mit England zu geben. In jener Zeit der letzten Dreyfus- 
krisiö scheint DelcassK eine ganz außerordentliche, für französische Ber- 
hältnisse ungewöhnliche Selbständigkeit in der Leitung der auswärtigen 
Angelegenheiten innegehabt zu haben. Während des letzten Teiles der 
Amtszeit seines Vorgängers, auch noch in den ersten Jahren eigener 
Amtsführüung kam es nicht selten in Frankreich zu — wennschon zurück- 
haltenden — Sympathiekundgebungen Oeutschland gegenüber. Ernst- 
hafte Politiker sprachen, ohne einen Sturm damit zu erregen — freilich 
auch ohne tieferen Anklang zu finden — von einer französisch-deutschen An- 
näherung. Oelcassé orientierte die französische Politik nach der Gegen- 
seite. Er nahm den alten Gedanken wieder auf, den französische Staats- 
männer in den achtziger Jahren vergeblich zu verwirklichen gesucht hatten: 
Frankreich und Großbritannien in die gleiche Front zu bringen und diese 
Front gegen Deutschland zu richten. Man würde vielleicht zu weit gehen 
mit der Behauptung, daß er diesen Gedanken zusammen mit seinem 
späteren Marokkoprogramm damals ungefähr fertig im Kopfe gehabt 
habe. Das ist sicherlich nicht der Fall gewesen. Fest stehen dagegen zwei 
Tatsachen: die eine, daß er von Anfang an die Annäherung an England 
wollte; die zweite, daß er zu den damals in Frankreich unter den maß- 
gebenden Franzosen nicht zahlreichen Trägern des Revanchegedankens 
gehörte. Diese beiden Ziele ergaben an und für sich schon das politische 
Programm des Ministers. Ohne Frage hat er die Ursachen und Sym- 
ptome beginnender Entfremdung zwischen Großbritannien und dem Deut- 
schen Reiche mit Sorgfalt beobachtet und gleichermaßen die vergeblichen 
Versuche Großbritanniens, mit Deutschland in enge Beziehungen zu ge- 
langen. Delcassé konnte an dem ganzen bisherigen Gange der deutschen 
Politik und von Jahr zu Jahr deutlicher erkennen, daß Deutschland, durch 
vormalige Spuren geschreckt, nicht beabsichtigte, dem englischen Werben 
nachzugeben. Oie deutsche Politik war unter Bülow von Anfang an auf 
möglichsten Anschluß an die Festlandmächte, auf freie Hand Großbri- 
tannien gegenüber eingestellt worden. Unbestreitbar war auf der anderen 
Seite das britische Bedürfnis, mit einer der europäischen Festlandmächte 
in engem Einverständnisse zu leben. Chamberlain, Salisbury und andere 
hielten nach wie vor Deutschland für die einzige Macht, die dafür in Be-
        <pb n="173" />
        Faschoda — Manila — Samoa. 131 
  
tracht käme. So war Delcassé auf Warten und auf stilles Arbeiten an- 
gewiesen und auf die Benutzung aller Gelegenheiten, um Meinungsver- 
schiedenheiten zwischen Großbritannien und dem Oeutschen Reiche wirk- 
sam zu benutzen. 
Einen wichtigen Erfolg erreichte Frankreich im Jahre 1899 in Ge- 
stalt nunmehr definitiver italienisch-französischer Annäherung. Der ita- 
lienisch-französische Handelsvertrag kam zustande. 1899 besuchte ein fran- 
zösisches Geschwader unter Admiral Fournier den Hafen von Genua. 
König Humbert kam an Bord des französischen Flaggschiffes und be- 
grüßte in seinem Trinkspruche in warmen Worten die Wiederaufnahme 
der guten Handelsbeziehungen und der alten herzlichen Freundschaft. 
Kurz darauf fand eine gleichzeitige Flottenparade eines italienischen 
und eines englischen Geschwaders statt. König Humbert nahm an einem 
Bankette auf dem Flaggschiffe „Benbow“ teil, und der englische Ge- 
schwaderchef, Admiral Rawson, erklärte: „Ich darf Euren Majestäten 
die Versicherung geben, daß die Gesinnungen Großbritanniens für alle 
Italiener niemals herzlicher waren als jetzt, und ich bin sicher, daß diese 
Gesinnungen gegenseitig sind und stets aufrechterhalten bleiben, um die 
Freundschaft zwischen Italien und Großbritannien zu festigen.“ Wenige 
Tage darauf erklärte der italienische Ministerpräsident, Admiral Canevaro: 
man sei durch die Faschodaangelegenheit und den darauffolgenden eng- 
lisch-französischen Vertrag wegen der italienischen Interessen in Afrika 
beunruhigt worden und habe die beiden Mächte um Ausfschlüsse gebeten. 
Solche seien gegeben worden, und zwar hätten beide Mächte versichert, 
daß sie weder Absichten gegen Tripolis hätten, noch irgend etwas von 
ihrer Seite geschehen werde, was die Handelsbeziehungen zwischen den 
Sebieten von Tripolis und Zentralafrika unterbinden könnte. 
In der Oiekussion des Handelsvertrages mit Frankreich, welcher mit 
gewaltiger Mehrheit in den italienischen Kammern angenommen wurde, 
kam auch das politische Moment zur Geltung. Besonders auf den fran- 
zosenfreundlichen Seiten wurde mit Befriedigung festgestellt, daß Italien 
Selbständigkeit genug zeige, um trotz seiner Zugebörigkeit zum Orei- 
bunde mit Frankreich in engen wirtschaftlichen und sonst freundlichen 
Beziehungen zu stehen. Der Ministerpräsident Canevaro bestätigte, daß 
sich die Beziehungen Frankreichs und Italiens außerordentlich gebessert 
hätten, darin habe der französische Minister Delcassé vollkommen recht. — 
Delcassé hatte sich im gleichen Sinne geäußert. — Oie italienische Flotte 
habe mit der französischen in den kretensischen Angelegenheiten zusammen- 
gewirkt, dasselbe sei mit den Truppen der Fall gewesen. Dieses Zu- 
sammenwirken habe glänzende Ergebnisse gezeitigt. In den Beziehungen 
zwischen Frankreich und Ztalien sei tatsächlich eine Anderung einge- 
9*
        <pb n="174" />
        152 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1908. 
  
treten, aber ebenso wie Frankreich dadurch seine Berpflichtungen gegen 
Rußland nicht verletze, so sei dasselbe von Italien gegenüber Oeutsch-- 
land und Österreich der Fall. 
Hier war also eine bedeutungsvolle politische Wendung eingetreten. 
Italien hatte beinahe ein Jahrzehnt lang unter den Folgen des Handels- 
krieges mit Frankreich gelitten. Nach der Schlacht bei Adua brach auch 
seine überseeische Politik bis auf weiteres zusammen, der nationale Schwung, 
der dem Volke bisher alle Lasten zu ertragen leicht gemacht hatte, wich 
schwerem Pessimiômus und Mißvergnügen. Man stöhnte über die Heeres- 
und Flottenlast, von der die franzosenfreundlichen Träger der Propa- 
ganda für einen „lateinischen“ Zusammenschluß sagten: sie erwüchse 
nur aus der Zugehörigkeit Italiens zum Dreibunde. 
Der Minister Canevaro machte im Dezember 1898 sehr charakteristische 
Ausführungen, die ein überraschendes Schlaglicht warfen auf die Wand- 
lung der führenden politischen Geister in Italien während der letzten 
zehn Jahre. Bom Handelsvertrage mit Frankreich sagte er: „Wäh- 
rend wir uns bemühen, die guten Beziehungen mit allen Staaten zu pflegen 
und zu festigen, müssen wir besonders glücklich über das Handelsabkommen 
sein, das dank wechselseitigen guten Willens, hohen Billigkeitssinnes 
auf beiden Seiten kürzlich mit Frankreich abgeschlossen werden konnte. 
Dieses Abkommen hat, während es zugleich wichtigen wirtschaftlichen 
Interessen der beiden Länder Genüge tut, die Wirkung — dazu haben 
wir das Vertrauen —, die letzten Spuren von Mißverständnissen ver- 
schwinden zu lassen und eine Lage gegenseitiger Herzlichkeit und Freund- 
schaft zu schaffen, wie es Völkern zukommt, welche Gemeinschaft der 
Rasse und der Kulturentwicklung besitzen.“ 
Über den Oreibund äußerte sich der Minister unter Bezugnahme 
auf die kretensische Angelegenheit sehr kühl, man habe in dieser Mittel- 
meerangelegenheit das Ausscheiden Osterreichs und des Deutschen Reiches 
nicht bemerkt. Im Frühjahr des folgenden Jahres konnte der gleiche 
Minister feststellen: er habe Bersicherungen, 1. daß weder jetzt, noch 
in Zukunft irgendeine Unternehmung Frankreichs und Englands gegen 
Tripolis zu fürchten sei; 2. daß nichts geschehen werde, was die Handels- 
beziehungen zwischen den Gebieten von Tripolis und Zentralafrika unter- 
binden könnte. 
Nun kam die Angelegenheit von Faschoda. Sie lieferte aller Welt 
und auch Italien den Beweis, daß Frankreich nicht daran denke, noch je- 
male wagen würde, gegen den englischen Stachel zu löken. Daraus ergab 
sich für die italienischen Staatsmänner der Schluß, daß die französische 
Freundschaft für IZtalien nicht als bedrückende Vormundschaft auftreten 
könne, solange England auf seinem alten Standpunkte binsichtlich Ztalieno
        <pb n="175" />
        Faschoda — Manila — Samoa. 133 
  
und dessen Stellung im Mittelländischen Meere bliebe. Diesen Sinn 
muß man der erwähnten englisch-italienischen Kundgebung aus dem 
Munde des Admirals Rawson geben. Sie bedeutete gleichzeitig die eng- 
lische Sanktionierung des neuen französisch-italienischen Berhältnisses. 
Gemeinsam versicherten ferner schon damals 1898 Großbritannien und 
Frankreich der italienischen Regierung, daß diese sich wegen Tripolis 
und dessen Eisenbahnverbindungen nach innen keine Sorge zu machen 
brauche. Man war noch weit von der Entente Cordiale des Jahres 1904 
entfernt, aber die Vorzeichen machten sich bemerkbar. Die Zeiten, wo 
Großbritannien und #Ztalien im Mittelländischen Meere vereint standen, 
vereint gegen Frankreich, waren vorbei. Damals war England die Macht- 
ergänzung für den flottenlosen Dreibund im Mittelländischen Meere 
gewesen, seine Stellungnahme: — Erhaltung des Status quo im Mittel- 
meere, — hatte eine Drohung gegen Frankreich bedeutet. 1898 suchte 
Ztalien die Freundschaft des früheren Gegners, nahm seine Tripolisbürg- 
schaft entgegen, schloß den Handelsvertrag mit ihm, empfing den Segen 
Großbritanniens und wandte sich halb entschuldigend, halb trotzig nach 
Norden mit der Bemerkung: seine neue Politik und seine neue Beziehung 
brauchten ja die Dreibundverpflichtungen nicht zu verletzen. Der Um- 
schwung gegenüber 1888 war enorm. 
In den vorhergehenden JZahren und auch nachher noch ist auf italie- 
nischer Seite vielfach geklagt worden, daß die beiden anderen Oreibund- 
mächte, auch das Deutsche Reich, dem südlichen Bundesgenossen zu wenig 
Wohltaten des Dreibundes hätten zugute kommen lassen. Das ist, in 
dieser Form jedenfalls, unrichtig, wohl aber besteht Grund zur Annahme, 
daß die Beziehungen zu Ztalien deutscherseits nicht so sorgfältig, ge- 
schickt und regelmäßig gepflegt wurden, wie es nötig gewesen wäre. Es 
liegt in der Natur solcher Verhältnisse wie der Dreibund war, daß gerade 
die in ihm nicht führenden und von anderen umworbenen Mächte dazu 
neigen, sich „Nebeneinnahmen“ zu verschaffen. Dem kann bis zu einem 
gewissen Grade jedenfalls nur dadurch vorgebeugt werden, daß die Ver- 
bindung und der diplomatische Berkehr mit größter Sorgfalt unterhalten 
werden. Es muß praktische Regel sein, daß zwischen derart verbündeten 
Mächten ohne Unterbrechung alle — auch geringfügige — internatio- 
nale Angelegenheiten behandelt werden, ob sie das Bundesverhältnis 
nun direkt, von weitem oder gar nicht berühren. Die dauernde Fühlung 
wird so hergestellt und oft kann sich Gelegenheit bieten, durch die be- 
kannten „kleinen Geschenke“ die Freundschaft lebendig und den Bundes- 
genossen an der Stange zu halten. Italien gegenüber wäre eine solche 
Politik auch unter der Voraussetzung nützlich und nötig gewesen, daß 
das Deutsche Reich sich für einen Krieg bestenfalls wohlwollende Neu-
        <pb n="176" />
        134 2. Abschnitt. Weltpolitische Mũhen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
tralität Italiens versprochen hätte. Tatsächlich ist da wohl manches ver- 
säumt worden. Fürst Bülow hat einige Jahre später im Reichstage den 
Dreibund mit einer Festung verglichen, auf deren Glacis bei langdauern- 
dem Frieden die Bäume emporwüchsen und die Festung selbst verdeckten. 
Zm Kriege werde das Glacis im Umsehen rasiert, und das Ganze sei 
gefechtsbereit. Der Bergleich hat gerade in bezug auf den Oreibund 
manches Wahre, aber er läßt außer acht, daß jene Bäume auch Wur- 
zeln haben, die sich tief in das Glacis hineinsenken und von einem ge- 
wissen Punkte an seine Flächen und auch das festeste Mauerwerk zer- 
stören. 
Zm 1. Abschnitt ist die eigentümliche Stellung Ztaliens bereits all- 
gemein behandelt worden. Das Jahr 1898 lieferte die erste Probe auf 
das Exempel. Die Ztaliener sagten sich, daß ihre Schwäche zur See sie 
nötige, Stütze an einer großen Seemacht zu suchen, anderseits daß Diffe- 
renzen des Oeutschen Reiches mit England und mit Frankreich für Italien 
überaus bedenklich sein würden. Man begrüßte es deshalb ohne Zweifel 
als Erlösung, daß die Krisis von Faschoda mit einem Vertrage endete, 
der tatsächlich reinen Tisch binsichtlich eines erheblichen Teiles der kolo- 
nialen Beziehungen Frankreichs und Englands machte, hauptsächlich 
auch, daß Oelcassé, der neue Leiter der französischen Politik, energisch 
auf gute französisch-englische Beziehungen hinarbeitete. 
Oiese beiden gänzlich neuen politischen Konstellationen ergaben sich 
für Frankreich wie für Italien aus ihrer Schwäche, und zwar aus ihrer 
Schwäche zur See. Die Schwäche zur See machte Frankreich von 
nun an zum Gefolgsmanne Großbritanniens. Oie Schwäche zur See 
war die Ursache, daß Italien den alten Kurs, den Crispi ihm gewiesen hatte, 
nicht mehr weiter zu steuern wagte. Die wirtschaftlichen Gründe hingen 
letzten Endes ebenfalls hiermit zusammen. Schwäche zur See auf seiten 
des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns bildeten die Ursache da- 
für, daß Jalien tatsächlich im Mittelmeere für den Kriegsfall keine Stütze 
an seinen Bundesgenossen besaß. Und Schwäche zur See war es schließ- 
lich, welche die deutsch-englischen Beziehungen beeinträchtigte, derart 
zu werden, wie sie allein gesund und dauerhaft sein konnten, nämlich 
auf dem Fuße der Gleichberechtigung. 
Oie öffentliche Meinung in ODeutschland begann damals jenen un- 
klugen Feldzug, der beinahe anderthalb Jahrzehnte gedauert hat, gegen 
den „unzuverlässigen Bundesgenossen“ Italien, mit Geringschätzung 
und Unwillen. Das war ein in jedem Sinne politisch unrichtiges Ver- 
fahren, hat auch nur der französischen Politik in die Hände gearbeitet. 
Wahrscheinlich begann damals in Ztalien auch der Zweifel Platz zu greifen, 
ob die deutsch-österreichisch-ungarische Wehrmacht zu Lande der französisch-
        <pb n="177" />
        Faschoda — Manila — Samoa. 135 
  
russischen gewachsen sei. Osterreich glaubte man auf dem Wege zur un- 
aufhaltsamen Zerrüttung. 
Was Frankreich und England betraf, so war man in Oeutschland 
überzeugt, daß Frankreich auf Rache sinne, um die Schmach von Fa- 
schoda zu rächen, und träumte von „besseren Beziehungen“. 
# 
Unterdessen drängten die Weltereignisse. Der Spanisch-Amerika-- 
nische Krieg brach aus. Im Sommer 1897 hatten die Bereinigten Staaten 
den Einverleibungsvertrag mit den Hawaüinseln geschlossen; Japan pro- 
testierte; ein Protest, der heute noch besteht. Diesem ersten so bedeutungs- 
vollen Schritte amerikanischer Eroberungspolitik folgte 1898 der Krieg 
mit Spanien. Wie er verlief und endete, braucht uns bier nicht zu be- 
schäftigen, wohl aber die Stellung der deutschen Politik dazu. Es lag von 
vornherein auf der Hand, daß Deutschland neutral bleiben werde, und 
das ist de facto auch geschehen. 
Bon Anfang an berrschte aber auf seiten der Bereinigten Staaten 
ein starkes Mißtrauen gegen Deutschland. Dieses Mißtrauen mag eine 
Reihe von Ursachen gehabt haben. DOie deutsche Volksstimmung war 
für Spanien. Man sah den Krieg als ungerechtfertigt und damit als 
ungerecht an, man tadelte die Eroberungspolitik der Amerikaner und die 
BVergewaltigung des wehrlosen Spaniens. Besonders die Art, wie der 
Krieg von seiten der Bereinigten Staaten provoziert wurde, erregte 
lauten und lebhaften Tadel. Man konnte in Deutschland der amerika- 
nischen Behauptung, mochte sie meist wohl auch in gutem Glauben auf- 
gestellt sein, keinen Glauben beimessen, daß das amerikanische Schlacht- 
schiff „Maine“ von spanischer Hand durch eine Mine zum Sinken ge- 
dracht worden sei. Man glaubte im Gegenteil vielfach, daß die Ameri- 
kaner selbst die „Maine“ gesprengt hätten, um die Schuld auf Spanien 
zu werfen und damit einen Kriegsgrund zu haben. Die erste Bersion ist 
im Jahre 1913 durch den Augenschein Lügen gestraft, die zweite — an 
und für sich unwahrscheinliche — nicht bewiesen worden, denn als das 
Wrack der „Maine“ gehoben war, zeigte die Untersuchung, daß eine Ex- 
plosion in den inneren Räumen der Grund zum Sinken des Schiffes ge- 
wesen war. Ob diese Explosion, wie die Amerikaner behaupten, durch 
eine andere von außen hervorgerufen wurde, dürfte Geheimnis bleiben. 
Bei der Empfindlichkeit und dem großen Selbstbewußtsein der öffent- 
lichen Meinung in den Bereinigten Staaten nahm man der deutschen 
Presse diese ihre Haltung sehr übel. Dazu kamen die weiter unten aus- 
einandergesetzten Meinungsverschiedenheiten zwischen Oeutschen einer--- 
seits, Amerikanern und Engländern anderseite auf den Samooeinseln,
        <pb n="178" />
        136 2. Abschnitt. Weltpolltische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
wo seit dem Abschluß der Samoaakte vom ZgZahre 1899 eine groteêke 
Dreiherrschaft eingerichtet war. 
Der Spanisch-Amerikanische Krieg spielte sich auf zwei Hauptschau- 
plätzen ab: in den westindischen Gewässern und bei den Pbilippinen, 
jenseits des Stillen Ozeans. Auf den westindischen Inseln wie auf den 
Pbilippinen waren schon vor dem Alusbruche des Krieges die inneren 
Verhältnisse nichts weniger als ruhig. Als der Krieg ausbrach, war selbst- 
verständlich genug, daß die deutsche Regierung einer eventuellen Schutz- 
bedürftigkeit der dortigen Deutschen Rechnung tragen mußte. Ein Kreu- 
zergeschwader wurde nach Manila (Pbilippinen) beordert, nachdem 
dortige deutsche Firmen dringend um Schutz durch Schiffe gebeten hatten. 
Vor den Philippinen war nun der amerikanische Admiral Dewey mit 
einem Geschwader eingetroffen, nachdem er das spanische Geschwader 
bei Cavite vernichtet hatte. Die Anwesenheit des deutschen Geschwader 
erregte die Unzufriedenheit des amerikanischen Admirals, und derselbe 
soll verlangt haben, daß der deutsche Admiral ihm aus dem Wege ginge. 
Vollständig sind die Einzelheiten nicht bekannt geworden, jedoch dürfte 
außer Zweifel stehen, daß Uberhebung und Mißtrauen Deweys dem 
deutschen Geschwaderchef gegenüber Mißbelligkeiten entstehen ließen, 
die in der amerikanischen Presse maßlos aufgebauscht wurden. Während 
auf den Pbilippinen der Aufstand in hellen Flammen stand, bielt #ld- 
miral Dewen Manila unter Blockade, und während dieser Zeit machte 
der spanische Generalgouverneur der Pbilippinen, Augustin, gelegentlich 
einer Zusammenkunft dem deutschen Geschwaderchef, Bizeadmiral 
v. Diederichs, im Namen der spanischen Regierung den Vorschlag, daß 
die Befehlshaber der neutralen Flottenmächte Manila provisorisch in 
Verwahrung nähmen. Wie nicht anders denkbar war, lehnte der Ad- 
miral den Vorschlag ab, da seine Annahme angesichts amerikanischer 
Blockade tatsächlich schwer gegen die Neutralität verstoßen haben würde. 
Fürst Bülow äußerte sich im Winter 1899 ausführlich über die deutsch- 
amerikanischen Beziehungen und sagte: „Wo wir, ohne das Völker- 
recht zu verletzen, im Rahmen des Bölkerrechts deutsches Leben und 
Eigentum vor Beeinträchtigung wahren, sind wir meines Erachtens in 
unserem guten Recht und üben nur unser gutes Recht aus. Indem wir 
so handeln, haben wir lediglich eine neutrale Pflicht erfüllt, eine Pflicht, 
welche jedes Staatswesen gegenüber seinen Angehörigen in der Fremde 
in bedrängter Lage hat, und wir werden uns niemals abhalten lassen, 
dieses unser Recht und diese unsere Pflicht mit ruhiger Besonnenheit, 
aber auch in vollem Umfange wahrzunehmen.“ 
Der amerikanische Botschafter in Berlin, Mr. White, hatte bereits 
im Sommer vorher Gelegenheit genommen zur öffentlichen Feststellung:
        <pb n="179" />
        Faschoda — Manila — Samoa. 137 
  
die deutsche Regierung habe dem Geiste und dem Buchstaben nach eine 
Neutralität betätigt, welche weder kalt noch mißgünstig gewesen sei. 
Oazu kamen wirtschaftliche Differenzen zwischen den beiden Län- 
dern, die in verschiedener Auslegung und Auffassung der Meistbegünsti- 
gungsklausel bestanden. In den Bereinigten Staaten war man höchst 
ungehalten, daß Oeutschland sich nicht ohne weiteres dem amerikanischen 
Standpunkte anpaßte und sich den aus ihm erwachsenden Forderungen 
nicht unterwarf. Die wirksamste Ursache für diese sachlich wenig ge- 
rechtfertigten Stimmungen bildete aber eine rege und zielbewußte Presse- 
hetze, welche von britischer Seite mit gewohnter Geschicklichkeit betrieben. 
wurde. So sehr Großbritannien gerade zu jener Zeit ein enges Zu- 
sammengehen mit DOeutschland wünschte, so vorteilhaft schien, wenn 
nicht den augenblicklichen Leitern des Staates, so doch sicher dem über- 
wiegenden Teile der öffentlichen Meinung und den Orahtziehern der 
Presse: Mißtrauen gegen Deutschland in den Vereinigten Staaten zu 
schaffem. Das gelang, wie angedeutet, in überraschender Weise dank 
der amerikanischen Eigenart: dem immer wachen Mißtrauen, nicht ge- 
nügend respektiert zu werden, dank dem überspannten naiven Seldbst- 
bewußtsein und der Aberschätzung jeder eigenen Leistung verglichen mit 
denen anderer. So war für lange Zeit die Legende in den Bereinigten 
Staaten unausrottbar, daß der deutsche Admiral Oiederichs mit seinem 
Kreuzergeschwader nach Manila gekommen sei, um die amerikanische 
Aktion zu hindern und sich, wenn möglich, der Pbilippinen zu bemäch-- 
tigen. Nur die Furcht vor Admiral Dewepy und seinem Geschwader habe 
ihn abgehalten, seinen Vorsatz auszuführen. 
Daß die deutsche Neutralität von Anfang an eine tatsächliche ge- 
wesen ist und sein sollte, kann nicht bezweifelt werden. Es hätte nichts 
Törichteres und Zweckloseres gegeben, als in den Streit der beiden Mächte 
einzugreifen. Einmal wäre der dann entstehende Konflikt schwerlich 
isoliert geblieben, vor allem aber hatte Deutschland keine Flotte, es hatte 
auch keine Stützpunkte, um einen Krieg gegen die Bereinigten Staaten 
führen zu können. Feblten aber diese Grundlagen, so waren, ipso facto, 
auch für wirksamen diplomatischen Druck auf die Bereinigten Staaten 
keine vorhanden. Kurz, will man alle moralischen und anderen Bewecg- 
gründe beiseite setzen, nur Möglichkeits-- und Zweckmäßigkeitsgründe 
ins Auge fassen, so stellt sich heraus, daß eine nichtneutrale Haltung des 
Deutschen Reiches eine ganz außerordentliche Torheit gewesen wäre. 
Die Aufgabe des deutschen Geschwaders im Kreuzfeuer amerikanischen 
Mißtrauens und britischer Hetzerei war eine beikle trotz ihres einwand- 
freien Zweckes. Auch die Situation des amerikanischen Blockadege- 
schwaders war aus militärischen und politischen Gründen zeitweilig
        <pb n="180" />
        158 2, Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
schwierig. Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Geschwader- 
chefs über das Blockaderecht kamen hinzu, daneben das erwähnte ameri- 
kanische Mißtrauen wegen deutscher Absichten auf die Phbilippinen. 
Es handelte sich also teilse um Stimmungen und Mißverständnisse, 
teilö um Bagatellen, deren Erwähnung sich erübrigen würde, wenn nicht 
eben die Legende von angeblichem Fehlen einer aufrichtigen deutschen 
Neutralität für so lange Jahre die deutsch-amerikanischen Beziehungen 
schädlich beeinflußt hätte. Die großbritannische Politik tat schon seit Mitte 
der neunziger Jahre durch Kabel, Presse, Diplomatie und mündliche 
Agitation alles Denkbare, um in den Bereinigten Staaten Mißtrauen 
und Ubelwollen gegen das Oeutsche Reich und Volk zu erregen. 
r 
* 
Im Herbst 1899 wurde endlich die Samoafrage definitiv geordnet. 
So gering bisher die Bedeutung der Samoainseln an und für sich 
auch war und ist, so knüpften sich doch schmerzliche und empfindliche Er- 
innerungen an sie. Das Unverständnis eines Teiles des Deutschen Reichs- 
tages hatte einst die Bemühungen des Fürsten Bismarck vereitelt, die 
ganze Samoagruppe für das Oeutsche Reich zu erwerben. Im Laufe der 
ZJahre wuchsen mit den deutschen auch die englischen, aber besonders die 
amerikanischen IZnteressen auf der Samoagruppe. Oie dann eingerichtete 
Oreiherrschaft führte zu unerträglichen Verhältnissen. Thronstreitig- 
keiten auf den Inseln wurden hauptsächlich von den Amerikanern hervor- 
gerufen und benutzt, um den deutschen Einfluß zu untergraben, die auf 
Samoa wohnenden Oeutschen schlecht zu behandeln, den deutschen Konsul 
zu brüskieren und den Kommandanten des einzigen dort weilenden 
deutschen Kreuzers zu einer Rolle zu verurteilen, die in Deutschland 
große Erregung verursachte, auch des Deutschen Reiches wenig würdig 
war. Die Vereinigten Staaten waren durch mehrere Schiffe vor Samoa 
vertreten, und zwar unter dem Befehle eines Konteradmirals. Nach 
Maßgabe seines höheren Ranges gab dieser dem deutschen Kommandanten 
Weisungen oder handelte über seinen Kopf weg und verhinderte ihn, 
im Sinne der deutschen Interessen aufzutreten, während die englischen 
und amerikanischen Schiffe im Gegensatze zu den deutschen Interessen 
emsig und tätig eingriffen. Es dürfte nur den strikten Weisungen aus 
Berlin zu verdanken gewesen sein, daß der deutsche Kommandant in 
seiner rein passiven Rolle blieb. Wäre er aus ihr herausgetreten, so hätte 
er in den Kämpfen der Eingeborenen auf Samoa im gegenteiligen Sinne 
Partei nehmen müssen wie die amerikanischen Schiffe, und ein bewaff- 
neter Zusammenstoß wäre möglich geworden. Das hätte dann wieder 
einen schweren Konflikt zwischen den beiden Großmächten bedeutet.
        <pb n="181" />
        Faschoda — Manila — Samoa. 139 
  
Bülow bestritt im Reichstage das Vorhandensein persönlicher Reibungen 
zwischen den Offizieren. Es war subjektiv begreiflich, daß er es bestritt. 
Zm übrigen stellte er sich auf den Standpunkt, daß die Samoainseln als 
Objekt eines ernsten Streites zwischen zwei Mächten zu gering seien. 
Dieser Auffassung wird man im Nahmen der damaligen Weltlage recht 
geben müssen. Um so schärfer und bedenklicher trat bei dieser Gelegen- 
heit wieder der Mangel einer kräftigen deutschen Flotte zutage. Wäre 
es möglich gewesen, eine erbebliche Streitmacht vor Samoa zu statio- 
nieren, so würden sich die dortigen Meinungsverschiedenheiten und Zwistig- 
keiten anders abgespielt haben. Die verfügbaren Auslandsschiffe waren 
aber für den Schutz der Deutschen im Bereiche der spanisch-amerika- 
nischen Kriegsschauplätze völlig in Anspruch genommen, und in Samoa 
lag ein einziger alter kleiner Kreuzer ohne Gefechtswert und ohne die 
Möglichkeit, ein Landungskorps auszuschiffen, das neben demjenigen 
der Schiffe der Bereinigten Staaten irgend Geltung gewinnen konnte. 
Der Fall von Samoa oder, wie es auch vielfach hieß, die Schmach von 
Samoa, machte einen tiefen Eindruck auf die deutsche Bevölkerung und 
ließ sie die deutsche Ohnmacht zur See empfindlich fühlen. 
Die drei Mächte verständigten sich auf einen deutschen Vorschlag 
dahin, daß eine Kommission aus drei Vertretern nach Samoa zu senden 
sei, um dort die provisorische Regierungsgewalt zu übernehmen. Damit 
war auch der Möglichkeit unbefugter Eingriffe durch ausländische See- 
offiziere der Boden entzogen, denn die konsularischen Beamten wie die 
Marinevertreter waren angewiesen, sich den Kommissaren unterzu- 
ordnen. Die eigentliche „Samoafrage“ war so im Prinzip entschieden, 
und der November 1899 brachte die tatsächliche Entscheidung in Gestalt 
eines Vertrages, durch den Deutschland die Inseln Upolu und Sawai er- 
hielt. Daß die Vereinigten Staaten die Inseln Manua und Tutuila mit 
ihrem ausgezeichneten Hafen bekamen, wurde allgemein bedauert. Nach 
Lage der Dinge und der damaligen Berhältnisse konnte man der deut- 
schen Regierung deshalb schwerlich einen Borwurf machen; die Samoa- 
angelegenheit war schon seit jenem Mißerfolge Biemarcks verfahren. 
Was von jener Minute, wo man die ganze Gruppe hätte haben können, 
ausgeschlagen wurde, brachten die späteren Zahrzehnte nicht zurück. 
Deutschland mußte sich nicht nur mit den zwei Inseln begnügen, sondern, 
um sie zu erhalten, außerdem an England die Tongainseln abtreten und 
einen Teil der Salomoninseln. Das waren vielleicht keine großen Kon- 
zessionen, es war auch richtig, wenn die deutsche Regierung erklärte, man 
babe sich deutscherseits um diese Inseln biöher nicht viel gekümmert, 
auch nicht vom Rechte, eine Kohlenstation anzulegen, Gebrauch gemacht. 
Immerhin waren es Abtretungen, und gerade die überseeischen Erfah-
        <pb n="182" />
        140 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1898—1903. 
  
rungen nicht nur Deutschlands, sondern auch der alten Kolonialmächte, 
haben immer wieder gezeigt, wie feblerhaft es ist, ein solches Gebiet oder 
eine solche Insel als wertlos anzusehen, nur weil man sie bis zur Stunde 
noch nicht praktisch hat verwerten können oder wollen. Es gibt kaum 
Besitz, der erweisbar wertlos wäre, und oft haben sich gerade solche Ge- 
biete, die man dafür hielt, auf einmal als überaus wertvoll erwiesen. 
Der Wertzuwachs kann im Boden selbst liegen oder aber in den Welt- 
verhältnissen politischer und wirtschaftlicher Art. Der Wechsel ist hier 
ebenso dauernd wie unberechenbar. 
Dazu kam ein deutsch-englischer Vertrag über die Teilung der bieher 
neutralen Zone bei Togo und schließlich die ausdrückliche Aufgabe der 
deutschen Exterritorialität von Sansibar. 
Von Spanien erhielt Deutschland käuflich nach dem Kriege die 
Karolineninseln, die Palauinseln und die Marianeninseln. Deutschland 
hatte die Gelegenheit benutzt, als Spanien infolge des unglücklichen 
Krieges dringend Geld bedurfte, anderseits sich klar darüber war, daß es 
seinen Kolonialbesitz durch seine Tätigkeit auszufüllen in Zukunft nicht 
die Kraft haben würde. 
Deutschland und England während des Burenkrieges. 
Zm Februar 1898 hatte der britische Kolonialsekretär Chamberlain 
in einem diplomatischen Schriftwechsel mit der Transvaalregierung den 
Standpunkt der britischen Regierung in die Worte zusammengefaßt: 
„Zhre Majestät nimmt gegenüber der südafrikanischen Republik die Stel- 
lung eines Souveräns ein, der dem Volke dieser Republik Selbstregierung 
unter gewissen Bedingungen gewährt hat.“ 
Die Ausländerfrage spitzte sich immer schärfer zu, und im ZJahre 
1899 begann Großbritannien allmählich Truppen nach Südafrika zu 
senden. Im Frühjahr 1899 richteten 21.000 britische Untertanen in Trans- 
vaal eine Bittschrift an die Königin von England und erklärten, ihre Lage 
sei seit 1895 immer unerträglicher gemacht worden; sie bäten die Kö- 
nigin, ihre Beschwerden zu untersuchen und Reformen herbeizuführen. 
Krüger aber erklärte in einer Rede: nur Bürger, welche ihre alte Natio- 
nalität ganz aufgäben, welche den Buren ganz gleich würden, die Gesetze 
des Landes achteten und ihnen nachlebten, könnten die vollen Bürger- 
rechte erbalten. Verhandlungen über ein neues Fremdengesetz zwischen 
Krüger und dem Gouverneur des Kaplandes, Sir #l. Milner, führten zu 
keinem Ergebnisse. Krüger sagte in einer Versammlung: „Ich will keinen 
Krieg, aber ich will auch keines von meinen Rechten weggeben. Ich will 
nicht mehr geben, ich will auch nicht Eigentum von jemand anders.“
        <pb n="183" />
        Oeutschland und England während des Burenkrieges. 141 
  
Chamberlain erklärte: die englische Regierung zeige eine Geduld, wie sie 
noch niemals von einer souveränen Macht ihrem Vasallen gegenüber be- 
wiesen worden sei. In Krügers Hand liege die Entscheidung über Krieg 
und Frieden. Oiese drohende Lage könne nicht lange dauern, denn die 
britische Regierung müsse sonst Schritte tun, um endgültig die englische 
Vorherrschaft in Südafrika herzustellen. Im Juli beschloß der Volksraad 
ein wesentlich entgegenkommendes neues Wahlgesetz für die Ausländer, 
lehnte aber das Ersuchen der englischen Regierung ab, das Wahlgesetz 
nicht zur Anwendung zu bringen, ehe die britische Regierung es geprüft 
habe. ODie Erregung in Transvaal wuchs von Tag zu Tag. Am 20. Auguft 
hielt Krüger in der Kirche zu Pretoria ein Gebet: Gott möge für den Fall, 
daß der Krieg unvermeidlich werden sollte, das Recht und die Wahrheit 
auf der Seite der Buren finden. — 
Die Regierung von Transvaal bedauerte Anfang September in einer 
Note die ablehnende Haltung der britischen Regierung, sie hoffe auf 
freundliche Verständigung, befände sich aber in ihrer Auffassung über 
die englische Oberhoheit auf ihrem alten Standpunkte. Die Antwort der 
englischen Regierung besagte, daß sie nur Vorschläge annehmen könne, 
wenn die Regierung von CTransvaal sich in dieser Sache anders stellte 
und wenn in der Aueländerfrage neue Zugeständnisse gemacht würden. 
Das eilige Zusammenziehen englischer Truppenmengen an den Grenzen 
Transvaals nahm inzwischen seinen Fortgang, und die Antwort Sir 
A. Milners, daß die britischen Truppen nichts Besonderes zu bedeuten 
hätten, alo wie immer die britischen Interessen zu schützen und gegen- 
über Eventualitäten bereit zu sein, konnte die Buren nicht beruhigen. 
Sie drängten ihre Regierung, Truppen an die Grenzen zu schicken. Krüger 
erkannte, daß die Entscheidungsstunde gekommen sei und längeres Warten 
die militärische Lage der Republiken nur verschlimmern könne. So er- 
folgte am 10. Oktober das Ultimatum an den britischen Geschäftsträger 
in Pretoria. Das Ultimatum verlangte: Beilegung der streitigen An- 
gelegenheiten durch Schiedsspruch, Zurückziehung der britischen Truppen 
von den Grenzen Transvaals, Wiedereinschiffung und Nücktransport 
der seit dem 1. Juni 1899 nach Südafrika entsandten Verstärkungstruppen, 
auch der noch nicht gelandeten. Bis zum 11. Oktober, 5 Uhr nachmittags, 
wurde die Antwort der britischen Regierung verlangt. Sollte diese nicht 
eintreffen oder nicht den Wünschen Transvaals entsprechend ausfallen, 
so würde man es als Kriegserklärung betrachten und dementsprechend 
handeln. 
Die britische Regierung lehnte die burischen Forderungen ab, die 
Feindseligkeiten begannen sofort. Der Oranjefreistaat schloß sich, wie 
schon längst vorher vereinbart worden war, der Transvaalrepublik an.
        <pb n="184" />
        142 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
Die Bertreter der britischen Regierung, an der Spitze Lord Salisbury, 
der Premierminister, und Chamberlain, der Kolonialsekretär, setzten nach 
Einberufung der Parlamente den Standpunkt der Regierung auseinander: 
der Augenblick der Entscheidung sei gekommen, ob Südafrika in Zu- 
kunft unter holländischer Herrschaft stehen oder ob die absolute Vor- 
herrschaft des britischen Volkes dort aufgerichtet werden solle. Die Po- 
litik des Präsidenten Krüger sei von Anfang an auf Abschüttelung der 
Suzeränität gerichtet gewesen. Die militärische Macht des Transvaals 
sei von Jahr zu Jahr beängstigender gewachsen. Diese Tatsache, daneben 
die Ausländerfrage hätten die Dinge zwingend zur Entscheidung getrieben. 
Wie in einem vorigen Abschnitt ausgeführt wurde, hatten die da- 
maligen Führer der englischen Nation damit recht, daß ihre Politik einer- 
seits, die Krügersche Politik anderseits mit Notwendigkeit zum Kriege 
führen mußten, wenn nicht eine der beiden Parteien nachgab. Nachgeben 
Großbritanniens bedeutete den Verzicht auf das imperialistische Ziel 
eines geeinten britischen Südafrika. Es bedeutete auch das Erstarken 
einer Macht, die in keiner Weise bereit war, sich völkisch oder politisch 
zu anglisieren, eines Bolkes, das an Wohlstand, an Zahl und an Kraft in 
starkem Wachsen war. Dazu kam, daß diese Macht danach strebte, zum 
Deutschen Reiche in engere Beziehungen zu kommen. Das Deutsche 
Reich war Kolonialmacht geworden, befand sich auf dem Wege, eine See- 
macht zu werden, entwickelte sich wirtschaftlich mit Riesenschritten und 
wurde als Britanniens gefährlichster Konkurrent angesehen. Der Deutsche 
Kaiser hatte aus seiner Auffassung von den weltpolitischen Notwendig- 
keiten des Deutschen Reiches niemals ein Hehl gemacht. Kurz, es schien 
klar genug, was für eine Politik die südafrikanische Republik nach end- 
gültiger Abschüttelung der englischen Suzeränität treiben würde. 
Die britischen Staatsmänner haben sich nie irgendwelchen über den 
Rahmen realer Möglichkeit hinausgehenden Besorgnissen hingegeben. 
Sie wußten, daß solchen Träumen für absehbare Zeit die Grundlage der 
Macht feblte. Die deutsche Frage, soweit sie in Verbindung mit der süd- 
afrikanischen stand, war im Jahre 1896 endgültig erledigt worden. Was 
eine spätere Zukunft etwa bringen konnte, das durfte nach Ansicht seiner 
Führer das britische Bolk nicht abwarten. Es mußte handeln, um so mehr, 
als die Burenfrage, als rein südafrikanische Angelegenheit, den britischen 
Staatsmännern geradezu auf den Nägeln brannte. 
Für die südafrikanischen Republiken handelte es sich um mehr, als 
für Großbritannien. Die Ausländerfrage war nicht nur politisch, sondern 
vor allem auch völkisch für die Buren eine Lebensfrage. Eine Lebens- 
frage war auch die englische Suzeränität. In beiden gab es auf die Dauer 
kein Ausweichen, es gab keinen Mittelweg.
        <pb n="185" />
        Deutschland und England während des Burenkrieges. 143 
  
Die Tragik der damaligen Burenrepubliken ist besonders in der 
deutschen Bevölkerung stark empfunden worden. Ein friedliches Land- 
volk, das von der Außenwelt nichts wußte, auch nichts wissen wollte, 
das weder Neigung noch Anlage zu andersgearteter Entwicklung in sich 
trug, hatte das Unglück, daß Fremde auf seinem Gebiete Schätze an Gold 
und Diamanten entdeckten. Zu Tausenden und zu Zehntausenden kamen 
die Fremden, zumeist Engländer, ins Land, brachten fremden Geist 
und internationale Bestrebungen binein, blieben selbst im Lande und 
wurden eine Macht, die schließlich nach staatsbürgerlicher Gleichberech- 
tigung verlangte. So entstand die Ausländerfrage; Angehörige ge- 
rade desjenigen Volkes war die Mehrzahl dieser Fremden, dessen Regie- 
rung die Suzeränität über Transvaal beanspruchte, und dessen Volks- 
genossen die beiden südafrikanischen Republiken, begierig nach weiterer 
Ausdehnung, an ihren Grenzen immer enger umschlossen. Gewiß, die 
Tragik ist vorhanden, sie hat sich in ähnlicher Form schon öfter in der 
Weltgeschichte gefunden, aber die Weltgeschichte hat noch jedesmal die 
gleiche und mitleidslose Antwort gegeben: das betreffende Bolk mit 
seiner Tragik entweder zermalmt oder zur Anpassung an Berhältnisse 
gezwungen, die ihm ursprünglich widerstrebten. 
Oer deutschen Politik war ihr Verhalten während des Burenkrieges 
fest und unwiderruflich vorgezeichnet. Sie konnte vernünftigerweise 
keine andere sein als die der Neutralität. Angesichts der leidenschaftlich 
gegen England und für die Buren erregten Bolksstimmung in Oeutsch-- 
land wurde seinerzeit eine Redewendung Kaiser Wilhelms erzählt: Der 
Kaiser sagte, das BVerlangen, Deutschland solle im Transvaalkriege inter- 
venieren, sei ungefähr dasselbe, alo wenn man jemanden auffordere, 
durch Wedeln mit seinem Taschentuche ein durchgehendes Pferd anzu- 
halten. Der Vergleich traf zu. Das DOeutsche Reich verfügte tatsächlich 
über kein einziges Mittel, um wirksam intervenieren zu können. Groß- 
britannien beherrschte um die Jahrhundertwende die Ozeane unbe- 
schränkter denn je. Der südafrikanische Krieg kostete Geld und Men- 
schen, aber er schwächte die britische Flotte nicht. Die britischen Geschwa- 
der wurden vom Beginne des Burenkrieges an derart über die Ozeane 
verteilt, daß sie die Truppentransporte laufend deckten, während an 
strategisch wichtigen Punkten der Meeresstraßen besondere Geschwader 
stationiert waren, die ebenso wie in der Heimat für alle „Eventualitäten“ 
bereitstanden. Tatsächlich brauchte England keine Eventualitäten zu 
fürchten. Der umfassende Aufmarsch seiner seebeherrschenden Flotte 
war teils ein Akt allgemeiner Vorsicht, teils eine marinepolitische Deimon- 
stration der europäischen Welt gegenüber, wie sie imponierender und 
anschaulicher schwerlich hätte sein können.
        <pb n="186" />
        144 2. Abschnitt. Weltpolitische Mũhen ohne zureichende Mittel 1895—1905. 
Die Politik der deutschen Regierung, so notwendig und so selbst- 
verständlich sie uns heute erscheint, war außerordentlich, man möchte 
sagen, beispiellos unpopulär in Deutschland. Die Leidenschaft der Stim- 
mung griff beinabe auf alle Kreise über, die nationale Presse war voll 
von abfälligster, entrüstetster Kritik der Politik der deutschen Regierung; 
Versammlungen, Demonstrationen aller Art flossen über von Erbitterung 
gegen Großbritannien, von Begeisterung für das tapfere Burenvolk, 
von hartem Tadel der Stellungnahme der deutschen Regierung. Auch 
im Oeutschen Reichstage kam diese Stellungnahme verschiedentlich mit 
großer Schärfe zum Ausdruck, und man ging im besonderen auch auf 
das Krügertelegramm von 1896 ein. Die Antwort, welche Fürst Bülow 
in bezug auf jene Depesche und die Politik gab, welche zu ihrer Absen- 
dung führte, ist charakteristisch für die von ihm vertretene Politik. Der 
Kanzler sagte: 
„Ich denke gar nicht daran, dieses Telegramm zu verleugnen, durch 
welches Seine Majestät der Kaiser seinem richtigen Empfinden für das 
Bölkerrecht korrekten Ausdruck gegeben hat. Aber ebensowenig haben 
wir beabsichtigt, burch jenes Telegramm unsere Politik für immer, in 
Oomnes casus et eventus in saecula saeculorum, festzulegen, und das 
konnten wir um so weniger, als sich die Berhältnisse seitdem geändert 
haben. Ich begehbe keine diplomatische Zndiekretion, wenn ich sage, daß 
dieses Telegramm jedenfalls das Berdienst gehabt hat, durch die Auf- 
nahme, die es fand, nicht in Deutschland, sondern außerhalb Deutschlands, 
die Situation für uns insofern aufzuklären, als diese Aufnahme keinen 
Zweifel darüber ließ, daß wir im Falle eines Konfliktes mit England auf 
unsere eigenen Kräfte, allein auf unsere eigenen Kräfte angewiesen sein 
würden. Daraus muß eine gewissenhafte Regierung ihre Schlüsse zieben, 
und daraus haben wir unsere Schlüsse gezogen... Transvaal und die süd- 
afrikanischen Republiken können nicht zum Angelpunkte unserer ganzen 
Politik werden. Das Hemd liegt mir näher als der Nock und jedenfalls 
liegt eb mir näher, der ich deutscher Minister des Äußeren bin und nicht 
Minister in oder für Pretoria.“ 
Der Kanzler erklärte des weiteren, daß er auf die öffentliche Mei- 
nung unter den obwaltenden Berhältnissen keine Rücksicht nehmen könne 
noch dürfe. Diese Rede wurde im Dezember 1900, also reichlich ein Jahr 
nach dem Beginn des Burenkrieges, gehalten. In einem früheren Ka- 
pitel ist erzählt worden, wie bereits angesichts der englischen Erregung 
über die Krügerdepesche der französische Botschafter in London der bri- 
tischen Regierung zum Ausdrucke gebracht hatte: für Frankreich gäbe 
es im Falle eines englisch-deutschen Krieges nur einen einzigen Feind. 
Bermutlich meinte Bülow diese Tatsache, als er von den Anzeichen sprach,
        <pb n="187" />
        Oeutschland und England während des Burenkrieges. 145 
  
daß Deutschland in einem solchen Kriege auf eigene Kräfte ausschließlich 
angewiesen sein würde. Dabei wäre Frankreich, als die einzige kon- 
tinentale Flottenmacht von Bedeutung, auch der einzige wirksame 
Bundesgenosse für das Oeutsche Reich gewesen. Rußland würde zwar 
in Ostasien, in Mittelasien und vielleicht auch in Persien die Berlegenbeit 
eines in einen europäischen Krieg verwickelten Großbritanniens nach- 
drücklich für seinen Vorteil benutzt haben, aber ODeutschland hätte davon 
schwerlich irgendeinen Vorteil oder auch nur eine Erleichterung gehabt. 
Ganz abgesehen von der Qualität der Schiffe und Besatzungen, lag der 
beste Teil der russischen Schlachtflotte nicht in den europäischen, sondern 
in den ostasiatischen Gewässern versammelt. Österreich konnte für das 
Deutsche Reich ebensowenig wie Italien als Bundesgenosse in einem 
Kriege mit England in Betracht kommen. Die Oreibundverträge bezogen 
sich nur auf strikte Verteidigung, außerdem überhaupt nicht auf Groß- 
britannien, die Machtverhältnisse zur See der beiden Staaten schlossen 
auch jede Neigung zu einer Beteiligung vollkommen aus. Ebensowenig 
dachten die Bereinigten Staaten von Nordamerika an eine offen england- 
feindliche Stellungnahme. Sie glaubten mit Recht praktischer zu handeln, 
als sie in aller Freundlichkeit die englischen Berlegenheiten benutzten, 
um den bis dahin geltenden Panamakanalvertrag (Clapton-Bulwer- 
Vertrag) in ihrem Sinne durch den Hay-Pauncefote-Vertrag ändern zu 
lassen, auch in der Alaskafrage die britische Nachgiebigkeit zu erreichen. 
Nach der Stimmung in den Bereinigten Staaten wäre man einem Kriege 
mit ODeutschland erbeblich geneigter gewesen als einer Intervention im 
Burenkriege, Arm in Arm mit dem Oeutschen Reiche. 
Die Kriegsflotte des Deutschen Reiches stand zu Anfang des Buren- 
krieges annähernd auf derselben Stufe wie im Augenblicke der Krüger- 
depesche. Ihre Vernichtung hätte Großbritannien geringe Mühe und 
kein Risiko verursacht. Die deutsche Handelsflotte, die überseeischen 
Handelsbeziehungen des Deutschen Reiches und der deutsche Kolonial- 
besitz wären in britischer Hand gewesen. Alles in allem hatte der deutsche 
Kanzler recht: die Burenrepubliken durften nicht den Angelpunkt der 
Politik des Deutschen Reiches bilden. 
Als viele Jahre später, 1908, die Haltung des Oeutschen Reiches, 
insbesondere des Deutschen Kaisers während des Burenkrieges, infolge 
der bekannten Veröffentlichungen des „Daily Telegraph“ zur Erörterung 
gelangte, erklärte det ehemalige Burengeneral Ben Biljoen, er sei bei 
einer Beratung zugegen gewesen, wo der Präsident Krüger erklärt habe, 
er besitze die Bersicherung Kaiser Wilhelms, daß Deutschland Groß- 
britannien nicht erlauben werde, sich der Burenrepubliken zu bemäch- 
tigen. Sollten die Buren unglücklich fechten, so würden Deutschland, 
Graf Reventlow, Oeutschlands auewärtige Polltic. 10
        <pb n="188" />
        146 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Milttel. 1895—1903. 
  
Frankreich und Rußland intervenieren. — Es ist so gut wie unmöglich, 
daß der Deutsche Kaiser bzw. die deutsche Reichsregierung derartige Ver- 
sicherungen abgegeben haben könnten, denn diese hätten einmal im Gegen- 
satze zu allen Erfahrungen gestanden, die man gelegentlich des Krüger- 
telegramms gemacht hatte, und in ebenso scharfem Gegensatze zu dem 
Kurse, welchen die Politik des ODeutschen Reiches seitdem konsequent 
befolgt hatte. Daß eine rein diplomatische Unterstützung den Buren 
versprochen worden sei, ist nicht unmöglich, unglaublich jedoch, daß 
Präsident Krüger auf eine solche Hilfe irgendwelche Hoffnungen gesetzt 
hätte. Präsident Krüger kannte die britische Politik gut genug, zu wissen, 
daß eine sogenannte diplomatische Intervention ohne Einfluß bleiben 
würde. 
Oazu kam, daß schon im Frühjahr 1899 die deutsche Reichsregierung, 
und zwar zusammen mit der holländischen Regierung, dem Präsidenten 
Krüger geraten hatte, den britischen „Reform“forderungen nachzugeben. 
Darüber, daß im Kriegefalle eine wirksame, tatsächliche deutsche Hilfe 
unmöglich sei, hatte die deutsche Regierung ebenso wie früher keinen 
Zweifel gelassen. 
Ein Bermittlungsvorschlag des Präsidenten der Bereinigten Staa- 
ten, Mr. Mac Kinlep, wurde am 15. März 1900 von Lord Salisbury dahin 
beantwortet, daß Großbritannien nicht die Absicht habe, die Bermitt- 
lung einer fremden Macht in Südafrika anzunehmen. Um die gleiche 
Zeit wurde die deutsche Antwort in Pretoria bekanntgemacht, welche 
auf die Bitte der südafrikanischen Republiken um Bermittlung zur Her- 
stellung des Friedens eingelaufen war: die deutsche Regierung sei zu 
freundschaftlicher Bermittlung bereit, sobald beide Gegner eine solche 
wünschten. Ob auf englischer Seite dieser Wunsch vorhanden sei, müßten 
die Burenrepubliken durch Nachfrage feststellen, entweder direkt in Lon- 
don oder durch die guten Oienste einer Regierung, die keine eigenen 
wichtigen Interessen in Südafrika wahrzunehmen habe. Letztere Vor- 
aussetzung träfe nicht für Oeutschland zu, und jeder derartige Schritt 
würde „daher den Berdacht erwecken, daß wir andere als humanitäre 
Zwecke verfolgen, und das dadurch vermehrte Mißtrauen würde der 
Sache des Friedens nicht dienlich sein“. 
Nach der Lage der Oinge war dieser Standpunkt richtig, zumal in 
Anbetracht der Gewißheit, daß England sich durch Bermittlungevorschläge 
nicht beeinflussen lassen würde. Auch der Hinweis auf die deutschen 
Interessen in Südafrika war durch die Sachlage und durch die Nichtung 
der deutschen Politik jener Jahre begründet: man wollte, wo cs5 das 
eigene Interesse nicht dringend forderte, nicht in politisch unnötige Miß- 
stimmung mit England geraten. Ein deutscher Vermittlungsversuch wäre
        <pb n="189" />
        Deutschland und England während des Burenkrieges. 147 
eine an sich zwecklose Demonstration gewesen und hätte nach anderen 
Seiten geschadet. 
In Frankreich sagte Delcassé auf eine Anfrage, was die Regierung 
wegen der Bitte um Zntervention der südafrikanischen Republiken zu 
tun gedenke: nach der entschiedenen Stellungnahme der britischen Re- 
gierung, daß sie der Unabhängigkeit der beiden Republiken nicht zu- 
stimmen könne, sei eine Einmischung der Mächte unmöglich geworden, 
denn die Republiken hätten um eine Vermittlung bzw. Intervention eben 
auf Grund der Anerkennung ihrer Unabhängigkeit gebeten. „Nach so 
vielen schweren Erfahrungen und so tief greifenden Berschiebungen im 
Gleichgewichte der Mächte kann Frankreich nicht zulassen, daß seine Pflich- 
ten gegen die Welt — die es niemals versäumen wird — Frankreich 
der Pflichten vergessen lassen, die es gegen sich selbst hat. Es hat nichts 
verloren von der edlen Begeisterung, die von ihm so oft gezeigt wurde, 
aber ein sicherer Instinkt sagt ihm, daß es sich dieser Begeisterung nicht 
mehr unbedacht hingeben darf.“ 
Später ist bekannt geworden, daß von russischer Seite eine euro- 
päische Intervention beim Deutschen Reiche und Frankreich angeregt 
worden ist, eine Intervention nicht nur diplomatischer Natur, sondern mit 
allen Konsequenzen der Machtmittel. Schon Anfang des Jahres 1900 
nahm Rußland eine Probemobilmachung an der afghanischen Grenze vor, 
lediglich auf das Gerücht hin, daß der Emir gestorben und Gärung unter 
den Hindustämmen berrsche. Ein Petersburger Blatt schrieb: Es handle 
sich zwar um keine Drohung gegen England, man habe nur feststellen 
wollen, wie schnell eine Kolonne vom Kaukasus nach den afghanischen 
Grenzen gelangen könne. Immerhin könne England daraus die Lehre 
ziehen, daß seine unbestrittene Seeherrschaft ihm Rußland gegenüber 
nichts nütze. Es sei deshalb auch wohl zu erwarten, daß bei zukünftigen 
englisch-russischen Berbandlungen Großbritannien sich gefügiger zeigen 
werde als vorher. — 
Rußland konnte durch einen Krieg der drei Festlandmächte mit 
England im wesentlichen nur gewinnen und setzte selbst wenig aufs Spiel. 
Der russische Vorschlag war also begreiflich genug. Soviel bekannt ge- 
worden ist, beantwortete der Deutsche Reichskanzler, Fürst Bülow, ihn 
lediglich mit dem Fühler: die Bedingung einer gemeinsamen derartigen 
Intervention wäre selbstverständlich gegenseitige Anerkennung ihrer Ge- 
biete und Grenzen der drei Mächte untereinander. Oarauf hätte der 
russische Geschäftsträger erklärt: keine französische Regierung, die da- 
mit den Frankfurter Frieden anerkenne, würde sich auch nur einen Tag 
lang am Ruder halten können. Oamit war dann der Plan einer euro- 
päischen Intervention in der Versenkung verschwunden, selbstverständlich 
10“
        <pb n="190" />
        148 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1905. 
  
möchte man sagen. Es ist freilich nicht anzunehmen, daß, selbst wenn 
Frankreich eine derartige Anerkennung des Besitzstandes gegeben hätte, 
Deutschland sich mit den beiden anderen Mächten auf einen Krieg gegen 
England eingelassen haben würde. Dazu lagen auch dann die Verhält- 
nisse zu ungünstig, es war nichts dabei zu gewinnen, aber viel zu ver- 
lieren. Uber See und auf der See hätte man nur verloren, während 
für sicheren großen Gewinn auf dem Festlande die Bedingungen nicht 
günstig lagen, schon in Anbetracht der beiden Bundesgenossen Frankreich 
und Rußland mit ihren Bestrebungen im Orient. Aberdies konnte jede 
folgende französische Regierung die Anerkennungserklärung des euro- 
päischen Besitzstandes widerrufen. Wahrscheinlich ist vielmehr, daß Bülom 
die Frage nur stellte, um die beiden anderen Mächte festzunageln, weil 
er ihre Absicht, Deutschland vorzuschicken und den weiteren Gang der 
Ereignisse auf Kosten des Deutschen NReiches, so oder so, auszunutzen, 
bloßlegen wollte. 
Zn England fuhr man in auffälliger Weise fort, freundliche Ge- 
sinnung gegen Deutschland zu betonen. Anfang November erklärte Lord 
Salisbury gelegentlich des Samoavertrages: die Inseln seien nicht um 
ihrer selbst willen so wichtig, sondern weil sie „Streitgegenstand waren 
zwischen uns und einer Nation, deren Wohlwollen wir hochschätzen“. Die 
Lage zeige, daß die Beziehungen Englands zu Deutschland „im gegen- 
wärtigen Zeitpunkte so sind, wie wir es nur wünschen können“. Am 
50. November 1899 hielt Chamberlain in Leicester seine berühmte Rede 
über die Notwendigkeit eines germanisch-angelsächsischen Dreibundes: 
jeder weitblickende englische Staatsmann müsse wünschen, daß man nicht 
dauernd vom Kontinent isoliert bleibe, „und ich denke, daß in dem Augen- 
blicke, wo dieses Bestreben Gestalt annahm, es als offenbar erscheinen 
muß, daß die natürlichste Allianz diejenige zwischen uns und dem großen 
Deutschen Reiche ist. Wir batten unsere Meinungsverschiedenheiten, 
unsere Zwistigkeiten und Streitpunkte mit Deutschland.“ Oas seien aber 
alles geringfügige Dinge gewesen, während in den Hauptpunkten die 
deutschen und die englischen Bestrebungen nicht miteinander kollidierten, 
sondern die gleichen seien. Dazu kämen die Bereinigten Staaten von 
Amerika. Oiese drei Mächte zusammen würden eine neue Tripelallianz 
innerhalb der germanischen Rassen bilden. Es brauche keine geschrie- 
bene Allianz zu sein, ja, ein Einverständnis sei vielleicht sogar besser als 
eine Allianz. — 
Diese und manche andere Außerungen erregten naturgemäß ein 
außerordentliches Aufsehen, fanden aber in der deutschen Offentlichkeit 
eine kühle, meist völlig abtehnende Aufnahme. Man warf der britischen 
Regierung, in erster Linie Chamberlain, Heuchelei vor. Dieser Vorwurf
        <pb n="191" />
        Deutschland und England während des Burenkrieges. 140 
  
traf offenbar nicht den Kern der Sache. Es lag Chamberlain tatsächlich 
sehr viel daran, mit Deutschland in ein enges Einverständnis zu gelangen, 
möglicherweise schwebte ihm eine sogenannte Entente Cordiale vor, wie 
sie später zwischen Großbritannien und Frankreich zustande gekommen 
ist. Dieser Wunsch Englands begründete sich in der wachsenden Be- 
sorgnis, ja Furcht, gegenüber dem russischen Vordringen und den russi- 
schen Plänen im fernen Osten. Wegen des südafrikanischen Krieges 
aber und der damit zusammenhängenden Berhältnisse bedurfte Groß- 
britannien deutscher Unterstützung nicht. Chamberlains Werbung wurde 
in England getadelt, hauptsächlich, nachdem man die kühle Aufnahme 
seiner Borschläge in Deutschland hatte feststellen müssen. Es ist nachher 
verschiedentlich auf deutscher, französischer und englischer Seite behauptet 
worden, daß vor seiner Rede Chamberlain mit dem Fürsten Bülow 
unverbindliche Verhandlungen über die Frage einer deutsch-englischen 
Allianz oder Entente gepflogen habe. Einige behaupten, die Anregung 
sei von Chamberlain ausgegangen, die anderen, Bülow habe damit be- 
gonnen. Da keines dieser Gerüchte Anspruch auf Tatsächlichkeit besitzt, 
kann man sie nicht zur Unterlage machen. Nach Lage der Sache aber, 
besonders auch nach Lage der späteren Entwicklung, ist nicht anzunehmen, 
daß die Anregung von deutscher Seite ausgegangen sei. Ebensowenig 
wie nach dem Krügertelegramm hatten die Leiter der deutschen Politik 
jetzt den Wunsch, das mühsam erreichte bessere Einvernehmen mit Ruß- 
land für eine Vereinigung mit Großbritannien aufzugeben, deren Früchte 
ihnen zum mindesten sehr zweifelhaft erschienen. Chamberlain seiner- 
seite hatte, wie wir wissen, schon früher in ganz ähnlichen Reden auf 
ein enges deutsch-britisches Zusammengehen angespielt, und zwar in 
einer Zeit, wo noch viel weniger an eine Initiative von deutscher Seite 
zu denken war. 
Nach späteren Außerungen des Fürsten Bülow hätten Besprechungen 
damals hauptsächlich deshalb zu keinem Ergebnisse geführt, weil die bri- 
tischen VBerfassungsverhältnisse keine Gewähr für bindende Dauer von 
Abkommen usw. gäben. 
Eine Antwort auf die Chamberlainsche Rede in Leicester hat Fürft 
Bülow in seiner Reichètagsrede vom 19. Januar 1900 gegeben. Jeden- 
falls scheint es, als ob der folgende Passus als Antwort gemeint gewesen sei: 
„Gerade weil wir aufrichtig bestrebt sind, gute und freundliche Be- 
ziehungen zwischen England und DOeutschland aufrechtzuerhalten, so 
wünschen wir, daß nicht Borkommnisse eintreten, welche in hohem Maße 
geeignet sind, die Aufrechterhaltung solcher Beziehungen zu erschweren, 
die nur möglich ist auf der Basis voller Parität und gegenseitiger Rück- 
sichtnahme.“
        <pb n="192" />
        1 30 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
Das Bündnisangebot Chamberlains war neben allem anderen zu 
einem ungünstigen Zeitpunkte gemacht worden. Es fiel in die Zeit der 
höchsten antienglischen Erregung der öffentlichen Meinung in Deutschland 
und in die Periode der englischen Niederlagen in Südafrika. Ein großer 
Teil der öffentlichen Meinung — und wohl nicht allein in Deutschland — 
hoffte nicht nur, sondern glaubte, daß die Buren sich ihre Freibeit doch 
noch bewahren und ihre Unabhängigkeit erkämpfen würden. Oie eng- 
lischen Freundschafts- und Bündnisangebote bezog man auf die englische 
Niedergeschlagenheit und nahm sie als ein Hilfesuchen, während sie sich 
in der Tat ja gar nicht auf die südafrikanischen Dinge bezogen. Aun, 
so hieß es aber im Deutschen Reiche, kommt das stolze Großbritannien 
und will deutsche Hilfe und deutsche Unterstützung, wo es in Südafrika 
nicht weiter kann. Deshalb, so schloß man weiter, sei gerade der Augen- 
blick gekommen, wo die deutsche Politik die jedenfalls noch kommenden 
Gelegenheiten gegen England ausnützen müsse. 
Vier Wochen nach Chamberlains Rede traten aber Ereignisse ein, 
welche die deutsche Stimmung in noch viel höherem Grade gegen Groß- 
britannien erhitzten. Das war die Beschlagnahme des deutschen Reichs- 
postdampfers „Bundesrat“ am 28. Dezember, des Reichspostdampfers 
„General“ am 4. Januar, des Dampfers „Herzog“ und des Segelschiffes 
„Marie“ am 7. Januar. 
Der Reichspostdampfer „Bundesrat“ wurde in der Oelagoabai, also 
in einem neutralen Territorialgewässer, von dem britischen Kreuzer 
„Magicienne“ angehalten wegen Berdachtes, Konterbande zu führen, 
und nach dem britischen Hafen Durban geschleppt, um dort auf die Be- 
schaffenheit seiner Ladung untersucht zu werden. Aber diese Beschlag- 
nahme war die Erregung in Deutschland besonders groß, weil es sich 
um einen Reichspostdampfer handelte und um bloßen — nicht begrün- 
deten — Verdacht der Konterbande. Die rasche Folge der drei anderen 
Beschlagnahmen rief eine maßlose Erbitterung hervor, zumal sich bald 
erwies, daß bei jedem Schiffe der BVerdacht unbegründet war. Sie wurden 
sämtlich freigegeben, der „General“ nach acht Tagen, „Herzog"“ nach 
vier Tagen, „Bundesrat“ jedoch erst nach 21 Tagen und die „Marie“ 
nach 15 Tagen. Oas Anhalten, Aufbringen und Ourchsuchen der 
vier Schiffe war tatsächlich unberechtigt gewesen. Die deutsche Regie- 
rung erhob sofort Vorstellungen in London mit dem BVerlangen un- 
verzüglicher Freigabe der Schiffe. Die englische Admiralität wies am 
1. Januar die dieosbezüglichen britischen Befehlshaber an, daß weder der 
„Herzog“ noch ein anderer deutscher Postdampfer auf bloßen Berdacht 
bin angehalten werden solle, solange nicht klar sei, daß der Postdampfer 
„Bundesrat“ Konterbande führe. Dieser sei so schnell wie möglich auf
        <pb n="193" />
        Deutschland und England während des Burenkrieges. 151 
  
Konterbande zu durchsuchen. Diese Untersuchung dauerte längere Zeit, 
und die Erregung der deutschen Bevölkerung steigerte sich von Tag zu 
Tag. Oer deutsche Botschafter in London, Fürst Hatzfeldt, verlangte 
am 4. Januar sofortige Freilassung des „Bundesrat“ unter Vorbehalt 
weiterer Entscheidungen. Am 5. Januar, nach der Beschlagnahme des 
„General“, wurde der Botschafter in sehr scharfer Form vorstellig. Die 
deutsche Note enthielt u. a. den folgenden Satz: „Ich bin ferner ange- 
wiesen, Eure Exzellenz zu ersuchen, daß den Kommandeuren britischer 
Schiffe in afrikanischen Gewässern ausdrückliche Weisungen zu dem Ende 
gesandt werden, das internationale Recht zu achten und dem Handel 
zwischen Neutralen keine weiteren Hindernisse in den Weg zu legen.“ 
Die „Kölnische Zeitung“ veröffentlichte anderthalb Wochen später einen 
inspirierten, überaus scharfen Artikel, in dem von England verlangt 
wurde, „der bis jetzt beliebten Verschleppung ein Ende zu machen . 
daß aufs schleunigste das bedauerliche Vorgehen der englischen Kapitäne 
wieder gut gemacht wird, und daß Sicherheiten gegen die Wiederholung 
solcher aufreizenden Beschlagnahmen deutscher Postschiffe geboten wer- 
den. Legt die englische Regierung Gewicht darauf, die bisherigen Be- 
ziehungen zu Deutschland nicht vollends zu untergraben, so wird sie gut 
tun, der deutschen Bolkêöstimmung eine größere Beachtung zu schenken, 
als sie dieses biöher für gut befunden hat.“ 
Lord Salisbury drückte in einer Note vom 17. Januar sein Erstau- 
nen über die schroffe Sprache der deutschen Noten und darüber aus, 
daß diese dem britischen Schiffekommandanten Mißachtung des inter- 
nationalen Rechtes unterstellen. Die Note hob weiter einige angebliche 
Verdachtsgründe hervor und die Schwierigkeiten der Ourchsuchung der 
Ladung des Schiffes. Uberdies müßten die Berichte der Kommandanten 
abgewartet werden usw. 
Es ist ohne besonderes Interesse, auf die Einzelheiten dieser Fälle 
einzugehen, nur bemerkenswert, daß, wie aus den obigen Proben er- 
sichtlich ist, die Sprache der deutschen Regierung eine außerordentlich 
scharfe war, wohl zu einem beträchtlichen Teile infolge der hohen öffent- 
lichen Erregung in Deutschland. Oiese war geneigt, eine englische Schi- 
kane, zum mindesten eine weitgehende Mißachtung und Geringschätzung 
der deutschen Rechte in der Beschlagnahme der Schiffe zu erblicken. Um 
eine Schikane hat es sich aber zweifellos nicht gehandelt und um eine 
Mißachtung der Rechte auch nicht, sondern im wesentlichen um die über- 
lieferungemäßige britische Uberhebung hinsichtlich „legitimer Beherrschung 
der Meere“ und den Nbereifer der maritimen Befehlöhaber, die durch 
unwahre Denunziationen veranlaßt worden waren, Berdachtsgründe gegen 
die deutschen Schiffe anzunehmen. Ein Seekriegsrecht gab es im Jahre
        <pb n="194" />
        152 2. Abschnitt. Weltpolitische Muhen ohne zureichende Mittel. 1895—1908, 
1900 ebensowenig wie heute. Der britische Verstoß konnte auögespro- 
chener- und anerkanntermaßen nur darin liegen, daß auf bloße Verdachts- 
gründe hin ein Reichspostdampfer angehalten und durchsucht wurde. 
Wie der Deutsche Reichskanzler damals auf eine Interpellation erklärte, 
war ein Recht zur See nicht vorhanden, oder, wie er sich ausdrückte, sehr 
flüssig und sehr dehnbar. Auf dem Gebiete des Seerechtes sei der Macht- 
standpunkt immer noch vor dem Rechtsstandpunkte gültig. 
Die britische Regierung erkannte auf die deutschen Forderungen 
bin ihre Schadensersatzpflicht an, erließ Instruktionen, daß Anhalten und 
Durchsuchen von Schiffen nur in der Nähe des Kriegeschauplatzes statt- 
finden dürfte, daß deutsche Postdampfer nicht auf bloßen Verdacht hin 
anzuhalten seien. Schließlich gab die britische Regierung ihrem Be- 
dauern über den Vorfall Ausdruck. An die Erörterungen dieser Beschlag- 
nahmen und ihrer Erledigung schloß der Deutsche Kanzler seine schon 
erwähnte indirekte Antwort auf die Bündnisrede Chamberlains: daß die 
Aufrechterhaltung freundlicher Beziehungen mit England nur auf der 
Basis voller Parität und gegenseitiger Rücksichtnahme möglich sei. 
Die Dampferbeschlagnahmen und ihre langsame Erledigung paßten 
also wie die Faust aufs Auge zu den britischen Freundschafts- und Bünd- 
niswünschen, die schon deshalb echt waren, weil sie tatsächlichen politischen 
Besorgnissen und Bedürfnissen entsprachen. Rein politisch betrachtet 
bedeutete das englische Verhalten gegenüber den deutschen Schiffen 
eine große Ungeschicklichkeit und ist später in England selbst auch so be- 
zeichnet worden. 
Der Schritt zur deutschen Hochseeflotte. 
Im Spätdberbste des Zahres 1899 wurde im Oeutschen Reichsan- 
zeiger auf die Notwendigkeit hingewiesen, den Weltereignissen durch 
eine verstärkte Steigerung der deutschen Seemacht Rechnung zu tragen. 
Schon Monate vorher liefen Gerüchte um, daß nach dem Urteile der 
maßgebenden Stellen das Flottengesetz des Jahres 1898 auch nach seiner 
völligen Durchführung nicht annähernd imstande sein werde, den Be- 
dürfnissen der Wehrkraft des Deutschen Reiches zur See zu genügen. 
Am 18. Oktober 1899 bielt der Deutsche Kaiser zur Taufe des Schlacht- 
schiffes „Kaiser Karl der Große“ eine Aufsehen erregende Rede, ge- 
kennzeichnet durch das später viel zitierte Wort: „Bitter not ist uns eine 
starke deutsche Flotte.“ Zene Rede enthielt außerdem Ausführungen, 
die in einer Betrachtung der neuesten politischen Entwicklung des Oeut- 
schen Reiches schon deshalb nicht fehlen dürfen, weil ihnen geschicht- 
liche Bedeutung auch an sich zukommt: die Hamburger Rede des Kaisers
        <pb n="195" />
        Der Schritt zur deutschen Hochseeflotte. 153 
vom 18. Oktober 1899 hat nicht nur rein militärisch-maritim, sondern auch 
für die auswärtige Politik des Deutschen Reiches eine neue Ara einge- 
leitet: 
„Aber auch hier (Hamburg) weiß man es am höchsten zu schätzen, 
wie notwendig ein kräftiger Schutz und die unentbehrliche Stärkung 
unserer Seestreitkräfte für unsere auswärtigen Interessen sind. Ooch 
langsam nur greift das Gefühl hierfür im deutschen Vaterlande Platz, das 
leider noch zu sehr seine Kräfte in fruchtlosen Parteiungen verzehrt. Mit 
tiefer Besorgnis habe ich beobachten müssen, wie langsame Fortschritte 
das Interesse und politische Verständnis für große und weltbewegende 
Fragen unter den Deutschen gemacht hat. Blicken wir um uns her, wie 
hat seit einigen Jahren die Welt ihr Antlitz verändert! Alte Weltreiche 
vergehen und neue sind im Entstehen begriffen. Nationen sind plötz- 
lich im Gesichtskreise der Bölker erschienen und treten in ihren Wett- 
bewerb mit ein, von denen kurz zuvor der Laie noch wenig bemerkt hatte. 
Exzeugnisse, die umwälzend wirken auf dem Gebiete internationaler Be- 
ziehungen sowohl wie auf dem Gebiete nationalökonomischen Lebens 
der Völker, und die in alten Zeiten Jahrhunderte zum Reifen brauchten, 
vollziehen sich in wenigen Monden. Oadurch sind die Aufgaben für unser 
Deutsches Reich und Volk in mächtigem Umfange gewachsen und er- 
beischen für mich und meine Regierung ungewöhnliche und schwere An- 
strengungen, die nur dann von Erfolg gekrönt sein können, wenn ein- 
beitlich und fest, den Parteiungen entsagend, die Oeutschen hinter uns 
stehen. Es muß dazu aber unser Bolk sich entschließen, Opfer zu bringen. 
Vor allem muß es ablegen seine Sucht, das Höchste in immer schärfer 
sich ausprägenden Parteirichtungen zu suchen. Es muß aufbören, die 
Partei über das Wohl des Ganzen zu stellen. Es muß seine alten Erb- 
fehler eindämmen, alles zum Gegenstande ungezügelter Kritik zu machen, 
und es muß vor den Grenzen haltmachen, die ihm seine eigensten vitalsten 
Interessen ziehen. Denn gerade diese alten politischen Sünden rächen 
sich jetzt schwer an unseren Seeinteressen und unserer Flotte. Wäre ihre 
Verstärkung mir in den ersten acht Jahren meiner Regierung trotz in- 
ständigen Bittens und Warnens nicht beharrlich verweigert worden, 
wobei sogar Hohn und Spott mir nicht erspart geblieben sind, wie anders 
würden wir dann unseren blühenden Handel und unsere überseeischen 
Interessen fördern können. Doch meine Hoffnungen, daß der Deutsche 
sich ermannen werde, sind noch nicht geschwunden, denn groß und mächtig 
schlägt die Liebe in ihm zu seinem Vaterlande.“ — — 
Das Flottengesetz von 1898 war der Auftakt gewesen, gleichsam ein 
Fühler innerpolitischer und technischer Natur. Jetzt kam die Stunde 
des zweiten, des entscheidenden Schrittes. Sie war günstig gewählt
        <pb n="196" />
        154 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903, 
  
worden, denn, wie der Kaiser andeutet, hatten gerade die letzten Zahre 
den Oeutschen eine Lektion über den Wert der Seegeltung erteilt, wie 
sie eindringlicher schwer gedacht werden konnte: im Chinesisch-Japa- 
nischen Krieg hatte die zur See starke Partei gesiegt, im Spanisch-Ameri- 
kanischen Kriege war der einen Partei gelungen, ein altes morsches Welt- 
reich mühelos in Trümmer zu schlagen, weil diesem die Flotte fehlte. 
1898 hatte die kontinentale Großmacht Frankreich trotz ihres Bündnisses 
mit Rußland sich demütigen müssen, weil ihre Flotte nicht auf der Höhe 
war. In Samoa hatten das Oeutsche Reich und der deutsche Kreuzer- 
kommandant eine bedauerliche Rolle spielen müssen, weil es nicht mög- 
lich war, eine stärkere Flottenmacht dorthin zu schicken. Die südafrikanischen 
Interessen des Deutschen Reiches mußten von vornherein preisgegeben 
werden, weil jede Seegeltung fehlte und jede Möglichkeit, dem unge- 
heuren englischen Ubergewichte ein auch nur nennenswertes Gegen- 
gewicht in die Wagschale legen zu können. 
Der Burenkrieg mit der Bitterkeit und Erregung, die er in der deut- 
schen Bevölkerung erzeugte, hat insofern dem Werden der deutschen 
Flotte die Wege geebnet, wenn er nicht überhaupt die Bahn gebrochen 
hat. Die öffentliche Meinung in Oeutschland jedoch mit ihrer leidenschaft- 
lichen Parteinahme für die Sache der südafrikanischen Republiken konnte 
sich zunächst nicht in den Gedanken hineinfinden, daß man wirklich zur 
Catenlosigkeit verurteilt war. Man glaubte, es müsse sich doch „irgend 
etwas machen lassen“, zum mindesten sei es aber Pflicht des Deutschen 
Reiches, gewissermaßen den Verkehr mit Großbritannien abzubrechen. 
Und als der Deutsche Kaiser wenige Wochen nach dem Beginn des Buren- 
krieges zum Besuche der Königin von England nach London fuhr, ging 
eine tiefe und bittere Berstimmung durch den größeren Teil des deut- 
schen Bolkes. Es mag dahingestellt bleiben, ob es richtiger gewesen wäre, 
und zwar taktisch im Hinblick auf die deutsche Bolksstimmung, wenn 
der Deutsche Kaiser jenen Besuch unterlassen hätte. Wir wissen heute 
noch nicht mit Sicherheit, welchen Zwecken er diente. Fest steht immerbin, 
daß der Besuch einen auswärtig-politischen Schaden nicht getan hat. 
Er war vor dem Ausbruche des Burenkrieges angesetzt worden, und ihn 
wegen des Ausbruches dieses Krieges abzusagen, wäre immerhin eine 
ausgesprochene Kundgebung gewesen, deren Zweckmäßigkeit bezweifelt 
werden konnte. Eine recht lange Reihe von Tatsachen während der Regie- 
rungszeit Kaiser Wilhelms II. hat ausnahmslos bewiesen, daß er gerade 
in Dingen der auswärtigen Politik häufig gegen seine Ansicht und Nei- 
gung dem Nate des verantwortlichen Leiters Folge geleistet hat. Das 
dürfte auch hier der Fall gewesen sein, und es ist anzunehmen, daß Fürst 
Bülow für die Reise des Kaisers war. Die ganze Amtszeit des Fürsten
        <pb n="197" />
        Oer Schritt zur deutschen Hochseeflotte. 155 
  
Bülow zeigt übrigens, daß er sich gerade England gegenüber nicht ge- 
scheut hat, das Mißfallen der dortigen öffentlichen Meinung und der 
leitenden Männer zu erregen, sobald es ihm nützlich erschien. Es ist des- 
halb ebensowenig möglich, jene vielbesprochene Reise des Kaisers als 
unrichtig zu tadeln, wie ihre Gründe und Zwecke eingehend zu prezi- 
sieren. Allgemein, kann man nur sagen, war es für die Zwecke der deut- 
schen Politik, welche sie, besonders in Ostasien, zu verfolgen gedachte, 
erwünscht, mit Großbritannien in freundlichen Beziehungen zu bleiben, 
um so mehr, als Fürst Bülow entschlossen war, die ostasiatische Politik 
Rußlands teils zu unterstützen, teils nicht zu hindern. 
Schließlich mag mit maßgebend gewesen sein, daß die deutsche Reichs- 
regierung es für vorteilhaft hielt, in dem Augenblicke nicht ohne Not 
das Mißtrauen Großbritanniens zu erregen, wo man daran ging, die 
Grundlagen für eine große deutsche Seemacht zu fügen, deren Haupt- 
zweck war, der britischen Ubergewalt zur See allmählich einen Macht- 
faktor entgegenzusetzen, den zu beachten und zu achten sie gezwungen 
wäre. — 
In den ersten Tagen des Jahres 1900 wurde die neue Flottenvorlage 
veröffentlicht. Sie stellte rund eine Berdoppelung des im Gesetze von 
1898 geforderten Sollbestandes der Flotte dar. Das Gepräge des neuen 
Flottenplanes war insofern neu und charakteristisch, als er nunmehr den 
Schwerpunkt völlig auf die Entwickelung der Hochseeschlachtflotte legte. 
Die Kategorie des Küstenpanzerschiffes war ausgemerzt und die Be- 
messung der für das Ausland bestimmten Schiffe sehr bescheiden. Für die 
heimische Schlachtflotte dagegen verlangte die Vorlage eine Sollstärke 
von 38 Linienschiffen, vierzehn Panzerkreuzern, eine Anzahl von kleinen 
Kreuzern wie Torpedofahrzeugen. ODer militärische Grundgedanke die- 
ses großen Organisationsplanes war: in den heimischen Gewässern fällt 
die Entscheidung über alle Streitfragen, welche überhaupt die Tätigkeit 
der Flotte berühren. Deshalb muß dort der Schwerpunkt ihrer Kraft 
liegen. Die Begründung, welche der Staatssekretär des Reichs-Marine-- 
Amts, Admiral von Tirpitz, seiner Vorlage beigab, entbielt u. a. die 
folgenden Sätze, die im Laufe der letzten anderthalb Jahrzehnte welt- 
berühmt geworden sind: 
„Um unter den bestehenden Berhältnissen Deutschlands Seehandel 
und Kolonien zu schützen, gibt es nur ein Mittel: Deutschland muß eine 
so starke Schlachtflotke besitzen, daß ein Krieg auch für den seemächtigsten 
Gegner mit derartigen Gefahren verbunden ist, daß seine eigene Macht- 
stellung in Frage gestellt wird. Zu diesem Zwecke ist es nicht unbedingt 
erforderlich, daß die deutsche Schlachtflotte ebenso stark ist wie die der 
größten Seemacht, denn eine große Seemacht wird im allgemeinen nicht
        <pb n="198" />
        156 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—19058. 
  
in der Lage sein, ihre sämtlichen Streitkräfte gegen uns zu konzentrieren. 
Selbst wenn es ihr aber auch gelingt, uns mit größerer Ubermacht ent- 
gegenzutreten, würde die Niederkämpfung einer starken deutschen Flotte 
den Gegner doch so erheblich schwächen, daß dann trotz des etwa errungenen 
Sieges die eigene Machtstellung nicht mehr durch eine ausreichende Flotte 
gesichert wäre.“ 
„Um das gesteckte Ziel: Schutz unseres Seehandels und unserer 
Kolonien durch Sicherung eines Friedens in Ehren zu erreichen, sind für 
Deutschland nach Maßgabe der Stärkeverhältnisse der großen Seemächte 
und unter Berücksichtigung unserer taktischen Formationen zwei Ooppel- 
geschwader vollwertiger Linienschiffe mit dem notwendigen Zubehör 
an Kreuzern, Torpedobooten usw. erforderlich. Da das Flottengesetz 
nur zwei Geschwader vorsieht, ist noch der Bau eines dritten und vierten 
Geschwaders in Aussicht zu nehmen.“ 
Oiese Sätze bedeuteten in anderen Worten: Das Oeutsche Reich sollte 
aus dem Zustande der Wehrlosigkeit zur See heraus, über das Zwischen- 
stadium einer kleinen, sogenannten Ausfallsflotte hinweg zu einer Flotte 
gelangen, die auch der größten Seemacht der Erde gegenüber einen ge- 
fährlichen und deshalb ihrem Angriff entrückten Gegner darstellte. Der 
Schritt erschien so groß, daß eigentlich nirgends in der Welt geglaubt 
wurde, es werde gelingen, ihn wirklich zu tun. 
Die Fahrbundertwende, die Zahre kurz vorher und kurz nachher 
zeigen allgemein eine sehr aktive Flottenpolitik der Mächte. Begonnen 
hatte Japan nach dem siegreichen Kriege gegen China, nachdem die Inter- 
vention der drei Kontinentalmächte ihm wesentliche Früchte seiner Siege 
geraubt hatte, und als es sah, daß die russische Politik in Ostasien, unter- 
stützt von Truppen und Panzerschiffen, entschlossen auf den Besitz der 
Mandschurei, Koreas und Kwantungs lossteuerte. Japan besaß bald 
nachher die größten und stärksten Schiffe der Welt. Seine Flotte war 
nicht groß, aber von verhältnismäßig sehr guter Qualität. 
Großbritannien unterstützte JLapan mit Geld und diplomatisch. Die 
britischen Staatsmänner erblickten seit 1895 in Japan den Sturmbock 
Großbritanniens gegen Rußland in Ostasien. 
In Rußland hatte der Zar 1898 einen neuen Flottenplan befohlen, 
der auf russischen, deutschen, französischen und amerikanischen Werften 
zur Ourchführung gebracht wurde. Zedes neue russische Kampfschiff 
trat den Marsch nach dem fernen Osten an, Port Arthur wurde, soweit 
das überhaupt angesichts der russischen Berhältnisse möglich ist, in größter 
Eile als Festung und Flottenstützpunkt ausgestattet. 
In Frankreich hatte das Prinzip der Linienschifföflotte als Kern und 
Hauptsache der Kriegführung zur Sec die Oberhand über den Gedanken
        <pb n="199" />
        Der Schritt zur deutschen Hochseeflotte. 157 
  
des Kreuzerkrieges gewonnen. Oer Marineminister de Lanessan setzte 
ein Flottenbauprogramm von sechs Linienschiffen, vier Panzerkreuzern 
und leichten Streitkräften durch. In den damaligen französischen Oe- 
batten und gleichzeitig in der Presse wurde zwar überwiegend von Eng- 
land als dem Gegner zur See gesprochen, der für die Zusammensetzung 
der französischen Wehrkraft maßgebend sein müsse. Es klang aber schon 
stark die Ansicht durch, daß immer mehr die deutsche Flotte berücksichtigt 
werden müsse. Man hatte in den letzten beiden Jahren des Jahrhunderte 
gesehen, daß die Ourchführung des deutschen Programmes von 1898 
methodisch und pünktlich erfolgte, und konnte sich anderseits der Erkennt- 
nis nicht mehr verschließen, daß durch frühere UAUnterlassungssünden, 
hauptsächlich durch den fortwährenden Soystemwechsel mit jedem neuen 
Marineminister die französische Flotte sich in starkem Rückgange befand 
und schon weit gesunken war. Frankreich war mit großer Schnelligkeit 
zu einem riesigen Kolonialreiche gelangt, und nun erhob sich die Frage 
immer gebieterischer: wie sollte man diese gewaltigen Kolonialgebiete 
mit ihren Küsten verteidigen? Ohne entsprechende Schiffemengen wür- 
den auch die kolonialen Stützpunkte nichts wert sein, sondern, wie de 
Lanessan sagte: Pferdeställen ohne Pferde gleichen. Dieser Vergrößerung 
der Aufgaben der französischen Flotte standen gegenüber ihr Rückgang, 
die wachsende deutsche Rivalität zur See und die erdrückende englische 
Übermacht. In diese hatte man sich freilich de facto vom Tage von Fa- 
schoda an endgültig gefügt. Daran änderten erregte Pressekampagnen 
und gelegentliche Parlamentereden nichts mehr, man gewöhnte sich auch 
schon bald an den Gedanken, die britische Flotte als automatisch wirkenden 
Schutz gegen die deutsche anzusehen. 
Die Bereinigten Staaten hatten nach dem siegreichen Kriege mit 
Spanien erkannt, daß ihre Siege nicht der absoluten Stärke ihrer Flotte, 
sondern nur der völligen Minderwertigkeit und Unbereitschaft des spani- 
schen Gegners zu verdanken gewesen waren. Sie erkannten außerdem, 
daß ihre transozeanische Eroberungepolitik auch, um nur das Errungene 
festzuhalten, dringend großer Machtmittel zur See bedürfe. Wie kurz 
nach der Jahrhundertwende die Mehrheit der Amerikaner über diese 
Frage dachte, zeigt eine der ersten Botschaften des neugewählten Präsi- 
denten Roosevelt an den Kongreß: 
„Das Werk des Ausbaues unserer Flotte muß ständig fortgesetzt 
werden. Kein Punkt unserer auswärtigen oder inneren Politik ist wich- 
tiger als dieser zur Wahrung der Ehre, des materiellen Wohles und vor 
allem des Friedens unseres Volkes in Zukunft. Ob wir es wünschen oder 
nicht, wir müssen fürderhin uns darüber klar werden, daß wir nicht minder 
internationale Pflichten wie internationale Rechte haben. Selbst wenn
        <pb n="200" />
        158 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895 1903. 
  
wir unsere Flagge in den Philippinen und in Portoriko niederholen, 
bedürfen wir einer tüchtigen Kriegsflotte von angemessener Größe, 
oder wir müssen jetzt und für alle Zeit uns des Bewußtseins begeben, 
daß unsere Nation zu den seefahrenden Völkern rechnet. Falls unser 
Handel nicht stets unter fremder Flagge fahren soll, müssen wir Mittel 
haben, um ihn zu schützen. Weit entfernt davon, eine Herausforderung 
zum Kriege zu sein, bedeutet eine starke gut geschulte Flotte die beste 
Garantie gegen den Krieg, die billigste und wirkungsvolle Sicherung des 
Friedens. Die Kosten des Baues und der ZIndiensthaltung einer solchen 
Flotte stellen die billigste Prämie einer Friedensversicherung dar, welche 
unser Volk überhaupt zahlen kann.“ 
Da die Kostenfrage keine Nolle spielte, so ging man mit Energie 
daran, sofort eine starke Panzerflotte zu schaffen, und die ersten Fahre 
des neuen Jahrhunderts im besonderen brachten wahre Riesenbau--- 
programme. 
Die Frage liegt nahe, welche Ursachen für dieses auffallende Zugleich 
in den Seerüstungen der Mächte maßgebend waren. — Zn ODeutschland 
hatte der Kaiser seit seiner LThronbesteigung versucht, eine tätige und ziel- 
bewußte Flottenbautätigkeit in Fluß zu bringen. Es gelang erst mit dem 
Zahre 1898, nachdem mit dem Staatssekretär Admiral Tirpitz endlich der 
rechte Mann gefunden worden war. In Frankreich hatte man ebenfalls 
schon JFahre vorher über den Niedergang der Flotte geklagt, und zwei 
„Schulen“ hatten einander bitter bekämpft, in welcher Weise dem Abel 
abzuhelfen sei. Faschoda und die beiden Seekriege hatten den entscheiden- 
den Anstoß zur positiven Tat gegeben. Rußland verfolgte schon seit über 
einem halben ZJahrzehnte seine ostasiatische Politik, die es ohne starke 
Flotte durchführen zu können nicht glaubte. Die Gründe und Berhält- 
nisse im Deutschen Reiche haben wir erörtert. Die Bereinigten Staaten 
zogen die praktische Konsequenz aus ihrem Kriege, aus ihren Errungen- 
schaften und den neuen imperialistischen Zielen. Japan bereitete sich 
zielbewußt auf einen Zukunftskampf vor, den die japanischen Staats- 
männer klarer voraussahen als die aller anderen Mächte, weil sie willens 
waren, ihn im richtigen Augenblick zu führen. 
Es handelte sich also auch jetzt, wenn man ganz unparteiisch auf 
jene Periode zurückblickt, keineswegs um ein „Wettbauen“, wie oft in 
Deutschland behauptet wurde, nicht um ein gegenseitiges Sichüber- 
bieten, sondern darum, daß jede der Mächte ihre eigenen Aufgaben zur 
See und Ubersee dringend und drängend vor Augen sah und diesen Rech- 
nung zu tragen entschlossen war. Daß aber diese Bedürfnisse alle im selben 
Jahrzehnte akut wurden, begründete sich einfach in der Tatsache, die das 
Wort des Deutschen Kaisers vom „Zeitalter des Verkehrs“ treffend be-
        <pb n="201" />
        Der Schritt zur deutschen Hochseeflotte. 159 
  
zeichnete. Zn dieser Tatsache lagen die Begriffe und Notwendigkeiten 
der Weltwirtschaft und damit der Weltpolitik einschließlich Kolonialpolitik, 
und in weiterer Folge der sich steigend vermehrenden internationalen 
Reibungsflächen enthalten. ODas gilt für jede einzelne der angeführten 
flottenbauenden Mächte, auch für Rußland: Hätte Rußland nicht den 
Bau seiner großen sibirischen Verkehrsader mit der südlichen Abzweigung 
nach Kwantung unternehmen können, so würde es seine Flotte in solcher 
Stärke im fernen Osten nicht gebraucht haben. Die Flotte war für Ruß- 
land ein sekundäres Mittel seiner Weltwirtschaft und Weltpolitik, weil ihm 
als primäres die Landverbindung zur Verfügung stand. Da es aber galt, 
die ostasiatische Stellung den anderen Seemächten, zumal Japan gegen- 
über, zu erobern und zu befestigen, so war eine starke Flotte gleichwohl 
unerläßlich. Den umgekehrten Weg mußte Japan, die Insel, gehen, um 
durch die Seeverbindung als primäres Moment auf das Festland zu ge- 
langen und sich dort auszubreiten. 
Die Auffassung war und ist weit verbreitet, daß Großbritannien 
durch jene Zahre der Flottenprogramme und beginnenden Flotten- 
rüstungen in Erregung und Unruhe versetzt, daß im besonderen der eng- 
lisch-deutsche Gegensatz und das tiefgehende Mißtrauen auf englischer 
Seite hauptsächlich durch die deutschen Flottenprogramme von 1898 
und 1900 verursacht worden sei. Diese Annahme wird durch keinerlei 
Catsachen gestützt. 
Zm Unterhause äußerte sich der Erste Lord der Admiralität, Mr. 
Goschen, ausführlich über das deutsche und das französische Flotten- 
programm und sagte: man dürfe sich über die großen Flottenprogramme 
dieser beiden Mächte nicht aufregen, noch beunruhigen. Die Programme 
seien ja zwar sehr groß, aber sie verteilten sich bei den Franzosen über 
sechs, bei den Deutschen sogar über sechzehn Jahre und machten daher 
einen größeren Eindruck, als der militärischen Wirklichkeit entsprechen 
werde. Natürlich müsse Großbritannien mit Aufmerksamkeit die Ent- 
wicklung der Dinge verfolgen und nicht nur in Europa, sondern auch 
die Fortschritte der Marine der Bereinigten Staaten und der Japans, 
jedoch wäre es für Großbritannien zweckmäßiger, seine Bauprogramme 
von Jahr zu Zahr festzusetzen, anstatt für längere Zeit. Auch im folgen- 
den Jahre noch drebten sich gewisse maritime Sorgen in Großbritannien 
nur um die Frage, ob die britische Flotte einem Zusammenwirken der 
russischen und der französischen im Kriege gewachsen sein werde, da ein 
solcher Krieg weites örkliches Auseinanderziehen der britischen Geschwader 
notwendig machen werde. 
Sorge oder Feindseligkeiten binsichtlich der deutschen Flottenpläne 
waren also nicht vorhanden. Man dachte, daß es ungleich leichter sei,
        <pb n="202" />
        160 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen obne zureichende Mittel. 1896—1908. 
ein gewaltiges Flottenprogramm aufzustellen und selbst es zur Bewilli- 
gung zu bringen, als es entsprechend im selben Umfange und im pro- 
grammäßigen Zeitraume zur Durchführung zu bringen. Die öffent- 
liche Meinung beider Länder freilich bediente sich der deutschen Flotten- 
pläne auf das weitgehendste, um einen Kampf der Worte und der Stim- 
mungen in Versammlungen und Zeitungen durchzufechten. In der 
deutschen Bevölkerung war jahrelanger, mit Bitterkeit gemischter Grimm 
gegen England aufgehäuft und durch den Burenkrieg zur Explosion und 
zu höchster Steigerung gebracht worden. Das Gefühl der Ohnmacht zur 
See England gegenüber hatte dieses Gefühl noch verschärft. Nun kamen 
die Flottengesetze, und mit der Zukunftswaffe einer starken deutschen 
Flotte, die jetzt erst eben mit Mühe auf das Papier gebracht worden war, 
drohte man England und schmiedete weitfliegende Zukunftspläne. In 
Deutschland und ebenso in Großbritannien ist oft über diese öffentlichen 
Erörterungen geklagt worden, und noch beute sagt man, nicht zum wenig- 
sten sie hätten die deutsch-englischen Beziehungen so sehr verschlechtert. 
Einer näheren Prüfung können diese Behauptungen schwerlich stich- 
halten, denn, wie gesagt, spielte für alle ernsteren Engländer, zumal 
die englischen Staatsmänner, der Gedanke an eine deutsche Flotte noch 
keine Rolle. Bielmehr trachtete man nach wie vor, in ein freundliches 
und möglichst enges Verhältnis mit dem Oeutschen Reiche zu gelangen. 
Was aber den „Lärm“ anlangt, der von der zweiten Hälfte der 
neunziger Zahre an in Deutschland um die Flotte und was mit ihr zu- 
sammenhing, gemacht wurde, so war dieser ein notwendiges Ubel. Wenn 
man die Flotte wollte, so mußte Aufklärung erfolgen und Agitation dafür 
gemacht werden, und unter Ausschluß der Offentlichkeit läßt sich be- 
kanntlich gerade dieses Geschäft nicht betreiben, weil die Offentlichkeit 
seine Grundlage und sein Lebenselement ist. Daß Ubertreibungen, 
törichte Phantasien, vor allem zeitliches Vorgreifen in dieser Flotten- 
agitation vorkamen, ist selbstverständlich genug, und ebenso, daß deren 
Wirkung eine schädliche Seite haben mußte. Dieses ÜUbel war aber nicht 
nur notwendig, sondern es war auch das kleinere Ubel. Wie der alte 
Fürst Hohenlohe im Reichstage sagte: „Es handelt sich da nicht allein 
um den Schutz einzelner Schiffe oder um den Nachdruck, mit dem For- 
derungen in fremden Ländern zu unterstützen sind, sondern es handelt 
sich darum, unsere Existenz als handeltreibende Weltmacht 
zu sichern. Das Oeutsche Reich darf nicht abhängig sein von 
dem guten Willen anderer mächtigerer Nationen; es muß auf 
eigenen Füßen stehen und auf Achtung zählen können.“ 
Die Wendung „abhängig sein von dem guten Willen anderer mächti- 
gerer Nationen“ bezog sich offenbar auf das Verhältnis zu England. Und
        <pb n="203" />
        Oer Schritt zur deutschen Hochseeflotte. 161 
  
dieselbe Beziehung lag vor, als der Staatssekretär Graf Bülow sagte: es 
sei mit der Möglichkeit zu rechnen, daß man versuchen könnte, uns Be- 
leidigungen zuzufügen, die das deutsche Bolk nicht akzeptieren könne. — 
Auch das konnte sich nach Lage der Oinge auf keine andere Macht, son- 
dern nur auf Großbritannien beziehen. 
Beides war richtig, beides brachte zwei Kernpunkte der deutschen 
Flottennotwendigkeit zum Ausdruck. DOiese Gesichtspunkte waren da- 
mals auch, jedenfalls in ihrer oberflächlicheren Bedeutung, zum Gemein- 
gute der öffentlichen Meinung in Oeutschland geworden. Was aber 
für die Handhabung der auswärtigen Politik die Durchführung des Ent- 
schlusses bedeuten würde, einen ganz neuen, sehr starken maritimen Macht- 
faktor zwischen die anderen Mächte zu stellen, darüber waren sich wohl 
nur wenige Menschen in Oeutschland klar. Oie anderen europäischen 
Mächte hatten stets Flotten gehabt, bald stark, bald minder stark, aber 
immer beachtenswert. Eine nennenswerte deutsche Flotte war nicht 
vorhanden gewesen, mit einem maritimen Machtfaktor in der Nordsee 
und Ostsee hatte keine Macht vorher zu rechnen gebraucht. Aun sollte 
ein Faktor bier geschaffen werden, und zwar in Gestalt einer Flotte, 
welche als Schutzflotte imstande wäre, ihre Aufgabe zu erfüllen. Eine 
solche kriegsbereite Macht übt schon durch ihr Vorhandensein in Friedens- 
zeiten unausgesetzt ihren Einfluß. Die anderen Seemächte müssen im 
Sinne des Wortes mit diesem neuen Faktor rechnen, denn er ist immer 
da, er läßt sich nicht eliminieren, auch nicht placieren, wo es bequem wäre. 
Er bildet vielmehr das Werkzeug einer selbstwollenden anderen Macht 
und von Interessen und von Zielen, die manchmal gleichlaufend, oft aber 
denen anderer Mächte entgegengesetzt sind. Von jeher haben sich die 
Nationen und Mächte nur höchst unwillig mit neuen Machtfaktoren ab- 
gefunden und meist versucht, sie zu ersticken, ehe sie zu groß geworden 
waren, mochte es nun auf dem Lande oder auf dem Wasser sein. 
Man möchte annehmen, daß den leitenden Männern in Deutschland 
damals ähnliche Erwägungen nicht ferngelegen haben, gerade weil sie 
wußten, weil ihnen die Stärke ihres Willens, ihrer Kenntnis der Ver- 
hältnisse und Menschen die Sicherheit gab, daß das große Programm 
durchgeführt werden würde; was viele andere nicht glaubten. Diese 
leitenden Männer aber mögen sich auch gesagt haben, daß man während 
der langen Kindheitsojahre der neuen Flotte nach Möglichkeit alles tun müsse, 
um ernstere Reibungen mit dem gefährlichsten Gegner eben dieser Flotte 
zu vermeiden. Es bedarf nicht des besonderen Hinweises, daß ein der- 
artiges Bermeiden nicht als um jeden Preis empfehlenswert gemeint sein 
konnte. Wohl aber lag auf der Hand, daß es die Sache einer klugen Politik 
war, keine Lagen eintreten zu lassen, in denen man sich sagen mußte: 
Graf NReventlow, HOeutschlande auswärtige Dolitik. 11
        <pb n="204" />
        162 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1905. 
  
das Oeutsche Reich könne sich dieses oder jenes nicht gefallen lassen, es 
müsse seine Politik und sein Ansehen mit allen Mitteln vertreten, und 
— dann im letzten Augenblick sich auf das Ballen der Faust in der Tasche 
beschränken, weil eben der Machtfaktor, auf den gestützt allein man eine 
solche Politik hätte treiben können, zum bei weitem größten Teile noch 
auf dem Papier stand. Dazu kam zunächst erleichternd die offene Neigung 
und das Bestreben Großbritanniens, eine gemeinsame überseeische Politik 
mit dem Deutschen Reiche zu treiben. Diese NReigung begegnete sich 
mit dem eben auseinandergesetzten Bedürfnisse Deutschlande, hatte somit 
viel Berlockendes auf der einen Seite für sich. Auf der anderen schreckten 
die Spuren der Caprivischen Englandpolitik mit ihren beiden gleich ge- 
fährlichen Extremen: deutsch-russische Entfremdung, Vasallenverhältnis 
zu Großbritannien auf dem ganzen Gebiete der kolonialen und der über- 
seeischen Politik. Diese Klippen zu vermeiden, dürfte ungefähr der Haupt- 
inhalt der Politik gewesen sein, welche Fürst Bülow unter der Politik der 
freien Hand verstand. Es ist gerade für die Bülowsche Politik und den 
geringen Grad, in dem ihre Grundzüge in Oeutschland verstanden worden 
sind, charakteristisch, daß er wieder und wieder auf die freie Hand Eng- 
land gegenüber hingewiesen hat. Wir haben schon verschiedentlich der- 
artige Außerungen zitiert, und es möge noch eine folgen, die im Dezember 
1900, also nachdem der Burenkrieg fünfviertel Zabre gedauert hatte, 
getan wurde: „Wir stehen England gegenüber vollständig unabhängig 
da, wir sind nicht um eines Haares Breite mehr auf England angewiesen 
als England auf uns. Aber wir sind bereit, auf der Basis gegenseitiger 
Rücksichtnahme — über diese selbstverständliche BVorbedingung für ein 
aufrichtiges Verhältnis zwischen zwei Großmächten haben wir keine Groß- 
macht je im Zweifel gelassen —, ich sage: wir sind bereit, auf dieser Basis 
mit England in Friede, Freundschaft und Eintracht zu leben.“ 
Daß eine solche Politik an sich schwierig war, oft verschiedene Ge- 
sichter zeigen und, um einen Biemarckschen Auödruck zu gebrauchen, 
„wenden“ mußte, lag auf der Hand; vor allem aber ihre Schwierigkeit, 
die leicht zur Unmöglichkeit werden konnte, — wenn man von vornherein 
entschlossen war, einem Kriege unter beinahe allen Umständen auszu- 
weichen. 
Boxerkrieg und Yangtse-Vertrag. 
Feindlichkeit gegen die Fremden bestand in China, seitdem Fremde 
dort waren. Dazu kam von Norden immer drohender die russische Ge- 
fahr; auch die Besetzung Port Arthurs durch die Russen und die An- 
sammlung immer stärkerer russischer Geschwader vor Port Artburz schließ- 
lich die gewaltigen Bahnpläne und Arbeiten, welche von den Regierenden
        <pb n="205" />
        Boxerkrieg und Vangtse-Vertrag. 163 
  
in China zum Appell an den Aberglauben des Volkes benutzt wurden. 
Im Sommer 1899 schrieb eine chinesische Zeitung: „China ist heute auf 
dem Punkte angelangt, daß es in Stücke geben wird wie ein irdener 
Copf; es schwebt in derselben Gefahr, in Stücke zu brechen wie Eier, 
die man aufeinander häuft.“ 
Lokale Unruhen mit fremdenfeindlicher Spitze waren nichts Un- 
gewöhnliches und ebensowenig, daß diese sich auf der Basis geheimer 
Gesellschaftsbildung entwickelten und betätigten. Im Januar 1900 wur- 
den die Gesandtschaften der Mächte in Peking zuerst ernstlich aufmerk- 
sam auf eine Bewegung in der Provinz Tschili (die Hauptstadt des Chi- 
nesischen Reiches, Peking, ist in dieser Provinz gelegen). Man maß zu- 
nächst der Sache eine ernstere Bedeutung um so weniger bei, als im Jahre 
1899 ähnliche Bewegungen, Unruhen in der Provinz Schantung, ohne be- 
sondere Mühe erstickt worden waren. An der Küste von Schantung liegt 
bekanntlich das deutsche Pachtgebiet von Kiautschou. Die Besitznahme 
dieser Bucht, die Vorarbeiten zu einem Bahnbau ins Innere waren 
von den beiden chinesischen Geheimgesellschaften „Die rote Faust“ und 
„Das große Messer“ zur Hetze gegen Oeutschland und die Oeutschen be- 
nutzt worden. Der deutsche Gouverneur von Kiautschou und der chine- 
sische Generalgouverneur von Schantung, der später so berühmt ge- 
wordene ZJuanschikai, waren mit Leichtigkeit der Bewegung Herr ge- 
worden und sahen etwaigen Wiederholungen mit Ruhe entgegen. 
Zn Tschili schwoll die Bewegung jedoch so schnell an, daß Ende Ja- 
nuar 1900 die Vertreter der Mächte bei der chinesischen Regierung Vor- 
stellung erhoben und verlangten, daß diese „Die rote Faust“ und „Das 
große Messer“ als staatsgefährlich und fremdenfeindlich bezeichnen und 
ihre Mitglieder als dem Gesetze verfallen erklären sollte. Oie chinesische 
Regierung suchte die Verhandlungen in die Länge zu ziehen und ließ 
sich erst nach starkem Drucke auf ein entsprechendes Edikt ein, ohne freilich 
auch die „Gesellschaft vom großen Messer“ zunächst für gesetzwidrig zu er- 
klären. Wie spätere Ereignisse und Enthüllungen gezeigt haben, stand 
die Regierung, vor allem die Kaiserin-Mutter, durchaus auf der Seite 
der fremdenfeindlichen Bewegung und unterstützte sie heimlich. Der 
Aufruhr wuchs infolgedessen, überall in Cschili zogen Banden umher, 
zerstörten christliche Kirchen und zeigten immer deutlicher ihren fremden-- 
feindlichen Charakter. Schließlich besetzten sie die beiden Bahnstrecken, 
welche Peking mit seinem Hafen Tientsin und Paotingfu verbinden, 
und bedrohten Peking. Der chinesischen Regierung begann die Sache 
nun unheimlich zu werden wegen der in Peking angesessenen Fremden 
und hauptsächlich der Gesandtschaften. Die Gesandten beantragten nun- 
mehr bei ihren Regierungen, daß ihnen von den Besatzungen der an der 
11“
        <pb n="206" />
        164 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 18986—1903. 
  
Küste liegenden Kriegsschiffe Schutzdetachements gesandt würden. Oiese 
trafen auch ein. Weil man ferner fürchtete, die Berbindung von Peking 
nach der See würde ganz zerstört werden, da der Eisenbahnverkehr unter- 
brochen und die Telegraphenlinien zerstört waren, so erhielten die Ge- 
schwaderchefs Weisung von ihren Regierungen, für die Aufrechterhaltung 
der Verbindung mit Peking zu sorgen. Inzwischen taten die Regierung 
und die Kaiserin-Mutter kurze Zeit so, als ob sie gegen die Aufrührer 
vorgehen wollten, und das war der Grund, daß der deutsche Gesandte 
eine weitere Verstärkung des Schutzdetachements für unnötig erklärte 
und es anwies, in Tientsin zu bleiben. Wenige Tage nachher wurde 
der Gesandte Freiherr v. Kettler in Peking auf der Straße erschossen. 
Zugleich war Peking tatsächlich von allen Berbindungen nach außen 
abgeschnitten. Es folgte die vergebliche Expedition der vereinigten Lan- 
dungskorps unter dem Befehle des englischen Admirals Sepmour, um 
bis nach Peking vorzudringen. Auch in Tientsin gestaltete sich die Lage 
immer gefährlicher, und nur der Erfolg der Einnahme der Forts bei 
Taku — es sei an die Namen „Iltis“ und Kapitän Lans erinnert — ge- 
stattete, nach scharfen Kämpfen Tientsin zu entsetzen. Alle Mächte ent- 
sandten nun so schnell wie möglich mehr Kriegeschiffe mit verstärkten 
Landungskorps, außerdem in weiterer Folge Truppen auf Transport- 
dampfern, die aus freiwilligen Angehörigen der Armee gebildet waren. 
Oer militärische BVerlauf ist bekannt, und es liegt außerhalb des 
Rahmens unserer Betrachtungen, näher auf ihn einzugehen. Von poli- 
tischem Interesse war lediglich die Frage des Oberkommandos der inter- 
nationalen Truppen. Der Feldmarschall Graf Waldersee hat bekanntlich 
diesen Oberbefehl geführt, und es ist seinerzeit viel darüber gestritten 
worden, ob die Anregung dazu vom Oeutschen Kaiser oder vom Zaren 
ausgegangen sei. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat sich die Sache derart 
abgespielt, daß zunächst der Deutsche Kaiser sich rein persönlich und ver- 
traulich mit dem Zaren über die Frage eines gemeinsamen Oberkom- 
mandos in Verbindung gesetzt hat und daß als Folge dieses Gedanken- 
austausches die amtliche und öffentliche Anregung eines deutschen Ober- 
kommandos vom Zaren ausgegangen ist. Der Deutsche Reichskanzler 
erklärte sich folgendermaßen: „Der Gedanke eines deutschen Oberbefehls 
beruhte auf einer von außen her auf amtlichem Wege an uns gelangten 
Anregung. Mehr, meine Herren, kann ich nicht sagen, weil es sich handelt 
um einen Gedankenaustausch zwischen Souveränen und Staatsober-- 
häuptern, und ganz abgesehen davon gibt es auch Fälle, wo mir das 
Staateinteresse ein Schloß vor den Mund legt.“ Ein anderes Mal ver- 
sicherte der Kanzler, daß man deutscherseits die Truppen gern einem 
fremden Oberbefehl unterstellt hätte, besonders habe man diesen Wunsch
        <pb n="207" />
        Boxerkrieg und Vangtse-Vertrag. 165 
  
nach Rußland hin zu erkennen gegeben. Von verschiedenen Seiten wäre 
aber der Wunsch hervorgetreten, daß ein deutscher Offizier das Ober- 
kommando über die internationalen Truppen in der Provinz Cschili über- 
nehmen sollte. 
Aus der Mission des Grafen Waldersee ist seinerzeit sehr viel mehr 
gemacht worden, als ihrer Bedeutung entsprach. Die Ubertreibungen und 
Feiern schoben die Angelegenheit in ein zunächst peinliches Licht. Heute 
wird man immerhin sagen müssen, daß diese Erledigung der Oberkom- 
mandofrage aller Wahrscheinlichkeit nach günstiger und praktischer ge- 
wesen ist, als irgendeine andere es gewesen sein würde. Die Frage des 
Oberkommandierenden ist zweifelsohne von Anfang an zwischen den 
Mächten nicht als eine rein militärische, sondern vorwiegend als eine 
politische behandelt worden. Die Schwierigkeit der Wahl bieß: Ruß- 
land-England. Keine dieser beiden Mächte würde ihre Truppen einem 
englischen bzw. russischen Oberbefehlshaber unterstellt haben. Beiden 
war ein deutscher Oberbefehlshaber angenehm, weil die deutsche Politik 
in Ostasien in jenem Augenblicke noch ebensowohl den Wünschen Ruß- 
lands wie denjenigen Großbritanniens voll entsprach. Daß Deutsch- 
land ebensowenig wie England seine Truppen einem französischen Be- 
fehlshaber unterstellen würde, lag ohne weiteres auf der Hand, und ab- 
gesehen von der Schwierigkeit der Autoritätsfrage hatte die Ubertragung 
des Oberbefehls an einen General etwa Ztaliens oder Österreichs noch 
den weiteren Haken: ob eine geeignete Persönlichkeit vorhanden war. Die 
des Grafen Waldersee wurde allgemein als solche anerkannt, dazu kam 
die Tatsache, daß dem Deutschen Reiche, als durch den Mord seines Ge- 
sandten am schwersten beleidigt und provoziert, militärisch gewisser- 
maßen die Vorhand zugebilligt wurde. Diese Erwägung weäre freilich 
nicht maßgebend gewesen, wenn sie im Widerspruche zu den übrigen er- 
wähnten Gesichtspunkten gestanden hätte. Alles in allem handelte es 
sich also um recht nüchterne Erwägungen. Das bißchen Prestige, das 
eine Zeitlang in Oeutschland blendete, kam weder als tatsächlicher Vor- 
teil in Betracht, noch verschleierte es, wie damals vielfach angenommen 
wurde, ein deutsches Nachlaufen hinter anderen Mächten. Diese, be- 
sonders Rußland und England, gaben ihre freudige Zustimmung auch 
nicht nur, um einem persönlichen Wunsche des Oeutschen Kaisers eine 
Sefälligkeit zu erweisen, die zu nichts verpflichtete, sondern weil ihnen 
die Wahl praktisch erschien. In Deutschland ist die Mission des Mar- 
schalls nur durch die Ubertreibungen in Mißkredit gekommen; sie er- 
weckten Erwartungen, die nicht erfüllt werden konnten. Das einzige Er- 
wähnenswerte während seiner Befehlsführung war die übrigens zu er- 
wartende Erscheinung, daß in Frankreich die Unterordnung unter einen
        <pb n="208" />
        1606 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
deutschen General vielfach lebhafte Erbitterung erregte. Versetzt man 
sich an die Stelle der Franzosen, so waren diese Gefühle begreiflich. 
Die Großmächte traten in die ostasiatischen Berhältnisse des Zahres 
1900 schon mit ganz bestimmten, wennschon meist nicht ausgesprochenen 
politischen Programmen ein. Es war bezeichnend für den bereits damals 
vorhandenen Grad der Intimität zwischen Großbritannien und Japan 
und für die Absichten beider, daß vierzehn Tage nach der Ermordung des 
deutschen Gesandten, Baron v. Kettler, in Peking die englische Regierung 
der japanischen mitteilen ließ: Fapan sei die einzige Macht, die imstande 
wäre, rasch Berstärkungen nach Tientsin zu senden. Keine europäische 
Macht widersetzte sich dieser Maßnahme. Japan antwortete: es sei bereit 
zum Eingreifen mit einer größeren Truppenmacht, wenn es die Zusicherung 
erhalte, vor Verwicklungen geschützt und für seine Geldaufwendungen 
entschädigt zu werden. Lord Salisbury antwortete: Zapan lade eine 
schwere Verantwortlichkeit durch weiteres Zögern auf sich. Großbritannien 
sei bereit, die finanzielle Verantwortlichkeit für die japanische Aktion zu 
übernehmen, soweit diese sich auf die Rettung der Gesandtschaften in 
Peking beziehe. Japan dürfe aber nicht mehr zögern, hauptsächlich mit 
Rücksicht auf den verhängnisvoll schleppenden Gang internationaler 
Verhandlungen. — Zapan landete hieraufhin Truppen, während die 
übrigen Mächte sich auf Ausschiffung der Landungskorps ihrer ostasia- 
tischen Geschwader beschränkten, bis zum viel späteren Eintreffen der 
von der Heimat aus in Marsch gesetzten Truppentransporte. Nur Ruß- 
land schob seine Regimenter sofort aus Sibirien vor. 
Oie russischen Regimenter eroberten und besetzten in der Mandschurei 
die Städte Charbin, ferner Niutschwang und Aigun. Hie chinesische 
Regierung zögerte nicht, den Abzug der russischen Truppen aus der Man- 
dschurei zu verlangen. Es ist anzunehmen, daß. auch von britischer Seite 
damals schon Bedenken geäußert worden sind. Zmmerhin konnte Ruß- 
land seine Eroberung der Mandschurei, denn darum handelte es sich, 
vorläufig mit der Tatsache rechtfertigen, daß die chinesische Aufstands- 
bewegung eben dort um sich griff. Ob das freilich Grund oder Folge 
der russischen Invasion bedeutete, war eine andere Frage. Zedenfalle 
mußte man anerkennen, daß Rußland mit außerordentlicher Promptbeit 
den Augenblick wahrgenommen und die Lage benutzt hat. 
ODie russische Regierung erließ Ende August im Auftrage des Zaren 
eine Verordnung, die zu einem erheblichen Teile auch bestimmt war, 
das Mißtrauen anderer Mächte wegen der Mandschureibesetzung zu be- 
schwichtigen. Es hieß darin: Rußland verfolge die Richtschnur der Auf- 
rechterhaltung der früheren Staatsordnung in China, „Beseitigung von 
allem, was zu einer Aufteilung des himmlischen Reiches führen könne.
        <pb n="209" />
        Boxerkrieg und Vangtse-Vertrag. 167 
  
Sobald in der Mandschurei die dauernde Ordnung wiederhergestellt 
ist, auch die unumgänglichen Maßnahmen zum Schutze der Eisenbahn 
ergriffen sein werden — deren Bau noch eines formellen Einvernehmens 
mit China bezüglich der Konzession bedarf, die der Gesellschaft der chine- 
sischen Ostbahn verliehen werden soll —, wird auch das Nachbarreich 
Rußland nicht ermangeln, seine Truppen aus diesem Gebiete zurück- 
zurufen, vorausgesetzt, daß die Handlungsweise anderer Mächte dem 
nicht im Wege steht.“ 
Zugleich wurde von der russischen Regierung den Mächten die Räu- 
mung Pekings empfohlen, da deren Hauptzweck, die Befreiung der Ge- 
sandtschaften und der in Peking wohnenden Aucsländer, hiermit erreicht 
sei. Dieser Anregung widersetzte sich, wie gleich bemerkt werden mag, 
die deutsche Regierung mit der Begründung: eine sofortige Räumung 
Pekings werde nur als Schwäche der Mächte von China ausgelegt werden 
und einen um so stärkeren Ausbruch des Ausländerhasses nachher zur 
Folge haben. Der Hintergedanke des russischen Vorschlages war offen- 
bar, daß dem russischen Vordringen und Walten in der Mandschurei 
eine lange dauernde internationale Besetzung Nordchinas und seiner 
Hauptstadt keineswegs günstig sein könne, schon wegen der allgemein 
konzentrierten Aufmerksamkeit auf alles, was in China vorging. Außer- 
dem war wohl die Absicht, durch den Vorschlag die Kaiserin-Mutter von 
China und deren Regierung an Rußland zu verpflichten. Die ablehnende 
deutsche Antwort war sachlich so zutreffend, daß sie eben deshalb gegeben 
werden mußte. Daß es Deutschland war, die sie gab, und daß die deutsche 
Regierung anderen Mächten nicht den Vortritt ließ, begründete sich 
wohl darin, daß dem Feldmarschall Grafen Waldersee der Oberbefehl über 
die internationalen Truppen in China erteilt worden war. Die eng- 
lische Presse trat sofort auf die Seite Deutschlands, mit dem Widerspruche 
gegen den russischen Borschlag, Peking zu räumen, und erklärte das ruf- 
sische Berfahren für unhöflich gegen die anderen Mächte, deren Einig- 
keit dadurch nur gestört werden könne. Nichtsdestoweniger wurden un- 
mittelbar nachher die meisten in Peking befindlichen Truppen von dort 
zurückgezogen, während die Eroberung und Okkupation der Mandschurei 
erfolgreich und spstematisch fortgesetzt wurde. 
Oiese Ereignisse spielten sich in den Monaten August und September 
ab. Am 16. Oktober bereits wurde das folgende deutsch-englische Ab- 
kommen bekannt. Wegen der großen Bedeutung, welche dieses Abkommen 
mittelbar bald gewinnen sollte, möge sein Wortlaut folgen: 
„Die an den Flüssen und an der Küste Chinas gelegenen Häfen 
sollen dem Handel und jeder sonst erlaubten wirtschaftlichen Tätigkeit 
für die Angehörigen aller Nationen frei und offen bleiben; die beiden
        <pb n="210" />
        168 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
Regierungen wollen dies ihrerseits für alles chinesische Gebiet beobachten, 
wo sie einen Einfluß ausüben können. — Beide Regierungen 
wollen ihrerseits die schwebende Berwicklung nicht benutzen, um für sich 
irgendwelche territorialen Vorteile auf chinesischem Gebiete zu erlangen, 
und werden ihre Politik darauf richten, den Territorialbestand des Chi- 
nesischen Reiches unvermindert zu erhalten. — Sollte eine andere Macht 
die chinesischen Komplikationen benutzen, um unter irgendeiner Form 
solche territorialen Vorteile zu erlangen, so behalten beide Regierungen 
sich vor, über etwaige Schritte zur Sicherung ihrer eigenen Interessen 
in China sich vorher untereinander zu verständigen. — Die beiden Re— 
gierungen werden diese Abereinkunft den übrigen beteiligten Mächten, 
insbesondere Frankreich, Italien, Japan, Osterreich-Ungarn, Rußland und 
den Vereinigten Staaten von Nordamerika mitteilen und sie einladen, den 
darin niedergelegten Grundsätzen beizutreten.“ 
Dieses Abkommen ist unter dem Namen des Bangtseabkommens. 
dekanntgeworden und war in jenem Augenblicke ein Ereignis von er- 
beblicher Bedeutung. Diese Bedeutung lag zunächst darin, daß Deutsch- 
land und Großbritannien sich zur Aufrechterhaltung der Freiheit des 
Handels und jeder sonft erlaubten wirtschaftlichen Tätigkeit für alle Na- 
tionen gegenseitig verpflichteten, und zwar überall da, „wo sie einen 
Einfluß ausüben können“. Das war also die „offene Lür“. Jene Flüsse, 
mit deren Erwähnung das Abkommen beginnt, in erster Linie der Bangtse, 
sind für das Eindringen des Handels in das ungeheure chinesische Gebiet 
von einer gar nicht zu überschätzenden Bedeutung, und zwar nicht nur, 
weil sie an sich Straßen für den Handel nach innen bilden, sondern weil 
sie durch ausgedehnte fruchtbare Täler fließen, die ihrerseits wieder die 
Hauptadern des chinesischen Wirtschaftslebens darstellen. Die Interessen 
Großbritanniens im Bangtsetale waren von Anfang an groß gewesen, die 
deutschen Interessen ebendort befanden sich in schnellem Wachsen. Die 
erste Bestimmung des Abkommens lag also im deutschen Borteile. 
Die zweite Bestimmung des Abkommens enthält die gegenseitige 
Verpflichtung, keinerlei territoriale Borteile in China unter Benutzung 
der Unruhen zu erlangen, also kein chinesisches Gebiet zu besetzen und 
zu nehmen. Biel weiter als diese gegenseitige Berpflichtung gebt der 
Schluß des Satzes: daß die beiden Mächte ihre Politik darauf richten 
werden, den Gebietsbestand des Chinesischen Reiches unvermindert zu 
erhalten. Darin liegt die Perspektive eingeschlossen, daß Großbritannien 
und Deutschland sich verpflichtet sehen könnten, gemeinsam Front gegen 
solche Bestrebungen zu machen. Und diese Möglichkeit selbst betrachtet 
der Absatz 3 des Abkommens: wenn eine andere Macht die chinesischen 
Komplikationen zu Gebietserwerbungen benutzen sollte, so würden Eng-
        <pb n="211" />
        Boxerkrieg und Bangtse-Vertrag. 169 
  
land und Oeutschland sich über etwaige Schritte verständigen. Nicht 
minder wichtig war der Schlußabsatz, daß dieses Abkommen allen be- 
teiligten Mächten mitgeteilt wurde unter gleichzeitiger Aufforderung, den 
darin vertretenen Grundsätzen beizutreten. Nach nicht langer Zeit er- 
folgten entsprechende Zustimmungen von seiten aller Mächte. — — 
In Oeutschland war vielfach die Ansicht vertreten, dieses Abkommen 
möge an und für sich ganz gut sein, könne jedoch uns leicht Rußland ent- 
fremden. Denn welche andere Macht konnten England und Deutschland 
meinen, wenn sie auf territoriale Gebietserwerbungen unter Benutzung 
der chinesischen Komplikationen seitens einer Macht anspielten! Aller 
Augen waren damals nach China gerichtet, nach Peking, und vor allem 
nach der Mandschurei. Die Beschwerde der Pekinger Regierung gegen 
das russische Borgehen in der Mandschurei wurde schon erwähnt, und 
wir haben gesehen, wie in der russischen Note eine Räumung der Man- 
dschurei in Aussicht gestellt wurde: nach Herstellung dauernder Ordnung, 
nach Ergreifung unumgänglicher Schutzmaßnahmen für die Eisenbabnen 
und vorausgesetzt, daß die Handlungsweise anderer Mächte dem russischen 
Vorhaben, seine Truppen zurückzurufen, nicht entgegenstände. — Wie 
viele Wenns und Abers, wie viele Möglichkeiten und Hintertüren in 
diesen Sätzen lagen, darüber war man sich in der ganzen Welt klar, und 
am meisten Besorgnis erregte die Mandschureifrage damals in Groß-- 
britannien und in Japan. Auf ZJapan ging allem Anscheine nach die 
Andeutung der russischen Note von der „Handlungsweise anderer 
Mächte“. 
Rußland allein schien in dem deutsch-englischen Abkommen eigentlich 
gemeint, als dieses den anderen beteiligten Mächten bekanntgegeben 
und zur Anerkennung vorgelegt wurde. Mit einer gewissen Spannung 
mag man die Stellungnahme der russischen Regierung abgewartet haben. 
Diese traf wenige Tage darauf ein, erkannte die ersten Punkte des Ein- 
vernehmens als für Rußland sympathisch an, weil beim Entsteben der 
gegenwärtigen chinesischen Verwickelungen gerade Rußland als erste 
Macht die Integrität Chinas proklamiert habe. „Was den dritten Punkt 
betrifft, der die Möglichkeit einer Verletzung des Grundprinzipes vor- 
auesieht, so kann die russische Regierung nur ihre Erklärung erneuern, 
daß eine derartige Berletzung (der Integrität Chinas) Rußland zwingen 
würde, die von ihm eingenommene Haltung je nach den Umständen zu 
ändern.“ 
Die russische Note dreht gewissermaßen den Spieß um, indem sie eine 
Verletzung der chinesischen Integrität durch Rußland als völlig außer 
der Möglichkeit liegend ansieht. Die russische Regierung behält sich aber 
freie Hand vor, und zwar selbständig, ohne Verpflichtungen oder Ver-
        <pb n="212" />
        170 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
einbarungen anderen Mächten gegenüber, wenn die Integritätsver- 
letzung durch eine andere Macht erfolgen sollte. — In diesen Wendungen 
lag also der sehr bedeutende Borbehalt eingeschlossen, daß Rußland allein 
und ohne andere Mächte zu fragen darüber entscheiden werde, wann 
es die Integrität Chinas verletzt erachte, und wie es sich zu dieser Ver- 
letzung stellen werde. 
Als nach dem Friedensvertrage von Peking und nach Beruhigung 
der Provinz Cschili die Mächte ihre Truppen aus China zurückzogen, 
behielt Rußland seine Streitkräfte in der Mandschurei und verstärkte sie 
sogar an verschiedenen Punkten. Man glaubte in St. Petersburg den 
Augenblick gekommen, um mit einem Schlage die Mächte vor eine voll- 
endete Tatsache zu stellen und eine „Mandschureifrage“ überhaupt nicht 
aufkommen zu lassen. Die russische Regierung versuchte, China zu einem 
Sondervertrage über die Mandschurei zu veranlassen. Der Wortlaut 
des Vertragsentwurfes ist nicht veröffentlicht worden, es soll sich aber 
um folgende Punkte gehandelt haben: Oie russische Regierung ging von 
der Voraussetzung aus, daß während der verflossenen Aufstände in China 
die chinesische Regierung in allen übrigen Provinzen des Reiches mit 
allen Mächten zu tun gehabt habe, in der Mandschurei jedoch ausschließlich 
mit Rußland, wie die Mandschurei ja überhaupt im Chinesischen Reiche-' 
eine Sonderstellung einnähme. Rußland verlangte demgemäß von China 
die Aufsicht über die Verkehrswege, ferner die Landespolizei, die Ver- 
waltung usw. Eleichzeitig wurde freilich die Fiktion aufrechterhalten, 
daß später einmal die Mandschurei von russischen Truppen geräumt 
werde; wann? — das ließ man in dieser russisch-chinesischen Zwiesprache 
ganz auf sich beruhen, und die Chinesen waren klug genug, zu wissen, 
was das bedeutete. Oie chinesische Regierung hat, wahrscheinlich in- 
offiziell, den übrigen Mächten, in erster Linie Japan und England, Kennt- 
nis vom russischen Ansinnen gegeben. IZn England erzeugten diese Nach- 
richten große Sorge und Erregung. Im Frühjahr 1901 wurde die Frage 
eines russisch-chinesischen Mandschureiabkommens im Unterhause er- 
örtert und an die Regierung die Frage gestellt, ob Deutschland, Groß- 
britannien und Japan Einspruch gegen die NRatifizierung des Abkommens 
erhoben hätten, da dieses Rußland einen beherrschenden Einfluß in der 
Mandschurei unter Ausschluß aller anderen Nationen gewähren würde. 
Der Vertreter der Regierung gab die Antwort: die Angelegenheit unter- 
liege der ernstesten Aufmerksamkeit der Regierungen und sei Gegenstand 
diplomatischer Verhandlungen zwischen den Mächten. 
Oie kurze Zeitspanne, welche diese diplomatischen Berhandlungen 
einschloß, ist wahrscheinlich für die Richtung der deutschen Politik während 
der kommenden zehbn JZahre und besonders für die deutsch-englischen
        <pb n="213" />
        Boxerkrieg und Vangtse-Vertrag. 171 
Beziehungen entscheidend geworden. Es handelt sich um die Frage und 
um die Entscheidung, ob das Deutsche Reich im Vereine mit Großbri- 
tannien und mit JZapan gegen die russische Mandschureipolitik, im be- 
sonderen gegen den beabsichtigten BVertrag mit China protestieren wollte 
oder nicht. In England erwartete man mit Bestimmtheit, daß dies der 
Fall sein werde. Der Deutsche Reichskanzler nahm im Monat März des 
Jahres 1901 Gelegenheit, und zwar nicht auf besondere Anfrage, sondern 
in der Absicht einer Kundgebung „aus dem Fenster“ in folgender Weise 
die deutsche Stellung auszudrücken. Er sprach von gewissen Divergenzen 
zwischen den Mächten in China, von denen die einen hauptsächlich wirt- 
schaftliche Interessen, die anderen hingegen mehr politische Ziele ver- 
folgten. „Deshalb auch haben wir das deutsch-englische Abkommen ab- 
geschlossen, dessen Tendenz ich damals dahin zusammenfassen konnte, 
einerseits die Integrität von China so lange als möglich aufrechtzuerhalten, 
anderseits uns in China nur so weit zu engagieren, als dieses für unseren 
Handel geboten ist. Auf die Mandschurei bezieht sich das deutsch-eng- 
lische Abkommen nicht.“ Man habe bei den Berhandlungen mit England 
über das Abkommen den britischen Staatsmännern gegenüber keinen 
Zweifel gelassen, daß Deutschland dasselbe nicht auf die Mandschurei 
bezöge. Man habe dort keine nennenswerten Interessen. „Was aus der 
Mandschurei wird, — ja, meine Herren, ich wüßte wirklich nicht, was und 
gleichgültiger sein könnte.“ Fürst Bülow deutete also das Abkommen 
derart, daß sich das deutsche Interesse in China nur auf die Teile erstrecke, 
wo man Einfluß habe, mithin nicht auf die Mandschurei. Anderseits 
hatte Rußland durch die wiederholt gegebene Versicherung, es werde 
eines Tages die Mandschurei wieder räumen, etwaigen Versuchen Englands 
den Boden entzogen, jedenfalls dem Wortlaute nach, den zweiten und 
dritten Teil des deutsch-englischen Abkommens auf Rußland anzuwenden: 
nämlich die Erhaltung des chinesischen Territorialbestandes, und in wei- 
terer Folge die Erwägung gemeinsamer Maßnahmen gegen eine dritte 
Macht, welche „unter irgendeiner Form die chinesischen Komplikationen 
benutzen sollte, um territoriale Vorteile zu erlangen.“ — 
Gegen die Auslegung des Deutschen Reichskanzlers ließ sich nichts 
einwenden, um so weniger, als nach seiner Angabe Oeutschland bereite 
während der Berhandlungen mit England sich in diesem Sinne geäußert 
hatte. Lord Salisbury erklärte auf eine Anfrage im Unterhause, daß die 
Behauptung, Deutschland habe bei den Verhandlungen die Mandschurei 
auegeschlossen, nicht den Tatsachen entspreche. Lord Lansdowne als 
Staatssekretär des Außeren erklärte aber, eine Einschränkung bestehe nur 
in der damals gemachten Andeutung der deutschen Regierung, sie sähe 
die Mandschurei nicht als eins ihrer Einflußgebiete an, obgleich die beiden
        <pb n="214" />
        172 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
einzigen dortigen Häfen bereits geöffnet seien. Hinsichtlich der chine-- 
sischen Gebietsintegrität habe Deutschland aber keine Einschränkungen 
gemacht. Beide Staatomänner stellten sich somit scharf auf den Stand- 
punkt, daß die deutsche Auslegung des Abkommens unrichtig sei. Sie- 
verkannten oder wollten verkennen, daß es sich eben um eine Berletzung 
der Integrität des chinesischen Gebietes im Sinne des Abkommene nicht 
handelte, ja, auch nicht um einen Versuch dazu, da Rußland ja erklärt 
hatte, es werde die Mandschurei einmal wieder räumen. Im übrigen war 
der deutsche Standpunkt, daß die Mandschurei eine gewisse Sonderstellung 
zu China als Staatswesen einnehme. 
Diese deutsche Stellungnahme zum Vangtseabkommen erregte in 
England tiefe Verstimmung. Sie ist einer der Hauptgründe dafür ge- 
wesen, daß dem Fürsten Bülow seitdem in England ein auffallender Haß, 
gepaart mit unentwegtem Mißtrauen, ohne Unterlaß entgegengebracht 
worden ist. Wir müssen dahingestellt sein lassen, es ist aber wahrscheinlich 
genug, ob die deutschen Staatsmänner schon bei Abschließung des Ab- 
kommens mit England über die russischen Mandschureiziele genau unter- 
richtet waren oder wußten, daß die russische Regierung an der Fiktion 
einer späteren Räumung der Mandschurei festhalten würde. So bielt die 
Redaktion des Abkommens Oeutschland die Tür nach beiden Seiten offen 
und war an sich außerordentlich geschickt. Wie folgenschwer diese Ent- 
scheidung war, sollte sich bald zeigen. Zunächst freilich gelang es den 
vereinten englischen und japanischen Protesten und Vorstellungen, die 
russische Regierung zum Zurückziehen jenes Mandschureivertrages zu 
bewegen. Rußland vertagte die Frage stillschweigend; es fühlte sich im 
fernen Osten militärisch noch nicht bereit: man wollte die große Bahn 
erst fertig, Port Arthur als Flottenstützpunkt ausgestattet und eine stärkere- 
Flotte in den ostasiatischen Gewässern haben. 
Im Herbste desselben Zahres wohnte der Zar den deutschen Flotten- 
manövern in ODanzig bei. Der russische Minister des Auswärtigen, Graf 
Lambsdorf, und Fürst Bülow befanden sich bei ihren Souveränen, und 
die Zusammenkunft verlief in besonders betonter Herzlichkeit, gewisser- 
maßen als Besiegelung einer unausgesprochenen deutsch-russischen En- 
tente in der ostasiatischen Politik. Die Rolle der deutschen Politik war 
auf Passivität, auf ein sogenanntes Desinteressement binsichtlich der 
Mandschurei festgelegt worden. Das gab Rußland eine Rückendeckung 
von bedeutendem Werte. Niemand erkannte das schärfer als die britischen 
Staatsmänner, die begriffen, weshalb Fürst Bülow jenes Abkommen mit 
Vorliebe das Bangtseabkommen nannte. Wenige Tage nach jener Rede 
erklärte der Kanzler noch einmal, daß das Bangtseabkommen sich in keinem 
einzigen seiner drei Artikel auf die Mandschurei beziehe. Er fügte hinzu,
        <pb n="215" />
        Entscheidungen und Scheidungen. 173 
  
immer das Gesicht nach London gerichtet: er freue sich, mitteilen zu können, 
„daß ich vor zwei Stunden ein Telegramm unseres Botschafters in 
St. Petersburg erhalten habe, nach welchem der russische Herr Minister des 
Außeren dem Grafen Alvensleben seine Genugtuung mit meinen neu- 
lichen Ausführungen über China ausgesprochen hat“. 
Man sieht, wie diese betonten Wiederbolungen, die der Kanzler 
immer wieder in seine Reden einstreute, den Zweck verfolgten, weder 
Rußland, noch England im Zweifel zu lassen. Es war die Politik der freien 
Hand, die hier einen sehr prägnanten Ausdruck fand, denn auch damals 
hatte Fürst Bülow die deutsche Politik keineswegs gebunden, er hätte 
in jedem Augenblicke seine Auffassung von dem russischen Vorgeben in 
der Mandschurei ändern und sich auf die Seite Englands stellen können. 
Entscheidungen und Scheidungen. 
Enttäuschung und Verstimmung waren in Großbritannien die Folge 
der deutschen Desinteressementspolitik der Mandschurei gegenüber. Sie 
wurde verstärkt und verbittert durch die beftigen Borwürfe, welche die 
öffentliche Meinung in Deutschland dauernd gegen die britische Krieg- 
führung und Politik in Südafrika richtete. Die Leiden der Burenfrauen 
mit ihren Kindern in den Konzentrationslagern nebst anderen Härten 
und Grausamkeiten hatten Unwillen und Haß auf deutscher Seite auf 
einen hohen Grad gebracht und bielten ihn dauernd auf der Höhe. Die 
englische Empfindlichkeit wuchs ihrerseits. Man fühlte jenseits der Nord- 
see, daß diese Erbitterung und dieser Haß tief gingen und den größeren 
Teil des deutschen Volkes erfüllten. Die großen Opfer, welche der Krieg 
in jedem Sinne von der britischen Bevölkerung verlangt hatte, die Er- 
innerung an die schweren Krisen, die sie, besonders im ersten Teile des 
Krieges, hatte durchhalten müssen, dabei jetzt das Gefühl, endlich das 
Siel erreicht, gesiegt und Südafrika dem britischen Einflusse unterworfen 
zu haben, — das alles brachte in Großbritannien eine Stimmung bervor, 
zu deren Träger sich zu machen gerade Chamberlain als Persönlichkeit 
und als Staatomann prädestiniert erschien. 
In Edinburgh hielt am 25. Oktober Chamberlain eine Rede über den 
Stand des Krieges, über die Friedenoverhandlungen, die Bedingungen 
usw. Dann sagte er: Wenn die Zeit gekommen sei, werde die Regierung 
Präzedenzfälle für alles, was sie tun werde, in dem Vorgehen jener Na- 
tionen finden, welche die „britische Grausamkeit und Barbarei“ verur- 
teilten. Sie werde aber nie an das heranreichen, was diese Nationen in 
Polen, im Kaukasus, in Bosnien, in Tonking und im Kriege 1870 taten. 
Dieser Vergleich mit dem in ihm liegenden anmaßenden, abfälligen
        <pb n="216" />
        174 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende NMittel. 1895—1905. 
  
und ungerechten Urteile erregte ungeheure Entrüstung in ganz Deutsch- 
land. Uberall im Reiche wurden Protestversammlungen abgehalten, die 
Zeitungen waren voll von Protesten, kurz, die Stimmung, welche das 
deutsche Bolk erfüllte, war so tief, bitter und allgemein, wie nie zuvor, 
noch hernach. Sie wandte sich in erster Linie gegen den Minister Cham- 
berlain als den Beschimpfer des deutschen Heeres, als den Unterdrücker 
der Buren und — freilich unausgesprochen, aber um so tiefer empfun- 
den — den Träger einer Politik, die den Hoffnungen und Träumen eines 
großen Teiles der deutschen Bevölkerung ein Ende gemacht hatte. Fener 
beispiellose Ausbruch aber hatte doch tiefere Ursachen als lediglich die Er- 
bitterung gegen den einen Mann. In ihr floß jetzt mit einem Male alles 
über, was sich im Laufe des letzten JZahrzehntes an nationaler Berletztbeit, 
an Gefühlen des Ubervorteiltseins, an Erinnerungen wirklicher oder ver- 
meintlicher politischer Mißerfolge angehäuft hatte. Oie gewohnheits- 
mäßig bevormundende, — bald gönnerhaft, bald tadelnd den Deutschen 
gegenüber — in der englischen Presse beliebte Sprache, die Selbstver- 
ständlichkeit, mit welcher die öffentliche Meinung Großbritannienes das 
Deutsche Reich und Volk als dem englischen untergeordnet und im Ver- 
gleiche zu ihm als minderwertig ansah, waren immer empfunden und nie 
vergessen worden. Zu all dem kam das Gefühl der Ohnmacht. Die um- 
fangreiche Literatur jener Jahre zeigt, man möchte beinahe sagen auf 
jeder Seite den Gedanken und die Hoffnung, eines Tages „mit England 
abzurechnen“. 
Es konnte nicht fehlen, daß diese Dinge in England einen starken 
Eindruck machten. Abgesehen von einigen Führern der parlamenta- 
rischen Opposition, die Chamberlain beftige Vorwürfe machten, ohne 
Not „ein großes befreundetes Volk“ beleidigt zu haben, betrachtete das 
englische Bolk die deutschen Kundgebungen vorwiegend mit miß- 
fälligeem, verächtlichem Erstaunen; man begann einzusehen, daß auf den 
vorhandenen Grundlagen eine englisch-deutsche Freundschaft derart, wie 
England sie wünschte, nicht möglich sei. Damals mag den führenden 
politischen Geistern Großbritanniens die Einsicht gekommen sein, daß 
England sein Bedürfnis nach festländischem Anschlusse beim Deutschen 
Reiche nicht befriedigen könne. Verständnis für die Wurzeln deutscher 
Stimmung bestand im englischen Volke nicht, wohl aber das schon tief 
gewurzelte Gefühl der Erbitterung und Eifersucht auf Deutschland als 
wirtschaftlichen Nebenbuhler. 
Für die Leiter der Politik des Deutschen Reiches mußte die deutsche 
Volksstimmung mit ihren Außerungen sehr unbequem sein, denn man 
hatte keinerlei Znteresse, Großbritannien politisch Deutschland zu ent- 
fremden, soweit es nicht durch zwingende Interessen des Deutschen Reiches
        <pb n="217" />
        Entscheibungen und Scheidungen. 175 
  
geboten war. Das Programm war: so lange wie irgend möglich die Politik 
der freien Hand zwischen Rußland und England treiben unter Aufrecht- 
erhaltung freundlicher, tunlichst vertrauensvoller Beziehungen zu beiden. 
Der Bangtsevertrag hatte ein Mittel hierzu sein sollen, wäre es auch 
noch längere Zeit geblieben, wenn die russische Mandschureipolitik nicht 
die britische und japanische Politik alarmiert und Bülow zur Stellung- 
nahme gezwungen hätte. Um so mehr mußte der deutschen Politik daran 
liegen, auf anderen Gebieten, wo es die deutschen Interessen nicht ge- 
fährden konnte, mit Großbritannien zusammenzugehen, und um so weniger 
erwünscht war eine hochgespannte Atmosphäre gegenseitig feindlicher 
Stimmung zwischen den beiden Nationen. 
Oie deutsche Reichsregierung konnte gleichwohl nicht umhin, in ihrem 
halbamtlichen Organe zu den Chamberlainschen Außerungen Stellung 
zu nehmen, und Fürst Bülow sah sich veranlaßt, sich im Reichstage dazu 
zu äußern, nachdem der Abgeordnete Graf Stolberg, später Präsident 
des Deutschen Reichstages, den Gefühlen des deutschen Bolkes in folgender 
Weise Ausdruck gegeben hatte: 6 
„.. Vom Auslande her hat man die schwersten und, wie ich glaube, 
die ungerechtesten Beschuldigungen gegen unsere Truppen erhoben. Oie- 
selben bezogen sich zwar nicht auf das ostasiatische Korps, sondern sie 
griffen auf eine frühere Zeit zurück. Der Minister eines fremden Landes, 
mit 'dem wir in Frieden und Freundschaft leben, hat es für nützlich ge- 
halten, gegen das Verhalten unserer Truppen in den Jahren 1870/71 
die schwersten Beschuldigungen zu erheben. Im ganzen deutschen Volke, 
in allen Schichten und in allen Parteien desselben haben diese Beschul- 
digungen, die völlig ummotiviert waren, tiefste Entrüstung hervorgerufen. 
Oaß diese Entrüstung gerade in Deutschland in dieser Weise zum Aus- 
drucke gekommen ist, ist ganz natürlich: denn in keinem Lande der Welt 
sind die Armee und das Bolk so innig miteinander verbunden wie bei uns. 
Wenn wir die Armee als das deutsche Volk in Waffen bezeichnen, so ist 
das keine leere Redensart, sondern es entspricht den Tatsachen, und daraus 
folgt mit Notwendigkeit, daß, wer das deutsche Heer beleidigt, auch das 
deutsche Volk beleidigt.“ 
Fürst Bülow sagte in seiner Erwiderung, daß an und für sich ein 
Minister wohl daran tue, das Ausland aus dem Spiele zu lassen, wenn er 
für nötig halte, seine eigene Politik zu rechtfertigen. Sähe er sich aber 
doch in der Lage, es tun zu müssen, so sei große Vorsicht geboten, denn 
sonst liefe er Gefahr, nicht nur mißverstanden zu werden, „sondern auch, 
ohne es zu wollen — wie ich im vorliegenden Falle annehmen will und 
annehmen mus, nach dem, was mir von der anderen Seite versichert wird —, 
fremde Gefühle zu verletzen. Das ist aber um so bedauerlicher, wenn es
        <pb n="218" />
        176 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
einem Minister gegenüber einem Lande passiert, das mit dem seinigen 
stets gute und freundschaftliche Beziehungen unterhalten hat, deren un- 
getrübte Fortdauer gleichmäßig dem Interesse beider Teile entspricht 
Das deutsche Heer steht aber viel zu hoch, und sein Wappenschild ist viel 
zu blank, als daß es durch schiefe Urteile berührt werden könnte. Von 
so etwas gilt, was Friedrich der Große einmal sagte, als man ihm davon 
sprach, daß jemand ihn und die preußische Armee angegriffen hätte: 
„Laßt den Mann gewähren, sagte der große König, „und regt euch nicht 
auf, er beißt auf Granit.“ 
Chamberlain antwortete in einer späteren Rede, er habe nicht die 
Absicht, fremde Minister zu belehren, wolle aber auch irgendwelche Be- 
lehrungen aus deren Händen nicht annehmen. Oie auswärtige Einge- 
nommenheit gegen England werde unbedachter Redeweise des Kolonial-- 
sekretärs zugeschrieben. Er nehme aber nichts zurück, ändere nichts und 
habe nichtes zu rechtfertigen. Kein englischer Minister habe je seinem 
Lande treu gedient und sich zugleich im Auslande der Beliebtbeit er- 
freut. — Der erste Lord des Schatzes, Balfour, erklärte wenige Tage nach 
der Bülowschen Rede: seiner Ansicht nach könne man dem Mute und 
der Humanität der Armee irgendeiner Nation kein höheres Lob erteilen, 
als wenn man sage, daß sie dem Mute und der Humanität nahe komme 
oder sie erreiche, welche die englischen Soldaten in Südafrika bewiesen 
hätten! .. Die Engländer lehnten es ab, Betrachtungen über die wider- 
wärtige Flut von Schmähungen anzustellen, welche fortgesetzt von der 
Festlandpresse ausgegossen würden. Sie lehnten es ab, mit einem ge- 
wissen Widerwillen und einer gewissen Gleichgültigkeit. Auch er hege 
diesen Widerwillen, bleibe aber nicht gleichgültig, sondern halte es für 
eine sehr ernste Sache. England werde mißverstanden, und das, sei auch 
für die, welche es mißverständen, kein Vorteil. 
Es kann heute wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Vorwürfe 
des Mangels an Humanität, wie sie gegen die englische Kriegführung in 
Südafrika erhoben worden waren, über das Ziel binausschossen. Das 
entsetzliche Elend in Südafrika, besonders der Burenfrauen mit ihren 
Kindern, ihr massenhaftes Darben und Sterben in den Konzentrations- 
lagern waren furchtbare und grausame Tatsachen. Man ging aber zu 
weit, sie auf Inhumanität zu schieben, sondern sie waren mehr in der 
Schwierigkeit der südafrikanischen Berhältnisse zu suchen. Auch Mangel 
an Mut und Neigung zu persönlicher Grausamkeit konnte man den eng- 
lischen Soldaten allgemein nicht vorwerfen. Oaß die britische Presse 
und die britischen Minister ihre Kriegführung bis aufs letzte verteidigten 
und in übertriebener Weise verherrlichten, war ebenfalls von ihrem 
Standpunkte natürlich. Alles zusammen ergab aber, daß eine Brücke
        <pb n="219" />
        Entscheidungen und Scheidungen. 177 
  
zwischen den beiden Nationen nicht vorhanden war, weder für die Stim- 
mung, noch für das Verständnis. DOie politische Bedeutung dieser Tat- 
sache war schwer zu überschätzen. 
Die Erbitterung und das Mißtrauen gegen den Fürsten Bülow 
wuchsen im englischen Volke infolge seiner Rede noch mehr, und die Ab- 
neigung, welche man ihm in den Kreisen der britischen Regierung ent- 
gegenbrachte, dürfte sich verschärft haben. 
Verschiedentlich ist behauptet worden, daß im Herbst und Winter 
des Zahres 1901 zwischen Großbritannien und Oeutschland noch Ver- 
handlungen über eine Annäherung stattgefunden hätten, Bündnisver- 
handlungen zwischen den beiden Mächten gepflogen worden seien. Die 
Verhandlungen hätten sich an einer Meinungsverschiedenbeit über Er- 
höhung oder BZichterhöhung der chinesischen Sölle zerschlagen. Wenn 
sich ein strikter Gegenbeweis auch nicht führen läßt, so geht aus der ganzen 
Grundrichtung der amtlichen deutschen Politik während der Jahre 1898 
bis 1902 annähernd unwiderleglich hervor, daß es dem Fürsten Bülow 
überaus fern lag, sich in bindende Beziehungen zum Britischen Reiche 
zu begeben, welche noch dazu, wie eben gesagt, nicht die erforderlichen 
Dauergarantien bieten konnten. Der Wortlaut und die Wendungen 
des Bangtseabkommens bilden einen sprechenden Beweis dafür, wie sehr 
man deutscherseits auf der Hut war, und wie sorgfältig man vermied, 
die deutsche Politik für irgendwelche Zukunftslagen zu binden. Fürst 
Bülow wollte unter keinen Umständen von der britischen Politik gegen 
Rußland ausgenutzt werden, und er betonte, wie wir gesehen haben, 
dieses sein Programm des „einerseits — anderseits“ so oft und nach- 
drücklich, daß man nicht zweifeln kann, er habe eine englisch-russische 
Annäherung überhaupt für auzsgeschlossen gehalten. Diese — folgen- 
schwere und unrichtige — Annahme bildet die tiefere Grundlage der 
damaligen Bülowschen Politik. In Frankreich hörte man zu jener Zeit 
bereits die Ansicht aussprechen, daß es für Frankreich leichter sein werde, 
Rußland und England einander näher zu bringen, als es Oeutschland 
falle, Osterreich-Ungarn und Ztalien, seine beiden Bundesgenossen, in 
versöhnlicher Stimmung zusammenzuhalten. 
Hätte Rußland vorderhand auf die Verwirklichung seines Man- 
dschureiabkommens mit China verzichtet, so war keiner der Mächte zweifel- 
haft, daß die russische Politik nur pausiere, um bei erster sich bietender 
Gelegenheit wieder vorzurücken, sei es militärisch, sei es diplomatisch. 
Am meisten fühlten sich beunruhigt und bedroht, freilich aus sehr ver- 
schiedenen Ursachen, Großbritannien und Japan. 
Vom Ausgange des Japanisch-Chinesischen Krieges an hatten Groß- 
britannien und Japan stets zusammengestanden, zunächst gegen die drei 
Graf Reventlow, ODeutschlands auswärtige Politle. 12
        <pb n="220" />
        178 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—19053. 
  
Festlandmächte Rußland, Deutschland, Frankreich; dann löste sich 1900 
das Deutsche Reich scheinbar aus diesem Dreiverbande und begab sich 
durch den Bangtsevertrag gewissermaßen in eine Mittelstellung; Groß-- 
britannien versuchte, e5 ganz auf die Seite England-Zapan binüberzu- 
ziehen, aber der Versuch mißlang. Den Prüfstein und zugleich den Stein 
des Anstoßes bildete die Frage der Mandschurei, welche für England von 
höchster Bedeutung und für Japan eine Lebensfrage war. In der Aus- 
legung des Vangtsevertrages hatte die japanische Regierung durch den 
Mund des Ministers des Auswärtigen erklärt: Die Erklärung des Grafen 
Bülow über die Auslegung dieses Abkommens berühre Japan nicht. 
Zapan habe, als es dem Abkommen beitrat, die klare (englische) Deutung 
angenommen und gedenke an dieser Auslegung festzuhalten. 
Schon im Jahre 1898, als Kiautschou von Deutschland und Port 
Arthur von Rußland gepachtet wurde, tauchte in der englischen Presse 
der Gedanke an ein Bündnis mit Japan auf. Später, so erzählte in seinen 
leider nur zu einem kleinen Bruchstücke veröffentlichten Denkwürdig- 
keiten der damalige japanische Botschafter in London, Graf Hayaschi, 
habe Chamberlain einmal gelegentlich eines Bankettes Hayaschis Vor- 
gänger, Baron Kato, auf die Vorteile aufmerksam gemacht, welche ein 
englisch-japanischer Meinungsaustausch über die ostasiatische Politik haben 
könne. Nach Hapaschi haben diese Andeutungen, deren Datum er übrigens 
nicht nennt, zunächst keine ernsthaften Folgen gehabt. Immerhin aber 
zeigt eine Reihe von Symptomen, u. a. Lord Salisburps dringende Auf- 
forderung an Japan im Jahre 10900: einzugreifen, England werde die 
Kosten tragen, — daß die beiden Mächte sich bewußt und einig waren, 
auf derselben Seite zu stehen. Japan war sich um die Jahrhundertwende 
darüber klar, daß es angesichts der in Ostasien bevorstehenden Kompli- 
kationen nicht alleinstehen könne. Es handelte sich um die Frage eines 
Bündnisses, entweder mit Großbritannien oder mit Rußland. Die An- 
sichten der japanischen Staatsmänner waren geteilt, wie auch Haypaschi 
erzählt, und man nahm im Frühjahr 1901 zugleich beiden Mächten gegen- 
über einen Anlauf. Nach den Hayaschischen Denkwürdigkeiten wäre es 
dabei freilich merkwürdig genug zugegangen, nämlich folgendermaßen: 
Im März oder April 1901, so erzählt der Botschafter, kam der deutsche 
Geschäftsträger in London, Baron Eckardtstein, mehrmals zu ihm und 
sagte: nach seiner Privatansicht sei zur Erhaltung des Friedens in Ost- 
asien nichts besser als ein Bündnis zwischen England, Japan und Deutsch- 
land. Er wisse, daß die führenden britischen Staatemänner der gleichen 
Ansicht seien. „In Oeutschland sei zwar das Wolk sehr antienglisch ge- 
stimmt, die deutsche Regierung jedoch durchaus nicht. Im Gegenteile, 
zwei hochgestellte deutsche Persönlichkeiten seien für den Dreibund Eng-
        <pb n="221" />
        Entscheidungen und Scheidungen. 179 
  
land-Deutschland-Zapan. Wenn Zapan daher seinerseite die Sache 
eines Bündnisses anrege, so würde sich die Sache machen lassen.“ 
Hapaschi habe der Plan eines solchen Bündnisses eingeleuchtet, 
es würde für Zapan von großem Vorteile sein, eine Sondierung Englands 
könne nicht schaden, sondern nur nützen. Auf eine entsprechende An- 
frage an die japanische Regierung habe diese geantwortet: sie könne noch 
keine bestimmte Meinung äußern, jedoch möge der Botschafter privatim 
sondieren. Hapaschi ging zum Sekretär des Auswärtigen, Lord Lans- 
downe, und fand bei ihm ebenfalls die Ansicht vor, daß ein Einverständnis 
der beiden Mächte im fernen Osten notwendig sei. „Beim Abschied sagte 
er mir noch, es sei nicht nötig, wenn ein Abkommen über China zwischen 
England und Japan zustande komme, dieses auf die beiden Mächte zu 
beschränken; es sei nichts dagegen einzuwenden, wenn eine dritte Macht 
sich daran beteiligte.“ Hayaschi schloß hieraus, daß die britische Regie- 
rung und der deutsche Geschäftsträger sich bereits verständigt hätten. 
Vorläufig wurde die Sache wieder vertagt, weil der Premierminister, 
Lord Salisbury, abwesend war. Inzwischen versuchte Hapaschi wieder, 
bei seiner Regierung Instruktionen für ein eventuelles Programm des 
Abkommens zu erhalten, bekam aber nur die allgemeine Weisung, sich 
über ein etwaiges deutsch-englisches Einverständnis zu unterrichten. Im 
Mai hatte der Botschafter Gelegenheit, Lord Salisbury und Lord Lans- 
downe zu sprechen. Er traf bei ihnen auf Zustimmung, und Lansdowne 
erklärte wiederum, es sei zweckmäßig, noch eine dritte Macht binzuzu- 
ziehen. Am Tage darauf besuchte Baron Eckardtstein den japanischen 
Botschafter und sagte ihm, daß Lord Lansdowne ihm über die gestrige 
Unterredung Mitteilung gemacht hätte. Um dieselbe Zeit fand in Japan 
ein Kabinettswechsel statt. Marquis Zto trat zurück und Marquis Saionji 
trat an seine Stelle. Ito ging nach Europa, um mit Rußland Verhand- 
lungen wegen eines eventuellen Einverständnisses anzuknüpfen, traf vor- 
her mit Hapaschi zusammen und erfuhr von diesem, wie weit die Ver- 
handlungen mit England schon gediehen waren. Die beiden Staatsmänner 
scheinen dann beschlossen zu haben, daß Ito doch nach Peteroburg gehen 
solle, um durch die Besorgnis vor einem japanisch-russischen Abschlusse 
die britische Regierung schneller zu einer definitiven Entscheidung zu brin- 
gen. Diese Absicht gelang denn auch, wennschon ein solches Mittel kaum 
notwendig war, denn König Eduard hatte bereite vorher dem britischen 
Botschafter in Tokio, Sir Claude Macdonald, mitgeteilt, eine dauernde 
Verständigung mit Zapan sei wünschenäwert. Der britische Botschafter 
fügte hinzu, daß der deutsche Botschafter in Tokio ihm gesagt habe, die 
Möglichkeit bestehe, daß Japan ein Bündnis mit Rußland abschließen 
wolle. Als dann die Meinungsverschiedenheiten innerhalb des japanischen 
127
        <pb n="222" />
        180 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—19053. 
  
Kabinetts endgültig beseitigt worden waren, wurde das englisch-japanische 
Bündnis abgeschlossen. — — 
An der Nichtigkeit der von Hayaschi gegebenen Angaben ist nicht 
zu zweifeln, zumal läßt sich kein vernünftiger Grund denken, weswegen 
er behauptet haben könnte, der deutsche Bertreter, Baron Eckardtstein, 
habe den Gedanken angeregt und an allen Vorbesprechungen teilge- 
nommen, — wenn das der Wahrheit nicht entspräche. Baron Eckardt- 
stein führte aber vertretungsweise die Londoner Botschaftsgeschäfte, 
nachdem Graf Hatzfeldt zurückgetreten war, und der neue Botschafter, 
Graf Wolff-Metternich, die Geschäfte noch nicht übernommen hatte. 
Hayaschi erzählt, daß bei der ersten Zusammenkunft Eckardtstein seine 
Anregung eines deutsch-japanisch-britischen Bündnisses als seine Privat- 
ansicht bezeichnete. Auch aus der Wiedergabe der späteren Unterredungen 
geht nicht ein einziges Mal hervor, daß Baron Eckardtstein im Namen 
der deutschen Regierung gesprochen hätte. Beachtet man das gebührend, 
so lösen sich die Fragen und Rätsel, welche man in der englischen und 
deutschen Presse nach Beröffentlichung des Haypaschischen Bruchstückes 
so eifrig erörterte, ziemlich einfach. 
Hapaschi schreibt, Eckardtstein habe gesagt: zwei hochgestellte Per- 
sönlichkeiten seien sehr für einen Dreibund: England-Deutschland-Zapan. 
Baron Hayaschi bezieht diese Anspielung ohne weiteres auf den deutschen 
Kaiser und den Grafen Bülow. Diese Schlußfolgerung ist zweifels- 
ohne falsch. 
Vergessen wir nicht, daß jene anfänglichen unverbindlichen Unter- 
redungen in das Frühjahr 1901 fielen, damals, als Bülow seine Aus- 
führungen über die Deutung des Bangtseabkommens und die Stellung des 
Deutschen Reiches zur Mandschurei machte, die in Großbritannien und 
in Zapan so sehr mißfielen und beunruhigten. Am 15. März 1901 sagte 
Fürst Bülow: „Ich bin auch ein Freund bester Beziehungen zu England, 
aber nur im Rahmen unserer vollen Selbständigkeit, und deshalb betone 
ich mit großem Nachdruck, daß wir in China nur deutsche Interessen wahr- 
nehmen und den Engländern überlassen, ihre Interessen dort selbst zu 
vertreten.“" In derselben Rede erklärte Bülow: es sei sehr begreiflich, 
daß in Anbetracht der langgestreckten russisch-chinesischen Grenze Ruß- 
land viele Truppen in der Mandschurei brauche und daß die russische 
Regierung mitgeteilt habe: sie lege hohes Gewicht auf ein freundschaft- 
liches Zusammengehen mit Deutschland in Ostasien. — Daß um die- 
selbe Zeit Fürst Bülow den deutschen Geschäftsträger in London zu 
Besprechungen wegen eines deutsch-englisch-japanischen Bündnisses er- 
mächtigt hätte, erscheint angesichts dieser Erklärungen und der stkizzierten 
Politik des Deutschen Reiches völlig ausgeschlossen, denn ein solcher
        <pb n="223" />
        Entscheidungen und Scheidungen. 181 
  
Dreibund hätte die Front gegen Rußland gehabt. Übrig bleibt also nur 
die Erklärung, daß Baron Eckardtstein, vielleicht gestützt auf einige Per- 
sönlichkeiten in Berlin, die er für sehr einflußreich bielt, seine Privat- 
politik in London getrieben hat, nachher an den verantwortlichen Stellen 
auf Ablehnung traf, und daß der neue deutsche Botschafter sich an japa- 
nisch-englischen Berhandlungen in London überhaupt gar nicht mehr 
beteiligt hat. 
Mit als das Znteressanteste an dieser Borgeschichte des englisch- 
japanischen Bündnisses erscheint die Tatsache, daß auch damals noch die 
britischen Staatsmänner nicht abgeneigt gewesen sind, ja gewünscht 
haben, daß Deutschland sich am Bündnisse beteilige. So wichtig war ihnen, 
einen russisch-deutschen Gegensatz hervorzubringen und Rußland den 
Rückhalt des Deutschen Reiches für seine ostasiatische Politik zu rauben. 
Trotz der deutschen Volksstimmung, trotz der Bülowschen Auslegung 
des Bangtsevertrages hoffte man in London, daß die Vorteile eines 
deutsch-englisch-japanischen Dreibundes als groß genug erscheinen wür- 
den, um Fürst Bülow zu einem völligen Umschwunge und Frontwechsel 
seiner Politik zu bringen. Die Hoffnung verwirklichte sich nicht, und 
damit waren die Würfel gefallen. 
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das Eingehen auf die eng- 
lisch-japanischen Wünsche dem Oeutschen Reiche zunächst Vorteile ver- 
heißen hätte, insbesondere auf überseeischem Gebiete. Deutschland hätte 
möglicherweise jene lange Periode gar nicht kennen gelernt, in der ihm 
auf Schritt und Tritt England entgegenstand, wo es sich um irgendwelche 
außerhalb der Grenzen des Oeutschen Reiches liegende Wünsche, Interessen 
und Bestrebungen handelte. Auch auf dem Festlande hätte diese Ver- 
bindung unter Umständen der deutschen Stellung nützen und die poli- 
tische Gruppierung des Festlandes vielleicht von Grund aus ändern 
können. Auch auf dem Festlande aber hätte Oeutschland sich dann unter 
britische Bormundschaft gestellt: Außerdem bestand das traditionelle, oft 
genug auch traditionell gerechtfertigte Bedenken gegen einen Bruch mit 
Rußland, daneben das mit jedem Zahre schwerer wiegende Bedenken 
gegen jede Bindung an England. 
Der große Schritt war getan, der Grund zu einer starken Flotte 
gelegt und ihre zukünftige Entwicklung gesetzlich gesichert worden. Ihre 
Schaffung hatte Regierung und Bolk für notwendig erachtet, nicht zum 
wenigsten im Gedanken, um eines Tages neben England „Lgleichberechtigt“ 
dastehen und Weltpolitik treiben zu können. Band man sich an England, 
so war ohne weiteres abzusehen, daß eines Tages England dem Freunde 
und Bundesgenossen bedeuten würde, es sei nicht freundschaftlich, eine 
starke Flotte zu bauen, die dem Freunde mit jedem JZahre unbequemer
        <pb n="224" />
        182 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
werde, ihn zu erhöhten Bauanstrengungen und zu Dislokationen zwänge, 
die für anderweitige britische Interessen nachteilig seien. Daß es so oder 
ähnlich kommen würde, konnte man sich um 1900 an den Fingern ab- 
zählen. Kam es aber so weit, dann mußte Deutschland den Wünschen 
des Freundes und Bundesgenossen entweder Folge leisten oder sie ab- 
lehnen. Im ersten Falle war es aus mit dem Flottentraume und mit 
der Aussicht, auch in rein kontinentalen Angelegenbeiten auf eigenen 
Füßen zu stehen, im zweiten Falle würde der Bruch erfolgen und Deutsch- 
land sich in erheblich ungünstigerer Lage befinden als nach der kurzen Zeit 
deutsch-britischer Freundschaft unter Caprivi, nachdem man es vorher mit 
Rußland verdorben hatte. So ungefähr stellte sich die Alternative. Das Kri- 
terium war im Grunde also, wie hoch man den Wert einer wirklich starken 
deutschen Flotte anschlug, denn die russische Frage hätte sich vielleicht 
auch anders erledigen lassen. Wir wollen, ehe wir ein Urteil über jene 
große Entscheidung zu fällen versuchen, erst den Gang der Dinge während 
des ersten Zahrzehntes im neuen Fahrhundert verfolgen. 
Am 2. Januar 1902 weilte Marquis Zto in London, und am 50. Januar 
wurde das englisch-japanische Bündnis unterzeichnet. 
Oie offiziösen Organe in St. Petersburg erklärten sogleich, Rußland 
habe den Abschluß des Abkommens mit größter Ruhe begrüßt. Die Grund- 
sätze, welche die russische Politik seit Beginn der Unruhen in China leiteten, 
blieben unveränderlich. Rußland halte an der Unabhängigkeit und Inte- 
grität Chinas und Koreas fest; Rußland wünsche Aufrechterhaltung des 
Status quo und Beruhigung. In Anbetracht seines großen Bahnbaues 
im fernen Osten müsse es im Interesse Rußlands liegen, für Ruhe und 
Stetigkeit zu arbeiten. Insofern seien die im britisch-japanischen Ab- 
kommen betonten Absichten der beiden Mächte Rußland nur sompathisch. 
Daran würden auch Versuche der ausländischen Presse nichts ändern, 
welche der russischen Politik falsche Ziele unterzuschieben sich bemübten. 
Die starke Gereiztheit, die auch aus diesen maßvoll abgetönten Wen- 
dungen sprach, war in Rußland allgemein. Am 12. April, also ganz 
kurz nach dem englisch-japanischen Bertrage, veröffentlichte die russische 
Regierung ein zwischen ihr und der chinesischen Regierung abgeschlossenes 
Abkommen über die Mandschurei. Es war an Stelle desjenigen Ab- 
kommens getreten, welches im vergangenen Jahre durch englisch-japa- 
nischen Einspruch vereitelt worden war und ging dementsprechend in 
seinen Ansprüchen an russische Herrschaft in der Mandschurei lange nicht 
so weit. Vor allem erklärte Rußland, daß die chinesische Regierungs- 
gewalt in der Mandschurei wieder Platz greifen könne, außerdem ver- 
pflichtete sich die russische Regierung, die Truppen allmählich aus der 
Mandschurei zurückzuziehen, falls keine Wirren ausbrechen und die Hand--
        <pb n="225" />
        Entscheidungen und Scheidungen. 183 
  
lungsweise anderer Mächte sie nicht daran hindern sollte. In Etappen 
von sechs Monaten sollten die verschiedenen Teile der Mandschurei 
derart geräumt werden, daß nach achtzehn Monaten von der Unter- 
zeichnung des Bertrages an (8. April 1902), also am 8. Oktober 1903 
die Mandschurei geräumt wäre. 
Zugleich wurde bekanntgemacht, daß ein französisch-russischer Noten- 
wechsel über Ostasien stattgefunden habe. Im französischen Parlamente 
wurde der Minister Delcassé gefragt, wieweit Frankreich sich im fernen 
Osten verpflichtet habe. Delcassé antwortete wiederholt, die Politik Frank- 
reichs in China sei in keiner Weise eine andere geworden: die offene Tür, 
die Aufrechterhaltung des Status quo und des allgemeinen Friedens 
bildeten nach wie vor die Hauptgesichtspunkte der französischen Politik. 
Diese Gedanken hätten Frankreich und Rußland auch allen Mächten mit- 
geteilt. Mit dem englisch-japanischen Bündnisse erklärt sich Delcasse 
völlig einverstanden; das seien die alten Grundsätze Frankreichs. „Wir 
können über die im englisch-japanischen Vertrage ausgesprochenen Grund- 
sätze nur unsere Genugtuung ausdrücken.“ 
Besonderes Interesse beanspruchte die Stellungnahme des Oeutschen 
Reiches zum englisch-japanischen Bündnisvertrage. Fürst Bülow nahm 
im März 1902 Gelegenheit, darüber zu sprechen und kam bezeichnender- 
weise auf die Frage einer Teilnahme Deutschlands an den Vorverhand- 
lungen in London zu sprechen: „Von einer solchen Mitwirkung deutscher- 
seito bei den englisch-japanischen Verhandlungen ist mir nichts bekannt. 
Richtig ist nur, daß sowohl die englische wie auch die japanische Regierung 
uns Kenntnis gegeben hat von dem Inhalte des Abkommens nach seinem 
Abschlusse .. Wir haben die Geburtoanzeige des Abkommens erhalten 
und sogleich erhalten, aber wir haben nicht bei dem Abkommen Pate ge- 
standen, und mit der Vaterschaft hatten wir erst recht nichts zu tun.“ 
Man könnte aus manchen Nuancen dieser Wendungen des Kanzlers 
wohl den Schluß ziehen, daß ihm die Privatbemühungen des Barons 
v. Eckardtstein und vielleicht noch anderer Personen bekannt waren, und 
er deshalb Gelegenheit nahm, sie nachträglich auch öffentlich zu desavouieren. 
Lediglich um einigen englischen Zeitungen zu widersprechen, würde sich 
der Reichskanzler schwerlich mit so beziehungsvollem Nachdrucke ausge- 
sprochen haben. Mit dem englisch-japanischen Abkommen erklärte Bülow 
sich einverstanden und sagte, man habe der englischen und japanischen 
Regierung auf ihre Anzeige geantwortet: daß durch dieses Abkommen 
das deutsch-englische Abkommen vom 16. Oktober 1900 und folglich 
deutsche Interessen nicht tangiert würden. Fürst Bülow fügte binzu, 
das britisch-japanische Abkommen könne keine deutschen Interessen schä- 
digen, denn, „soweit wir seinen Inhalt kennen“, stelle es sich nur die
        <pb n="226" />
        184 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
Erhaltung des Status quo in Ostasien zur Aufgabe. Oanach schien der 
Kanzler die Möglichkeit von Geheimartikeln anzudeuten. 
So sah man die ostasiatische Politik der Mächte auf scheinbar feste 
Gleise geführt. Als geschichtliches Ereignis aber war zu verzeichnen, 
daß Großbritannien aus seiner Bereinzelung heraustrat, ein Bündnis 
abschloß, und zwar mit Japan, an dessen Bündnisfähigkeit bisher noch 
keine europäische Macht gedacht hatte. Japans politische und diploma- 
tische Bedeutung gewann damit unmittelbar erbeblich, auch ohne daß 
man sich damals über seine tatsächliche Kraft im klaren war. 
Großbritannien befestigte sich damit im fernen Osten gegen Rußland 
und verbesserte allgemein sonst in der Welt seine Stellung ungemein. 
„Zur Erhaltung des Friedens“, so pflegt der Zweck aller Bündnisse 
und Abkommen von ihren Schließern bezeichnet zu werden. Dieses, das 
britischjapanische Bündnis, konnte man, ohne seinen Urhebern unrecht 
zu tun, als ein Kriegsbündnis bezeichnen. 
Die großen ostasiatischen Ziele der Politik Rußlands lagen schon 
seit Jahren klar zutage. Hätte nichts vorgelegen wie die südliche Ab- 
zweigung der sibirischen Bahn durch die Mandschurei nach Port Arthur, 
so würde das genügt haben, um zu erkennen, daß ein Konflikt zwischen 
Rußland einerseits, Großbritannien und Japan anderseits nur eine Frage 
der Zeit sein konnte. Außerden handelte es sich keineswegs nur um eine 
politische und wirtschaftliche Durchdringung der Mandschurei, der Halb- 
insel Kwantung und Koreas, sondern auch um die Seeherrschaft im Gelben 
Meere, in der Japanischen See und damit in der Meerenge von Korea, 
welche diese beiden Gewässer verbindet. Der russische Plan war klar: 
weiterer Ausbau des nördlichen Hafens Wladiwostok, schleunigste Aus- 
gestaltung im großen Stile des 1898 gepachteten Port Arthur, Aeuer- 
werbung eines oder mehrerer Häfen der Halbinsel Korea. Die ganze 
russische Flotte, soweit sie als modern und kampfkräftig betrachtet wurde, 
sollte dauernd in den ostasiatischen Gewässern liegen und, gestützt auf 
die beiden genannten Basen, die Lage beherrschen. Hier lag der zweite 
Konfliktopunkt zwischen Rußland und Großbritannien. Keine britische 
Regierung konnte zugeben, daß eine fremde Macht — und gar Ruß- 
land! — die Seeherrschaft in Gewässern von solcher Bedeutung erlangte 
und dauernd innehielt. Auch deshalb war es für Großbritannien ein 
harter Schlag, als man erkennen mußte, daß das Deutsche Reich andere 
Wege ging als die, auf welchen das Londoner Kabinett es zu seben so 
heiß wünschte. Wäre es gelungen, Mißtrauen und tiefe Gegensätze zwi- 
schen das Deutsche Reich und Rußland zu bringen, so hätten gerade wäh- 
rend dieser kritischen Periode die russischen Staatsmänner wahrscheinlich 
Bedenken getragen, die baltischen Küsten des Russischen Reiches von
        <pb n="227" />
        Entscheidungen und Scheidungen. 185 
  
Kriegsschiffen so völlig zu entblößen. Was aber in den baltischen Ge- 
wässern zurückgehalten wurde, das schwächte die ostasiatische Position 
Rußlands und erleichterte diejenige Japans und Großbritanniens. Oas 
gleiche galt von der russischen Armee. 
Aun könnte als Argument gegen die Auffassung: Großbritannien 
habe gewünscht, die russische Stellung in Ostasien vernichtet zu sehen, 
vielleicht angeführt werden, daß das Bündnis mit Japan lediglich strenge 
Neutralität auferlegte für den Fall, daß der andere es nur mit einem ein- 
zigen Gegner zu tun habe, Großbritannien also der japanischen Flotte 
von vornherein überließ, allein mit der russischen fertig zu werden. Dar- 
auf wäre das Folgende zu sagen: Natürlich haben die britischen Staats- 
männer und Marinefachleute nicht voraussehen können, daß die japa- 
nische die russische Flotte vernichten würde. Sie haben aber gewußt, 
daß die japanische Flotte mehr leisten würde, als man gemeinhin annahm, 
und daß die russische Flotte nicht so imponierend war, wie sie aussah. 
Da aber die russische Flotte an Schiffszahl die japanische erheblich über- 
traf, so entstand dadurch scheinbar ein gewisser Ausgleich, und das Er- 
gebnis der britischen Vorberechnungen dürfte gewesen sein, daß in einem 
Kampfe miteinander beide Flotten sehr bedeutend geschwächt hervor- 
geben würden. Das war auch das wünschenswerteste Ergebnis für Eng- 
land, viel wünschenswerter, als daß eine der beiden kämpfenden Flotten 
völlig vernichtet werden, die andere die ostasiatischen Gewässer beherrschen 
würde. 
Wie Lord Salisbury in jener Zeit aussprach, hatten sich die englische 
und japanische Politik schon seit mehreren Zahren in engster Fühlung 
miteinander befunden, keiner Nacht war es bekannter als gerade Eng- 
land, daß Fapan seit dem Jahre 1896 unentwegt rüstete, um die Scharte 
von Schimonoseki auswetzen zu können. Ohne beritische Unterstützung 
hätten, trotz der chinesischen Kriegsentschädigung, Japan die erforderlichen 
Geldmittel gefehlt. Rußland war von vornherein der Feind. Daß Korea 
vor allem das Ziel der japanischen Wünsche war, lag nicht nur an sich 
auf der Hand, sondern der Bündnisvertrag anerkannte ausdrücklich auch 
die politischen Interessen Japans auf dieser Halbinsel. 
Rußland hatte nur äußerlich ziemlich klein beigegeben und in seinem 
Vertrage mit China die etappenweise Räumung der Mandschurei im 
Laufe der kommenden anderthalb JZahre versprochen. Oie Entscheidung 
vertagte sich damit. Für Rußland war der Grund dieser Befristung wohl 
in erster Linie, daß man sich dann für den Krieg im fernen Osten bereit 
erachtete. Zetzt glaubte man weder zur See, noch auf dem Lande mili- 
tärisch fertig zu sein. Dazu kam, daß die Bahn nach Port Arthur noch 
unvollendet war. In Würdigung des Ernstes der politischen Lage begann
        <pb n="228" />
        186 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
Rußland auch tatsächlich mit der Räumung einiger Teile der Mandschurei 
und legte gleichzeitig Wert auf wiederholte Erklärungen, daß alle Staaten 
der Welt von dem russischen Bahnbau im fernen Osten Nutzen haben wür- 
den. Im August 1905 wurde die „Statthalterschaft des fernen Ostens“ 
eingerichtet, der Generaladjutant Alexejemw wurde der erste Statthalter 
in dem Gebiete, welches das russische Amur-Generalgouvernement und 
das Kwantunggebiet umfaßte. Die Stellung dieses Stattbalters war 
eine überaus unabhängige und erstreckte sich sogar auf den diplomatischen 
Verkehr und auf den Oberbefehl über sämtliche russischen Streitkräfte 
des fernen Ostens zu Lande und zur See. Kurz darauf beantragte die 
russische Regierung bei der chinesischen einen Aufschub der Räumung 
der Mandschurei um sechzehn Monate über den vereinbarten Termin 
hinaus. Ein zweiter verhängnisvoller Schritt war die russische Anregung 
bei der koreanischen Regierung, einen Staatsvertrag über eine private 
Waldpachtung russischer Spekulanten am Zalu abzuschließen. Diese Pach- 
tung datierte seit 1896 und sollte nominell nur zu Holzhandelszwecken 
dienen. Ourch den Staatsvertrag wollte die russische Politik als solche an 
der Wurzel Koreas Fuß fassen. Im August 19053 legte ihrerseits die japa- 
nische Regierung der russischen einen BVertragsentwurf vor, der im großen 
und ganzen darauf binauskam, Rußland von Korea fernzuhalten und 
die dortigen Znteressen Zapans anzuerkennen, während Zapan die- 
jenigen Rußlands in der Mandschurei anzuerkennen bereit war. Dabei 
sollten die Unabhängigkeit und die Integrität Chinas sowohl wie Koreas 
anerkannt werden. Oie russische Regierung antwortete darauf mit der 
Ablehnung, sich auf die Souveränität und die territoriale Integrität 
Chinas zu verpflichten, weigerte sich, die Gleichberechtigung aller Nationen 
für den Handel in der Mandschurei anzuerkennen, und verlangte ver- 
schiedene Einschränkungen für die japanische Wirksamkeit in Korea. In 
dem Hin und Her des russischerseits nach Möglichkeit verschleppten Noten- 
verkehrs verlangte Rußland schließlich von Japan die Erklärung, daß 
die Mandschurei und deren Küsten außerhalb der japanischen Sphäre 
lägen, ferner die Errichtung einer neutralen Zone zwischen dem man- 
dschurischen und dem koreanischen Gebiete. Die japanische Regierung 
wiederholte das Verlangen an Rußland, ihre definitiven Vorschläge 
nochmals zu prüfen, und drängte ständig — ohne Erfolg — auf Beschleu- 
nigung des Notenwechsels. Am 28. Januar teilte der japanische Ge- 
sandte in Petersburg dem Grafen Lambedorf mit, daß eine weitere Ver- 
zögerung der Antwort ernste Gefahren in sich schlösse. Der Minister 
erklärte, er werde sein möglichstes tun, um am 2. Februar 1904 die Ant- 
wort zu geben. Sie erfolgte nicht, und als der Minister sich außerstande 
bezeichnete, das Datum bestimmt anzugeben, erklärte am 5. Februar
        <pb n="229" />
        Entscheidungen und Scheidungen. 187 
  
die japanische Regierung, sie sehe die Lage als unhaltbar an und habe 
den Abbruch der Verhandlungen beschlossen. Am 8. Februar abends 
überfielen japanische Torpedoboote Teile der russischen Flotte auf der 
Reede von Port Arthur, nachdem am 7. schon japanische Truppen an der 
Südostspitze von Korea gelandet waren. — 
Der Entscheidungskampf um die Vorherrschaft in ÖOstasien hatte 
begonnen. Sein Verlauf bedeutete für Japan eine Lebensfrage. Natur- 
gemäß schoben die beiden Mächte in verschiedenen diplomatischen Rund- 
erlassen die eine der anderen Vertragsbruch, Illoyalität und alles mögliche 
andere zu. Das konnte weder an dem Verlaufe des Krieges, noch an 
der Haltung der übrigen Mächte etwas ändern. Sie erklärten sämtlich 
ihre Neutralität. 
Wie Rußland die Stellung der Mächte damals auffaßte, ist in dem 
Generalstabswerke über den Krieg in charakteristischer Weise dargelegt 
worden: 
„England als Verbündeter Japans war in jenen Tagen unser Haupt- 
feind. Durch Abschluß des Bündnisses mit Japan hatte es diesem sowohl 
moralische als auch materielle Unterstützung erwiesen, denn es bot ihm 
jenen Rückhalt, ohne dessen Vorhandensein sich die Japaner schwerlich 
zu ihrem verzweifelten und energischen Vorgehen entschlossen hätten.“ 
England habe verschiedentlich auch während des Krieges seine versprochene 
Neutralität beiseite gelassen. — Die Bereinigten Staaten seien zunächst 
durchaus auf seiten Japans gewesen, gerst im Laufe der Zeit begann 
die feindselige Stimmung Amerikas sich allmählich zu legen, und viele 
Amerikaner erkannten, daß die wirklichen Interessen der Bereinigten 
Staaten einen Sieg nicht der japanischen, sondern der russischen Waffen 
verlangten.“ 
„In dem im fernen Osten begonnenen Kampf war der Rücken Ruß- 
lands, der sich in diesem Falle an die Westgrenze lehnte, gesichert. Deutsch-- 
land und sein Monarch verblieben treu den Traditionen, die die Häuser 
Romanow und Hohenzollern von alters her verbanden. Kaiser Wilhbelm 
erkannte den Heroismus der russischen Armee an und war selbst in Kleinig- 
keiten bemüht, sein Wohlwollen gegen Rußland und seine Vertreter 
zu beweisen. Da wir indessen befürchteten, daß unter dem Lärm des 
russisch-japanischen Kampfes auch in Europa selbst Verwicklungen ent- 
stehen möchten, so konnten wir uns lange nicht entschließen, an die Gefahr-- 
losigkeit unserer europässchen Grenze zu glauben, weshalb wir in den 
ersten Monaten des Krieges von europäischen Truppen nur zwei Reserve- 
divisionen zu verwenden wagten, von denen letztere für den Feldzug 
ungenügend vorbereitet waren.“ 
„Frankreich habe versucht, bei wohlwollender Neutralität sich nützlich
        <pb n="230" />
        188 2. Abschnitt. Weltpolitische Mühen ohne zureichende Mittel. 1895—1903. 
  
zu erweisen, aber natürlich nicht viel ausrichten können, weil es sonst 
England gegen sich auf den Plan gerufen haben würde. „. Uber ge- 
wisse Dienste hinaus konnte Frankreich nicht gehen; seine Beteiligung 
am Kampfe würde sofort England veranlaßt haben, kraft des englisch- 
japanischen Vertrages für seinen Verbündeten einzutreten; das aber 
hätte wieder einen allgemeinen Krieg hervorrufen können.“ 
Von Bedeutung für die Beurteilung nicht nur der russischen Ver- 
hältnisse, sondern auch der deutschen Politik sind auch die folgenden Be- 
merkungen des Generalstabswerkes: „Aus dem Gesagten ist ersichtlich, daß 
in politischer Beziehung der Krieg nicht vorbereitet war. Wir hatten die 
Soympathien vieler Bölker für uns, damit aber war auch die Sache ab- 
getan. Die Beziehungen derjenigen Staaten zu uns, die für den bevor- 
stehenden Kampf die größte Bedeutung hatten, waren entweder feindselig 
oder wenig geklärt. Als Folge hiervon ergab sich, daß wir kein festes Ver- 
trauen weder bezüglich unseres Rückens in Europa, noch unserer rechten 
Flanke auf dem Kriegsschauplatze selbst hatten. Keinen einzigen Ver- 
bündeten für den Fall eines bewaffneten Zusammenstoßes mit Japan 
hatten wir uns verschafft, die Strategie erbielt keine Hilfe von der Politik.“ 
Letzteres sei wohl daher gekommen, weil die russische Politik geglaubt 
habe, immer wieder Zapan beschwichtigen zu können, und selbst keinen 
Krieg gewollt habe. Das dürfte richtig sein, denn Rußland unterschätzte 
die Fapaner wohl noch mehr als der übrige Teil Europas. 
Die Bemerkungen, welche Oeutschland betreffen, zeigen trotz der 
Anerkennung der Haltung des Deutschen Kaisers ein starkes Mißtrauen 
gegen die deutsche Politik. Der Generalstab sagt, man habe kein festes 
Vertrauen bezüglich unseres Rückens in Europa gehabt. Es wäre wunder- 
bar, wenn die deutsche Politik diesem Bedürfnisse der russischen nicht 
entgegengekommen wäre. Hier sei nur ein Punkt kurz berührt, nämlich 
der Vorwurf, daß die deutsche Politik durch den Ausbruch des ostasia- 
tischen Krieges überrascht worden sei. Dieser Borwurf ist damals vom 
Fürsten Bülow als unbegründet zurückgewiesen worden. Auch heute 
wird das Urteil darüber gerechterweise schwerlich anders lauten können. 
Bielleicht hat England vorber genauere Kunde von den japanischen Plänen 
gehabt, im übrigen sind aber alle Mächte völlig überrascht worden, in 
erster Linie Rußland selbst. Am Tage des japanischen Überfalles bei 
Port Arthur noch waren die leitenden Staatomänner in St. Peters- 
burg davon überzeugt, daß der Friede erhalten würde. Die Vertreter 
der Mächte in Tokio, abgesehen wieder vielleicht von dem britischen, 
haben gleichfalls mit Bestimmtheit nichts über die Absichten Japans in 
Erfahrung bringen können. Sie wußten zwar längst, daß Japan rüstete 
und daß es eine starke Kriegspartei gab; ob aber die japanische Regierung
        <pb n="231" />
        Entscheidungen und Scheidungen. 189 
  
die Absicht hatte, zu einem bestimmten Zeitpunkte loszuschlagen, das 
vermutete niemand und konnte niemand vermuten. Man kannte Japan 
damals noch weniger als heute, dachte nicht an eine sorgfältig überlegte 
Überraschung wie die von Port Arthur und hatte wohl überhaupt ernstlich 
nicht für möglich gehalten, daß Japan beabsichtige, aus eigener Initiative 
auf das Ganze zu gehen. 
Der Beginn des Russisch-Zapanischen Krieges bezeichnet den Aus- 
bruch der Krisis im fernen Osten, die sich seit dem Frieden von Schimo- 
noseki 1895 vorbereitet hatte. Sie leitete nicht nur eine neue politische 
Ara in Ostasien ein, sondern wurde auch die Ursache für bedeutende und 
tiefgreifende Anderungen der europäischen Lage. Um die Linien der Ent- 
wicklung bis zum Kriege klar und ununterbrochen zu zeigen, hat dieses 
Kapitel vorgreifen müssen. Wir kehren jetzt zum Stande der Oinge in 
Europa um die Jahrhundertwende zurück.
        <pb n="232" />
        Dritter Abschnitt. 
Vor und nach Algeciras. 
1903—1908. 
Die „glücklich vollendete Annäherung“. 
Die „Schmach von Faschoda“ hatte dem französischen Minister 
Mr. Oelcassé die Möglichkeit gegeben, auf kolonialem Gebiete mit Eng- 
land reinen Tisch zu machen und — neben den direkt damit verbundenen 
Zielen — politische Kräfte und Möglichkeiten frei zu bekommen, um sich 
energisch nach anderen Seiten zu wenden. Eine solche Seite war vor 
allem das Mittelmeer. 
Durch den Handelsvertrag mit Italien war das Eis endgültig ge- 
brochen worden, schon hatte der derzeitige italienische Minister des Aus- 
wärtigen von der „herzlichen Freundschaft und dem Verständnisse zwi- 
schen den beiden rassengleichen Völkern“ gesprochen. Hier galt es, weiter 
zu arbeiten, zumal die Gelegenheit für Frankreich dauernd günstig war. 
Italien sah sich von Großbritannien wie von Frankreich umworben, sah 
gleichzeitig das deutsch-englische Berhältnis schlechter werden: die Fol- 
gerung war für die Entwicklung der Mittelmeerpolitik einfach. Beide 
Westmächte hatten, 1899 und 1902, Stalien Tripolis gewissermaßen re- 
serviert. Frankreich zeigte im besonderen andauernd edles Mitgefühl 
für das von den beiden anderen Oreibundmächten so stiefmütterlich be- 
handelte Italien, welches gezwungen würde, eine unerträglich schwere 
Rüstung zu tragen und tatsächlich gar keinen Nutzen davon habe. In 
Wirklichkeit war die Sache so gewesen, daß Italien es allein dem Drei- 
bunde zu verdanken hatte, wenn es in den zehn Zahren des Handelzs- 
krieges mit Frankreich wirtschaftlich nicht ruiniert worden war, sondern 
im Gegenteil gedieh. Diese Erkenntnis bildete während jener zehn Jahre 
auch für italienische Staatsmänner, die ihrer persönlichen Reigung nach 
dreibundfeindlich und franzosenfreundlich empfanden, einen Grund, nicht 
nur am Oreibunde festzuhalten, sondern ihm auch in den Abzweigungen 
des Hauptstammes der italienischen Politik treu zu bleiben. Nach Her-
        <pb n="233" />
        Die „glücklich vollendete Annäherung“. 191 
  
stellung freundlicher Wirtschaftsbeziehungen mit Frankreich wurde dieses 
Band wesentlich schwächer und loser. 
Dazu kam die geschickte Bearbeitung der italienischen Volkostim- 
mung durch die Franzosen. Aicht nur daß man in der französischen 
Presse auf das sorgfältigste vermied, die Italiener zu kränken oder miß- 
trauisch zu machen, und daß man ebenso sorgfältig und gewandt ihnen 
zu schmeicheln wußte, sondern es gelang auch, auf die italienische Presse 
selbst einen ganz außerordentlichen Einfluß zu gewinnen. Der damals 
neue französische Botschafter in Rom, ein früherer Zournalist, Mr. Bar- 
rere, konnte sich das Berdienst zuschreiben, gerade auf diesem Wege der 
Beeinflussung der öffentlichen Meinung große Erfolge erzielt zu haben. 
Barrere gelang es auch im Januar 1900, ein Grenzabkommen zwischen 
Assab und Obok, den italienischen bzw. französischen Besitzungen an der 
Küste des Roten Meeres, zustande zu bringen, nachdem Grenzstreitig- 
keiten hier seit dem Jahre 1891 stattgefunden hatten. 1898 hatte ein 
französisches Kanonenboot bei Raheita Matrosen gelandet, die die italie- 
nische Grenze überschritten. Der Zwischenfall, welcher schon in den 
Beginn der freundschaftlichen Periode der italienisch-französischen Be- 
ziehungen fiel, führte zur Wiederaufnahme der Berhandlungen, zum 
Abkommen und zur endgültigen Beseitigung auch dieser Reibungefläche 
zwischen den beiden Mächten. 
Am 8. April 1898 traf unter Führung des Herzogs von Genua ein 
italienisches Geschwader in Toulon ein und wurde dort vom Präsidenten 
Loubet begrüßt. Der Herzog schätzte sich in seiner Ansprache glücklich, 
auf Frankreich und seine Waffen zu Wasser und zu Lande zu toasten. 
Präsident Loubet dankte für diese Sympathie und erklärte sich tief ge- 
rührt durch den Freundschaftsbeweis, welchen Ztalien hiermit gegeben 
habe. Delcassé unterstrich kurz darauf im Parlament diesen Besuch als 
„unzweideutige Bekundung der herzlichen Beziehungen, die sich wäh- 
rend der beiden letzten Zahre zwischen den beiden Nationen entwickelt“ 
hätten. Um dieselbe Zeit spielte sich in Osterreich-Ungarn ein Vorfall 
ab, welcher auf die Tätigkeit Delcassés ein interessantes Licht warf: Es 
wurde plötzlich bekannt, daß der Führer der ungarischen Unabhängig- 
keitspartei, v. Ugron, mit Oelcassé zusammen eine Aktion gegen den 
Oreibund ins Werk zu setzen versucht hatte. Ugron bzw. ein in Paris 
lebender Bertreter von ihm war mit Oelcassé in Beziehungen getreten, 
zunächst wegen der Gründung einer neuen ungarischen Partei, welche 
die „Freundschaft zu Rußland und Frankreich“ politisch propagieren sollte 
mit dem Endziele eines französisch- russisch - österreichisch - ungarischen 
Bündnisses. Zu diesem Zwecke sollte zunächst eine Bank in Ungarn mit 
französischem Gelde gegründet werden. Es mag dahingestellt bleiben,
        <pb n="234" />
        192 3. Abschnstt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
ob jener Plan — der durch sein öffentliches Bekanntwerden vereitelt 
wurde — sehr geschickt angelegt gewesen ist, aber sein Vorhandensein 
war bezeichnend für die Betriebsamkeit, mit der Delcassé die dreibund- 
feindlichen Bestrebungen in Österreich-Ungarn, besonders in Ungarn, im 
französischen Interesse auszunutzen versuchte. 
Gegen den Dreibund wurde von seinen Gegnern mit Hochdruck ge- 
arbeitet. Die Erneuerung des Vertrages stand für das Jahr 1902 bevor, 
und in Frankreich glaubte man den Augenblick gekommen, ihn sprengen 
zu können. Man setzte besondere Hoffnungen auf die Folgen des Mi- 
nisterwechsels in Ztalien, zumal der neue Minister des Auswärtigen, Herr 
Prinetti, Anfang der neunziger Zahre sich als Gegner der Oreibund- 
politik erklärt hatte. Es war bezeichnend, daß man kurz nach dem italie- 
nischen Ministerwechsel in dem halbamtlichen deutschen Organe, der 
„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“, für nötig bielt, gegen die Le- 
genden Front zu machen, welche über den Inhalt des Oreibundes von 
französischer Seite in Umlauf gebracht wurden. Das genannte Blatt 
stellte fest: Die Berbündeten Italiens hätten niemals Italien Bedingungen 
oder Wünsche wegen Verwendung der italienischen Armee auferlegt; 
der Dreibundvertrag lasse allen drei Mächten volle Freiheit in der Fest- 
setzung ihrer Streitkräfte, sie könnten diese auch vermindern, wenn sie 
wollten; die Festsetzung der Streitkräfte sei eine innere Angelegenheit 
der betreffenden Staaten. Es sei also eine Legende, wenn behauptet 
werde, daß Italien Finanzschwierigkeiten aus Dreibundverpflichtungen 
erwachsen seien. Solche Berpflichtungen gäbe es eben nicht. — Das 
waren gerade diejenigen Argumente, mit denen die italienischen und fran- 
zösischen Dreibundfeinde arbeiteten: Italien werde durch die Oreibund- 
verpflichtungen finanziell ruiniert, und der Dreibundvertrag verpflichte 
es, gegen das befreundete Frankreich zu marschieren. Ein italienisch- 
französisches Argument war es auch, welches der rabiat irredentistisch 
gesinnte italienische Deputierte Herr Barzilai im Sommer 1901 geltend 
machte: Der Oreibund habe ZItalien das „SEleichgewicht im Mittellän- 
dischen und Adriatischen Meere“ nicht verbürgen können, er habe auch 
nicht verhindert, daß Rußland und ÖOsterreich sich die Balkanhalbinsel 
„geteilt hätten“ und auf Verdrängung Ztaliens aus dem Oriente ar- 
beiteten (das Mürzsteger Abkommen 1903). Damit wurde eine neue 
Seite der italienischen Politik in prägnanter Weise hervorgehoben: das 
„Gleichgewicht im Adriatischen Meere“ und Ansprüche Ztaliens auf die 
albanische Küste. 
An anderer Stelle wurde ausgeführt, wie vor dem Berliner Kon- 
gresse Bismarck und Lord Derby Italien Albanien anboten, und wie 
durch eine fehlerhafte Politik die derzeitigen leitenden Staatsmänner
        <pb n="235" />
        Die „glücklich vollendete Annäherung“. 193 
  
Italiens sowohl Albanien wie während des Berliner Kongresses auch 
Tunis verscherzten. Daß der Blick der Italiener sich später dann wieder 
auf Albanien richtete, hatte Gründe verschiedener Art: 
Oas Verhältnis zwischen Italien und Österreich-Ungarn war trotz 
aller deutschen Bestrebungen zu keiner Zeit gut gewesen. Auf beiden 
Seiten feblte völlig das Vertrauen. Öie italienische Frredenta, welche 
amtlich in Rom stets mißbilligt wurde, die zu ersticken man aber niemals 
auch nur versuchte, im Gedanken, man werde die Frredenta einmal gut 
brauchen können, — lenkte die Augen der Ztaliener stets auf die geo- 
graphischen Verhältnisse und die Gebiete, welche in einem italienisch- 
österreichisch-ungarischen Kriege besonders in Betracht kommen würden. 
Auch in diesem Sinne war das italienische Argument an sich richtig: 
Osterreich-Ungarn würde im Besitze der albanischen Küsten außerordent- 
liche Borteile Ztalien gegenüber besitzen. Dieses Argument traf aber 
nicht den Sinn der italienischen Sorgen und Bestrebungen, denn diese 
waren, wie die Vorgeschichte des großen Krieges einwandfrei bewiesen 
hat, aggressiver Natur. Das östliche Adriaufer und damit das Adriatische 
Meer selbst zu beherrschen, Osterreich-Ungarn damit als Seemacht über- 
haupt auszuschalten, ist stets das letzte und höchste Ziel der italienischen 
Politik gewesen. Man sprach es nicht aus, man stellte es zurück, aber es 
war immer da. Am leichtesten bei einer Gelegenheit erreichbar erschien 
Albanien, im besonderen Südalbanien mit dem Hafen Balona. Das 
Interesse Ztaliens am Lande Albanien selbst ist ebenfalls ein starkes und 
tatsächlich immer gewesen, aber im Vergleiche zum Ziele der Adria- 
beherrschung war es sekundärer Natur. 
Oie italienische Orientpolitik hat im übrigen viel geschwankt. Aur 
Crispi hatte hier große Konzeptionen, die er auch eine Zeitlang mit 
einem gewissen Erfolge zu verwirklichen bestrebt war. Crispi wünschte 
in einem Briefe, der noch zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde, einen 
Balkanbund mit Konstantinopel als Hauptstadt eben dieses Bundes. Der 
Sultan sollte nach Asien hinübergeschoben werden, die türkische Herr- 
schaft aus Europa verschwinden. Auf diese Weise dachte er vielleicht 
weniger an eine albanische Frage an sich als: die Adriafrage für Italien 
ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Wie sich die Zeiten geändert 
hatten, ging aus einer Rede des italienischen Deputierten Imbriani her- 
vor, der im Jahre 1896 dem Dreibunde vorwarf, er hindere Italien daran, 
seine legitimen Aspirationen auf Albanien geltend zu machen. Im selben 
Jahre fand die Hochzeit des damaligen Thronfolgers, jetzigen Königs von 
Italien, mit einer Tochter des Fürsten von Montenegro statt. Welche 
Gründe und Motive auch sonst für diese Heirat maßgebend gewesen 
sind, — vom italienischen Volke, und zwar bis in die höchsten politischen 
Graf Revent low, Deutschlande auswärtige Politik. 13
        <pb n="236" />
        194 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
Kreise hinauf wurde sie mit weitgesteckten transadriatischen Zielen 
IStaliens in Berbindung gebracht. 
Eine starke Triebfeder für die Wünsche nach einer solchen Politik 
bildete die große Menge von Albanern auf italienischem Boden. Diese 
umfassen heute ungefähr 220 000 Seelen, sind schon lange in Italien an- 
sässig und haben sich zum Teil mit der italienischen Bevölkerung ver- 
mischt. Hervorragende Italiener stammen ganz oder teilweise aus alba- 
nischem Blute; auch Italiens großem Staatsmanne Crispi wurde — mit 
Recht oder mit Unrecht — albanische Abkunft nachgesagt. Wenn nun 
auch, wie an anderer Stelle ausgeführt worden ist, Crispi keinen Wert 
auf Albanien gelegt hat, so ist doch die Tatsache unumstößlich und von 
erheblicher Bedeutung, daß eben jener albanische Einschlag der italie- 
nischen Bevölkerung in hohem Maße dazu beigetragen hat, daß sich das 
Interesse Italiens immer mehr auf Albanien lenkte. 
Angesichts dieses Standes der Dinge erkannte Delcassé leicht, wo der 
Hebel anzusetzen sei. Die französische Regierung hatte 1899 #Stalien die 
erwähnten Zusicherungen für die politische Zukunft von Tripolis ge- 
geben. Oie italienischen Wünsche waren nirgends ein Geheimnis. 1902 
wurde dieses Abkommen erweitert. Frankreich vergab damit etwas, was 
ihm nicht gehörte und auch nicht eigentlich in seinem Machtbereiche lag. 
Insofern erschien damals das Dezinteressement Frankreichs billig. An- 
derseits war aber die französische Regierung wie später weit davon ent- 
fernt, ein italienisches Tripolis für wünschenswert zu halten. Tripolis 
grenzt an das französische Tunis, und dieses war schon damals mit ISta- 
lienern angefüllt gegenüber einem verschwindenden Bruchteil von Fran- 
zosen. Eine italienische Nachbarkolonie mußte also für das französische 
Tunis eo ipso eine Gefahr bedeuten. So galt es, Italien von Tripolis 
abzulenken, immer unter der Versicherung, daß Frankreich sich freuen 
werde, wenn die italienische Flagge über Tripolis wehen würde. Mit 
großer Geschicklichkeit haben es damals Delcassé und Barrere verstanden, 
die „legitimen Aspirationen“ Italiens in Albanien und die irredentistischen 
Leidenschaften gegen Österreich zu entflammen, um so die Zusammen- 
hänge des Dreibundes zu erschüttern. Die französische Presse jener Zeit 
war voll von Lobpreisungen und eingehenden Beschreibungen der zidvili- 
satorischen Arbeit Ztaliens nicht nur in Albanien, sondern auch in Maze- 
donien. Die Ztaliener albanischen Blutes stellten offen das Programm 
auf: Albanien müsse durch ZItalien zivilisiert und befreit und dann als 
selbständige italienische Provinz organisiert werden. Der alte italienisch- 
österreichische Gegensatz verschaffte diesem Programme wachsende Volks- 
tümlichkeit. 
Um 1902 sollte, wie man wußte, der Oreibund erneuert werden,
        <pb n="237" />
        Die „glücklich vollendete Annäherung“. 195 
  
und dazu setzte man von Frankreich aus im Sinne des Wortes alle Hebel 
in Bewegung, um Ztalien zu bewegen, seine Zugebhörigkeit zum Orei- 
bunde aufzugeben oder den Bertrag derart abzuändern, daß der Bund 
überhaupt seinen Charakter als solcher verloren hätte. In den italienischen 
Kammern fanden erregte Debatten statt, desgleichen wurden in der 
Presse Italiens die Fragen variiert: ob Italien mehr Lasten als Rutzen 
vom Oreibunde habe, ob das Bündnisverhältnis nicht die Freundschaft 
zu Frankreich schädigte, ob das friedliche Italien nicht durch den Orei- 
bund in einen Krieg getrieben würde, ob schließlich die albanischen In- 
teressen Italiens genügend sichergestellt wären. 
Im März 1902 weilte der Deutsche Reichskanzler Fürst Bülow in 
Venedig und traf dort mit dem italienischen Ministerpräsidenten Prinetti 
zusammen. Nach gleichzeitigen halbamtlichen ÄAußerungen der italie- 
nischen und österreichischen Presse hat die Erneuerung des Oreibundes 
damals den Gegenstand sehr ernster Unterhaltungen zwischen den Ver- 
tretern der beiden Staaten gebildet. Ende Zuni wurde aus Berlin halb- 
amtlich gemeldet, daß vom Deutschen Reichskanzler, dem österreichischen 
und dem italienischen Botschafter in Berlin die Erneuerung des unver- 
änderten Oreibundvertrages unterzeichnet worden sei. Daß die Er- 
neuerung in unveränderter Form erfolgt war, hat Fürst Bülow 1903 im 
Reichstage auödrücklich festgestellt. In derselben Rede erklärte er, daß 
dieses Mal die Erneuerung des Oreibundes nicht anstandslos und nicht 
ohne Schwierigkeiten zustande gekommen wäre; der Dreibund habe in 
Osterreich und in Italien Gegner, dazu kämen die dreibundfeindlichen 
Strömungen außerhalb der Oreibundstaaten, „welche die Erneuerung 
des Dreibundes zu hintertreiben suchten“. Fürst Bülow betrachtete diese 
Tatsache als so offenkundig, daß er den Reichstagsabgeordneten sagte, 
sie würden den Quertreibereien des vergangenen Frühjahrs und Vor- 
sommers in Italien, Frankreich und England entnommen haben, daß 
„etwwas los war“. Ein Fahr vorher hatte Bülow in Bezugnahme auf die 
französisch-italienischen Mittelmeerabmachungen seine bekannte Wendung 
gebraucht in bezug auf IZtalien: „In einer glücklichen Ehe muß der Gatte 
auch nicht gleich einen roten Kopf kriegen, wenn seine Frau einmal mit 
einem anderen eine unschuldige Extratour tanzt. Die Hauptsache ist, 
daß sie ihm nicht durchgeht, und sie wird ihm nicht durchgehen, wenn 
sie es bei ihm am besten hat. .“ Fürst Bülow fügte die Bemerkung 
hinzu, daß „der Dreibund nicht mehr eine absolute Notwendigkeit“ sei. 
Im Zahre darauf, nachdem der Bertrag erneuert worden war, erklärte 
er, daß jene Bemerkung nicht unwesentlich zur unveränderten Erneuerung 
des Dreibundes beigetragen habe. 
Authentische Einzelheiten weiß man von den Schwierigkeiten na- 
13“
        <pb n="238" />
        196 Z. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903 — 1908. 
  
türlich nicht, welche damals überwunden werden mußten, aber es wird 
wohl richtig sein, wenn der österreichische Historiker Friedjung im Herbst 
1915 schrieb: Italien habe vor der Oreibunderneuerung wesentliche 
Abänderungen verlangt, Bülow und Goluchowski hätten aber kategorisch 
erklärt: entweder unveränderte Erneuerung oder überhaupt keine Er- 
neuerung. Darauf habe Italien denn die unveränderte Erneuerung vor- 
gezogen. In italienischen Blättern freilich las man eine andere Sprache, 
und die halbamtliche „Cribuna“ schrieb drei Monate vor der Erneuerung 
des Vertrages, unmittelbar nach der Zusammenkunft Bülow-Prinetti: 
der Reichskanzler habe sich „geneigter denn je gezeigt, unseren Wün- 
schen nicht entgegen zu sein“ und das Bündnis fortzusetzen, das für so 
viele Jahre für ganz Europa den Frieden garantiert habe. „Die direkten 
Ziele unserer Politik sind Aufrechterhaltung des Status quo im Mittel- 
meer und am Balkan, die Sicherheit, daß keine andere Macht Tripolis 
besetzen kann außer Italien, und daß sich keine Beränderung jenseits der 
Adria vollziehen kann ohne die Zustimmung Btaliens.“ — Diese Be- 
merkung bezog sich auf Albanien und Mazedonien und auf ein Sonder- 
abkommen mit Österreich-Ungarn. Fürst Bülow dementierte dagegen im 
folgenden Jahre die Andeutung der „Tribuna“, als ob die Erneuerung 
des Dreibundes mit wirtschaftlichen Fragen verknüpft und „mit irgend- 
welchen zollpolitischen Zugeständnissen erkauft worden sei“. — Das war 
von einem italienischen Abgeordneten behauptet worden. 
Nach der Erneuerung des Oreibundes fanden in der italienischen 
Kammer wiederum lange Debatten über den ODreibund statt, und der 
neue Ministerpräsident di Rudini erklärte: Dank dem Oreibunde könne 
Ztalien darauf rechnen, daß selbst außerhalb Albaniens sich keine Kombi- 
nation ohne sein Wissen und zu seinem Nachteile in den Balkanstaaten 
verwirklichen könne. Dagegen tat Rudini den vieldeutigen Ausspruch: 
man könne hinsichtlich Ftaliens zugeben, daß nach dem Einvernehmen 
mit Frankreich hinsichtlich des Mittelländischen Meeres diejenige Be- 
sorgnis an Bedeutung verloren habe, welche seinerzeit den Eintritt Ita- 
liens in den Dreibund bestimmte. — Oieser Satz zeigte die Größe des 
politischen Umschwunges während der letzten zehn Zahre. Damals war 
es die Furcht vor Frankreich und waren es die den französischen In- 
teressen entgegengesetzten afrikanischen Aspirationen Ztaliens, welche 
das italienische Bolk zum Dreibunde, und zwar mit aller A#lufrichtigkeit, 
schwören ließen. Zur See im Mittelländischen Meere und an dessen Se- 
staden verbürgte die Flotte des dreibundfreundlichen Großbritanniens 
den Status quo gegen alle französischen Störungsversuche und Gefahren. 
1902 waren de facto die englisch-französischen Zwistigkeiten bereits 
beigelegt, nur die feierliche Besiegelung fehlte noch. Frankreich und
        <pb n="239" />
        Oie „glücklich vollendete Annäherung“. 197 
  
Ztalien lebten ungefähr im Stande der Entente Cordiale miteinander, 
Großbritannien war nicht mehr dreibundfreundlich, sondern es hatte 
getan, was es konnte, um die Erneuerung des Bündnisvertrages durch 
Italien zu hintertreiben. Gewiß, dieses Hauptziel war nicht erreicht 
worden. Ztalien hatte, vor die schroffe Alternative unveränderter Er- 
neuerung oder Aufgabe des Vertrages gestellt, die Erneuerung vor- 
gezogen. Die italienischen Staatsmänner konnten sich, so wenig Sym- 
pathien sie zum Teil dem Oreibunde entgegenbrachten, doch nicht ver- 
hehlen, daß die Aufgabe eine Torheit sein würde, und zwar einmal 
wegen der tatsächlichen wirtschaftlichen Borteile, die sich zwar nicht aus 
dem Oreibundvertrage selbst ergaben, wohl aber mittelbar aus den Be- 
ziehungen zu den beiden Mächten, mit denen der Vertrag bestand. Des 
ferneren waren die italienischen Staatsmänner klug genug, um zu wür- 
digen, daß die internationale Stellung Italiens durch die Aufgabe des 
Dreibundes enorm verlieren, daß es in unmittelbarer Folge in die Va- 
sallenschaft Frankreichs und Englands geraten würde. Im I1. Abschnitt 
sind die grundsätzlichen Dreibundbeziehungen Italiens und ihre Ent- 
wicklung ausführlich erörtert worden. 
Man kann nicht bestreiten, daß die Erneuerung des Bündnisver- 
trages im Sommer 1902 einen Erfolg der deutschen Politik bildete. Auf 
der anderen Seite aber war ebensowenig zu bezweifeln, daß der Drei- 
bund nicht mehr dasselbe wie früher war. Wäre um jene Zeit ein Krieg 
ausgebrochen, so würde man das wahrscheinlich in wenig vorteilhafter 
Weise erfahren haben. Auch bei größter Lopyalität, die man damals ohne 
weiteres beim Könige von Ztalien voraussetzen mußte, wäre die italie- 
nische Regierung aller Wahrscheinlichkeit nach weder willens noch fäbig 
gewesen, der franzosenfreundlichen Volksstimmung genügend Widerstand 
zu leisten, um die im Kriege Italien obliegenden Bündnisverpflichtungen 
dem Worte und dem Geiste nach auch nur annähernd zu erfüllen. Ge- 
wiß hatte Fürst Bülow formal recht, wenn er sagte: italienisch-franzö- 
sische Abmachungen binsichtlich der Mittelmeerverhältnisse berührten die 
Verpflichtungen Italiens zum Oreibunde nicht, und ebensowenig die 
italienisch-französische Freundschaft, denn der Oreibund sei eine Ver- 
sicherungsgesellschaft, keine Erwerbsgesellschaft, er wolle sich nur ver- 
teidigen, aber niemanden angreifen. Die Tatsache blieb aber bestehen, 
daß der Bundeegenosse des Deutschen Reiches nicht nur eng befreundet 
mit derjenigen Macht war, deren Angriff das Bündnis galt, sondern 
eben mit dieser Macht ein Abkommen geschlossen hatte, welches Italien 
ihr gegenüber zu Diensten verpflichtete, zu Diensten für Frankreichs 
marokkanische Politik. Ein verpflichtendes Abkommen solcher Art, und 
dabei die verbürgte Hoffnung, derart selbst einst einen großen Vorteil
        <pb n="240" />
        198 3. Abschnitt. Bor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
  
zu erlangen, das mußte den Geist aus den italienischen Dreibundver- 
pflichtungen ziemlich gründlich heraustreiben. Die rückbleibende Form 
genügte noch eben für vorsichtigen Friedensgebrauch, wenn man gegen- 
über den von Frankreich stets emsig geschürten Ausbrüchen der Osterreich- 
feindlichkeit und den transadriatischen Plänen Ztaliens gegenüber die 
Augen zudrücken wollte. 
Die Politik des Deutschen Reiches hatte nicht verhindert und — wie 
sie war — nicht verhindern können, daß es so weit kam. Fürst Bülow 
hat in mehrfacher Wiederholung betont, daß der Oreibund und das 
Deutsche Reich im besonderen an den Mittelmeerverhältnissen kein Zn- 
teresse hätten. Sachlich betrachtet war diese Behauptung unrichtig. 
Wenn nicht am Mittelmeere selbst, so mußte die Politik des Deutschen 
Reiches doch an der Mittelmeermacht JItaliens das allergrößte In- 
teresse nehmen und an allem, was deren Politik betraf, ganz besonders 
aber auch an den Beziehungen Ztaliens zu Österreich-Ungarn. Ob und 
wie es möglich gewesen wäre, diese sicher überaus schwierige und im 
Rahmen der sonstigen Politik verwickelte Aufgabe zu lösen, muß dahin- 
gestellt bleiben. Die Feststellung genügt, daß sie nicht gelöst wurde, und 
daß eine der wesentlichen AUrsachen dieses Mißerfolges in der Ohnmacht 
zur See aller Dreibundstaaten enthalten lag. Die Flotten Frankreichs 
und Englands zusammen beherrschten Mittelmeer, Atlantischen Ozean 
und Nordsee absolut. Außerdem glaubte man in Italien, daß Deutschland 
und Österreich-Ungarn auch im europäischen Landkriege unterliegen 
würden. 
Der König von Ztalien besuchte kurz nach Erneuerung des Dreibund- 
vertrages Berlin, ein Ereignis, das angesichts der häufigen Monarchen- 
besuche innerhalb des Dreibundes und besonders jetzt nach dem Ab- 
schluß ohne besondere Bedeutung war. Erheblicher war die Bedeutung 
der Reise des Königs und der Königin nach London, wo in den Tisch- 
reden König Bictor Emanuels und König Eduards mit Nachdruck auf 
die „Freundschaft der beiden Nationen“ hingewiesen wurde, eine Freund- 
schaft übrigens, die tatsächlich keinen Augenblick unterbrochen gewesen 
war. Italien hatte in der griechischen Frage 1897 auf seiten der eng- 
lischen Politik gestanden, es war 1900 dem deutsch-englischen Vangtse- 
vertrag beigetreten und stand nachher in der Mandschureifrage auf der 
Seite Englands. Italien hatte nie aufgehört, in England den alten und 
mächtigen Garanten seiner Mittelmeerstellung — ein bei Gelegenheit 
stets wirksames Gegengewicht gegen die Festlandmächte — zu erblicken. 
Ein Ereignis von hoher politischer Bedeutung aber war der Besuch 
König Bictor Emanuels und der Königin in Frankreich im Herbst 1903. 
Der Präsident Loubet erklärte in seinem Trinkspruche: Frankreich sei
        <pb n="241" />
        König Eduards Anfänge — Reibungen. 199 
  
sich der Bedeutung dieses Besuches bewußt, er sei eine glänzende Kund- 
gebung des engen Einvernehmens, und man könne gewiß sein, daß beide 
Länder hinfort mit gegenseitigem Vertrauen und mit demselben guten 
Willen ihrer nationalen Aufgabe nachgingen. Der König sagte u. a.: 
„Wie Sie, Herr Präsident, sehe ich in einem solchen Empfange etwas 
mehr als eine einfache Kundgebung dieser ausgesuchten Höflichkeiten, 
die eine der traditionellen Eigenschaften der edlen französischen Nation 
ist. Mit Recht sieht Frankreich meine Gegenwart als ein natürliches 
Ergebnis des zwischen unseren beiden Ländern glücklich vollendeten 
Werkes der Annäherung an.“ 
„Glücklich vollendete Annäherung!“ Diese Wendung war in der 
TCat nicht derart, daß sie die Staatêmänner der beiden andern Oreibund- 
mächte kalt lassen konnte. Um das Ergebnis einer konsequenten Politik 
handelte es sich, nicht um eine „Extratour“; deutscherseits um eine 
Politik des laissez aller, laissez faire, die der Dreibund auf die Dauer 
nicht ertragen konnte. König Bictor Emanuel hatte aber recht, denn das 
Werk der Annäherung zwischen Italien und Frankreich war tatsächlich 
vollendet, es stand auf dem festen Boden eines Abkommens, der Sym- 
pathie der beiden Nationen und verschwiegener Zukunftspläne. Jeder 
hoffte zu gewinnen, und alle jene anderen Faktoren und Momente der 
Sympathie und Bestechung wirkten mit zu innigerem Zusammencchlusse. 
König Eduards Anfänge — Reibungen. 
Im Januar 1901 war Königin Biktoria von England gestorben, 
König Eduard VII. bestieg den Thron. Sein erster Besuch galt dem por- 
tugiesischen Hofe, und eben diesen ersten Besuch nahm der König zum 
Anlasse einer für die damals Wissenden bochpolitischen Erklärung. Er 
sagte: die beiden Länder möchten Seite an Seite weiter wandeln und 
durch Einmütigkeit der Handelspolitik gemeinsam beitragen „zur Aus- 
dehnung des Handels in unseren beiden Ländern und in unseren Kolonien, 
deren unangetastete Aufrechterhaltung der Gegenstand meiner teuersten 
Wünsche und meiner Bestrebungen ist“. Diese mit so großem Nachdruck 
gebrauchte Wendung konnte sich nur auf den englisch-deutschen Delagoa- 
vertrag von 1898 beziehen. König Eduards Worte brachten zum Aus- 
druck, daß er nicht den Eintritt einer Lage wünschte, die den Bertrag 
akut werden ließ. Seine Wendung mußte und sollte in Portugal wie 
in der ganzen Welt den Eindruck hervorrufen, als ob der König von Eng- 
land seinen Schild über die vom raubgierigen Deutschen Reiche bedrohten 
portugiesischen Kolonien hielte.
        <pb n="242" />
        200 Z. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903— 1008. 
Unmittelbar darauf besuchte König Eduard den König von Ztalien 
und den Papst und ging darauf nach Frankreich. Am 2. Mai 1903 traf 
der König in Paris ein, unbekümmert um die starke antienglische Strö- 
mung, die in der Bevölkerung nicht nur, sondern in den weitesten poli- 
tischen Kreisen Frankreichs bestand. König Eduard hatte die Franzosen 
richtig eingeschätzt; er stand ohne Zweifel durch P. Cambon in enger Ver- 
bindung mit Delcassé. Der König binterließ den besten Eindruck in Frank- 
reich. Bier Wochen darauf machte der Präsident Loubet in Begleitung 
Delcassés seinen Gegenbesuch in London. Die Reise der beiden Staats- 
männer wurde von einem begeisterten Beifallschor der britischen Presse 
begleitet. Seit fünfzig Zahren betrete zum erstenmal wieder ein Staats- 
oberhaupt Frankreichs großbritannischen Boden, möchte dieser Besuch 
von wohltätigen Folgen für die beiden Länder sein! — Die Trinksprüche 
waren nicht weniger bemerkenswert und überraschend für die nicht ein- 
geweihte politische Welt. König Eduard sagte, die Gesinnung Frank- 
reichs ihm gegenüber habe sich als wahrhaft freundlich gezeigt; die beiden 
Länder, die so nabe aneinander lägen, müßten auch die besten Nachbarn 
sein. Loubet sprach von der Aufrechterhaltung der Beziehungen, die 
immer enger geknüpft werden müßten. Das Abschiedstelegramm König 
Eduards enthielt den Satz: „Es ist mein heißester Wunsch, daß die An- 
näherung zwischen unseren beiden Ländern von Dauer sein möge.“ 
IZm Herbste desselben Jahres unterzeichnete Lord Lansdowne, da- 
mals Staatesekretär des Auswärtigen, mit dem französischen Botschafter 
in London, MNr. Paul Cambon, einen Schiedsgerichtsvertrag hinsichtlich 
Streitigkeiten juristischer Art, die sich diplomatischer Erledigung ent- 
zögen. Das war an sich nicht viel, aber es war ein Anfang und wurde 
auch allerseits als solcher aufgefaßt. Der große Umschwung der britischen 
Politik war nicht nur eingeleitet, sondern grundsätzlich schon vollzogen 
worden. Darin lag ohne weiteres und zwingend die Abkehr von Deutsch-- 
land und der Beginn des diplomatisch-politischen Kampfes gegen 
Deutschland enthalten. König Eduard hatte kurz nach Alntritt seiner 
Regierung sich in syompathischer Weise über die Person des Deutschen 
Kaisers geäußert, aber keinen offiziellen Besuch in Berlin gemacht, eben- 
sowenig wie in St. Petersburg. 
In Wien traf einen Monat nach König Eduard Zar RNikolaus ein. 
Es wurden Trinksprüche von ganz besonderer Herzlichkeit gewechselt. 
Sie bezogen sich auf das Einvernehmen der beiden Mächte in der Rege- 
lung der mazedonischen Frage. Die beiden Minister, Graf Goluchowski 
und Graf Lambsdorff, hatten sich im Frühling desselben Jahres bei Wien 
getroffen und die Konvention miteinander abgeschlossen, welche unter 
dem Namen der Mürzsteger Konvention bekannt geworden ist. Sie legte
        <pb n="243" />
        König Eduards Anfänge — Reibungen. 201 
  
das Zusammengehen der beiden Mächte auf dem Balkan fest, wo die 
mazedonischen und albanischen Unruhen immer gefährlicher zu werden 
drohten, teils, weil die Türkei es an tatsächlichen Reformen fehlen ließ, 
teils, weil Bulgaren, Serben und Griechen alles taten, um die Aufstands- 
bewegung zu schüren. Die österreichisch-russische Aktion bezweckte Auf- 
rechterhaltung des Status quo. Graf Goluchowski erklärte der Lage 
gemäß, Rußland und Osterreich hätten sich von den übrigen Mächten 
ein Mandat zur Regelung der Balkanverhältnisse erwirkt, wodurch der 
„schwerfällige Apparat des europäischen Konzertes“ vermieden worden 
sei. Es handelte sich im wesentlichen darum, daß ein türkischer General- 
inspektor für die Ausführung der Reformen in den Wilajets Salonili, 
Kossowo und Monastir ernannt und dabei unter Kontrolle russischer 
und österreichischer Delegierter gestellt wurde. Daneben liefen Flotten- 
demonstrationen Rußlands und Englands bei Saloniki und an der Küste 
des Schwarzen Meeres. Schließlich nahm die Pforte das Reformpro- 
gramm Österreich-Ungarns und Rußlands im Prinzip an. 
Unter dem Gesichtspunkte der internationalen Politik lag die Be- 
deutung dieser Aktion hauptsächlich in der Tatsache, daß Rußland und 
Osterreich-Ungarn, die alten Rivalen des Balkan, wieder wie 1897 im 
Einvernehmen miteinander arbeiteten. Die Ursache lag weniger in einer 
Übereinstimmung ihrer wirklichen Grundinteressen, auch nicht darin, daß 
beide Front gegen einen gemeinsamen Gegner gemacht hätten, wie 
1897 gegen England, sondern die Ursache war einfach die, daß sie bei 
getrenntem und verschiedenem Vorgehen mit großer Wahrscheinlichkeit 
in einen Konflikt kommen mußten, der weder dem einen, noch dem an- 
deren gelegen war. Für Rußland kam mit in erster Linie die Erwägung 
in Betracht, daß die vorhandenen und zu erwartenden Spannungen und 
Krisen im fernen Osten es zum mindesten als inopportun erscheinen 
ließen, auch im nahen Orient eine aktive und von Konfliktsmöglichkeiten 
umgebene Politik zu treiben. 
Die Politik des Deutschen Reiches in den Orientangelegenheiten war 
die traditionelle. Fürst Bülow vertrat formell die Ansicht, daß das deutsche 
Interesse am Orient „nur indirekter Natur“ sei, daß man die Erhaltung 
des Status quo nach Möglichkeit unterstützen müsse. Das Deutsche Reich 
habe im Gegenteil ein besonderes Interesse daran, daß das Türkische 
Reich gestärkt werde. In diesem Sinne war die deutsche Diplomatie 
tätig, besonders auch, indem sie zu Konstantinopel zur Nachgiebigkeit 
gegenüber den Reformforderungen der beiden Mächte mahnte, die nur 
allzu berechtigt waren. Im Gegensatze zu der lebhaften und nicht immer 
geschickt sich vordrängenden Orientpolitik des Staatssekretärso Freiherrn 
v. Marschall befleißigte Fürst Bülow sich der Zurückhaltung. Sie war
        <pb n="244" />
        202 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905—1908. 
  
um so mehr geboten, seitdem deutsche Unternehmungen wirtschaftlicher 
Natur und von großem Umfange in der Asiatischen Türkei mit vielem 
Eifer und erbeblichem Aufwande betrieben wurden. 
Während vorber trotz aller Meinungsverschiedenbeiten und trotz der 
erregten Bevölkerungsstimmungen auf beiden Seiten der Nordsee die 
leitenden britischen Staatsmänner noch immer ein Zusammengehen mit 
Deutschland für wünschenswert und möglich gehalten hatten, besonders 
auf den Gebieten des englisch-russischen Gegensatzes, zeigten die Zahre 
1902 und 1903 den Abschluß dieses Schwankens und eine entschiedene 
Abkehr von Deutschland. Die Bülowsche Deutung des Bangtseabkom- 
mens, seine während der letzten Zahre immer wiederholte Betonung, 
man würde zwar gern gelegentlich mit Großbritannien zusammengehen, 
aber nur auf dem Boden völliger Gleichberechtigung, Deutschland denke 
nicht daran, sich irgendwie zu binden oder andere Interessen als seine 
eigenen zu vertreten — diese und ähnliche Wendungen, die man in 
England vielleicht zuerst nicht ernst genommen hatte, wirkten schließlich 
um so gründlicher. Man erblickte in dieser deutschen Politik — die, wie 
wir erörtert haben, nur eine Politik der freien Hand sein sollte und an 
sich durchaus keine unfreundliche Beimischung gegen England enthielt — 
Böswilligkeit und Feindseligkeit deutscherseits. 
Oazu kam das Gespenst der Flotte des ODeutschen Reiches, welche 
auf dem Papier groß, in Wirklichkeit sehr klein war. Damals (1901/02) 
tat die britische Admiralität, als ob sie um der deutschen Flotte willen 
besondere Verbände für die Nordsee schaffen müsse. Es waren die An- 
fänge der späteren „Heimatflotte“. So gering dieser neue deutsche Nord- 
seeflottenfaktor auch war, so unbequem wurde er in England empfunden, 
denn noch lag die Hauptmasse der englischen Flotte im Mittelländischen 
Meere, auf Malta gestützt, alo Gegengewicht gegen den zu Toulon sta- 
tionierten Kern der französischen Flotte, noch befand sich eine sehr starke 
britische Streitmacht dauernd in den ostasiatischen Gewässern. Im Som- 
mer 1903 brachte die britische Regierung im Unterhause eine Vorlage 
ein, welche die Gelder für einen Flottenstützdunkt an der Nordsee bereit- 
stellen sollte. Es war die im Firth of Forth gelegene Bucht von St. Mar- 
garets Hope, das heutige Rosyth. Die Admiralität führte als Begründung 
für die Wahl dieses Punktes aus, daß er die Nordsee beherrsche und durch 
seine geschützte Lage tief im Innern des schmalen Firth wie durch seine 
Entfernung von den gegenüberliegenden Küsten der Nordsee gegen feind- 
liche Torpedobootsunternehmungen gesichert sei; mit anderen Worten, 
der neue Flottenstützpunkt kehrte, wörtlich und bildlich, seine Front gegen 
die deutschen Küsten. 
Die verhältnièmäßige Kleinheit der deutschen Schlachtschiffe zu
        <pb n="245" />
        König Eduards Anfänge — Reibungen. 203 
  
jener Zeit entsprang teils ungeklärten militärischen Anschauungen, teils 
hatte sie ihren triftigen Grund in den schmalen Mitteln, die der Marine- 
verwaltung zur Ourchführung des Flottengesetzes zur Verfügung ge- 
stellt worden waren, teils endlich in den geringen Abmessungen des 
Nordostseekanals sowie mancher Flußmündungen und Fahrwasser, deren 
Erweiterung mit gewaltigen Kosten verbunden sein mußte. Um sie und 
damit ihre Tragfähigkeit oder Wasserverdrängung möglichst nutzbringend 
für die Gefechtskraft auszunutzen, mußte man sich in der Bemessung 
der Kohlenvorräte beschränken. So naheliegend und einleuchtend diese 
Ursachen waren, so ließ sich die politische und militärische Presse in Eng- 
land nicht von der bewußt unwahren Behauptung abbringen: die Ge- 
ringfügigkeit der Kohlenvorräte der deutschen Schiffe und ihre verhältnis- 
mäßig große Geschützzahl sei nur daraus zu erklären, daß die deutsche 
Flotte lediglich zum Zwecke gebaut werde, den kurzen Weg von den 
deutschen nach den englischen Küsten zurückzulegen. Dafür würde auch 
der geringe Kohlenvorrat reichen, während zum Uberfall der englischen 
Flotte natürlich eine möglichst große Artilleriekraft notwendig sei. Dieses 
Argument ist den Engländern damals so in Fleisch und Blut überge- 
gangen, daß man seiner Anwendung noch um das Jahr 1910 begegnen 
konnte, als die Kohlenvorräte vieler deutscher Schiffe die der gleichaltrigen 
englischen an Größe übertrafen. 
Im Frühsommer 1902 wurde der Burenkrieg durch den Friedens- 
vertrag von Bereeniging beendigt, einen Frieden, für dessen schleuniges 
Zustandekommen König Eduard VII. von seinem Regierungsantritte an 
aufs eifrigste hingearbeitet hatte. Bei aller Genugtuung über den end- 
lich eingetretenen vollen Erfolg, bei allem Stolze darauf, daß zähe und 
unverzagte Ausdauer und Opfermut doch endlich zum Erfolge geführt 
hatten, war ein Gefühl von Unbehagen und Unsicherheit in der britischen 
Nation lebendig. Man hatte während des Krieges eigentliche Sympa- 
thien bei keiner anderen Nation gefunden. Daß die Regierungen sich 
neutral verhalten hatten, schob man in England auf ihre Uneinigkeit 
und auf das Ubergewicht der britischen Flotte, welche tatsächlich ununter- 
brochen, auch während der unglücklichsten Augenblicke des Burenkrieges, 
die See beherrscht hatte. Chamberlain sagte mit Recht nach dem Friedens- 
schlusse: „Die Lehre des Krieges ist die Lehre von unserer Stärke, der 
Welt kam diese Lehre wie eine Offenbarung.“ Chamberlain warb nun 
nicht mehr für Bündnisse und Ententen mit dem Deutschen Reiche oder 
mit den Vereinigten Staaten, sondern nahm mit aller Energie und 
Werbekraft die Agitation für den imperialistischen Zusammenschluß des 
Mutterlandes Großbritannien mit seinen Kolonien auf. Die Kolonien 
hätten das opferfreudige Gefühl der Zugehörigkeit zum Mutterlande
        <pb n="246" />
        204 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
während dieses Krieges glänzend bewährt. Hier liege der Weg, den das 
Großbritische Reich zu gehen habe. Wenn dieses Ziel, ein organisiertes 
großbritisches Imperium, einmal verwirklicht sei, brauche das Britenreich 
keine Bündnisse mehr mit anderen Mächten. Dazu kam als Rückenstärkung 
das Bündnis mit Japan. Vor seiner damaligen Reise nach Südafrika 
sagte Chamberlain: „Ich gebe nach Südafrika mit dem ernsten Wunsche, 
alle Streitfragen zu vergessen, und mit dem einzigen Verlangen, das 
verwandte Volk zu einer großen afrikanischen Nation unter britischer 
Flagge zu vereinen.“ Im folgenden Jahre trat dieser bedeutende, ener- 
gische und weitblickende Staatsmann aus dem Kabinette aus, um sich 
ganz seiner wirtschaftlichen Agitation für die imperialistische Tarifreform 
widmen zu können. 1902 war der greise Lord Salisbury zurückgetreten, 
sein #effe Balfour Premierminister geworden. Er konnte sich nicht 
entschließen, den Boden der Chamberlainschen Zollpolitik zu betreten. 
Chamberlain trat aus dem Kabinette aus, um als Privatmann seine 
Agitation fortzusetzen. 
Das Zusammengehen Englands mit dem Deutschen Reiche in der 
Venezuela-Angelegenheit (siehe Seite 209 ff.) hatte in den deutschfeind- 
lichen Kreisen Großbritanniens scharfen Widerspruch, ja die heftigsten 
Ausbrüche der öffentlichen Meinung erregt. Der neue Premierminister 
Balfour rechtfertigte dieses Zusammengehen nicht, wie es früher in sol- 
chen Fällen geschehen war, mit den freundschaftlichen Beziehungen usw., 
sondern einfach mit der Zweckmäßigkeit: man habe doch nicht zugleich 
und am selben Ort zwei ganz verschiedene Blockaden unterhalten können. 
Eine Gefahr für Großbritannien, vom Deutschen Reiche in irgendwelche 
Streitigkeiten mit dritten Mächten bineingezogen zu werden, habe nicht 
vorgelegen. Ein anderer Regierungsvertreter äußerte, man hätte schon 
deshalb den deutschen Vorschlag zu gemeinsamem Vorgehen nicht zu- 
rückweisen können, weil sich sonst ein Konflikt zwischen den blockieren- 
den Schiffen ergeben haben würde, oder aber man hätte die englischen 
Ansprüche an Benezuela hinter die deutschen zurückstellen müssen; das 
wäre sicher ein noch größerer Fehler gewesen. Die Opposition griff da- 
gegen die britische Regierung beftig an wegen ihrer angeblich unbestän- 
digen und schwankenden Politik dem Deutschen Reiche gegenüber. Die 
Regierung habe stets unter der Suggestion gestanden, daß das Deutsche 
Reich doch einmal Helfer gegen Rußland sein werde. Sir Edward Grey, 
der spätere langjährige Staatssekretär des Auswärtigen im liberalen 
Kabinette, trat damals — im Sommer 19031 — für eine Annäherung 
Großbritanniens an Rußland ein und führte in längerer Rede aus: das 
Zusammengeben Englands mit dem Deutschen Reiche in China sei ein 
Mißgriff gewesen. Großbritannien habe keinerlei Unterstützung von
        <pb n="247" />
        König Ebuards Anfänge — Reibungen. 205 
  
Deutschland gehabt. — Man sah also wiederum die Wirkung, welche 
die Ausschaltung der Mandschurei aus dem Vangtsevertrage seitens der 
deutschen Politik gehabt hatte. Von besonderem Interesse ist aber, daß 
Sir Edward Grey sein Ziel einer englisch-russischen Annäherung weniger 
als ein halbes Jahrzehnt nachher als selbstleitender verantwortlicher 
Staatsmann verwirklichen konnte. Eben wie Oelcassé im Augenblicke, 
wo die englandfeindlichen Wogen in Frankreich am höchsten gingen, 
mit dem Programme sein Amt antrat, „la bonne entente“ mit Groß- 
britannien herzustellen, so ließ Sir Edward Grey sich durch alle damals 
vorhandenen Znteressengegensätze, Berstimmungen und Spannungen 
zwischen Großbritannien und dem Russischen Reiche im fernen Osten, 
in Mittelasien und im nahen Orient nicht beirren. 
Regierungspartei und Oppositionspartei waren sich in den Jahren 
1902 und 1903 darüber einig, daß die Periode der politischen Annähe- 
rungsversuche an das Deutsche Reich endgültig vorbei sei. Es war derselbe 
Sommer, als König Eduard und Präsident Loubet jene bedeutungsvollen 
Besuche austauschten, und König Eduard die Depesche an den Präsidenten 
absandte: er hoffe, daß die Annäherung zwischen den beiden Ländern 
von Dauer sein werde. Die auffallende Tatsache, daß die Parlaments- 
verhandlungen jenes Jahres die britisch-französische Annäherung so gut 
wie gar nicht erörterten, obgleich die Bedeutung jener beiden Reisen 
weltkundig war und allgemein besprochen wurde, lieferte einen sprechen- 
den Beweis für die politische Reife der britischen Staatsmänner und 
Parlamente, welche die Anfänge der Annäherung nicht durch unzeitige 
Besprechungen gefährden, noch sie ohne Not an die große Glocke der 
internationalen Offentlichkeit hängen wollten. 
In die durch Wirtschaftseifersucht auf Deutschland ohnehin erregte 
und besorgte Stimmung und in die noch aus dem Burenkriege stammende 
Empfindlichkeit gegen Deutschland fiel der Ausbruch des deutsch-kana- 
dischen Tarifstreites. Es handelte sich dabei um das Folgende: 
Im Sommer 1898 war der Handelsvertrag, der seit den sechziger 
Zahren zwischen dem Deutschen und dem Britischen Reiche bestanden 
hatte, außer Kraft gesetzt worden, und zwar hatte die britische Regierung 
ihn gekündigt. Zener Vertrag beruhte u. a. auch auf der gegenseitigen 
Meistbegünstigung. Deutschland besaß die Meistbegünstigung in den 
britischen Kolonien, auch gegenüber dem Mutterlande. Nach Außer- 
krafttreten des Handelsvertrages fiel mithin auch für Großbritannien 
einschließlich seiner Kolonien jeder Rechtsanspruch auf solche Zoller- 
mäßigungen fort, welche Deutschland in seinen Tarifen anderen Staaten 
gewährte. Trotzdem, aus besonderem Entgegenkommen, ließ die deutsche 
Regierung sich herbei, durch ad hoc beschlossene gesetzliche Maßnahmen
        <pb n="248" />
        206 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
Großbritannien und seinen Kolonien — außer Kanada — die niedrigeren 
Zollsätze des deutschen Konventionaltarifes zu gewähren. Nach den da- 
maligen Äußerungen der deutschen Regierung war der Grund lediglich: 
den wirtschaftlichen Zwischenzustand nach dem Erlöschen des Handels- 
vertrages Großbritannien gegenüber freundschaftlich zu gestalten. Man 
ließ also einfach die Beziehungen so weiter bestehen, wie sie vor dem 
Erlöschen des Handelsvertrages bestanden hatten, in der selbstverständ- 
lichen Boraussetzung, daß auf der anderen Seite das gleiche Verfahren 
praktisch zur Anwendung gelange. Kanada allein setzte nach Ablauf des 
Handelsvertrages Vorzugszölle für das Mutterland Großbritannien fest, 
außerdem schloß es Deutschland von Vergünstigungen aus, die einigen 
französischen Einfuhrartikeln gewährt worden waren. Die deutsche Re- 
gierung traf daraufhin die selbstverständliche Bestimmung, daß jene 
Bevorzugungen, welche sie binsichtlich der Tarife den großbritannischen 
Inseln und den übrigen britischen Kolonien gewährte, Kanada nicht 
zuteil werden sollten, und brachte für den Handel mit Kanada den allge- 
meinen Zolltarif (Generaltarif) in Anwendung, der ohne weiteres für 
alle Länder galt, mit denen besondere Vereinbarungen nicht vorlagen. 
Dieser einfache Vorgang erregte in Großbritannien eine ungeheuere 
Erbitterung. Besonders Chamberlain benutzte die Gelegenheit für seine 
imperialistische Agitatiomn und sagte, Kolonien und Mutterland bildeten 
ein Ganzes, er sei genötigt, festzustellen, daß Deutschland das einzige 
Land sei, welches in feindseligem Sinne von den Vorzugsbestimmungen 
Kanadas dem Mutterlande gegenüber Notiz genommen habe. „Deutsch- 
land allein hat gegen Kanada Strafmaßnahmen in der Höhe eines sehr 
beträchtlichen Zuschlagszolles verfügt.“ Dies war, wie eben gezeigt 
worden ist, eine Unwahrheit, denn auf Kanada war nur der General- 
tarif zur Anwendung gekommen. — Kanada, so sagte Chamberlain, 
solle von Deutschland bestraft werden, und deshalb sei es an England, 
durch wirtschaftliche Repressalien Bergeltung für Kanada an Oeutschland 
zu üben. Ebenso äußerten sich andere Minister, und Lord Lansdowne 
erklärte, die deutsche Regierung habe der britischen zu verstehen gegeben, 
daß sie ihr die Meistbegünstigung verweigern würde, wenn andere bri- 
tische Kolonien das Beispiel Kanadas der Vorzugszölle an das Mutter- 
land nachmachten. Deutschland habe ja sicher das Recht dazu, aber man 
müsse immerbin auf Vergeltungemöglichkeiten sinnen. Kurz, man faßte 
die deutsche Berteidigungsmaßnahme ab irato auf. Der britische Handel 
kam in Betracht, das war es wohl in erster Linie. Deutschland, das man 
seit dreiviertel Jahrzehnt als den gefährlichsten, immer gefährlicher 
werdenden Konkurrenten ansah, war im Begriff, einen Schlag gegen 
den britischen Handel zu führen. Und da kam noch ein anderes ver-
        <pb n="249" />
        König Eduards Anfänge — Reibungen. 207 
  
schärfendes Moment dazwischen: man bildete sich ein, Deutschland 
wollte nicht nur den britischen Handel im allgemeinen treffen, sondern 
gerade den Handelsverkehr zwischen dem Mutterlande und seinen Kolo- 
nien. Das fand man um so empörender, als gerade damals der im- 
perialistische Gedianke eines festen wirtschaftlichen und politischen Zu- 
sammenschlusses zwischen Mutterland und Kolonien auf den britischen 
Inseln in höchster Blüte stand, und seine Berwirklichung als die einzige 
Rettung und Möglichkeit die britische Weltstellung zu erhalten, ange- 
sehen wurde. Am ärgerlichsten war dabei aber wohl die Erkenntnis, die 
man freilich nirgends aussprach, daß das Deutsche Reich sich mit seiner 
Zollpolitik durchaus im Rechte befand. 
Zwar erklärten jetzt die britischen Staatsmänner, das englische 
Mutterland und die Kolonien bildeten ein Ganzes, und die deutsche 
Zollmaßnahme bedeute eine verletzende Einmischung zwischen Mutter- 
land und Kolonien. Dachte man aber diese Auffassung weiter durch, so 
ergab sich das Folgende: Dann war das Nächstliegende, Mutterland 
und Kolonien ohne Unterschied nach dem deutschen Generaltarife zu be- 
handeln, mithin von der Meistbegünstigung auszuschließen. Die deutsche 
Regierung tat das nicht, sondern wendete den Generaltarif nur auf Kanada 
an, weil es Deutschland schlechter behandelte alö andere Mächte. — 
Außerdem war der britische Standpunkt: Mutterland und Kolonien als 
wirtschaftliche Einheit zu betrachten, keineswegs konsequent vertreten 
worden; man hatte britischerseits vorher den entgegengesetzten einge- 
nommen und von ihm aus den deutsch-englischen Handelsvertrag seiner- 
zeit gekündigt, und wiederum war die entgegengesetzte Auffassung auf 
der internationalen Brüsseler Zuckerkonferenz betätigt worden. Oazu 
kam, daß Kanada plötzlich Zuschlagszölle auf die schon zollpflichtige 
deutsche Einfuhr ankündigte. Alles in allem, der deutsche Standpunkt 
war ebenso klar wie berechtigt; er diente nicht dem Angriffe, sondern 
der Verteidigung. Im Frühjahr 1903 verlautete außerdem noch, daß 
auch Südafrika englischen Waren Vorzugszölle gegenüber deutschen geben 
werde. Infolgedessen erklärte die deutsche Regierung, daß unter solchen 
Verhältnissen kaum durchführbar sein werde, deutscherseits dem eng- 
lischen Mutterlande weiterhin die Meistbegünstigung zu gewähren. Vier 
Wochen später fand die erwähnte große Zolldebatte im englischen Unter- 
hause statt, und Chamberlain sagte: „Es ist durchaus nötig, daß wir die 
Vollmacht haben, Zölle auf gewisse Artikel zu legen, um überall da Ver- 
geltungsmaßregeln zu ergreifen, wo unsere Kolonien durch Repressalien 
fremder Mächte geschädigt werden.“ Das biöherige System des abso- 
luten Freihandele sei unmöglich mehr aufrechtzuhalten, nicht nur in- 
folge solcher Streitfälle wie des deutsch - kanadisch= englischen, sondern
        <pb n="250" />
        208 J. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
vor allem auch allgemein angesichts der deutschen und amerikanischen 
Konkurrenz. 
Lord Lansdowne, der Sekretär des Auswärtigen, aber schrieb der 
deutschen Regierung, daß das handelspolitische Verhältnis zwischen 
Deutschland und Großbritannien eine sehr ernste Wendung nehmen 
werde, wenn sie auf ihrem Standpunkt bliebe oder gar das britische Mutter- 
land ebenso wie Kanada behandle. Die englische Regierung wolle 
die formale Berechtigung des deutschen Vorgehens nicht in Abrede 
stellen, es sei aber inkonsequent, wenn Deutschland auf der einen Seite 
die englischen Kolonien als selbständig behandle, auf der anderen das 
britische Mutterland für selbständige Maßnahmen der Kolonien bestrafen 
wolle. 
Oieser Streit lieferte ein Beispiel, wie die Trennung von Politik und 
Wirtschaft nicht immer möglich ist, vor allem nicht bei einem Volke wie 
dem englischen, das an und für sich, in allen seinen Einrichtungen und in 
seiner ganzen Politik den Handel verkörpert. Sein Handel, wie jener 
britische Seeoffizier sagte, bildet für das britische Bolk die Grundlage 
seines Lebens, seiner Politik und aller seiner Maßnahmen. Seine sou- 
veräne Unabhängigkeit und Selbstherrlichkeit wird die seebeherrschende 
Flotte verbürgen. Seit den Befreiungskriegen hatte Großbritannien 
mit seinem Handel und als Beceherrscherin der Ozeane eine souveräne 
Stellung eingenommen, lange Jahrzehnte hindurch auch auf dem euro- 
päischen Festlande. Immer hatte es gegen den jeweilig mächtigsten 
Festlandstaat andere Helfer auf dem Festlande gefunden, mochte es sich 
nun um Rußland oder Frankreich handeln. Die überlegene Kunst und 
Energie Bismarcks hatten mit einer Großbritannien überraschenden 
Schnelligkeit plötzlich ein mächtiges Deutsches Reich in das Zentrum 
von Europa hineingesetzt, man hatte sich ihm gegenüber wohl oder übel 
freundschaftlich gestellt. Nach Biomarcks Abgang batten die britischen 
Staatsmänner gehofft, sich das Deutsche Reich „als dummen und starken 
Kerl auf dem Festlande“ dienstbar zu machen. Das war nur kurze Zeit 
gelungen. Dann kam die Zwischenperiode, wo man trotz aller Reibungen 
die Versuche, Deutschland zu gewinnen, fortsetzte. Diesem Bersuche 
setzte das JZahr 1902 ein Ende. Zu allen Enttäuschungen und Argernissen 
politischer, zu allen Besorgnissen wirtschaftlicher Natur kam nun noch 
diese Zollstreitfrage. 
Die deutsch-kanadisch-britische Angelegenheit veranschaulicht von 
einer neuen Seite die Schwierigkeiten, denen das Deutsche Reich bei 
jedem, auch dem kleinsten Schritte begegnete, den es über seine Landes-- 
grenzen hinaus zu tun versuchte. Uberall kannte und fürchtete man den 
Konkurrenten, die Fabel von deutschen Seebeberrschungs- und Welt-
        <pb n="251" />
        König Eduards Anfänge — Reibungen. 209 
  
eroberungsplänen kam dazu. Großbritannien war sich wohl bewußt, daß 
seine Position wirtschaftlich viel stärker war als die Deutschlands. Traf 
dies auch nur zum Teil auf die wirtschaftliche Leistung an sich zu, so galt 
es restlos, ja in größtem Maße für die finanzielle Aktionskraft und Wider-- 
standskraft, für finanzielle und wirtschaftliche Hilfsquellen aller Art. 
Großbritannien hatte länger als zwei Menschenalter konkurrenzlos die 
Märkte beherrscht, London war der finanzielle Mittelpunkt der Erde. 
Aun kam ein Konkurrent, der sich als gefährlich zeigte, aber nicht an- 
nähernd so kapitalkräftig, so gefestigt und erfahren wie Großbritannien 
war. Deutschland wollte Märkte erobern oder sich wenigstens Platz auf 
ihnen schaffen, die der britische Handel bis jetzt aueschließlich besessen hatte. 
So glänzend der wirtschaftliche Aufschwung Oeutschlands erschien, so 
war sich doch niemand im unklaren darüber, daß eben dieser Aufschwung 
den Kredit aufs äußerste in Anspruch nahm, das deutsche Geld gewisser- 
maßen verschluckte, sobald es da war, und infolgedessen jede Störung, jede 
wirtschaftliche Krisis zu einem schlimmen, vielleicht bedrohlichen Ereig- 
nisse machte. Oie einzige, freilich sehr wirksame Stütze für solche Fälle 
bildete der innere Markt, insbesondere die deutsche Landwirtschaft. In 
England hat man diesen gewaltigen Faktor deutscher Widerstandskraft 
lange Zeit weit unterschätzt. — Damals, in den Jahren 1902 und 1903, 
war es gerade die Schärfe jener wirtschaftlichen und finanziellen An- 
spannung in Deutschland, welche die Zollpolitik Kanadas als so unan- 
genehm und die Aussicht, daß noch andere britische Kolonien ebenso 
handelten, als so bedrohlich erscheinen ließ. Wenn die britische Regierung 
mit derartiger Schärfe drohte, so war für sie natürlich die Nebenerwägung 
maßgebend, daß Deutschland ernste wirtschaftliche Gegenmaßnahmen 
nicht werde ausöhalten können, und daß man für den Fall politischer BVer- 
schärfung des wirtschaftlichen Streites eine ozeanbeherrschende Flotte 
besitze gegenüber der Quantité négligeable der deutschen Flotte. Man 
dachte wieder an den Ausspruch einer englischen Zeitschrift kurz nach 
Mitte der neunziger Fahre: früher hätten die Völker jahrzehntelang um 
den Besitz einer einzigen Stadt gekämpft, und beute sollte ein nach Mil- 
liarden zählender Handel kein zureichender Grund zu einem Kriege sein? 
Venezuela — Die Vereinigten Staaten. 
Wie groß die englisch-deutsche Entfremdung geworden war, zeigte 
die venezolanische Angelegenheit. Diese wurde Anfang Oezember 1902 
akut in Gestalt eines deutschen Ultimatums an Benezuela. 
Es handelte sich zunächst um Reklamationen der deutschen Regierung, 
im besonderen um erhebliche Geldforderungen an die venezolanische 
Graf Reventlow, Deutschlands auswärtige Polittk. 14
        <pb n="252" />
        210 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
Regierung. Während verschiedener Revolutionen in den letzten Jahren 
waren zahlreiche Deutsche, die in BVenezuela wohnten, durch Diebstahl, 
Raub, Erpressung und erzwungene Anleihen schwer geschädigt worden. 
Außerdem hatten deutsche Firmen und Banken erdbebliche Ansprüche 
an die venezolanische Regierung aus Eisenbahn- und anderen öffent- 
lichen Bauten. Die deutsche Reichsregierung lehnte ein Dekret der vene- 
zolanischen Regierung ab, das einen Teil der sämtlich vollbegründeten 
Ansprüche unberücksichtigt lassen, jeden diplomatischen Einspruch ausschließen 
und die Entschädigungen nur aus einer neu aufzunehmenden Anleibe 
einer „Revolutionsschuld“ in Gestalt besonderer Scheine bezahlen wollte. 
Diese Scheine wären aller Voraussicht nach annähernd wertlos gewesen. 
Die deutsche Regierung versagte dem Oekrete also ihre Anerkennung, 
und ähnlich äußerten sich Großbritannien, die Vereinigten Staaten, 
Ztalien, Spanien und die Niederlande. Benezuela blieb aber intran- 
sigent und verweigerte eine Erledigung der ausländischen Reklamationen 
auf diplomatischem Wege überhaupt, man wollte sie lieber nach dort 
gewohnter Art „regeln“. Wegen dieser völkerrechtswidrigen Stellung- 
nahme, und um die Stellung der in Benezuela wohnenden Deutschen 
nicht vollkommen schutzlos werden zu lassen, erfolgte das deutsche UAlti- 
matum. Es verlangte sofortige Zahlung der Reklamationen bis 1900 
und eine sicherheitgebende Auskunft über die Regelung der übrigen 
deutschen Forderungen. Die Regierung von Venezuela, an deren Spitze 
der Präsident Castro sich gestellt hatte, ließ das Ultimatum unbeachtet. 
Dieses Ultimatum war von Oeutschland und Großbritannien ver- 
eint gestellt worden. Darin lag das Moment, welches von der englischen 
Bevölkerung mit äußerstem Mißfallen bemerkt und getadelt wurde. Was 
für deutsch-englische Berhandlungen diesem gemeinsamen Vorgehen vor- 
ausgegangen sind, ist der Offentlichkeit nicht bekannt geworden. Immerhin 
kann man annehmen, daß die Znitiative von der deutschen Regierung 
ausgegangen war. Man hat ihr daraus einen Vorwurf gemacht und 
gesagt, sie hätte auf eigene Hand, ohne sich an England zu kehren, ihre 
Maßnahmen treffen sollen, zumal anscheinend die britische Regierung 
gezögert habe, ebe sie sich anschloß. Anderseits läßt sich aber nicht be- 
streiten, daß ein isoliertes Borgehen des Deutschen Reiches starke Be- 
denken gegen sich gehabt haben würde. Der Verlauf der Benezuelaange- 
legenheit bewies das auf indirektem Wege. 
Politisch kam für die Beurteilung des ganzen Unternehmens auch 
die Stimmung der Nordamerikanischen Union in Betracht. Die über- 
mäßige Empfindlichkeit, die Abneigung und Mißgunst der Bereinigten 
Staaten, insbesondere ihrer öffentlichen Meinung, hatte Deutschland oft 
an sich erfahren. Die Samoadifferenzen, die Ereignisse während des
        <pb n="253" />
        Venezuela — Die, Bereinigten Staaten. 211 
Spanisch-Amerikanischen Krieges hatten ein Mißtrauen und eine Un- 
freundlichkeit der Stimmung dort erzeugt, welche in das Phantastische 
und Krankhafte gingen. Eine Besuchsreise des Prinzen Heinrich von Preu- 
ßen nach den Vereinigten Staaten war im Februar und März 1902 unter- 
nommen worden, um die öffentliche Meinung der Bereinigten Staaten 
von ihren Vorurteilen gegen ODeutschland zu befreien. Die Reise war in 
ihrer Art gelungen, sie nahm einen sogenannten glänzenden Verlauf, und 
mit Freundschaftsversicherungen wurde nicht gespart. Der Präsident 
Roosevelt telegraphierte dem Prinzen Heinrich noch bei seiner Abreise: 
das tatsächlich Gute seines Besuches läge darin, daß er ein Gefühl der Freund- 
schaft zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten gefördert habe. 
Auf seiner Reise von einer amerikanischen Stadt zur anderen war dem 
Prinzen mit denselben oder anderen Worten das gleiche gesagt worden. 
Der ausgezeichnete amerikanische Botschafter in Berlin, Mr. White, 
nahm Gelegenheit, noch einmal, wie schon vor Jahren, auf das nach- 
drücklichste zu versichern, die deutsche Neutralität während des Spa- 
nisch-Amerikanischen Krieges sei unanfechtbar, dabei nicht nur korrekt, 
sondern freundlich gewesen. „Es ist unwiderleglich bewiesen worden, 
daß der verehrte und allbeliebte Herrscher dieses Landes (des Deutschen 
Reiches) aufs entschiedenste sich weigerte, an irgendwelchen Schritten teil- 
zunehmen, die als Einmischung in den Streit ausgelegt werden konnten, 
und daß er seine Weigerung in einer Weise zum Ausdrucke brachte, daß 
kein Zweifel darüber bestehen konnte, er respektiere die Motive und ver- 
stehe die Gefühle der amerikanischen Regierung.“ 
Dieser letzte Satz des Botschafters bezog sich auf eine aufsehen- 
erregende diplomatische VBeröffentlichung im „Deutschen Reichsanzeiger“ 
kurz vor der Abreise des Prinzen Heinrich von ODeutschland. Das amt- 
liche Organ sagte: man habe im englischen Parlamente verschiedentlich 
erörtert, wie die einzelnen Nächte sich während des Spanisch-Ameri- 
kanischen Krieges zur Frage einer Einmischung verhalten hätten. Zur 
Klärung dieser Frage würden hiermit die zwei amtlichen Schriftstücke 
veröffentlicht. Das eine von ihnen war eine Oepesche des deutschen 
Botschafters v. Holleben zu Washington vom Frühjahr 1898: der dortige 
britische Botschafter habe in auffälliger Weise die Initiative zu einem 
Kollektivschritt der Mächte ergriffen, vermutlich als Folge einer Bitte 
der Königin-Regentin von Spanien bei der Königin von England. Der 
englische Botschafter regte bei dem diplomatischen Korps eine Kund- 
gebung an, die erklären sollte, daß die Mächte eine bewaffnete Inter- 
vention der Vereinigten Staaten auf der Insel Kuba nicht für gerecht- 
fertigt hielten. Der Präsident der Vereinigten Staaten habe ja selbst in 
seiner Botschaft gesagt, daß er die bewaffnete Intervention nur dann wolle, 
14“
        <pb n="254" />
        212 5. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
wenn die zivilisierte Welt auf seiten einer solchen stände. Man müsse, so 
meinte der britische Botschafter, in Washington den Präsidenten nunmehr 
dahin aufklären, und zwar in Form einer Kollektionote, daß die zivili- 
sierte Welt gegen die Intervention sei bzw. den Angriff nicht billige. Der 
deutsche Botschafter hatte zum Schlusse seines telegraphischen Berichtes 
geschrieben: „Ich persönlich stehe einer solchen Kundgebung ziemlich 
kühl gegenüber.“ Der Reichskanzler billigte dieses Urteil durch seine 
Unterschrift. Der Deutsche Kaiser aber hatte die Randbemerkung ge- 
macht: „Ich halte die Kundgebung für gänzlich verfehlt, zwecklos und 
daher schädlich. Ich bin gegen diesen Schritt!“ 
Oiese Veröffentlichung erregte ein um so größeres Aufsehen, als die 
Verdächtigung der deutschen Neutralität während jenes Krieges und 
nachher vor allem und unermüdlich von der Presse Großbritanniens ge- 
pflegt wurde. Bald darauf wurde der Gegenstand im britischen Unter- 
hause zur Sprache gebracht. Der Unterstaatssekretär des Auswärtigen, 
Lord Cranborne, erklärte, daß jene Aktion in Washington auf rein per- 
sönliche Initiative des dortigen britischen Botschafters ins Werk gesetzt 
worden sei, und daß die Regierung sich zwei Tage darauf entschlossen habe, 
seiner Anregung nicht Folge zu geben. Von der Haltung der deutschen 
Regierung habe man damals keine Kenntnis gebabt. Auf die Frage 
eines Parlamentemitgliedes, ob jene eben veröffentlichte deutsche Dar- 
stellung zutreffend sei, antwortete Cranborne nicht. 
Es lag klar zutage, daß das Gewissen der britischen Regierung in der 
Angelegenheit nicht rein war. Bermutlich war während des Krieges ihre 
Absicht gewesen, seitens des britischen Botschafters in Washington jene 
Mißbilligungsaktion durch andere Mächte in Fluß zu bringen, sich selbst 
aber dann durch Mißbilligung der Aktion von ihr zurück und aus der 
Affäre berauszuziehen. Es liegt auf der Hand, daß jenes nachträgliche 
Aufdecken der Karten durch den „Deutschen Reichsanzeiger“ auf Groß- 
britannien verstimmend wirken mußte. Alnderseits war verständlich 
und gerechtfertigt, daß die deutsche Regierung gerade jetzt, unmittelbar 
vor der Abreise des Prinzen Heinrich die Gelegenheit ergriff, um die in 
den Vereinigten Staaten allgemein geglaubte Legende von deutschen 
Interventionsabsichten zu zerstören. 
Diese Episode und die der Prinzenreise mit allen ihren Liebenswürdig- 
keiten, Reden und Telegrammen lag nicht länger als dreiviertel Jahr 
zurück, als die venezolanische Aktion sich als notwendig erwies. Man 
wußte, daß England und die anderen Staaten ähnliche dringende und 
begründete Forderungen an Benezuela hatten wie das Deutsche Reich, 
man kannte das amerikanische Steckenpferd, die Monroedoktrin, und 
konnte sich mit leichter Mühe ausrechnen, daß eine einseitige deutsche
        <pb n="255" />
        Venezuela — Oie Vereinigten Staaten. 213 
  
Flottenaktion an der venezolanischen Küste wieder ungeheuren Lärm 
jenseita des Ozeans verursachen würde. Zumal stand außer Zweifel, 
daß die britische Presse alles tun würde, um gerade bei einer solchen Ge- 
legenheit das vielleicht eben leicht eingeschlummerte Mißtrauen der Be- 
völkerung der Vereinigten Staaten gegen Deutschland wieder zu wecken 
und zu schüren. 
Unter diesen Gesichtspunkten dürfte deutscherseits damals ein Zu- 
sammengehen mit England als wünschenswert erschienen sein. Die amt- 
liche britische Auffassung war eine rein geschäftliche. Die Gemeinsam- 
keit der Aktion verpflichtete die britische Regierung zu nichts, vergrößerte 
aber das Gewicht der britischen Ansprüche, während eine Weigerung, 
zusammen mit Oeutschland vorzugeben, Großbritannien in die Hinter- 
hand gebracht hätte, und das wäre in diesem Falle wohl nachteilig ge- 
wesen. 
Zm Gegensatze zu dieser nüchternen Auffassung der Regierung tobte 
die deutschfeindliche britische Presse darüber, daß man sich mit Deutsch- 
land zur „BVergewaltigung“ eines amerikanischen Staates herbeiließe. 
Deutschland habe ganz andere Absichten dabei, die Schuldenbeitreibung 
in Benezuela sei nur ein Vorwand. Ziel der Bülowschen Politik wäre 
vor allem, England und die Bereinigten Staaten miteinander zu ver- 
feinden, außerdem eine überseeische Eroberungspolitik in Mittel- oder 
Südamerika, sei es auf dem Festlande, sei es auf den vorgelagerten Inseln, 
ins Werk zu setzen. Die amerikanische Presse nahm diese Tonart sofort, 
nur noch mit gesteigerter Heftigkeit, auf. Ihr stand ohne weiteres fest, 
daß das Oeutsche Reich in Benezuela oder in Columbien oder aber in 
Brasilien Fuß fassen wolle. Besonders viel Anklang fand aber die ur- 
sprünglich jedenfalls aus London stammende Behauptung: es handle sich 
um einen Flottenstützpunkt, den Deutschland im oder am Karaibischen 
Meere wolle. Alle alten Schlagworte von und über Weltpolitik, von den 
deutschen Ozeanbeherrschungsplänen erfüllten wieder die internationale 
Atmosphäre, und es hatte wenig Erfolg, als die deutsche Regierung im 
Dezember 1002 halbamtlich erklärte: das Deutsche Reich habe Bene- 
zuela gegenüber genau die gleichen Absichten wie Großbritannien und 
Ztalien, und „daß die Absichten unserer Regierung keine über den un- 
mittelbaren Zweck hinausgehenden Ansprüche einschließen und von allen 
abenteuerlichen Hintergedanken frei waren und sind“. 
Am Tage darauf wurde die Blockade gemeinsam von Großbritannien 
und dem Deutschen Reiche über einige venezolanische Häfen verhängt. 
Das deutsche Kanonenboot „Panther“ wurde, nachdem die Blockade vier 
Wochen gedauert hatte, durch venezolanische Küstenwerke beschossen, 
kam zeitweise in eine militärisch unangenehme Lage und zerstörte dafür
        <pb n="256" />
        214 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
im Verein mit dem deutschen Kreuzer „Vineta“ ein Küstenfort. Vorher 
hatten englische und deutsche Streitkräfte gemeinsam die venezolanischen 
Kriegeschiffe fortgenommen. Deutsche und englische Landungskorps 
wurden zu La Guapra an Land gesetzt und befreiten dort gefangene deutsche 
und englische Staatsangehörige. Deutsche und englische Kriegsschiffe 
beschossen zusammen die Forts von La Guapra und von Puerto Cabello. 
Um Mitte Dezember schloß sich auch Italien der deutschen und der bri- 
tischen Aktion an. Kurz darauf wurde aus der Handelsblockade eine 
militärische Blockade. Im Februar gab dann Benezuela nach, und die 
deutschen Ansprüche wurden anerkannt, ebenso die der beiden anderen 
Mächte, während über einzelne Punkte eine international gemischte 
Kommission tagte, auch ein Vertrag zwischen Benezuela und den Mächten 
zustande kam. Der Kaiser von Rußland wurde gebeten, einige Einzel- 
fragen als Schiedsrichter zur Erledigung zu bringen. 
Für die politische Geschichte des Deutschen Reiches sind die Ein- 
zelbeiten jener Forderungen an Benezuela und ihre Erledigung ohne 
wesentliches Interesse. Uberhaupt bildeten der Streitfall und die Aktion 
an sich keineswegs ein politisches Ereignis von Bedeutung. Man hat 
damals hier und da in der deutschen Offentlichkeit gedacht, das Deutsche 
Reich werde vielleicht eine Gelegenheit finden und benutzen, um einen 
transatlantischen Fußpunkt zu erwerben. In Deutschland war man viel- 
fach enttäuscht über den Ausgang der Aktion, der in keinem richtigen 
Verhältnisse zu dem großen in Bewegung gesetzten Apparate gestanden 
hätte. Der Apparat war ohne Zweifel groß, und die deutschen For- 
derungen an Venezuela waren im Berhältnis zu diesem Apparate nicht 
so bedeutend, sie beliefen sich im ganzen auf ungefähr zwölf Millionen 
Mark. Was die Kosten der Blockade betraf, so waren sie aber auch gering, 
weil man nur solche Schiffe dazu genommen hatte, die bereits in den ost- 
amerikanischen Gewässern weilten. Es war nicht nur dem Deutschen 
Reiche, sondern auch den anderen genannten Mächten nicht möglich ge- 
wesen, trotz jahrelanger Bersuche und Oruckmittel auch nur Bereitwillig-- 
keit bei der venezolanischen Regierung zur Erfüllung ihrer Verpflich 
tungen hervorzurufen. Im Gegenteil nahmen unerhörte Willkürmaß- 
nahmen gegen die in Venczuela lebenden Ausländer immer mehr zu, 
und so wurde die Sache eine Frage ihres Ansehens und damit ihrer Exi- 
stenz in Venezuela, mithin eine Frage des Ansehens des Deutschen Rei- 
ches. Diese Auffassung hatte auch die britische Regierung, welche sonst, 
und zwar traditionell, durchaus nicht geneigt ist, Privatforderungen 
britischer Staatsangehöriger mit Kanonen zu vertreten und durchzu- 
setzen. So zeigte sich ein energisches Vorgehen als geboten. 
Von ungleich größerer Bedeutung waren die politischen Begleit-
        <pb n="257" />
        Venezuela — Die Vereinigten Staaten. 215 
  
erscheinungen der BVenezuelaangelegenheit. Sie zeigten unverhüllte 
Feindseligkeit der britischen Bevölkerung, die es schon als eine Beleidi- 
gung ansah, auf irgendeinem Gebiete und zu irgendeinem Zwecke Seite 
an Seite mit Deutschland zu stehen. Es zeigte sich auch, wie weit die 
Stimmung der Bereinigten Staaten schon durch die britischen Ber- 
hetzungen beeinflußt worden war. Bergessen war der Enthusiasmus über 
die Reise des Prinzen Heinrich, spurlos vorübergegangen war die Ver- 
öffentlichung jener dokumentarischen Beweise für die deutsche Loyalität 
und für die britische Zllopalität während des Spanischen Krieges. Kein 
Gerede von deutschen Eroberungsabsichten jenseits des Atlantischen Ozeans 
war zu grotesk, als daß es nicht von den Amerikanern geglaubt worden 
wäre, wohingegen die klaren Darlegungen des Gegenteils auf deutscher 
Seite von der öffentlichen Meinung der Bereinigten Staaten ignoriert 
oder für raffinierte Heuchelei gehalten wurden. In Columbien und Bra- 
silien, in Paraguay und in Australien, überall erschienen Presseäußerungen 
von irgendwelchen „Wissenden“, die irgendeinen deutschen Eroberungs- 
plan als sicher vorhanden erklärten und ihn in allen seinen Einzelbeiten 
zu beschreiben wußten. In Deutschland gingen die amerikanischen Presse- 
vertreter umher, interviewten deutsche Politiker und Fachleute darüber, 
welche Küstenpunkte des amerikanischen Kontinentes, welche Inseln der 
dortigen Küstengewässer dem Deutschen Reiche besonders wünschenswert 
erschienen, und machten listig-ungläubige Gesichter, wenn ihnen ver- 
sichert wurde, daß solche Absichten nicht beständen. Die amtlichen Be- 
ziehungen zwischen den Regierungen der beiden Mächte waren dabei 
normale. Im Sommer 1903 erschien ein amerikanisches Geschwader 
zum Besuche im Kieler Hafen als Erwiderung der Prinzenreise des ver- 
gangenen Winters. 
Auf der anderen Seite verbargen aber während der VBenezuela- 
affäre auch die Regierungskreise in Washington nicht ihr Mißbehagen 
darüber, daß europäische Mächte die Häfen eines amerikanischen Staates 
blockierten, Küstenforts zerstörten und teilweise Truppen landeten. Für 
dieses Mißbehagen war wohl weniger die Furcht der Grund, Deutsch- 
land wolle die Gelegenheit benutzen, um festen Fuß zu fassen, alse viel- 
mehr das Gefühl: die Autorität der Vereinigten Staaten gegenüber den 
anderen Staaten des amerikanischen Kontinentes werde durch solches 
Eingreifen dritter Mächte geschädigt und in Frage gestellt. Deutschland 
und England kamen diesen Gefühlen entgegen. Für die Durchführung 
eines Teiles des deutsch-englisch-venezolanischen Abkommens konnte der 
Gesandte der Vereinigten Staaten in Caracas, Mr. Bowen, als Bevoll- 
mächtigter Venezuelas fungieren. Mr. Bowen entledigte sich dieser seiner 
Obliegenheiten mit großem Selbstgefühl und mit wenig Beachtung der
        <pb n="258" />
        216 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras#. 1905—1908. 
  
üblichen Formen. Das heute noch gebräuchliche Wort der „Hemde- 
ärmeldiplomatie“ führt sich auf sein damaliges Walten als Bevollmäch- 
tigter Benezuelas zurück. Nebenbei bemerkt, wurde durch die Tätigkeit 
Ar. Bowens wieder eine nicht ungerechtfertigte Mißstimmung in Deutsch- 
land erzeugt. 
Man konnte sich in Deutschland nicht verhehlen, daß die öffentliche 
Meinung der Vereinigten Staaten nicht nur mit Mißtrauen gegen die 
deutsche Politik erfüllt war, sondern ihr ohne weiteres die abenteuerlich- 
sten und unsinnigsten Pläne zutraute, ganz einerlei, wer sie nun erfunden 
hatte. Darin lag eine große Gefahr enthalten, denn wenn auch ein Krieg 
zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten ein in sich ebenso wider- 
sinniger Gedanke war wie jene deutschen Eroberungspläne in Brasilien 
und in Mittelamerika, so durfte man sich doch nicht darüber unklar sein, 
daß schlechte Beziehungen zwischen Deutschland und den Bereinigten 
Staaten schweren Nachteil mit sich bringen konnten. DOie öffentliche 
Meinung dort ist nicht nur von großer Macht, sondern wird, sobald sie 
sich mit gehöriger Stärke und Ausdauer äußert, für die Regierung maß- 
gebend. War nun die öffentliche Meinung durch englische, französische 
und polnische Pressearbeit mit tiefem Mißtrauen gegen Oeutschland er- 
füllt worden, so konnte die deutsche Politik diesen politischen Faktor nicht 
ignorieren, ohne ihn freilich überschätzen zu dürfen. Oie so oft gedanken- 
los gebrauchte Wendung, daß zwei Mächte einander nicht verständen, 
traf hier zu, wenn schon hauptsächlich nur einseitig, nämlich auf die Ameri- 
kaner. Ihnen war das Wesen des Oeutschen, hauptsächlich aber der deut- 
schen Politik, durchweg unverständlich, sie vermochten nicht, sich zu einer 
sachlichen Untersuchung und Beurteilung der komplizierten Berhältnisse 
des Deutschen Reiches und seiner politischen Lage aufzuschwingen. Dazu 
kam, daß ihnen von England aus in einer ihrem Verständnisse angemessenen 
Weise und, was sehr wichtig war, in ihrer eigenen Sprache fortwährend 
die Perfidität der deutschen Politik und Absichten behauptet und durch ge- 
schickte Lügen bewiesen wurde. 
Angesichts der Stimmung in England konnte man deutscherseits 
auf eine Verbesserung der deutsch-britischen Beziehungen in absehbarer 
Zeit kaum rechnen, zumal auch die sachlichen Gegensätze sich verschärften. 
Es lag also auf der Hand, daß es ein Borteil für die schwierige deutsche 
Position sein würde, wenn das Berhältnis mit den Bereinigten Staaten 
sich besserte. Der notwendige Anfang war, daß den verhetzenden eng- 
lischen Einflüssen ein Gegengewicht geschaffen würde. Dazu sind die 
verschiedensten Mittel versucht und eine Reihe von Wegen verfolgt worden. 
Man befleißigte sich deutscherseits schon von der Jahrhundertwende an 
einer ganz besonderen Liebenswürdigkeit den Vereinigten Staaten gegen-
        <pb n="259" />
        Venezuela — Die Vereinigten Staaten. 217 
—S-P.- 
über, und zwar bei jeder denkbaren Gelegenheit. Der neue deutsche Bot- 
schafter in Washington, Freiherr Speck v. Sternburg, war mit einer Ameri- 
kanerin verheiratet; er suchte sich in vielleicht manchmal übertriebener 
Weise dem amerikanischen demokratischen Tone und den dortigen dega- 
gierten Formen anzupassen. Diese Art und Weise mißfiel in Deutsch-- 
land stark, man erblickte darin einen Mangel an Würde, wie sie der Ver- 
treter des Deutschen Reiches hätte beobachten müssen. Es mag sein, daß 
Speck v. Sternburg nach dieser Seite hin zu weit gegangen ist, aber dem 
steht die nicht zu bestreitende Tatsache gegenüber, daß er vieles getan 
und manches erreicht hat, um die Beziehungen zwischen den beiden Mäch- 
ten zu bessern. Das ist, besonders nach seinem Tode, ziemlich einwand- 
frei bekannt geworden. Ein tatsächlich guter Gedanke war der des Deut- 
schen Kaisers: die sogenannten Austauschprofessoren; weniger erfreulich 
war die um jene Zeit beginnende Schwärmerei für alles Amerikanische 
in Deutschland, die sich, wie leider meist bei uns, in geschmackloser Nach- 
ahmung und im Bestreben, sich zu „amerikanisieren“, betätigte. 
Als dann in den folgenden Zahren die deutsch-amerikanischen Be- 
ziehungen tatsächlich bessere wurden, und als das Mißtrauen hinsichtlich 
angeblicher Eroberungsziele deutscher Weltpolitik scheinbar etwas zu wei- 
chen begann, da — etwa um Mitte des ersten Jahrzehntes des neuen Jahr- 
hunderts — schlugen die deutschen Gedanken und Hoffnungen in das ent- 
gegengesetzte Extrem um. Ein sehr großer Teil der öffentlichen Meinung 
in Deutschland wollte in den Bereinigten Staaten einen künftigen Helfer 
und Bundesgenossen für einen Krieg zwischen ODeutschland und Groß- 
britannien erblicken. Man träumte von einem Zusammenwirken der 
beiden Flotten und glaubte, daß zum mindesten die deutsche Handels- 
flotte während eines solchen Krieges unter die Flagge der Bereinigten 
Staaten gestellt und so vor Vernichtung durch die englischen Kreuzer be- 
wahrt werden würde. Tatsächlich ist an derartige Möglichkeiten im Ernste 
nie zu denken gewesen und auch an den amtlichen Stellen der beiden 
Mächte sicherlich nicht gedacht worden. Militärisch, politisch, wirtschaftlich 
und rechtlich war der Gedanke von vornherein eine Utopie. 
Es lag in der Tatsache der starken und schnellen Entwicklung der 
deutschen Exportindustrie und des deutschen Handels, daß man zeitweise 
auf eine höhere Einschätzung amerikanischen Wesens und deutsch-ameri- 
kanischer Beziehungen verfiel, als dem wohlverstandenen deutschen Interesse 
entsprach. Daher kamen viele Abertreibungen, die, unpolitisch gemeint, 
doch wieder den politischen Erfolg hatten, daß die Vereinigten Staaten 
vielfach glaubten, sie befänden sich ausschließlich in der Rolle des Ge- 
benden, Deutschland in der des Empfangenden. Die weitere Folge dieser 
mißverständlichen Auffassung mußte sein, daß sie im Verbalten Oeutsch-
        <pb n="260" />
        218 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 103 1908. 
land gegenüber hervortrat, dort eine entsprechende Reaktion hervorrief 
und die Stimmungen zeitweilig sich wieder trübten. Durch dieses Hin und 
Her hat es längere Zeit in Anspruch genommen, bis ein gewisses — frei- 
lich immer noch labiles — Gleichgewicht in der gegenseitigen Einschätzung 
eintrat. 
Daß diese ausländischen Einflüsse nicht um der Boshbeit an sich willen 
erfolgten, braucht nicht festgestellt und nicht begründet zu werden. Das 
reale Interesse speziell Großbritanniens daran, intimere deutsch-ameri- 
kanische Beziehungen zu verhbindern, lag auf der Hand. Die britische 
Politik hatte seit Mitte des vorigen Jahrhunderts kein Opfer gescheut, 
um sich den Vereinigten Staaten angenehm zu machen. Sie hatte sich 
in Meinungsverschiedenheiten, auch wenn die Rechtsfrage außerordentlich 
zweifelhaft war, stets unterworfen, sie hatte ausnahmslos nachgegeben, 
wo zu befürchten stand, daß sonst eine antienglische Mißstimmung des 
angelsächsischen Vetters jenseits des Atlantischen Ozeanes die Folge sein 
könnte. Wie unbeschränkt Großbritannien im Laufe der letzten hundert 
Zahre wirtschaftlich und politisch Europa beherrscht hatte, wie arrogant 
die britische Politik häufig genug aufgetreten war, — so vorsichtig, ja 
so unterwürfig benahm sie sich in allen Fragen, welche mit den Ber- 
einigten Staaten direkt oder indirekt zusammenhingen. Oas war nicht 
Furcht vor der amerikanischen Flotte, noch auch in erster Linie das Ge- 
spenst einer militärischen Invasion Kanadas durch die Armee der Ver- 
einigten Staaten. Es war vielmehr die Furcht vor den ungeheuren, bei- 
nahe unbegrenzten wirtschaftlichen Mitteln und Fäbigkeiten der Ver- 
einigten Staaten, in Gestalt ihres Reichtums an Geld, an Bodenprodukten 
aller und jeder Art, des Vorhandenseins der verschiedensten Klimate, 
kurz, einer wirtschaftlichen Selbständigkeit und Entwicklungemöglichkeit 
ohnegleichen. Die Vereinigten Staaten wären für Großbritannien un- 
angreifbar, und wenn letzteres zehnmal die amerikanische Flotte ver- 
nichtet hätte. Unter jeder Zwistigkeit, einerlei welcher Art, leidet Groß-- 
britannien unverhältnismäßig mehr als die Bereinigten Staaten. Die 
ungeheuren wirtschaftlichen und finanziellen Interessen Großbritanniens 
nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch auf dem südameri- 
kanischen Kontinente würden schon bei gegenseitiger dauernder Miß- 
stimmung schwer geschädigt und beeinträchtigt werden. Verbänden sich 
gar die Bereinigten Staaten mit einer europäischen Großmacht in irgend- 
einer Gestalt gegen Großbritannien, so würden die Folgen für das letztere 
unabsehbar und von britischer Seite unabwendbar sein. Aus diesen und 
noch anderen Gründen war es also ein naheliegendes Interesse für die 
Engländer, eine deutsch-amerikanische Annäherung zu verbindern und 
der in dieser Beziehung so leichtgläubigen Bevölkerung der Vereinigten
        <pb n="261" />
        Venezuelao — Oie Bereinigten Staaten. 219 
  
Staaten mit den perfiden und weitgehenden Plänen der deutschen Welt- 
politik die Haut schaudern zu machen. 
Das Oeutsche Reich und die Bereinigten Staaten waren die ge- 
fährlichen Konkurrenten Großbritanniens auf dem Gebiete der Industrie 
und des überseeischen Handels. Was konnte es also Schlimmeres und Un- 
heilvolleres geben, alo daß diese beiden Mächte sich politisch einander 
näherten! Man mußte im Gegenteil sie auseinanderhalten und mit einer 
von ihnen zusammengehen. Daß diese eine nicht Oeutschland, sondern 
die Bereinigten Staaten sein müsse, das stand jedem Engländer nun- 
mehr fest. In den Vereinigten Staaten erblickte man einen wirtschaft- 
lichen Nebenbuhler, aber einen solchen, dem weder politisch, noch wirt- 
schaftlich, noch militärisch beizukommen war, mit dem in unfreundliche 
Beziehungen zu geraten mithin keinen A#utzen haben könnte. Außerdem, 
und dieses Moment wiegt und wog sehr viel schwerer als häufig ange- 
nommen worden ist: der Engländer und der Nordamerikaner sprechen 
dieselbe Sprache, sie sind durch Tausende von Traditionen und durch 
Bande aller Art miteinander verknüpft. 
Die Rolle der Oeutsch-Amerikaner wurde in der Zeit jener Miß- 
verständnisse zwischen dem Deutschen Reiche und den Vereinigten Staaten 
viel erörtert. Man war in Deutschland früher geneigt, in diesem soge- 
nannten deutsch-amerikanischen Elemente eine große Macht zu erblicken, 
die sich in international entscheidenden Augenblicken hauptsächlich für 
die Zukunft mehr und mehr als im deutschen Sinne wirksam erweisen 
werde. Das deutsche Element ist in den Bereinigten Staaten bekanntlich 
sehr zahlreich und stark vertreten. Man hat von seiten angelsächsischer 
Amerikaner immer die allergünstigsten Urteile über den Einfluß dieses 
deutschen Elementes gehört. Niemals aber konnte festgestellt werden, 
daß dieses deutsch-amerikanische Element Einfluß im Sinne einer deutsch- 
freundlichen Politik der Bereinigten Staaten gehabt und ausgeübt habe. 
Das ist nach Lage der Verhältnisse in den Vereinigten Staaten und nach 
Maßgabe der Eigentümlichkeiten des Oeutschen im Auslande nicht ver- 
wunderlich. Es wäre töricht, den dortigen Deutschen und Halbdeutschen 
einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie sind, wie sie sind. Abgesehen 
von den zahlreichen anderen Faktoren haben die sogenannten Oeutsch- 
Amerikaner durchweg gezeigt, daß ihnen eAugenmaß und Gesichtspunkt 
für die Interessen des Deutschen Reiches verloren gegangen sind, wenn 
anders sie solche je besessen hatten; gibt es doch Deutsche genug im Deutschen 
Reiche, deren politischer Instinkt und Urteilskraft ebensowenig entwickelt 
sind. 
Oen allein richtigen Standpunkt zu dieser Frage hat einmal der 
Deutsche Kaiser in zwei Worten ausgesprochen, und zwar einer Ab-
        <pb n="262" />
        220 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905—1908. 
  
ordnung von amerikanischen Deutschen gegenüber. Kaiser Wilhelm 
sagte: er kenne wohl Deutsche und er kenne wohl Amerikaner, aber Deutsch- 
Amerikaner kenne er nicht! — Man mag noch so viele, scheinbar nahe- 
liegende Gegengründe beibringen: politisch bleibt diese Auffassung die 
einzig haltbare, die einzige, mit der ein gerader Weg zu gehen ist. Nie 
darf ein deutscher Staatêmann, nie eine öffentliche Meinung im Deut- 
schen Reiche das deutsch geborne und von gebornen Deutschen abstam- 
mende Element in den Vereinigten Staaten als politischen Faktor in 
Rechnung stellen. Sollte es sich einmal ohne oder wider Erwarten im 
Sinne der Interessen des Deutschen Reiches als wirksam zeigen: um so 
besser. Auch vor 1914 in den Zeiten schwerer Verstimmung, in den 
Zahren der Mißverständnisse ist es dem deutschen und halbdeutschen Ele- 
mente nie gelungen, sich geltend zu machen. Seine Führer vermochten 
nicht einmal die springenden Punkte zu finden, dagegen verkannten sie 
nicht minder als die Stockamerikaner die Triebfedern und Ziele der deut- 
schen Politik vielfach volllommen. Wie weit ihre Führer den harten 
politischen Wirklichkeiten entfremdet sind, unter deren Druck das Deutsche 
Reich lebt, dafür gaben sie noch im Jahre 1912 einen schlagenden Be- 
weis. Als der damalige Präsident der Bereinigten Staaten, Mr. Taft, 
seine Schiedsgerichtsverträge mit den Großmächten zu verwirklichen ver- 
suchte und glaubte, auch solche Meinungsverschiedenheiten und Streitig- 
keiten schiedsgerichtlich erledigen zu können, welche Fragen der Ehre und 
der vitalen Interessen der Länder betreffen, da setzten die Deutschen in 
den Bereinigten Staaten einen großen Apparat in Bewegung, um einen 
derartigen amerikanisch-deutschen Schiedsgerichtsvertrag zustande zu brin- 
gen. Eine Abordnung ging nach Berlin zur Einweihung des Steuben- 
denkmals, und diese Gelegenheit wurde benutzt, um bei der leitenden 
deutschen Behörde für den Schiedsvertrag tätig zu sein. An Versamm- 
lungskundgebungen, Zeitungsartikeln und Depeschen war kein Mangel. 
Man war in jenen gewiß wohlmeinenden Kreisen der ernsthaften Uber-- 
zeugung, daß durch Unterzeichnung eines utopischen Schiedsvertrages 
eine enge deutsch-amerikanische Freundschaft geschaffen und durch diese 
ein unzerbrechlicher Weltfriede begründet werden könne. Nun, jene 
Daftsche Seifenblase ist längst zerplatzt. 
Alles in allem kann kein nüchterner Politiker umhin, sich das Wort 
des Deutschen Kaisers zur Richtschnur zu nehmen: daß er wohl Deutsche 
und wohl Amerikaner kenne, aber keine Deutsch-Amerikaner. 
Die Entente Cordiale — Marokko — Hull — Kiel. 
Im Frühjahr 1904 wurde ein am 8. April des gleichen Jahres unter- 
zeichnetes Abkommen zwischen Frankreich und Großbritannien veröffent-
        <pb n="263" />
        Die Entente Cordiale — Marokko — Hull — Klel. 221 
  
licht, das nachher unter dem Namen des Marokkoabkommens bekannt 
und bistorisch geworden ist. Tatsächlich bezog es sich auch in der Haupt- 
sache auf Marokko und Agppten und regelte außerdem eine Anzahl kolo- 
nialer Fragen, die zwischen beiden Mächten noch schwebten. Diese Ver- 
einbarung war im Sommer 1903 begründet und vorbereitet worden, 
als Loubet und Oelcassé den Pariser Besuch König Eduards in London 
erwiderten. Der Botschafter der französischen Republik in London, 
Mr. Paul Cambon, hat, wie überhaupt an der französisch-englischen 
Annäherung, hervorragenden Anteil am Zustandekommen der Berein- 
barung gehabt: in Frankreich ist er als der politische Inspirator Delcassés 
bezeichnet worden. Man ist sich damals über die Hauptpunkte einig ge- 
worden und hat die Einzelheiten innerhalb des nächsten halben Zahres 
ausgearbeitet und untereinander ausgemacht. Angesichts der Bedeutung 
und der Folgen dieses Abkommens möge der Inhalt seines wichtigsten 
Teiles folgen: 
Die britische Regierung erklärt, daß sie nicht die Absicht hat, den 
politischen Zustand Agpptens zu ändern. 
Die Regierung der französischen Republik erklärt ihrerseits, daß sie 
die Aktion Englands in diesem Lande nicht bindern wird, weder dadurch, 
daß sie einen Termin für das Ende der britischen Okkupation ÄAgpptens 
verlange, oder auf irgendeine andere Weise. Oie französische Regierung 
gibt ferner ihre Zustimmung zu dem Entwurfe eines Oekretes des Khe— 
diven, das dem Abkommen angehängt ist und die für nötig gehaltenen 
Garantien enthält, um die Papierinhaber der ägoptischen Staatsschuld 
sicherzustellen, aber unter der Bedingung, daß nach dem Inkrafttreten 
des Dekretes keine Anderung mehr eingeführt werden kann ohne Zu- 
stimmung der Unterzeichnungsmächte der Londoner Konvention von 1885. 
(Dazu gehört auch das Deutsche Reich.) 
Man ist übereingekommen, daß die Generaldirektion der ägyptischen 
Altertümer nach wie vor einem französischen Gelehrten anvertraut bleibe. 
Die französischen Schulen in Agppten werden sich derselben Freiheit er- 
freuen wie bisher. 
Die französische Regierung erklärt, daß sie nicht die Absicht hat, 
den politischen Zustand Marokkos zu ändern. 
Ihrerseits anerkennt die britische Regierung, daß es Frankreichs 
Sache ist — zumal in seiner Eigenschaft als Grenzmacht Marokkos auf 
einer langen Strecke. —, über die Ruhe dieses Landes zu wachen, ihm 
seinen Beistand für alle administrativen, wirtschaftlichen, finanziellen 
und militärischen Reformen zu leihen, deren es bedarf. 
Oie britische Regierung erklärt, daß sie der diesen Zwecken dienenden 
französischen Aktion keine Hindernisse in den Weg legen wird unter dem
        <pb n="264" />
        222 5. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905—1908. 
  
Vorbehalte, daß diese Aktion diejenigen Rechte intakt läßt, welche Groß- 
britannien kraft der Verträge, der Abkommen und Bräuche in Marokko 
genießt, unter Einschluß der Küstenschiffahrt zwischen den marokkanischen 
Häfen, zu der die englischen Schiffe seit 1901 berechtigt sind. — Ihrer- 
seits wird die britische Regierung die Rechte achten, welche Frankreich 
kraft der bestehenden Rechte, Verträge, Abkommen und Bräuche in 
Agppten genießt, einschließlich des Rechtes der Küstenschiffahrt. 
Beide Mächte bekennen sich gleichermaßen zum Grundsatze der 
Bandelefreiheit in Agppten wie in Marokko. Sie erklären, daß sie keine 
Ungleichheit dulden werden, weder in der Festsetzung der Zollrechte, 
noch bei anderen Abgaben, noch in der Festsetzung der Eisenbahntarife. 
Diese gegenseitige Berpflichtung gilt zunächst für dreißig Jahre. 
Die britische Regierung erklärt, daß sie ihren Einfluß aufbieten wird 
dahin, daß die augenblicklich in ägyptischen Diensten befindlichen fran- 
zösischen Beamten nicht in ungünstigere Berhältnisse versetzt werden als 
die der entsprechenden englischen Beamten. — Frankreich verpflichtet 
sich zum gleichen in Marokko. 
Zur Sicherung der freien Passage des Suezkanales erklärt die britische 
NRegierung, daß sie an den Festsetzungen des Vertrages vom 29. Oktober 
1888 festhält (es folgen Einzelbestimmungen). 
Um die freie Passage der Meerenge von Gibraltar zu sichern, kommen 
die beiden Regierungen überein, nicht zuzulassen, daß irgendwelche Be- 
festigungen oder strategischen Werke dort errichtet werden: in dem Be- 
reiche der marokkanischen Küste, welcher zwischen Melilla und den Ge- 
birgszügen liegt, welche das rechte Ufer des Sebuflusses beherrschen. 
Immerhin gilt das nicht für die Küstenpunkte, welche von Spanien an 
der marokkanischen Mittelmeerküste besetzt sind. 
Die beiden Regierungen, beseelt von aufrichtig freundschaftlichen 
Gefühlen für Spanien, wie sie sind, wenden ihre besondere Aufmerksam-- 
keit den Interessen zu, welche sich für Spanien aus seiner geographischen 
Lage und seinem Gebietsbesitze an der marokkanischen Mittelmeerküste 
ergeben. In dieser Hinsicht wird die französische Regierung sich mit der 
spanischen Regierung verständigen. — Das Ergebnis dieser Verständi- 
gung zwischen Frankreich und Spanien wird der britischen Regierung 
mitgeteilt werden. 
Die beiden Regierungen kommen überein, sich gegenseitig den Bei- 
stand ihrer Diplomatie zu leihen: für die Durchführung der Bestimmungen 
dieser Erklärung hinsichtlich Agpptens und Marokkos. — 
Am 7. Oktober wurde das am Tage vorher unterzeichnete französisch- 
spanische Abkommen veröffentlicht, und zwar in Gestalt der folgenden 
Erklärung:
        <pb n="265" />
        Die Entente Cordiale — Marokko — Hull — Kiel. 223 
Die französische und die spanische Regierung sind übereingekommen, 
den Bereich der Rechte und die Garantie der Interessen festzulegen, 
welche sich für Frankreich aus seinen algerischen Besitzungen, für Spanien 
aus seinem Besitze an der marokkanischen Küste ergeben. Die spanische 
Regierung hat sich demgemäß der französisch-englischen Erklärung vom 
8. April 1904 hinsichtlich Marokkos und Agypptens angeschlossen, die ihr 
durch die französische Regierung bekanntgegeben worden war. Die fran- 
zösische und die spanische Regierung erklären, daß sie nach wie vor un- 
erschütterlich an der Zntegrität des Marokkanischen Reiches unter der 
Souveränität des Sultans festhalten. — 
Die französisch-englischen Abkommen vom 8. April 1904 setzten an 
sich die unmittelbar nach Faschoda begonnene Politik des reinen Tisches 
in allen älteren und neueren kolonialen Streitfragen fort. Das gilt von 
den Abmachungen gleichen Datums über Neufundland, Senegambien, 
Madagaskar, Siam und die neuen Hebriden. 
Anders stand es mit dem Abkommen über Marokko und Agopten. 
In diesen beiden Ländern sagten sich, die Mächte gegenseitig Gewährung 
der freien Hand „à outrance“ zu und erklärten gleichzeitig, daß sie „nicht 
beabsichtigten, den politischen Zustand“ ÄAgpptens bzw. Marokkos zu 
ändern. In Agypten herrschte de facto Großbritannien schon längst, und 
niemand bezweifelte mehr, daß es darin bleiben werde. Frankreich ver- 
sprach in dem Abkommen, daß es sich der englischen Agyptenpolitik nicht 
widersetzen, insbesondere nicht mehr wie früher, bei jeder Gelegenheit die 
Räumung Agyptens von Großbritannien verlangen werde. Oie ägyptische 
Schuldenkasse blieb bestehen. England verpflichtete sich lediglich, den 
französischen Schulen dieselbe Freiheit wie bisher und einem französischen 
Gelehrten die Leitung der Altertümer zu lassen. 
Hinsichtlich Marokkos erklärte Frankreich, daß es nicht die Albsicht 
habe, den politischen Zustand zu ändern. Diese von den beiden Näch-- 
ten gebrauchte Wendung konnte, genauer betrachtet, keine Berpflichtung 
bedeuten, sondern eben nur die Feststellung eines augenblicklichen Feh- 
lens der Absicht, wobei natürlich vollkommen offen blieb, daß gelegentlich 
trotz der „fehlenden Absicht“ die in solchen Fällen immer zur Verfügung 
stehenden „Umstände“ zur Anderung des politischen Zustandes veran- 
laßten. Die Wendung „politischer Zustand“ war überlegt unbestimmt. 
Frankreich befand sich zu Marokko in einer ganz anderen Stellung 
wie Großbritannien zu Agyppten. Die Engländer herrschten hier schon 
längst, in jedem Sinne des Wortes und waren de facto auch international 
als Herren anerkannt. Mit den Franzosen stand es umgékehrt: sie wollten 
alles, aber sie besaßen nichts — als die Grenznachbarschaft durch Algerien. 
Um so eigentümlicher mußte der Widerspruch zwischen den Wen-
        <pb n="266" />
        224 3. Abschnitt. Bor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
dungen des Abkommens erscheinen, daß einerseits Frankreich das Fehlen 
einer Absicht, den politischen Zustand Marokkos zu ändern, erklärte, 
während anderseits schon im nächsten Satze Großbritannien Frankreich 
als der Nachbarmacht Marokkos das Recht zuerkennt, „über die Ruhe 
dieses Landes zu wachen und ihm seinen Beistand für alle administrativen, 
wirtschaftlichen, geldlichen und militärischen Reformen zu leihen“. Eine 
Macht, welche über die Ruhe eines schwachen, stets von inneren Streitig- 
keiten erfüllten Nachbarlandes wacht, kann das ohne seine Beherrschung 
und ohne Eingriffe in den „politischen Zustand“ nicht durchführen. Die- 
selbe Voraussetzung ist für jene „Beistand“leistung maßgebend. Oer 
folgende Satz des Abkommens vollends erklärt, daß Großbritannien 
dem Vorgehen, der „Aktion“ Frankreichs in Marokko keine Hindernisse 
in den Weg legen will unter der Voraussetzung, daß die britischen Rechte 
in Marokko geachtet würden. Beide Mächte betonen dann ihr Bekennt- 
nis zur Freiheit des Handels in Agypten und Marokko, reservieren sich 
aber nachher wiederum Konzessionen von Straßen, Eisenbahnen, Häfen 
usw. und limitieren zeitlich sogar die Gleichheit und Freiheit des Handels. 
Bei der Bieldeutigkeit und Unbestimmtheit der in dem Abkommen 
gebrauchten Wendungen fielen die Widersprüche damals vielleicht nicht 
so sehr in die Augen. Sie konnten gleichwohl bei näherer Prüfung nie- 
mandem entgehen. Ein grundlegender Unterschied zwischen Berhält- 
nissen Marokkos und Agyptens war der, daß Marokko weder den Fran- 
zosen gehörte, noch von ihnen okkupiert war, sondern daß die Unabhängig- 
keit des Sultans und die Integrität des Gebietes, auch von Frankreich, 
oft betont und international festgelegt worden war. Dieser Unterschied 
zeigt sich auch auffallend in den beiden Artikeln, welche die Freiheit des 
Suezkanales und die der Meerenge von Gibraltar nebeneinander stellten. 
Die britische Regierung erklärt sich für das Inkrafttreten des Suezkanal-- 
vertrages von 1888 und damit für die Garantie freier Durchfahrt. Die 
Enge von Gihbraltar ist keine künstliche Wasserstraße, sondern eine natür- 
liche Meerenge wie der Ärmelkanal, deren eines Ufer durch die spanische 
Küste und das englische Gibraltar begrenzt wird, das andere durch die 
marokkanische Küste. Wenn im Abkommen Großbritannien sich ver- 
bürgen ließ, daß auf einer gewissen Strecke der marokkanischen Küste 
keine Befestigungen errichtet werden dürften, so ging daraus hervor, 
daß auch in diesem öffentlichen Vertrage Großbritannien die französische 
Erklärung: man habe nicht die Absicht, den politischen Zustand Marokkos 
zu ändern, nicht ernst nahm. Artikel 9 des Abkommens enthielt die fol- 
genschwere Ubereinkunft der beiden Mächte, sich in der Durchführung 
der Bestimmungen des Abkommens diplomatische Unterstützung zu ge- 
währen.
        <pb n="267" />
        Die Entente Cordiale — Marokko — Hull — Kiel. 225 
  
Gleichzeitig mit diesem öffentlichen Abkommen hatten die beiden 
Mächte ein geheimes Abkommen abgeschlossen, das erst im November 
1911 veröffentlicht worden ist. 
Artikel 1 dieses Abkommens bestimmte, daß die gegenseitigen Ver- 
pflichtungen des öffentlichen Abkommens unberührt blieben, wenn die 
beiden Mächte sich durch die Gewalt der Umstände veranlaßt sehen sollten, 
ihre Politik hinsichtlich Agpptens oder Marokkos zu ändern. Dies wurde 
folgendermaßen spezialisiert: 
Artikel 2 sichert Großbritannien die freundliche Bereitwilligkeit 
Frankreichs zu: falls die britische Regierung Reformen in Agppten für 
wünschenswert halten sollte, welche das gesetzgeberische Spstem in Agyppten 
denjenigen anderer zivilisierter Länder annähern sollten. — Es handelte 
sich in erster Linie um eine eventuelle Aufhebung der Kapitulationen 
in Agppten. Oie britische Regierung sagt die gleiche Bereitwilligkeit 
für ähnliche Verhältnisse in Marokko zu, setzt bier also schon ein fran- 
zösisches Protektorat über Marokko voraus. 
Artikel 5 erörtert die Möglichkeit, daß der Sultan von Marokko keine 
Autorität mehr in seinem Lande habe. Für diesen Fall kommen die 
beiden Regierungen überein, daß das Hinterland von Melilla, Ceuta und 
anderen Presidios in den spanischen Einflußkreis fallen, die Verwaltung 
der Küste von Melilla bis zum Sebuflusse Spanien anvertraut werden 
solle. Spanien müsse sich verpflichten, die Artikel 4 und 8 des öffent- 
lichen Abkommens formell anzuerkennen und jene seiner Autorität unter- 
stellten oder in seinen Einflußkreis ausgenommenen Gebiete weder ganz, 
noch teilweise in andere Hände gelangen zu lassen. 
Artikel 4 bestimmt, daß im Falle der Ablehnung Spaniens das eng- 
lisch-französische Abkommen gleichwohl sofort in Kraft treten solle. 
Dieses geheime Abkommen ergänzte also das öffentliche in einer 
Weise, daß die in diesem gemachten Andeutungen, als ob Frankreich 
auch nur daran dächte, den „politischen Zustand“ in Marokko bestehen 
zu lassen, annulliert wurden. Auch hier tritt wieder der Unterschied zwi- 
schen den Verhältnissen Agpptens und denen Marokkos hervor: Agypten 
wurde damals schon seit geraumer Zeit durch Großbritannien tatsächlich 
regiert. Daß die Kapitulationen früher oder später einmal aufgehoben 
werden würden, war nur eine Frage der Zeit, wie sie auch heute noch 
eine solche ist. Auf die Regierung Marokkos hatte Frankreich damals 
aber keinen maßgebenden Einfluß. Das Land und der Sultan waren 
tatsächlich noch unabhängig und selbständig. Erklärte sich Großbritannien 
also zu entsprechenden Gegendiensten in Marokko bereit, so setzte es damit 
eine vorherige Eroberung Marokkos durch Frankreich voraus. Oie fol- 
genden Geheimartikel bezweckten, Frankreich zu verhindern, sich der 
Graf Reventlow, Deutschlande auswärtige Polltik. 15
        <pb n="268" />
        226 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905—1908. 
  
marokkanischen Küste zu bemächtigen. Gleichermaßen sorgte die britische 
Politik durch eine Verpflichtung Spaniens vor, daß dieses sein marokka- 
nisches Küstengebiet nicht etwa an Frankreich oder gar an Oeutschland 
in irgendeiner Form veräußerte. 
Im Grunde bedeutete also das geheime Abkommen die Vollmacht 
für Frankreich, sich, im scharfen Gegensatze zu allen bieherigen Ver- 
trägen, Marokkos zu bemächtigen, mit Ausnahme des nördlichen Küsten- 
stückes, welches Großbritannien nicht in der Hand einer anderen See- 
macht wissen wollte. Berührt wurde dieser Punkt ja auch schon in dem 
öffentlichen Abkommen. Die aus ihm ersichtlichen Garantien erschienen 
Lord Rosebery aber so ungenügend, daß er in einer Versammlung im 
Sommer 1904 ausrief: „Möge die Macht, welche Gibraltar besitzt, nie- 
mals Grund zum Bedauern darüber haben, daß sie Marokko einer großen 
Militärmacht überantwortet hat.“ Im damaligen britischen Taumel fran- 
zösischer Freundschaft erregte diese Kritik lebhafte Entrüstung auf beiden 
Seiten des ÄArmelkanals. 
Das öffentliche französisch-spanische Abkommen enthielt lediglich 
die formale Zustimmung Spaniens zum öffentlichen französisch-eng- 
lischen Abkommen hinsichtlich Marokkos und Agypptens, außerdem die 
ausdrückliche Erklärung Spaniens und Frankreichs: festzuhalten nach 
wie vor an der Integrität des Marokkanischen Reiches unter der Souve- 
ränität des Sultans. 
Am gleichen Tage war aber auch zwischen diesen beiden Mächten 
ein geheimes Abkommen geschlossen worden, das in scharfem Gegensatze 
zu dem öffentlichen Abkommen die Teilung Marokkos zwischen Spanien 
und Frankreich festsetzte und des näheren erörterte. Artikel 2 dieses Ab- 
kommens legte unter genauer Anführung der Grenzen das Gebiet der 
spanischen Einflußsphäre fest, „welches Spanien kraft seiner Besitzungen 
an der maurischen Küste des Mittelmeeres zufällt“". In diesem Gebiete 
erhält Spanien dasselbe Recht des Handelns („Action"), wie Frankreich 
sich von England in dem Abkommen über Agypten und Marokko hat 
garantieren lassen. Der Artikel fährt dann fort: „Im Hinblicke gleich- 
wohl auf bestehende Schwierigkeiten und auf das Interesse beider Teile, 
sie zu überwinden, erklärt Spanien, daß es dieses Recht des Handelns 
nicht ausüben will, ohne die Zustimmung Frankreichs während der ersten 
Periode des Inkraftseins dieses Abkommens, einer Periode, welche nicht 
länger als fünfzehn Zahre, von der Unterzeichnung des Abkommens ge- 
rechnet, dauern soll.“ 
Der folgende Artikel gibt dann die Ergänzung: „Im Falle, daß die 
Fortdauer des politischen Status in Marokko und der scherifischen Re- 
gierung unmöglich werden sollte, oder wenn infolge der Schwäche dieser
        <pb n="269" />
        Die Entente Cordiale — Marokko — Hull — Kiel. 227 
  
  
Regierung und ihrer dauernden Unfähigkeit, Gesetz und Ordnung auf- 
recht zu erhalten, oder infolge irgend-(l) einer anderen Ursache, deren 
Vorhandensein von beiden Teilen anerkannt wird, der Status quo nicht 
länger aufrecht erhalten werden kann, so mag Spanien frei sein Recht 
der Aktion in dem betreffenden Gebiete ausüben. Für diesen Fall des 
Ausübens verpflichtet sich Spanien, unter keinen Umständen die Hilfe 
einer fremden Macht anzurufen. Wenn militärische Aktionen notwendig 
sind, soll die andere vertragschließende Macht unmittelbar in Kenntnis 
gesetzt werden.“ Im übrigen erörtert das Abkommen alle denkbaren 
Einzelheiten und verpflichtet die beiden Mächte, alle öffentlichen Ar- 
beiten in Marokko und alle wirtschaftlichen Unternehmungen nur fran- 
zösischen und spanischen Unternehmern zu übergeben. 
Dieses Abkommen wurde der englischen Regierung amtlich mit- 
geteilt, und die Note wies besonders darauf bin, daß es vollinhaltlich 
geheim zu halten sei. Lord Lansdowne antwortete darauf: „OSch brauche 
nicht zu sagen, daß der vertrauliche Charakter der Konvention zwischen 
dem Präsidenten der französischen Republik und dem Könige von Spanien 
betreffend die französischen und die spanischen Interessen in Marokko 
von uns in vollem Maße anerkannt und gebührende Beachtung 
finden wird.“ 
Diese vier Abkommen und der letzterwähnte französisch-englische 
Notenwechsel bilden also ein „Ganzes“, allerdings in eigentümlicher 
Weise. Das öffentliche und das geheime Abkommen zwischen Frank- 
reich und England ergänzen einander zum Teil, teils widersprechen sie 
einander. Sie sind ein Muster diplomatischer contradictio in adjecto. 
Das öffentliche und das gebeime französisch-spanische Abkommen wider- 
sprechen einander von A bis 8. Das öffentliche Abkommen sollte nur 
täuschen, außerdem keinen Verdacht der Tatsache aufkommen lassen, daß 
Frankreich und Spanien sich über eine Teilung Marokkos geeinigt hätten. 
Der französisch-englische Notenwechsel dagegen gab Großbritannien 
einerseits die Sicherheit, über alles, was von Frankreich und Spanien ge- 
schehen sollte, auf dem laufenden zu bleiben, anderseits bestätigte er 
diesen beiden Mächten, daß die britische Regierung mit der beabsich- 
tigten Teilung und der Art ihrer Ausführung einverstanden war. 
Ehe wir auf die politischen Ereignisse, die folgten, eingehen, ist die 
Beantwortung der Fragen nötig: 1. wie geartet war die internationale 
Stellung Marokkos bis dahin, 2. welches war die bisherige Stellung 
Deutschlands zu Marokko? 
Für die internationale Stellung Marokkos war die Konvention von 
Madrid vom Zahre 1880 maßgebend. Sie bildete das Ergebnis der ersten 
internationalen Marokkokonferenz. 
13“
        <pb n="270" />
        228 S. Abschnitt. Bor und nach Allgeciras. 1905—1908. 
  
Die Madrider Konvention enthielt als Hauptpunkt den Artikel (18): 
„Marokko erkennt allen auf der Konferenz von Madrid vertretenen Mäch-- 
ten das Recht der meistbegünstigten Nation zu!“ 
Bis dahin, auch das ist für die Entwicklung der Marokkofrage wichtig, 
war das Recht der Meistbegünstigung auf Großbritannien und Frankreich 
beschränkt gewesen. Im übrigen beschäftigte sich diese Konvention mit 
der Regelung des Konsularwesens in Marokko und dem der sogenannten 
Schutzbefohlenen, dem Eigentumserwerbe in Marokko von Ausländern 
uss. Das Deutsche Reich arbeitete auf der Konferenz in engem Ein- 
vernehmen mit Großbritannien, und es waren hauptsächlich diese beiden 
Mächte, welche die Ausdehnung der Meistbegünstigung, also die gleiche 
Handelsfreiheit für alle, durchsetzten. In der Madrider Konvention 
wurden der Sultan von Marokko und seine Regierung als eine tatsächlich 
unabhängige Macht betrachtet und behandelt. 
Nähere Beziehungen Frankreichs zum marokkanischen Reiche er- 
gaben sich ohne weiteres aus der Lage Marokkos. Ourch Algerien war 
Frankreich auf einer langen Landgrenze unmittelbar Nachbar des marok- 
kanischen Gebietes geworden. Südlich von Marokko lag das französische 
Senegambien, nach Mittelafrika zu schloß sich die Wüste Sahara an. 
Es konnte nicht fehlen, daß die seit Zules Ferrpy in den achtziger und 
später unter Hanotaux in den neunziger Jahren immer großzügiger arbei- 
tende Kolonialpolitik Frankreichs in ihrem VBerlaufe von selbst den Ge- 
danken wachrief, durch Einverleibung Marokkos in das afrikanische Ko- 
lonialreich Frankreichs dieses zu einem gewaltigen zusammenhängenden 
Gebiete zu machen. Solange Bismarck am Ruder war, ermutigte er 
bekanntlich Frankreich zu jeder kolonialen Unternehmung. Er hatte den 
Franzosen 1881 gestattet, Tunis zu nehmen; leicht und schnell war dieses 
Gebiet, wenn auch nicht der Form nach, so doch de facto in Frankreichs 
Besitz übergegangen. Mit Marokko lag die Sache anders: Hier hatte 
man ein großes unerforschtes, teils sehr gebirgiges Land, eine wilde und 
kriegerische Bevölkerung und einen Sultan, der mit seiner Regierung es 
gut verstand, diejenigen europäischen Mächte, die er für seine Gegner 
hielt, gegeneinander auszuspielen. Dazu kam, daß in den achtziger und 
neunziger Jahren Großbritannien seine Aufmerksamkeit auf Marokko 
gerichtet zu haben schien. Außerdem hatte Frankreich durch andere afri- 
kanische Kolonialfragen und daraus entstehende Reibungen mit Groß- 
britannien zuviel zu tun, um sich mit voller Kraft gegen Marokko wenden 
zu können. Algerische Grenzkämpfe an einer übrigens niemals fest- 
gelegten Grenze wurden dagegen fleißig benutzt, um diese Grenze immer 
mehr in das marokkanische Gebiet hineinzuschieben. Alles in allem: 
Marokkos Bedeutung und das Endziel: seine Eingliederung in den fran-
        <pb n="271" />
        Die Entente Cordiale — Marokko — Hull — Kiel. 229 
  
zösischen Kolonialbesitz waren den französischen Kolonialpolitikern wohl 
klar, aber man rechnete vorläufig nicht mit einer Verwirklichung. Zeden- 
falls: gegen England Marokko zu gewinnen, stand außer Betracht. Man 
begnügte sich, den französischen Einfluß in Fes jeweilig nach Möglichkeit 
zur Geltung zu bringen, das Land wurde nach allen Richtungen durch- 
forscht, und nach bewährter Methode wurden Einfälle marokkanischer 
Grenzstämme nach Algier hinein arrangiert, denen dann Strafexpedi- 
tionen folgten und für weitere Grenzverschiebungen sorgten. Nachdem 
Delcassé ans Ruder gekommen war, benutzte er den Burenkrieg, um die 
auf marokkanischem Gebiete liegenden Oasen von Tuat, Aigli und Sus- 
fana dem algerischen Gebiete anzugliedern. 
Damals wurde ein französischer Staatsangehöriger in Marokko er- 
mordet, und Delcassé bediente sich dieser Gelegenheit, um eine drohende 
Note an den Sultan zu richten. Die marokkanischen NRiffpiraten hatten 
einen französischen Kaufmann ermordet, und ein Brief des Sultans fiel 
den Franzosen in die Hände, in dem dieser den Tuatstämmen anempfahl, 
den Franzosen Grenzschwierigkeiten zu machen. Ob jener Brief echt 
war, und wie er zustande gekommen ist, steht dabin, jedenfalls wurde der 
Sultan auf die Drohungen des französischen Gesandten hin von Schrecken 
ergriffen, gelobte Nachgiebigkeit und die Entsendung eines Sonder- 
gesandten nach Paris. Die Annexion der genannten Oasen war die Folge. 
Frankreich schloß durch jenen Gesandten eine Art Abkommen mit Marokko, 
in dem es auf der einen Seite die Achtung der Integrität Marokkos ver- 
bürgte. Auf der anderen Seite wurde die Nachbarschaft der beiden Län- 
der als Grundlage für ihre Beziehungen bezeichnet. Ourch den fran- 
zösischen Gesandten aber ließ Delcassé dem Sultan sagen, daß Frank- 
reich für Marokko der beste und sicherste, für die marokkanische Integrität 
am meisten besorgte Freund, aber auch der furchtbarste aller für Marokko 
denkbaren Feinde sein könne. In diesen Wendungen lag die Idee eines 
französischen Protektorates schon enthalten. 
Im Hochsommer 19053, so kann man annehmen, war das Marokko- 
abkommen mit England bereits seinem materiellen Inhalte nach ver- 
einbart. Vorher allerdings hatte Delcassé einen Versuch gemacht, ohne 
Großbritanniens Mitwirkung zu einer Teilung Marokkos mit Spanien 
zu gelangen. Man erzählt, daß auch Deutschland hätte daran beteiligt 
werden sollen, ja, daß die französische Regierung bereit gewesen wäre, 
dem Deutschen Reiche einen Teil des atlantischen Marokko zu überlassen. 
Da nie etwas Authentisches hierüber bekannt geworden ist, so kann keine 
Stellung dazu genommen werden. Oie Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, 
aber eine ernste Wahrscheinlichkeit besteht kaum. Sie liegt weder im Rah- 
men der Delcasséschen Gesamtpolitik, noch der des Deutschen Neiches,
        <pb n="272" />
        230 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—190 8S. 
insbesondere Bülows. Tatsache sind aber die Verhandlungen Frankreichs 
mit Spanien in den Jahren 1901 und 1902. Trotz der Geheimhaltung 
wurden die Verhandlungen der britischen Regierung bekannt, sie legte 
sich bei Spanien ins Mittel. Das Kabinett Sagasta trat zurück, das neue 
Kabinett Silvela brach die Verhandlungen ab. Spanien hatte die Uber- 
zeugung gewonnen, daß es ohne und gegen Großbritannien kein Marokko- 
abkommen mit Frankreich abschließen könne. Delcassé war also, wollte 
er seine Marokkopolitik weiter durchsetzen, auf Zusammengehen mit Groß- 
britannien angewiesen. Es bot sich als Gegenwert Agypten, und nun 
konnte auch Spanien ohne Furcht, Großbritannien zu mißfallen, auf 
neuer Basis die Verhandlungen mit Frankreich wieder aufnehmen. 
Das Deutsche Reich trat im Jahre 1873 in Beziehungen zu Marokko: 
ein deutscher Geschäftsträger wurde für Marokko vorgesehen. 1889 be- 
suchte eine marokkanische Sondergesandtschaft Berlin, und im Zahre darauf, 
1890, wurde ein Handelsvertrag zwischen der marokkanischen und der 
deutschen Regierung abgeschlossen. Damals, in der Caprivischen Periode 
unbedingten Anschlusses an Großbritannien in allen kolonialen Fragen, 
setzte die deutsche Regierung die Unterzeichnungsmächte der Madrider 
Konvention von dem Inhalte dieses Vertrages vor seiner Natifizierung 
in Kenntnis und teilte ihnen gleichzeitig mit, daß eine Ratifizierung nur 
dann erfolgen würde, wenn sie nichts dagegen einzuwenden hätten. Die- 
ses war nicht der Fall, und so wurde der Vertrag ratifiziert. In Marokko 
selbst betätigte sich das Deutsche Reich überhaupt nur in engem Einver- 
nehmen mit Großbritannien, ob es sich um Expeditionen von Forschern 
oder um Unterstützung wirtschaftlicher Agenten handelte. Ourch dieses 
Zusammenarbeiten entstand in Frankreich zeitweise der Glaube, Groß- 
britannien und Deutschland beabsichtigten, Marokko unter sich zu teilen. 
Tatsächlich ist das wohl von der deutschen Regierung ebensowenig beab- 
sichtigt gewesen wie eine Teilung Marokkos zwischen Deutschland, Frank- 
reich und Spanien. Schon früh in den neunziger Jahren gab es freilich 
Strömungen in Oeutschland, die mit steigendem Nachdrucke auf den Wert 
Marokkos für das Deutsche Reich hinwiesen. Deutsche Forscher waren er- 
füllt von den Zukunftsmöglichkeiten, welche das Land mit seinen Küsten 
und Häfen nach jeder Richtung hin bieten könne. Von Gerhard Nohlfs 
bis Theobald Fischer herrschte Einstimmigkeit über die glänzenden wirt- 
schaftlichen Aussichten Marokkos. Daß die deutsche Regierung aber, sei 
es unter Bismarck, unter Caprivi oder unter Hohenlohe, jemals ernstlich 
an einen Landerwerb gedacht habe, kann man als ausgeschlossen bezeichnen. 
Auch dem Fürsten Bülow hat eine derartige Politik von Anfang an fern- 
gelegen. Ebenso wie im fernen Osten, so stand Bülow hier auf dem Stand- 
punkt: keine Gebietserweiterung, keine Eroberungspolitik, dagegen Auf-
        <pb n="273" />
        Die Entente Cordiale — Marokko — Hull — Kiel. 231 
  
  
rechterhaltung des Prinzipes der offenen Tür. Oer deutsche Botschafter 
in Paris, Fürst Radolin, erklärte 1901 von seiten seiner Regierung, daß 
diese ein unabhängiges Marokko wolle mit völliger Handelsgleichheit. 
Sollten die Ereignisse eine Beeinträchtigung der marokkanischen Unab- 
hängigkeit notwendig machen, so verlange Deutschland befragt und be- 
teiligt zu werden. Ob, wie behauptet, Chamberlain in der Zeit seiner 
Entente-Angebote an Deutschland der deutschen Regierung eine Teilung 
Marokkos unter Zuziehung Spaniens, aber ohne Frankreich, vorgeschlagen 
hat, und wenn — unter welchen Bedingungen, bleibe dahin gestellt; auf 
alle Fälle wäre das Angebot ohne Wert gewesen. 
1902 erklärte Fürst Bülow einem Pariser Journalisten das Folgende: 
„Die Marokkofragen berühren Deutschland weniger, weil unsere Inter- 
essen dort noch geringer sind als in China und, offen gesagt, ich zähle 
die marokkanische Frage nicht zu denjenigen, welche die Aufmerksamkeit 
der deutschen Diplomatie in unmittelbarer Weise auf sich ziehen. Wir 
freuen uns, daß Frankreich und Italien, die im Mittelmeer große und 
ernste Interessen haben, sich hierüber verständigt haben. Wir verfolgen 
im Mittelmeer keine aktive Politik.“ Deutschland verlange dagegen die 
ehrliche und dauerhafte Aufrechterhaltung des Status quo und der offenen 
Tür. „Wir verlangen nichts anderes, und das ist das Interesse, welches 
wir zu verteidigen haben, wenn es bedroht sein sollte. Wie ich soeben 
sagte, ist die Situation in ihrer Gesamtheit eine sehr günstige, und wir 
wünschen, daß der politische Horizont auch in Zukunft keine schwarzen 
Punkte aufweisen möge.“ 
Mitteilungen eines Staatsmannes, die an einen Journalisten gerichtet, 
somit für die Offentlichkeit bestimmt sind, haben selbstverständlich nicht 
den Wert eines Dokumentes. Ebensowenig kann bezweifelt werden, daß 
sie unter Umständen auch angewandt werden, um eine der Meinungs- 
äußerung entgegengesetzte Politik zu verschleiern. In diesem Falle je- 
doch findet man die öffentliche Stellungnahme des Fürsten Bülow nicht 
nur in vollem Einklange mit der Haltung, welche die deutsche Politik 
Marokko gegenüber vorher stets eingenommen hatte, sondern auch mit 
derjenigen, welche Bülom als Staatssekretär und als Reichskanzler in 
häufigster Wiederholung und bei jeder Gelegenheit immer wieder als 
seinen Grundsatz und seine Nichtlinie hingestellt und auch nach Kräften 
betätigt hat: keine Eroberungen, kein Gebietserwerb, anstatt dessen offene 
Tür. Im Deutschen Reichstage äußerte Bülow sich unmittelbar nach 
Veröffentlichung des französisch-britischen Abkommens vom 8. April 1904: 
Er könne zwar natürlich nicht alles sagen, aber Deutschland habe 
keinen Grund anzunehmen, daß das Abkommen eine Spitze gegen irgend- 
eine andere Macht enthalte. „Was vorzuliegen scheint, ist der Versuch,
        <pb n="274" />
        232 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
eine Reihe von Differenzpunkten, die zwischen England und Frankreich 
bestanden, auf dem Wege gütlicher Verständigung aus der Welt zu räu- 
men.“ Dagegen könne man vom deutschen Standpunkte nichts einzu- 
wenden haben. Ein gespanntes englisch-französisches Verhältnis wünsche 
Deutschland nicht, weil es den Weltfrieden wünsche. Im Mittelmeere 
und in Marokko sei Deutschland im wesentlichen wirtschaftlich interessiert 
und habe ein erhebliches Interesse an Ruhe und Ordnung in Marokko. 
„Unsere merkantilen Interessen in Marokko müssen und werden wir 
schützen. Wir haben keinen Grund zu befürchten, daß diese unsere Inter- 
essen in Marokko von irgendeiner Macht mißachtet oder verletzt werden 
könnten.“ 
Wer diese Sätze und Wendungen aufmerksam durchliest, wird zu- 
nächst den Eindruck einer gewissen Zurückhaltung in der Beurteilung der 
Bedeutung des Abkommens empfinden. Die Wendungen: „was vor- 
zuliegen scheint“, ferner: „Man habe keine Ursache anzunehmen, das 
Abkommen enthalte eine Spitze gegen eine andere Macht“ — lassen darauf 
schließen. Es mag dahingestellt sein, ob der Reichskanzler diese unbestimm- 
ten, auch als Vorbehalt zu verstehenden Wendungen gebraucht hat, weil 
das Abkommen ihm von der französischen Regierung nicht amtlich mit- 
geteilt worden war, oder weil er vermutete, daß neben dem veröffent- 
lichten Abkommen noch geheime Abmachungen beständen. Die Eventua- 
litäten, welche er in dieser Beziehung öffentlich zu betonen für angezeigt 
hielt, legt er in die Sätze, welche Ruhe und Ordnung in Marokko als ein 
„erhebliches Interesse“ Deutschlands bezeichneten, und daß man unsere 
merkantilen Interessen in Marokko schützen „müsse“ und „werde“. Der 
letzte Satz wiederum: „Wir haben keinen Grund usw...“ konnte viel- 
leicht von Wissenden damals als eine leise Warnung ausgelegt werden. 
Soweit war alles konsequent und entsprach den tatsächlichen Richt- 
linien der Bülowschen Politik. Die Wendung des Kanzlers, wir hätten 
kein Interesse an einem gespannten englisch-französischen Berhältnisse, 
schon im Interesse des Weltfriedens nicht, erregte damals vielfach Wider- 
spruch; auch im Reichstage wurde dem Kanzler vorgeworfen, das englisch- 
französische Abkommen bedeute eine Niederlage der deutschen Politik. 
Der größte Teil der nationalen Presse war sich darüber einig, daß gerade 
die Beseitigung von Oifferenzpunkten zwischen Großbritannien und 
Frankreich, ganz abgesehen von Marokko selbst, die europäische Stellung 
des Deutschen Reiches schädige und schwäche. Wenn Fürst Bülow sich 
gegen diese und andere Vorwürfe meist mit dem Argumente verteidigte, 
es sei durchaus nicht erforderlich für die deutschen Interessen: Zwietracht 
zwischen anderen Mächten zu stiften oder bestehende Zwiespalte offen 
zu halten, so war nur natürlich, daß er das Gegenteil öffentlich unter
        <pb n="275" />
        Die Entente Cordiale — Marokko — Hull — Kiel. 233 
  
keinen Umständen zugeben konnte, und zwar weder vom Standpunkte 
des deutschen Interesses, noch von seinem persönlichen. Hätte er gesagt: 
„Wir konnten diese Annäherung zwischen den beiden Westmächten be- 
dauerlicherweise nicht verhindern“, so hätte er damit in Deutschland nie- 
mandem gedient, und nach außen wäre eine solche Bemerkung so lange 
eine Unmöglichkeit gewesen, wie das Deutsche Reich beabsichtigte, mit 
Großbritannien und Frankreich in Frieden zu leben. 
*# r## 
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Hätte Fürst Bülow aber damals im Reichstage die Wahrheit sagen 
können, oder wäre man imstande gewesen, sie einwandfrei zu erkennen, 
so würde sich vermutlich gezeigt haben, daß es keine Ungeschicklichkeit, 
kein Mangel an Energie und rein diplomatischer Umsicht gewesen war 
seitens des Leiters der deutschen Politik und seiner Organe, sondern 
daß es sich um eine Konsequenz der Bülowschen Politik überhaupt 
handelte. 
Wir haben gesehen, mit welcher Ausdauer und Unermüdlichkeit 
trotz aller Differenzen in Gegenwart und BVergangenheit, trotz der tiefsten 
Verstimmungen zwischen Volk und Volk und verschiedentlich auch zwi- 
schen den leitenden Männern, Großbritannien immer wieder versucht 
hatte, die Politik des Deutschen Reiches für solche Wege zu gewinnen, 
die beide zusammen beschreiten könnten. Oie ständige Antwort Bülows 
in Wort und Tat war gewesen: Deutschland geht gelegentlich gern mit 
Großbritannien zusammen, natürlich nur da, wo seine eigenen Interessen 
die Hauptrolle spielen, natürlich auch nur unter der Bedingung vollster 
Gleichberechtigung und dabei unter restloser Wahrung der freien Hand 
nach anderen Seiten. Im britischen Parlamente warf man während jener 
Lahre der Regierung verschiedentlich vor, sie werbe in würdeloser Weise 
um deutsche Freundschaft und ein deutsches Bündnie und hole sich da- 
für kühle öffentliche Abweisungen vom deutschen Kanzler. Wir haben 
uns vorher bemüht, darzulegen, aus welchen Gründen und Anlässen 
diese Periode englischer Werbungen ihr Ende nahm. Bielleicht war die 
Bülowsche Stellungnahme der Mandschurei gegenüber nur der „etzte 
Tropfen“, aber darauf kommt es schließlich in diesem Zusammenhange 
nicht an. Von entscheidender Bedeutung für die Beurteilung der da- 
maligen deutschen Politik und ihrer im vollen Sinne des Begriffes grund- 
legenden Folgen ist aber die Tatsache, daß die entschiedene Annäherung 
Englands an Frankreich im selben Augenblicke erfolgte, wie die Abkehr 
von Deutschland. Für Großbritannien waren diejenigen Punkte, welche 
das Marokkoabkommen erledigte, weder dringlicher, noch vitaler Natur. 
Hätte sich ferner der jenseits der Nordsee gewünschte englisch-deutsche
        <pb n="276" />
        234 3. Abschnitt. Bor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
Zusammenschluß damals vollzogen, so würde zweifelsohne — unbeschadet 
vielleicht irgendwelcher kolonialen Regelungen wie schon früher — die 
Entente Cordiale zwischen Frankreich und Großbritannien nicht einge- 
treten sein. Zu einer Entente Cordiale mit dem Deutschen Reiche be- 
durfte Großbritannien keiner mit Frankreich. Es gab genug Differenz- 
punkte zwischen den beiden Mächten, die Großbritannien dann mit Deutsch- 
land zusammen zu seinen und Deutschlands Gunsten mit Sicherbeit 
und Leichtigkeit hätte durchdrücken können. Großbritannien braucht aber 
notwendig eine der großen Festlandmächte, und als die britischen Staats- 
männer sahen, daß Deutschland im Gegenteil auf die Freundschaft Ruß- 
lands entscheidenden Wert legte, da vervielfachte sich jene Notwendig- 
keit für Großbritannien. 
Eine Erneuerung des russisch-deutsch-französischen Einverständnisses 
im fernen Osten von 1895, jetzt 1904, im Zeichen des Russisch-Japani- 
schen Krieges, also unter denkbar erschwerenden Umständen, war für die 
britische Politik ein unbedingt zu verbinderndes Ereignis. DOie einzige 
Möglichkeit, es zu verhindern, war, Frankreich an Großbritannien zu 
binden. Der weitere Grund kam hinzu, daß man in England nachgerade 
nicht mehr zweifeln konnte, das Deutsche Reich werde mit der Zeit zur 
See ein von Jahr zu JZahr mehr beachtenswerter Gegner werden. Auch 
unter diesem Gesichtspunkte war es von höchstem Interesse für Groß- 
britannien, sich maritim durch eine enge Freundschaft mit Frankreich 
im Mittelländischen Meer und am atlantischen Ausgange des Armelkanales 
entlasten zu können. Ob es König Eduard gewesen ist, dessen persönliche 
Einsicht und Neigung für diese Wendung maßgebend wurde, ist nicht 
bekannt, aber sicher, daß er ihr persönlich die Bahn gebrochen hat. Bei 
Delcassé kam er, wie wir wissen, nicht nur einem Wunsche, sondern dem 
Bedürfnis seiner Lebensarbeit entgegen. Aus allen diesen Gründen 
erklärte sich auch die Schnelligkeit, mit der sich die Ereignisse folgten: 
Anfang Zuni 1903 König Eduard in Paris, Anfang Juli 1903 Loubet 
und Delcassé in London, unmittelbar nachher Veröffentlichung des Schieds- 
vertrages, und ein halbes Jahr später schon die Beröffentlichung des 
umfangreichen Abkommens über Agppten, Marokko, Neufundland, die 
neuen Hebriden, Senegambien und Siam, weiter die gebeimen Ver- 
träge, über deren politische Bedeutung und internationale Tragweite 
sich niemand auf beiden Seiten im unklaren war. 
Eingesetzt hat diese neue Politik Englands anscheinend beinahe un- 
mittelbar nach der Thronbesteigung König Eduards. Kurz, alles deutet 
daraufhin, daß dieser Monarch das Programm in großen Zügen schon 
fertig mit auf den Thron brachte, vielleicht zum Teil in der instinktiven 
Erbenntnis, daß mit dem zu Lande stationären, zur See zurückgehenden
        <pb n="277" />
        Die Entente Cordiale — Marokko — Hull — Kiel. 235 
  
Machtfaktor Frankreich auf die Dauer bequemer zu leben sei als mit dem 
nach jeder Richtung wachsenden Machtfaktor Deutschland. Ihn hoffte 
man aber durch vereinte Kräfte einzuschüchtern. Auch soll König Eduard 
wie mehrere englische Staatsmänner und ein großer Teil der öffentlichen 
Melnung Großbritanniens dem Deutschen Kanzler besondere Abneigung 
entgegengebracht haben. 
Das englisch-französische Abkommen wurde in der Presse beider 
Länder mit großer Freude bewillkommnet, vielfach trat gleichzeitig die 
Spitze gegen Deutschland hervor. In den Parlamenten der beiden En- 
tentemächte äußerte man sich dagegen zurückhaltend. In der französi- 
schen Kammer fanden sich damals sogar Stimmen, welche die Regierung 
heftig anklagten, weil sie Agppten preisgegeben habe, und Mr. Deschanel 
erklärte: Frankreich habe alles der Jdee einer Eroberung Marokkos ge- 
opfert. England mache das bei weitem bessere Geschäft. Der Deputierte 
Delafosse war weitsichtiger, er sagte: „Die Herrschaft Englands in Agypten 
ist längst eine vollzogene Tatsache. Für die Preisgabe unserer unfrucht- 
baren theoretischen Rechte in Agypten haben wir uns ersprießliche und 
tatsächliche Rechte in Marokko gesichert. Marokko ist uns hundertmal 
wertvoller, als Agypten je war, auch weil es unds gegebenenfalls Kon- 
tingente militärischer Streitkräfte zu liefern vermag, wie wir sie für unsere 
Kolonien in Afrika brauchen. Das Zdeal der Diplomatie wäre: ein 
Dreibund zwischen Frankreich, England und Rußland.“ Eine 
für jene Zeit wirklich bemerkenswerte politische Erkenntnis eines Poli- 
tikers, der gleichwohl der damaligen Regierung und Oelcassé selbst poli- 
tisch sehr fern stand! Auffallend war, daß Delcassé damals, also schon im 
November 1904, offen in der Kammer erklärte: das Ziel der französischen 
Regierung, als sie das Abkommen abschloß, sei gewesen, das Ubergewicht 
Frankreichs in Marokko herzustellen. Frankreich habe in Marokko die 
Hände frei. Das Abkommen werde Frankreichs Stellung in der Welt 
stärken. Das Abkommen wurde von Kammer und Senat angenommen. 
Die Außerung Delcassés richtete sich mittelbar gegen Deutschland, denn 
ein Ubergewicht Frankreichs in Marokko in der ganzen dehnbaren Be- 
deutung dieses Begriffes lief dem Inhalte des Madrider Bertrages und 
auch des deutsch-marokkanischen Handelsabkommens zuwider. 
In der spanischen Kammer nahm der frühere Minister, Graf Roma- 
nones, die Erörterung des Abkommens mit Frankreich zur Gelegenheit 
der Feststellung, daß Spanien von 1890 bis 1895 dem Oreibunde ange- 
hörte, aber zu jenem Termine seine Zugehörigkeit gekündigt habe. Uber 
den Vertrag war man sehr erfreut und erklärte, daß Frankreich in Marokko 
überall den Fortschritt, die Menschenliebe und Humanität verbreite. 
Der Ministerpräsident erwähnte noch jenen, von Spanien nicht ratifi-
        <pb n="278" />
        236 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
zierten Marokkovertrag vom Jahre 1902 und meinte, damals habe die 
Vorsehung Spanien vor einer furchtbaren Gefahr bewahrt. 
In Großbritannien äußerte man sich, wie stets in solchen Fällen, 
mit Zurückhaltung über das Abkommen. Der Minister des Auswärtigen, 
Lord Lansdowne, sprach von der Genugtuung, die man darüber emp- 
finden müsse, daß zwei große Nationen versöhnlich ihre Ansprüche unter- 
einander regelten, und hoffte, daß das auch in Zukunft geschehen möge. 
Der Premierminister Balfour meinte, man könne gleichwohl auch mit 
Deutschland in Frieden und Freundschaft leben. Vor allem aber sei nun 
endlich die ewige Drohung eines englisch-französischen Krieges beseitigt. 
Als Tauschgeschäft allein dürfte das Abkommen nicht betrachtet werden. 
Er glaube, daß die Geschichte es einst billigen werde, und daß diese wich- 
tige Urkunde als der Beginn einer neuen glücklichen Zeit in den inter- 
nationalen Beziehungen Großbritanniens werde betrachtet werden. — 
Bei aller Zurückhaltung des Aus#drucks fühlt man aus diesen Worten 
Mr. Balfours den großen Gesichtspunkt heraus: Großbritannien ist 
mit seiner Kontinentalpolitik aus der Periode der Unbestimmtheit und 
des Tastens herausgelangt. Die Entscheidung ist gefallen! 
Oie Frage, welche sich mit der neuen Kombination aufwerfen mußte: 
Wie wird die Stellung Rußlands, des Bundesgenossen Frankreichs be- 
einflußt werden, nachdem Frankreich und Großbritannien enge Freund- 
schaft geschlossen haben? — diese Frage blieb vorläufig offen, denn Ruß- 
land führte Krieg mit dem Bundesgenossen Großbritanniens! 
* * 
* 
Zu Lande wie zur See hatte der Krieg im fernen Osten einen aus- 
nahmslos unglücklichen Verlauf für die russischen Waffen genommen. 
Sämtliche Großmächte hatten ihre Aeutralität erklärt, China wurde auf 
Betrieb der Mächte und unter tätiger Anteilnahme des Deutschen Reiches 
neutralisiert. Beiläufig bemerkt, ermangelte man in England nicht, eben- 
sowenig wie auf seiten der deutschen Sozialdemokratie, dem Fürsten 
Bülow diese Beteiligung als eine Parteinahme für Rußland, also als einen 
Mangel an ANeutralität, auszulegen. In Wirklichkeit war die Neutrali- 
sierung Chinas etwas Selbstverständliches, besonders vom Standpunkte 
derjenigen Mächte, die wirtschaftliche Interessen in China besaßen. Sie 
konnten nicht wünschen, daß auch außerhalb der Mandschurei der chine- 
sische Boden zum Kampfplatz werde. Natürlich war es für Rußland eine 
Erleichterung, daß die vom Beginne des Krieges an auf Kriegefuß stebende 
Armee des chinesischen Generals Ma in der Mongolei damit ausgeschaltet 
wurde. Sie hatte eine schwere Drohung für die rechte russische Flanke 
gebildct.
        <pb n="279" />
        Oie Entente Cordiale — Marokko — Hull — Kiel. 237 
  
Fürst Bülow äußerte sich auf sozialdemokratische Angriffe hin fol- 
gendermaßen: „Man hat uns einen Vorwurf daraus gemacht, daß wir 
uns für die Neutralisierung von China interessiert haben. Unsere Haltung 
ging aber auch in dieser Beziehung aus klaren und einwandfreien Motiven 
hervor.“ Die Neutralisierung sei ein Mittel zur Lokalisierung des Krieges, 
ferner zur Beruhigung des chinesischen Hofes und zum Vorbeugen einer 
erneuten fremdenfeindlichen Bewegung. Außerdem, so sagte der Kanzler, 
sei gerade das Eintreten Deutschlands für die Aeutralisierung der offen- 
kundigste Beweis dafür, daß Deutschland nicht daran denke, sich ein Stück 
China anzueignen. Japan sei freiwillig dem Beschlusse der Mächte, China 
zu neutralisieren, beigetreten, also ein weiterer Beweis dafür, daß die 
Neutralisierung Chinas kein Mangel an Neutralität seitens der Mächte war. 
Hierzu wäre wohl noch zu bemerken, daß die ANeutralisierung Chinas 
für Zapan doch den Fortfall einer wichtigen Chance bedeutete, während sie, 
wie gesagt, für Rußland vorteilhaft war. Man kann aber vielleicht an- 
nehmen, daß die Bereitwilligkeit Japans auf englische Einwirkung erfolgt 
ist. England mußte ebenso wie das Oeutsche Reich höchstes ZInteresse 
daran haben, daß in China die Ruhe nicht gestört würde. Im Grunde 
genommen schloß neben anderen Uberlegungen der deutsch-englische 
Vangtsevertrag, jedenfalls seinem Sinne nach, die Verpflichtung ein, 
für Großbritannien wie für Deutschland, durch Neutralisation die Inte- 
grität des Chinesischen Reiches sicherzustellen. Fürst Bülow nahm noch 
einmal, Ende November 1904, Gelegenheit, einem englischen Intervie- 
wer gegenüber nachdrücklich zu betonen, daß die Neutralisierung Chinas 
Deutschland in erster Linie zu verdanken sei. Welche Dinge hier binter 
den Kulissen gespielt haben, entzieht sich der Kenntnis. England wird zur 
Frage der Neutralisierung Chinas mit einem heiteren und einem nassen 
Auge gestanden haben, denn so erwünscht sie ihm in bezug auf die britischen 
Chinainteressen sein mußte, so wenig konnte man verkennen, daß die ruf- 
sische Stellung in Asien dadurch gestärkt wurde. Wäre der japanische 
Siegeslauf zu Wasser und zu Lande weniger glänzend gewesen, so würde 
die Haltung der britischen Politik wohl eine andere gewesen sein. 
Im Jahre 1904, hauptsächlich während seiner ersten Hälfte, war die 
allgemeine Meinung im Ourchschnitt, daß die russischen Waffen, wie 
schon oft in früheren Kriegen Rußlands, nach einer Reihe von Rückschlägen 
schließlich doch siegreich bleiben würden. Sogar zur See konnte man 
trotz der russischen Verluste und trotz der offenbaren Unbereitschaft der 
russischen Schiffe und der Unfähigkeit von Führern und Besatzungen 
immer noch für möglich halten, daß ein Wendepunkt einträte. Die Zahl 
der japanischen Kriegsschiffe war nur gering, jeder Verlust, den Zapans 
Flotte erlitt, fiel deshalb doppelt ins Gewicht. Dazu rüstete Rußland
        <pb n="280" />
        238 5. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
seine zahlenmäßig starke Baltische Flotte aus. Gut geleitet und rücksichte- 
los eingesetzt, konnte diese Streitmacht einen Umschwung zur See herbei- 
führen. Auch in Zapan und England war man dieser Ansicht. Die Bal- 
tische Flotte war erst im Herbst 1904 seebereit und verließ am 16. Oktober 
unter dem Befehl des Bizeadmirals Rojestwenski den Hafen von 
Libau, um nunmehr durch die dänischen Gewässer die Nordsee und den 
Ozean zu erreichen. Es ist möglich, daß die russische Regierung gewünscht 
hat, Deutschland möge gestatten, daß die Flotte den Nordostseekanal 
passiere. Jedenfalls wurde diese Frage in der Presse erörtert mit dem Er- 
gebnisse, daß der Nordostseekanal eine rein deutsche Verkehrsstraße sei, 
seine Benutzung durch Streitkräfte einer kriegführenden Macht also eine 
Verletzung der deutschen Neutralität bedeuten würde. 
Schon bevor die baltische Flotte in See gegangen war, tauchten zu- 
nächst in der russischen Presse vage Gerüchte auf, daß der Baltischen Flotte 
schon in den europäischen Gewässern Gefahr drohe. Allgemein dachte 
man an unterseeische Minen, und die Flotte bediente sich deshalb bereits 
in der Ostsee und in den dänischen Gewässern aller Vorsichtsmaßregeln 
gegen Minengefahr. Dazu kam, daß die Offiziere und die Mannschaften 
der Baltischen Flotte nicht genügend ausgebildet, zum mindesten aber 
des praktischen Seedienstes entwöhnt waren, und so mag auch die Ner- 
vosität eine ziemlich hohe gewesen sein. Russische Kriegsschiffe hielten 
einen Geestemünder Fischdampfer für ein feindliches Schiff und beschossen 
ihn, ohne ihn allerdings zu verletzen. Die Sache wurde in Kürze beige- 
legt. Als dann die russische Flotte am 24. Oktober nachts die Dogger 
Bank, nicht weit von dem englischen Hafen Hull, passierte, geriet sie in 
die Nähe einer englischen Fischerflotte. Man glaubte angreifende Tor- 
pedoboote zu sehen, leuchtete mit den Scheinwerfern und schoß mit den 
Geschützen. Das Ergebnis war die Verletzung einiger Fischerfahrzeuge 
und Berlust von Menschenleben. Oieser sogenannte Huller Zwischen- 
fall hatte eine ungeheure Erregung in Großbritannien zur Folge. Ein 
großer Teil der britischen Presse rief nach Krieg und, ähnlich wie nach 
dem Krüger-Telegramm, wurden in den britischen Häfen auch kriegerische 
Vorbereitungen getroffen. Die Erbitterung war um so größer, als die 
russische Flotte, ohne sich irgendwie um die beschossenen Fischerboote zu 
kümmern, ihren Weg fortsetzte, der zunächst nach dem spanischen Hafen 
von Vigo führte. 
Auf eine Depesche mit dem Ausdrucke „tiefen Bedauerns“ des Zaren 
an König Eduard erklärte der Minister Brodrick: Das Bedauern des Kai- 
sers von Rußland und das Versprechen, Entschädigung zu leisten, könnten 
allein nicht genügen, um das Vorgehen der Russen zu fühnen. DOie ganze 
Welt müsse wünschen, daß England Sicherheit dafür erhalte, daß ähnliche
        <pb n="281" />
        Oie Entente Cordiale — Marokko — Hull — Kiel. 239 
  
Vorfälle nicht wieder vorkämen. Die britische Regierung ließ in Peters- 
burg dringende Vorstellungen erheben. Oer russische Minister des Aus- 
wärtigen erklärte, man habe noch keinen Bericht vom russischen Admiral, 
anscheinend handle es sich um ein bedauerliches Mißverständnis. Fried- 
lich und nichtssagend erledigt wurde der Zwischenfall dann durch ein 
internationales ad hoc gebildetes Schiedsgericht, das — auf französische 
Vermittlung — von Rußland vorgeschlagen und von England angenommen 
wurde. Hohe Seeoffiziere und Zuristen setzten es zusammen; die russische, 
die britische, die französische Marine sowie die der Vereinigten Staaten 
stellten die Mitglieder. Durch Ubereinkommen zwischen diesen Mitgliedern 
wurde noch ein fünftes Mitglied ernannt, und zwar ein österreichischer 
Admiral. Bezeichnend für die damalige Stellung des ODeutschen Reiches 
war das Fehlen eines deutschen Seeoffiziers als Mitglied der Kommission. 
Eine Beteiligung des Deutschen Reiches wäre an sich selbstverständlich 
gewesen und hätte sehr viel näher gelegen als die Hinzuziehung der Ver- 
einigten Staaten und Österreich-Ungarns. 
Ourch die Annahme einer schiedsgerichtlichen Erledigung auf inter- 
nationaler Grundlage war der Situation die Gefahr genommen worden, 
und die Angelegenheit selbst wurde damit auf ein Aebengeleise geschoben. 
Zmmerhin sind die Dinge eine kurze Zeitlang damals gefahrdrohend ge- 
wesen, und es ist vielleicht nur der Kaltblütigkeit König Eduards zu ver- 
danken, wenn der Zustand der englischen Stimmung sich nicht durch die 
Explosion eines großen Krieges entlud. Der König wollte die Brücken 
für späteres Zusammengehen mit Rußland nicht abbrechen. 
UÜberaus auffällig war gerade damals die zur höchsten Feindseligkeit 
gegen Deutschland gereizte Stimmung der öffentlichen Meinung in Eng- 
land. Es ist behauptet worden, daß die deutsche Flotte Befehl hatte, sich 
bereit zu halten, daß englische Streitkräfte, insbesondere Unterseeboote, 
nächtelang nicht weit von Helgoland patrouilliert hätten, um die ausfahrende 
deutsche Flotte anzugreifen. Wie weit die Dinge tatsächlich gediehen waren, 
wie nahe man vor dem Ausbruche eines Krieges gestanden hat, ist nicht 
bekannt geworden, und es wird erst einer späteren Periode vorbehalten 
sein, die Einzelheiten zuverlässig kennen zu lernen. Dem Oeutschen mußte 
sich angesichts der Kriegögerüchte und der englischen Stimmung vor allem 
die Frage aufdrängen, inwiefern gerade Deutschland in diese rein eng- 
lisch-russische Angelegenheit der Beschießung englischer Fischdampfer 
durch russische Kriegeschiffe hätte verwickelt gewesen sein können. Auf 
diese Frage gibt es wohl nur die Antwort: daß man nämlich in weiten 
Kreisen Englands an das Bestehen eines deutsch-russischen Geheimver-- 
trages glaubte. Daß ein solcher im Werden gewesen ist, haben Enthüllungen 
der russischen Revolutionsregierung im Jahre 1917 bestätigt. Auf diese
        <pb n="282" />
        240 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
Hergänge wird weiter unten zurückzukommen sein. Die britische Presse 
war damals bereits voll von derartigen Andeutungen, ja, von Behaup- 
tungen, daß es der Fall sei. Die britischen Blätter behaupteten weiter, 
daß die Baltische Flotte Rußlands durch deutsche Warnungen absichtlich 
nervös gemacht worden sei. Tatsächlich hat der Deutsche Reichskanzler sich 
im November des ZJZahres 1904, also wenige Wochen nach dem Huller 
Zwischenfalle, mehrere Male öffentlich zu diesen englischen Auffassungen 
geäußert, und zwar englischen Journalisten und Literaten gegenüber. 
Seine Außerungen zeigen, wie ernst die Lage war und was für Momente 
hineinspielten. Der Kanzler erklärte u. a., daß die russische Regierung 
schon im August die deutsche darauf aufmerksam gemacht habe: nach 
ihr zugegangenen Nachrichten — also durch geheime Agenten — müsse sie 
Angriffe auf ihre Flotte vom deutschen Gebiete aus befürchten. Die 
deutsche Regierung habe auf diese russischen Mitteilungen hin sich als 
neutrale Macht verpflichtet gehalten, Maßnahmen zur Verhinderung 
eines solchen Angriffes zu treffen. Die deutschen See- und Hafenbehörden 
seien angewiesen worden, die Augen aufzuhalten. In Dänemark sei das- 
selbe geschehen. Man wird annehmen können, daß die deutschen Uber- 
wachungsmaßregeln sich ganz besonders auch auf den Nordostseekanal er- 
streckt haben, und es liegt nahe genug, daß angesichts der allgemeinen 
Spannung der Lage, möglicherweise auch infolge geheimer Nachrichten 
die deutsche Flotte sich in einem gewissen Bereitschaftszustande befunden 
hat. Daß diese Maßnahmen von der englischen Presse als gegen England 
gerichtet bezeichnet wurden, ist an sich gleichwohl unerklärlich, zumal die 
deutsche Flotte von 1904 wahrlich nicht geeignet war, als Angrifföwerkzeug 
gegen die britische zu dienen. Genug, wir müssen uns zur Kennzeichnung 
der damaligen Lage mit der Feststellung begnügen, daß die Feindseligkeit 
der britischen Stimmung gegen Deutschland einen noch nicht dagewesenen 
Höhepunkt erreichte, was ziemlich viel sagen wollte. Als die Baltische Flotte 
Rußlands die Nordsee verlassen hatte, erschien in der Zeitschrift „The 
Army and Navy Gazette“ ein Aufsehen erregender Artikel, dessen in- 
tellektuelle Urheberschaft der britischen Admiralität zugeschrieben wurde. 
Dieser Artikel setzte auseinander, daß der Moment gekommen scheine, 
mit der deutschen Flotte ein Ende zu machen. Die russische Flotte sei, 
möglicherweise auf Nimmerwiedersehen, aus den nordeuropäischen Ge- 
wässern verschwunden, die Kriegsflotte Deutschlands stehe völlig allein. 
Zetzt oder nie sei die Gelegenheit für England gekommen, die mit jedem 
ZLahre drohender anwachsende deutsche Flotte ein für allemal zu besei- 
tigen. Niemand könne wissen, ob spätere Jahre wieder eine solche Ge- 
legenheit bieten würden. Die gleiche Tonart wurde von einer Reihe 
verbreiteter und einflußreicher britischer Organe angeschlagen. Gerade
        <pb n="283" />
        Die Entente Cordiale — Marotko — Hull — Kiel. 241 
» — — 
die Tatsache der Gleichzeitigkeit jener Vorschläge in einem Augenblicke 
hoher internationaler Spannung mußte zu denken geben. 
Der Herbst 1904 wurde für die Entwicklung der englisch-deutschen 
Beziehungen überhaupt bemerkenswert als der Beginn einer neuen 
Phase: damals zuerst begann man, öffentlich Deutschland als den Feind 
zu bezeichnen, als den Feind, der darauf ausgehe, durch Steigerung 
seiner Seerüstung und durch Konspirationen mit anderen Mächten, 
vornehmlich mit Rußland, Mittel zur Untergrabung der britischen 
Weltstellung zu gewinnen. Ein unbegrenztes Mißtrauen der britischen 
Bevölkerung begleitete jede Handlung oder Unterlassung der deutschen 
Politik. Die Gebundenheit Rußlands durch seinen ostasiatischen Krieg war 
englischerseits zur — freilich schon vor dem Kriege begonnenen — Tibet- 
expedition des Majors Vounghusband benutzt worden. Schließlich kam 
ein Abkommen zwischen Großbritannien und der chinesischen Regierung 
über Tibet zustande. In England wurde durch die „Times“ und andere 
Blätter behauptet, daß man deutscherseits versucht habe, in Peking gegen 
das Zustandekommen dieses Vertrages zu intrigieren. Der Deutsche Reiche- 
kanzler stellte hierauf öffentlich fest, die deutsche Intrige hätte nur darin 
bestanden, daß der deutsche Gesandte in Peking beim dortigen Auswär- 
tigen Amte anfragte, ob der in einer Pekinger Zeitschrift veröffentlichte 
Wortlaut des britisch-chinesischen Tibetvertrages authentisch sei oder 
nicht. Der Gesandte habe gleichzeitig bemerkt, daß das Deutsche Reich 
an jenem Abkommen kein Interesse nehme. Die britische Presse igno- 
rierte diese Erklärungen des Kanzlers, auch als er die Behauptung einer 
deutschen Intrige im Reichstage als eine Lüge bezeichnete, und fuhr 
fort, Deutschland als diejenige Macht zu bezeichnen, welche sich Groß- 
britannien überall feindselig und böswillig entgegenzustellen versuche. 
Als weiteres sehr wirksames Hetzmittel gegen Deutschland diente zur 
gleichen Zeit die Behauptung: Deutschland versuche Zwietracht zu säen 
zwischen Großbritannien und Frankreich. Man ging dabei von dem In- 
teresse aus, welches Deutschland an einer Sprengung jenes Verhältnisses 
haben würde. Tatsächlich gab es wohl keinen ungünstigeren Moment 
zu Sprengversuchen dieser Art als gerade das Jahr 1904, wo das bri- 
tisch-französische Berhältnis eben zu hoher gegenseitiger Befriedigung 
eingegangen worden war. Hatte die deutsche Politik das Zustandekommen 
der Entente Cordiale nicht hindern können, so wäre es eine doch etwas 
unwahrscheinliche Torheit gewesen, ihre Sprengung unmittelbar nach- 
her für möglich zu halten, und gar angesichts des vollzogenen grund- 
sätJzlichen Frontwechsels der großbritannischen Politik. 
Im Sommer 1904 war König Eduard zu den Segelregatten der 
Kieler Woche nach Kiel gekommen. Zwischen ihm und dem Deutschen 
Graf Reventlow, ODeutschlande auswärtige Pollttk. 16
        <pb n="284" />
        242 5. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
— 
Kaiser wurden mehrere freundliche Ansprachen gewechselt, in denen der 
König besonders betonte, er sei lediglich zu Sportzwecken nach Kiel ge- 
kommen. Kaiser Wilhelm wies auf das Wachsen der deutschen Flotte bin, 
als den „Auedruck der wiedererstarkenden Seegeltung des durch den ver- 
ewigten großen Kaiser neugeschaffenen Deutschen Reiches“. Die Flotte 
diene lediglich der Erhaltung des Friedens und sei zum Schutze des deut- 
schen Handels und seiner Gebiete bestimmt. König Eduard sagte u. a.: 
„Euerer Majestät anerkennende Erwähnung meines unablässigen Strebens 
zur Erhaltung des Friedens hat mich tief gerührt, und ich bin beglückt in 
der Gewißheit, daß Eure Majestät das gleiche Ziel im Auge haben. Möch- 
ten unsere beiden Flaggen bis in die fernsten Zeiten ebenso wie heute 
nebeneinander wehen zur Aufrechterhaltung des Friedens und der Wohl- 
fahrt nicht allein unserer Länder, sondern auch aller anderen Nationen.“ 
Diese Reden zeigten drastisch, daß der König bestrebt war, ernsten 
und hochpolitisch aufzufassenden Erörterungen zu entgehen. An der Auf- 
richtigkeit der Bersicherung seiner Friedensliebe war übrigens damals 
ebensowenig wie später zu zweifeln. 
Oem Kieler Besuche folgte auf dem Fuße ein Schiedsabkommen 
zwischen dem Deutschen Reiche und Großbritannien, des stereotypen 
Inbaltes, daß Streitfragen, die einerseits nicht auf diplomatischem Wege 
hätten erledigt werden können, die anderseits „nicht die vitalen Interessen, 
die Unabhängigkeit oder die Ehre der beiden vertragschließenden Staaten 
berühren und nicht die Interessen dritter Mächte angehen“, — an den 
ständigen Schiedsgerichtshof im Haag überwiesen werden sollten. Dieses 
Abkommen und der Besuch des Königs in Kiel fanden in England kaum 
Beachtung. Die Wogen deutsch-feindlicher Hetze schlugen hoch über bei- 
den zusammen. 
Ein weiteres, sehr bedeutendes Moment der englischen Stimmung 
und Verstimmung, ein Moment, das sich in erster Linie auch auf die bri- 
tische Regierung bezog, war der Bau der Bagdadbahn. Die Entwicklungs- 
geschichte dieses Projektes wird später zusammenhängend dargestellt. 
Hier braucht nur gesagt zu werden, daß im wesentlichen die Befürchtung 
für die englische Regierung maßgebend war: Deutschland wolle und 
könne durch den Bau dieser Bahn bis an den Persischen Golf vordringen, 
diesen beherrschen und Großbritannien in Indien bedrohen. Dazu kam 
die Besorgnis, daß die deutsche Politik darauf ausgehe, mittels dieser 
Bahn und anderer Konzessionen den deutschen Einfluß in der Türkei 
politisch, wirtschaftlich und letzten Endes militärisch zum alleinherrschenden 
zu machen auf Kosten Großbritanniens. Auch für Ägypten und für die 
arabischen Zukunftspläne Englands fürchtete man.
        <pb n="285" />
        Der britische Flottenfrontwechsel — Die Bedeutung der Dreadnoughtpolitik. 243 
  
  
  
Der britische Flottenfrontwechsel — Die Bedeutung der 
Dreadnoughtpolitik. 
Die deutsche Flotte war inzwischen planmäßig gefördert worden, 
zunächst nach dem Gesetze von 1898, und von 1901 an nach dem Gesetze 
von 1900. Jedes Zahr wurden zwei Schlachtschiffe und ein Panzerkreuzer 
auf Stapel gelegt, die freilich qualitativ sich mit gleichaltrigen britischen 
Schiffen nicht messen konnten. Zedes Zahr wurde der Bau von zwei 
kleinen Kreuzern und einer Torpedobootödivision begonnen. Ebenso plan- 
mäßig erhöhte man den Offizier- und Mannschaftenbestand der Marine, 
und die Werften wurden mit allen ihren Einrichtungen erweitert. Man 
konnte sich in Großbritannien um 1904 nicht mehr darüber im unklaren 
sein, daß das deutsche Flottenprogramm von 1900 pünktlich durchgeführt 
werden würde, zumal in der Bauausführung niemals Verzögerungen ein- 
traten. Dazu kam, daß der Deutsche Reichstag von Jahr zu Jahr höheres 
Verständnis für die Notwendigkeit einer starken deutschen Flotte nicht 
nur, sondern auch für die großen Vorteile der gesetzlichen Festlegung 
ihrer Stärke und ihres Bauprogrammes zeigte. 
Zn England beobachtete man diese Entwicklung mit Unzufriedenheit, 
und in den Parlamentsverhandlungen des Frühjahrs 1904 tauchte wieder 
einmal der Gedanke auf, ob man nicht mit den Regierungen der Groß- 
mächte in Verbindung treten und über eine VBerringerung der Flotten- 
programme mit ihnen beraten wolle; dieser Antrag wurde von einem 
Mitgliede der damaligen liberalen Opposition gestellt. Der Kriegssekretär 
Nr. Arnold Forster erklärte, man habe den kontinentalen Regierungen 
bereits „in denkbar öffentlichster Weise“ einen derartigen Vorschlag ge- 
macht, und zwar habe dieses Lord Goschen als erster Lord der Admiralität 
getan. „Und ich wiederhole jetzt in formellster Weise, daß die britische 
Regierung bereit ist, die Vorschläge jeder fremden Macht über eine Ver- 
ringerung der Rüstungen zur See in Erwägung zu ziehen. Unsere Macht 
zur See ist eine Notwendigkeit, es gibt aber kein einziges europäisches 
Land, das nicht hinsichtlich der Gefahr eines Angriffes von England aus 
seine Flotte abschaffen könnte; aber England selbst könnte in dem Augen- 
blicke, wo sein UÜbergewicht zur See dahin ist, einer Invasion ausgesetzt 
sein.“ 
Der frühere Unterstaatssekretär des Auswärtigen und sehr angesehene 
Sir Charles Dilke wies damals auf Deutschland hin und sagte: man ver- 
größere dort die Flotte mit einer außergewöhnlichen Schnelligkeit und 
richte sich damit offensichtlich gegen England. Und der Premierminister 
Balfour erklärte, daß die Lage Deutschlands zur See so sehr viel günstiger 
sei als die Englands, weil die deutsche Flotte nicht die auswärtigen Ver- 
16*
        <pb n="286" />
        244 5. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
pflichtungen der englischen habe, sondern immer in nur zwei Häfen kon- 
zentriert bleiben könne. 
Uber die schnell wachsende Flotte der Vereinigten Staaten zu spre- 
chen, beschränkte man englischerseits in jenen Jahren auf das Notwen- 
digste, in der Furcht, dort Berstimmung zu erregen, dagegen war man 
bestrebt, durch Preßbeeinflussung in den Vereinigten Staaten die Ansicht 
großzuziehen, daß Deutschland eine seinen geringen Bedürfnissen absolut 
nicht entsprechende Flotte baue, um eines Tages England anzugreifen, den 
Frieden der Welt frivol zu stören und schließlich auch die BVereinigten Staa- 
ten zu gefährden. "Durch die deutsche Bautätigkeit würden alle Mächte 
gezwungen, mitzugehen, damit in steigende AUnkosten gestürzt, unter gleich- 
zeitiger Spannung der politischen Beziehungen allerseits. Bei dem großen 
Mißtrauen, welches, wie wir sahen, in den Vereinigten Staaten ohnehin 
gegen Deutschland bestand, fielen diese und ähnliche Andeutungen auf 
fruchtbaren Boden. 
Der Premierminister Mr. Balfour und Mr. Chamberlain — der seit 
1903 aus dem Kabinette ausgetreten war — benutzten auch diese Gelegen- 
heit, um den imperialistischen Gedanken zu fördern. Ende 1904 empfing 
Balfour eine Abordnung des vor einigen JZahren gebildeten Imperial 
Federation Defence Committee und erklärte ihr, es sei zur See ein 
früher ungeahnter Wechsel von großer Bedeutung eingetreten. Das Land 
müsse mit ganz neuen Kombinationen rechnen, und die Lage sei voll 
von Gefahren für die Einheit nicht nur, sondern sogar für die Unabhängig- 
keit der einzelnen Teile des britischen Kolonialreiches. Die wachsende 
Größe dieser Gefahren mache es immer nötiger, daß die Kolonien einen 
größeren Anteil an der gemeinsamen Last für die Verteidigung des Rei- 
ches übernähmen; ihr Anteil sei bis jetzt noch viel zu klein. 
Im Oezember des Jahres 1904 machte die britische Admiralität den 
Plan einer Neuorganisation der Flotte bekannt, welcher mit dem Jahre 
1905 in Kraft treten sollte. Die Oenkschrift, welche der erste Lord der 
Admiralität, Lord Selborne, dem Organisationsplane mitgab, enthielt die 
folgenden Sätze, welche den Beginn der neuen Epoche zur See drastisch 
bezeichnen: 
„In der Entwicklung der modernen Flotte ist nicht nur binsichtlich 
des Flottenmaterials, sondern auch der strategischen Verhältnisse ein 
neuer Abschnitt erreicht. Auf der westlichen Halbkugel sind die Berei- 
nigten Staaten im Begriffe, sich eine große und starke Flotte zu schaffen, 
deren Größe nur durch die Geldmittel beschränkt wird, die die Vereinigten 
Staaten für sie aufwenden wollen. Auf der östlichen Halbkugel ist die 
kleinere, aber moderne japanische Flotte der Probe eines Krieges unter- 
worfen worden und hat sich ihr gewachsen gezeigt. Die französische Marine
        <pb n="287" />
        Der britische Flottenfrontwechsel — Die Bedeutung der Dreadnoughtpolitit. 245 
steht bis jetzt noch allen anderen voran. Eine neue deutsche Flotte von 
sehr leistungsfähigem Charakter ist geschaffen worden; sie ist in der glück- 
lichen Lage, sich fast ganz in den Heimatgewässern konzentrieren zu 
können.“ 
Bis damals waren die britischen Geschwader folgendermaßen verteilt 
und bemessen worden: Die Heimatflotte, gestützt auf die Station Port- 
land, umfaßte: acht ältere (nur ganz lose organisierte) Linienschiffe, vier 
große Kreuzer und leichte Fahrzeuge; die Kanalflotte (Frische Station 
Berehaven) sechs Schlachtschiffe und fünf große Kreuzer; das Kreuzer- 
geschwader (Station Portland) fünf große und zwei kleine Kreuzer. Im 
Mittelländischen Meere (Stationen Malta und Gibraltar): zwölf Schlacht- 
schiffe, fünf große und acht kleine Kreuzer; in Ostasien fünf Linienschiffe, 
sieben große und elf kleine Kreuzer. Mit kleineren Kreuzerkontingenten 
waren außerdem besetzt: die nordamerikanische Station, die südatlantische, 
die pazifische, die westafrikanische, die indische und die australische. 
Der Schwerpunkt dieser Verteilung lag durchaus im Mittelländi- 
schen Meere, dem schon lange bestehenden Grundsatze der britischen Ad- 
miralität entsprechend, daß die Streitkräfte des Mittelmeeres den dort 
befindlichen französischen stets und in jeder Richtung überlegen zu sein 
hätten, nicht nur der Zahl der Schiffe, sondern auch Stärke nach. Des- 
halb legte man die neuesten und stärksten Linienschiffe in das Mittel- 
ländische Meer. Die Kanalflotte war als Gegengewicht gegen französische 
Seestreitkräfte im Nordatlantischen Ozean gedacht, und das Kreuzer- 
geschwader für eine Verwendung je nach Gelegenheit, seiner für dama- 
lige Berhältnisse hohen Beweglichkeit entsprechend. Die Heimatflotte 
setzte sich, wie gesagt, durchweg aus älteren Schiffen zusammen, und 
die 1904 dort versammelten acht Linienschiffe konnten als eine auf der 
Höhe stehende Kampfeinheit kaum angesprochen werden. 
Die neue Organisation verwandelte das Bild vollkommen. Im Mittel- 
ländischen Meere ließ man nur acht ältere Linienschiffe und vier Kreuzer, 
die fünf Linienschiffe des fernen Ostens wurden vorläufig noch dort ge- 
lassen, aber ihre Rückberufung gleichzeitig in Aussicht genommen; sie 
erfolgte auch nach Erneuerung und Erweiterung des englisch-japanischen 
Bündnisses und nachdem durch die Schlacht von Tsuschima im Sommer 
1905 die russische Flotte im fernen Osten vernichtet worden war. An- 
statt der biöherigen, militärisch nicht hochwertigen Heimatflotte wurde 
eine neue „Kanalflotte“ gebildet. Man bemaß deren Stärke zunächst auf 
zwölf Linienschiffe — ganz kurz darauf stieg sie auf fünfzehn —, dazu 
kamen ein Kreuzergeschwader von sechs Panzerkreuzern und eine große 
Anzahl von leichten Kreuzern und Torpedofahrzeugen. Demgegenüber 
bestand die deutsche Hochseeschlachtflotte im Sommer 1905 aus dreizehn
        <pb n="288" />
        246 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
Schlachtschiffen, von denen freilich der größere Teil nicht auf der Höhe 
der Zeit war, aus zwei Panzerkreuzern, die ebenfalls den im Kriege ihnen 
zu stellenden Anforderungen nicht entsprachen, und aus sechs kleinen 
Kreuzern. Oie Uberlegenheit allein der englischen Kanalflotte war so- 
mit eine zweifellose. Außer ihr wurde noch ein zweites mächtiges und 
ebenso ständig kriegsbereites Flottenkontingent geschaffen, nämlich die 
neugebildete „Atlantische Flotte“. Diese setzte sich aus den stärksten und 
schnellsten Schiffen der Flotte zusammen, nämlich den neuen Vertretern 
der „King Edward“-Klasse; sie waren im Frühjahr 1905 noch nicht alle 
fertig, nahmen aber schnell nacheinander ihren Platz in der „Atlantischen 
Flotte“ ein. Dazu kam das II. Kreuzergeschwader, ebenfalls aus sechs 
Panzerkreuzern bestehend. Die „Atlantische Flotte“ konnte bei ihrer 
Mittelstellung zu Gibraltar im gleichen Zeitraume weniger Tage, sei es 
bis Malta oder im Armelkanale auftreten; außerdem war sie für irgend- 
wie denkbare Verwicklungen auch in der Lage, schnell den Atlantischen 
Ozean zu durchqueren. 
Ein besonders wichtiger Teil der neuen Organisation war neben 
dieser aktiven und stets kriegsbereiten Flotte die Bildung einer organi- 
sierten Reserveflotte. Früher hatte man wohl eine Anzahl von Reserve- 
schiffen auf den Werften gehabt, die bei Ausbruch eines Krieges mit mög- 
lichster Beschleunigung instandgesetzt und bemannt worden waren, das 
waren aber nur einzelne Schiffe ohne organisatorischen Zusammenhang, 
die auch in Friedenszeiten völlig unbemannt waren. Anstatt dieser wurde 
nunmehr in den drei britischen Häfen Devonport, Portsmouth und Cha- 
tham-Sheerneß eine „Flotte im Dienst in Reserve“ gebildet; sie war in 
kriegsmäßige Berbände gegliedert und in einem hohen Stand dauernder 
Bereitschaft. 
Oer Schwerpunkt der Flotte Großbritanniens war aus dem Mittel- 
meer fortgerückt und in die Nordsee verlegt worden. Es ist keine Uber-- 
treibung, diese Berlegung zu den epochemachenden Ereignissen der poli- 
tischen Geschichte Europas zu rechnen. Die Verlegung des Schwerpunktes, 
die Schwächung der Mittelmeerflotte, die Stärkung der Kanalflotte be- 
deuteten zugleich einen Frontwechsel, dessen Bedeutung man nur im 
Rahmen aller geschilderten politischen Verhältnisse der vorhergegan- 
genen Jahre würdigen kann. Im Jgahre 1904 wurde der neue Organi- 
sationsplan ausgearbeitet, im selben JLahre 1904 das Abkommen zwischen 
Frankreich und Großbritannien geschlossen und die Entente Cordiale 
besiegelt. Man würde viel zu weit gehen mit der Behauptung, daß die 
Entente Cordiale für Großbritannien nur deshalb Bedürfnis geworden 
sei, weil es stärkere Flottenkontingente für seine heimatlichen Küsten 
frei zu bekommen wünschte. Wir haben gesehen, daß eine Reihe von
        <pb n="289" />
        Oer britische Flottenfrontwechsel — Die Bedeutung der Dreadnoughtpolitik. 247 
  
politischen Ursachen und Momenten diese Annäherung überhaupt für die 
britische Politik nicht nur wünschenswert, sondern notwendig erscheinen 
ließen. Daß der rein maritime Gesichtspunkt aber eine der Hauptursachen 
bildete, ist nicht zu bezweifeln. Richt, daß es gerade gedrängt hätte, aber 
als alte maritime und marinepolitische Praktiker wußten die britischen 
Autoritäten, daß eine so umfangreiche und durchgreifende Neuorgani- 
sation einer so gewaltigen Flotte sich nicht von heute auf morgen durch- 
führen läßt, und daß die Geschwaderverbände in sich wie in Verbindung 
mit ihren neuen Stützpunkten und Reparaturwerkstätten gewissermaßen 
sich erst einleben mußten, ehe sie den Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit 
erreichen konnten. Die britische Admiralität und Regierung waren sich 
darüber klar, wie wir sahen, daß das Anwachsen des neuen, des deutschen 
Flottenfaktors in der Nordsee andauern werde. Darüber konnte kein Zwei- 
fel bestehen, nachdem man hatte feststellen müssen, daß Deutschland sein 
Flottengesetz durchführte. Unter diesem Gesichtspunkte mußte und muß 
noch heute jene britische Neuorganisation beurteilt werden. Sie war keine 
Maßnahme ab irato, keine Folge einer politischen Konstellation, sondern 
sie bezeichnete eine grundsätzliche und grundlegende NReuorientierung der 
gesamten britischen Marinepolitik in harmonischer Berflechtung mit der 
neuen britischen Festlandspolitik. Dieser Neuorientierung der Marine-- 
politik mußte die Neuordnung der Grundlage jeder Marinepolitik: der 
Flotte, folgen. 
Als in den ersten Tagen des Jahres 1900 die neue deutsche Flotten- 
vorlage herausgegeben war, las man in ihrer Begründung die Sätze: 
„.E-s ist nicht unbedingt erforderlich, daß die deutsche Schlacht- 
flotte ebenso stark ist, wie die der größten Seemacht; denn eine große 
Seemacht wird im allgemeinen nicht in der Lage sein, ihre sämtlichen 
Streitkräfte gegen uns zu konzentrieren. Selbst wenn es ihr aber auch 
gelingt, uns mit größerer Ubermacht entgegenzutreten, so würde doch 
die 2iederkämpfung einer starken deutschen Flotte den Gegner so er- 
heblich schwächen, daß dann trotz des etwa errungenen Sieges die eigene 
Machtstellung zunächst nicht mehr durch eine ausreichende Flotte ge- 
sichert wäre. Da der Schifföbestand der deutschen Marine auch nach Ourch- 
führung der geplanten Bermehrung noch mehr oder minder gegen den 
Schiffsbestand anderer Großmächte zurückstehen wird, so muß ein Aus- 
gleich in der Ausbildung des Personals und in der taktischen Schulung 
im größeren Verbande gesucht werden.“ — 
Die Organisation der deutschen Flotte, also der Rahmen, in den 
sie allmählich hbineinwuchs, war auf den Gedanken „taktischer Schulung 
im größeren Verbande“ zugeschnitten und teils aus ihm erwachsen. Dieser 
Gedanke war in den Ubungen, man möchte sagen in den Vorübungen
        <pb n="290" />
        248 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
der deutschen Flotte schon Anfang der neunziger Jahre praktisch ber- 
vorgetreten und konnte die Priorität unter allen Flotten der Welt für 
sich beanspruchen. Es war mithin kein Wunder, wenn auf ihn einerseite, 
auf die Möglichkeit anderseits, die deutsche Flotte dauernd in den hei- 
mischen Häfen konzentriert zu halten, besonderes Gewicht gelegt wurde, 
und man in diesen beiden Momenten die Möglichkeit erblickte, die Uber- 
macht anderer Flotten auszugleichen: die französische Flotte befand sich 
zur einen Hälfte im Mittelländischen Meere, zur anderen an der atlan- 
tischen Küste Frankreichs, während beträchtliche Kontingente in Ostasien 
lagen. Oie russische Flotte verteilte sich in normalen Zeiten auf das Bal- 
tische Meer, das Schwarze Meer und Ostasien, die Flotte Großbritanniens 
hatte ihren Schwerpunkt im Mittelländischen Meere und war beinahe 
an allen wichtigen Punkten des Erdballes mehr oder minder in Anspruch 
genommen. So konnte man in Oeutschland um 1900 damit rechnen, 
daß keiner der denkbaren Gegner in der Lage sein würde, in einem Kriege 
annähernd seine gesamte Streitkraft gegen die deutsche Nordseeflotte zu 
konzentrieren. Diese Berechnung erhielt einen starken und unerwar- 
teten Stoß durch den Ausgleich der englisch-französischen Meinungsver- 
schiedenheiten und die Schließung einer engen politischen Freundschaft, 
welche von tiefer, ungekünstelter Zustimmung der beiden Nationen getragen 
wurde. 
Die Größe und Bedeutung des Umschwunges, der sich in den Jahren 
1902 bis 1905 vollzog, ist enorm: 1902 englisch-französische Spannung 
im Mittelmeer, beginnende englisch-deutsche Spannung, starke englisch- 
russische Spannung. 1904 englisch-französische Freundschaft, englisch- 
japanisches Bündnis, Berschwinden der russischen Flotte aus den euro- 
päischen Gewässern. Mit Llusnahme — aber auch nur bie 1905 — der 
Linienschiffsdivision im fernen Osten war die gesamte Schlachtflotte 
Großbritanniens gegen ODeutschland frei geworden. Das galt auch vom 
Mittelmeergeschwader. Der Zusammenhang zwischen der Seemacht an 
sich, ihrer Organisation und Dislokation, ist kaum jemals so drastisch und 
auch so imponierend in die Erscheinung getreten wie in jener Aeuorgani- 
sation der britischen Flotte um die Fahreswende 1904/05; sie wurde dann 
von Jahr zu Jahr mächtiger entwickelt. 
War bier die wirkende Grundursache in dem Wachsen der deutschen 
Flotte und in der Sicherheit der Durchführung des deutschen Flotten- 
gesetzes zu erblicken, so galt das gleiche für eine zweite Aeuerung, näm- 
lich den Grundsatz der unmittelbaren Schlagfertigkeit und Verwendunge- 
bereitschaft möglichst aller gefechtsbrauchbaren Schiffe. Bevor eine 
nennenswerte deutsche Flotte vorhanden war, stand es bei den großen 
AMarinen, wie England und Frankreich, um die Schlagfertigkeit der je-
        <pb n="291" />
        Der britische Flottenfrontwechsel — Oie Bedeutung der Dreadnoughtpolitik. 249 
  
weilig nicht im Oienst befindlichen Schiffe und Geschwader nicht glän- 
zend. Der Gedanke einer organisierten Reserveflotte, die stets mit Stamm- 
besatzungen bemannt, von Zeit zu Zeit Ubungen machte, also niemals 
zum toten Werftmaterial würde, war eigentlich deutschen Ursprunges 
und neu. 1904 nahm die britische Admiralität diesen Gedanken auf und 
verwirklichte ihn unmittelbar in großem Maßstabe, während er in Deutsch- 
land, seinem eigentlichen Mutterlande, aus Mangel an Schiffsmaterial 
und Personal noch auf dem Papier geblieben war. 
Die neue Parole der britischen Admiralität: stete Schlagfertigkeit 
und Verwendungsbereitschaft des ganzen kampfkräftigen Materiales der 
Flotte! war also nicht nur deutschen Ursprunges, sondern auch eine Folge 
der baulichen und organisatorischen Marinepolitik des Deutschen Reiches. 
Bis zum JZahre 1904 hatte die britische Kräfteverteilung zur See der 
deutschen Flotte nur als einer nebensächlichen Größe Rechnung getragen. 
Von da an wurde sie der Hauptgegner, der maritime Faktor, auf den 
die gesamte britische Marinepolitik zugeschnitten wurde. 
Oiese große geschichtliche und politische Bedeutung der Neuord- 
nung und Neuverteilung der englischen Flotte wurde in Großbritannien 
weit klarer erkannt als in der deutschen Bevölkerung. Man schob sie hlier 
meist mehr auf englische Stimmungen und Feindseligkeiten. Man befand 
sich in Deutschland außerdem in begründeten schweren Besorgnissen, 
daß der deutsche Flottenbau seinen Zweck und sein Ziel überhaupt nicht 
würde erreichen können. Die britische Admiralität ließ sich nämlich nicht 
mit dem erfolgreichen Bestreben genug sein, der deutschen Flotte stets 
eine erdrückende Ubermacht unmittelbar gegenüberstellen zu können, 
sondern faßte den Entschluß, die qualitative Ubermacht von Schiff zu Schiff 
derart zu erhöhen, daß die deutsche Flotte auch bei erheblicher Schiffszahl 
eine minderwertige Waffe würde und bliebe. 
Die für die Durchführung des deutschen Flottengesetzes jährlich aus- 
geworfenen Mittel waren verhältniômäßig gering. Um die nötige Schiffs- 
zahl herauszubekommen, beschränkte man die Schiffsgrößen aufs äußerste. 
Größe und Kampfwert des Schiffes ist aber durchweg gleichzusetzen. Die 
britische Admiralität begriff sofort die Möglichkeit, die sich ihr hier zu 
eröffnen schien. Von Jahr zu Jahr wurden die englischen Schlachtschiffe 
größer und mächtiger, der Stärkeunterschied zwischen ihnen und den 
gleichalterigen deutschen bedeutender. Als dann im Fahre 1905 das 
„letzte Wort des Kriegsschiffbaues“, die berühmte „Dreadnought“, auf 
Stapel gelegt wurde, da sah die deutsche Marineverwaltung ein, daß es 
so nicht mehr weitergehen konnte. Für das Jahr 1905/06 war von vorn- 
herein schon, nämlich seit dem Jahre 1900, eine Flottenvorlage in Aus- 
sicht genommen worden. Damals hatte der Oeutsche Reichstag eine
        <pb n="292" />
        250 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
Anzahl großer und kleiner Kreuzer von der Gesetzesvorlage 1900 ge- 
strichen, und der Staatssekretär des Reichs-Marine-Amts erklärt, er könne 
zwar auf diese Schiffe nicht verzichten, wohl aber ihren Baubeginn bis 
zum Jahre 1906 vertagen. DOieser Termin war nun herangekommen. 
Im Herbst des Jahres wurde die Forderung eingebracht zugleich mit 
einer Vermehrung der Torpedobootsflotte und mit dem Beginn des 
Baues von Unterseebooten. Angleich größer aber als die Bedeutung 
dieser gewiß wichtigen Neuforderungen war die Tragweite der Forderung 
der Marineverwaltung, daß in Zukunft alle neu zu bauenden Schiffe 
denen gleichalteriger Klassen anderer Nationen ebenbürtig zu sein hätten. 
Licht nur die deutsche Marineverwaltung, sondern das ganze deutsche 
Volk stand damals — im Sinne des Wortes — am Scheidewege. Es 
handelte sich um nichts Geringeres als um die Frage, ob Deutschland auf 
eine von vornherein zur qualitativen Minderwertigkeit verurteilte Flotte 
sich beschränken oder bei gewaltig vermehrten und steigenden Kosten 
eine Flotte aufbauen wollte, die zwar, dem ursprünglichen Plane des 
Flottengesetzes entsprechend, immer beträchtlich kleiner bleiben mußte 
als die englische, deren Schiffsmaterial aber dem aller anderen Flotten, 
auch der englischen, gleichwertig sein würde. Akademisch betrachtet, er- 
scheint diese Frage sehr einfach. In der Praxis war sie es nicht, und zwar 
aus Gründen verschiedener Natur. Zunächst steigerten sich die Kosten 
um ein volles Orittel für jedes große Panzerschiff und sollten während 
der dann folgenden Fahre in schnellem Tempo weiterwachsen. Inner- 
halb des Jahrzehntes von 1904 bis 1914 haben sich die Kosten pro Schiff 
ungefähr verdoppelt. Die Bergrößerung der Schiffe brachte eine neue 
und starke Erweiterung beinahe aller für große Schiffe in Betracht kom- 
menden Hafen- und Werfteinrichtungen mit sich; der Nordostseekanal 
mußte mit Kosten von mehreren hundert Millionen Mark erweitert, ver- 
tieft und mit neuen Brücken und Schleusen versehen werden, ein Unter- 
nehmen, das erst um 1914/15 abgeschlossen wurde. Dazu kam, daß die 
deutsche Schiffsbautechnik und die Artillerieindustrie auf eine so plötzliche 
gewaltige Steigerung der Leistung nicht eingerichtet waren. Abgeseben 
von den großen Kosten konnte sich auch ein Bedenken aufwerfen, ob die 
neue Riesenaufgabe rein technisch glatt würde bewältigt werden können, 
ob nicht endlose Verzögerungen und mißglückte Schiffe die Folge sein 
würden. Am schwersten wog die politische Uberlegung: 
Man mußte sich in Deutschland sagen, daß der völlige Umschwung 
in der europäischen Machtgruppierung auf Großbritannien zurückzu- 
führen war und — neben dem gewaltigen wirtschaftlichen Erstarken und 
der Bevölkerungsvermehrung Deutschlands — die Richtung der deutschen 
Politik zur hauptsächlichen, wenn nicht zur allgemeinen Grundursache
        <pb n="293" />
        Der britische Flottenfrontwechsel — Die Bedeutung der Oreadnoughtpolitik. 251 
  
hatte. Das Wesentliche und Treibende der deutschen Politik seit Ende 
der neunziger Jahre gipfelte aber in der Schaffung einer starken deutschen 
Flotte und Starkerhaltung der Armee. Zu Lande wollte man sich nach 
Möglichkeit an Rußland anlehnen, um hier von Sorgen frei zu sein. Zur 
See sollte die Mißstimmung Englands mit allen ihren tatsächlichen Folgen 
in den Kauf genommen und durchgehalten werden. Man mag sich das 
alles schon vorher im großen und ganzen überlegt haben, aber um das 
Zahr 1905, besonders auch während des stürmischen Sommers eben dieses 
Zahres, lag die Frage wohl nahe, ob es wirklich im Interesse des Deut- 
schen Reiches sei, diesen Kurs weiter zu steuern, auf die Gefahr mit jedem 
Zahre wachsender Schwierigkeiten für die auswärtige Politik. Und da- 
hinter stand wieder die Frage, ob man wirklich dahin gelangen werde, 
durch den Flottenbau diejenigen Ergebnisse zu erreichen, welche allein 
ihn rechtfertigen konnten? 
Die Entscheidung ist bekannt. Der Staatssekretär des Reichs-Marine- 
Amtes brachte im Herbst 1905 die neue Vorlage ein, sie wurde mit großer 
Mehrheit im Reichstage bewilligt. Damals begannen auch Versuche 
mit Unterseebooten. Bis 1905 hatte der Stand der Technik nicht gestattet, 
seegehende Unterseeboote herzustellen. Sobald die Möglichkeit nun sich 
bot, griff die deutsche Marineverwaltung schnell entschlossen zu und über- 
flügelte in kurzem alle anderen Marinen auf dem Gebiete des Unter- 
seebootswesens. Ob die „Dreadnoughtbau“ bewilligenden Abgeordneten 
sich damals der vollen Tragweite ihrer Stimmabgabe, besonders in poli- 
tischer Beziehung, bewußt waren, mag dahingestellt bleiben. Hätte man 
in Deutschland jenen „Dreadnought"“-schritt Großbritannien nicht nach- 
getan oder nicht sofort, oder hätte man, der Kostenerhöhung pro Schiff 
entsprechend, die Sollstärke der deutschen Schiffszahl eingeschränkt, 
so würde möglicherweise wieder ein Umschwung der Politik Groß- 
britanniens zu Deutschland hin eingetreten sein. Die Sorge wäre dann 
beseitigt gewesen, welche im Grunde schon damals beinahe alle Hand- 
lungen und Unterlassungen der britischen Politik beherrschte: die Sorge 
wegen der deutschen Flotte. Die so oft erörterten „guten Beziehungen“ 
wären also leicht zu erreichen gewesen, und Deutschland hätte sich un- 
gezählte Millionen Mark erspart. Die Wege unserer auswärtigen Politik 
hätten sich geebnet, aber — das war der entscheidende Punkt — unter 
britischer Bormundschaft in allen seeischen, überseeischen und konse- 
quenterweise auch in den festländischen Fragen. Für immer wäre das 
große Ziel ausgegeben worden, eine Flotte von solcher Stärke zu schaffen, 
daß auch die größte Seemacht Bedenken tragen müsse, sich in einen Krieg 
mit uns einzulassen, aus Besorgnie für Gefährdung ihrer eigenen Welt- 
stellung. Es wäre ein deutsches Faschoda gewesen, nur mit dem Unter-
        <pb n="294" />
        252 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1508. 
  
schiede, daß Deutschland es spontan auf sich genommen hätte, und zwar 
für immer. Zene Politik der freien Hand, welche Bülow so häufig pro- 
klamierte und tatsächlich anstrebte, war im Grunde eine — wie die Eng- 
länder sagen „Would-be-Politik“. Wir waren nicht fähig, sie in Wirklich- 
keit zu treiben, weil gerade dem mächtigsten und überall sich in den Weg 
stellenden Wettbewerber gegenüber das Rückgrat jeder Politik der freien 
Hand fehlte, nämlich ein entsprechendes Maß von Wehrkraft zur See 
und die erforderlichen Bündnisse auf dem Festlande. #lnderseits muß 
ein deutscher Staatsmann sich fragen, ob die Freundschaft, welche die 
deutsche Politik der russischen in so hohem Maße gerade damals erwies 
und auch vorher erwiesen hatte, genügend Früchte tragen würde, um 
die Ubernahme der großen Schwierigkeiten und auch Gefahren zu recht- 
fertigen, welche als Kehrseite dieser Politik erwachsen waren und zweifel- 
los auch fernerhin erwachsen würden. 
Wir wissen nicht, inwieweit von den leitenden Männern in Deutsch- 
land derartige Uberlegungen gepflogen worden sind. Das Ergebnis war 
jedenfalls, daß man den großen Schritt tat, im vollen Bewußtsein, daß 
man der auswärtigen Politik und Diplomatie des Oeutschen Reiches 
damit einen Kalvarienberg auftürme, der nolens volens erstiegen werden 
müsse. Auf die nationale Mehrbeit der deutschen Bevölkerung hatten die 
Vorgänge der letzten Jahre, besonders die nachher zu schildernden des 
Zahres 1905, nur den Eindruck gemacht, daß man, ohne nach rechts und 
nach links zu sehen, rüsten und durch die Periode der Schwierigkeiten 
und Gefahren hindurch müsse. Die englischen Drohungen erzielten nicht 
den von England gewünschten Erfolg, sondern den entgegengesetzten. 
An solchen Drohungen fehlte es allerdings nicht, sie wurden von 
Zahr zu Jahr häufiger und zugleich auch deutlicher. 
Anfang Februar 1905 bielt der Zivillord der britischen Admiralität, 
Mr. Arthur Lee, eine öffentliche Redde. Er wies auf Zweck und Wert 
der neuen britischen Flottenorganisation hin und verband damit die Rede- 
wendung, England müsse weniger anderen Mächten gegenüber besorgt 
sein, als vielmehr mit um so größerer Besorgnis nach der Nordsee blicken. 
Oarauf seien ebensowohl die Flottenverschiebungen zurückzuführen wie 
der überaus hohe Grad von Schlagfertigkeit der neuorganisierten Flotte. 
Alle Reserveschiffe seien in wenigen Stunden zum Aluslaufen bereit, 
„fast so schnell, wie wir eine Eisenbahnlokomotive unter Dampf setzen 
können. Wir glauben an das alte Wort: Oreimal gesegnet derjenige, 
der den ersten Schlag führt! — und ich hoffe, daß im Falle einer Gefahr 
die britische Flotte in der Lage sein wird, den ersten Schlag und einen 
recht wuchtigen dazu zu führen, noch ehe die andere Macht gewahr wird, 
daß der Krieg erklärt ist.“ Nach einer anderen Darstellung sollte er ge-
        <pb n="295" />
        Oer britische Flottenfrontwechsel — Oie Bedeutung der Dreadnoughtpolitik. 253 
  
sagt baben: Im Falle eines Krieges werde die britische Flotte früher an 
den deutschen Küsten sein als die Nachricht vom Beginne der Feindselig- 
keiten in den deutschen Zeitungen. 
Oie Äußerung konnte um so weniger ignoriert werden, als es ein 
Lord der Admiralität war, der sie tat. Auch der unbefangenste Hörer 
oder Leser konnte ihren Sinn nicht anders auffassen, als daß die eng- 
lische Flotte nunmehr organisiert worden sei, um mit blitzartiger Schnellig- 
keit und in überwältigender Stärke die deutsche Flotte und Küstenver- 
teidigung zu überrennen, ehe diese und ehe Deutschland überhaupt auf den 
Gedanken gekommen sei, daß ein Krieg zwischen den beiden Mächten 
Tatsache geworden sei. Die Parallele des japanischen Uberfalles bei 
Port Arthur (Februar 1904) lag nahe genug. Der Unterschied war nur 
der, daß der von Mr. Lee präkonisierte Uberfall in vielfältig größerem 
Maßstabe angekündigt wurde. Die Rede erregte ungeheures Aufsehen 
in Deutschland, und Lee gab nachträglich eine erbeblich abgeschwächte, 
auch dem Sinne nach anders lautende Darstellung seiner Rede, die aber 
in Deutschland ebensowenig Glauben fand wie die erklärenden und ab- 
schwächenden Erörterungen in Presse und Parlament Großbritanniens. 
In der englischen Presse freilich war man vielfach auch mit der starken 
Lesart der Leeschen Rede vollkommen einverstanden. Ein großes Blatt 
schrieb: „Die deutsche Flotte ist absolut zwecklos, wenn sie nicht für den 
Angriff auf England geschaffen wird. Sie ist überhaupt da für den An- 
griff auf England ... Die deutsche Marine ist zu dem Zwecke geschaffen, 
loszuschlagen, wenn England nicht darauf vorbereitet ist . . Die deutsche 
Marine ist eine Drohung oder ein Spielzeug. Sie ist aber kein Spiel- 
zeug. Oer Preis für Englands Freundschaft müßte das Aufhören der 
Kriegsrüstung auf seiten Deutschlands sein. Wenn die deutsche Flotte 
im Oktober zerstört worden wäre (also nach dem Huller Zwischenfalle), 
so würden wir in Europa für sechzig Jahre Frieden gehabt haben.“ 
Solche Tonart war in jenen Jahren sehr häufig zu hören; es braucht 
nicht besonders gesagt zu werden, daß sie von Deutschland aus Erwide- 
rung fand, gewiß auch oft übertrieben nach Form und Inhalt. Immerhin 
muß man, unparteiisch rückblickend, sagen, daß das erste Unrecht nicht 
auf der deutschen Seite lag, sondern auf der englischen. Der Gedanke 
war für einen auch nur einigermaßen sachlichen und nüchternen Beur- 
teiler grotesk, daß die allmählich entstehende deutsche Flotte dazu be- 
stimmt sei, England anzugreifen. Daß dem britischen Bolke das Ent- 
stehen dieser Flotte unbequem war, ist durchaus begreiflich, denn die 
Tatsache mußte ihm mit der Zeit steigende Lasten auflegen, auch die Politik 
Großbritanniens komplizieren. Außerdem sagte man sich, wenn auch 
meist nicht sehr laut, daß eine auch nur mittelstarke deutsche Flotte ein
        <pb n="296" />
        254 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
ganz anderes Kampfwerkzeug sein werde als eine französische und ruf- 
sische. Nach Faschoda war Großbritannien wieder die unbestrittene Ge- 
bieterin der europäischen Küsten und Meere geworden, und gerade in 
diesem so lange erstrebten Augenblicke wuchs die deutsche Flotte em- 
por. Man konnte den Arger begreifen, aber man begriff in Deutschland 
nicht, daß das Naturrecht eines unabhängigen Staatee, sich eine Flotte 
zu bauen, auf der anderen Seite der Nordsee nicht anerkannt wurde. — 
Zugrunde lag überdies die allgemeine britische Handelseifersucht, und 
der Zorn auf den deutschen Flottenbau war für die Inspiratoren der 
antideutschen Agitation nur ein verlogener Vorwand. 
Es ist so oft und viel in Deutschland darüber gesprochen und ge- 
schrieben worden, ob die britische Regierung in jenen Zahren (1904/05) 
die Absicht gehabt hat, Deutschland anzugreifen. Will man diese Frage 
erörtern, so ist nicht möglich, von einem Gesamtbegriff „Großbritannien“ 
zu sprechen. Die Regierung, das Kabinett, hat den Gedanken ernstlich 
erwogen, und zwar wiederholt, ist aber nicht zu einem festen, einigen 
Entschlusse gekommen, denn sonst hätte man ja nur vom Vorsatz zur Tat 
schreiten brauchen. Anderseits kann es kaum einem Zweifel unterliegen, 
daß in der Admiralität Kräfte tätig waren, die ernstlich an einen Präven- 
tiokrieg gegen Deutschland dachten. Man ging einfach von der Uberlegung 
aus, daß die deutsche Flotte den britischen Interessen in jedem Sinne 
entgegenstände, mit jedem JZahre größer und stärker werde. Deshalb 
sei e5 gegeben, die deutsche Flotte zu vernichten, solange man es noch 
ohne Risiko und großen Kraftaufwand könne. Dem ersten Seelord, Sir 
Zohn Fisher, der jahrelang die treibende Kraft der Admiralität gewesen 
ist, wurde der Ausspruch nachgesagt: er hoffe lange genug zu leben, um 
die Vernichtung der deutschen Flotte zu sehen. Ob wahr oder nicht: dieses 
Wort kennzeichnete die damalige Richtung in der Admiralität, im See- 
offizierkorps und einem Teile des Kabinettes. Die politischen Leiter 
— gar nicht zu reden von Lord Salisbury — Balfour und nach ihm das 
liberale Kabinett Campbell-Bannerman mit ihren auswärtigen Mi- 
nistern Lord Lansdowne und Sir Edward Grey dürften damals kaum 
einen Krieg erstrebt haben, anderseits scheuten sie ihn nicht und hielten 
ihn, wie wir sehen werden, in gewissen, von ihnen provozierten Lagen 
für wünschenswert. Die Admiralität und das Seeoffizierkorps standen 
mit ihrer Kriegslust keineswegs allein, sie hatten im BVolke, in Presse und 
Parlament, in den maritimen und imperialistischen Vereinen, nicht zum 
wenigsten auch in den Kreisen des Handels und der Industrie sehr starken 
Rückhalt. Selbst da, wo man nicht durch Haß und Verstimmung geblendet 
war, und wo man an phantastische deutsche Angriffspläne nicht glaubte, 
machte man sich die Frage rechnerisch klar: es sei besser, gleich einen leichten
        <pb n="297" />
        Canger. 255 
—— ———„ 
  
Krieg zu führen als später einen schweren, oder aber: als gutwillig die 
britische Suprematie durch Deutschland einschränken zu lassen. 
So war die Lage tatsächlich eine dem Frieden gefährliche. Irgend- 
ein englisch-deutscher Zwischenfall innerhalb jener kritischen Periode 
würde möglicherweise eine Kriegöstimmung in England erzeugt haben, 
welcher Widerstand zu leisten König und Kabinett für bedenklich und 
aussichtslo5 erachtet hätten. Die Politik König Eduards ging vorläufig 
auf Vermeidung eines Krieges aus und suchte andere Mittel zu finden, 
um die „deutsche Gefahr“ unschädlich zu machen. Oie Entente Cordiale 
und die „Dreadnougbt“ waren die ersten Schritte. 
Das Deutsche Reich, mit seiner Politik auf allen Seiten zurückweichend, 
um den Frieden zu erhalten, in die Oefensive gedrängt, rüstete weiter. 
Der Gedanke, daß man hindurch wolle, daß Durchhalten dagegen am Ende 
nützen müsse, setzte sich mit jedem Jahre mehr durch. 
Tanger. 
Es erregte allgemeines Aufsehen, als im März des Zahres 1905 Fürst 
Bülow auf Kritiken im Reichstage hbin erklärte, er könne sehr wohl ver- 
stehen, wenn man dem „in und um Marokko“ Aufmerksamkeit widme: 
„Ich erachte es als eine Pflicht der deutschen Regierung, dafür zu sorgen, 
daß auch in Zukunft unsere wirtschaftlichen Interessen in Marokko nicht 
geschädigt werden. Der gegenwärtige Augenblick ist aber für weitere 
Erklärungen nicht geeignet. Ich behalte mir solche für später vor.“ — — 
Wenn man mit diesen Worten diejenigen verglich, welche der Reichs- 
kanzler im Jahre vorher auf das englisch-französische Abkommen ange- 
wendet hatte, so lag auf der Hand, daß seitdem Ereignisse eingetreten 
sein mußten, die seine Beurteilung des Abkommens verändert hatten. 
Die öffentliche Meinung in Oeutschland wollte diese Ursachen durchweg 
in dem Drängen nationaler deutscher Kreise auf eine aktive deutsche Ma- 
rokkopolitik mit dem Endziele einer deutschen Fußfassung dort erblicken. 
Diese Auffassung widerlegte der Kanzler freilich schon durch den obigen 
Satz: Er erachte es für Pflicht, dafür zu sorgen, daß auch in Zukunft unsere 
wirtschaftlichen Interessen nicht geschädigt würden, mit anderen Worten: 
Erhaltung eines Zustandes in Marokko, der die Bestimmungen der Ma- 
drider Konvention gewährleiste. 
Wenige Tage darauf wurde die Welt durch die Tangerfahrt Kaiser 
Wilhelms in Erstaunen versetzt. Was konnte den Fürsten Bülow zu einem 
derart bedeutenden politischen Akte veranlaßt haben? 
Seite 220 ff. sind die öffentlichen und die geheimen Abkommen 
zwischen England und Frankreich, Spanien und Frankreich und der eng-
        <pb n="298" />
        256 J. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
lisch-französische Rotenwechsel über das gebeime spanisch-französische Ab- 
kommen besprochen worden. Es ist nicht bekannt, ob Fürst Bülow in den 
ersten Monaten nach der Veröffentlichung des Abkommens über den 
Inhalt der geheimen Bestimmungen unterrichtet war, aber ohne Zweifel 
mußte der Widerspruch in dem veröffentlichten Abkommen zu denken 
geben, der einerseits Frankreichs Absicht, den politischen Zustand Marokkos 
nicht zu ändern, betonte, während Frankreich sich anderseits von England 
Vollmacht geben und sich diplomatische Unterstützung für alles gewähr- 
leisten ließ, was die französische Politik in Marokko tun oder lassen wollte. 
Dieser Widerspruch war nicht aus der Welt zu schaffen. Im Laufe des 
ZLahres 1904 schon tauchten von Paris aus Gerüchte von Geheimklauseln 
auf, welche neben den veröffentlichten Abkommen beständen. Ale im Ok- 
tober 1904 das für die Offentlichkeit bestimmte französisch-spanische Ab- 
kommen bekanntgemacht wurde, verbreitete das Reutersche Bureau die 
folgende Depesche: „Zede Einzelbeit der Berhandlungen ist der britischen 
Regierung bekanntgegeben worden, und die Bestimmungen des neuen 
Vertrages werden mit Genugtuung von den Regierungen zu London, 
Paris und Madrid betrachtet. Der Vertrag enthält eine Anzahl geheimer 
Klauseln, die nicht veröffentlicht werden.“ 
Ungefähr um dieselbe Zeit hatte der damalige Führer der fran- 
zösischen „Kolonialen“, Mr. Etienne, eine Unterredung mit einem Ver- 
treter des „Temps“, aus welcher hervorging, daß er Kenntnis von dem 
Znhbalt der geheimen Bestimmungen besaß. Ob ihm diese bekanntgegeben 
worden waren, oder ob er sie durch Indiskretion erfahren hatte, steht 
dahin. Tatsache ist jedenfalls, daß der französisch-spanische Geheimver-- 
trag nur sehr wenigen französischen Ministern bekanntgegeben worden 
war. Fragt man, woraus jene Beröffentlichung des Reuterschen Bu- 
reaus zu erklären sei, so mag sie sich auf den Wunsch der britischen Regie- 
rung zurückgeführt haben, keinen Zweifel über die Beteiligung Groß- 
britanniens an den spanisch-französischen Berhandlungen zu lassen, da, 
wie vorher erwähnt worden ist, einige Jahre vorher der Versuch Oel- 
cassés, sich mit Spanien ohne Großbritannien zu verständigen, dank der 
Wachsamkeit der britischen Regierung mißlungen war. 
Diese Auffassung mußte gerade in Deutschland entscheidend wer- 
den, weil die französische Regierung der deutschen keinerlei amtliche Mit- 
teilung von ihrem Abkommen mit England gemacht hatte. Von eng- 
lischer Seite wurde der deutschen Regierung nur eine Mitteilung über 
denjenigen Teil des Abkommens gemacht, der sich auf das Oekret des 
Khedive von Agppten bezog. So erklärte jedenfalls im April 1905 der 
Unterstaatesekretär des Auswärtigen, Earl Percy, im Parlament. 
Anfang des Jahres 1905 bereitete Frankreich eine Sondergesandt-
        <pb n="299" />
        Tanger. 257 
  
schaft an den Sultan von Marokko vor. Am 21. Februar traf der fran- 
zösische Gesandte zu Tanger, Saint René Taillandier, in Fes ein und 
machte dem Sultan eine Reihe von Vorschlägen im Namen der fran- 
zösischen Regierung. Er wies auf die Anarchie und die Unruhen in Marokko 
hin und erklärte, Frankreich wolle ihm zu neuem Ansehen und Marokko 
zu einer neuen Ara des Friedens und der Arbeit verhelfen. Freiheit und 
Integrität des Landes garantiere ihm Frankreich. Zur Ourchführung 
dieser Absicht sei eine Reihe von Reformen notwendig. Unter ihnen nannte 
der Gesandte: Neuorganisierung des marokkanischen Heeres unter fran- 
zösischer Leitung, Anlegung öffentlicher Bauten, Reformen der Ver- 
waltung, Rechtopflege, der Straßen und Wege, der Grenzen, der Polizei 
und der Zolleinrichtungen, schließlich die Gründung einer Staatsbank 
mit französischem Gelde und unter französischer Leitung. Diese Vor- 
schläge bedeuteten nichts anderes als ein französisches Protektorat. Die 
Redewendungen von Unabhängigkeit und Integrität, von Freiheit und 
EGleichheit des Handels usw. konnten nur als verschleiernde Phrasen gelten. 
Diese Vorschläge widersprachen ebenfallo dem Wortlaute des veröffent- 
lichten französisch-englischen Abkommens: Frankreich wolle den poli- 
tischen Zustand nicht ändern usw. 
Wenige Tage vorher hatte der deutsche Gesandtschaftssekretär zu 
Tanger dem dortigen französischen Gesandtschaftssekretär mitgeteilt: 
Fürst Bülow habe ihn wissen lassen, daß die Kaiserliche Regierung nichts 
vom ZInhalte des Marokkoabkommens wisse und sich hinsichtlich dieser 
Frage in keiner Weise gebunden sähe. — Das war ein letzter Wink nach 
Paris, einen diplomatischen Konflikt mit dem ODeutschen Reiche durch 
amtliche Mitteilung und gegenseitigen Meinungsaustausch über das Ab- 
kommen und seine Folgen zu vermeiden. Der Wink wurde unbeachtet 
gelassen, und so wirkte die völlige Ignorierung des Oeutschen Reiches 
als eine beabsichtigte Rücksichtslosigkeit nicht nur, sondern als Bekundung 
des Willens der französischen Regierung, über die vertraglich (Madrider 
Konvention) garantierten Interessen des Deutschen Reiches in Marokko 
hinwegzugehen. 
Unter diesen Umständen glaubte der Reichskanzler Fürst Bülow, 
daß die Znteressen des Deutschen Reiches ebensowenig wie dessen Würde 
ein weiteres untätiges Zusehen gestatteten, und so wurde eine Be- 
suchsreise de5 Deutschen Kaisers an Bord de5 Dampfers „Hamburg"“ und 
begleitet vom Panzerkreuzer „Friedrich Karl“ auf einen Besuch von Tanger 
ausgedehnt. Am 27. März traf Kaiser Wilhelm in Lissabon zum Besuche 
des Königs von Portugal ein. Am Mittag des 30. März verließ er die 
Reede von Lissabon und ankerte am 51. März auf der Reede von Tanger, 
wo zwei französische Kreuzer lagen. Am 21. März hatte die halbamtliche 
Graf Reventlow, Deutschlands auswärtige Pollilé. 17
        <pb n="300" />
        258 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905—1908. 
  
„Norddeutsche Allgemeine Zeitung“, offenbar in Borbereitung der Kaiser- 
reise, ausgeführt, daß der Deutsche Kaiser bereits im vorigen Zahre zu 
Bigo dem Könige von Spanien auedrücklich erklärt habe, das Deutsche 
Reich wolle keinerlei territoriale Vorteile irgendwelcher Art in Marokko, 
sondern nur die Fortdauer der wirtschaftlichen Gleichberechtigung. „Bies 
heute", schrieb das Blatt, „haben wir keinen Anlaß zu vermuten, daß 
der Sultan von Marokko Verpflichtungen einzugehen beabsichtigt, die 
seine Unabhängigkeit beschränken und ihn künftighin verhindern wür- 
den, allen handeltreibenden VBölkern auf seinem Gebiete die gleiche Be- 
bandlung zuteil werden zu lassen.“ Dieser Satz bezog sich auf die Vor- 
schläge, die der französische Gesandte Saint René Taillandier eben vor- 
ber dem Sultan von Marokko in Fes gemacht hatte. Man darf dieses 
für die Beurteilung der folgenden Vorgänge nicht vergessen. Es handelte 
sich nicht um ein allgemeines und „grundsätzliches“ Auftrumpfen, nicht 
allein um die Ignorierung des Deutschen Reiches durch Delcassé, sondern 
der — nicht nur äußerliche — Anlaß wurde eben durch die französischen 
-Reformvorschläge“ an den Sultan gebildet. 
Der Kaiser wurde in Tanger vom Onkel des Sultans empfangen und 
in einer Ansprache freudig begrüßt. Der Kaiser erklärte, er habe hohes 
Interesse an dem Wohlergehen und dem Gedeihen des Marokkanischen 
Reiches. Er besuche den Sultan als unabhängigen Herrscher und hoffe, 
daß unter der Herrschaft des Sultans ein freies Marokko dem friedlichen 
Wettbewerbe aller Nationen, ohne Monopole und Ausschließung, ge- 
öffnet werden würde. Einer Abordnung der deutschen Kolonie sagte der 
Kaiser u. a.: Deutschland habe große Handelsinteressen in Marokko, und 
dieser Handel nehme einen erfreulichen Aufschwung. Der Kaiser werde 
sich angelegen sein lassen, den Handel zu fördern, das sei aber nur unter 
der Voraussetzung der Gleichberechtigung aller Mächte möglich, fer- 
ner unter der Souveränität des Sultans und der Unabhängigkeit des 
Landes. Sein Besuch bilde die Anerkennung dieser Unabhängigkeit. 
Der Onkel des Sultans Scheikh Abd el Malek las in der deutschen 
Gesandtschaft dem Kaiser ein Schreiben des Sultans vor, das den Wunsch 
enthielt und betonte, die marokkanisch-deutsche Freundschaft in jeder 
Weise zu erweitern und zu kräftigen. Der Kaiser erwiderte und betonte 
dieselben Gesichtspunkte wie vorher, sagte außerdem: Sein Besuch in 
Tanger bezwecke darzutun, daß die deutschen Interessen in Marokko ge- 
schützt und gewahrt werden sollten. Uber die besten Mittel, das zu er- 
reichen, werde er sich mit dem Sultan ins Einvernehmen setzen. Der 
Kaiser betrachte den Sultan als freien, unabhängigen Herrscher. 
Auf der Rückfahrt von Tanger lief die Kaiserflottille Gibraltar an, 
wurde vom britischen Gouverneur empfangen. Kaiser Wilhelm nahm
        <pb n="301" />
        Tanger. 259 
  
Selegenheit, einen Trinkspruch auf König Eduard auszubringen. Zn 
England erregte dieser Besuch großen Arger. Die „Times“ erklärten: 
ed sei nach der Tangerkundgebung des Kaisers taktlos und unklug ge- 
wesen, die englische Seefestung Gibraltar anzulaufen. Es sei unter solchen 
Umständen nicht verwunderlich gewesen, daß die Königin von England 
wenige Stunden vor der Ankunft des Kaisers Gibraltar verlassen habe. 
Über den Zweck der Kaiserreise nach Tanger konnte für niemanden 
Zweifel obwalten. Weder Deutsche noch Ausländer vermochten ver- 
nünftigerweise zu glauben, daß der Tangerbesuch die Ouvertüre zu einer 
Annexionspolitik sein solle. ARicht allein der Kaiser ließ in seinen An- 
sprachen keinen Zweifel darüber, sondern seit Jahren hatte der Reichs- 
kanzler, hatte die halbamtliche und inspirierte Presse in lückenloser Kon- 
sequenz immer die gleichen Grundsätze betont. Im Reichstag äußerte 
sich am 29. März 1905 der Reichskanzler wiederum in den gleichen Wen- 
dungen: 
„Seine Majestät der Kaiser hatte gerade vor Jahreefrist Seiner 
Majestät dem Könige von Spanien erklärt, Deutschland erstrebe in Marokko 
keine territorialen Borteile. Nach dieser bestimmten Erklärung ist es 
aussichtslos, dem Besuche Seiner Majestät in Tanger irgendwelche selbst- 
süchtigen, gegen die IZntegrität oder die Unabhängigkeit von Marokko 
gerichteten Absichten unterzuschieben. Ein berechtigtes Motiv zur Be- 
unruhigung kann also aus diesem Besuche niemand berleiten, der selbst 
keine aggressiven Zwecke verfolgt.“ Der Kanzler weist dann auf das Vor- 
handensein der deutschen Interessen wirtschaftlicher Natur hin und auf 
das erhebliche Interesse an der Erhaltung der offenen Tür. In der Ten- 
denz der deutschen Politik habe sich nichts geändert. „Wer ein Fait nou- 
veau sucht, wird es nicht in der deutschen Politik finden. Sofern aber 
versucht wird, die völkerrechtliche Stellung von Marokko zu ändern, oder 
bei der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes die offene Tür zu kon- 
trollieren, müssen wir auch in höherem Grade als früher darauf achten, 
daß unsere wirtschaftlichen Interessen in Marokko ungefährdet bleiben. 
Wir setzen uns deswegen zunächst mit dem Sultan von Marokko in Ver- 
bindung.“ 
Auch diese Ausführungen ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen 
übrig, und das Recht Deutschlands, sich auf diesen Boden zu stellen, war 
außer Frage. Die Tangerreise des Deutschen Kaisers hat mithin ebenso- 
wenig wie die Krüger-Depesche eine sogenannte „impulsive Handlung“ 
des Herrschers gebildet, sondern sie war ihm vom Reichskanzler geraten 
worden, wie es heißt, sogar mit großer Oringlichkeit und wiederholt. 
Die Person des Deutschen Kaisers war also mit einer beispiellosen Aus- 
drücklichkeit im Dienste der amtlichen Politik des Reiches eingesetzt worden, 
17*
        <pb n="302" />
        260 Z. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905—1908. 
  
ein Ereignis, das, an sich schon höchst bedeutend, gerade in der Span- 
nung jener Zeit ungeheures Aufsehen in der ganzen politischen Welt 
erregte. 
Als nächste Folge des Kaiserbesuches wurde schon in den ersten Tagen 
des April ein deutsch-marokkanisches Abkommen über die Küstenschiff- 
fahrt in den marokkanischen Gewässern abgeschlossen. 
Zn Frankreich erregte dieses Auftreten der deutschen Politik teils 
Wut und lärmende Erbitterung, teils lebhafte Unruhe. Am Tage des 
Kaiserlichen Tangerbesuches verteidigte Delcassé in einer langen Rede 
seine Marokkopolitik und wies hauptsächlich hin auf die Notwendigkeit 
und Pflichten Frankreichs als Grenznachbar Marokkos (in Algier) und 
behauptete, daß der Text des französisch-englischen Abkommens keinerlei 
Mißverständnis zulasse. Die Unabhängigkeit und Integrität Marokkos 
wären durchaus vereinbar mit Eingriffen und Sondermaßnahmen Frank- 
reichs. „Ich habe niemals ein Hehl daraus gemacht, daß es sich um eine 
große und delikate Aufgabe handelt, daß Zwischenfälle kommen würden, 
um ihre Durchführung zu durchkreuzen; ist das nicht aber das Verhängnis 
eines jeden großen Unternehmens?“ Ourch Widerstände in Fes dürfe 
man sich nicht irremachen lassen. Wiederholt betonte der Minister, die 
Lage sei nicht beunruhigend, man mühsse durchhalten. ODelcassé erklärte 
ferner auf Anfragen, er habe dem deutschen Botschafter Mitteilungen 
über das Abkommen gemacht und später ihm und dem französischen Bot- 
schafter in Berlin mitteilen lassen, daß er bereit wäre, Mißverständnisse 
zu zerstreuen und seine biöherigen Mitteilungen zu vervollständigen. Die- 
sen und ähnlichen Behauptungen gegenüber erklärte die halbamtliche 
deutsche Presse, Delcassé habe sich dem deutschen Botschafter Fürsten 
Radolin gegenüber nur „im Nahmen allgemeiner und unverbindlicher 
Betrachtungen geäußert“. Da eine amtliche Mitteilung fedblte, so konn-- 
ten die deutschen Regierungsvertreter in Berlin und Paris den Gegen- 
stand amtlich auch nicht erörtern. 
In der französischen Kammer hatte Oelcassé jedoch jene Mitteilung 
gemacht, und Fürst Bülow erließ daraufbhin kurz vor Mitte April ein Schrei- 
ben an verschiedene deutsche Auslandsvertretungen, des Inhaltes: es 
sei falsch, daß das französisch-englische Marokkoabkommen der deutschen 
Regierung schriftlich oder mündlich zur Kenntnis gebracht worden sei. 
Delcassé habe dem deutschen Botschafter gegenüber nur allgemeine An- 
deutungen über unhaltbare Zustände in Marokko, Notwendigkeit ener- 
gischer Maßnahmen und ähnliches gemacht. Auf diese Note hin besuchte 
Delcassé den deutschen Botschafter und gab diesem zu, daß ihre damalige 
Unterhaltung keinen amtlichen Charakter gehabt habe. Oelcassé habe 
geglaubt, es sei nicht nötig, das Abkommen nach Berlin hin amtlich mit-
        <pb n="303" />
        Tanger. 261 
  
zuteilen, da es nicht in Paris, sondern in London geschlossen worden sei. 
Den im Herbst 1904 zu Paris geschlossenen französisch-spanischen Ver— 
trag habe er schon vor der Veröffentlichung durch den französischen Ge- 
sandten in Berlin, Mr. Bihourd, dem deutschen Staatssekretär des Aus- 
wärtigen Amtes, Freiherrn von Nichthofen, mitteilen lassen. Dieses 
Abkommen sei aus dem englisch-französischen hervorgegangen, und des- 
halb habe er, ODelcassé, geglaubt, hiermit alles RNötige getan zu haben. 
Nachdem der deutsche Botschafter Fürst Radolin den Inhalt dieser Unter- 
haltung nach Berlin mitgeteilt hatte, erließ der Reichskanzler das folgende 
Schreiben nach Paris: 
„Oaß ein diplomatisches Aktenstück von solcher Tragweite wie das 
Marokkoabkommen nicht auf Grund mündlicher Wiedergabe beurteilt 
werden kann, bedarf keines Beweises. Für Eröffnungen von solcher 
Wichtigkeit ist die schriftliche Form die durch den diplomatischen Gebrauch 
konsekrierte. Die formelle und materielle Unzulänglichkeit der im Laufe 
des vorigen Jahres von Herrn Oelcassé durch Eure Ourchlaucht und durch 
Herrn Bihourd hierher übermittelten Andeutungen und Fingerzeige ist 
eine Tatsache, über die keiner der beiden Teile sich nachträglich hinweg- 
setzen kann. Ob bei diesen Andeutungen ein Wink mehr oder weniger 
gegeben wurde, ist ein unerheblicher Umstand“ usw. usw. 
Inzwischen waren auch Berichte des deutschen Gesandten in Tanger, 
Grafen Tattenbach, über die Vorschläge und das Vorgehen des fran- 
zösischen Gesandten beim Sultan von Marokko eingelaufen. Diese Be- 
richte ließen nicht nur die Absicht außer Zweifel, Marokko zu „tunifizieren“, 
sondern ebensowenig, daß Oelcassé sofort und mit Gewalt durch jene 
oben angedeuteten Reformen Marokko zur Anerkennung der franzö- 
sischen Borschläge und damit der französischen Oberherrschaft zwingen 
wollte. Der französische Gesandte hatte sich auf ein „Mandat Europas 
für Frankreich“ berufen. Der Sultan fragte den deutschen Konsul in 
Fes, wie es damit stände, und dieser erklärte sachgemäß, daß Deutsch- 
land ein solches Mandat nicht erteilt habe. Aicht lange nachher erklärte 
Delcassé im Senate: Narokko habe die Natschläge Frankreichs erbeten 
und erklärt, sie befolgen zu wollen. Der Sultan äußerte sich dem deut- 
schen Konsul gegenüber, das seien „reine Unwahrheiten“, die marokka- 
nische Regierung habe auch im Prinzip die französischen Reformvor- 
schläge nicht angenommen und er, der Sultan, habe nur die Ankunft des 
deutschen Gesandten abgewartet, um sich mit ihm zu besprechen. Graf 
Tattenbach berichtete, daß der französische Gesandte in Fes im Auftrage 
Delcassés erklärt hätte: die französische Regierung würde es als eine Be- 
einträchtigung ihrer Interessen ansehen, wenn die französischen Reform- 
vorschläge den Signatarmächten der Madrider Konvention zur Ois-
        <pb n="304" />
        262 5. Abschnitt. Bor und nach Algeciras. 1005-1008. 
  
kussion gestellt würden. Frankreich allein habe das Recht, in Marokko 
zu intervenieren. Die marokkanische Regierung müsse sich fügen, da 
sie selbst nicht imstande sei, Ruhe und Ordnung in ihrem Lande zu 
schaffen. 
Der deutsche Reichskanzler schrieb am 22. Mai an den Botschafter 
Fürsten Radolin, daß diese Meldungen nicht geeignet seien, den Ein- 
druck von dem stürmischen Charakter der Delcasséschen Marokkopolitik 
zu ändern. Der französische Gesandte Saint René Taillandier wolle ohne 
weiteres die Hand auf Marokko legen und dem Sultan den Berkehr mit 
den übrigen Unterzeichnungsmächten des Madrider Vertrages verbieten. 
Er, Bülow, glaube nicht, daß der französische Ministerpräsident Rouvier 
dieser Ansicht sei. — Rouvier hatte im April bereits eine versöhnlich 
klingende Sprache geführt, u. a. erklärt: „Deutschland verlangt von uns, 
daß wir seine Interessen respektieren; wir verlangen nichts Besseres.“ 
In diese Erörterungen und Berichte hinein spielten nun die wichtigen 
Ereignisse, die man nach der Haltung der einschlägigen Presse in Deutsch- 
land und in Frankreich, außerdem nach den sogenannten Delcassêschen 
Enthüllungen für im großen und ganzen autbentisch halten muß: 
Um Mitte Mai des Zahres 1905 brachte der deutsche Botschafter 
Graf Wolff-Metternich das Folgende in Erfahrung und berichtete ent- 
sprechend nach Berlin: In der Zeit zwischen dem Frühjahr 1904 und 
der Tangerreise des Deutschen Kaisers habe die britische Diplomatie 
dreimal in Paris anfragen lassen, ob ein englisch-französischer Bündnis-- 
vertrag willkommen wäre. DOelcassé hätte lange nicht darauf geantwor- 
tet, jedoch durch den französischen Botschafter in London, Mr. Paul Cam- 
bon, die Berhandlungen wieder aufnehmen lassen, nachdem die fran- 
zösisch-deutschen Beziehungen erheblich schlechter geworden waren. Der 
britische Staatssekretär des Auswärtigen habe mündlich an Frankreich 
für den Kriegsfall eine tatsächliche Unterstützung zugesagt, mit dem Be- 
merken, daß, sobald der Kriegsfall einträte, die schriftliche Festlegung 
dieser Berpflichtung erfolgen werde. Fürst Bülow habe sich hierauf an 
die italienische Regierung mit der Anfrage gewendet, daß Deutschland 
zu wissen wünsche, welche Ziele die französisch-englische Koalition ver- 
folge. — Fürst Bülow hat später in Abrede gestellt, daß er für seine An- 
frage über die Ziele der Entente sich Italiens als Zwischenglied bedient 
habe. — Die italienische Regierung machte dem französischen Bot- 
schafter in Rom, Mr. Barrere, Mitteilung. Der französische Minister- 
präsident Mr. Rouvier erkannte die Aähe der Kriegsgefahr und zugleich, 
daß — wollte Frankreich den Krieg nicht — sofortiges Handeln nötig sei. 
Am 6. Juni 1905 versammelte Rouvier den Ministerrat, um den deutschen 
Vorschlag, eine internationale Konferenz über die Marokkofrage zu berufen,
        <pb n="305" />
        Tanger. 263 
  
zu beraten. Delcassé erklärte sich gegen die Konferenz und entwickelte 
sein Programm: man müsse unter allen Umständen durchhalten, von 
England habe er entsprechende Zusicherungen. Er zeigte eine Oepesche# 
des italienischen Ministers des Auswärtigen, Herrn Tittoni, vor: „Deutsch- 
land wird nie wagen, Sie anzugreifen, wenn Sie mit England verbündet 
sind.“ — Nach französischen Berichten hatte sich dann der Ministerprä- 
sident Rouvier an den Kriegsminister und an den Marineminister mit 
der Frage gewandt, ob sie bereit wären. Der Kriegsminister Mr. Ber- 
teaux habe die Hände emporgehoben und ausgerufen: „Wir sind in keiner 
Hinsicht bereit“, und der Marineminister habe sich ähnlich geäußert. Hier- 
auf sei über die Frage der Konferenz (siehe unten) abgestimmt worden, 
und alle außer Delcassé seien dafür gewesen. Delcassé habe unmittel- 
bar demissioniert. Uber jene Ministersitzung ist eine ganze Anzahl von 
Versionen im Umlaufe, die, an sich nicht ohne Interesse, doch zu wenig 
Beziehungen zu den großen Zusammenhängen haben, als daß es nötig 
wäre, auf sie einzugehen. 
Zenes Versprechen englischer Hilfeleistung gelangte schon einige 
Wochen nach Delcassés Rücktritt in die Offentlichkeit, und zwar durch 
eine Unterredung Delcassés mit einem Bertreter des Pariser „Gaulois“. 
Diesem gab der stark verbitterte Delcassé eine grundsätzliche Kennzeich- 
nung seiner Politik: die Interessen Frankreichs lägen auf englischer Seite. 
Der englische Beistand in gewissen Fällen hätte für Frankreich den Wert, 
„daß Deutschland in die Unmöglichkeit versetzt würde, uns den Krieg 
zu erklären. Was vermöchte im Falle eines Krieges, in dem England 
mit uns ginge, die deutsche Flotte ..Das Einvernehmen Frankreichs 
und Englands und die Vereinigung der Flotten dieser beiden Länder 
schaffen ein so furchtbares Kriegswerkzeug, daß weder Deutschland, noch 
sonst eine Macht ihre Vernichtung zur See würde riskieren wollen.“ Außer- 
dem bedeute die Entente mit England eine Besserung der englisch-rus- 
sischen Beziehungen. 
Der „Matin“ erzählte im Oktober des gleichen Zahres (1905) das 
Folgende: „Der Minister Delcassé erklärte im Ministerrate, daß er von 
englischer Seite die vorläufig mündliche Zusage besitze, Frankreich in 
einem Kriege gegen ein angreifendes Deutschland durch Beschlagnahme 
des Kaiser-Wilhelm-Kanals und Besetzung von Schleswig-Holstein mit 
100000 Mann beizustehen. Dieses Versprechen sei später mit dem 
Anerbieten schriftlicher Firierung wiederholt worden. Im Minister- 
rate hätte der Ministerpräsident Rouvier schließlich gesagt: Delcassé habe 
eine zu scharfe antideutsche Politik getrieben, er habe Spanien von Deutsch- 
land losgerissen, England für Frankreich gewonnen, Italien Deutsch- 
land abtrünnig gemacht. Delcassé habe diese Rede unterbrochen und
        <pb n="306" />
        264 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
gesagt, er habe die französischen Interessen wahrgenommen und sei nicht 
der Ansicht gewesen, daß er auch zur Wahrung der deutschen ZInteressen 
verpflichtet wäre. 
Wenige Tage nach dieser begreifliches Aufsehen erregenden Ber- 
öffentlichung, zu welcher in der Presse Stellung zu nehmen Oelaassé 
sich weigerte, erklärte der sozialistische Abgeordnete Mr. Jaureês, er habe 
schon während des Höhepunktes der deutsch-französischen Krisis aus fran- 
zösischer Quelle alles das erfahren, was Delcassé von der englischen Hilfe- 
leistung gesagt hätte, nämlich: daß Großbritannien sich schriftlich zum Bei- 
stand verpflichten wolle, daß es nicht nur die Mitwirkung seiner Flotte, 
sondern auch die Landung von 100 000 Engländern an der schleswig- 
holsteinischen Küste bindend versprochen habe. 
Drei Tage nach den ersten „Delcasséschen Enthüllungen“ erschien 
im französischen Kriegehafen Brest ein englisches Geschwader; die üb- 
lichen Einladungen und Verbrüderungen fanden statt. Der englische Ge- 
schwaderchef Bizeadmiral May sprach die Hoffnung aus, die Entente 
Cordiale möge noch fester werden, und der britische Botschafter in Paris, 
Sir F. Bertie, gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Bande aufrichtiger 
Freundschaft unauflöslich werden möchten. Drei Wochen später erwi- 
derte ein französisches Geschwader den Besuch, und hier erschien König 
Eduard von England selbst, um den französischen Offizieren seine Wünsche 
für das Einvernehmen zwischen den beiden Mächten auszudrücken. 
In diesen beiden Geschwaderbesuchen war tatsächlich wieder die 
englische Znitiative enthalten: der Versicherung des englischen Beistandes 
für alle Fälle und eine deutliche Drohung an die deutsche Adresse. 
Oie britische Regierung erklärte halbamtlich, sie könne die Enthül- 
lungen eines Preßorgans, wie die Behauptung von einem englischen 
Anerbieten an Frankreich, im Kriegsfall bewaffnete Unterstützung gegen 
Deutschland zu leisten, weder ableugnen, noch bestätigen. Die Regie— 
rung bedaure die Mitteilungen Delcassés an den „Matin“ ebenso wie alle 
derartigen Indiskretionen. Das Reutersche Bureau erklärte dagegen, daß 
die Frage eines Beistandsangebotes an Frankreich nie bestanden habe, 
Frankreich habe nie Beistand verlangt, England nie solchen angeboten. 
Im Zuni soll der Staatssekretär des Außeren, Lord Lansdowne, dem 
deutschen Botschafter in London, Grafen Wolff-Metternich, erklärt haben, 
daß ein englisch-französisches Schutz“- und Trutzbündnis niemals Gegen- 
stand der Erwägungen gewesen sei. Oiese englischen Erklärungen fielen 
neben den zahlreichen Beweisen des Gegenteiles nicht ins Gewicht. Es 
konnte vielleicht nicht bestritten werden, daß Lord Lansdowne eine dem 
Wortlaute nach den Tatsachen entsprechende Erklärung abgegeben 
habe, aber Worte, Begriffe sind zahlreich und dehnbar. Das subjek-
        <pb n="307" />
        Tanger. 265 
  
tive Recht der diplomatischen Auslegung kann man sogar unbegrenzt 
nennen. 
Der Sultan von Marokko ließ eben vor dem Rücktritte Delcassés 
die französische Regierung wissen, daß er die Reformvorschläge Frank- 
reichs nicht annehmen könne, und forderte — auf deutsche Anregung — 
die Signatarmächte der Madrider Konvention zur Beschickung einer 
Konferenz auf. Zu dieser Zeit befand sich der deutsche Reichskanzler 
bereits in direktem Meinungsaustausche mit Mr. Rouvier. Oie deutsche 
Regierung nahm den Konferenzvorschlag des Sultans sofort amtlich auf, 
und in einem Rundschreiben legte Fürst Bülow dar, daß die in Marokko 
nötigen Reformen nur unter Anlehnung an die Madrider Signatarmächte 
erfolgen könnten. Deshalb müsse der Meistbegünstigungoartikel 17 dieser 
Konvention maßgebend bleiben: daß also keine Macht als bevorzugt in 
Marokko behandelt werden dürfe. Sollte die Konferenz an der Wei- 
gerung einzelner Signatarmächte scheitern, so würde der bisherige Ver- 
tragezustand unverändert aufrecht bleiben. Ein Gewährenlassen der 
französischen Aktion in Marokko bedeute für die Signatarmächte das 
Preisgeben ihrer Rechte aus dem Madrider Vertrage, ein Einspruch gegen 
diese Aktion bedeute eine Verteidigung des bestehenden Rechtszustandes. 
Anfang Zuli erfolgte ein Erklärungsaustausch zwischen Rouvier und 
dem deutschen Botschafter über die zu beschickende Konferenz, welcher 
von französischer Seite folgendermaßen lautet: 
„Die Regierung der Republik ist durch die Besprechungen, die zwi- 
schen den Bertretern der beiden Länder in Paris wie in Berlin stattge- 
funden haben, zu der Uberzeugung gelangt, daß die Kaiserliche Regie- 
rung auf der von dem Sultan von NMarokko vorgeschlagenen Konferenz 
keine Ziele verfolgen wird, die die berechtigten Interessen Frankreichs 
in diesem Lande in Frage stellen oder im Widerspruche stehen mit den 
Rechten Frankreichs, die sich aus seinen Verträgen oder Abkommen er- 
geben und sich im Einklange mit folgenden Grundsätzen befinden: Sou- 
veränität und Unabhängigkeit des Sultans, Integrität seines Reiches, 
wirtschaftliche Freiheit ohne jede Ungleichheit, Nützlichkeit polizeilicher 
und finanzieller Reformen, deren Einführung für kurze Zeit auf Grund 
internationaler Bereinbarung geregelt werden soll; ferner: Anerkennung 
der Lage, die für Frankreich in Marokko geschaffen wird durch lang aus- 
gedehnte Grenzberührung zwischen Algerien und dem Scherifischen Reiche, 
durch die sich hieraus für die beiden Nachbarländer ergebenden eigen- 
artigen Beziehungen, sowie durch das hieraus für Frankreich folgende 
besondere Znteresse daran, daß im Scherifischen Reiche Ordnung herrsche. 
— Infolgedessen läßt die französische Regierung ihre ursprünglichen 
Einwendungen gegen die Konferenz fallen und nimmt die Einladung an.“
        <pb n="308" />
        266 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
Der deutsche Botschafter antwortete beinahe gleichlautend, und 
beide erließen dann eine gemeinsame Erklärung, daß die deutsche und 
die französische Regierung unmittelbar nach Zusammentritt der Kon- 
ferenz ihre Gesandten aus Fes nach Tanger zurückberufen würden (um 
parteiische Einflußnahmen während dieser Zeit auszuschließen). Ferner 
wollten beide Regierungen gemeinsam durch ihre BVertreter dem Sultan 
zur Hand gehen, um das Konferenzprogramm aufzustellen. 
Die Krisis und Spannung zwischen den beiden Regierungen war 
also vorläufig gelöst, und die Lösung datierte wohl schon kurz vor dem 
Rücktritte Delcassés, wenngleich sie definitiv erst mit dem Rücktritte dieses 
Staatsmannes Platz griff. 
Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 
Die spätere Entwicklung und der endliche Abschluß der Marokko- 
angelegenheit machen es notwendig, daß der Beurteiler der politischen 
Geschichte jener Zeit über die politischen Motive, ob diese nun zu Hand- 
lungen oder zu Unterlassungen führten, klar sei. Für uns steht die Politik 
des Oeutschen Reiches an erster Stelle. Daraus ergibt sich die Frage: 
Wie war diese im großen und ganzen gerichtet? 
Die europäische Lage war in den Jahren 1904 und 1905 eine ganz 
andere wie noch kurz vorher. Seit dem Februar 1904 kämpften Rußland 
und Japan im fernen Osten, und das Schwergewicht der russischen Macht 
in Europa war sehr wesentlich leichter geworden und wäre in einem großen 
europäischen Kriege nur wenig, wenn überhaupt, in Betracht gekommen. 
Der französisch-russische Zweibund war mithin bis zu einem hohen Grade 
außer Funktion und Wirkungsmöglichkeit gesetzt worden. Der Zweifronten-- 
krieg für das Deutsche Reich war aus einer greifbaren Möglichkeit zu einem 
wesenlosen Gespenste geworden, Frankreich stand zu Lande annähernd 
allein, während Rußland das größte Interesse hatte und wohl auch diplo- 
matisch gezeigt hat: das Deutsche Reich in einer freundschaftlichen lopalen 
Neutralität zu halten und dem östlichen Nachbar während seines von An- 
fang an unglücklich verlaufenden Kampfes in Ostasien Sicherheit an seiner 
europäischen Flanke zu geben. Das Deutsche Reich hat diese Lopalität 
unverbrüchlich betätigt, Osterreich-Ungarn tat das gleiche. Für beide 
europäischen Zentralmächte ist dieses Verhalten vom sittlichen Stand- 
punkte rühmlich, vom politischen wahrscheinlich wenig klug gewesen. 
Das Verhalten Frankreichs während des Russisch-Zapanischen Krieges 
erregte in Rußland vielfach Mißstimmung. Man erkannte zwar an, daß 
Frankreich und seine Politik nicht im Widerspruche zu Großbritanniens 
Willen arbeiten könne, am allerwenigsten über See, aber ein Gefühl der
        <pb n="309" />
        Oie beiden Konferenzen: Algeelras und Haag. 267 
  
Enttäuschung griff nichtsdestoweniger in Rußland Platz, als man sah, 
daß der französische Bundesgenosse nicht nur, weder zu Lande noch zu 
Wasser, Hilfe gewährte, sondern sich auf Englands Befehl sogar weigern 
mußte, Schiffen des ausreisenden baltischen Geschwaders Asyl und Pro- 
viantunterstützung an der südostasiatischen Küste zu gewähren. Im wei- 
teren Verlaufe des Krieges freilich sind diese russischen Mißstimmungen 
wohl aufgehoben worden durch das erfolgreiche Arbeiten der französischen 
Diplomatie, um eine britisch-russische Annäherung zu fördern und so die 
spätere Tripelentente, den Dreiverband, vorzubereiten. Im September 
1905 konnte der belgische Gesandte zu Berlin bereits seiner Regierung 
berichten, daß man in den Kreisen der Londoner Hochfinanz den Gedanken, 
eine russische Anleihe in England aufzulegen, nicht mehr von der Hand 
weise. Wir kommen auf die englisch-russische Annäherung weiter unten 
ausführlich zurück. Hier seien die Anfänge nur angedeutet und die Tat- 
sache, daß seit dem französisch-britischen Marokkoabkommen die franzö- 
sischen Staatsmänner auch dieses alte Ziel ihrer Diplomatie, eine fran- 
zösisch-britisch-russische Bereinigung, geschickt und energisch förderten. Das 
allmählich erfolgreiche Fortschreiten dieser Bemühungen änderte aber 
nichts an der Tatsache, daß während der Jahre 1904 und 1905 Rußland 
einen europäischen Machtfaktor kaum darstellte, am allerwenigsten im Falle 
eines Krieges, wo nicht mehr Worte und ARimbus zählen, sondern nur 
wirkliche Macht. Es wirft sich immer wieder die Frage auf, durch welche 
Erwägungen die Politik Delcassés unter diesen Umständen bestimmt 
wurde, als er, ohne gezwungen zu sein, jede amtliche Mitteilung des 
Marokkoabkommens an die deutsche Regierung und auch sonst jede Füh- 
lungnahme in dieser Beziehung unterließ und damit die deutsche Regie- 
rung brüekierte. Hätte es sich lediglich um den Berstoß gegen die Form 
gehandelt, so wäre die Delcassésche Politik noch erklärlicher. Da er aber 
die Tunifizierung Marokkos bereits im Februar 1905 energisch in Angriff 
nehmen ließ, so mußte er schon vorher, ale er bierzu entschlossen war, 
annehmen, daß die deutsche Regierung früher oder später Einspruch er- 
heben würde. In der Tat wäre es für ihn wahrscheinlich vorteilhafter 
gewesen, nicht nur die internationalen Formen nicht zu verletzen, sondern 
im Gegenteil die deutsche Diplomatie bei guter Laune zu halten, anstatt 
durch gewollte Rücksichtslosigkeit das Moment der Berletzung der natio- 
nalen Gefühle und der Würde des Oeutschen Reiches unnötigerweise 
in die Lage hineinzubringen und sie damit zu komplizieren. 
Die Delcassésche Marokkopolitik von damals fußte auf zwei Haupt- 
erwägungen: dem Vertrauen auf Großbritanniens unbedingte Hilfs- 
bereitschaft und Macht und auf der Annahme, das Deutsche Neich werde 
sich durch Großbritannien einschüchtern lassen. Von der deutschen Diplo-
        <pb n="310" />
        268 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
matie und deren Trägern hatte Delcassé nur geringe Meinung, und er 
glaubte, ebenso wie man in England dachte: die deutsche Politik werde 
eine unbedingt friedliche sein. Wenn man sie vor den Kopf stieße, würde 
sie vielleicht aufbegehren, aber schließlich nachgeben. Mit der Möglichkeit 
eines Krieges dürfte aber auch Oelcassé gerechnet haben. Diese Rechnung 
zeigte ihm die folgende Lage: Rußlands europäische Aktionskraft war 
so gering, daß sie kaum mitzählte. Auf der anderen Seite war man in 
Frankreich und Großbritannien überzeugt, daß Österreich-Ungarn durch 
seine inneren Streitigkeiten völlig zerrüttet wäre und im Falle eines 
Krieges nicht aktionsfähig sein werde. In Paris und London glaubte 
man, Italiens vollkommen sicher zu sein, und hat wohl angenommen, 
die italienische Politik werde zunächst neutral bleiben und dann in das 
englisch-französische Lager übergehen. Nach den Erfahrungen des Zahres 
1914/15 kann man kaum zweifelhaft sein, daß es so gekommen wäre, 
wenn ernstliche Waffenerfolge gegen Deutschland erfochten worden wären. 
Wie wir sahen, war ein Jahr vorher der Dreibund nur mit Mühe und 
gegen den Widerstand einer starken Strömung in ZItalien erneuert wor- 
den. Oas italienisch-französisch-englische Tripolisabkommen war kurz vor- 
her abgeschlossen worden, das französisch-britische Marokkoabkommen, 
1904, hatte dann einen tiefen Eindruck in Italien gemacht. Für die Psycho- 
logie der damaligen Beziehungen zwischen der französischen und italie- 
nischen Regierung ist das erwähnte Telegramm Tittonis bezeichnend ge- 
nmug: „Deutschland wird nie wagen, Sie anzugreifen, wenn Sie mit Eng- 
land verbündet sind.“ — Das war der Kern der Delcasséschen Rechnung. 
Demgegenüber kam für ihn selbst die Tatsache nicht in Betracht, daß Frank- 
reich weder zu Lande noch zur See militärisch bereit war. Möglicher- 
weise hat er auch Deutschland für nicht bereit gehalten. 
Die deutsche Flotte war damals eine unbeachtliche Größe. Der 
deutsche Seehandel mit allem, was dazu gehört, hätte, nach einer von 
Fürst Bülow berichteten Redewendung, vor der englischen Flotte gelegen 
wie Butter vor dem Messer. Anderseits hatte eine energische deutsche 
Flottenbaupolitik begonnen, ein großes wirtschaftliches Gedeihen er- 
füllte und belebte ganz Deutschland. Wer beute jene Lage beurteilt, 
wird das Folgende feststellen müssen: Der deutsche Seehandel mit den 
Kolonien und überseeischen Interessen wäre zweifellos der großbritan-- 
nischen Flotte ohne Mühe zum Opfer gefallen, die deutschen Küsten wären 
einer unmittelbaren Blockade schwerlich entgangen. Die deutsche Geld- 
wirtschaft war damals schwerlich so gut gerüstet für einen großen Krieg 
gewesen wie zehn Jahre später, die deutsche Zndustrie und Landwirtschaft 
— die letztere besonders infolge der vorhergegangenen fehlerhaften Wirt- 
schaftspolitik — waren ebenfalls lange nicht so leistungsfähig wie zehn Jahre
        <pb n="311" />
        Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 269 
  
später. Auf der anderen Seite hätte sich wie gesagt Rußland nicht im- 
stande gesehen, seinen französischen Bundesgenossen wesentlich zu unter- 
stützen, Frankreich war militärisch nicht bereit. Es kann keinem Zweifel 
unterliegen, daß ein damals geführter deutsch-französischer Krieg mit 
schneller und völliger Niederwerfung Frankreichs geendet haben würde. 
Für Österreich-Ungarn würde der Bündnisfall wegen des Ausfalls Ruß- 
lands als Angreifer wahrscheinlich nicht gegeben gewesen sein, der Balkan 
wäre ruhig, Rumänien den Oreibundmächten befreundet geblieben, und 
so würden, trotz der Abschneidung überseeischer Zufuhr, Nahrungemittel- 
sorgen für die deutsche Bevölkerung nicht Platz gegriffen haben. Alles 
in allem: das Deutsche Reich hätte die Gelegenheit sowohl wie die Mög- 
lichkeit gehabt, Frankreich zu zerschmettern, um den Preis des Berlustes 
der deutschen Handelsflotte, wahrscheinlich auch der Kriegsflotte, der 
deutschen Kolonien und des deutschen AUberseehandels. Wie sehr man 
sich in Frankreich während der Delcassés Rücktritt folgenden Zeit, beson- 
ders auch der nächsten Zeit nach Algeciras, dieser Tatsachen bewußt war, 
gebt aus verschiedenen französischen Uberlegungen damals über die Frage 
hervor, ob es in einem kommenden englisch deutschen Kriege für Frank- 
reich richtiger sei, teilzunehmen oder neutral zu bleiben. In der deutschen 
Presse erschienen daraufbin taktisch-politisch recht unkluge Ausführungen, 
die darin gipfelten: Deutschland werde sich in einem Kriege mit England 
auch an einem neutralen Frankreich schadlos halten, es gewissermaßen 
als Geisel benutzen. 
Was England betrifft, so gab es damals eine Strömung, welche, 
wie wir gesehen haben, zu einem Vorbeugungskriege gegen Deutschland 
drängte, man wollte die deutsche Flotte vernichten, solange es mit ver- 
hältniomäßig leichter Mühe möglich sei, Helgoland wegnehmen und Oeutsch- 
land alo Seehandelomacht und als Kolonialmacht aus der Welt schaffen. 
Es ist außer Frage, daß ein deutsch-französischer Krieg Großbritan-- 
nien sofort auf dem Plane gefunden haben würde. Denn damals hatte 
Großbritannien nicht, wie 1914, die freilich auch damals irrige Dber- 
zeugung: Oeutschland würde zu Lande geschlagen werden. 1904 und 
1905 wußte man in London gut genug, daß die im Einfrontenkriege ge- 
sammelt verwendeten deutschen Armeen Frankreich überrennen würden. 
Geschah das, so mußte das Deutsche Reich von selbst die vorherrschende 
Macht auf dem europäischen Festlande werden, Frankreich würde wahr- 
scheinlich aus der Reihe der Großmächte für immer auzgeschaltet sein, 
mit dem Zweibunde war es endgültig aus, und Deutschland konnte, wenn 
e5 wollte, sich später mit ganzer Kraft gegen Rußland wenden, um auch 
dieses einzeln zu bekämpfen und niederzuwerfen. Ein solcher Gang der 
Dinge, das erkannte man in London, würde der großbritannischen Politik
        <pb n="312" />
        270 5. Abschnitt. Bor und nach Algeciras. 1903 — 1908. 
  
ihr überlieferungsmäßiges Verfahren: Vereinigung möglichst aller euro- 
päischen Festlandmächte gegen die stärkste Festlandmacht, — unmöglich 
gemacht haben. Aus allen diesen Gründen griff man im Zahre 10905 
sest zu und zeigte sich in der Tat als vollkommen solidarisch mit Frankreich. 
ARichts fürchteten die Londoner Staatsmänner von Anfang an mehr, 
als daß Deutschland und Frankreich zu einer friedlich-freundlichen Eini- 
gung kommen könnten. Der Augenblick, in dem diese Furcht vielleicht als 
begründet erscheinen konnte, war eine kurze Zeitperiode nach dem Sturze 
Delcasskc. Der Anlaß seines Rücktrittes war, wic im vorigen Kapitel 
ausgeführt wurde, die Stellungnahme zum deutschen Vorschlage: die 
marokkanischen Streitfragen durch eine internationale Konferenz zu regeln. 
Der französische Ministerrat hatte den Vorschlag unter der mitgeteilten Be- 
gründung angenommen, während Delcassé, wie auch Fürst Bülow in sei- 
nem Werke „DOeutsche Politik“ schreibt, einer solchen Zustimmung den 
Krieg vorzieben wollte, da er der Unterstützung Großbritanniens sicher 
und überzeugt war, Deutschland werde sich entweder bis zum Nachgeben 
einschüchtern lassen oder durch den von Großbritannien geführten See- 
krieg so leiden, daß es den Landkrieg nicht mit Nachdruck führen könne. 
Als Delcassé zurückgetreten und damit die Zustimmung Frankreichs 
zur Konferenz entschieden war, machte die britische Politik eine ihrer 
charakteristischen Schwenkungen: während man bis dahin in London alles 
getan hatte, um das Zustandekommen einer internationalen Marokko- 
konferenz zu hindern, beeilte man sich jetzt, hinter Frankreich zu treten 
und zu erklären, die französische Regierung und Frankreich würden be- 
dingungslose britische Unterstützung finden, ob die französische Regierung 
sich weigern würde, auf den Konferenzvorschlag einzugehen, oder ob sie 
ihre Zustimmung erteilen werde. Die „Times“ schrieb in jener Periode: 
es sei zu wünschen, daß Herr Rouvier die Entente Cordiale fortsetzen werde, 
welche mehr geworden sei als eine Politik der beiden Regierungen, näm- 
lich ein wirklicher Bund der beiden Völker. Entsprechend war die Stellung- 
nabme der großbritannischen Presse gegen Deutschland. Sie war voll 
Wut und Gehässigkeit und erfüllte planmäßig die öffentliche Meinung 
mit Mißtrauen durch Hinweise auf die in den Anfängen liegenden deut- 
schen Flottenpläne, die angeblichen Absichten des Deutschen Reiches, 
später Großbritannien anzugreifen, ferner Frankreich zu vernichten, 
Holland, Belgien und Dänemark zu annektieren. Als der Kaiser im Sommer 
1905 mit dem Zaren zusammengekommen war, auch in Kopenhagen ge- 
weilt hatte, erregte das bitteren Unwillen in England. Man sah daraus, 
wie tief schon damals der Gedanke: Deutschland müsse ganz isoliert und 
dann auf jede Weise zur Unterwerfung gezwungen werden, in Groß- 
britannien Wurzel gefaßt hatte. Während tatsächlich die deutsche Politik
        <pb n="313" />
        Oie beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 271 
  
gerade England gegenüber mit äußerster Sorgfalt korrekt war und jeden 
Anstoß vermied, scheute die großbritannische Regierung sich nicht, während 
des Eingeborenen-Aufstandes in Deutsch-Südwest-Afrika die Eingebo- 
renen als kriegführende Partei im völkerrechtlichen Sinne anzuerkennen 
und die Ourchfuhr von Lebensmitteln und Kriegomaterial durch die bri- 
tische Kapkolonie zur Versorgung der deutschen Truppen zu verbieten. 
Der Vorgang war ein unerhörter, und daß seinerzeit nichts aus ihm ge- 
macht wurde, beweist nur die große Beflissenheit des Fürsten Bülow, 
ernste Reibereien mit England zu vermeiden. 
Zn Deutschland hat man nach Beendigung der Algeciraskonferenz 
vielfach die Ansicht vertreten: es sei richtiger gewesen, wenn die deutsche 
Regierung nach dem Rücktritte Delcassés sich direkt mit Frankreich über 
Marokko verständigt hätte. Fürst Bülow hat zu diesem Punkte mehrere 
Male Stellung genommen und gesagt: Deutschland habe sein Recht der 
Mitentscheidung über die Zukunft Marokkos auf die Madrider Konvention, 
inesbesondere den darin enthaltenen Artikel der Meistbegünstigung, gegründet. 
Deshalb würde die deutsche Politik diesen ihren unanfechtbaren Rechts- 
boden in dem Augenblicke verlassen haben, wo sie mit Frankreich allein 
sich über Marokko verständigt hätte. Rein formal ließ und läßt sich hier- 
gegen nichte einwenden, aber eine sachlich-politisch haltbare Begründung 
der deutschen Stellungnahme ist es nicht, da die Unanfechtbarkeit des 
formalen Rechtsbodens damals, wie überhaupt meist in der praktischen 
Politik, keineswegs in erster Linie von Belang war. Später hat auch Fürft 
Bülow diese, seinerzeit im Reichstage gegebene Begründung nicht als aus- 
reichend angesehen. Zn seinem genannten Werke, das man im wesent- 
lichen alo eine Verteidigung und Rechtfertigung seiner Politik ansehen 
darf, meint er zu der Frage einer damaligen Sonderverständigung mit 
Frankreich: es könne dahingestellt bleiben, ob Frankreich überhaupt ge- 
neigt gewesen wäre, uns einen annehmbaren Preis zu zahlen. „Zeden- 
falle durften wir schon mit Rücksicht auf unsere Stellung in der Türkei 
und zum Islam diesen Weg nicht einschlagen.“ Bülow erinnert an die 
Worte Kaiser Wilhelms 1898 zu Damaskus: „Mögen die dreihundert 
Millionen Mohammedaner, welche auf der Erde verstreut leben, dessen 
versichert sein, daß zu allen Zeiten der ODeutsche Kaiser ihr Freund sein 
wird.“ — Der damalige deutsche Botschafter zu Konstantinopel, Freiherr 
v. Marschall, hatte dem Fürsten Bülow im Marokkojahre gesagt: „Wenn 
wir Marokko trotz Damaskus und Tanger preisgeben, so verlieren wir 
mit einem Schlage unsere Stellung in der Türkei und mit ihr die Borteile 
und Zukunftoaussichten, die wir uns durch jahrelange Arbeit mühsain 
erworben haben.“ 
Der Grund des deutschen Botschafters ist in der Tat beachtenowert
        <pb n="314" />
        272 3. Abschnitt. Bor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
und mußte es damals für den Fürsten Bülow sein. Die Frage aber bleibt, 
ob bei einer deutsch-französischen Sonderverständigung deutscherseite nicht 
so viel hätte erreicht werden können, daß eine nachteilige Wirkung auf 
die Stimmung des Islams, insbesondere auf die Türkei, vermieden wurde. 
Wählte Bülow trotzdem die Konferenz, so mußte er sicher sein und den 
begründeten Willen haben, ein derartiges Ergebnis auch der Konferenz 
durchzusetzen, daß keine schädliche Wirkung auf die Stimmung in der Türkei 
Deutschland gegenüber eintrat. Dieses ist nicht erreicht worden, und so 
bleibt auch heute für den rückschauenden Beurteiler die Frage bestehen, 
ob es nicht richtiger gewesen wäre, auf einer Sonderverständigung mit 
Frankreich zu beharren oder im Falle ihrer Undurchführbarkeit Krieg gegen 
Frankreich zu führen. Man hätte diesen Krieg dann nicht „uim Marokkos 
willen“ geführt, sondern um einer antideutschen Koalitionsbildung in 
Europa vorzubeugen und den Krieg unter beispiellos günstigen Umständen 
auf dem Festlande zur Entscheidung zu bringen. Die Zerstörung deutscher 
Werte auf der See und über der See hätte man ebenso verschmerzen müs- 
sen, wie es in und nach dem Kriege von 1914/16 geschehen muß, und zwar 
unter Festlandverhältnissen, welche für Deutschland viel ungünstiger waren 
als zehn Zahre früher. Das einzige Moment, welches gegen einen Krieg 
damals angeführt werden konnte, war das Nichtvorhandensein unbedingter 
Notwendigkeit für Deutschland, ihn zu führen. Bielleicht haben die Leiter 
des Deutschen Reiches unter anderem gedacht, daß ein solcher Krieg das 
deutsche Volk nicht ganz geeint finden würde. Solche Bedenklichkeiten 
hätten sich wohl überwinden lassen. In erster Linie hat aber wohl die 
unbedingte Friedensliebe der deutschen Politik gestanden. Es ist bemer- 
kenswert — ein recht nachdenkliches Kapitel —, daß eine so beispiellos 
günstige europäische Situation damals von Oeutschland nicht ausgenutzt 
wurde, um einen Krieg zu führen, der die deutsche Stellung in Europa 
unter verhältnismäßig geringen Opfern für sehr lange Zeit von allen 
Festlanddrohungen befreit haben würde. 
Im Sommer und Herbst 1905 trat die feste Geschlossenheit des eng- 
lisch-französischen Berhältnisses und die erbitterte Entschlossenheit des 
englischen Hasses gegen Deutschland steigend hervor. Kurz nach dem 
Sturze Oelcassés noch hatte Fürst Bülow in einer Unterredung gesagt: 
„Ich war glücklich, festzustellen, daß die Anschauungen des Herrn Rouvier 
bezüglich der zu beobachtenden Grundsätze in Ubereinstimmung mit den 
meinigen standen. Ich hoffe, daß derselbe Einklang sich auch auf der Kon- 
ferenz kundgeben wird. Ich bin der Ansicht, daß diese Konferenz, weit 
davon entfernt, und zu entzweien, dazu beitragen soll, uns zu nähern. 
Für diese Annäherung ist allerdings eine Bedingung notwendig: man 
muß sich im französischen Publikum darüber klar werden, daß jede Politik,
        <pb n="315" />
        Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 275 
  
die Deutschland zu isolieren trachtete, der Vergangenheit angehört, daß 
diese Bahn heute für immer aufgegeben ist.“ — Man kann es beinahe 
für wahrscheinlich halten, daß Fürst Bülow unmittelbar nach Delcassés 
Rücktritt an derartige Möglichkeiten glaubte. In der deutschen Presse 
trat damals mehrfach die Auffassung hervor: der Augenblick sei gekommen, 
mit Frankreich in ein intimes Verhältnis zu gelangen und so die fran- 
zösisch-britische Entente Cordiale zu sprengen. Der Verfasser dieser Schrift 
hat damale die entgegengesetzte Ansicht vertreten, und zwar unter dem 
im großen und ganzen wohl als richtig erwiesenen Gesichtspunkte, daß 
erstens der alte französische Haß und zweitens der Gedanke: Deutschland 
wolle Frankreich etwas nehmen, Großbritannien wolle ihm vieles geben, 
die Wagschale der französischen Gunst von vornherein nach der englischen 
Seite sich senken ließ. Unter der stützenden und aufstachelnden Wirkung 
der englischen Politik, vor allem des Königs Eduard selbst, begann man 
in Frankreich die Stärke der eigenen Position zu erkennen und gleich- 
zeitig die Schwäche der deutschen: fallo Deutschland entschlossen 
war, keinen Krieg zu führen. Die Festigkeit dieses Entschlusses ist 
den französischen Staatsmännern wahrscheinlich im Laufe des Hochsom- 
mers 1905 einwandfrei zur Kenntnis gelangt. Die Haltung nicht nur 
Großbritanniens, sondern auch Spaniens, Italiens, der Bereinigten 
Staaten und Rußlands berdiesen Frankreich mit einwandfreier Klarheit, 
daß es unter Führung Großbritanniens beinahe alle wesentlich in Be- 
tracht kommenden Mächte für die kommende Marokkokonferenz auf seiner 
Seite haben werde. Der deutschen Regierung konnte diese Entwicklung 
nicht verborgen bleiben, und je mehr das Jahr 1905 sich seinem Ende zu- 
neigte, desto unbehaglicher wurde, vom deutschen Standpunkte gesehen, 
die kommende Konferenz. Man war sich nicht mehr im Zweifel darüber, 
daß man sich beinahe allein einer großen Mächtegruppe unter Englands 
Führung gegenübersehen werde und daß die großbritannische Regierung 
die Konferenz zum Scheitern bringen wolle, falls sie ihre bzw. Frank- 
reichs Wünsche hinsichtlich Marokkos auf dem Wege der Verhandlung 
nicht durchsetzen könnte. 
DAm 16. Dezember 1903 verlas der Ministerpräsident Rouvier in der 
Deputiertenkammier eine Erklärung, welche die folgenden Gesichtspunkte 
hervorhob: Deutschland habe nicht für ausreichend erachtet, vom franzö- 
sisch-großbritannischen Marokkoabkommen in ZFenmmis gesetzt zu werden, 
sondern sei der Ansicht, daß seine Interessen eine direkte Beteiligung an 
den Vorgängen verlangten, und sei mit Nachdruck für die Einberufung 
einer Konferenz gewesen. Die Konferenz sei für Frankreich unter der 
Bedingung annehmbar, daß die „besondere Art unserer NRechte“ und die 
Wichtigkeit der französischen Eigeninteressen gebührend berücksichtigt 
Graf Nevr Denls. Poli#i 18
        <pb n="316" />
        274 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
würde. „Das Protokoll vom 8. Juli stellt fest, daß das Regime an der 
algerischen Grenze der ausschließlichen Zuständigkeit Frankreichs und 
Marokkos verbleibt. Unser Recht auf Marokko besteht darin, daß Frank- 
reich in Nordafrika eine muselmanische Macht ist, daß wir unsere Autorität 
gegenüber sechs Millionen Eingeborner aufrechterhalten müssen, die durch 
Grausamkeit der Nasse den im Nachbarstaate um sich greifenden Aufrei- 
zungen zugänglich sind. Wir sind daher zum Verlangen berechtigt, daß 
in Marokko eine Macht bestehe, die Gehorsam durchsetzen kann und die 
ihr Ansehen nicht dazu gebrauchen wird, um unsere Kolonie (Algerien) 
zu bedrohen und zu beunruhigen.. Das Ergebnis der französisch-deut- 
schen Unterhandlungen ist, daß unsere Rechte, wenn nicht alle anerkannt, 
so doch alle vorbehalten sind.“ Oie gleiche Erklärung leugnete die unbe- 
streitbare Tatsache, daß der französische Gesandte in Fes sich seinerzeit 
auf ein europäisches Mandat Frankreichs in Marokko berufen habe. 
Die Erklärung Rouviers vom 16. Dezember atmet selbstbewußten 
Ton und eine Festigkeit, welche den Umschwung der Stimmung in Frank- 
reich seit der Periode unmittelbar nach Oelcassés Rücktritt deutlich hervor- 
treten ließ. In der deutsch--französischen Konferenzerklärung vom 8. Juli 
schon war die Betonung der französischen Sonderstellung Frankreichs 
in Marokko anerkannt worden, zwar nur in großen Umrissen. Zn der Er- 
klärung vom 16. Dezember unterstrich Rouvier diesen Punkt mit einem 
Nachdrucke, welcher keinen Zweifel darüber ließ, daß man sich mit Eng- 
land und den genannten anderen Mächten einig wußte. Außer einer all- 
gemeinen Erwähnung der Souveränität des Sultans von Marokko, der 
Zntegrität seines Gebietes und der allgemeinen Handelefreiheit ohne 
Ungleichheit enthielt die Erklärung keinerlei Vorbehalte, deren Erörte- 
rung sich auf der Konferenz ausgeschlossen hätte. Das von Deutschland 
genehmigte Konferenzprogramm bildete im Grunde eine Verneinung 
der Hauptpunkte der Ergebnisse der Madrider Konferenz vom Jahre 1881. 
Anderseits wußte man zu Paris, daß England entschlossen war, auch dieses 
Programm umzuwerfen, sobald ein ernstes Bestehen Deutschlands auf 
Punkten, die Frankreich unangenehm sein könnten, sich zeigen sollte. 
Großbritannien stand damals im Kabinettswechsel: die liberale Partei 
hatte im Wahlkampfe gesiegt, und mit dem Beginn des neuen Jahres 
setzte sie aus ihren führenden Mitgliedern das Kabinett zusammen. Der 
späterhin so viel genannte Sir Edward Grey wurde Staatssekretär des 
Auswärtigen Amtes. Sein Programm hatte er schon früher, am 20. Ok- 
tober des gleichen Jahres, in einer öffentlichen Rede folgendermaßen 
dargelegt: „Die drei Hauptpunkte unserer auswärtigen Politik sind: die 
Freundschaft mit den Vereinigten Staaten, das Bündnis mit Japan 
und das Abkommen mit Frankreich .Ee ist jedoch wünschenswert,
        <pb n="317" />
        Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 275 
  
daß Rußland seine Stellung im Rate Europas wiedererhalte. Ich kann 
Rußland nicht erwähnen, ohne auf Deutschland Bezug zu nehmen: es muß 
die Bedingung jeder Berbesserung der Beziehungen zwischen Deutschland 
und uns sein, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich 
ebenfalls gerechte und gute sind.“ 
Das bedeutete: Großbritannien geht durch dick und dünn mit Frank- 
reich, und wenn Deutschland Wert auf erträgliche Beziehungen mit Groß- 
britannien legt, so hat es sich zu unterwerfen, denn auch Rußland, die 
Vereinigten Staaten und Japan sind auf der Seite Frankreichs und Groß-- 
britanniens! — Sir Edward Grey hat sein Programm bis zum Aus- 
bruche des von ihm mit an erster Stelle organisierten Krieges 1914 un- 
entwegt und mit großer Geschicklichkeit verfolgt und durchgeführt. Er 
setzte mit diesem Programm die Politik des im Winter 10905 abtretenden 
unionistischen Kabinettes lediglich fort, denn auch dieses hatte kurz nach 
der Thronbesteigung König Eduards den neuen Kurs eingeschlagen und 
jene Politik befolgt, deren Angelpunkt die von vornherein antideutsche 
Entente Cordiale mit Frankreich war. Im November 1905 bielt Lans- 
downe eine in der Form gemäßigte Rede, in welcher er, ohne den Namen 
zu nennen, Deutschland als den allgemeinen Störenfried und Deutsch- 
lands Politik als besonders übelwollend gegen Großbritannien erkennen 
ließ. Lord Lansdowne sagte: Großbritannien sähe sich in seiner Politik 
bisweilen dadurch behindert, daß es in allen Teilen der Welt auf Rivali- 
täten stoße, die für niemand anders von Vorteil sein könnten als für einen 
listigen Potentaten, der verstehe, sie auszunutzen; diese unverschämte 
Anspielung sollte dem Deutschen Kaiser gelten. Der bisherige Premier- 
minister Balfour sagte eben damals: eine Kriegsgefahr bestehe nur unter 
der Voraussetzung, daß gewisse Bölker oder ihre Oberhäupter den Krieg 
dadurch hervorriefen, daß sie, um ihre nationalen Expansionspläne zu 
verwirklichen, die Rechte ihrer Nachbarn mit Füßen träten. 
Balfour wie Lansdowne hatten mit diesen echt englischen Wendungen 
das Deutsche Reich und im besonderen die Marokkoangelegenheit und die 
Stellung Großbritanniens dazu bezeichnet. Der eine sagte, daß Kaiser Wil- 
helm Englands Politik behindere, indem er Rivalitäten hervorrufe, der andere 
sprach von der deutschen Expansionslust auf Kosten der Rechte des Nach- 
barn. Das Berlangen der deutschen Regierung, daß Frankreich und Eng- 
land über Deutschlande Würde und Oeutschlands Interessen nicht still- 
schweigend binwegschreiten dürften, galt den Briten als ein Mit-Füßen- 
Treten der Rechte Frankreichs und als Ourchkreuzen der großbritannischen 
Politik. Dazu kamen noch andere deutsch-britische Meinungsverschieden- 
heiten über Handelsfragen auf den Marschallinseln und Karolineninseln. 
Die großbritannische Regierung beschwerte sich auch über die angebliche 
18“
        <pb n="318" />
        276 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903 1008. 
  
deutsche Absicht, sich ein wirtschaftliches Monopol im Bereiche der chine- 
sischen Provinz Schantung zu schaffen. Von solchen Bestrebungen war, 
beilãufig bemerkt, nicht die Rede, aber es kam den Engländern darauf an, 
in China wie in Japan Stimmung gegen Deutschland und die deutschen 
Kaufleute zu machen. 
Anfang Januar 1906 hielt der neue Staatssekretär, Sir Edward Grey, 
eine Rede, in der die Stelle vorkam: „England wird sein möglichstes tun, 
um seine Beziehungen zu Oeutschland zu verbessern, aber diese Annäherung 
bleibt immer von einem guten Einverständnis zwischen Deutschland und 
Frankreich abhängig“; mit anderen Worten: England verlangt vom Deut- 
schen Reiche, daß es sich mit Frankreich gut stelle, also den Franzosen in 
all ihren Wünschen zu Willen sei. Zugleich bildete diese Wendung Greys 
eine Antwort auf jenc damals einsetzenden vielfach gutgemeinten, aber 
tatsächlich verfeblten sogenannten Verständigungsbemühungen zwischen 
Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Ungefähr seit dem Jahre 
1904 war es zu einer Art Mode geworden, daß Angehörige der deutschen 
Finanz, des Sandels, der Presse, der Kommunalbeamtenschaft, der Künst- 
ler- und Gelehrtenwelt entweder entsprechende englische Kreise einluden 
oder zum Besuche nach England gingen, um so die „Verständigung“ zwi- 
schen den beiden Bölkern zu fördern, VBerstimmungen und Mißverständ- 
nisse auszuscheiden. In England hatten sich zum selben Zwecke einige 
unbedeutende Organisationen gebildet. In Deutschland förderte die Re- 
gierung diese sogenannten Verständigungsbestrebungen mit einer Be- 
Flissenheit, die einerseits ihren Zweck nicht erreichte, anderseits als Schwäche 
ausgelegt werden konnte. Oer Grundgedanke der Bestrebungen ging 
aus dem Mangel an Verständnis für die eigentlichen Triebfedern und 
Ursachen des englisch-deutschen Gegensatzed bervor. 
Wie der belgische Geschäftsträger zu London in Zanuar 1906 seiner 
Regierung berichtete, sagte Sir Edward Grey damals zu wiederholten 
Malen den verschiedenen in London beglaubigten Botschaftern, daß Groß- 
britannien Frankreich gegenüber bezüglich Marokkos Verpflichtungen 
eingegangen sei, denen es bis zum Außersten nachkommen werde, selbft 
im Falle eines deutsch-französischen Krieges und auf alle Gefahr hin. — 
Während die Konferenz tagte, tat man großbritannischerseit alles, um 
den Franzosen Deutschland gegenüber den Rücken zu stärken und ihnen 
jeden Zweifel an der englischen Zuverlässigkeit zu nehmen. Das bezweckte 
ebenfalls ein plötzlicher Besuch König Eduards von England in Paris 
während der ersten Märztage. Der König wohnte in der Botschaft und 
lud dorthin außer dem Präsidenten der Republik auch Delcassé cin. Der 
König wollte damit den Franzosen, dem Deutschen Reiche und der ganzen 
Welt zeigen, daß er die schroff gegen Deutschland gerichtete Politik Del-
        <pb n="319" />
        Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 277 
  
cassés für richtig gehalten hatte und auch damals, dreiviertel Jahre nach 
dem Rücktritte Delcassés, für die gegebene Politik Frankreichs bielt. Man 
bezeichnete diesen Schritt König Eduards als eine „Antwort“ auf die Reise 
Kaiser Wilhelms nach Tanger. Der tatsächliche Unterschied freilich war 
groß genug, denn Kaiser Wilhelm machte jene Reise, um zu betonen, daß 
Oeutschland für die Unabhängigkeit des Sultans von Marokko und für die 
offene Tür in Marokko für alle Nationen einträte, während König Eduards 
Besuch die Forderung französischer Alleinherrschaft über Marokko in rück- 
sichtslosem Gegensatz gegen Deutschland als Programm verkündete. König 
Eduard von England begann damals überhaupt in auffälliger und brüsker 
Weise zu zeigen, daß ihm nicht daran läge, den antideutschen Charakter seiner 
Politik noch auch seinen persönlichen Gegensatz gegen den Deutschen Kaiser 
zu verbergen. Als im Hochsommer 1905 der König in Marienbad ange- 
kommen war, wurde eine Oepesche seines ständigen Privatsekretärs und 
Begleiters, Lord Knollps, veröffentlicht, welche die Nachricht dementieren 
sollte, es siehe ein Besuch König Eduards bei seinem kaiserlichen Neffen 
devor. Die Depesche lautete: König Eduard habe auf seinem Wege nach 
Marienbad weder eine Unterredung mit dem Deutschen Kaiser gewünscht, 
noch beabsichtige er eine solche! — ODas sollte nicht nur eine grobe Unhöf- 
lichkeit bedeuten, sondern vor allem auch eine politische Demonstration, 
den Franzosen zur Beruhigung: der König von England denke nicht daran, 
in einer Periode deutsch-französischer Spannung sich auf eine Unterredung 
mit dem Deutschen Kaiser einzulassen. 
Auf die persönliche Initiative des Königs war es zurückzuführen, 
daß in der zweiten Augusthälfte 1905 die englische Kanalflotte zu Ubungen 
nach dem deutschen Teile der Ostsee entsandt wurde. Der Zweck dieser 
eigentümlichen Maßnahme — seit dem Krimkriege hatte Großbritannien 
keine Flotte nach der Ostsee geschickt — war im Zusammenhange der 
Marokkokrisis und der angedeuteten großbritannischen Politik einerseits 
Frankreich, anderseits Deutschland gegenüber klar: den Oeutschen sollte 
die englische Flottenübermacht vor Augen geführt werden, es sollte ihnen 
gezeigt werden, daß Frankreich Großbritanniens Riesenflotte an seiner Seite 
haben werde und deohalb jeder auch nur politische deutsche Widerstand um- 
sonst sei. Nicht lange vorher war der Deutsche Kaiser, wie erwähnt, zu 
Schiff von einer Zusammenkunft mit dem Zaren gekommen und hatte 
auch Kopenhagen besucht, ein deutsches Geschwader hatte in Kopenhagen 
gelegen. Auch diesen Mächten wie den standinavischen sollte der englische 
Flottenbesuch in der Ostsee zeigen, daß die großbritannische Meeresbe- 
herrschung überall da unbedingt vorhanden sei, wo Großbritanniens Flotte 
erscheine. Rußland insbesondere wurde damit der Wink gegeben: es habe 
zwar seit dem Kriege mit Japan keine Flotte mehr, aber England werde
        <pb n="320" />
        278 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1008. 
  
den „Schutz der Ostsee“ im Falle eines deutsch-russischen Konfliktes über- 
nehmen. Die deutsch-russischen Beziehungen waren gerade damale besser 
wegen der Haltung Deutschlands während des ostasiatischen Krieges, 
aber die großbritannische Politik wußte, daß sie über die Mittel verfügte, 
um auch auf diesem Gebiete eine andere Wendung der Dinge berbeizu- 
führen. Als äußerer Anlaß für die Flottenreise nach der Ostsee wurde 
von der britischen Presse die Fiktion genommen: das Oeutsche Reich 
beabsichtige jetzt, nach Verschwinden der russischen Flotte aus der Ostsee, 
diese zu einem geschlossenen Gewässer — einem „Mare clausum“ — für 
die baltischen und skandinavischen Uferstaaten zu machen. England könne 
sich das nicht gefallen lassen, denn die Ostsee sei ein offenes Meer und 
gehöre allen seefahrenden Mächten gleichermaßen. Ein englisch beein- 
flußter Teil der dänischen Presse hatte schon vorher das Signal zu dieser 
in sich unsinnigen Agitation gegeben: die immer stärker werdende deutsche 
Flotte maße sich die Herrschaft in der Ostsee an. Das dürfe Großbritannien 
nicht dulden. Oie dänische Agitation war teils in England bestellte Ar- 
beit, teils von altem Deutschenhasse eingegeben. In Wirklichkeit war die 
Suggestion des Mare clausum nur Manöver, und zweifellos hat weder 
ein englischer Seeoffizier noch ein englischer Staatsmann je ernsthaft daran 
geglaubt. Der Gedanke eines Mare clausum war in sich unsinnig, weil 
er dem Wesen der modernen Kriegführung widersprach. Berhältnisse, 
wie sie im Schwarzen Meere herrschten, konnten am allerwenigsten auf 
die Ostsee übertragen werden, zumal deren Zugänge, die Belte und der 
Sund, in dänischer Hand liegen. Genug, die britische Flotte machte ihre 
Fahrt nach der Ostsee und besuchte eine Anzahl deutscher Häfen dort. Die 
deutsche Regierung tat alle5, um den Empfang der englischen Offiziere 
und Seeleute zu organisieren, es wurden einige jener unvermeidbaren 
überschwenglichen deutschen Reden gehalten, aber das deutsche Volk blieb 
kühl: man begann allmählich zu begreifen. ODer britische Flottenführer, 
Admiral Wilson, richtete ein eben höfliches Telegramm an den Oeutschen 
Kaiser und erhielt als Antwort eine Oepesche, die gerade wegen ihrer 
kühlen Kürze allgemeine Freude in Oeutschland erregte. 
Während die Anwesenheit der englischen Flotte in den Ostseehäfen 
nur ein, wenn auch bemerkenswertes Stimmungsbild des Verhältnisses 
zwischen den beiden Nationen bot, so zeitigte die Rückfahrt der Flotte 
und ihr Besuch jütländischer Häfen einen auch rein politisch wichtigen 
Vorgang: 
Die sogenannten Oelcasséschen Enthüllungen hatten der Welt ver- 
kündet, daß Großbritannien den Franzosen versprochen habe, ihnen im 
Falle einer Verwicklung mit Oeutschland 100 O00 Mann Truppen zu 
Hilfe zu schicken, welche an der jütländischen Küste landen sollten. Jene
        <pb n="321" />
        Die beiden Konferenzen: Algeciras und Saag. 279 
  
Auslassungen ODelcasses wurden damals — bedauerlicherweise auch von 
deutscher Seite — besprochen, als ob sie nicht auf Wahrheit beruhten. 
In der Tat hat die britische Regierung, und zwar auf Initiative des Königs, 
jenes Versprechen gegeben. Ob England damals schon praktisch in der 
Lage gewesen wäre, kann dahingestellt bleiben, jedenfalls wissen wir aber, 
wie noch gezeigt werden wird, daß seitdem ein wesentlicher Teil der groß- 
britannischen Kriegsvorbereitungen darauf gerichtet war, ein möglichst 
starkes Expeditionskorps zum Gebrauche auf dem europäischen Festlande 
zu schaffen und alle Mittel einer schnellen Organisierung der Expedition 
für den Ernstfall herzustellen. 
Die in Betracht kommenden dänischen Häfen wären die Aalbaeker- 
bucht an der Ostküste Nordjütlande und der Hafen von Esbjerg an der 
jütischen Westküste, unmittelbar nördlich der deutschen Grenze gewesen. 
Von dort, so war der Gedanke, sollte das britische Expeditionskorps nach 
seiner Landung in das deutsche Nordschleswig und von da nach Süden 
vorstoßen. Daß die britische Kanalflotte kurz nach den Delcasséschen Ent- 
hüllungen und mitten in einer Periode europäischer Kriegsspannung 
nicht nur jene beiden jütischen Häfen besuchte, sondern sogar Landungs- 
übungen dort vornahm, war eine Demonstration von außerordentlicher 
Unverfrorenheit sowohl dem Deutschen Reiche wie Dänemark gegenüber, 
welch letzteres, wie man schon damals voraussehen konnte, in einem euro- 
päischen Kriege eine sehr schwierige Stellung haben würde. Den Dänen 
wurde es auch zuviel. Gelegentlich eines Festessens, das für die englischen 
Offiziere in Esbjerg veranstaltet wurde, hielt der dänische Kommandeur 
Bluhme als amtlicher Vertreter der dänischen Regierung eine Rede, die 
allgemeines Aufsehen erregte. Bluhme wies auf die Beschießung Kopen- 
hagens und auf die Wegnahme der dänischen Flotte durch Großbritannien 
hin. Anderseits sprach er von der Angliederung Schleswig-Holsteins an 
Preußen. Das einst große und mächtige Dänemark sei klein und schwach 
geworden. Deswegen sei es entschlossen, unabhängig zu bleiben und 
müsse sich demzufolge „streng neutral halten und nie daran denken, sich 
in Meinungesverschiedenheiten der europäischen Großmächte zu mischen“. 
— Diese dänische Stellungnahme entsprang rein realpolitischen Erwägun- 
gen, keineöwegö Sympathien für Deutschland. Solche waren nicht vor- 
handen, wohl dagegen bestanden sie Großbritannien gegenüber. Als die 
Admirale des englischen Geschwaders nach Kopenhagen eingeladen, vom 
König von Dänemark empfangen wurden, schrieb der in Dänemark an- 
gesehene Schriftsteller Brandes in einer der größten Kopenhagener Zei- 
tungen: Dänemark würde am besten tun, sich ganz unter englischen Schutz 
zu stellen. Ahnlich hat sich die dänische Stimmung auch in der Folgezeit 
gehalten. Dieser Stimmung aber standen die Ergebnisse sachlicher Be-
        <pb n="322" />
        280 5. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
urteilung der Lage und der NMachtfaktoren gegenüber. Oiese drängten 
die verantwortlichen Politiker in Dänemark zur NReutralität. Man glaubte, 
daß der große europäische Krieg früher oder später kommen werde, und 
begriff mit nüchternem Blicke die Schwierigkeit der Lage Dänemarks. 
Llm 17. JZanuar 1006 trat endlich die Marokkokonferenz zusammen, 
und zwar zu Algeciras, der damit berühmt gewordenen kleinen Küsten- 
stadt Spaniens unter den Kanonen des britischen Gibraltar. Bertreten 
waren dieselben Mächte, welche seinerzeit die Madrider Konferenz 1881 
beschickt hatten: das Deutsche Reich, Rußland, Großbritannien, ÖOster- 
reich-Ungarn, Frankreich, Italien, die Vereinigten Staaten, Portugal, 
Schweden, Spanien, die Aiederlande und Belgien. Oen Vorsitz führte 
der spanische Minister des Auswärtigen, der Herzog von Almodovar, 
also ein Mann, dem die französisch-spanischen und die englisch-franzö- 
sischen Geheimverträge ebenso bekannt waren wie die aus ihnen erwach- 
senden politischen Zukunftsabsichten der drei Länder hinsichtlich Marokkos. 
Der Herzog von Almodovar war mithin von vornherein Partei und mit 
seiner Regierung entschlossener Gegner der von Deutschland vertretenen 
Politik. Er stand ganz auf dem Boden der Geheimverträge, nicht auf 
dem des Konferenzprogrammes. Schon in diesem Umstande zeigt sich, 
daß die Konferenz von seiten der überwiegenden Mehrheit der an ihr 
teilnehmenden Mächte wenn nicht als Farce, so doch als ein mit allen 
Mitteln zu überwindendes Hindernis angesehen wurde: man wollte 
sie zur Farce machen. In seiner Eröffnungerede betonte der Spanier 
nichtsdestoweniger feierlich „den dreifachen Grundsatz der Souveränität 
des Sultans, der Integrität seiner Staaten und der Gleichbeit der Be- 
handlung in kommerzieller Beziehung“". Als Ziel der Konferenz gab er 
die Notwendigkeit an, „gegenseitige Achtung der gegenseitigen Interessen 
und den aufrichtigen Wunsch, die gegenseitigen Interessen in Einklang 
zu bringen mit den Grundsätzen der Souveränität des Sultans und der 
Integrität seines Reiches“. Der Inhalt der Gebeimverträge lautete, 
wie wir gesehen haben, genau gegenteilig, nämlich auf Vernichtung der 
Souveränität des Sultans, auf Berletzung der Integrität des marokka- 
nischen Gebiete5 und dessen Teilung unter Frankreich und Spanien. 
Die Bernichtung der Handelefreiheit war ohne weiteres darin eingeschlossen. 
Auch beute ist noch nicht bekannt, ob und wieweit die deutsche Regierung 
damals über Vorhandensein und Inhalt der Gebeimverträge zwischen 
Großbritannien und Frankreich einerseits, Frankreich, Großbritannien 
und Spanien anderseits unterrichtet gewesen sei. Sollte das der Fall 
gewesen sein, so würde auch für das Deutsche Reich und Osterreich-Un- 
garn die Beschickung der Algeciraskonferenz und die während ihrer Dauer 
gepflogenen Berbandlungen eine Farce, ein Schauspiel gebildet haben,
        <pb n="323" />
        Oie beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 281 
  
  
mit dem einzigen Zwecke — wie die Chinesen sagen —, das Gesicht zu wab-- 
ren. Das ist aber nicht wahrscheinlich. Die deutsche Regierung konnte 
sich schon seit dem Herbste 1905 nicht im Zweifel darüber sein, daß ihre 
Stellung auf der Konferenz eine sehr schwierige sein würde, und seit Fürst 
Bülow den Konferenzgedanken angeregt und seine Annahme in Frank- 
reich durchgesetzt hatte, waren, wie ausgeführt worden ist, die Aussichten 
für Erreichung derjenigen Zwecke, welche Bülow durch die internationale 
Konferenz zu erreichen hoffte, auf ein Minimum zusammengeschwunden. 
Trotzdem ging Deutschland auf die Konferenz und erschwerte sich seine 
Stellung dort noch mehr durch den festen Entschluß, es unter keinen Um- 
ständen zum Kriege kommen zu lassen. Fragt man unter Berücksichtigung 
dieser und ihnen naheliegender Uberlegungen noch einmal, ob dem Fürsten 
Bülow die Geheimverträge bekannt gewesen seien, so möchte man es 
alö unwahrscheinlich bezeichnen, während die Möglichkeit auch für das 
Gegenteil bestebt. 
Die Konferenz begann, nahm ihren Verlauf, und nach einer Ver- 
bandlungsdauer von zweieinhalb Monaten unterzeichneten die Vertreter 
der Mächte ein umfangreiches Aktenstück, die Algecirasakte, deren Text 
mit den Worten: „Im Namen des allmächtigen Gottes“ begann und 
eine lange Reihe von Bestimmungen entdielt, welche zu nichtachten und 
zu umgehen Frankreich und Spanien unter voller Billigung Großbritan-- 
niens fest entschlossen waren. Das politische Zwischenspiel Marokko ist 
längst zu Ende, und der Inhalt der Algecirasakte ist ohne wesentliches 
Interesse. Oie deutschen Vertreter versuchten, den bekannten Standpunkt 
des Oeutschen Reiches zur Geltung zu bringen, um Garantien für dic 
Souveränität des Sultane, die Integrität seines Gebietes und die völlige 
Eleichheit des Handels in und mit Marokko festzulegen. Es gelang ihnen 
nicht. Deutschland sab sich auf der Konferenz bei jeder Frage, welche eine 
deutsch-französische Meinungeverschiedenheit bedingte, einer geschlossenen 
Mehrheit gegenüber, die sich unter Großbritanniens Führung um Frank- 
reich gruppierte. Diese Mehbrheit war entschlossen, die Konferenz scheitern 
zu lassen, sobald in einem wichtigen Punkte die deutsche Regierung un- 
nachgiebig auf ihrem Verlangen und Standpunkt geblieben wäre. Schei- 
tern der Konferenz würde für Deutschland aller Wahrscheinlichkeit nach 
den Krieg bedeutet haben. Frankreich hätte voraussichtlich dann gesagt, 
e5 werde nunmehr seine Interessen in Marokko allein schützen, und hätte 
dementsprechende weitere Schritte zur Tunifizierung Marokkos getan. 
Das würde das Deutsche Reich vor die Kriegsfrage gestellt haben, und 
zwar unter den Verhältnissen, wie sie oben skizziert worden sind. Dic 
großbritannische Regierung wäre anscheinend mit dem Scheitern der 
Konferenz und den daraus erwachsenden Folgen sehr einverstanden ge-
        <pb n="324" />
        282 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905—1908. 
  
wesen. Die deutsche Regierung wollte es nicht dazu kommen lassen, weil 
sie den Frieden zu erhalten wünschte. Die zwingende Folge war, daß 
Deutschlands Rolle auf der Konferenz sich nicht nur schwierig gestaltete, 
sondern von vornherein zur Erfolglosigkeit verurteilt war. 
Die hauptsächlichen Meinungsverschiedenheiten während der Berhand- 
lungen entstanden über die Schaffung einer marokkanischen Staatsbank 
und die Organisation einer internationalen politischen Polizei in Marokko. 
Deutschland wollte diese Polizeiorganisation auf eine tatsächlich inter- 
nationale Grundlage stellen: entweder sollte der Sultan berechtigt sein, 
sich die Offiziere dieser Truppe ganz frei unter den Mächten zu wählen, 
oder er sollte verpflichtet sein, sie nur aus den Mächten zweiten Ranges 
zu nehmen. Oer erste deutsche Delegierte, Herr v. Radowitz, der damalige 
deutsche Botschafter in Madrid, erklärte mit ebensoviel Recht wie Nach- 
druck: in der Lösung der Polizeifrage seien außer der Unabhängigkeit 
und Integrität Marokkos auch die Handelsfreiheit ohne Ungleichheit 
mit Notwendigkeit enthalten. Da Frankreich und Spanien Unab- 
hängigkeit, Integrität und Handelsfreiheit baldmöglichst zu vernichten 
entschlossen waren, so vertraten sie den Standpunkt, daß lediglich sie die 
Polizeiorganisationen in den marokkanischen Häfen durchzuführen und 
in der Hand zu halten hätten. Alle Mächte, ausgenommen die marok- 
kanische Regierung und Österreich-Ungarn, teilten den französisch-spa- 
nischen Standpunkt und bekämpften den deutschen oder standen ihm 
gleichgültig gegenüber. Als die Spannung gefährlich zu werden drohte, 
brachte der österreichisch-ungarische Delegierte, Graf Welsersheimb, einen 
Vermittlungsvorschlag ein, welcher der deutschen Regierung eine Rück- 
zugsbrücke bildete und bilden sollte. Dieser Vorschlag besagte: Der Sultan 
sollte den Oberbefehl über die Polizeitruppen führen; er solle französische 
Offiziere mit der Organisation der Polizeitruppen in drei Häfen und 
spanische Offiziere in drei Häfen betrauen; in Casablanca sollten fran- 
zösische und spanische Offiziere zusammenarbeiten. Ein Generalinspektor 
sollte über allem stehen, ihn hatte die Schweiz dem Sultan nach dessen 
persönlicher Auswahl zu stellen. Damit war der Zweck der deutschen 
Vorschläge: Marokko unter eine wirklich internationale Aufsicht zu stellen, 
von vornherein gescheitert. Mit der marokkanischen Bank ging es äbnlich. 
Wenn die Algecirasakte dabei feierlich die bekannten Grundsätze der Sou- 
veränität, Integrität und Handelsefreiheit anerkannte, so konnte das Frank- 
reich und Spanien jetzt nicht mehr hinderlich sein, nachdem es gelungen 
war, die deutschen Absichten zu vereiteln: daß internationale tatsächliche 
Garantien für Erbaltung der Souveränität des Sultans, der Integrität 
des marokkanischen Gebietes und des Handels ohne Ungleichheit geschaffen 
würden. Die einzige Möglichkeit für Deutschland, der Tunifizierung
        <pb n="325" />
        Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 283 
  
Marokkos noch Einhalt zu tun, wäre entschlossener Appell an das Schwert 
gewesen. 
Kurz nach Beendigung der Konferenz äußerte sich Fürst Bülow im 
Reichstage folgendermaßen: „Es gab Wochen, wo der Gedanke an krie- 
gerische Verwicklungen sich der Gemüter bemächtigte. Wie kam das? 
Waren Lebensinteressen des deutschen Bolkes bedroht, so daß die Leitung 
unserer auswärtigen Politik daran denken konnte, die Machtfrage auf- 
zuwerfen? Sollten wir, wollten wir um Marokko Krieg führen? Nein, 
meine Herren, um Marokko nicht. Wir haben in Marokko keine direkten 
politischen Interessen, wir haben dort auch keine politischen Aspirationen.“ 
Oeutschland habe erreicht, was es erreichen wollte, nämlich die offene Tür 
in Marokko und die Sicherheit der wirtschaftlichen Interessen. Auf dem 
Papier der Algecirasakte, aber nur da, war das der Fall. Aber schon 
damals stand für jeden nüchternen Beurteiler völlig außer Frage, daß 
jene schönen Grundsätze auf dem Papier bleiben, sich auf das Papier 
beschränken und für Frankreich wie Spanien lediglich als Schirm und 
Kulisse dienen würden, um ihre Ziele in Marokko unter Mißachtung der 
tatsächlichen Forderungen der Algecirasakte anzubahnen. Was Delcassé 
gewollt hatte, war durch die deutsche Politik nicht vereitelt, sondern bin- 
sichtlich seiner Durchführung nur zeitlich hinausgeschoben worden, ja, 
die Konferenz von Allgeciras mit den sie begleitenden politischen Um- 
ständen hatte der Delcasséschen Politik und ihrem Marokkoziele eine festere 
Grundlage in Frankreich und in Europa gegeben, als sie vorher besaß. 
Zetzt, nachdem durch den großen Krieg ein tiefer Einschnitt gemacht 
und eine Periode ganz neuer Entwicklungen vorbereitet worden ist, kann 
ohne Schaden gesagt werden, daß das Ergebnis der Konferenz von Alge- 
ciras einen schweren politischen Mißerfolg des Deutschen Reiches bedeutete 
und von weittragenden Folgen gewesen ist. Oer diplomatische deutsche 
Erfolg, welchen der Rücktritt Delcassés bedeutete, war kurzzeitig und wurde 
durch Algeciras restlos zum Berschwinden gebracht, ja, verkehrte sich in 
das Gegenteil. Es ging nicht nur, wie Fürst Bülow sagte, „urm Marokko“, 
sondern um weit mehr. Oer dringende Wunsch, den Frieden zu erhalten, 
und der Glaube, es werde möglich sein, ihn noch lange zu erhalten, ver- 
anlaßte die deutsche Regierung, den Fehler von Algeciras zu begehen: 
eine politische Streitfrage aufzuwerfen, ohne den Willen, sie unter allen 
Umständen „durchzubiegen“, die Möglichkeit einer wirklichen internatio- 
nalen Erledigung anzunehmen, wo man von vornherein einer haßerfüllten 
Mehrheit von Großmächten gegenüberstand. Fürst Bülow, der damalige 
Kanzler und Träger jener Politik, hat sich in seinem genannten Buche 
zurückhaltend, aber immerhin mit Genugtuung über die Ergebnisse der 
Konferenz von Algeciras ausgelassen: nicht alles Erwünschte, aber das
        <pb n="326" />
        284 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905 1908. 
  
Wesentliche sei erreicht worden. Der Bersuch, uns von einer großen inter- 
nationalen Entscheidung auszuschließen, sei durchkreuzt worden. Den 
letzten Satz kann man als richtig zugeben, den ersten nicht. Gerade das 
Wesentliche war nicht erreicht worden. Das Wesentliche der Marokko- 
frage für Deutschland waren die drei bekannten Punkte: Souveränität des 
Sultans, Integrität des marokkanischen Gebietes und Freiheit des Han- 
dels ohne jede Ungleichheit, also die offene Tür. Die Verhandlungen 
der Konferenz zeigten klar, daß Frankreich, unterstützt von England, Ruß- 
land und den genannten anderen Mächten, in allen den Punkten unbeug- 
samen Widerstand leistete, wo Deutschland internationale Regelungen 
forderte, welche die Unabhängigkeit des Sultans usw. usw. tatsächlich garan- 
tieren konnten. Gab die deutsche Politik hier nach, wie sie es tat, so ist 
wohl, ebensowenig wie einem großen Teile der damaligen deutschen Offent- 
lichkeit, so auch den deutschen Staatsmännern und Diplomaten schon vor 
Schluß der Konferenz zweifelhaft gewesen, daß die Verhandlungen und 
der Abschluß zu Algeciras für Frankreich, wie gesagt, eine Kulisse wurden 
und für die deutsche Politik die dürftige Verschleierung des Mißerfolges. 
Damit soll keineswegs geleugnet werden, daß die Behandlung der Frage 
für Deutschland von vornherein eine sehr schwierige war und eine erfolg- 
reiche Behandlung sich ausschließen mußte, wollte man es unter keinen 
Umständen zum Kriege kommen lassen. Das war der Fall und die zwin- 
gende Folge, daß die Träger der deutschen Politik niemals eine Frage 
aufkommen und sich verschärfen ließen, welche an sich zur nationalen 
Frage werden konnte. Aus diesem Grunde gab man zu Algeciras eine 
Position nach der anderen auf. Delcassé war abgetreten, aber Delcassés 
Geist berrschte in den Berhandlungen von Algeciras und siegte. 
Zur politischen Pspchologie jener Periode dient die Tatsache, daß 
nach dem Sturze DOelcassés vielfach in politischen Kreisen Deutschlands 
die Auffassung berrschte, nun sei die Entente Cordiale gesprengt worden 
und einer deutsch-französischen Einigung mit einem sich daraus ergebenden 
Bündnisse der Weg geebnet worden. Manche Anzeichen lassen darauf 
schließen, daß auch dem Fürsten Bülow derartige Erwägungen nicht ganz 
fern gelegen haben. Der Gedanke war offenbar, daß Frankreich sich wegen 
der Schwächung Rußlands beinahe isoliert und hoffnungslos schwach 
füblen sollte. Diese Rechnung trug zwei Fehler in sich: sie ließ den alten 
unversöhnlichen französischen Haß und Nachedurst außer acht und ver- 
kannte außerdem die innere Grundlage und den eigentlichen Zweck der 
Entente Cordiale. Diese Grundlage und dieser Zweck lagen nicht in Ma- 
rokko und dessen Zukunft, sondern in der europäischen Politik der Groß- 
mächte. Großbritannien, insbesondere König Eduard und seine Minister, 
unterstützt von beinahe der gesamten Presse beider politischen Parteien,
        <pb n="327" />
        Die beiden Konferenzen: Algeciras und Baug. 285 
  
hatten erkannt, daß Großbritannien für seinen Einfluß auf die Festland- 
angelegenheiten und als verfügbares Gegengewicht gegen die immer 
größer werdende Macht des Deutschen Reiches und Bolkes einer bündnie- 
artigen Bereinigung mit Frankreich bedürfe. Diesem Grunde und diesem 
Zwecke wurden, wie immer in solchen Fällen, von der großbritannischen 
Politik unbedenklich alle Opfer gebracht. Man erfüllte Frankreichs Wün- 
sche hinsichtlich Marokkos für die Gegenwart und unterzog sich den bin- 
dendsten Verpflichtungen für die Zukunft. König Eduard, die Minister 
und die Presse ließen keine Gelegenheit unbenutzt, um Haß und Rück- 
sichtelosigkeit gegen Deutschland öffentlich zu zeigen und anderseits aus- 
zusprechen, daß das mächtige Großbritannien die Freundschaft Frank- 
reichs allem anderen vorzöge. Das einzige, was die britische Politik ver- 
langte und was König Eduard verschiedentlich geltend gemacht hat, war: 
Stärkung der französischen Wehrkraft zu Wasser und zu Lande. Daß die 
französische Regierung und das französische Volk diese ihnen so auesichts- 
reich erscheinende Beziehung einer erzwungenen und allen Uberlieferungen 
ins Gesicht schlagenden Verbindung mit dem Deutschen Reiche vorzogen, 
war, vom französischen Standpunkte gesehen, damals selbstverständlich 
und muß es auch für den rückschauenden Beurteiler sein. 
Zwischen Tanger und Allgeciras ist in Großbritannien ernstlich daran 
gedacht worden, im Sinne jener Rede des Zidillords der Admiralität, 
Arthur Lee, den ersten Schlag zu tun, d. h. die deutsche Flotte, die deutschen 
Küsten und Häfen zu überfallen. Weshalb nichts aus diesem Plane ge- 
worden ist, steht nicht fest. Wahrscheinlich war die nötige Ubereinstimmung 
unter den leitenden Männern nicht vorhanden. König Eduard hat seinem 
Wesen nach, und wie seine gesamte Politik zeigte, stets weniger Nei- 
gung zu gewaltsamen Lösungen als für eine unblutige, durch die Dro- 
hung mit dem Kriege wirkende Politik der Umklammerung Deutschlands 
gehabt; wenn er anderseits sicher auch nicht gezögert hätte, gegebenen- 
fallo das Signal zum Kampfe zu geben. 
Mit der Konferenz von Algeciras hatte die großbritannische Politik 
mehrere große Erfolge erreicht: sie hatte Frankreich von der Zuverlässig- 
keit des neuen großbritannischen Freundes restlos überzeugt, die groß- 
britannischen Staatsmänner hatten einen beinahe unbegrenzten Einfluß 
auf die Politik Frankreichs, auch auf dessen Rüstungspolitik gewonnen. 
Ferner hatte die Konferenz Großbritannien Gelegenbeit gegeben, seinen 
beherrschenden Einfluß auf die Haltung beinahe aller europäischen Mächte 
zu zeigen und der Welt des Islams vor Augen zu führen, daß Großbritau- 
niens Wille und Macht stärker sei als derjenige Deutschlande. In Lon- 
don hatte man die bekannten Worte Kaiser Wilhelms zu Damaskus im 
JFabre 1898 nicht vergessen: „Mögen die dreihundert Millionen Moham---
        <pb n="328" />
        286 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
medaner, welche auf der Erde verstreut leben, dessen versichert sein, daß 
zu allen Zeiten der Deutsche Kaiser ihr Freund sein wird.“ — Das Er- 
gebnis von Algeciras bedeutete für Großbritannien einen wirksamen 
Gegenschlag, denn sowohl der Sultan von Narokko wie die politisch 
erfahrenen Türken und anderen Mohammedaner wußten, was von dem 
Papier von Algeciras zu halten war, und Großbritannien wie Frank- 
reich wußten dazu, daß die nächsten Jahre die Wertlosigkeit des Papiers 
von Algeciras und damit die deutsche Niederlage in steigender Nachdrück- 
lichkeit der Welt zeigen und damit das deutsche Ansehen im Orient, ja dem 
ganzen Islam gegenüber erschüttern würden. Wenn Freiherr v. Marschall, 
der deutsche Botschafter zu Konstantinopel, dem Fürsten Bülow damals 
erklärte, man dürfe um der islamitischen Welt willen Marokko nicht preis- 
geben, so hatte er recht. Deshalb war die Tangerfahrt erfolgt. Sie er- 
höhte das deutsche Ansehen sehr und rief in den Kreisen des Islams Be- 
geisterung und Vertrauen für Oeutschland hervor. Um so schädlicher 
war Algeciras und mußte es werden, zumal der Orient auch sah, daß der 
Bundesögenosse Deutschlands, Ztalien, ostentativ zu den Gegnern Oeutsch-- 
lands hielt, weil Frankreich und Großbritannien der italienischen Re- 
gierung die bekannten Bersprechungen hinsichtlich Tripolitaniens, eines 
dem türkischen Sultan unterstehenden mohammedanischen Landes, ge- 
macht haben. Der andere Bundesgenosse des Deutschen Reiches, Oster- 
reich-Ungarn, hatte zu uns gestanden, hauptsächlich durch den Bau jener 
Rückzugsbrücke in der Polizeifrage. Als der österreichisch-ungarische Mi- 
nister des Auswärtigen, Graf Goluchowski, später interpelliert wurde, 
weshalb Osterreich- Ungarn in der außerhalb der Bündnisverträge liegen- 
den Marokkofrage dem Deutschen Reiche sekundiert und damit nachteilig 
auf seine Beziehungen zu anderen Mächten eingewirkt habe, antwortete 
Goluchowski: Österreich-Ungarns Haltung sei keine partei#sche, sondern 
eine unparteiische neutrale gewesen. Diese Erklärung entsprach den Tat- 
sachen und kennzeichnete schärfer als vieles andere die Bereinsamung 
des Deutschen Reiches zu Algeciras. Diese Bereinsamung war um so be- 
merkenswerter, als die deutsche Politik mit ihrem ursprünglichen Marokko- 
programm, der offenen Tür, der Unabhängigkeit des Sultans und der 
Zntegrität des marokkanischen Gebietes, die tatsächlichen wirtschaftlichen 
Interessen eigentlich aller handeltreibenden Mächte, abgesehen von Frank- 
reich und Spanien, welche mehr wollten, vertrat. Keine einzige der kleinen 
und mittleren Mächte aber hat sich damals auf Oeutschlands Seite gestellt, 
keine einzige wagte gegen die britisch-französisch-spanische Verbindung, 
zu welcher de facto auch Rußland noch binzukam, eine abweichende Stel- 
lung einzunehmen. 
Alles in allem ging das Ansehen des Deutschen Reiches gemindert
        <pb n="329" />
        9 
Ce 
Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 
  
aus der Konferenz von Algeciras hervor. Man hatte ihm rücksichtslos 
die marokkanische Tür zugeschlagen. Ein von legitimster Grundlage aus- 
gebender Bersuch, dem deutschen Handel das marokkanische Gebiet offen- 
zuhalten, war fehlgegangen, gleichzeitig war Deutschland vor der neuen 
Mächtekombination zurückgewichen. Diese neue antideutsche europäische 
Mächtekombination war mit Algeciras aus ihrer bisherigen Zurückhaltung 
herausgetreten und stand mit Beginn des Jahres 1906 fest, geschlossen und 
drohend da. Europa war in zwei Lager geteilt: Großbritannien als Führer 
und Vorkämpfer gegen das Deutsche Reich. 
Mit der Zahreswende 1905/06 trat, nachdem vorher allgemeine 
Wahlen stattgefunden hatten, in Großbritannien ein liberales Kabinett 
an die Stelle des bisherigen unionistischen. Premierminister wurde Camp- 
bell-Bannerman, Minister des Auswärtigen Sir Edward Grey. Dieser 
letztere war bisher die Autorität für auswärtige Politik der parlamenta- 
rischen Opposition des Unterhauses. Grey kam, wie auch aus seiner oben 
angeführten ÄAußerung ersichtlich ist, mit dem bestimmten politischen Ge- 
danken ins Amt, durch eine großbritannisch-russische Annäherung die Tripel- 
entente, Großbritannien-Rußland-Frankreich, herzustellen. Ein zweiter, 
mehrfach stark von ihm betonter politischer Grundsatz war: freundschaft- 
liche Beziehungen zu Oeutschland seien wünschenswert, aber nur unter 
der Bedingung, daß ein gutes Einverständnis zwischen Deutschland und 
Frankreich bestehe. Mit diesen Leitgedanken konnte Grey die auswärtige 
Politik seines Borgängers, Lord Lansdowne, geradlinig fortsetzen, ins- 
besondere die Entente Cordiale in allen ihren Einzelbeiten und mit allen 
ihren möglichen Konsequenzen billigen. 
Die deutsche Regierung und ein großer Teil der deutschen Offent- 
lichkkeit begrüßten den Kabinettswechsel mit Befriedigung, um nicht zu 
sagen: mit Erleichterung, zumal war man der Ansicht, der neue 
Premierminister Campbell-Bannerman sei aufrichtig und vertrauens- 
würdig. Man hoffte zu Berlin, die feindselige Spannung, der Feldzug 
der Verleumdung und die haßerfüllte Angriffsmethode der großbritan- 
nischen Politik Deutschland gegenüber werde aufhören und an ihre Stelle 
Empfänglichkeit und vielleicht sogar Bemühungen für ein freundschaft- 
liches Verhältnis zwischen den beiden Regierungen und Ländern treten. 
Man war der Ansicht, daß das Kabinett Balfour seine Politik zu stark 
von den deutschfeindlichen Kreisen, hauptsächlich der großbritannischen 
Presse, habe beeinflussen lassen. Diese deutschen Annahmen und Hoff- 
nungen sollten sich nicht verwirklichen. Sie beruhten von vornherein 
auf Verkennung der eigentlich maßgebenden Menschen und Faktoren in 
der auswärtigen Politik Großbritanniens. Die große Wendung und Ent- 
scheidung, wie sie durch die Entente Cordiale und die daraus gezogenen
        <pb n="330" />
        288 . Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
Folgen sich ergeben hatte, bedeutete eine in der Geschichte Großbritan- 
niens, ja in der Europas, epochemachende Wendung. Sie konnte nicht 
durch einen Kabinetts- oder Ministerwechsel aus der Welt geschafft wer- 
den. Wurde sie aber nicht aus der Welt geschafft, so mußte sie weiter 
wirken auf der ihr vorgezeichneten Bahn, ganz einerlei, ob der eine oder 
andere großbritannische Minister vielleicht etwas minder entschlossen war 
oder minder scharf und feindselig über Deutschland dachte. Campbell- 
Bannerman war kein großer Staatomann und trug in manchem seiner 
Züge eine gewisse liberale Unbestimmtheit. Dabei war er aber gewisser- 
maßen a priori erfüllt von dem Gefühle unbedingten Rechtes Großbri- 
tanniens zur Herrschaft über alle anderen Bölker. Konnte diese unter 
freundschaftlichen versöhnlichen Formen ausgeübt werden, so war ihm 
das lieber. Oie öffentliche Meinung in Großbritannien, die übrigen maß- 
gebenden Kabinettsmitglieder und vor allem König Eduard teilten die 
Vorliebe des Premierministers für einen freundschaftlichen Verkehrston 
mit Deutschland keineswegs, und die Folge war, daß Campbell-Banner- 
man in den kurzen Jahren seiner Amtsführung (1906—1908) politisch 
nur eine bescheidene Rolle spielen konnte, soweit es die auswärtige Politik 
betraf. König Eduard, sein ständiger Unterstaatssekretär Lord Hardinge, 
Sir Edward Grey usw. wußten ihren Kurs und steuerten ihn mit eben- 
soviel Uberlegung wie Festigkeit. In einem nicht unerheblichen Teile 
der großbritannischen Offentlichkeit dagegen hatte die Schärfe der deutsch- 
britischen Marokkospannung einige Besorgnisse erregt, und die oben er- 
wähnten Bereinigungen, Besuche und Reisen zu einem besseren gegen- 
seitigen Verstehen der beiden Länder waren eine Folge der Besorgnis, 
die Verstimmung könne unheilbar werden und dann bei nächstem ge- 
gebenen Anlasse zum Kriege führen. Diese auf beiden Seiten ehrlich 
gemeinten Bemühungen litten ebenso wie die optimistischen Hoffnungen 
der amtlichen Stellen zu Berlin auf das neue Londoner Kabinett an dem 
Fehlen der Erkenntnis, daß seit 1904 das Deutsche Reich genau im selben 
Sinne „der Feind“ Großbritanniens war, wie im Laufe der verflossenen 
Zahrhunderte hintereinander Spanien, die Niederlande, Frankreich und 
Rußland. Die Geschichte Großbritanniens lehrt, daß die britische Politik 
von dem Augenblicke an, wo ein solcher Feind bezeichnet worden ist, ge- 
duldig, zäh und entschlossen mit allen Mitteln und auf allen Wegen alles 
tut, um diesen Feind mit Hilfe von Festlandmächten wenn möglich ein- 
zuschränken und zu demütigen, sonst zu vernichten. Das wirtschaftliche 
Wachstum des Deutschen Reiches und Volkes, seine auf dem Festlande 
selbsttätig immer größer werdende Stellung durch Bevölkerungsvermeh- 
rung und Reichtum, sein Seehandel, seine Industrie, kurz alle jene bekann- 
ten Faktoren und dazu die Versuche, dem Deutschen Reiche mit der Zeit
        <pb n="331" />
        Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 289 
eine Flotte zu schaffen, — das genügte, um das Oeutsche Reich zum Tod- 
feinde Großbritanniens zu machen. Inwieweit die leitenden deutschen 
Staatsmänner in die Tiefe dieser Wahrheit und geschichtlichen Stellung- 
nahme Großbritanniens damals eingedrungen sind, läßt sich einwand- 
frei nicht feststellen, aber man kann annehmen, daß Fürst Bülow ihnen 
nicht ganz ferngeblieben ist. In seinen erwähnten ODenkwürdigkeiten 
vertritt er u. a. den Standpunkt (Beginn des Jahres 1914): seitdem die 
deutsche Verteidigungsstärke zur See genüge, könnten die deutsch-eng- 
lischen Beziehungen aufrichtig und vorbehaltolos freundliche und freund- 
schaftliche sein. — Der ebemalige Kanzler irrte sich leider erheblich in der 
Stärkebemessung der deutschen Wehrkraft zur See: sie war lange nicht 
ausreichend. Anderseits hatte Fürst Bülow recht, wenn er sagte, daß die 
auswärtige Politik des Deutschen Reiches während der Anfangejahre 
des Flottenbaues unter anormalen Verhältnissen arbeiten mußte, weil 
sie bis zu einem gewissen Grade im Dienste der deutschen Rüstungsfragen 
gestanden habe. Damals, so führt Bülow an einer anderen Stelle aus, 
„hatten wir eine Gefahrzone erster Ordnung in unserer auswärtigen Politik 
zu durchschreiten, denn wir sollten uns eine ausreichende Seemacht und 
eine wirksame Vertretung unserer Seeinteressen schaffen, ohne noch zur 
See genügende Verteidigungsstärke zu besitzen. Unbeschädigt und ohne 
Einbuße an Würde und Prestige ist Deutschland aus dieser kritischen Periode 
hervorgegangen.“ — Diese Kennzeichnung der Situation ist richtig, und 
die Kennzeichnung des Ergebnisses dieser Politik, die tatsächlich außer- 
ordentlich schwierig war, würde richtig sein, wenn die Marokkoepisode 
mit Algeciras nicht zu verzeichnen wäre. Sie muß aber verzeichnet werden 
und hat eine Bedeutung ersten Ranges. 
Das Jahr 1905 und ein Teil des Zahres 1906 ließ die wirkliche inter- 
nationale Lage des Deutschen Reiches in Europa noch nicht in voller 
Schärfe hervortreten, weil die deutsch-russischen Beziehungen damals gut 
waren. Die Haltung der deutschen Politik mit ihrer nicht nur lopalen, son- 
dern wohlwollenden ANeutralität Rußland gegenüber während seines 
ostasiatischen Krieges hatte den Beziehungen zwischen den beiden Herr- 
schern eine erhöhte Wärme gegeben. Die Beziehungen zwischen den bei- 
den Regierungen waren während des Krieges naturgemäß sehr gut ge- 
wesen, denn die deutsche Politik gab, und die russische nahm, ohne etwas zu 
geben. Eine Begegnung zwischen dem Oeutschen Kaiser und dem Zaren 
bei der Insel Björkö trug freundschaftlichen Charakter und erhöhte in 
Deutschland die Hoffnung, das Deutsche Reich werde in seinem östlichen 
Nachbarn einen gewissen Rückhalt in Zukunft haben. Diese Hoffnung 
erschien um so begründeter, als wie gesagt Frankreich durch seine Haltung 
während des ostasiatischen Krieges vielfach in Rußland verstimmt hatte 
Graf Reventlow, Deutschlande auswärtige Politik. 19
        <pb n="332" />
        290 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905—1908. 
  
Während der Konferenz von k#llgeciras freilich trat die russische Politik 
auf das entschiedenste, ja bisweilen in gewollt schroffer Weise auf die 
Seite der Entente Cordiale. 
Während man sich in Deutschland mit der damals üblichen Oberfläch-- 
lichkeit der Befriedigung über das Ende der Marokkoaffäre, die eingetretene 
europäische „Entspannung“ und dem Vertrauen auf künftige russische 
Freundschaft hingab, vor allem aber sich freute, daß Handel und Wandel 
ungestört weitergehen konnten, waren die leitenden Männer in Groß- 
britannien emsig beschäftigt, die Borbedingungen für die spätere Ein- 
kreisung des Deutschen Reiches zu schaffen. In diesem Zusammenhange 
muß auch die Erweiterung des britisch-japanischen Bündnisses vom 12. Au- 
gust 1905 genannt werden. Sein Inhalt war kurz der folgende: Ver- 
längerung des 1902 geschlossenen Bündnisses auf zehn weitere Zahre. 
Gegenseitige Berpflichtung zur Waffenhilfe gegen Angriff, Verbürgung 
des Status duc im fernen Osten und Indiens, sowie aller territorialen 
Rechte und Sonderinteressen; gemeinsames Vorgehen, gemeinsamer 
Friedensschluß, Militär- und Flottenkonvention. 
Von diesem Bertrage wurde zunächst beinahe allseitig angenommen, 
daß er sich gegen Rußland richte. Auch in St. Petersburg hat man dieses 
getan und damit eine Wirkung eintreten lassen, welche man in London 
keineswegs beabsichtigte. Infolgedessen betonte die britische Regierung den 
russischen Staatsmännern gegenüber, es sei keineswegs eine Spitze gegen 
Rußland in dem Abkommen enthalten, falls Rußland keine offensiven 
Absichten im fernen Osten habe, denn der britisch-japanische Bertrag sei 
ein reiner Berteidigungsvertrag. Das war bezüglich Rußlands richtig. 
Großbritannien und Japan brauchten Rußland im fernen Osten nicht mehr 
zu fürchten, denn die russische Flotte war vernichtet, die russischen Armeen 
aus Kwantung und aus der südlichen Mandschurei verdrängt, Korea war 
ZLapan sicher. Dazu kam die Revolution in Rußland, kurz, eine Wieder- 
bolung der alten ostasiatischen Angriffspolitik war für absehbare Zeit aus- 
geschlossen. Man konnte im Gegenteil beinahe sagen, daß dieses ausge- 
sprochene Defensivbündnis für Rußland eine gewisse Garantie bot, daß 
Zapan sich bis auf weiteres mit dem Errungenen begnügen und der Status 
qduo Ostasiens über die durch den Krieg neugezeichneten Linien hinaus 
nicht verändert werden würde. Rußland hatte im Kriege Port Arthur und 
Oalni verloren, das Kiautschougebiet befand sich noch in deutschen Händen 
und machte wirtschaftlich stetig Fortschritte. Die deutsche Pachtung war 
für Fapan stets ein Dorn im Auge gewesen, und seit der antideutschen 
Schwenkung der großbritannischen Politik sowie nach dem Berschwinden 
Rußlands aus Ostasien zögerte man zu London nicht, auch auf diesem Ge- 
biete von langer Hand gegen Deutschland vorzuarbeiten. Es ist unbekannt,
        <pb n="333" />
        Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 291 
  
ob der britisch-japanische Vertrag geheime Klauseln gehabt hat, aber der 
Krieg 1914 hat den Beweis geliefert, wie der Bündnisvertrag der japa— 
nischen Regierung als vorbereiteter Vorwand gedient hat, dem Deutschen 
Reiche Kiautschon zu nehmen. Im Jahre 1905 sollte der Vertrag mög- 
licherweise auch als Hindernis für Deutschland dienen, sein Gebiet über 
Kiautschou hinaus in Ostasien zu erweitern; eine Absicht, die übrigens, 
wenn überhaupt, nur für den Fall gehegt worden sein kann, daß das 
Chinesische Reich zerfallen und aufgeteilt werden würde. Im übrigen ist die 
ostasiatische Politik des Deutschen Reiches ebenso wie die deutsche Politik 
jener Zahre überhaupt stets mit äußerster Vorsicht zu Werke gegangen, hbat 
große Pläne niemals praktisch ins Auge gefaßt und hat an weitere Ausdeh- 
nung weder in Ostasien noch in anderen Weltteilen und Gegenden gedacht. 
Für Großbritannien bedeutete die Verbreiterung des Bündnisses mit 
Japan im Bereine mit dessen zeitlicher Verlängerung eine Sicherung der 
britischen Position im fernen Osten und gleichzeitig eine Bindung Zapans. 
Diese mußte um so wirksamer sein, als JZapan durch großbritannisches Geld 
gebunden und für die schwere Zeit nach dem Kriege auf dieses angewiesen 
war. Anderseits war die Erbitterung in- Zapan dadurch gegen Oeutsch- 
land wieder geschürt worden, daß der amerikanische Präsident Roosevelt 
und die großbritannische Regierung auf den Oeutschen Kaiser als den- 
jenigen hinwiesen, der in erster Linie dazu beigetragen habe, daß im Herbst 
1905 die Mächte versuchten, den ostasiatischen Krieg zu beenden und die Ver- 
handlungen dadurch zu beschleunigen, daß Japan keine Kriegsentschädigung 
von Rußland erhielt. 
In Europa benutzten König Eduard und die in Betracht kommenden 
Minister schon im Jahre 1905 die marokkanische Spannung, um zwischen 
Frankreich und Großbritannien die Grundlagen zu einer Militär- und 
Marinekonvention zu legen. Der erwähnte und durch die Enthüllungen 
Delcassés zunächst in die Offentlichkeit gebrachte Plan, 100 O00 Mann 
großbritannischer Truppen für den Kriegsfall an der schleswig-holstei- 
nischen oder der jütländischen Küste zu landen, soll ursprünglich ein eigen- 
mächtig von König Eduard gemachtes Angebot und Versprechen gewesen 
sein. Seine Autorität und sein Ansehen in Großbritannien waren damals 
so groß, daß er sich derartiges wohl leisten konnte in der Gewißheit, daß 
das Parlament und das Kabinett eintretendenfalls ohne Zweifel ihre 
Zustimmung geben würden. Ohne Zweifel haben sich auch die militä- 
rischen und maritimen Autoritäten mit den Einzelheiten zu befassen be- 
gonnen. Die Erörterungen führten schon im Frühjahr 10906 zur Hinein- 
beziehung Belgiens. Die kurz nach Beginn des Krieges 1914/15 vor- 
gefundenen Dokumente liefern gerade für dieses geschichtlich wichtige und 
politisch interessante Kapitel unanfechtbares Material: 
197
        <pb n="334" />
        292 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
Mitte Zanuar 1906 erschien der großbritannische Militärattaché Bar- 
nardiston bei dem belgischen Generalstabschef General Ducarne und wies 
auf die Gefahr eines baldigen Kriegsausbruches hin. Das ist, beiläufig 
bemerkt, ein neuer Beweis dafür, daß die großbritannische Regierung ent- 
schlossen war, jeden ernsthaften Widerstand der deutschen Politik während 
der Konferenz zu Algeciras zur Entfesselung eines europäischen Krieges 
gegen Deutschland zu benutzen. Der großbritannische Attaché erklärte dazu, 
man habe für den Fall, daß Belgien angegriffen würde, die Landung von 
100000 Mann großbritannischer Truppen vorgesehen, und zwar sollten 
diese in der Gegend von Dünkirchen und Calais landen. Antwerpen werde 
man später als Verpflegungsbasis benutzen, nachdem die Nordsee von 
deutschen Kriegsschiffen gesäubert worden sei. Diese Besprechungen wurden 
in der Folge auf alle militärischen und technischen Einzelheiten ausgedehnt. 
Im Herbste des gleichen Jahres 1906 trafen der großbritannische und der 
belgische Generalstabschef im Manöver zusammen, und der Brite ver- 
sicherte dem Belgier, daß die Reorganisation der britischen Armee nicht nur 
die Landung von 150 000 Mann anstatt 100 000 ermögliche, sondern daß 
die Festlandaktion des Heeres in kürzerer Zeit gewährleistet sein werde, 
als man vorher angenommen habe. — Vorgreifend sei an dieser Stelle 
schon bemerkt, daß aus einem aufgefundenen belgischen Schriftstücke vom 
Jahre 1912, nach der letzten Marokkokrisis, der derzeitige britische Militär-- 
attaché auf eine belgische Einwendung erklärt hat, man würde auch ohne 
Belgiens Zustimmung „auf jeden Fall“ gelandet und durch Belgien mar- 
schiert sein. 
Der in der Spannungszeit improvisierte Plan einer Landung an der 
schleswig-holsteinischen oder jütländischen Küste war also fallen gelassen 
worden zugunsten einer Landung in der Gegend von Calais, gefolgt von 
beschleunigtem Marsche nach Belgien im Bereine mit französischen Truppen. 
Oiese sollten dann unter Mitreißung der belgischen Armee von Nordwesten 
aus in deutsches Gebiet nach dem Abeinlande angriffsweise vorstoßen. 
Die Einzelheiten dieser Abmachungen und diejenigen der Fragen bel- 
gischer Neutralität können in diesem Rahmen nicht erörtert werden, son- 
dern bleiben einer speziellen Borgeschichte des Krieges 1914/15 vor- 
behalten. Hier kommt es nur auf die Feststellung der Tatsachen an, daß 
vom Beginn des Jahres 1906 an, wenn nicht formal, so doch de facto 
eine großbritannisch-französisch-belgische Militärkonvention bestand. Sie 
ist seitdem durch fortgesetzte Besprechungen der maßgebenden militärischen 
und politischen Persönlichkeiten auf dem laufenden gehalten und immer 
sorgfältiger ausgestaltet worden. 
Belgien gravitierte damals schon politisch ganz nach der französischen 
Seite hin, und die politische Leitung ebenso wie die größere Menge der
        <pb n="335" />
        Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 293 
  
Bevölkerung ließ sich widerstandslos von Großbritannien und Frankreich 
mit Furcht und Mißtrauen gegen Deutschland erfüllen. Die englische und 
französische Presse ließ nicht nach, den Belgiern zu predigen, daß Deutsch- 
land nur auf den Augenblick warte, um Belgien zu annektieren, und im 
Falle des ebenso sicher bevorstehenden deutschen Angriffskrieges gegen 
Frankreich würden deutsche Armeen zweifellos die belgische Neutralität 
verletzen. So ließ das zur Neutralität durch internationale Verträge ver- 
pflichtete Belgien sich zur Verletzung dieser seiner Pflichten veranlassen, 
indem es mit den beiden Westmächten die Militärkonventionen abschloß 
und sie nach allen Seiten sorgfältig geheimhielt. Für Großbritannien und 
Frankreich und ihre gemeinsamen Zukunftspläne im Hinblick auf das 
Deutsche Reich war diese Gewinnung Belgiens ein großer Erfolg. Ob es 
damals in Belgien an den leitenden Stellen Staatsmänner gab, welche 
dieser Bindung durch England und Frankreich entgegen waren, ist nicht 
bekannt, aber möglich, nach einigen Außerungen des belgischen Gesandten 
zu Berlin, Baron Greindl, zu schließen. Außer Zweifel steht dagegen, daß 
nach den slizzierten Vorgängen weder das belgische Heer, noch die Be- 
völkerung, noch die Regierung der Versuchung Widerstand geleistet haben 
würden, sich von den britischen und französischen Truppen zum Angriffe 
auf das deutsche Gebiet fortreißen zu lassen. Wieweit man an den leiten- 
den deutschen Stellen über diese Lage der Dinge unterrichtet gewesen ist, 
steht dahin. Uber die belgischen Abmachungen mit Frankreich und Groß- 
britannien wird man schwerlich Genaues gewußt haben, dagegen über die 
Intimität des Berhältnisses und anderseits über die belgische Abneigung 
gegen Deutschland nicht im Zweifel gewesen sein. 
Um dieselbe Zeit hat Großbritannien Versuche gemacht, die Re- 
gierung der Niederlande zu ähnlichen Abmachungen zu bewegen. Alrch 
die Neutralität Hollands wollte Großbritannien durch Landung von Trup- 
pen großmütig gegen die von ihm behaupteten deutschen Einfallsabsichten 
schützen. Wie aus den Brüsseler Dokumenten hervorgeht, war es die Ab- 
sicht des britischen Generalstabes, nach Landung der Truppen an der fran- 
zösischen Küste in Antwerpen eine Berpflegungsbasis herzurichten und zu 
unterhalten, mit anderen Worten, alles, was zu diesem Zwecke an Pro- 
viant, Material usw. notwendig war, auf Schiffen durch die Nordsee und 
die Schelde hinauf nach Antwerpen zu befördern. Da die Scheldemündung 
aber holländisches Territorialgewässer war, so hätte bierzu erst die Ge- 
nehmigung Hollands gegeben werden, mithin Holland aus seiner Neutra--- 
lität heraustreten müssen, oder aber Großbritannien hätte durch Er- 
zwingung der Ourchfahrt seinerseits die Neutralität der Niederlande ver- 
letzen müssen. 1906 fanden die großbritannischen Bemühungen den Nieder- 
landen gegenüber kein Entgegenkommen. Wir haben vorher gesehen, wie
        <pb n="336" />
        294 5. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
auch Dänemark gelegentlich des britischen Flottenbesuches 1905 durch den 
Mund des Kommandeurs Bluhme erklärte, es wolle in korrekter Neutralität 
nach allen Seiten hin seine Unabhängigkeit wahren. 
Um so erfolgreicher hatte die großbritannische Politik auf der skan- 
dinavischen Halbinsel gearbeitet. Die alten norwegischen Eifersüchte- 
leien gegen Schweden und die damit verbundenen Wünsche, sich von 
Schweden zu trennen und ein selbständiges Norwegen zu bilden, fanden 
eifrige Unterstützung von britischer Seite. Nach altbewährten englischen 
Methoden murde die norwegische Presse beeinflußt und beherrscht und so 
allmählich eine Stimmung erzeugt, die es im Jahre 1905 zur tatsächlichen 
Trennung von Schweden kommen ließ. Ein deänischer Prinz, der eine 
großbritannische Prinzessin zur Gattin hatte, gelangte auf den norwegischen 
Thron. Damit hatte König Eduard aus einem einheitlich in deutschfreund- 
lichem Sinne geleiteten Skandinavien zwei Staaten gemacht, von denen 
der eine, Schweden, erheblich geschwächt war, der andere, Norwegen, 
mit seiner langen atlantischen und Nordseeküste ganz unter großbritannischem 
Einflusse stand. Die britische Presse unterließ keine Gelegenheit, das nor- 
wegische Mißtrauen gegen Deutschland zu schüren und nahm zum Allasse 
hierzu insonderheit die Besuche Kaiser Wilhelms und die häufigen Aufent- 
halte deutscher Geschwader in norwegischen Gewässern und Häfen. Die 
Deutschen, so erzählte man den Norwegern, wollten in einem europäischen 
Kriege norwegische Häfen besetzen und benutzen, und die Besuche in Friedens- 
zeiten sollten dazu dienen, solche Häfen und Stützpunkte auszukundschaften. 
Bei alledem stand im Jahre 1906 das deutsch-britische Verhältnis 
äußerlich im Zeichen der Entspannung. Im August des gleichen Jahres 
traf König Eduard von England mit Kaiser Wilhelm zu Homburg zu- 
sammen, und wie immer derartige Zusammenkünfte, verlief auch diese 
befriedigend, denn man läßt solche nicht stattfinden, sofern nicht die Sicher-- 
beit befriedigenden Berlaufes unbedingt besteht. Es war eine Zusammen- 
kunft, kein Besuch des Königs. Einen solchen hat König Eduard erst drei 
Jahre später gemacht. Immerhin bedeutete diese Zusammenkunft die 
Wiederaufnahme persönlicher Beziehungen zwischen den beiden Mon- 
archen. Auch die britische Regierung als solche schien damals nach ihren 
Erfolgen von Algeciras und angesichts des immer allgemeiner werdenden 
Umschwunges in Europa zugunsten Großbritanniens der Meinung, man 
könne es nun mit Vorteil dem Deutschen Reiche gegenüber auch einmal 
mit Zuckerbrot versuchen. Erey soll sich zu einer Besserung der Bezie- 
hungen bereit erklärt haben, freilich unter der Bedingung, daß Deutschland 
den Franzosen in Marokko keine Schwierigkeiten in den Weg lege. Da- 
mals tauchte zuerst der später in Deutschland so bekannt gewordene Lord 
Haldane als Freundschafte- und Verständigungsstifter auf. Im Jahre
        <pb n="337" />
        Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 295 
  
1906 war er Kriegsminister und stellte sich die Aufgabe einer gründlichen 
Reorganisation der britischen Armee. Haldane gehörte zu denjenigen Per- 
sonen des großbritannischen Kabinettes, welche über Inhalt und Zweck 
der großbritannisch-französisch-belgischen Besprechungen und Konven- 
tionen nicht nur unterrichtet, sondern an erster Stelle an ihnen beteiligt 
waren. Er betrachtete insbesondere als seine Aufgabe, eine Organisation 
zu schaffen, die für den Kriegsfall in kürzester Zeit gestattete, eine mög- 
lichst große Expeditionsarmee nach dem Festlande hinüberzuwerfen. Um 
diese in Anbetracht der eigentümlichen großbritannischen Verhältnisse 
schwierige Aufgabe leichter lösen zu können, erwirkte Haldane sich bei der 
deutschen Regierung die Erlaubnis, das deutsche Militärwesen in Berlin 
mit Hilfe der Behörden gründlich zu studieren. Die Erlaubnis wurde harm- 
los und wahrscheinlich erfreut ob dieses englischen Annäherungsbeweises 
gegeben, und so hatte der großbritannische Kriegeminister eine auslän- 
dischen Kriegsministern wohl selten zu Gebote stehende Gelegenheit, die 
deutschen Militäreinrichtungen gründlich an der Quelle kennenzulernen. 
Das war für Großbritannien und seinen Bundesgenossen Frankreich, da 
sie beide Deutschland als zukünftigen Gegner ansahen, von hoher Wichtig- 
keit. Außerdem konnte Haldane aus seinem Studium des deutschen Militär- 
wesens wertvolle Erfahrungen und Ergebnisse gewinnen, um die britische 
Expeditionsarmee zu organisieren, welche im nächsten Kriege gegen deut- 
sche Truppen zu kämpfen bestimmt war. Erkenntlich zeigte sich Haldane 
nach seiner Rückkehr auf großbritannischen Boden durch Reden, in denen er 
erklärte, die Beziehungen zum Deutschen Reiche hätten sich gebessert. In 
Deutschland herrschte, wie stets bei solchen Gelegenheiten, leichtfertig ver- 
trauensvolle und hoffnungsvolle Stimmung. Man glaubte ernsthaft, 
es handle sich um Mißverständnisse zwischen den beiden Ländern, die mit 
Ruhe und gutem Willen geklärt werden könnten, außerdem um böswillige 
Kriegöhetzerei vereinzelter oder durch die Industrie beeinflußter Chauvi- 
nisten auf beiden Seiten. Der großbritannische Premierminister, Campbell- 
Bannerman, begann im JLahre 1906 die Frage anzuregen, ob es nicht an- 
gezeigt sei, auf einer zu berufenden internationalen Friedenskonferenz 
über die Frage einer Einschränkung der Rüstungen zu sprechen. Die Vor- 
geschichte dieser Konferenz ging auf das Jahr 1898 bzw. die erste Haager 
Konferenz zurück. 
Damals ging die Anregung zu einer internationalen Friedenskonferenz 
vom russischen Zaren Nikolaus II. aus. In dem Rundschreiben, das durch 
den Minister Grafen Muraview an die Mächte gelangte, wurde eine inter- 
nationale Konferenz vorgeschlagen, „um die wirksamsten Mittel zu suchen, 
um allen Bölkern die Wohltaten wahren und dauernden Friedens“ zu 
sichern und vor allem der fortschreitenden Entwicklung der gegenwärtigen
        <pb n="338" />
        296 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905—1908. 
  
Rüstungen ein Ziel zu setzen“. — Welche eigentlichen Gründe den Zaren 
und seine Ratgeber zu dieser Kundgebung bewogen haben, mag dahin- 
gestellt bleiben, auf alle Fälle waren sie nicht so idealistischer Natur, wie sie 
von pazifistischer Seite hingestellt zu werden pflegen, anderseits auch ohne 
die realpolitische Bedeutung, welche von manchen behauptet wurde. Daß 
die Berufung der Konferenz bzw. das zarische Rundschreiben in der Fa- 
schodaaffäre und in den russisch-englischen Schwierigkeiten in Asien einen 
beschwichtigenden Einfluß auf Großbritannien gehabt haben sollte, ist 
ausgeschlossen. — Das Rundschreiben wurde sompathisch und grundsätz- 
lich zustimmend von den Mächten beantwortet, jedoch standen sie beinabe 
alle den Vorschlägen selbst skeptisch gegenüber. Die „Norddeutsche All- 
gemeine Zeitung“ äußerte halbamtlich starke Zweifel an der Aufrichtig- 
keit Frankreichs schon hinsichtlich des Wunsches, den Frieden zu erhalten, 
da die gesamte Pariser Presse übereinstimmend die Ansicht aussprach: nur 
durch Revision des Frankfurter Friedens könnten die Wege zu einer wirk- 
lichen Berständigung geebnet werden. ODas deutsche Regierungeblatt er- 
klärte, daß angesichts einer solchen französischen Auffassung von vornherein 
jede Möglichkeit einer Berwirklichung des Abrüstungsgedankens in weite 
Ferne gerückt sei, denn die Unantastbarkeit des nationalen Bestandes des 
Deutschen Reiches auf Grund des Frankfurter Friedens sei der Stand- 
punkt, von dem allein Deutschland sich an Erörterungen über Herabsetzung 
der Rüstungen beteiligen könne. — Beiläufig bemerkt war jene einmütige 
französische Stellungnahme wiederum ein Beweis, daß Frankreich alle 
anderen politischen Fragen, wie Berstimmungen mit England usw., zurück- 
stellte, sobald die Frage der Revanche oder ihres Aufgebens auch nur am 
Horizonte erschien. 
Nach der ersten Haager Friedenskonferenz wurde von den Poczi- 
fizisten aller Länder die Agitation für internationale Berhandlungen solcher 
Artt fortgesetzt. Im besonderen machte sich die interparlamentarische Kon- 
ferenz, welche jedes Zahr in einer anderen Stadt zu tagen pflegt, die 
Friedens- und Schiedegerichtspropaganda zur Aufgabe. 1904 wurde die 
interparlamentarische Konferenz in den Vereinigten Staaten zu St. Louis 
abgehalten. Bei dieser Gelegenheit wandte sie sich an den Präsiden- 
ten der Vereinigten Staaten, Mr. Roosevelt, mit der Bitte, sobald wie 
möglich den Zusammentritt einer zweiten Friedenskonferenz zu veran- 
lassen. Der damalige Staatssekretär des Auswärtigen der Vereinigten 
Staaten, Mr. Hay, wandte sich daraufhin an die sämtlichen Unterzeichner 
der Haager Akte von 1899 mit der Aufforderung, sobald wie möglich eine 
neue Konferenz zu beschicken. Die Aufforderung fand die obligate mehr 
oder minder matte Zustimmung. Oie russische Regierung sprach den Wunsch 
einer Vertagung der Konferenz bis nach Beendigung des Russisch-Japa-
        <pb n="339" />
        Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 297 
  
nischen Krieges aus. Dieser fand durch den Frieden von Portsmouth Au- 
gust 1905 seinen Abschluß, und nun erklärte auch die russische Regierung sich 
bereit, nahm außerdem die AÄußerlichkeiten der Veranstaltung ebenso in die 
Hand wie vor der ersten Haager Konferenz. Im Frühjahr 1906 sandte die 
Petersburger Regierung den Entwurf eines Programmes für die abzu- 
haltende zweite Haager Konferenz an die Mächte. Dieses Programm er- 
streckte sich namentlich auf eine Anzahl von Problemen rechtlicher Natur, 
zumal des Seekrieges. Außerdem wies der russische Programmentwurf 
als Aufgabe für die Konferenz auf: Vervollkommnung der Bestimmungen, 
welche nach dem Beschlusse der ersten Konferenz zur Beilegung internatio- 
naler Streitfälle auf schiedogerichtlichem Wege dienen sollten. Als Neu- 
heit für das Programm der Konferenz kam die Absicht Großbritanniens 
hinzu, die Frage einer Einschränkung der Seerüstungen der Nächte auf 
der Konferenz zu behandeln. Oieses hatte die folgenden Gründe: In 
einem vorigen Kapitel wurde auf die militärische Bedeutung des Uber- 
ganges zu der sogenannten Oreadnoughtpolitik hingewiesen. Groß- 
britannien war damit vorangegangen und hatte damit ein ungewöhnlich 
hohes Maß an Kraftüberlegenheit seiner Flotte, den anderen Seemächten 
gegenüber, gewonnen. Der Name Oreadnought bedeutete in der Folge 
nicht nur den Namen für ein einziges Schiff, sondern wurde die Bezeich- 
nung für eine große Kategorie, ja für eine neue Epoche des Baues großer 
Kampfschiffe. Das militärisch und technisch Epochemachende an dem 
Typ lag vor allem in der Artilleriebestückung: während vorher die Be- 
stückung der englischen und der anderen Schlachtschiffe sich aus vier schweren 
Geschützen und einer Anzahl sogenannter halbschwerer, mittlerer und leich- 
ter Kaliber zusammensetzte, erhielt die Dreadnought zehn schwere Ge- 
schütze, also das Zweieinhalbfache des bisher üblichen Maßes, keine mitt- 
lere Artillerie und nur eine Anzahl ganz leichter Geschütze. Die Geschwin- 
digkeit des neuen Schiffes war ungewöhnlich hoch. Seine Größe, gemessen 
wie immer in den Kriegsflotten nach der Wasserverdrängung, übertraf 
infolge der gewaltigen Anforderungen der Artillerie und Geschwindigkeit 
an Raum und Gewicht die aller bieher gebauten Schlachtschiffe in Groß- 
britannien nicht unbeträchtlich, diejenigen anderer Marinen aber um ein 
sehr bedeutendes Maß. Abhnlich stand es mit den neuen sogenannten 
Dreadnoughtkreuzern (Schlachtkreuzern). Diese neuen Schiffsklassen ver- 
körperten durch ihre Artillerie und überlegene Geschwindigkeit die Vor- 
auesetzung zu jenem Programme des früheren Admiralitätsbeamten Mr. 
Lee: die britischen Kriegöschiffe müssen früher an der Küste des Gegners 
sein alo die Nachricht vom Beginn der Feindseligkeiten in den Zeitungen 
des gegnerischen Lande. Sie verkörperten das Prinzip des Angriffes, 
des überraschenden, vernichtenden „ersten Schlages“.
        <pb n="340" />
        298 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
Die übrigen Seemächte sahen sich, wie an anderer Stelle ausgeführt 
wurde, nicht in der Lage, ohne weiteres und sofort „Dreadnoughts“ zu 
bauen. So mag die britische Regierung tatsächlich eine Zeitlang geglaubt 
haben, England habe mit der „Dreadnought“ das „letzte Wort“ ge- 
sprochen: zur gewaltigen zahlenmäßigen Uberlegenheit der britischen 
Flotte an Vordreadnougbtschiffen kam nunmehr die enorme guali- 
tative Uberlegenheit dieser ganz neuen Klasse hinzu. Die Bertreter 
des liberalen Kabinettes in England glaubten deshalb den Augenblick 
gekommen, die Flottenlasten vermindern und gleichzeitig die neue große 
Uberlegenheit der britischen Flotte den anderen gegenüber voll und 
dauernd aufrechterhalten zu können. Diese Preisaufgabe wollte man 
auf dem Wege einer „internationalen Verständigung“ und Festlegung 
lösen. 
Zm Laufe des JZahres 1906 wurde in der britischen Presse und im 
Parlamente die Frage der Rüstungseinschränkungen lebhaft erörtert. 
Die Bertreter der Regierung, an der Spitze Campbell-Bannerman, 
sprachen sich mit Bestimmtheit und Eifer für eine solche Anregung aus. 
Ende Mai 1906 äußerte sich der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amte, 
Lord Fitzmaurice, im Oberhause: 
Er verkannte nicht die Schwierigkeit, „einen einheitlichen Maßstab 
für die Herabsetzung der Rüstungen zu erzielen und einen Gerichtshof zu 
finden, der zu entscheiden hätte, ob dieser einheitliche Grundsatz von allen 
in Betracht kommenden Mächten richtig angewendet werde"“. GEleichwohl. 
bielt die britische Regierung diese einheitliche Regelung für möglich und 
notwendig. Ihre Vertreter führten an, daß Großbritannien sein derzeitiges 
Jahresbauprogramm erheblich herabgesetzt und damit die Aufrichtigkeit 
seines Willens und Vorhabens bewiesen habe. Lord Fitzmaurice wies in 
seiner geschichtlich interessanten Rede auch auf deutsche Stimmen hin, 
die geäußert hätten, gerade Deutschland müsse wegen seiner geographischen 
Lage, seiner Nachbarn usw. hinsichtlich seiner Rüstungsbedürfnisse mit an- 
derem Maße gemessen werden als Großbritannien, besonders auch im 
Hinblick auf die geschichtliche Vergangenheit Deutschlands. Dazu sagte 
Lord Fitzmaurice: „Wir können, indem wir diese Schwierigkeiten aner- 
kennen und versuchen, die Lage der anderen Nationen zu verstehen, Ein- 
spruch erheben gegen jede weitere Bermehrung der Flottenrüstungen 
durch irgendeine europäische Macht unter dem irrtümlichen Eindrucke, daß 
wir versuchten, Borbereitungen zu einem großen Schlage zur See oder zu 
einem Angriffsakte zu treffen. Wir haben das Recht zu protestieren, weil 
von England kein Angriffsakt geplant wird, auch keine solche Handlung vom 
englischen Volke geduldet werden würde. Ich hege die Zuversicht, daß die 
heutige Verhandlung als eine Einladung an die anderen Länder auf-
        <pb n="341" />
        Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 299 
  
gefaßt werden möge: unserer Aufforderung zugunsten einer Herabsetzung 
der Rüstungen zu entsprechen!“ 
Oer britische Standpunkt war da klar zum Ausdrucke gekommen: 
Weil die britische Regierung Glauben bei den anderen Nationen für 
ihre Versicherung verlangte, sie werde niemanden angreifen, konnte sie 
nach ihrer Ansicht Protest dagegen erheben, daß andere Nationen — ge- 
meint war immer ODeutschland — ihre Seerüstungen mit der Begründung 
vermehrten, sich gegen die Möglichkeit eines britischen Angriffes zu sichern. 
— DOie Anspielung des Unterstaatssekretärs auf den „großen Schlag“ sollte 
eine Desavouierung des vormaligen Zivillords der Admiralität, Mr. Lee, 
bedeuten. Uberhaupt war die ganze Rede im Grunde nichts als eine Be- 
schwörung Deutschlands: von seinen Rüstungen abzulassen. Zum ersten 
Male wurde damals im Frühsommer 1906 jenes einzigartige Ansinnen an 
eine fremde unbesiegte Großmacht mit der ebenso einzigartigen Begrün- 
dung gestellt: ihre Seerüstungen einzuschränken, weil England nicht be- 
absichtige, sie anzugreifen! Die britische Flotte war ungefähr um das Orei- 
fache stärker als die deutsche. Man kannte aber das deutsche Bauprogramm 
und konnte ohne Prophetengabe berechnen, daß England von Jahr zu 
Zahr größere Opfer für die Flotte werde bringen müssen, wenn die deutsche 
Marine, die der Bereinigten Staaten, die Fapans und die Frankreichs ihre 
Rüstungen fortsetzten. Deshalb war es, von dem Standpunkte der bri- 
tischen Staatsmänner aus gesehen, am wünschenswertesten, den damaligen 
Stand der britischen AUberlegenheit zur See, in erster Linie der Nordsee- 
wacht Deutschland gegenüber, ohne größere, wenn möglich mit geringeren 
Flottenkosten aufrechtzuerhalten. Den Weg hierzu erblickte Mr. Camp- 
bell-Bannerman in einer internationalen Festlegung. 
In Deutschland war man sich wohl immer darüber klar gewesen, daß 
die deutsche Flottenbaupolitik nicht von freudiger Zustimmung Groß- 
britanniens begleitet werden würde. Diese deutsche Marinepolitik, ver- 
körpert durch das Flottengesetz von 1900, hatte sich das Ziel gesetzt, die deut- 
sche Flotte aus einer unbeachtlichen Größe zu einem Machtfaktor zu machen. 
Sie sollte so stark werden, daß auch die größte Seemacht einen Kampf mit 
ihr als ein bedenkliches Risiko anzusehen genötigt wäre. Die großbritan- 
nische Geschichte zeigt ausnahmstlos die gleiche Erscheinung, daß Großbritan- 
nien jede neu erstehende, auf gesunder Grundlage erwachsende Seemacht 
mit Arger und Unruhe und die entsprechende Marinepolitik des betreffenden 
Landes mit Mißtrauen und steigendem Hasse begleitet. Die deutsche Flotte 
war so klein, die großbritannische ihr um so viel überlegen, daß die britische 
Regierung und Presse einer tief angelegten und ebenso dauernd wie raffi- 
niert betriebenen Propaganda bedurfte, um den Durchschnitt der groß- 
britannischen Bevölkerung von der sinnlosen Behauptung zu überzeugen:
        <pb n="342" />
        300 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905—1908. 
  
das Oeutsche Reich baue seine Flotte, um Großbritannien anzugreifen. 
Diese Agitation, von der später noch zu reden sein wird, hat bei denen, die 
sie erfanden und betrieben, niemals auf aufrichtigem Glauben an solche 
deutschen Pläne beruht. Man wollte aber die eigene Bevölkerung und außer- 
dem die kleineren Staaten Europas daran glauben machen. Die Legende 
vom angriffslustigen Deutschland sollte auch nach dieser Seite hin auf- 
rechterhalten und ergänzt werden. Dabei war keinem Fachmann, keinem 
Politiker, ja keinem unparteiischen Beurteiler überhaupt auch nur einen 
Augenblick unklar, daß das Deutsche Reich niemals die mindeste Aussicht 
habe, auch bei stärkster Anspannung des Flottenbaues Großbritannien 
angreifen zu können. Ebenso klar lag anderseits auf der Hand, daß Deutsch- 
land mit der Lage seiner Häfen und Küsten, mit seinem großen Ubersee- 
handel und seinen Kolonien einem englischen Angriffe annähernd schutz- 
los gegenüberstand. 
Aus diesen Gründen und in Erinnerung ebensowohl an die Delcassé- 
schen Enthüllungen, wie an die entschlossen deutschgegnerische britische 
Politik der letzten Jahre erregte die englische Zumutung einer Einschrän- 
kung der Seerüstungen großes Befremden in Oeutschland. Schon die Zu- 
mutung der großbritannischen Regierung hatte etwas von einem Druck 
an sich, mochte noch so oft gerade dieser Charakter von der britischen Re- 
gierung in Abrede gestellt werden und mochte auch noch so oft Mr. Camp- 
bell-Bannerman bieder und wohlwollend erklären: Großbritannien 
wünsche lediglich Frieden und Freundschaft überall, Erleichterung der 
Rüstungslasten und auf diese Weise erhöhte Sicherung des Weltfriedens. 
In Deutschland erkannte man in weiten Kreisen der Bevölkerung, daß 
das englische Manöver nur darauf abzielte, die Ohnmacht der deutschen 
Flotte dauernd festzulegen, und in der internationalen Konferenz das ge- 
eignete Mittel zur Erreichung dieses Zweckes zu erblicken glaubte. Die 
englische Anregung einer Erörterung der Rüstungsfrage auf der Kon- 
ferenz ließ in Deutschland das Bild der Mächtegruppierung zu Algeciras 
erstehen und den begründeten Verdacht, Großbritannien wolle diese 
latent dauernd vorhandene Gruppierung benutzen, um das Deutsche Reich 
munmehr im Haag zu majorisieren, wie vorher zu Algeciras. Anderseits 
stand von vornherein fest und war naturgemäß auch zu London genau 
bekannt, daß das Oeutsche Reich sich in den Lebensfragen der Rüstung 
keinen internationalen Beschlüssen unterwerfen werde. Für diesen Fall 
der Ablehnung solcher Abrüstungsanträge, vielleicht überhaupt des Schei- 
terns der Konferenz würde das allgemeine Odium auf das Deutsche Reich 
und dessen Politik von Großbritannien und Genossen fallen. Man hätte 
gesagt, daß alle anderen Mächte bereit gewesen seien, dem Weltfrieden 
den Dienst einer Rüstungseinschränkung mindestens zur See zu leisten, —
        <pb n="343" />
        Die beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 301 
  
nur Deutschland nicht. Daraus gebe einwandfrei hervor, daß Deutsch- 
land kriegerische und angriffsweise Absichten mit seinen Rüstungen ver- 
folge — zumal es ja gar keiner Flotte bedürfe —, also der eigentliche 
Friedensbedroher Europas sei. Ein solches Odium zu vermeiden, mußte 
immerdhin versucht werden. 
Oie deutsche Volksmeinung war, kurz ausgedrückt, ungefähr die fol- 
gende: Nachdem eine Berbindung von Mächten erfolgreich versucht hat, 
unter Englands Führung ODeutschland diplomatisch und politisch zu über- 
wältigen, will jetzt dieselbe Mächtegruppe versuchen, uns das Rückgrat 
unserer Lebenskraft als Nation, nämlich die Wehrkraft, zu schwächen. Eine 
starke Beunruhigung ging durch das deutsche Volk, erhöht durch das Ge- 
samtbild der internationalen Lage, insbesondere die immer augenfälliger 
beginnende Verständigung zwischen Großbritannien und Rußland. 
Umgekehrt war man in Großbritannien sehr verdrießlich und ent- 
täuscht über das Ergebnis der Neuwahlen für den Deutschen Reichstag. 
Im Oezember 1906 war der Reichstag im Zeichen einer kolonialen Frage 
aufgelöst worden. In Großbritannien nicht nur, sondern auch in Frankreich 
und in anderen Staaten war die Auffassung verbreitet: die sozialdemo--- 
kratische Partei werde enorm vermehrt in den Reichstag einziehen und 
damit eine parlamentarische Mehrheit entstehen, welche sich erfolgreich 
weigern würde, die Ausgaben für Heer, Flotte und Kolonien in der bis- 
herigen Höhe, oder gar noch steigend, zu bewilligen. Man glaubte, es habe 
sich im deutschen Volke eine derartige Opposition hiergegen und gleich- 
zeitig ein solcher Widerspruch gegen die Tätigkeit des Deutschen Kaisers 
gebildet, daß, möglicherweise unter Trennung des deutschen Südens vom 
Norden, eine allgemeine Schwächung und Zersplitterung des Deutschen 
Reiches und Volkes eintreten werde. Oie großbritannischen Hoffnungen 
in dieser Hinsicht waren um so größer, weil man sich sagte, eine derartig 
negierende Mehrheit im Reichstage, welche ohnehin die Trägerin inter- 
nationalisierender und pazifistischer Elemente sei, würde mit besonderer 
Bereitwilligkeit auf Anregungen zur Rüstungseinschränkung zur See ein- 
gehen. — Die Wahlen von 1900/07 machten bekanntlich allen diesen Hoff- 
nungen ein Ende. Der neue Reichstag stand geschlossener und verständnis- 
voller denn je gerade in der Rüstungefrage da, zeigte außerdem im Ver- 
eine mit annähernd der gesamten Presse klares Berständnis für die Natur 
der neuen englischen Intrige. 
Mitte Fuli 1907 sollte die zweite Friedenskonferenz im Haag er- 
öffnet werden. Ende April nahm der Neichskanzler Gelegenheit, die 
Rüstungsfrage in dieser Berbindung vor dem Reichstage zu behandeln: 
Fürst Bülow führte aus, daß der Gedanke eines Stillstandes oder 
einer Verminderung der Rüstungen noch keine bestimmte Form im Pro-
        <pb n="344" />
        302 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
gramm für die Haager Konferenz gewonnen hätte. Auch ein bestimmter 
Borschlag sei noch nicht gemacht worden, nur hätten sich die britische Re- 
gierung, ferner die spanische und die der Bereinigten Staaten vorbehalten, 
diese Frage im Haag zur Erörterung zu bringen. Man sei sich schon auf der 
ersten Haager Konferenz darüber einig geworden, daß die Regierungen 
die Frage einer Einschränkung der Rüstungen zu prüfen hätten. Oessen- 
ungeachtet seien inzwischen greifbare Vorschläge nicht gemacht worden. 
„Solange aber nicht einmal eine sichere Hoffnung auf eine befriedigende 
Lösung dieser Frage und auf die Möglichkeit ihrer praktischen Durchfüh- 
rung besteht, vermag ich mir auch von einer Erörterung auf einer Kon- 
ferenz nichts zu versprechen. Es liegt im Gegenteil die Gefahr vor, daß 
durch die Berührung jener widerstreitenden Interessen eine zweckwidrige 
Wirkung einträte. ch kaum nicht bestreiten, daß schon die Aussicht auf eine 
Behandlung dieser Frage auf der Konferenz keine beruhigende Wirkung 
auf die internationale Lage ausgeübt hat.“ Der Reichskanzler erörterte 
die Frage: ob es nicht, „um kriegerischen Schein zu vermeiden“, richtiger 
gewesen sei, sich an der Diekussion im Haag wenigstens zu beteiligen; er 
glaube aber, daß man auf diese Weise keinen besseren Schutz gegen unge- 
rechte Verdächtigungen unserer Friedensliebe und keine aufrichtigere An- 
erkennung der deutschen Schutz- und Wehrbedürfnisse erreicht haben würde. 
„Dazu haben wir schon viel zu tendenziöse Berdächtigungen unserer fried- 
lichen Absichten erlebt.“ Es sei dem Kanzler richtiger, klüger und auch 
würdiger erschienen, offen zu sagen: „An einer, nach unserer Uberzeugung, 
wenn nicht bedenklichen, so doch unpraktischen Diskussion können wir ungs 
nicht beteiligen.“ 
Der Reichstag stimmte dem Standpunkte des Kanzlers einschließlich 
des äußersten Flügels der bürgerlichen Linken ungeteilt zu. Uberhaupt 
waren sich Regierung und Volksomeinung, abgesehen von der Sozial- 
demokratie, einig. Es handelte sich nicht um Flottenfanatismus, um Mili- 
tarismus und Chauvinismus, sondern um das bestimmte und drängende 
Gefühl: Deutschland müsse die großen Lücken seiner Wehrkraft unbeirrt 
und unbedingt ausfüllen. Man erblickte in jedem Eingehen auf den eng- 
lischen Borschlag eine nationale Capitis diminutio, das Aufgeben der na- 
tionalen Selbständigkeit und derjenigen Freiheit der Entschlüsse, welche 
das Kennzeichen einer unabhängigen, unbesiegten Großmacht bildet. Man 
täuschte sich nicht darüber, daß das britische Ansinnen das Ende des deut- 
schen Strebens nach Seegeltung und die Errichtung einer internationalen, 
britisch geleiteten Bevormundung der deutschen Rüstungspolitik bedeuten 
sollte. Man konnte sich trotz der bieder-versöhnlichen Sprechweise des bri- 
tischen Premierministers der Erkenntnis nicht entschlagen, daß die groß- 
britannische Politik der letzten Jahre in Europa und an allen Punkten der
        <pb n="345" />
        Oie beiden Konferenzen: Algeciras und Haag. 303 
  
Erde ihre Spitze gegen Deutschland richtete und daß König Eduard mit 
diesen seinen geschickten und ausdauernden Bestrebungen der Stimmung 
des weitüberwiegenden Teiles der großbritannischen Bevölkerung ent- 
sprach. Gewiß, in Deutschland waren sich verhältniomäßig nur enge Kreise 
über diese Tatsache wirklich klar, nur wenige erkannten das wirkliche Wesen 
des britisch-deutschen Gegensatzes und die eigentlichen Wurzeln des eng- 
lischen Hasses. Deshalb glaubte man meist an Mißverständnisse und bil- 
dete sich treuherzig, wie der Vogel Strauß, ein, man brauche nur die Ge- 
fahr nicht zu sehen, damit sie nicht vorhanden sei. In der Rüstungefrage 
und den Haager Anregungen Großbritanniens jedoch erblickte man auch 
in den versöhnungetrunkenen deutschen Kreisen den Versuch, den vom 
Reichstage bewilligten Flottenplan zu verstümmeln und ihm gewisser- 
maßen das Rückgrat zu brechen. 
Herr Campbell-Bannerman erklärte gekränkt — acht Tage nach der 
Bülowschen Rede —, er wisse wohl, daß England in den bösen Verdacht 
geraten sei, Deutschland durch Aufwerfen der Abrüstungefrage in Ver- 
legenheit bringen zu wollen. Oieser Verdacht sei aber ganz unbegründet. 
England habe nichts weiter versucht, alo was andere Regierungen in mari- 
tim weniger günstiger Position auch versucht hätten. Mit diesen Eides- 
helfern meinte der Premierminister Spanien und die Bereinigten Staaten. 
Daß für ein Land wie Spanien jede allgemeine Berringerung der See- 
rüstungen nur erwüncscht sein konnte, lag auf der Hand — denn Spanien 
besaß keine Flotte. Die Bereinigten Staaten von Amerika aber würden 
trotz ihrer beträchtlichen Flotte auf einer Konferenz sich immer vorteil- 
haft haben stellen können, unter Betonung ihrer riesigen Küstenaus- 
dehnung und ihrer Lage an zwei Ozeanen. Gerade die Küstenausdehnung 
und die Insularität der Lage hatte man englischerseits zur Grundlage der 
Rüstungsverständigungen machen wollen, um das kontinentale, nur eine 
geringe Küstenausdehnung aufweisende Deutsche Reich maritim beson- 
ders stark einschränken zu können. 
Die Haager Konferenz trat Mitte Juli 1907 zusammen, das Deutsche 
Reich wurde durch den früheren Staatssekretär des Auswärtigen Amtes 
und derzeitigen Botschafter in Konstantinopel, Freiherrn v. Marschall, 
vertreten. Den Vorsitz führte wie auf der ersten Konferenz der Vertreter 
Rußlands, dieses Mal der russische Botschafter zu Paris, Nelidow. Oie 
Weigerung des Deutschen Reiches, an einer Erörterung der Frage der 
Rüstungseinschränkung auf internationaler Grundlage teilzunehmen, hatte 
den Erfolg, eine solche Erörterung überhaupt zu vereiteln. Man fürchtete, daß 
sonst die Konferenz auseinandergebhen oder es zum offenen Streite kommen 
werde. Die Sache erledigte sich schließlich in der Form, daß der britische 
Vertreter Sir Edward Fry auf einer Plenarsitzung einen Bortrag über
        <pb n="346" />
        304 S. Abschnitt. Bor und nach Algeciras. 1903—1908. 
den Gegenstand hielt und der Konferenz eine Entschließung unterbreitete, 
die folgenden Wortlaut hatte: „Die zweite Friedenskonferenz bestätigt 
den auf der Konferenz von 1899 in Ansehung der Beschränkung der Mili- 
tärlasten angenommenen Beschluß und erklärt im Hinblick darauf, daß die 
Militärlasten seit jenem Jahre in fast allen Ländern erheblich gewachsen 
sind, es für höchst wünschenswert, daß die Regierungen das ernste Studium 
dieser Frage wieder aufnehmen.“ 
Die „Entschließung“ war, wie man sieht, inhaltlos und nur bestimmt, 
das Gesicht der britischen Regierung einigermaßen zu wahren. Eine Er- 
örterung in der Plenarsitzung oder in Teilsitzungen fand nicht statt. 
Die Friedenskonferenz gab dem Deutschen Reiche durch seinen Ver- 
treter Gelegenheit, in der Frage internationaler Schiedsgerichtobarkeit 
führend vorzugehen. Es handelte sich um die Frage, ob die 1899 verein- 
barten und inzwischen erprobten Schiedsgerichtsabkommen zwischen 
einzelnen Staaten erweitert werden sollten zu einem für alle Staaten 
verbindlichen Weltschiedsgerichtsvertrage. Bezeichnenderweise wurde ein 
dahingebender Vorschlag unter „Führung“ Portugals, „unterstützt“ von 
Großbritannien, den Bereinigten Staaten, Schweden und Serbien, der 
Konferenz vorgelegt. Oieser Weltschiedsgerichtsvertrag sollte Streitig- 
keiten begreifen, welche direkt diplomatisch nicht beigelegt werden konnten, 
auch die wesentlichen Interessen, die Unabhängigkeit der streitenden Par- 
teien und die Interessen dritter Mächte nicht berührten. 
Oer Bertreter des Deutschen Reiches, Freiherr v. Marschall, lehnte den 
Antrag ab, mit der allgemeinen Begründung, daß ein Autzen eines solchen. 
Weltvertrages durch die bisher bestehenden Schiedsabkommen zwischen je 
zwei Staaten praktisch nicht erwiesen sei. Die deutsche Ansicht wurde auch 
durch eine Reihe anderer Mächte geteilt und ein positives Ergebnis nicht er- 
zielt. Dagegen befürwortete der deutsche Vertreter zusammen mit den Ver- 
einigten Staaten die Errichtung eines ständigen Schiedshofes im Haag und 
bezeichnete eine solche sogar als die eigentlich hauptsächliche Aufgabe der 
Konferenz. Auch hier kam es zu keinem Ergebnisse, weil über die Besetzung 
der Richterstellen keine Ubereinstimmung erzielt werden konnte. Dagegen 
verhielt die Konferenz sich zustimmend zu einem amerikanischen Antrage, 
der sich gegen Gewaltanwendung bei Eintreibung von Schulden fremder 
Staaten durch Waffengewalt wendete. Dieser Antrag hatte ein Abkom- 
men zur Folge, welches nach dem Namen des argentinischen Ministers 
Drago später als Dragodoktrin bekannt geworden ist. Das sei in diesem 
Zusammenhange beiläufig erwähnt, weil jener Antrag gewissermaßen 
eine Folge der geschilderten deutsch-englischen Venezuela-Unternehmung 
bildete. Auf den Beschluß der Konferenz, einen ständigen internationalen 
Prisenhof im Haag zu errichten, wird später zurückzukommen sein.
        <pb n="347" />
        Das russisch-britische Ablommen und andere Abkommen. 305 
  
Die zweite Haager Konferenz bezeichnet in der skizzierten Haupt- 
frage einen Erfolg des Deutschen Reiches. Die Ablehnung der Besprechung 
des englischen Antrages über Rüstungseinschränkungen machte die eng- 
lischen Absichten zunichte. Es hat damals auch deutsche Staatsmänner ge- 
geben, welche meinten, es sei richtiger gewesen, wenn Deutschland sich 
ruhig auf eine internationale Besprechung über Rüstungseinschrän- 
kung eingelassen hätte; richtiger als eine Ablehnung von vornherein, welche 
die deutsche Politik mit dem Odium: im „Wettrüsten“ zu führen und letzten 
Endes einen Krieg zu wollen, belasten würde. Der Erfolg hat der Politik 
des Fürsten Bülow recht gegeben. Das „Odium“ hat dem Oeutschen Reiche 
nicht geschadet, vielmehr damals sein Ansehen gehoben, während eine Be- 
sprechung der Rüstungseinschränkungsfragen das Deutsche Reich leicht 
in eine ähnliche Lage wie bei Algeciras hätte bringen können. 
Diese und sich daraus noch ergebende Möglichkeiten beurteilte Fürst 
Bülow durchaus richtig. Er wußte ebenfalls, daß Großbritannien das Manö- 
ver nur gemacht hatte, um das Oeutsche Reich tunlichst in eine Zwangs- 
lage zu bringen. Will man aber auch von einer solchen Absicht absehen, 
so war das Bestreben großbritannischer Friedensfreunde für Oeutschland 
immer gefährlich, denn Deutschland mußte erstarken, um leben zu können, 
während seine Nebenbuhler und Gegner das Gegenteil wünschten. Jede 
internationale Konferenz wurde von selbst ein konzentrischer Angriff bei- 
nahbe aller Mächte auf das Deutsche Reich und seine Bestrebungen. Oieses 
„Leitmotiv“ trat während der Konferenz auch in anderen Fragen ver- 
schiedentlich hervor, besonders auch hinsichtlich der Berwendung von Kriegs- 
waffen, welche anderen Mächten, zumal Großbritannien, unerwünscht 
erschienen; so die Berwendung von unterseeischen Minen usw. Die 
deutsche Politik und ihre VBertretung im Haag hat geschickt und energisch 
verstanden, alles abzuwenden und zu vereiteln, was dem Deutschen Reiche 
in Frieden und Krieg schädlich hätte werden können. Zn allen tatsächlich 
wichtigsten Programmpunkten hat damals die deutsche Regierung ihren 
Willen durchgesetzt, vielfach gegen starke Opposition. Es zeigte sich im 
Haag wie stets im Leben der Menschen und der Nationen, daß fester ein- 
heitlicher Wille den Erfolg in sich trägt. 
Das russisch-britische Abkommen und andere Abkommen. 
Wir haben gesehen, wie das Deutsche Reich während des Russisch- 
Japanischen Krieges dem russischen Nachbarn gegenüber eine Haltung be- 
obachtete, deren Freundschaftlichkeit und Ehrlichkeit nicht übertroffen werden 
konnte. Das nach dem Kriege erschienene russische Generalstabswerk hebt 
nicht nur diese Tatsache hervor, sondern legt auch offen dar, daß man sich 
Graf Reventlow, Oeutschlande auewärtige Polltik. 20
        <pb n="348" />
        306 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
in Petersburg einer solchen Haltung seitens des Deutschen Reiches vor- 
her nicht versehen gehabt hatte. Rußland erhielt auf diese Weise an seinen 
europäischen Grenzen nicht nur unbedingte Sicherheit, sondern Rücken- 
deckung, es konnte auch wegen der Balkanhalbinsel und des Orients be- 
ruhigt sein. Osterreich-Ungarn und das Deutsche Reich hätten die russische 
Notlage gerade hier leicht und gründlich ausnutzen können. 
Welches die Richtung und die Ziele der Politik des Deutschen Reiches 
damals gewesen seien, ist mit vollständiger Klarheit und Sicherheit noch 
nicht öffentlich bekannt. Eine tätige Politik hatte zwei Wege, als der 
Russisch- Zapanische Krieg ausbrach und während er seinen bekannten 
Verlauf nahm. Das Oeutsche Reich konnte die Gelegenheit benutzen, um 
sich zum Herrn des festländischen Europa zu machen. Es konnte Rußland 
zwingen, eine Verbesserung der deutsch-russischen Grenzen zuzugeben, e#s 
konnte die Gelegenheit benutzen, um seine Stellung auf der Balkanhalb-- 
insel und dem Orient im Verein mit Österreich-Ungarn auszubauen, es 
konnte schließlich die militärische russische Ohnmacht benutzen, um mit 
Frankreich ein für allemal abzurechnen. 
Im Februar 1904 begann der Russisch-Japanische Krieg und endete 
im Herbst 1905. Während dieser Zeit bildete sich das feste intime fran- 
zösisch-britische Einvernehmen militärisch und politisch aus. Formell wurde 
die sogenannte Entente Cordiale im April 1904 geschlossen, während ihre 
Schließung bereits im Herbst 1903 feststand. Aicht nur die Marokkofrage 
war damit auf die Tagesordnung gebracht worden, sondern durch die 
Zusammenschließung der beiden Westmächte war eine völlig neue Macht- 
gruppierung in Europa entstanden. Man konnte nicht bezweifeln, daß 
diese Gruppierung sich gegen das Deutsche Reich richten sollte und richtete. 
Wie gezeigt worden ist, war Frankreich in den Jahren 1904/65 militärisch 
nicht bereit und ohne die Möglichkeit, sich schnell in den Zustand genügen- 
der Stärke und Bereitschaft zu setzen. Das Oeutsche Reich befand sich 
unter dem Gesichtspunkte der Machtfrage damals in einer ungemein 
günstigen Lage, zumal an englische Truppenhilfe für Frankreich auf dem 
Festlande gar nicht zu denken war; die Expeditionsarmee, welche 1914 in 
Stärke von 160 000 Mann in Tätigkeit trat, ist erst seit dem Jahre 1906 
orgen siert worden. Eine entschlossene und weitblickende deutsche Politik 
bätte mithin im Sinne des Begriffes eine endgültige Abrechnung mit 
Frankreich vornehmen können, ohne jede Sorge binsichtlich Rußlands und 
ohne den Zweifrontenkrieg führen zu müssen. Der Deutsche Reichskanzler 
Fürst Bülow hat diesen Weg nicht eingeschlagen. In der Besprechung der 
Marokkokrisis ist gezeigt worden, daß die Politik des Deutschen Reiches in 
jenen Jahren eine solche unbedingter Erhaltung des Friedens war, und 
zwar unter unbedingter Vermeidung eines Aufrollens der Machtfrage in
        <pb n="349" />
        Ha russisch-britische Abkommen und andere Abkommen. 307 
irgendwelcher Hinsicht. Man hoffte und glaubte, durch fortwährendes Be- 
weisen deutscher Uneigennützigkeit und Friedsamkeit die freundliche Ge- 
sinnung der anderen europäischen Mächte erwerben zu können. 
Untätig ist die Politik des Deutschen Reiches in jener Zeit gleichwohl 
nicht gewesen. Ihr Ziel war, ein enges Einvernehmen und in weiterer 
Folge ein Bündnis mit dem Russischen Reiche zustande zu bringen und dann 
Frankreich durch die zwingende Macht ein er solchen politischen Lage dem 
Bunde anzugliedern. Im Herbst des Jahres 1917 hat die sozialrevolutio- 
näre russische Regierung einen Depeschenwechsel zwischen dem Deutschen 
Reiche und dem damaligen Zaren veröffentlicht, dessen Inhalt die deutsche 
Politik jener Zeit ziemlich klar, wenn auch nicht annähernd vollständig 
beleuchtet. Es ist aber nur ein Oepeschenwechsel zwischen den beiden 
Monarchen, dessen sozusagen politischer Gipfelpunkt die Mitteilung ent- 
hält, daß der Entwurf eines deutsch-russischen Bündnisses vom Zaren ge- 
nehmigt worden sei. Ob und was für Verhandlungen zwischen den 
leitenden Staatsmännern der beiden Mächte gepflogen worden seien, 
ist aus jenen Beröffentlichungen nicht ersichtlich. Mit einem endgültigen 
Urteile über diese Versuche und vor allem auch über ihr Scheitern wird 
man mithin warten müssen. Auf alle Fälle hat die deutsche Politik jener 
Zeit versucht, den Gedanken eines großen Festlandbündnisses zu verwirk- 
lichen und ist daran gescheitert. In welchem Zusammenhange die deutsche 
Marokkopolitik des Jahres 1905 mit dieser russischen Bündniepolitik ge- 
standen hat, ist noch nicht ersichtich. Die Erörterung dieser bedeutenden 
und interessanten Frage muß einer späteren Auflage vorbehalten bleiben, 
wird außerdem in der Vorgeschichte des Krieges eingehendere Berück- 
sichtigung finden. In dieser und der vorliegenden Untersuchung kann nur 
festgesteilt werden, daß die deutsche Politik ihr Ziel nicht erreichte, sonderm. 
das Gegenteil von dem, was sie angestrebt hatte, eintrat. In Groß- 
britannien hatte man, wie in einem vorherigen Abschnitte gezeigt worden 
ist, die Anzeichen einer beginnenden deutsch-russischen Annäherung mit 
ebensoviel Mißtrauen wie Beunruhigung verfolgt. Oie britischen Staates- 
männer begnügten sich aber nicht mit solchen Gefühlen, sondern gingen, 
unterstützt von der französischen Diplomatie, mit aller Energie und Geschick- 
lichkeit daran, für Großbritannien das zu erreichen, was das Oeutsche 
Reich für sich erstrebt hat. 
In vorbergehenden Abschnitten ist dargelegt worden, wie der Reichs- 
kanzler Fürst Hohenlohe und sein Nachfolger stetig und emsig bemüht ge- 
wesen waren, die unter Caprivi erfolgte Entfremdung zwischen dem Deut- 
schen Reiche und Rußland wieder zu beseitigen. Eingetreten war jene Ent- 
fremdung durch die schroffe Wendung des deutschen Kurses unter Caprivi 
nach Großbritannien hin; bezeichnet durch den Anfangeakt: die Nicht- 
20“
        <pb n="350" />
        308 5. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
erneuerung des Bismarckschen Rückversicherungsvertrages. In Ostasien 
fanden sich die deutsche und die russische Politik wieder zueinander und 
arbeiteten seit dem Ende des Japanisch-Chinesischen Krieges dort bald in 
ausgesprochenem, bald in unauspesprochenem Gegensatze zur britischen 
Politik, außerdem zur japanischen und um den Preis des Verlustes japani- 
scher Freundschaft und japanischen Bertrauens. In London hoffte man 
damals und Jahre nachher noch, Deutschland gerade für die ostasiatischen 
Fragen auf die britische Seite hinüberzuziehen, um für Großbritanniens 
Ostasienziele einen Helfer auf dem europäischen Festlande zu gewinnen, 
außerdem aus Gründen der allgemeinen Politik einen russisch-deutschen 
Gegensatz wieder zu erzeugen. Geschildert wurde, wie diese großbritannischen 
Bemühungen an dem konsequenten Bestreben des Fürsten Bülow schei- 
terten, einerseits Großbritannien gegenüber volitisch unabhängig zu blei- 
ben, ferner jeden Gegensatz zu Rußland zu vermeiden. Die russische Ex- 
pansionspolitik im fernen Osten und der damit sich immer mehr verschär- 
fende britisch-russische Gegensatz zwang den Fürsten Bülow, sich in der 
Mandschureifrage klar zu äußern und Stellung zu nehmen. Das war 
auch die Entscheidung über die Gestaltung der großbritannisch-deutschen 
Beziehungen. Die Entente Cordiale mit Frankreich wurde nach kurzer 
aktiver Borbereitung mit außerordentlicher Schnelligkeit zur Tatsache. Zu- 
gleich aber setzte in der englischen Politik und Presse eine Bewegung ein, 
die, von kaltem Hasse gegen Deutschland getragen, auf eine Annäherung an 
Rußland hinarbeitete. Das binderte die amtliche Politik Großbritanniens. 
freilich nicht, die Konsequenz aus dem Bündnisse mit Zapan zu ziehen 
und ziehben zu lassen: den Ausbruch des Russisch- Fapanischen Krieges im 
Februar 1904. Als anderthalb Jahre später, im Herbst 1905, der Russisch- 
Japanische Krieg entschieden und zu Ende war, befand sich auch schon die. 
russisch-britische Annäherung in vollem Gange. In Berlin freilich glaubte 
man damals noch nicht daran, ja, bielt die Annäherung für ausgeschlossen. 
Man meinte: eine Entente zwischen England und Rußland entbehre der 
notwendigen positiven Grundlagen, stehe außerdem im Widerspruche zu 
dem erweiterten britisch-japanischen Bündnisse — wir haben dieses oben- 
erörtert — und entspreche schließlich nicht der damaligen russischen 
Politik. Außerdem hat man damals deutscherseits allem Anscheine nach 
im Vertrauen gelebt: die deutsche Haltung während des Russisch-Japanischen 
Krieges habe ein festes Band gegenseitigen Bertrauens und zuverlässiger 
Freundschaft, etwa im Sinne der alten preußisch-russischen Beziehungen 
geschaffen. Im Sommer 1905 kam Kaiser Wilhelm mit dem Zaren zu- 
sammen, und die Unruhe der britischen Presse zeigte — damals vor der 
Algeciraskonferenz —, wie unerwünccht ein wirkliches russisch-deutsches 
Einvernehmen gewesen sein würde. Schon im Herbst 1905 aber schreibt.
        <pb n="351" />
        Das russisch-britische Abkommen und andere Abkommen. 309 
  
der Berliner Gesandte Belgiens seiner Regierung: „Der Ton, auf den der 
Pressefeldzug in England im allgemeinen gestimmt ist, läßt erkennen, daß 
die Annäherung an Rußland nicht zum Zwecke einer Entspannung ge- 
wünscht wird, sondern aus deutschfeindlichen Beweggründen. Leider dürfte 
auch der König von England diese Ansicht teilen.“ — Es ist seit Fahren in 
Deutschland eine allgemein bekannte Wahrheit, daß diese Charakteristik der 
englischen Politik den Tatsachen entsprach. In Deutschland glaubte man 
damals nicht daran und wiegte sich in der Hoffnung auf eine Belohnung 
seiner guten Dienste während des Krieges und auf deutsch-russische In- 
teressengemeinschaft. Algeciras machte dann auch die deutsche Offentlichkeit 
zweifelhaft, und ein Jahr später, am 30. April 1907, sprach Fürst Bülow 
schon öffentlich im Reichstage über die russisch-englischen Berhandlungen 
und sagte: man sähe ihrem Abschlusse, „gestützt auf Zusicherungen, die uns 
von beiden Seiten spontan gegeben worden sind, ohne Unruhe entgegen“. 
Er, der Reichskanzler, nähme die Annäherung ale das, was sie sei, nämlich 
als den Versuch, auf einem uns ziemlich fernliegenden Gebiete alte Streit- 
fragen zu begleichen. „Ich nehme hier aber auch als die Bekräftigung eine 
Ansicht, . nämlich, daß wir den Gegensatz zwischen Walfisch und Elefanten 
nicht als unveränderlichen Faktor in unsere politische Rechnung einstellen 
können. Es gibt überhaupt keinen Gegensatz zwischen zwei Mächten, den 
Oeutschland dauernd als eine Gelegenheit für sich und als eine Ungelegen- 
heit für andere ausnutzen könnte Von Feindschaften anderer unter- 
einander können wir überhaupt nicht leben.“ 
Kurz vorher war ein russisches Geschwader zum Besuche in Ports- 
mouth gewesen und dort mit einem Gepränge und demonstrativem En- 
thusiasmus empfangen worden, wie es nur bei politisch sehr bedeutungs- 
vollen Besuchen solcher Art zu geschehen pflegt. Bekanntlich ist die Bedeu- 
tung solcher Besuche überaus verschieden und, jedenfalls, was den deutsch- 
englischen Geschwaderverkehr anlangt, gleich Null gewesen. — König 
Eduard ließ russische Offiziere und Mannschaften nach London einladen und 
dort feiern, und die britische Presse erklärte: die notwendige Folge der 
englisch-französischen Entente Cordiale sei eine englisch-russische Annähe--- 
rung. Am 31. August 1907 wurde das englisch-russische Abkommen zu 
Peteroburg unterzeichnet. Sein Inhalt war kurz der folgende: 
"Die beiden Mächte wollen jeden Anlaß zu Mißverständnissen in bezug 
auf Fragen beseitigen, die ihre Interessen auf dem asiatischen Festlande be- 
rühren. Sie verpflichten sich, die Unabhängigkeit und die Integrität Per- 
siens zu achten und die Ruhe dort zu erhalten, ebenso wie die Handels-- 
freiheit. Auch verpflichten sie sich, keine politischen oder wirtschaftlichem 
Konzessionen in gewissen Teilen Persiens nachzusuchen. Persien wird in 
drei Zonen eingeteilt. Die nördliche Zone bildet das russische Interessen-
        <pb n="352" />
        310 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905—1908. 
  
gebiet, Mittelpersien ist die neutrale Zone, Südpersien die britische. Ruß- 
land anerkennt die Sonderstellung Großbritanniens im Persischen Golfe. 
Hinsichtlich Afghanistans deeinteressiert sich Rußland, während England 
erklärt, den politischen Zustand A#fghanistans nicht ändern zu wollen, 
Herrscher und Volk nicht gegen Rußland zu hetzen, keinen Teil von Afgba- 
nistan zu besetzen und sich nicht in dessen innere Angelegenheiten zu mischen. 
— Auch über Tibet einigte man sich. 
Oie Einzelheiten dieses Abkommens sind im Rahmen der großen Zu- 
sammenhänge minder wichtig, obgleich nicht unerwähnt bleiben darf, daß 
durch die Einteilung Persiens in die drei Zonen, wie übrigens immer in 
solchen Fällen, die feierlich betonte Unabhängigkeit des Landes und die 
„Handelsfreiheit ohne Ungleichheit“ eo ipso beseitigt wurden. Für die Aus- 
sichten des deutschen Handele in Persien war dieses ein vernichtender Schlag. 
Die Anerkennung der „britischen Sonderstellung im Persischen Golfe“ 
gab der großbritannischen Politik die Zustimmung der russischen, sich am 
Persischen Golfe frei gegen die deutschen Bagdadbahnpläne zu betätigen; 
darauf wird noch zurückzukommen sein. 
Oie englisch-russischen Reibungen an ihren geographischen und Ein- 
flußgrenzen in Persien und in Mittelasien bestanden seit Jahrzehnten, 
man braucht nur den Namen Afghanistan zu nennen. Mehr als einmal 
waren diese Reibungen und Drohungen zu akuter Kriegsgefahr geworden, 
herbeigeführt — abgesehen von Nebenerscheinungen — durch die russische 
Tendenz, mittels Bahnbauten und Militärposten immer weiter in der Rich- 
tung auf Indien vorzudrängen. Die Bedrohung Indiens hatte bis zum 
Russisch-Zapanischen Kriege von Zeit zu Zeit immer wieder einen Gegen- 
stand ernster Unruhe in London gebildet. Man erblickte tatsächlich eine 
russische Gefahr für den indischen Besitz. In Persien hatte das russische 
Vordringen von Norden her die Reibungen mit Großbritannien besonders 
verbittert und zu einer ernsten Gefahrenquelle gemacht, kurz, die ganze 
gewaltige Zone vom Persischen Golfe bis Mittelasien einschließlich war 
für Großbritannien ein Gebiet der Beunruhigung und damit der Schwä- 
chung gewesen. 
Ourch den unglücklichen Krieg mit Japan war die russische Ausdeh- 
nungskraft und damit der Wille, sie auszuüben, gelähmt, beinahe erloschen. 
Zu den Niederlagen kam die Nevolution im Innern. Oie politischen 
Verhältnisse im Zarenreiche hatten im Laufe des Krieges begonnen, sich 
unter heftigen Krisen umzubilden. Die Schwächung Rußlands durch diese 
gleichzeitig äußere und innere Beanspruchung war schon während dem 
letzten LKeile des Krieges so groß und wurde von den britischen Staats- 
männern so klar erkannt, daß sie in den Friedensverhandlungen zu Ports- 
mouth zusammen mit den Vereinigten Staaten eine weitere finanzielle
        <pb n="353" />
        Oas russisch-britische Abkommen und andere Abkommen. 311 
  
Schwächung Rußlands durch Zahlung einer Kriegsentschädigung an Ja- 
pan erfolgreich verhinderten: Rußland sollte nicht zu schwach, Zapan nicht 
zu stark werden. Die russische Regierung empfand diesen Dienst der beiden 
angelsächsischen Mächte naturgemäß mit großer Genugtuung. 
Oie Erweiterung des britisch-japanischen Bündnisses (oben besprochen) 
sicherte für Großbritannien im Vereine mit Japan den Status quo in ganz 
Ostasien und enthielt gegen Rußland nichts Feindseliges unter der nun- 
mehr begründeten Voraussetzung, daß Rußlands Ziele im fernen Osten 
für absehbare Zeit defensiver Natur blieben. 
König Eduard und seine Berater, welche alle von vornherein nicht 
nur politisch, sondern auch persönlich einem freundlichen Berhältnisse zu 
Rußland alle Sympathie entgegenbrachten — König Eduard hatte sich 
als Prinz von Wales schon seit vielen Jahren angelegen sein lassen, seine 
Beziehungen zum russischen Hofe teils direkt, teilö über Kopenhagen intim 
zu halten —, sahen den Augenblick gekommen. Die russische Gefahr für 
England war durch die Schlachten in der Mandschurei und durch die See- 
schlacht bei Tsuschima zum Berschwinden gebracht worden, nun hieß es 
für die großbritannische Realpolitik: den geschlagenen Gegner durch Ent- 
gegenkommen und Freundschaft sich verbinden. Ein mächtiger und wirk- 
samer Helfer zu diesem Ziele war schon seit Jahren die französische Politik 
und Diplomatie gewesen. Frankreichs Interesse, ein intimes Berhältnis 
zwischen dem neuen Freunde, Großbritannien, und Rußland, dem alten 
Verbündeten, herzustellen, lag auf der Hand. Einmal war für die fran- 
zösische Politik die bisherige Stellung zwischen dem verbündeten Ruß- 
land und dem befreundeten Großbritannien, welche in scharfem poli- 
tischen Gegensatze zueinander standen, schwierig und peinlich, bisweilen 
eine politisch diplomatische Zwickmühle gewesen. Frankreich hatte zwischen 
Bündnispflichten und Ententepflichten, zmischen dem Wunsche, das eine 
Berhältnis intimer zu machen, das andere nicht erkalten zu lassen, einen 
Eiertanz bewerkstelligen müssen, den auf die Dauer erfolgreich durchzu- 
führen, ausgeschlossen war. Zu dieser Erwägung kam die zweite: für Frank- 
reichs Festlandsstellung, für seine gesamte Politik zu Wasser und zu Lande, 
vor allem für seine Revancheziele bedeutete es einen unermeßlichen Vor- 
teil, wenn der alte britisch-russische Gegensatz verschwand oder zum min- 
desten dauerhaft überbrückt wurde. Hier traf sich das französische Ziel mit 
dem großbritannischen. Dieses Ziel war seit 1903 die Zsolierung Deutsch-- 
lands. Zede Maßnahme, jede Unterlassung der Politik König Eduards 
und seiner Regierung wurde unter diesem Gesichtspunkte gesehen, be- 
urteilt und verwirklicht. Er beherrschte in der Tat die Politik Großbritan- 
niens seit dem Jahre 1903. Daraus ergab sich ohne weiteres, daß die 
Leiter der großbritannischen Politik, ehe noch der ostasiatische Krieg zu
        <pb n="354" />
        312 3. Abschnitt. Bor und nach Algecira6. 1903—1908. 
  
Ende war, alles taten, um zu verhindern, daß eine engere deutsch-russische 
Annäherung einträte. Deutsche Staatsmänner haben sich begreiflicherweise 
über jene Pläne und Hoffnungen später niemals ausgelassen, denn die 
Pläne und Hoffnungen waren eben gescheitert. 
Ein deutsch-russischer Zweibund, vielleicht nach L#lrt der früheren Rück- 
versicherung, folglich unbeschadet des Dreibundes, brauchte nicht nur in 
Europa nichts zu scheuen, sondern wäre eine beherrschende Macht geworden. 
Das Problem für die deutsche Politik und Diplomatie würde darin gelegen 
haben, im Orient die Möglichkeit eines deutsch-russisch-österreichisch-ungari- 
schen Zusammengehens zu schaffen.. Has were sicher schwer gewesen, 
aber angesichts der damaligen Ungeklärtheit der Verhältnisse konnte man 
sich berechtigt halten, die Lösung des Problems jedenfalls für eine gewisse 
Reihe von Zahren als möglich zu betrachten und zu behandeln. Oie deutsche 
Politik scheint geglaubt zu haben, diese Dinge würden sich mit einer gewissen 
Folgerichtigkeit von selbst entwickeln, und wird weitere Gründe für ihre Zu- 
versicht aus dem Glauben abgeleitet haben, Rußland sei nicht mehr gefährlich 
wie früher, deswegen bestehe auch nicht mehr die Gefahr, daß ein enges Zu- 
sammengehen die Unabhängigkeit der deutschen Politik und damit des Deut- 
schen Reiches in Frage stelle. Um so größer werde Rußlands Nutzen, um 
so nützlicher würde ein solches Zusammengehen für das Deutsche Reich sein. 
Zn der Tat konnten auch nüchterne Beurteiler sich gegen Ende des 
Russisch--Zapanischen Krieges dem Eindrucke kaum entziehen, daß die durch 
den Krieg geschaffenen Verhältnisse für eine geschickt und entschlossen arbei- 
tende, dabei sich ihres Zieles bewußte deutsche Politik reiche Aussichten 
boten, um die Stellung des Deutschen Reiches in Europa zu sichern und zu 
vergrößern. Oesto tiefer war in Deutschland die Enttäuschung, zunächst 
über die Haltung der russischen Regierung und ihrer Bertreter zu Algeciras 
und dann über die immer offensichtlicher werdende britisch-russische An- 
näherung, welche durch die angeführten Worte des Fürsten Bülow am 
50. April 1907 eine trübe Bestätigung erhielten. Die durch den britisch- 
russischen Zusammenschluß geschaffene europäische Lage bedeutete den 
Beginn einer neuen Epoche der europäischen Geschichte: den Zusammen- 
schluß Großbritanniens mit den beiden europäischen Festlandmächten 
gegen das Deutsche Reich, zum Zwecke, das Deutsche Reich zu isolieren, 
und aus der Tatsache dieser Isolierung von Fall zu Fall die politischen 
und, wenn nötig, auch die kriegerischen Konsequenzen zu ziehen. Als Fürst 
Bülow im November 1907 noch einmal auf die englisch-russischen Ab- 
machungen zurückkam, sagte er zum Schlusse seiner Ausführungen: „Ich 
glaube, die Rolle des ruhigen Beobachters ist derjenigen des Propheten 
vorzuziehen.. Ich denke, wir sind alle der Ansicht, die beste Politik bleibt: 
auf dem Posten zu sein, wachsam zu sein und furchtlos.“ In diesen Worten
        <pb n="355" />
        Das russisch-britische Abkommen und andere Abkommen. 313 
  
lag das resignierte Bekenntnis, daß man der politischen Entwicklung, die 
unter Englands Führung seit vier Zahren eingeleitet worden war, um 
Deutschland zu isolieren, machtlos gegenüberstand. Der ungeheure Um- 
schwung nicht nur der Stellung des Deutschen Reiches in Europa, son- 
dern auch der Geltung der deutschen Diplomatie seit den Tagen des Bis- 
marckschen Rückversicherungsvertrages konnte nicht deutlicher beleuchtet 
werden als durch solche Worte des Fürsten Bülow. Es ist müßig zu fragen 
und zu untersuchen, ob die Politik des Deutschen Reiches damals über 
Mittel verfügt hätte, um die Bereinigung Rußlands und Großbritanniens 
zu hindern. Tatsache bleibt, daß solche Mittel der deutschen Politik sub- 
jektiv nicht zur Berfügung standen und sie sich deshalb nach den Worten 
des Fürsten Bülow auf die vieldeutige Rolle angewiesen sah: „auf dem 
Posten zu sein, wachsam zu sein und furchtlos“. 
Es war nur natürlich und selbstverständlich, daß, nachdem das Unglück 
geschehen war, der leitende deutsche Staatsmann und die einschlägige 
Presse die Veränderung der Lage nach außen hin gleichgültig nahmen. 
Man konnte auch nicht vom Fürsten Bülow verlangen, daß er vor den 
Reichstag träte und dort etwa sagte: man habe das Mögliche getan, um 
den Lauf der Oinge zu bindern, aber leider ohne Erfolg. Vielleicht sind 
auch manche Vorwürfe, die damals in der deutschen Offentlichkeit gerade 
dem Fürsten Bülow gemacht worden sind, unbegründet gewesen, und auf 
alle Fälle kann nicht bestritten werden, daß die Lage des Oeutschen Reiches 
politisch in der Tat eine schwierige war. Oiese wachsende Schwierigkeit 
lag aber, das muß immer wieder hervorgehoben werden, nicht zum wenig- 
sten in der durch Algeciras gefestigten Uberzeugung der anderen Mächte: 
das Deutsche Reich werde unter keinen Umständen Krieg führen und bei 
jeder Streitfrage alles vermeiden, sie zu einer ausgesprochenen Frage natio- 
naler Ehre zu machen. Die in der Wurzel fehlerhafte deutsche Marokko- 
politik und ihr Ausgang zu Algeciras hatte den gegnerischen Mächten jene 
Uberzeugung gegeben, und darunter litten nicht nur die deutschen Be- 
strebungen in politischer und in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern die Ring- 
bildung der europäischen MNächte gegen das Oeutsche Reich wurde damit 
begünstigt. In Frankreich entstand die Redewendung: das ODeutsche NReich 
könne wohl bellen aber nicht beißen, man brauche nur fest aufzutreten, 
Ernst und Entschlossenheit zu zeigen, um alles von Oeutschland zu er- 
reichen, was man wolle. Der politische Pessimiömus, welcher in jenen 
ZJahren sich mehr und mehr der deutschen Bevölkerung bemächtigte, war 
mithin nicht ohne zureichenden Grund. Das Vertrauen auf die mili- 
tärische Stärke des Deutschen Reiches gewährte gerade dafür keinen 
Trost, daß es der deutschen Politik unmöglich war, die antideutsche Ring- 
bildung zu verhindern. Man fragte sich außerdem, wie es denn nur mög-
        <pb n="356" />
        314 3. Abschnitt. Bor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
lich gewesen sei, daß Rußland sich, anstatt mit dem bewährten Freunde 
Deutschland zusammenzuhalten, dem traditionellen Gegner aller ruf- 
sischen Bestrebungen angeschlossen habe. 
Großbritannien hatte, ohne einen Mann und ohne ein Schiff zu ris- 
kieren, einen Krieg gegen Rußland gewonnen. Japan hatte ihn ausge- 
fochten. Der Krieg war im russischen Bolke von Anfang bis zu Ende nicht 
populär gewesen, und daher kam es, zum Teil wenigstens, daß eigentlich 
nicht, wie es sonst zu erwarten gewesen wäre, tiefe Erbitterung in Ruß- 
land gegen Großbritannien vorhanden war. Za selbst gegen Japan be- 
stand eine solche Erbitterung nach dem Kriege nur in sehr kleinen russischen 
Kreisen. Mit der Expansionspolitik im fernen Osten war es für Rußland 
vorläufig zu Ende. Zn eben diesen Expansionsbestrebungen hatten in erster 
Linie die Gegensätze zu Großbritannien sich begründet. Nun kam die groß- 
britannische Politik, machte Rußland durch das Abkommen von 1907 große 
Zugeständnisse in Mittelasien, hauptsächlich aber in Bersien und — was 
freilich nicht im Abkommen geschrieben stand — bot dem Russischen Reiche 
eine gemeinsame Balkan- und Orientpolitik an. Was die asiatischen Grenz- 
abkommen anlangte, so konnte es den Leitern des Russischen Reiches da- 
mals nur erwünscht sein, daß jene Reibungoflächen mit Großbritannien 
bis auf weiteres verschwänden. Das Abkommen über Persien endlich be- 
deutete einen sehr erheblichen Verzicht Großbritanniens zu Rußlands 
Gunsten, denn man überließ das vorher scharf umstrittene dicht bevölkerte 
und städtereiche Nordpersien an Rußland und befreite Rußland damit 
gleichzeitig von wirtschaftlichem Wettbewerbe dritter Mächte eben in Nord- 
persien. Das Abkommen war mithin für Rußland nicht nur im allge- 
meinen vorteilhaft, sondern bot sofortige greifbare und abschätzbare Vor- 
teile. Das ließ sich nicht bestreiten. GSenau umgekehrt war es auf der groß- 
britannischen Seite: als man im Unterhause Sir Edward Grey gegen- 
über in scharf tadelnder Kritik hervorbob, Großbritannien habe in dem 
Abkommen mit Rußland schlechte Geschäfte gemacht, erklärte Grey: das 
wäre, im einzelnen betrachtet, vielleicht möglich, aber seiner Ansicht nach 
sei die Hauptsache, daß die alten englisch-russischen Reibungen ein für 
allemal aus der Welt geschafft worden seien, und er glaube sich des Bei- 
fallo des Hauses darin sicher, daß die vertrauensvolle Freundschaft des 
großen Russischen Reiches, damit die Ubereinstimmung in den mittel- 
asiatischen und in der persischen Frage und darin eingeschlossen die Sicher- 
heit Indiens ungleich mehr wert seien als vielleicht kleine wirtschaftliche 
Nachteile und Zugeständnisse in den Grenzverträgen. DOiese Zugeständ- 
nisse habe man eben gemacht, um die russische Freundschaft zu gewinnen. — 
Mit andern Worten war das Abkommen von 1907 und seine Grundlage 
für die großbritannische Politik keine lokale Interessenfrage im Sinne des
        <pb n="357" />
        Oas russisch-beitische Abkommen und andere Abkommen. 315 
  
Wortes, sondern in erster Linie ein Mittel zum großen Endzwecke der Fsolie- 
rung des Deutschen Reiches, deren Zweck wieder war, sei es durch Ein- 
schüchterung, sei es durch einen großen Koalitionskrieg, Deutschland nach dem 
Willen Englands zu zwingen und zu erniedrigen. Die politisch denkende 
Mehrheit des großbritannischen Volkes hat sich denn auch im Laufe der 
folgenden sieben Fahre, abgesehen von gelegentlicher Kritik der angedeu- 
teten Art, den Standpunkt Grepys zu eigen gemacht: ein enges und sicheres 
Verhältnis mit Rußland bedeutete einen so ungeheuren Vorteil für Groß- 
britannien, hauptsächlich in dessen antideutscher Politik, daß einzelne wirt- 
schaftliche und lokale Nachteile des Abkommens von 1907 nicht in Betracht 
kämen. 
Neben den Vorteilen hinsichtlich der Abgrenzungen in Mittelasien 
und Persien bot Großbritannien dem neuen russischen Freunde eine neue 
und in russischen Augen überaus fruchtbare Aussicht: die Aussicht auf eine 
tatkräftige Orientpolitik in Berbindung und im Einverständnisse mit Groß- 
britanniens Politik. Das war etwas ganz Neues. Biöher waren Rußland 
und Großbritannien gerade im Orient, geschichtlich überliefert, Gegner 
gewesen, politisch wie wirtschaftlich. Wenn damals 1900/07 eine derartige 
Schwenkung der großbritannischen Orientmethoden und Orientziele ein- 
trat, so hatte das seine schwerwiegenden Gründe. Diese Gründe lagen nicht 
auf dem Gebiete eines selbstlosen Entgegenkommens Rußland gegen- 
über, waren vielmehr zu suchen in der deutschen Orientpolitik und in der 
Stellung Osterreich-Ungarns auf der Balkanhalbinsel. 
Die deutsche Orientpolitik war im Bereine mit der österreichisch- 
ungarischen seit vielen Jahren die einzige in Europa, welche mit voller 
Aufrichtigkeit eine Stärkung der Türkei anzustreben versuchte, eine Stär- 
kung in jeder Beziehung, wirtschaftlich, politisch und militärisch. Die Er- 
kenntnis dieser Aufrichtigkeit und ihrer Zuverlässigkeit hatten den Sultan 
Abdul Hamid veranlaßt, einer deutschen Gesellschaft die Konzession für 
den Bau der sogenannten Bagdadbahn zu geben. Die Geschichte dieser 
Bahn wird weiter unten besprochen werden. Großbritannien hatte sich 
nach kurzen Schwankungen der Bollendung des deutschen Bahnbaues 
ablehnend und ihn bekämpfend gegenübergestellt und brachte alle denk- 
baren Mittel in Anwendung, um ihn und überhaupt die wirtschaft- 
liche Ausdehnung Deutschlands und seines Handels im Orient zu ver- 
hindern. In London erkannte man mit gewohntem Scharfblicke, daß 
die europäischen Zentralmächte, besonders das Oeutsche Reich und die 
Türkei, sich gegenseitig immer mehr aufeinander angewiesen saben. Schon 
damals war der Weg Berlin—MKonstantinopel die Richtung, um der Ein- 
kreisung Deutschlands durch die Mächte unter Führung Großbritanniens 
erfolgreich zu begegnen, eine Bresche in sie zu schlagen. Die britischen
        <pb n="358" />
        316 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
Staatsmänner, Kaufleute und Bankleute erkannten von weitdber die un- 
gebeuren Aussichten, welche eine enge deutsch-türkische Berbindung für beide 
Mächte auf die Dauer bedeuten mußte. Einfluß und Macht Deutschlands 
im Orient bielt man für eine nicht minder große Gefahr wie eine wirkliche 
Stärkung der Türkei. Bereits damals bearbeitete Großbritannien mit der 
üblichen Konsequenz die arabischen Stämme, um eine spätere Abtrennung 
Arabiens von der Türkei zu erlangen und sich damit den Landweg nach In- 
dien zu bahnen und zu sichern. Schon damals sah man Erstarkung der Tür- 
kei unter gleichzeitigem Ausbau eines türkischen Eisenbahnnetzes als eine 
schwere Gefahr für Agppten an. Aicht weit dahinter lauerte die Angst um 
Zndien. Wenige Jahre vorher hatte Lord Curzon, der Bizekönig von IZn- 
dien, in Reden und Schriften den Gedanken ausgeführt, daß nicht nur 
Tibet und Beludschistan, sondern auch Südpersien, der Persische Golf, 
Arabien, der Indische Ozean und Ostafrika das für den Schutz Indiens 
notwendige Glacis bildeten. 
Man sagte sich in Großbritannien ferner, daß durch eine fortschreitend 
lebendige Ausgestaltung des deutsch-türkischen Berhältnisses mit seinen 
Beziehungen auch die Balkanstaaten politisch ein anderes Aussehen er- 
halten würden als bisher. Bon Rumänien wußte man, daß es in engen Be- 
ziehungen zu Osterreich-Ungarn und dem Oeutschen Reiche stand. Wie sich 
die Dinge mit den anderen Balkanstaaten entwickelten, blieb dahingestellt, 
aber man war in London der Ansicht, daß diese Entwicklung den britischen 
Interessen abträglich sein müßte, da der Einfluß der europäischen Zentral- 
mächte auf der Balkanhalbinsel wirtschaftlich ebensowohl wie politisch 
wachsen werde. Das war zu verhindern, und zwar mit allen Mitteln. In 
Frankreich teilte man die englische Ansicht und arbeitete gegen Deutsch- 
land nicht nur in Konstantinopel, sondern hauptsächlich auch in Rom, 
wo auf die Gefährlichkeit angeblicher österreichischer Ausdehnungspläne 
auf dem Balkan bingewiesen wurde. Die österreichisch-ungarische Politik 
hat, wie hier vorgreifend bemerkt sein mag, seit 1878 an Gebietsausdeh- 
nungen auf der Balkanhalbinsel niemals gedacht. Daß sie dagegen hoffte 
und anstrebte, auch mit dem Handel Österreich-Ungarns die Balkanhalb- 
insel und den Orient zu durchdringen, war selbstverständlich. Osterreich- 
Ungarn hatte sich durch die Mürzsteger Vereinbarungen 1903 mit Ruß- 
land über die Balkanpolitik der beiden Mächte geeinigt. Man war über- 
eingekommen, den Status quo aufrechtzuerhalten und ohne Überein— 
stimmung mit der anderen Macht nichts zu tun, was den Status quo auf 
der Balkanhalbinsel beeinträchtigen könnte. Rußland wollte damals Ruhe 
im nahen Orient haben, weil es seine Kraft für die große, weitausgreifende 
Politik im fernen Osten brauchte. Darauf beruhte im letzten Grunde jenes 
russisch-österreichische Einvernehmen, und eben an diesem Punkte setzte
        <pb n="359" />
        Das russisch-britische Abkommen und andere Abkommen. 317 
  
die großbritannische Politik ein, als Rußland im fernen Osten geschlagen 
worden war. Oer Zar und die Peteroburger Regierung erbielten von 
London aus Mitteilungen und Winke, daß Rußland nunmehr seine Kräfte 
brauchen möge, um seine Stellung in der Türkei und auf der Balkanhalb- 
insel zu stärken, Großbritannien werde ihm nicht im Wege sein. Oie bri- 
tische Politik hatte schon 1905 in diesem Sinne auf der Balkanhalbinsel mit 
Erfolg zu arbeiten versucht; wir kommen hierauf in anderem Zusammen- 
hange noch zurück. An dieser Stelle soll nur hervorgehoben werden, daß 
der Orient und die Balkanhalbinsel in gewissem Sinne den politischen 
Angelpunkt für die britisch-russische Berständigung gebildet haben. Sieht 
man jenen Vorgang im großen, so zeigt sich, daß es der großbritannischen 
Staatskunst mit einer vorbildlichen Zielsicherheit und Geschicklichkeit ge- 
lungen war, Rußland als Gegner im fernen Osten durch eine dritte Macht, 
Japan, beseitigen zu lassen, um dasselbe Rußland im nahen Osten als 
Helfer und als Werkzeug der großbritannischen, gegen Deutschland ge- 
richteten Politik wieder zu erwecken und sich zu verbinden. Die weitere 
Konsequenz für Großbritanniens Politik war nunmehr die Stärkung Ruß- 
lands nach innen und nach außen. Dieses erkannten nicht nur König Eduard 
und Sir E. Grey, nicht nur Herr Campbell-Bannerman, sondern die ge- 
samte großbritannische Presse mit Ausnahme doktrinärer Sozialistenorgane. 
Das war die große Bedeutung des großbritannisch russischen Alb- 
kommens vom Zahre 1907. Sie räumte, abgesehen allein vom Oreibunde, 
mit der von Bismarck geschaffenen europäischen Gruppierung auf. Die 
unmittelbare Folge bildete ein weiteres Sinken des deutschen Ansehens 
und ein entsprechendes Steigen des großbritannischen Nimbus. Alle 
Welt wußte und hatte mit angesehen, wie Großbritanniens Politik und 
Diplomatie weitschauend und geschickt von den verschiedensten Seiten mit 
allen denkbaren Mitteln auf die Isolierung und Einkreisung des Oeutschen. 
Reiches hinarbeitete und wie die deutsche Politik außerstande war, diesen 
Bemühungen erfolgreich zu begegnen und schließlich durch den Mund des 
Deutschen Reichskanzlers offen diese Machtlosigkeit zugab. 
König Eduard und die Staatomänner der großbritannischen Re- 
gierung begnügten sich nicht mit dem französischen und russischen Einver- 
nehmen, sondern begriffen ebenso klar die große Wichtigkeit der mittleren 
und kleinen europäischen Staaten für ihre gegen Deutschland gerichtete 
Politik. Zur selben Zeit, als das englisch-russische Abkommen wennschon- 
noch nicht unterzeichnet, so doch beschlossene Sache war, wie auch das Ein- 
vernehmen zwischen den beiden Mächten bereits bestand, unternahm König 
Eduard eine Reise nach dem Mittelländischen Meere und besuchte am 
8. April, dem Zahrestage des englisch-französischen Abkommens über Ma- 
rokko, König Alfons von Spanien zu Carthagena. Den unmittelbaren An-
        <pb n="360" />
        318 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
laß zu diesem Besuche mag der Wunsch des Königs Eduard, der vom 
Unterstaatssekretär Hardinge begleitett wurde, gebildet haben, spanisches 
Mißtrauen der französischen Marokkopolitik gegenüber zu beseitigen. Das 
Vorgehen Frankreichs in Marokko hatte Beunruhigung und Mißtrauen er- 
regt. Bei der Autorität, die König Eduard in Spanien, besonders auch dem 
mit einer Engländerin verbeirateten Könige gegenüber genoß, war es ihm 
leicht, die spanischen Besorgnisse zu zerstreuen. Der Hauptzweck des eng-. 
lischen Besuches aber war nicht die Erörterung marokkanischer Sonder- 
fragen, sondern vielmehr: Spanien noch fester an Großbritannien anzu- 
schließen als bioher. Eben damals wurde zwischen den beiden Ländern 
eine Vereinbarung geschlossen, welche Großbritannien den Auftrag er- 
teilte, die Grundlagen für den Aufbau einer neuen spanischen Flotte zu 
schaffen. Dazu nahm Spanien eine Anleihe in Großbritannien auf, groß- 
britannische Seeoffiziere und Ingenieure wurden nach den spanischen 
Häfen- und Küstenbefestigungen entsandt, um dort die Arbeiten zu organi- 
sieren und zu leiten. Wie immer in solchen Fällen, war das Geschäft Groß- 
britanniens ein doppeltes, denn die spanischen Kriegsschiffe, Geschütze, 
Hafeneinrichtungen usw. wurden von großbritannischen Firmen hergestellt. 
So flossen nicht nur die Zinsen der Anleihe in britische Taschen, sondern 
auch nahm der größte Teil des Leihbetrages seinen Weg in die gleichen ge- 
räumigen Taschen wieder zurück. 
Spanien hatte seit den Marokkovereinbarungen mit Frankreich, wie 
zu erwarten war, seinen Platz eng an der Seite der Entente Cordiale bei- 
behalten. Wie gesagt, hatte aber das französische Vordringen in Marokko 
1907 Mißtrauen in Madrid erregt, und vielleicht — Beweise haben wir hier- 
für freilich nicht — dachten spanische Staatsmänner daran, sich an Deutsch- 
land einen gewissen Rückhalt gerade gelegentlich französischer Ubergriffe 
jener Art zu schaffen. Solche übrigens nahe genug liegenden Neigungen 
der spanischen Politik haben sich später, besonders nach dem Tode König 
Eduards, deutlich gezeigt. Sehr möglich ist also gewesen, daß man in Lon- 
don davon bereits 1907 Wind bekam und der königliche Besuch ihnen eben- 
so schnell den Garaus machte. 
Kurz nach der Zusammenkunft von Carthagena veröffentlichten die 
drei Regierungen ein englisch-spanisch-französisches Abkommen in Gestalt 
sogenannter identischer Noten, die Spanien mit Frankreich und Groß- 
britannien austauschte. Der Indalt war kurz der folgende: Oie drei 
Mächte verpflichteten sich zur Aufrechterhaltung des territorialen Status duo 
und der Rechte jeder von ihnen im Mittelländischen Meere und der Teile 
des Atlantischen Ozeanes, welche die Küsten und Inseln Europas und 
Afrikas bespülen. Sollten neue Umstände und Verhältnisse eintreten, die ge- 
eignet wären, eine Anderung des Status quco nötig zu machen, so wollten die
        <pb n="361" />
        Das russisch-britische Abkommen und andere Abkommen. 319 
  
drei Regierungen miteinander in Verbindung treten, um sich erforderlichen 
Falles über die — gemeinsam zu ergreifenden — Maßnahmen zu einigen. 
Der Anstoß zu diesem Abkommen wird von Großbritannien aus- 
gegangen sein, denn es mußte der britischen Politik als wichtig und nötig 
erscheinen, daß zwischen Frankreich und Spanien nicht nur kein Bruch er- 
folgte, sondern bei den Spaniern auch ein Gefühl der Sicherheit hinsichtlich 
Marokkos geschaffen wurde. Ourch dieses Abkommen erschien Groß- 
britannien in Madrid als der Garant der spanischen Vertragerechte und 
Vertragsansprüche in Marokko. Anderseits hatte Großbritannien damit 
eine Gewähr mehr dafür, daß zwischen Frankreich und Spanien keine ge- 
heimen Abkommen geschlossen wurden, welche vielleicht die marokkanische, 
dem britischen Gibraltar gegenüberliegende Nordküste betroffen hätten. 
Alles in allem schuf dieses Mittelmeerabkommen also einen noch feste- 
ren Zusammenhalt zwischen den drei Mächten ale bisher und befestigte 
die Gemeinsamkeit des politischen Bodens, auf dem sie miteinander standen. 
In Deutschland wirkte auch dieses Abkommen teils erregend, teils nieder-- 
drückend. Man sah in ihm, und mit Recht, eine konsequente und erfolg- 
reiche Fortsetzung der großbritannischen Einkreisungepolitik und eine neue 
Einbuße der europäischen Position des Deutschen Reiched. Oie öffentliche 
Meinung in Oeutschland ging freilich fehl in der Auffassung, daß die Be- 
teiligung Spaniens an dem Abkommen für Deutschland einen Schaden 
bedeute. Spanien war — wie sein damals der Offentlichkeit freilich un- 
bekanntes Geheimabkommen mit Frankreich über Marokko vom Jahre 
1904 und der ebenfalls geheime Notenwechsel mit England später zeigte 
— seit drei Jahren fest mit diesen beiden Mächten verbunden, auch daher 
schon seit Jahr und Tag dem Oeutschen Reiche politisch entfremdet. Ein 
positiv nachweisbarer Schaden war also in dem neuen Abkommen für das 
Deutsche Reich nicht unmittelbar vorhanden. Anderseits konnte, wie ge- 
sagt, über die Tendenz dieser Ententebildung kein Zweifel bestehen: 
England wollte und erreichte, daß die Mittelmeerstaaten unter britischer 
Kontrolle zusammengefaßt wurden und zusammenhielten. Darin mußte 
ohne weiteres eine Stärkung der großbritannischen Position und Politik 
liegen, denn die Möglichkeit von Reibungen, mit denen man auf diesem 
Gebiete hätte kämpfen müssen, fiel fort, es wurden aus früheren Reibunge- 
flächen Rückendeckungen und somit Erhöhungen großbritannischer #lktions- 
kraft nach der allein für sie in Betracht kommenden Richtung: gegen das 
Deutsche Reich. 
Von Carthagena begab sich der König von England nach den Küsten 
Italiens und traf zu Gaeta mit König Biktor Emanuel zusammen. Hier 
war ein neues Abkommen nicht nötig, denn es bestand, wie gezeigt worden 
ist, das britisch-französisch-italienische Abkommen über Mittelmeeran-
        <pb n="362" />
        320 5. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905—1908. 
  
gelegenheiten, im besonderen über die italienischen Ansprüche auf Tripo- 
lis. Die Zusammenkunft der beiden Könige bedeutete unter diesen Um- 
ständen die freundschaftlich demonstrative Bekräftigung der zwischen den 
beiden Ländern bestehenden engen und bindenden Beziehungen. Der Ein- 
druck dieser Begegnung unmittelbar nach dem Mittelmeerabkommen und 
während einer Periode scharfer Spannung zwischen dem Deutschen Reiche 
und Großbritannien ließ die Haltung des dritten Dreibundmitgliedes wieder 
in scharfes Licht treten. Auch die stillschweigende Erneuerung des Orei- 
bundes im Zuli 1907 konnte über dieses Gefühl nicht hinwegtäuschen und 
ebensowenig waren dazu imstande die Unterhaltungen italienischer und 
österreichisch-ungarischer Staatsmänner über Balkanfragen, Unterhal- 
tungen, welche, von gegenseitigem Mißtrauen getragen, die wachsende 
transadriatische Spannung nicht zu verschleiern vermochten. 
So war das Mittelmeer mit seinen Uferstaaten vollständig unter den 
„englischen Hut“ gebracht worden. Um Griechenland brauchte man sich 
nicht zu sorgen, denn seine Abhängigkeit von den Westmächten und dem- 
entsprechend seine Botmäßigkeit war vollständig. Außerdem kam Griechen- 
land für marokkanische oder andere afrikanische Fragen nicht in Betracht. 
Uberschätzte man also vielleicht damals in der öffentlichen Meinung Deutsch- 
lands die unmittelbare Bedeutung dee britisch-spanisch-französischen Mittel- 
meerabkommen s, so war ee doch ein richtiger Instinkt, dieses als ein neues 
Mittel der britischen Einkreisung Deutschlands zu erkennen. König Eduard 
von England war der Vater des Abkommens gewesen und wurde von dem 
französischen Botschafter zu Madrid, Zules Cambon, geschickt unterstützt, 
demselben Staatsmanne, der seit Beginn des Jahres 1907 bis zum Kriege 
1914 den Botschafterposten zu Berlin bekleidet hat. 
IZm Schatten dieser allgemeinen Ubereinstimmung Großbritanniens, 
der Mittelmeeruferstaaten und Rußlands glaubten die Leiter der fran- 
zösischen Politik munmehr energisch in Marokko vorgehen zu können. Im# 
Frühjahr 1907 beschloß die französische Regierung die nicht weit von der 
algerischen Grenze gelegene marokkanische Stadt Adschda zu besetzen, weil 
dort ein französischer Arzt ermordet worden war. ODer französische Minister 
des Auswärtigen, Pichon, erklärte: man nähme damit nur ein Pfand und 
werde die Stadt räumen, sobald die marokkanische Regierung Genugtuung 
und Sühne gegeben habe. Der Minister erklärte weiter: Frankreichs 
Sonderstellung in Marokko sei mißachtet worden. Er verlas eine Liste von 
Beschwerden gegen Marokko, von Fällen, wo französische Staatsange- 
hörige getötet, beraubt oder gefangen worden wären, während die marok- 
kanische Regierung die marokkanisch-französischen Abkommen von 1901 
und 1902 mißachtet habe. Frankreich, so sagte Pichon, müsse sofort die 
Polizei organisieren, und fügte die Wendung hinzu: „Unsere Politik ist
        <pb n="363" />
        Oas russisch-britische Abkommen und andere Abkommen. 321 
  
frei von jedem Gedanken an Eroberungen oder Eingriffe in fremdes Ge- 
biet.“ Dieses war eine ebenso grobe wie bewußte Unwahrheit, und zwar in 
doppelter Richtung: Die Politik der Französischen Republik stand auf dem 
Boden jener geheimen französisch-englisch-spanischen Abmachungen von 
1904, welche sowohl Eingriffe wie Eroberungen in Marokko festgelegt hatten. 
Ferner standen Pichons Worte auch im Widerspruche zu dem französischen 
Vorgehen in Marokko während dem seit der Algeciraskonferenz verflossenen 
Zahre. In dieser Zeit hatte eine französische Gesellschaft, trotz des Ein- 
spruches des „souveränen“ Sultans, Systeme drahtloser Telegraphie in 
Marokko eingerichtet, den Grundsatz der offenen Tür und der Gleichheit 
des Handels in schroffer Weise mißachtet und in den Fragen des marok-- 
kanischen Polizei- und Bankwesens — auch Spanien gegenüber — un- 
bedingte Führerschaft für sich in Anspruch genommen. Aun wurde jener 
französische Arzt ermordet, und zwar wegen seines Auftretens gegen die 
Eingeborenen, also durch eigene Schuld. In Frankreich drehte man die 
Sache um und behauptete, die Deutschen hätten die marokkanische Be- 
völkerung zum Morde aufgereizt, eine Behauptung, welche den Tatsachen 
ins Gesicht schlug, aber von der englischen Presse mit erbitterter Heftigkeit 
aufgenommen wurde. Die französischen Truppen besetzten die Stadt Udschda 
und verletzten so ein Jahr nach der Algeciraskonferenz die Algecirasakte 
und damit die Integrität des marokkanischen Gebietes auf das gröblichste. 
Wenige Monate nachher, Anfang August, wurden in der Hafenstadt 
Casablanca fünf französische und drei italienische Hafenarbeiter, die alle im 
Dienste einer französischen Firma standen, ermordet. Ein französischer Kreu- 
zer erschien vor Casablanca, man versuchte zunächst zu landen, die Landung 
fand Widerstand, und daraufhin bombardierte der Kreuzer die Stadt und 
legte sie zum großen Teil in Trümmer. Ein spanisches Kanonenboot be- 
teiligte sich. Nach der Beschießung wurden zunächst 6000 Franzosen ge- 
landet nebst geringen spanischen Truppen. Die französische Regierungs- 
presse schrieb zu diesem Borgehen, daß es dem Geiste und dem Buchstaben 
der Algecirasakte entspräche und eine Pflicht europäischer Solidarität sei. 
Die beiden von Europa mit dem Polizeimandate ausgerüsteten Mächte 
Frankreich und Spanien seien verpflichtet, energisch in Marokko einzu- 
schreiten, wo sich Fremdenfeindlichkeit zeige. Die Besetzung von Casa- 
blanca und Umgegend solle nur eine zeitweilige sein. Die deutsche Regierung 
erklärte sich auch mit diesem Borgehen einverstanden. Im November 1907 
erklärte Fürst Bülow, daß die Ereignisse in Casablanca vielleicht nicht ein- 
getreten wären, wenn die in der Algecirasakte vorgesehene Polizeitruppe 
vorher bereits in Arbeit gewesen wäre. „Wie die Verhältnisse lagen, blieb 
der französischen Regierung wohl nichts anderes übrig, als zur Selbsthilfe 
zu schreiten.“ Fürst Bülow sagte weiter, man habe deutscherseits dieser 
Graf Reventlow, Deutschlands auewärtige Politik. 21
        <pb n="364" />
        322 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
Aktion keine Hindernisse in den Weg gelegt, das sei ebenso selbstverständ- 
lich wie die Tatsache, daß die Berantwortlichkeit für sie lediglich den beiden 
beteiligten Mächten Frankreich und Spanien zufalle; die Aktion gehöre 
nicht in den Rahmen der Algecirasakte. 
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ sprach sich ähnlich aus. 
Damit nahm eine nicht endende Reihe von „Zwischenfällen“ und 
Aktionen in Marokko ihren Anfang. Es ist nicht Sache dieser Schrift, die 
Einzelheiten jener Entwicklung zu schildern. Sie haben mit der deutschen 
Politik schließlich mur wenig mehr zu tun gehabt, denn deren Stellung war 
de facto feftgelegt, teils freiwillig, teils durch den Vertrag von Algeciras. 
Das Deutsche Reich hatte weder im Falle AUdschda noch im Falle 
Casablanca Einspruch gegen das französische VBorgehen, als im Gegensatze 
zur Algecirasakte stehend, erhoben und sprach damit selbst der Akte sowohl 
wie der deutschen Marokkopolitik das Urteil. Das war, nach dem deutschen 
Standpunkte, wie er im vorigen Abschnitt ausführlich dargelegt worden 
ist, nicht weiter verwunderlich, zeigte aber anderseits, daß der Deutsche 
Reichskanzler, Fürst Bülow, selbst die Algecirasakte nur als eine Außer- 
lichkeit, im besten Falle als ein Provisorium ansah. Sonst hätte Bülow 
in beiden genannten Fällen protestieren müssen. Er tat das nicht, sondern 
begnügte sich mit den Erklärungen Pichons, man werde Adschda wieder 
räumen und sei zur Beschießung von Casablanca gezwungen worden, 
dächte an keine Eroberungen und stehe treu auf dem Boden der Algeciras- 
akte. Der Minister Pichon hatte die Pspchologie der deutschen Marokko- 
politik richtig erkannt. Er begriff, daß es in Berlin nur darauf ankam, das 
Ansehen des Reiches zu wahren und sich keine offenen Achtungsverletzungen 
gefallen zu lassen, daß aber ein als verantwortlich empfundenes Znteresse der 
deutschen Regierung an einer wirklichen Beachtung der Algecirasakte nicht 
bestand. Pichon war klug genug, um die richtigen Konsequenzen aus dieser 
seiner Wahrnehmung zu ziehen, und hütete sich, in den Fehler seines Vor- 
gängers Oelcassé zu verfallen, der ohne Not das Deutsche Reich brüskierte und 
die deutsche Regierung zwang, sich zur Wehr zu setzen. Schon die Algeciras-- 
konferenz hatte den französischen Staatsmännern gezeigt, wie man Deutsch- 
land gegenüber verfahren müsse. Pichon bildete diese seine Methode in 
einer, vom französischen Standpunkte gesehen, sehr praktischen Weise 
aus: er unterließ keine Gelegenheit, bald feierlich, bald verbindlich und 
liebenswürdig zu betonen und zu versichern, wie ernst Frankreich die Ver- 
pflichtungen nähme, die ihm aus der Algecirasakte erwachsen wären, daß 
man an Gebietserweiterungen in Marokko, an Beeinträchtigung der Un- 
abhängigkeit des Sultans oder der Handelefreiheit nicht im entferntesten 
denke, natürlich aber nicht wisse, wozu Frankreich durch unvorhergesehene 
Ereignisse gezwungen werden könne. Solche Versicherungen binderten
        <pb n="365" />
        Das russisch-britische Abkommen und andere Abkommen. 323 
  
weder den Minister noch die französischen Beamten in Marokko, noch die 
dortigen militärischen Befehlehaber und ihre Truppen, das Gegenteil 
von dem zu tun, was durch den Mund des Ministers oder Ministerpräsi- 
denten feierlich versprochen wurde. Erhob dann die deutsche Regierung, sei 
es direkt, sei es durch den Mund ihres Pariser Botschafters, wie wohl in 
den Fällen von Adschda und Casablanca, Vorstellungen oder tat Fragen, 
so versicherten Herr Pichon und seine Organe: selbstverständlich denke man 
an keine Verletzung der Algecirasakte, wolle auch die Stadt Udschda wieder 
räumen, aber Frankreiche Sonderstellung als algerische Nachbarmacht 
Marokkos sei nun doch einmal international anerkannt worden, und schließ- 
lich sei es doch nicht zu verlangen, daß man sich die Ermordung franzö- 
sischer Staatsangehöriger ruhig gefallen lasse. Davon stehe in der Alge- 
cirasate nichts Die deutsche Regierung ließ das hingehen, ebenso den 
ganz unerhörten Vorfall von Casablanca, und Fürst Bülow selbst sanktio- 
nierte damals den Begriff von Handlungen, die „außerhalb des Rahmens 
der Akte von Algeciras“ fielen. Damit und überhaupt mit der Duldung 
dieser beiden ersten flagranten Fälle hatte die deutsche Marokkopolitik sich 
auf eine schiefe Ebene begeben und es wäre ihr danach in der Folge, selbst 
wenn sie ernstlicher gewollt hätte als sie wollte, schwer geworden, auf 
dieser schiefen Ebene haltzumachen. 
Oie französische Politik arbeitete in Marokko nach den bewährten und 
bekannten Methoden, wie sie die alten großen Kolonialmächte stets an- 
gewendet haben, um ein Gebiet allmählich zu unterwerfen. Frankreich 
hatte zu Algeciras sich eine Sonderstellung als Nachbarmacht Marokkos be- 
glaubigen lassen, und die Lösung der sogenannten Polizeifrage lag ebenfalls 
in Frankreichs Händen, da Spanien sich französischen Wünschen wie Uber- 
griffen fügen mußte. Annähernd jedes Vorgehen in Marokko, dessen die 
Franzosen damals bedurften, konnten sie entweder mit der Stellung als 
Nachbarmacht oder mit Erfordernissen der Polizeiorganisation rechtfer- 
tigen. Dazu kam, daß durch die lebhafte und willkürliche Tätigkeit der Fran- 
zosen in Marokko die marokkanischen Stämme und Stadtbewohner steigend 
gereizt wurden und sich durch ihren wohlbegründeten Haß immer häufiger 
zu Gewalttätigkeiten hinreißen ließen, die allerdings beinahe ausnahms- 
los im Grunde berechtigte Selbstverteidigung darstellten. Daraus ergaben 
sich dann wieder Akte französischer Selbsthilfe. Die deutsche Regierung 
sah diese als berechtigt und ebenso als außerhalb des Rahmens der Algeciras- 
akte stehend an. So kam es, daß schon im Jahre 1907, ein Jahr nach 
Abschluß der Algeciraskonferenz, die Akte für Frankreich den Wert einer 
Kulisse glänzend erwiesen hatte, während die deutsche Regierung sich gefallen 
lassen zu müssen glaubte, was in Marokko geschab. Der einzige Weg, aus 
diesem Circulus vitiosus hinauszugelangen, wäre für das Oeutsche Reich 
214
        <pb n="366" />
        324 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
gewesen, energischen Einspruch zu erheben und diesen Einspruch auf alle 
Konsequenzen hin zu vertreten. Das widersprach aber, wie wir in der Be- 
handlung der Marokkofrage von Anfang an gesehen haben, der Richtschnur, 
welche die Leiter der deutschen Politik sich gezogen hatten. Man hat an- 
scheinend in Berlin gehofft, die Algecirasakte werde wenigstens cinige 
Zahre lang Frankreich veranlassen, die Bestimmungen innezuhalten. Man 
hat ferner wohl gedacht: auf dem Boden der Akte von Algeciras würde ein 
deutsch-französischer Ausgleich und eine tatsächliche europäische Entspan- 
nung erfolgen können; ferner würden die übrigen Mächte, große und kleine, 
begreifen, daß das Deutsche Reich ihrer aller wirtschaftliche Interessen ver- 
treten und gesichert habe, als es die internationale Garantie für die Er- 
haltung der offenen Tür in Marokko erreichte. Das Gegenteil von alle- 
dem trat ein: die Spannung nahm nicht ab, die englische Hetze gegen Deutsch- 
land wurde in immer größerem Maßstabe und immer strupelloser in den 
Mitteln betrieben. Frankreich war ferner denn je vom Wunsche nach guten 
Beziehungen zu Oeutschland, und die übrigen Mächte hatten teils kein 
Interesse an den marokkanischen Oingen, teils waren sie, wie Italien und 
Spanien, durch Entschädigungen abgefunden. In Frankreich war nach dem 
Siege von Algeciras und im Gefühle der Sicherbeit und Stärke nach 
Schließung der Militärkonvention mit Großbritannien, sowie im Zeichen 
der britisch-russischen Berständigung die Zuversicht und damit der offene 
Haß gegen Deutschland schon so sehr gestiegen, daß die französische Presse 
folgenden Borschlag im Einverständnis mit der Regierung zu machen 
wagte: Wenn das Oeutsche Reich Wert auf ein Abkommen mit Frank- 
reich lege, so sei das nur auf der Grundlage möglich: von seiten 
Frankreichs Zugeständnisse für die Bagdadbahn, von deutscher Seite 
Zustimmung zu der durch den Vertrag von 1904 festgelegten Marokko- 
politik. Die deutsche halboffiziöse Presse lehnte dies Anerbieten milde 
ab und betonte im besonderen: die Bagdadbahn sei eine türkische 
Angelegenheit, schließlich denke man in Deutschland nicht daran, die 
Sonderstellung Frankreichs in Marokko in Abrede zu stellen. Es ent- 
zieht sich dem Beweise, ob die deutsche Politik von damals nicht sah 
oder nicht sehen wollte, was diese französischen Methoden bezweckten. 
Man war bei der Entente Cordiale fest überzeugt, Deutschland werde 
keinen Krieg führen, und wandte deohalb alle Mittel des Oruckes und 
des Reizens oder der Umgehung und Erschleichung an, um die deutsche 
Regierung zu veranlassen, daß sie alle französischen Ubertretungen der 
Algecirasakte dulde. 
Die Ausbreitung der französischen Truppenstellungen in Marokko 
vollzog sich, wie der spätere Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, von 
Kiderlen-Waechter, sagte, nach Art des Oltropfen“ auf der Wasserfläche, der
        <pb n="367" />
        Das russisch-britische Abkommen und andere Abkommen. 325 
  
zunächst unmerklich, dann ungreifbar eine immer größere Fläche bedeckt. 
Bald drangen die französischen Truppen über Casablanca hinaus in das 
Innere des Landes vor, eroberten das Schaujagebiet und erweiterten 
ihren Bereich fortgesetzt. Gegen Ende des Zahres 1907 standen weit über 
10000 Mann französische Truppen in Marokko. Für die Kosten ihrer 
Unterhaltung und der Kriegführung überhaupt betrachtete die französische 
Regierung den marokkanischen Staat als ersatzpflichtig und in diesem Sinne 
die besetzten marokkanischen Gebiete als Hppothek. Man wußte selbst- 
verständlich in Frankreich — und mußte es auch in Berlin wissen —, daß 
Marokko niemals imstande sein würde, diese „Hypotheken“ wieder abzu- 
lösen, ebensowenig die ihm aufgezwungenen Anleihen zu bezahlen oder 
auch nur zu verzinsen. 
Im gleichen Jahre 1907 erhob sich gegen den Sultan von Marokko 
Abdul Asis sein Bruder Mulai Hafid. Es gelang ihm — wie vorgreifend in 
diesem Zusammenhange bemerkt sein mag —, im Sommer 1908 die Re- 
gierungstruppen zu besiegen, Abdul Asis aus seiner Hauptstadt Fes zu ver- 
treiben und vom überwiegenden Teile des Landes seine Anerkennung als 
Herr und Sultan zu erlangen. Die Franzosen hatten versäumt, Mulai 
Hafid mit seinem Heere rechtzeitig zu vernichten und standen nun der voll- 
endeten Tatsache gegenüber. Deshalb regte die deutsche Regierung an, 
man möge Mulai Hafid als Sultan anerkennen, weil er die Macht in 
Händen hatte und seine Anerkennung als einzige Möglichkeit erschien, 
wieder Ruhe im Lande eintreten zu lassen. In Großbritannien und Frank- 
reich erblickte man in Mulai Hafid zunächst einen „deutschen Prätenden--- 
ten“ und stellte sich entsprechend abgeneigt und mißgünstig. In der Tat 
hatte die deutsche Regierung nicht an derartige Pläne gedacht, sondern 
wollte nur Ruhe im Lande, obgleich damals gerade Gelegenheit war, wenn 
man wollte, die Marokkofrage noch einmal aufzurollen und in anderer 
Weise als bieher zur Lösung zu bringen. Aus den angedeuteten Gründen 
wurde die Gelegenheit nicht benutzt. 
Mulai Hafid wurde schließlich von Frankreich anerkannt mit der Maß- 
gabe, daß er sich auf den Boden der Algecirasakte stelle und die Berpflich- 
tungen Abdul Asis' gegen Frankreich übernähme: für die Ausêgaben 
zu haften, welche Frankreich durch seine Truppenexpeditionen nach und 
in Marokko gehabt habe. Auch dieses erkannte die deutsche Regierung an, 
und ihre Meinung: Frankreich möge möglichste Rücksicht auf die marok- 
kanischen Finanzen nehmen, wurde selbstverständlich von der französischen 
Regierung bereitwillig, aber ohne den Schatten einer Albsicht, entsprechend 
zu handeln, angenommen. Es konnte nicht fehlen, daß Mulai Hafid schnell 
in gleiche Abhängigkeit von Frankreich geriet wie sein Bruder; denn 
anders ist es noch nie dem Herrscher eines halbwilden Landes gegangen,
        <pb n="368" />
        326 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
nachdem er mit einer großen Kriegs- und Geldmacht, wie Frankreich, in 
Berührung gekommen war. 
Zwischen Frankreich und Spanien zeigten sich hinsichtlich Marokkos 
bäufige Differenzen, natürlich ohne daß die französische Regierung sich 
dadurch auch nur im mindesten hätte beeinflussen lassen. Frankreich war 
entschlossen und zielbewußt, des englischen und russischen Beistandes sicher, 
und ebenso sicher in seiner Beurteilung des inneren Wesens der deutschen 
Marokkopolitik. In Berlin empfand man die Marokkoangelegenheit stei- 
gend als eine Last und die Algecirasakte ebenfalls insofern, als sie jeden- 
falls äußerlich und formal nicht gestattete, Frankreich vollkommen frei in 
Marokko gewähren zu lassen, wie es wollte. Das ging um so weniger an, 
als die wirtschaftlichen Bestrebungen, Errungenschaften und Konzessionen 
energischer Deutscher, genannt seien die Gebrüder Mannesmann, nicht 
gut außer Betracht gelassen werden konnten. Gerade diese wirtschaft- 
lichen Bestrebungen und Errungenschaften, im Vereine mit dem zunehmen- 
den Interesse in Deutschland an dem fruchtbaren und zukunftsreichen Lande 
Marokko ließen die marokkanische Frage von 1907 an zu einer wachsen- 
den Volkstümlichkeit gelangen, welche sie früher in der Tat nicht gebabt 
hatte. Damit wuchsen die Schwierigkeiten der deutschen Regierung, wel- 
cher angesichts ihres bekannten Programmes bequemer gewesen wäre, 
wenn ein Znteresse deutscher Unternehmer und der deutschen Bevölkerung 
an Marokko und dessen Zukunft nicht existiert hätte. In Frankreich er- 
regten die wirtschaftlichen Fortschritte der Deutschen in Marokko steigende 
Erbitterung, zumal eine gewisse Solidarität zwischen den deutschen und den 
spanischen Wirtschaftsbestrebungen in Marokko sich immer deutlicher be- 
merkbar machte: die spanischen Geschäftsleute versuchten sich an die deut- 
schen anzulehnen, weil sie fürchteten, sonst von Frankreich völlig an die 
Wand gedrückt zu werden. Auch von diesem Gesichtspunkte gesehen, war die 
französisch-britisch-spanische Vereinbarung von 1907 für Frankreich wichtig, 
da sie ihm die Sicherheit gab, die spanische Regierung werde nicht wagen, 
sich durch die Interessen privater Geschäftsleute zu einem näheren Ein- 
vernehmen mit Deutschland bringen zu lassen. In Wirklichkeit kam es 
nicht zur Beantwortung dieser Frage, weil die deutsche Regierung, auch 
wenn Spanien geneigt gewesen wäre, sicherlich nicht die Hand dazu ge- 
boten haben würde. Die deutsche Regierung hätte am liebsten überhaupt 
nichts mehr von den marokkanischen Angelegenheiten gehört, denn sie 
konnte sich schwerlich darüber im unklaren sein, daß durch die äußerliche 
Entwertung nach außen auch die Wertlosigkeit der Algecirasakte und damit 
der Politik, die nach Algeciras geführt batte, offenbar werden würde. 
In Frankreich war die Stimmung begreiflicherweise steigend zuver- 
sichtlich und kampflustig. In den Kammern wurde offen über die Lage
        <pb n="369" />
        Das russisch-britische Ablommen und andere Abkommen. 327 
  
bei Eintritt künftiger Konflikte gesprochen. Mr. Clémenceau, damals 
Ministerpräsident, wurde 1907 im Parlamente gefragt, ob Frankreich 
von Großbritannien einen gewährleisteten Beistand zu erwarten hätte. 
Clémenceau antwortete unter allgemeiner Heiterkeit: „Ich weiß es nicht, 
aber ich glaube es nicht.“ — Der Ministerpräsident gehörte zu den Wenigen, 
die ganz genau orientiert waren, und so mußte seine Antwort als Fronie auf 
die amtliche Diskretion angesehen werden, was auch in ganz Europa geschah. 
Während so das politische Feld in Südeuropa durch die Entente 
Cordiale beherrscht wurde, und Spanien wie Italien und Griechenland 
sich unter ihrer Leitung zusammengefunden hatten, tat die gleiche Entente 
Cordiale ihr Mögliches, um die neutralen Mächte Nordeuropas mit Miß- 
trauen gegen das Deutsche Reich zu erfüllen. 
Die erwähnten Vorgänge aus dem Krisenjahre 1905 binterließen 
ihre Spuren und rückten allen diesen Mächten die Frage nahe, wie sie 
sich in einem europäischen Kriege zu verhalten haben würden. Wie 
wir gesehen haben, war Belgien der Entente Cordiale Großbritannien 
und Frankreich bereite sicher. Anders stand es mit den Niederlanden. 
Auch hier freilich war durch die englischen und französischen Bemühungen 
ein starkes Mißtrauen gegen Oeutschland entstanden. ANicht nur schenkte 
man den alten Auostreuungen von deutschen Ausdehnungs- und An- 
nexionsabsichten Glauben, sondern man fürchtete, daß im Falle eines 
europäischen Krieges Deutschland die holländische Neutralität verletzen 
werde. In den Niederlanden lief das Gerücht um: Kaiser Wilhelm habe 
in den Zeiten der Marokkospannung von 1904/05 der Königin Wilhelmina 
geschrieben: Wenn die MNiederlande nicht sofort die Verteidigung ihrer 
Flußmündungen und Küsten auf die Höhe und in Bereitschaft brächten, 
so würde er sich zu seinem Bedauern genötigt seben, die Regierung der 
Niderlande vor ein Ultimatum zu stellen. Diese Geschichte, welche von 
holländischen Diplomaten erzählt sein sollte, wurde in der britischen, 
französischen und belgischen Presse mit alarmierenden Kommentaren aus- 
genutzt, erregte großes europäisches Aussehen und hat jabrelang nachher 
ihr Wesen getrieben auch in der niederländischen Kammer. Sie ist jedes- 
mal von dem betreffenden Regierungevertreter in bündiger und erschöp- 
fender Form in das Gebiet der Fabel verwiesen worden. Hätte die Ge- 
schichte aber selbst einen Kern von Wahrheit enthalten, so würde man dem 
Deutschen Kaiser oder der deutschen Regierung schwerlich einen Borwurf 
haben machen können, denn jenes angebliche Verlangen hinsichtlich der 
niederländischen Küstenbefestigungen hätte lediglich auf der Befürchtung 
beruht, daß großbritannische Kriegsschiffe oder Proviant- und Truppen- 
tranoporte in die Schelde einliefen, oder aber daß Landungen einer bri- 
tischen Expeditionsarmee an den Küsten oder auf Küsteninseln der Nieder-
        <pb n="370" />
        328 5. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905—1908. 
  
lande versucht würden. In diesem Falle hätte Deutschland aus Gründen 
der eigenen Sicherheit vorgehen müssen, falls die Nederlande nicht allein 
der Eindringlinge Herr werden konnten. Eine vorherige Warnung wäre 
mithin in der Tat naheliegend, außerdem ein Zeichen von Freundschaft 
und Vertrauen, keineswegs der gegenteiligen Gesinnung gewesen, über- 
dies durch die tatsächlichen Verhältnisse durchaus gerechtfertigt. Ander- 
seits lag nahe genug, daß bei der urteilslosen Menge der ohnehin zum Miß- 
trauen geneigten Niederländer die Geschichte böses Blut stiftete. Eine andere 
Frage freilich wäre gewesen, ob eine deutsche Aufforderung jener Art 
an die Niederlande in zwölfter Stunde vor dem Ausbruche eines Krieges 
einen praktischen Zweck gehabt hätte, d. h. ob es den Niederlanden mög- 
lich gewesen wäre, innerhalb so kurzer Zeit ihre Befestigungen in die nötige 
Verfassung zu setzen. Das konnte man wohl bezweifeln, und darin wieder-- 
um liegt eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, daß jene Geschichte, zum 
mindesten in der verbreiteten Form, nicht wahr gewesen ist. Im übrigen 
war damals wie später die niederländische Regierung ebensowohl wie das 
ganze Volk der Holländer von dem Willen einer wahrhaft aufrichtigen 
Neutralität durchdrungen. Man war gleich weit davon entfernt, auf die 
deutsche Seite zu treten wie auf die französische oder die englische. Man 
war lediglich entschlossen, im Falle der Notwendigkeit die eigene Neutrali- 
tät mit allen Mitteln zu verteidigen. Es lag aber nahe genug, daß die 
Ausstreuungen der Gegner Oeutschlands einerseits, die gewaltige Stärke 
Deutschlands anderseits ein Gefühl wenn nicht der Angst so doch der Un- 
ruhe und Unbehaglichkeit erwachsen und weiterbestehen machten, beständig 
geschürt durch englische und französische Hetzarbeit, welche bezweckte, die 
Nl#derlande in das Lager der Entente Cordiale zu ziehen, womöglich 
ein Abkommen oder Bündnis zwischen den ANiederlanden und Belgien 
zustande zu bringen. 
Das Deutsche Reich, dessen Regierung sich dieser gefährlichen Trei- 
bereien und ihrer möglichen politischen Wirkungen wohl bewußt war, 
regte im Jahre 1907 ein Abkommen an, das im Frühling 1908 zur Unter- 
zeichnung gelangte. Die Unterzeichnerstaaten waren: das Deutsche Reich, 
Dänemark, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und Schweden. 
Der Inhalt war im großen der folgende: 
Unter den Versicherungen guter Nachbarschaft und Freundschaft 
erklärten die Unterzeichnermächte, daß sie fest entschlossen seien, wechsel- 
seitig die souveränen Rechte intakt zu halten und zu achten, welche jede 
von ihnen über ihre bezüglichen Gebiete in jenen Gegenden, also auch an 
den Küsten und auf den Inseln, besäße. Für den Fall der Bedrohung 
des Status quo nach Ansicht einer der Unterzeichnermächte durch irgend- 
welche Ereignisse wollte man miteinander in Verbindung treten, um in
        <pb n="371" />
        Das russisch-britische Abkommen und andere Abkommen. 329 
  
gemeinsamer Ubereinstimmung Maßnahmen für die Erhaltung des Status 
quo zu treffen. — In einem Anhange des Abkommens wird dasselbe 
dabin präzisiert: der Grundsatz der Erhaltung des Status quo bezieht sich 
lediglich auf die zurzeit vorhandenen Gebietsteile der Vertragsmächte, 
welche an die Nordsee grenzen. Dagegen kann dieses Abkommen nicht 
angerufen werden, wenn eine der Vertragsmächte auf Grund ihrer Sou- 
veränität frei über ihre Besitzungen verfügt. 
Das bedeutete mit anderen Worten, daß das Abkommen sich nicht 
auf den Kolonialbesitz der Mächte bezog und ebensowenig auf ihr Gebiet, 
sofern es nicht an die Küsten grenzte. Es handelte sich mithin nicht um 
einen allgemeinen und vollständigen Garantievertrag hbinsichtlich der 
Integrität und Unabhängigkeit des Gebietes, sondern lediglich um Küsten 
und Inseln. Das Beräußerungsrecht oder das Recht der Abtretung von 
Gebieten kraft der eigenen Souveränität wurde selbstverständlich durch 
das Abkommen nicht berührt. 
Dieses sogenannte Nordseeabkommen, welches zu Berlin unterzeichnet 
wurde, ging aus dem deutschen Wunsche hervor, die kleineren Nordsee- 
staaten, insbesondere die Niederlande und Dänemark, mit Bertrauen zum 
Deutschen Reiche zu erfüllen, ihnen einen offenbaren und bindenden 
Beweis freiwilligen Wohlwollens und Entgegenkommens zu liefern. Nor- 
wegen findet sich unter den Unterzeichnermächten aus dem einfachen 
Grunde nicht, weil es gleich nach seiner Konstituierung als Königreich Neu- 
tralitätsverträge mit den Mächten eingegangen war. Bezeichnend war 
die Teilnehmerschaft Frankreichs, welches keine eigene Nordseeküste hat, 
am Abkommen. Es hieß, das Deutsche Reich hätte auf Beteiligung Frank- 
reiche keinen Wert gelegt, die großbritannische Regierung hätte aber er- 
klärt, sie sei ohne Hinzuziehung Frankreichs für das Abkommen nicht zu 
haben. Ohne die Teilnahme Großbritanniens aber hätte das Abkommen 
keinen Sinn gehabt, da die Garantie der holländischen und dänischen 
Küsten, bzw. ihrer Integrität sich nicht zum wenigsten auch auf britische 
Landungen usw. im Kriegsfalle bezog. Die Wahrung der „souveränen 
Rechte“ deutete gerade diesen Fall an. Der Zweck des Abkommens ergibt 
sich schon aus dieser Überlegung genugsam, und anderseits war begreiflich, 
daß deohalb Großbritannien und Frankreich wenig entzückt von dem Ge- 
danken des Abkommens waren, sich ihm aber nicht entziehen konnten, 
ohne Mißtrauen bei Holland und Dänemark hervorzurufen. Eine andere 
Frage war freilich, ob in einem großen Kriege gerade Großbritannien 
ein solches Abkommen achten würde, wenn es politisch und militärisch 
vorteilhaft erschiene, es nicht zu achten. Diese Uberlegung hat sich die 
deutsche Regierung ebenso zweifellos gemacht, wie die Hollands, Däne- 
marks und Schwedens. IZmmerhin war das Abkommen ein Beweis
        <pb n="372" />
        330 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1905—1908. 
  
uneigennützigen deutschen Wohlwollens und ein Wink an die kleineren 
Nordseemächte, ihre Augen auf die großbritannischen Pläne zu lenken. Wie 
der Krieg 1914/15 gezeigt hat, haben die Aiederlande ebenso wie Dänemark 
sich nicht auf das Abkommen verlassen, sondern auf ihre Rüstungen. 
Am selben Tage wie das Nordseeabkommen, wurde ein zweiter Ver- 
trag zu St. Petersburg unterzeichnet, das sogenannte Ostseeabkommen, 
und zwar von den Vertretern der Mächte: Rußland, Deutschland, Däne- 
mark und Schweden. Der Wortlaut ist beinahe der gleiche wie der des 
Nordseeabkommens, mit dem hauptsächlichen Unterschiede, daß das Ost- 
seeabkommen nicht stillschweigend, sondetn ausdrücklich neben den Küsften 
auch die Inseln einschließt. Der reiche schwedische und dänische FInselbesitz 
gab den Anlaß dazu, insbesondere die schwedischen Besorgnisse vor ruf- 
sischen Ausdehmnungs- und Eroberungeabsichten nach der skandinavischen 
Ozeanküste hinüber. Deshalb nahm man in Schweden das Abkommen 
mit Genugtuung auf und erblickte in ihm ein Berdienst und einen Oienst 
des befreundeten Deutschen Reiches. Zn Großbritannien dagegen war 
man verstimmt, nicht an diesem Abkommen beteiligt zu sein, und benutzte 
die Gelegenheit, um in Dänemark wieder die alte Agitation aufzunehmen: 
das Deutsche Reich wolle aus der Ostsee ein geschlossenes Gewässer machen. 
Da im gleichen Jahre 1907 das großbritannisch-russische Abkommen unter- 
zeichnet wurde und die Annäherung zwischen den beiden Mächten bereits 
1906 abgemachte Sache war, so konnte die britische „Entrüstung“ über 
die angeblichen deutschen Pläne „die Ostsee zu schließen“ nicht aufrichtig 
sein. Man wollte nur den Anschein einer solchen erwecken, um Dänemark 
mißtrauisch zu machen. Möglicherweise war auch Kränkung der Eigenliebe 
darüber vorhanden, daß das alle Meere beherrschende Großbritannien 
an einem europäische Gewässer betreffenden Abkommen nicht beteiligt war. 
Alles in allem waren diese beiden Abkommen ohne sonderliche Be- 
deutung, denn sie änderten weder an der politischen Lage und an den 
Stimmungen etwas Wesentliches, noch hätten sie im Ernstfalle die min- 
deste Wirkung ausgeübt. 
Auch außerhalb Europas wurden in jener Zeit erwähnenswerte Ab- 
kommen geschlossen. 
Zm fernen Östen hatten Rußland und Japan hintereinander zwei 
Verträge geschlossen und damit einen der Zwecke der Erweiterung des 
großbritannisch-japanischen Abkommenes erfüllt: Ruhe in Ostasien zu 
schaffen, auch die Wahrscheinlichkeit eines russischen Bergeltungekrieges 
gegen Japan auszuschalten. Ourch die russisch-japanischen Berträge be- 
festigte sich anderseits, ganz wie die Londoner Politik angestrebt hatte, 
das russisch-britische Einvernehmen. 
Jm Sommer 1907 folgte ein Abkommen zwischen Japan und Frank-
        <pb n="373" />
        Has russisch-britische Abkommen und andere Abkommen. 331 
  
reich. Die großbritannische Politik hatte auch bei diesem Abkommen Ge- 
vatter gestanden, um sich Frankreich allgemein und besonders im fernen 
Osten zu verbinden, sowie um eine Kontrolle über die japanisch-fran- 
zösischen Beziehungen zu gewinnen. Dazu kam eine französisch-japanische 
Vorgeschichte des Abkommens: Während des Russisch-Japanischen Krieges 
war eine geheime japanische Denkschrift aus der Feder eines hervorragen- 
den Militärs in die Offentlichkeit gelangt. Sie behandelte den Plan einer 
Eroberung von Französisch-Indochina und erörterte sie bis in die kleinsten 
militärischen Einzelheiten, bezeichnete sie auch als das nächste Ziel der 
japanischen Politik. In Frankreich war man sich bewußt, daß Japan bei 
Vorhandensein des erforderlichen Willens unter allen Umständen im- 
stande war, Indochina zu nehmen und zu behalten, ohne daß Frankreich 
die mindeste Möglichkeit gehabt hätte, die Japaner daran zu hindern. 
So war man dem britischen Freunde sehr dankbar, als er der französischen 
Republik zum Abkommen verhalf. Der französische Minister des Aus- 
wärtigen, Pichon, erklärte in der Kammer: „Japan widerlegt auf diese 
Weise ein für allemal diejenigen, welche es beschuldigt haben, ehrgeizige 
Eroberungspläne zu hegen, und es bekräftigt seinen Willen, den Status 
duo zu achten.“ 
Der Inhalt des Abkommens begriff den Eintritt in Unterhand- 
lungen wegen eines Handelsvertrages, außerdem die folgende Verein— 
barung: Die beiden MNächte stimmen überein in der Achtung der Un- 
abhängigkeit und Integrität Chinas, im Grundsatze der Eleichheit und 
Freiheit des Handele dort für die Staatsangehörigen aller Nationen. Sie 
verpflichten sich zu gegenseitiger Unterstützung, zur Aufrechterhaltung 
dieses Zustandes, zumal in denjenigen Gebieten, welche ihren eigenen 
Hoheitsgebieten benachbart sind. Insbesondere sichern sich die beiden 
Mächte gegenseitig die Behandlung als meistbegünstigte Nation den 
japanischen Untertanen in Französisch--Indochina und den Untertanen 
und Schutzbefohlenen von Französisch-Indochina in Japan und in japa- 
nischen Hoheitsgebieten zu. 
Sieht man von den Spezialzwecken und dem eigentlichen Inhalte 
dieses Abkommens ab und betrachtet man es nur als politisches Ereignis 
im ganzen, so bedeutete es ein weiteres Symptom für die fortschreitende 
Äsolierung des Deutschen Reiches in Europa wie in Ostasien. Weitblickend, 
das Ganze überschauend, wie immer, hatten Großbritanniens Staats- 
männer als wichtig erkannt, daß in einem großen europäischen Kriege, 
wo der Dreiverband gegen Deutschland stände, Zapan keinerlei Interesse 
haben dürfe, sich gegen England oder dessen Berbündete und Freunde 
zu wenden, noch auch ihnen ihre ostasiatischen Besitzungen zu neiden und 
sich deren bei gebotener Gelegenheit zu bemächtigen. Es ist kaum zu
        <pb n="374" />
        332 3. Abschnitt. Vor und nach Algeciras. 1903—1908. 
  
bezweifeln, daß Großbritannien und Japan miteinander damals bereits 
über das Schicksal des deutschen Kiautschou für den Kriegsfall vollkommen 
einig geworden sind. 
Eine Ergänzung der VBersuche des Deutschen Reiches, wenigstens 
in Europa das Mißtrauen seiner kleineren Nachbarn zu beschwichtigen, 
bildete der Anfang 1907 mit Dänemark geschlossene sogenannte Optanten- 
vertrag. Er wurde geschlossen durch das Deutsche Reich, vertreten 
durch Preußen auf Antrag des Reiches, weil er unmittelbar betrachtet 
eine innerpolitische Angelegenheit Preußens bildete, mittelbar dagegen 
eine solche der auswärtigen Politik des Deutschen Reiches. Ob und in- 
wieweit neben dem Wunsche, die deutsch-dänischen Beziehungen zu bessern, 
noch andere Gründe maßgebend gewesen sind, mag dahingestellt bleiben. 
Der Optantenvertrag verlieh den „im preußischen Staatsgebiete“ 
— tatsächlich in Nordschleswig allein — wohnhaften staatenlosen Optanten- 
kindern auf ihren Antrag die preußische Staatsangehörigkeit, und zwar 
nicht nur den Nachkommen ersten Grades, sondern auch deren Nachkommen. 
Die politische Borgeschichte war die folgende: 
Im Frieden 1864 wurde den Bewohnern der von Dänemark an Preu- 
ßen und Osterreich-Ungarn abgetrennten Gebiete gestattet, unter gewissen 
Umständen für Dänemark zu optieren und infolgedessen dänische Staats- 
bürger zu bleiben. Da nun die Staatsangehörigkeitsgesetze und -hbestimmun- 
gen in Dänemark und Preußen verschieden waren, so ergab sich, daß die 
Kinder jener Optanten weder von Dänemark noch von Preußen als Staats- 
bürger anerkannt wurden. Die Optantenkinder konnten durch den Ver- 
trag von 1907 nunmehr das preußische Staatsbürgerrecht erlangen, und 
es zeigte sich in späteren Zahren, daß der preußische Staat um Tausende 
von Wählerstimmen zugenommen hatte, Wählerstimmen aber, die aus- 
schließlich der „dänischen“ Partei zugute kamen. Ein bekannter nordschles- 
wigscher Politiker und Führer der sogenannten dänischen Partei, H. P. 
Hansen, hat viel dazu getan, um unter der Maske der Versöhnlichkeit die 
preußische Regierung zu dem Optantenvertrage zu bewegen. Wenn dieser 
Wunsch der Nordschleswiger und ihrer Brüder im Deänischen Reiche 
erfüllt wäre, so hieß es, dann würde die dänische und antideutsche Agitation 
in Nordschleswig von selber aufhören. Außerdem entbielt der Optanten- 
vertrag eine Wendung, welche die Anerkennung der Grenzen zwischen 
Preußen und Dänemark durch die dänische Regierung einschloß: eine An- 
erkennung, die bisher in solcher Form noch nicht gegeben worden war. 
Die reichsländische Bevölkerung und die dänisch gesinnten Nordschleswiger 
standen auf dem Boden jenes nicht nur durch die Tatsachen längst über- 
bolten Artikelo des Prager Friedens, welcher besagte: der Kaiser von 
Osterreich überträgt auf den König von Preußen alle seine im Wiener
        <pb n="375" />
        Das russisch-britische Abkommen und andere Abkommen. 333 
  
Frieden erworbenen Rechte auf die Herzogtümer Holstein und Schleswig 
mit der Maßgabe, daß die nördlichen Distrikte von Schleswig, wenn deren 
Bevölkerung durch freie Abstimmung den Wunsch zu erkennen geben 
sollte, mit Dänemark vereinigt zu werden, an Dänemark abgetreten 
werden sollten. — De kacto stand freilich schon seit Zahrzehnten fest, 
daß jene, wie es heißt, Napoleon III. als intellektuellem Urheber zu- 
zuschreibenden Bestimmungen des Artikels 5 niemals tatsächliche Folge 
erhalten würden. Die dänische Regierung hat niemals an etwas anderes 
gedacht. Immerhin erkannte sie, wie gesagt, in der Einleitung des Ver- 
trages von 1907 zum erstenmal ausdrücklich die dänisch-preußische Grenze 
nicht nur als vorhanden, sondern als rechtsgültig an. Zm übrigen war 
Artikel 5 des Prager Friedens durch einen Vertrag zwischen Preußen und 
Osterreich vom I1. Oktober 1878 ausdrücklich außer Gültigkeit gesetzt worden. 
Wie 1907 halbamtlich erklärt wurde, beseitigte der Optantenvertrag 
einen wunden Punkt der deutsch-dänischen Beziehungen, und man hoffte, 
daß die in den Grenzgebieten bestehenden Spannungen nunmehr über- 
haupt behoben wären, glaubte auch, daß die deutschfeindliche Agitation 
in Nordschleswig keinen Rückhalt mehr im Königreiche Dänemark hätte. 
Daß diese Erwartungen getäuscht worden sind, kann schon hier bemerkt 
werden. Die seit dem Optantenvertrage verflossenen ZJahre zeigten, daß 
das Dänentum in Nordschleöwig von Jahr zu ZJahr stärker und zuver- 
sichtlicher wurde und aus der Berteidigung zum Angriffe überging. 
Unter den dänisch gesinnten Nordschleôwigern und ebenso in den 
unversöhnlich gesinnten Kreisen im Königreich Dänemark nahm man die 
deutsche Versöhnlichkeit für Schwäche und für Furcht im Hinblick auf 
die Haltung Dänemarks in einem zukünftigen Kriege. Auf beiden Seiten 
der Grenze stieg die dänische Zuversicht und ebenso das Mißtrauen gegen 
das Deutsche Reich. Der von Bertretern der deutschen Reichsregierung 
betonte Hauptzweck des Bertrages: durch dieses bedeutende Zugeständnis 
eine freundlichere Atmosphäre zwischen Dänen und Deutschen zu schaffen, 
war mißlungen. 
So bot das politische Europa der damaligen Jahre das Bild einer 
Sammlung der Mehrhbeit der europäischen Mächte gegen das Deutsche 
Reich unter großbritannischer Führung. London war der politische und 
diplomatische Kraftmittelpunkt, und König Eduard mit den leitenden 
Staatomännern befand sich in unaufhörlicher ebenso eifriger wie um- 
sichtiger Arbeit, um aus dem 1904 geschaffenen Kerne: der Entente Cor- 
diale, eine umfassende, gegen das Deutsche Reich gerichtete Koalition zu 
machen. Das Deutsche Reich aber mußte die Erfahrung machen, daß, je 
nachgiebiger und versöhnlicher es sich nach allen Seiten zeigte, desto 
schneller der Prozeß seiner Zsolierung fortschritt.
        <pb n="376" />
        Vierter Abschnitt. 
Marokko und Balkan als Angelpunkte 
der Einkreisung. 
1908—1914. 
Orientpolitik und Bosnische Krisis. 
Oie alte politische und wirtschaftliche Wahrheit, daß nur kräftige und 
zielbewußte Regsamkeit, einerlei, ob sie Schwierigkeiten schafft oder nicht, 
Erfolg und Ansehen bringt, hatte das Deutsche Reich im Orient erfahren. 
Eine aktive Orientpolitik bildete einen der großen Gedanken, welche mit 
dem Regierungsantritte Kaiser Wilhelms II. in das Leben des Deutschen 
Reiches eintraten. Dieser Gedanke und das dauernde Streben, ihn inner-- 
balb der jeweiligen Grenzen der praktischen Möglichkeit zu verwirklichen, 
bat nicht ebenso aber doch ähnlich wie der Gedanke einer starken deutschen 
Seemacht von 1888 bis 1914 eine der Hauptrichtlinien der deutschen Wirt- 
schaft und Politik gebildet. Gewiß war an sich dieser Gedanke nicht neu, 
und bedeutende Geister wie Friedrich List, Moltke, Leopold v. Ranke u. a. 
haben vor langer Zeit auf die wirtschaftspolitische Wichtigkeit des Orients 
hingewiesen. Schon für jeden aufmerksamen Betrachter der Landkarte 
mußte sich aufdrängen, daß für das in Mitteleuropa eingeschlossene Deutsche 
Reich bier der einzige wirtschaftliche Luslaß und große unermeßliche Per- 
spektiven sich boten. Hierhin lag eine Möglichkeit ausgreifender Welt- 
politik und Weltwirtschaft, wenn man sie richtig anfaßte. Das Oeutsche Reich 
grenzt weder, wie Rußland, zu Lande an die Türkei, noch besaß es eine 
gesicherte Seeverbindung nach den türkischen Häfen wie Großbritannien 
und Frankreich. Dazwischen lag Ssterreich-Ungarn und zwischen Osterreich- 
Ungarn und der europäischen Türkei lagen, wenn damals auch geographisch 
noch nicht vollständig, wohl aber ihren Bestrebungen nach, die Balkan- 
staaten. Aus der politischen Geographie ging mithin ohne weiteres hervor, 
daß eine erfolgreiche deutsche Orientpolitik um so erfolgreicher sein mußte, 
je intimer das deutsch-österreichischungarische Verhältnis war, außerdem 
daß beide Mächte Interesse an der Erhaltung des bestehenden Zustandes
        <pb n="377" />
        Orientpolitit und Bosnische Krisis. 335 
  
auf dem Balkan hatten, jedenfalls eine Beränderung desselben nach irgend- 
einer Seite hin verbindern oder zugunsten ihrer Bestrebungen zu beein- 
flussen versuchen mußten. 
Was bedeutete jenes viel gebrauchte und oft so wenig verstandene 
Wort einer aktiven deutschen Orientpolitik. Welches konnten die deutschen 
Ziele in dieser Richtung sein? « 
Geschichtlich betrachtet, ist die Grundlage dieser deutschen Bestre- 
bungen von Anfang an rein wirtschaftlicher Natur gewesen. Zm ersten 
Abschnitt dieser Schrift ist erzählt worden, wie im Jahre 1888 Bismarck 
dem mißtrauischen Zaren #llexander III. auf seine Frage „und Konstanti- 
nopel“, versicherte: die damals vorbereitete Reise des Kaisers nach Kon- 
stantinopel bezwecke keine Anderung des Status quc im Orient. Amtlich 
wurde damale ausdrücklich die Erhaltung der Türkei proklamiert. Zenes 
russische Mißtrauen war ebenso charakteristisch, wie die Antwort Bismarcke 
der Wahrheit entsprach. Der Zar Alexander argwöhnte, es werde sich mit 
der neuen deutschen Richtung auch ein neues störendes Element zwischen 
Rußland und das geschichtlich überlieferte Ziel seiner Wünsche und Be- 
strebungen: Konstantinopel, stellen. Die folgenden Jahrzehnte haben, 
wie wir heute wissen, diesem wachen Mißtrauen recht gegeben, aber frei- 
lich in einem anderen Sinne, als der Zar es meinte. Hätte Biemarck 
Alexander III. gesagt, es werde Deutschlands Bestreben sein, das Türkische 
Reich zu stärken und für die Erhaltung seiner Unabhängigkeit zu wirken, 
so würde Alexander es wahrscheinlich nicht geglaubt, sondern die Ant- 
wort für eine ganz besonders raffinierte Aueflucht gehalten haben. 
Biemarck hat das Türkische Reich früher, wenn nicht mit Gleichgültig- 
keit, so doch gewissermaßen als Corpus vile behandelt. Ihm lag nicht an 
seiner Erhaltung; jedenfalls war der Gedanke, die Türkei zu erhalten, für 
ihn nicht ohne weiteres mit wichtigen Fragen der deutschen Zukunft ver- 
knüpft. Auch in seinen „Gedanken und Erinnerungen“" hat der große 
Staatomann den Standpunkt vertreten, daß Deutschland unter Umstän- 
den für vorteilhaft halten könnte, Konstantinopel, also alles, was zum Kern 
des Türkischen Reiches gehört, an Rußland zu geben und dem Sultan 
etwa eine Nolle zuzuweisen, wie die ehemaligen Herrscher von Algier, Tunis, 
Agppten und Marokko sie unter ihrer englischen oder französischen Ober- 
berrschaft zu spielen hatten. Der Zweck eines solchen deutschen Zuge- 
ständnisses würde gewesen sein, mit Rußland in neue gefestigte Beziehungen 
zu gelangen, anderseits den Gegensatz zwischen Rußland und Groß- 
britannien zu einem unversöhnlichen zu machen und Frankreich politisch 
wie wirtschaftlich vom Orient aus bedrängt werden zu lassen. In diesem 
Bismarckschen Gedanken lag eine gewaltige europäische wie weltpolitische 
Umwälzung eingeschlossen, begründet auf dem Bestreben eines engen
        <pb n="378" />
        330 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
deutsch-russischen Zusammengehens und damit einer Beherrschung Europas 
durch Deutschland und Rußland nebeneinander. 
Oie deutsche Politik ist seit 1888 den entgegengesetzten Weg gegangen. 
Sie erblickte nicht nur in der Erhaltung des Türkischen Reiches ein 
wesentliches Element für die deutsche Zukunft, sondern setzte sich zum Ziel, 
über die Erhaltung binaus die Stärkung der Türkei anzustreben. Darin 
lag das neue Element: eine europäische Großmacht ging ohne Hinter- 
gedanken aufrichtig auf Stärkung des Türkischen Reiches im IZnneren 
und nach außen hin aus. ODas Motio, bzw. der Zweck dieses Bestrebens 
lag auf zwei Gebieten: das Deutsche Reich wollte sich in der Türkei und 
im Orient überhaupt einen neuen Albsatzmarkt für seine Zndustrie und 
eben damit ein wachsendes Tätigkeitsfeld für seine Finanz und seinen Handel 
schaffen. Ze leistungsfähiger ein solcher Markt ist, je aufnahmefähiger 
und kaufkräftiger, desto wertvoller wird er für den Verkäufer. Die Kauf- 
kraft einer Bevölkerung hängt von ihrem wirtschaftlichen und politischen 
Wohlergehen ab, und dieses wiederum von den gesamten Berhältnissen 
im Reiche oder im Staate. Innere Unruhen, Eingriffe von außen, Aus- 
saugung und Zerstückelung liefen diesen wirtschaftspolitischen Zielen des 
Deutschen Reiches zuwider. Daraus entstand von vornherein ein innerer 
Gegensatz zwischen der Orientpolitik des Deutschen Reiches und derjenigen 
der anderen europäischen Großmächte mit Ausnahme ÖOsterreich-Ungarns. 
Von diesen Großmächten verfolgte Rußland, seinem jeweiligen Können 
oder Nichtkönnen angemessen, die Schwächung und Bernichtung des 
Türkischen Reiches. Großbritannien, damals der Gegner Rußlands, war 
bestrebt, seinen Einfluß in Konstantinopel zum herrschenden zu machen, 
politisch wie wirtschaftlich, und gleichzeitig das Turkische Reich auf dem 
Balkan wie in Arabien usw. zu schwächen, dabei den russischen Einfluß 
auszuschalten. Zm Berlaufe dieser Schrift ist gezeigt worden, wie wäh- 
rend der neunziger Jahre und bis zum Russisch-Zapanischen Kriege die euro- 
päischen Festlandmächte wiederholt in Orientfragen gegen Großbritan-- 
nien zusammenstanden, mit Ausnahme von Ztalien. Kurz, es war, wenn 
auch mit Bariationen und bei manchem Wechsel der Nollen, das beinabe 
hundert Fahre alte Schauspiel der einander politisch und wirtschaftlich 
bekämpfenden Großmächte, die eben durch ihre Gegensätze und Eifer- 
sucht die Vernichtung der Türkei verhinderten, weil jede fürchtete, sie 
werde den anderen gegenüber nicht genügend auf ihre Kosten kommen. 
Der türkische Sultan Abdul Hamid kannte die Bestrebungen der Groß- 
mächte genau und war ein Meister auf dem Schachbrett der europäischen. 
Politik und Diplomatie. Unter den schwierigsten und, man kann wohl 
auch sagen, den faulsten inneren Berhältnissen in seinem Reiche, unter 
schwerstem Drucke von allen Seiten, verstand er es immer, die Großmächte
        <pb n="379" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 337 
  
ebenso wie die Balkanstaaten gegeneinander auszuspielen und dadurch 
ein — freilich sehr labiles — Gleichgewicht zur Erhaltung seines Reiches 
von Fall zu Fall herbeizuführen. 
Abdul Hamid, so mißtrauisch er war, erkannte den gänzlich verschie-- 
denen abweichenden Charakter der neuen deutschen Orientpolitik im 
Gegensatz zu dersenigen Rußlands, Großbritanniens und Frankreichs. 
Er begriff ohne weiteres, daß das Deutsche Reich weder Konstantinopel, 
noch Arabien, noch andere Punkte und Gebiete, die der Türkei gebörten, 
für sich haben wolle, und daß dem Deutschen Reiche mit Schwächung und 
Zersetzung des Türkischen Reiches nicht gedient sein würde, im Gegen- 
teil. Der Sultan machte so in seinem begründeten und vielseitigen Miß- 
trauen gegen die Politik der Mächte eine Ausnahme gegenüber der deut- 
schen Politik und vor allem persönlich dem Deutschen Kaiser gegenüber. 
Kaiser Wilhelm hat mit psychologisch richtigem Blicke auch auf dieses per- 
sönliche Moment besonders Wert gelegt und den Sultan vom Anfang 
bis zum Abschluß seiner Regierung als einen ihm gleichgeordneten sou- 
veränen Herrscher behandelt, ihm Vertrauen und Freundschaft entgegen- 
gebracht. Abdul Hamid hat dieses Vertrauen und diese freundschaftliche 
Gesinnung in gleicher Weise gelohnt und zurückgegeben, gleichzeitig in 
der Erkenntnis, daß die deutschen Pläne das Wohl des Türkischen Reichs 
und Volkes fördern würden. Dabei war, und zwar auf deutscher wie auf 
türkischer Seite, nicht nur das wirtschaftliche Moment maßgebend, sondern 
auch das machtpolitische: je stärker die Türkei wurde, desto mehr Wider-- 
stand konnte sie den Bernichtungsbestrebungen anderer MNächte entgegen- 
setzen, desto eher konnte sie eine selbständige wirkliche Politik treiben und 
aus ihrem derzeitigen Zustande, ein Objekt der Mächte zu sein, hinaus- 
LHelangen. Dabei war Abdul Hamid sich bewußt, daß es dem Deutschen 
Reiche nicht möglich sein werde, unter allen Umständen und Verhältnissen 
gegen die anderen Großmächte als Bertreter türkischer Interessen und 
als Schützer des Türkischen Reiches aufzutreten. Die Lage des Oeutschen 
Reiches komplizierte sich politisch durch die neuen Beziehungen zur Türkei 
noch mehr, als es schon der Fall war. Als Grundsatz der jeweiligen Deut- 
schen Reichskanzler für die neue Orientpolitik kann man durchschnittlich 
bezeichnen: an keiner internationalen Aktion teilzunehmen, welche sich 
gegen die Türkei richtete. Zwistigkeiten der Türkei mit einer oder mehreren 
Mächten durch freundschaftliche Vermittlung beizulegen oder zu mildern, 
jede Maßnahme zugunsten der Türkei zu vertreten und zu fördern. Ob 
diese Grundfätze stets geschickt und energisch betätigt worden seien, das 
ist eine Frage, welche nur im Rahmen einer eingehenden Sonderbetrach- 
tung der deutschen Orientpolitik beantwortet werden konnte. 
Der Grundgedanke der neuen deutschen Orientpolitik trotz allen 
Graf Reventlow, Deutschlande auswärtige Politik. 22
        <pb n="380" />
        338 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Mängeln und Schwächen in seiner Durchführung war groß und auf lange 
Sicht. Sein Symbol war der Plan der vielgenannten Bagdadbahn, 
einer Bahnverbindung zwischen Konstantinopel und dem Persischen Golf 
durch Kleinasien und Mesopotamien hindurch. Die Voraussetzung für 
Erfolg und Wirkungen der Ausführung dieses Planes war, von deutscher 
Seite betrachtet, die Freiheit und Sicherheit der Berbindung Berlin— 
Wien—Konstantinopel, also die freie Bahn durch die Balkanhalbinsel. 
Diese Frage wurde durch die Balkankriege von 1912/15 akut. 
Der Gedanke einer Landverbindung zwischen dem östlichen Mittel- 
meere und dem Persischen Golf tauchte bereits im ersten Orittel des ver- 
gangenen Jahrhunderts auf, nämlich in Gestalt des Planes einer großen 
Heerstraße. Nach Erfindung der Eisenbahn erschien er in dieser neuen 
Form und verschwand seitdem nicht mehr, kam auch nicht mehr zur Rube. 
Zn den siebziger Zahren des vorigen Jahrhunderts versuchte ein englischer 
Unternehmer die Erlaubnis zum Bau einer Eisenbahn auf einer Strecke 
zu erhalten, die von dem kleinasiatischen Hafen Alexandrette nach Bagdad 
gehen sollte. Aus dem Plane wurde aber ebensowenig etwas, wie aus spä- 
teren Projekten, die entweder Teile oder die ganze Strecke betrafen. Ourch--- 
weg beruhten diese Pläne auf dem Gedanken: das ZInnere der asiatischen 
Türkei durch eine Bahn dem großbritannischen Handel zu erschließen 
und dem großbritannischen Einflusse dienstbar zu machen, welche in einen 
von England beberrschten Hafen des Mittelländischen Meeres mündete. 
Der Hafen von Alexandrette z. B. wird von der England gehörigen Znsel 
Cppern beherrscht. Hier schon lag ein grundsätzlicher Unterschied zwischen 
den deutschen und den großbritannischen Bahnplänen: die großbritan- 
nischen woliten den Anfangspunkt der Bahn an das Mittelmeer legen, 
der deutsche Plan ließ die Bahn von Konstantinopel, der Hauptstadt des 
Reiches, ausgehen. Eine solche Bahn mußte zum Rückgrate des Reiches 
werden, jede andere auf seine Schwächung und Zersplitterung arbeiten. 
Das war der eine Grund, weshalb Abdul Hamid, abgesehen von der schwie- 
rigen Finanzierungofrage, alle Bahnpläne abgelehnt hatte. Ihm war 
klar, daß eine von England gebaute Bagdadbahn, einerlei, ob sie von 
Alexandrette oder von Konstantinopel ausging, den Berlust der Zntegrität 
der Türkei und der Souveränität des Sultans nach sich ziehen müsse. 
Solche Besorgnisse konnte Abdul Hamid binsichtlich Deutschlands auch 
bei einer unfreundschaftlichen deutschen Politik schon deshalb nicht hegen, 
weil das Deutsche Reich weder zu Lande an die Türkei grenzte, wie 
Rußland, noch zur See die Herrschaft besaß, also einem unbedingt über- 
legenen Widerstande der anderen großen Land- und Seemächte be- 
gegnet wäre. In dieser tatsächlichen und unabänderlichen Lage der Ber- 
bältnisse bestand mithin eine unbedingte Garantie dafür, daß die Aus-
        <pb n="381" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 339 
  
führung der deutschen Pläne der Türkei niemals zum Schaden gereichen 
konnte. 
Schon im Herbste 1888 erhielt eine deutsche Gesellschaft die Kon- 
zession zum Bau einer Bahnstrecke in Kleinasien. Diese Strecke und ihre 
Bewilligung bildet den Anfang der Bagdadbahn, Konzessionen für wei- 
tere Teilstrecken folgten in den Jahren 1893 und 1905 (bei vorläufigen 
Abmachungen 1889 und 1902). Vorgreifend bemerkt sei, daß 1908 und 
1911 neue Abmachungen folgten und seit 1911 bie zum großen Kriege 
mit Unterbrechungen fortwährend international verhandelt wurde. 
War es Großbritannien, Rußland und Frankreich schon sehr uner- 
wünscht und ärgerlich, daß Deutschland als neuer erfolgreicher Bewerber 
um türkische Eisenbabnkonzessionen auftrat, so erregte das Bertrauen 
des Sultans zum Deutschen Reiche steigende Besorgnis in London, Peters- 
burg und Paris. Man versuchte durch die bestehende internationale Kon- 
trolle der türkischen Finanzverhältnisse allen deutschen Plänen entgegen- 
zuwirken. Den Bagdadbahnplan hielten die anderen Großmächte, ähnlich 
übrigens wie das große deutsche Flottengesetz, für ein papiernes Pro- 
gramm, welches zwar großartig aussähe, aber eben auf dem Papier blei- 
ben werde. So betrachtete Großbritannien während der neunziger Zahre 
die Bagdadbahnpläne von oben herab. Ze weiter aber der Bahnbau 
vorschritt, desto mißtrauischer und widerstrebender wurde man in London. 
Bei Rußland war von Anfang an Widerstreben gegen Stärkung der Türkei 
durch ein Eisenbahnnetz vorhanden gewesen, denn man war jeder Stär- 
kung des Türkischen Reiches grundsätzlich abgeneigt. Am unangenehm- 
sten waren den Russen die Pläne Abdul Hamids, im Norden von Klein- 
asien, in Türkisch Armenien und Kurdistan Eisenbahnen zu bauen, welche 
nicht etwa unter russischer oder französischer Kontrolle gestanden hätten. 
Abdul Hamids Absichten aber gingen in den neunziger JZahren gerade 
darauf hinaus, den Norden Kleinasiens durch Eisenbahnen an sein Reich 
fester anzuschließen und russischen Angriffen gegenüber die Möglichkeit 
des Aufmarsches türkischer Truppen zu erhalten, ferner den von Rußland 
ebenso wie von England stets geschürten Aufständen in Armenien schnell 
erfolgreich begegnen zu können. Nach den anfänglichen, von Abdul Hamid 
leitend beeinflußten Plänen sollte die kleinasiatische und in ihrem An- 
schlusse die Bagdadbahn erbeblich weiter nördlich geführt werden, als es 
nachher geschehen ist. Rußland verhinderte es und verpflichtete die tür- 
kische Regierung vertraglich: ohne Rußlands ausdrückliche Zustimmung 
keinerlei Bahnen in Nordkleinasien zu bauen, jedenfalls nicht einer aus- 
ländischen Gesellschaft den Bau zu übertragen oder zu gestatten. Die Folge 
war, daß die Bagdadbahn später anstatt im Nordosten bei Angora, im Süd- 
westen bei Konia sich an die kleinasiatische Bahn anschloß. Damit war 
227
        <pb n="382" />
        340 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
zwar Rußland vorläufig beruhigt, aber England und Frankreich waren 
„um so unzufriedener. 
Zu den politischen Schwierigkeiten, die sich dem deutschen Unter- 
nehmen entgegensetzten, kamen fortwährend die geldlichen und verflochten 
sich mit ihnen. Die deutschen Eisenbahnunternehmungen in der Türkei, 
welche mit der Zeit alle in dem großen Bagdadbahnunternehmen zusammen- 
gefaßt wurden, bildeten ein Privatunternehmen der Oeutschen Bank. 
Bei der außerordentlichen Größe und Weitsichtigkeit der Sache war selbst- 
verständlich, daß das Unternehmen entsprechende Vertretung und Stützung 
von der deutschen wie von der türkischen Regierung erhalten mußte. Für 
die deutsche Regierung, wie für jede andere war das eine selbstverständ- 
liche Sache. Kein Staat würde anders verfahren haben. England, Ruß- 
land und Frankreich bedienten sich, um Schwierigkeiten zu machen, des 
Mittels, die Deutsche Bank mit der deutschen Regierung zu identifizieren. 
Dazu kam ungünstig und erschwerend, daß in Oeutschland selbst vielfach 
das Ziel und die Bedeutung des Bahnplanes teils in unrichtig und maßlos 
übertriebener Weise in die Welt hinausgerufen wurde. Man sprach schon 
um die Zahrhundertwende öffentlich mit einem, den Ereignissen weit 
vorgreifenden Triumphe von der Bahn, welche Indien bedrohen und einen 
türkischen Einfall nach Agypten hin ermöglichen werde. Am Persischen 
Golf werde ein deutscher Kriegshafen entstehen und in Mesopotamien 
würde die „überschüssige“ deutsche Bevölkerung angesiedelt werden. Zn 
dieser Richtung sind damals bei uns große Fehler begangen worden, 
welche zu begehen keineswegs notwendig war. Ze stiller die Bagdadbahn 
gebaut wurde, desto besser. Das grundlose Gerede von deutschen Sied- 
lungen in Mesopotamien und gar Kleinasien war überdies geeignet, bei 
den Türken starkes und tatsächlich ganz ungerechtfertigtes Mißtrauen 
gegen die deutschen Absichten zu säen. Daß es anderseits möglich sein werde, 
nach Auegestaltung des Bahnnetzes die Türkei zu einer gefährlichen Be- 
drohung Agpptens und Indiens zu machen, war gewiß richtig, aber so 
etwas durfte man nicht sagen, solange Großbritannien noch Mittel be- 
saß, um den Bahnbau zu bindern und zu verzögern. In den neunziger 
Zahren und bis über die JLahrhundertwende hinaus war überhaupt 
sehr zweifelhaft, ob es gelingen werde, die Bahn mit deutschen Mitteln 
zu bauen. Einmal war die geldliche Belastung eine ungeheure und ferner 
hinderten die anderen Großmächte den Weiterbau der Bahn dadurch, 
daß sie der Türkei die Zollerböhungen weigerten, welche notwendig waren, 
damit sie die notwendigen Kilometergarantien leisten konnte. Schon 
in den neunziger Jahren hatte die deutsche Gesellschaft sich deshalb be- 
müht, ausländisches Kapital heranzuziehen, dabei aber die Führung in 
der Hand zu behalten. Die Bemühungen blieben ohne Erfolg, und Eng-
        <pb n="383" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 341 
  
land widersetzte sich den Zollerböhungen unter dem Vorwande: die bri- 
tische Politik werde nicht die Hand bieten zu solchen, den Handel nach 
der Türkei belastenden Maßnahmen, um ein Eisenbahnwerk zu fördern, 
welches politisch und wirtschaftlich gegen Rußland gerichtet sei. 
1903 wurde, wie früher erwähnt, ein neues Abkommen der Bank- 
gesellschaft mit der türkischen Regierung getroffen, unter Neugründung 
der „Kaiserlich Ottomanischen Bagdadbahngesellschaft“. Sie erdielt die 
Konzession auch von Bagdad bis Basra, womit die ganze Strecke von Konia 
bie Ba#ra sichergestellt war. Beiläufig sei bemerkt, daß über diesen, für 
die praktische Durchführung und Inangriffnahme maßgebenden Teil- 
konzessionen immer der große Plan und Grundgedanke einer Bahn bis 
zum Persischen Golf stand; Basra liegt nicht unmittelbar am Golf, sondern 
am Beginn des Schatt-el-Arab. 
Noch einmal versuchte die deutsche Gesellschaft jetzt, 1903, die groß- 
britannische Regierung und damit auch das großbritannische Kapital zu 
gewinnen. Man ging deutscherseits so weit, daß man der englischen und 
französischen Finanz Beteiligung auf gleicher Höhe mit der deutschen 
anbot unter gleichzeitiger Beteiligung der Pforte und der Anatolischen 
Eisenbahn-Gesellschaft mit je zehn Prozent. Als Gegenwert verlangte 
man Zustimmung zur türkischen Zollerhöhung, sofern es für den Weiter- 
bau nötig war. Ferner verlangte man Zustimmung, daß die Bahn bis 
Koweit am Persischen Golf laufe und Koweit befestigt werde. Schließ- 
lich sollte die Bahn nach ihrer Fertigstellung für die indische Post benutzt 
werden. 
Die großbritannische Regierung, deren Staatssekretär des Auswär- 
tigen Lord Lansdowne war, verhielt sich zunächst diesem Anerbieten 
gegenüber dem Alnscheine nach entgegenkommend. Auch englische Ge- 
schäftsleute haben noch Jahre später behauptet, Lord Lansdowne sei dem 
Plan unter den vorgeschlagenen Berhältnissen günstig gesinnt gewesen. 
SGenug, die britische Regierung lehnte ab unter einem gleichzeitigen Em- 
pörungeosturme eines großen Teils der britischen Presse: ein Zusammen- 
gehen Großbritanniens mit Deutschland wie in der Benezuela-Angelegen- 
beit würde schmachvoll sein und sei ausgeschlossen. Großbritannien dürfe 
sich an dem Bagdadbahnplane unter keinen Umständen beteiligen, denn 
seine Ourchführung gefährde Indien und Algypten und auch die 
britischen Beziehungen zu Rußland. Oamals, eben vor dem Russisch- 
Japanischen Kriege, mochte diese Berufung sonderbar erscheinen. Im Lichte 
der späteren Entwicklung ist aber anzunehmen, daß in der Tat der in 
englischen und russischen Kreisen damals schon propagierte Gedanke eines 
Zusammengehens der beiden Länder zur Einwirkung auf die britische 
Regierung erfolgreich ins Feld geführt wurde. Mit dem leidenschaftslosen
        <pb n="384" />
        342 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
englischen Geschäftsblick wurde erkannt, daß man Rußland im fernen 
Osten schlagen und vernichten lassen müsse, dafür aber im naben Osten 
um so besser brauchen könne. Wie immer in solchen großen Fragen, so 
kam auch hier eine Anzahl von Znteressen und Gesichtspunkten zu- 
sammen, welche den deutschen Borschlag scheitern ließen. Uber allem 
stand die wachsende Deutschfeindlichkeit aller politischen Kreise Großbri- 
tanniens (siehe die Benezuela-Angelegenheit). Dazu kam die unbestimmte 
Besorgnis für Indien und Agypten, wahrscheinlich auch im besonderen 
der Gedanke an einen befestigten türkischen Hafen Koweit. In Koweit 
war schon einige Jahre vorher der derzeitige Bizekönig von Indien, Lord 
Curzon, gewesen. Er hatte mit den Scheiks von Koweit und Moham-- 
mera in der üblichen englischen Weise „Freundschaft“ und ein Abkommen 
geschlossen. Die beiden Scheiks, hauptsächlich der von Koweit, hatten sich 
schon längst wegen der zerrütteten Verhältnisse im Türkischen Reiche 
und im besonderen wegen des Mangels an Verbindungen mit dem Zen- 
trum des Reiches weitgehender Selbständigkeit erfreut. Die britische RKe- 
gierung und Lord Curzon förderten das Unabhängigkeitsbewußtsein der 
Scheiks, erkannten ihre Auffassungen an und erreichten damit von ihnen 
die verehrungsvolle Freundschaft solcher halbwilden Potentaten, die nicht 
wissen, daß sie so gerade in die Abhängigkeit gelangen müssen. In dieser 
Verbindung erscheint noch bedeutungsvoller, daß, einige Zahre später, 
im Abkommen mit Rußland Großbritannien sich seine Vorzugsstellung 
im Persischen Golf garantieren ließ. Immerhin lag 1903 die Frage eines 
befestigten Koweit in sehr weiter Ferne, näher der allgemeinere Ge- 
danke, daß, je weiter der Bau der Bahn vorschritt, desto fester alle tür- 
kischen Länder, die sie durchquerte, an das Zentrum des Reiches ange- 
schlossen wurden, daß in gleichem Maße die türkische Regierung in die Lage 
kam, mit einer bisher unerhörten Schnelligkeit Lruppen in die Gebiete 
aufständischer Bevölkerungen, unbotmäßiger Scheiks usw., zu werfen. 
Eine solche Stärkung der türkischen Zentralgewalt wünschte Großbritan- 
nien ebensowenig wie Rußland und Frankreich: hier liefen ihre Interessen 
in ganz gleicher Richtung. Wenn nun Lord Lansdowne, ob aus eigenem 
Antriebe oder nicht, damals jede britische Beteiligung am Bahnunter- 
nehmen ablehnte und sich von der antideutschen Welle tragen ließ oder 
sie leitete, so stand dahinter immerhin die feste Überzeugung, es werde 
gelingen, den Bau der Bagdadbahn zunächst unendlich zu verzögern und 
schließlich ihn überhaupt zu Falle zu bringen. Wäre die britische Entschei- 
dung anders ausgefallen, so hätte das zwar einen schnellen und glatten 
Fortgang des Unternehmens bedeutet, es aber mit der Zeit zu einem 
internationalen gemacht, mit allen wirtschaftlichen wie politischen Folgen 
eines solchen. Die Weigerung Großbritanniens ist deöhalb ein Glück für
        <pb n="385" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 345 
  
die deutsche Sache geworden. Französisches Kapital war anderseits stark 
an dem Bagdadbahnunternehmen beteiligt. Die Werte wurden aber nicht 
an der Pariser Börse zugelassen, entsprechend dem Grundsatze der fran- 
zösischen Regierung seit dem Kriege 1870/71, daß auf dem Pariser Geld--- 
markte deutsche Werte nicht gehandelt werden dürften. Im Falle des 
Bagdadbahnunternehmens glaubte man wahrscheinlich durch diese Zurück- 
haltung entweder die Vollendung des Unternehmens beliebig hinzu- 
zögern oder aber zu erzwingen, daß die deutsche Gesellschaft, um es in 
absehbarer Zeit vollenden zu können, die Leitung völlig aus der Hand 
gäbe und es ganz internationalisieren ließe. Wäre das geschehen, so würde 
die Führung von selbst in die Hände Englands, Frankreichs und Rußlande 
übergegangen sein. Das Bahnunternehmen were anstatt ein Mittel zur 
Stärkung und Hebung der Türkei ein Werkzeug geworden, um sie gänzlich 
in die Hände ihrer Feinde zu bringen und ihre Zergliederung in Einfluß- 
sphären vorzubereiten, die Möglichkeiten deutscher Orientbetätigung aber 
zu vernichten. 
So standen die Dinge zur Zeit des Russisch-Zapanischen Krieges und der 
Marokkokrisis. Im Lichte dieser Zusammenhänge wird die oben berichtete 
Außerung des Freiherrn v. Marschall vor der Tangerreise des Deutschen 
Kaisers erst recht verständlich: wenn man Marokko aufgäbe, so würde jene 
Rede des Deutschen Kaisers zu Damaskus im Jahre 1898 gewissermaßen des- 
avouiert: „Mögen die dreihundert Millionen Mohammedaner, welche auf 
der Erde verstreut leben, dessen versichert sein, daß zu allen Zeiten der 
Deutsche Kaiser ihr Freund sein wird.“ Es braucht kaum mehr auedrücklich 
gesagt zu werden, daß den Mächten der Tripelentente viel daran liegen 
mußte, Deutschland, die deutsche Macht und die Festigkeit des deutschen 
Willens gegenüber der Welt des Islam zu diskreditieren. Die Ergebnisse 
der Konferenz von Algeciras und die unmittelbar nachher beginnende 
Willkürpolitik Frankreichs in Narokko haben zeitweilig in der Tat den 
Türken und den Mohammedanern des Orients überhaupt viel von ihrem 
Glauben an die Macht und an die Zuverlässigkeit des Deutschen Reiches 
genommen. 
Der Weg Deutschlands nach dem Orient wörtlich wie bildlich ging 
über die Balkanhalbinsel. Die dortigen Verhältnisse und Fragen in un- 
auflöslicher Berbindung mit den Fragen des Orients bedeuteten zugleich 
europäische Fragen kritischer und gefährlicher Art, denn jeder Versuch 
zu einer Anderung der Grenzen, der zwischenstaatlichen Beziehungen, 
des Maßes an Einfluß warf im Au das künstliche mehr vorgespiegelte ale 
wirkliche „Gleichgewicht“" um und stellte annähernd alle europäischen 
Mächte vor die Kriegefrage. 
Der Verbündete des Deutschen Reiches, ÖOsterreich-Ungarn, war durch
        <pb n="386" />
        344 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
den Berliner Kongreß 1878 anerkannte Balkanmacht geworden, denn da- 
mals erdbielt die Monarchie die beiden sogenonnten Okkupationsgebiete 
Bosnien und die Herzegowina, das Recht militärischer Garnisonen und, 
des Straßenbaues im Sandschak Nowibasar. Weder im Sinne der Er- 
werbung von Bosnien und der Herzegowina hatte es gelegen, damit eine 
Politik der Gebietsausdehnung auf der Balkanhalbinsel anzubahnen, 
noch ist dieses später der Fall gewesen. Oie österreichisch-ungarische Politik 
wollte lediglich diesen ihren Erwerb erhalten, sichern und im IZnnern 
ausbauen. Sie strebte ferner danach, fruchtbare Handelsbeziehungen mit 
den Balkanstaaten und der Türkei zu unterhalten. Auch am Adriatischen 
Meere hat ÖOsterreich-Ungarn eine Politik der räumlichen Ausdehnung. 
nicht gewollt und nicht versucht. In dem bis zum ersten Balkankriege 
(l912) zum europäischen Besitze der Türkei gehörigen Albanien wurde 
ebenfalls unter wirtschaftlichem Gesichtspunkte versucht, freundschaftlich mit 
der Bevölkerung zu leben, erleichtert durch die Tatsache, daß die römisch— 
katholischen Stämme der Albaner von selbst in gewissen Beziehungen zur 
österreichisch-ungarischen Geistlichkeit standen. Der südliche Teil Albaniens 
bildete seit langer Zeit den Gegenstand italienischen Begehrens, und die 
italienische Tätigkeit wirtschaftlicher und zivilisatorischer Durchdringung 
wurde steigend und methodisch gefördert. Der Unterschied war, daß Ita- 
lienô Augenmerk letzten Endes immer darauf gerichtet gewesen ist, an der 
albanischen Küste der Adria Fuß zu fassen, damit die Adria zu beherrschen 
und Osterreich-Ungarn vom Meere abzudrängen, also eine Politik der 
Expansion auf Kosten Österreich-Ungarns. Österreich-Ungarn seinerseits 
dachte an keine politischen Pläne auf Kosten Italiens, sondern nur an die 
Festigung seines Besitzstandes, verbunden mit der allen Mächten gleicher- 
maßen angelegenen wirtschaftlichen Ausdehnung auf der Balkanhalbinsel. 
Die Verhältnisse in Österreich-Ungarn hatten während der geschil- 
derten Zahrzehnte beinahe ununterbrochen im Zeichen des Kampfes der 
Nationalitäten im Innern gestanden. Besonders gegen Ende der neun- 
ziger Fahre erreichten diese Streitigkeiten einen bedenklichen Höhepunkt. 
Die Kraft des Staates wurde gelähmt und eine eigentliche auswärtige 
Politik, welche über das Bestreben, mit allen Mächten in möglichst gutem 
Einvernehmen zu leben, hinausging, gab es nicht. Oie Finanzlage war 
dauernd ungünstig und nur unter größten Schwierigkeiten gelang es, 
das Heer auf achtbarer Höhe zu halten, während die Seemacht in den 
allerengsten Grenzen blieb, obgleich das Bedürfnis nach einer starken 
Flotte angesichts der steigenden Seeinteressen und der Stärke der 
italienischen Flotte unleugbar war. 
Streitigkeiten, Unlust und Mutlosigkeit gaben dem öffentlichen Leben 
in Osterreich-Ungarn sein Gepräge. In den undeutschen Teilen der
        <pb n="387" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 345 
  
Bevölkerung bildete sich eine steigende Abneigung gegen das Bündniever-- 
hältnis mit dem Deutschen Reiche heraus, und die russischen, französischen, 
englischen Einflüsse unterließen keine Gelegenheit, diese Abneigung und 
damit die Uneinigkeit weiter zu fördern. Die Folge dieser Verhältnisse 
war, daß man in Europa die österreichisch-ungarische Monarchie als dem 
Untergange geweiht ansah, jedenfalls glaubte, sie werde in einem euro- 
päischen Kriege ohne weiteres zerfallen. 
Das russische Streben nach der Herrschaft auf der Balkanhalbinsel 
war durch die Ergebnisse des mißglückten Türkenkrieges und des an sie 
sich anschließenden Berliner Kongresses nicht berührt worden. Die bul- 
garische Krisis der achtziger Jahre hatte nicht nur gezeigt, daß Rußland 
ein nicht unter seiner Vormundschaft stehendes Bulgarien nicht wollte, 
sondern auch, daß jede derartige Frage, sobald sie akut wurde, den russisch- 
österreichischen Konflikt in unmittelbare Nähe bringen mußte. Das Er- 
gebnis dieser Balkanfragen war es damals, welches den Fürsten Biemarck 
zwang, wider Willen zwischen Rußland und Osterreich- Ungarn zu optieren, 
ferner das Bündnis mit der Doppelmonarchie zu schließen und seinen Ab- 
schluß von der Tribüne des Reichstages der Welt zu verkünden, damit 
der Friede Europas erhalten bliebe. Ebendaher rührte auch die Politik 
des Fürsten Bismarck, die Balkanangelegenheiten nach Möglichkeit ab- 
zuschieben, sie als gleichgültig zu behandeln und durch die Betonung 
dieser Gleichgültigkeit auch den österreichisch-ungarischen Staatsmännern 
nahezulegen, sich in der Balkanpolitik zurückzuhalten. Die Balkanpolitik 
der Doppelmonarchie ist nicht immer zielbewußt gewesen, besonders nicht 
im Hinblick auf die Beziehungen zu Bulgarien und zu Serbien. Es mutet 
heute sonderbar an, daß in dem bulgarisch-serbischen Kriege Österreich- 
Ungarn es war, welches — während Rußland keinen Finger für Serbien 
rührte — nach der Schlacht von Sliwnitza eingriff und Serbien rettete, 
dasselbe Serbien, für dessen Bergrößerung Osterreich-Ungarn auf dem 
Berliner Kongresse tatkräftig und erfolgreich eingetreten war. Den Zweck 
seiner Rettung Serbiens hatte Osterreich- Ungarn nicht erreicht, denn König 
Milan von Serbien, der im Gegensatz zur panslawistischen, nach der ruf- 
sischen Seite hinstrebenden Richtung seines Landes Stütze und Anschluß 
bei Osterreich-Ungarn gesucht und gefunden hatte, mußte nach der Schlacht 
von Sliwnitza abdanken. Auf den Thron gelangte sein minderzjähriger, 
geistig und moralisch minderwertiger Sohn Alexander. Mit ihm konnten 
die russischen Einflüsse bald fertig werden. Seine Heirat mit Oraga 
Maschin erschütterte seine Stellung dem Volke gegenüber endgültig, die 
Ermordung folgte, und der alte Kandidat Rußlands, Peter Karageorge- 
witsch bestieg den Thron Serbiens. Diese Thronbesteigung bildete den 
eigentlichen Wendepunkt und den Beginn der Entwicklung Ser-
        <pb n="388" />
        346 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
biens, welche schließlich zum Kriege geführt hat. Denn von da 
an gewann jene Politik in Serbien die Oberhand, welche später unter 
dem Namen der großserbischen Bestrebungen bekannt geworden ist. 
Ein Serbe, der vielgenannte Pasitsch, hatte schon unter König Milan 
einen Balkanbund unter der Fahne der nationalen Idee, also: „den Bal- 
kan den Balkanvölkern“, zu vertreten gesucht, jedoch vergebens, denn 
König Milan erblickte prophetisch darin den Untergang Serbiens. Als 
Peter Karageorgewitsch den Thron bestiegen hatte, vermählte sich die 
großserbische Ldee mit der des Balkanbundes, und über allem schwebte 
der allslawistische Gedanke. Oieser hatte sich aber inzwischen verwandelt. 
Während der Allslawismus früher vom kirchlich-religiösen Kegiment der 
russischen Orthodoxie ausgegangen war, war er jetzt nationalistisch ge- 
worden und nannte sich Reoslawismus. Befreiung der Balkanvölker, 
Zusammenschluß der Nationalitäten und der flawischen Rasse im großen 
Verbande war das neue Ziel. In Serbien, dem Ursprungslande, erregte 
die neue Idee wilde Begeisterung, und bald galt Osterreich-Ungarn als 
der Feind. Die in Bosnien wohnenden Serben und die des ungarischen 
Banates mußten „befreit“ werden und ebenso die des Sandschaks Nowi- 
basar. Der serbische Ebhrgeiz ging aber noch weit bierüber hinaus und 
verwurzelte sich in der Vorstellung, das serbische Reich müsse in der Größe 
wiederhergestellt werden, welche es einst unter Stefan Duschan gehabt hätte. 
Das Programm, welches König Peter damals von seinen Ministern 
bzw. Rußland vorgeschrieben wurde, bildete die politische Kriegserklärung 
an ÖOsterreich-Ungarn, nämlich: Propaganda in Bosnien unter der ser- 
bischen Bevölkerung, sich an Serbien anzuschließen und Stiftung von Un- 
zufriedenheit unter der mohammedanischen Bevölkerung Bosniens und 
der Herzegowina. Die dortige österreichisch-ungarische Berwaltung sollte 
durch die Propaganda diekreditiert werden. Wirtschaftlich lautete das 
Programm auf Befreiung von wirtschaftlichen Beziehungen zu ÖOster- 
reich--Ungarn und Belebung solcher mit Rußland, Frankreich, England 
und Italien, ferner Förderung des Balkanbundes durch Verständigung 
mit Bulgarien über Reformen in Mazedonien. Abnliche Arbeit wie in 
Bosnien sollte in Kroatien unter den dort wohnenden Serben und Serben- 
freunden betrieben werden. Zn damaliger Zeit ist Serbien in Deutsch- 
kand wenig beachtet worden, und man hat nicht ernst genommen, was 
dort vor sich ging. Das Regierungsprogramm aber, welches König Peter 
im Zahre 1905 zur Richtschnur nahm, läßt die Entwicklung der serbischen 
Verhältnisse bis zur Katastrophe 1914 ales vollkommen geradlinig und 
konsequent erscheinen. 
Auch Bulgarien trat zeitweise in das Zeichen des Neoflawioèmus, 
umd die hauptsächlich von Petersburg aus geleitete Propaganda wurde
        <pb n="389" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 347 
— 
mit besonderem Fleiß unter den slawischen Bölkern der österreichisch- 
ungarischen Monarchie betrieben: im ganzen ein ungebeurer Apparat, 
um Osterreich-Ungarn innerlich zu zersetzen, dann im geeigneten Augen- 
blick in Stücke zu schlagen, die Balkanvölker gegen die Türkei zu betzen 
und die allslawische Mutter Rußland über alles herrschen zu lassen. Ser- 
bien war der Hauptträger des „neoflawischen Gedankens“ geworden, 
blieb es und wurde damit der Sturmbock Rußlands gegen Österreich- 
Ungarn. Denn der „neoflawische Gedanke“ bildete letzten Endes nur den 
Oeckmantel für den russischen Drang nach Ausdehnung auf dem Wege 
der Eroberung und Unterdrückung. 
Wie an anderer Stelle geschildert worden ist, hielt sich die russische 
Politik auf der Balkanhalbinsel und im Orient stark zurück, solange die 
Hauptanstrengung nach dem fernen Osten hin gerichtet wurde. Treibe-- 
reien, wie die geschilderten auf dem Balkan, konnten mit den reichlichen 
russischen Mitteln bequem unterhalten werden, ohne daß Rußlande Politik 
sich damit irgend festlegte oder kompromittierte. Im Gegenteil hatte die 
russische Regierung mit der österreichisch-ungarischen seit 1897 ein Ein- 
vernehmen über den Balkanzuftand geschlossen; dieses wurde 1903 zum 
Mürzsteger Abkommen verdichtet. Der Inhalt dieser Vereinbarung ist 
früher seizziert worden. Ihr Zweck war, die Sicherung des Status quo 
der Balkanhalbinsel und gemeinsame Erledigung etwaiger Streitfragen 
durch die beiden Mächte. Oie russischen Staatsmänner haben diesen Zu- 
stand von Anfang an nicht als einen endgültigen betrachtet. Einer von 
ihnen äußerte sich dahin, man habe, solange Rußland im fernen Osten 
beschäftigt sei, die Balkanhalbinsel unter eine Glasglocke gestellt, damit 
dort nichts verändert werde, bevor Nußland sich wieder einer aktiven Orient- 
politik zuwenden könnte. 
Die Balkan= und Orientpolitik Großbritanniens stand offiziell im Zei- 
chen des Nichtsicheinmischens. Tatsächlich jedoch wurde eine umfangreiche 
und intensive Agentenarbeit auf dem Balkan getrieben, unter reichlicher 
BVerwendung englischen Geldes. In England haßte man den klugen 
Sultan Abdul Hamid, weil er nicht unter englischen Einfluß gelangen 
wollte, weil er die ägyptische Frage nicht als gelöst ansah, und hauptsächlich, 
weil er enge Beziehungen mit dem Deutschen Reiche für erstrebenswert 
bielt. England brauchte als Waffe gegen ihn und sein Regiment die Fragen 
und „Reformen“ in Mazedonien, Armenien, Albanien, Arabien usw. 
Die englische Presse entrüstete sich bald hier, bald dort über „Greuel“, 
welche durch die Wühlarbeit britischer Agenten in Gestalt von Aufständen 
hervorgerufen worden waren. Das sogenannte Balkankomitee unter-dem 
Vorsitz der Brüder Buxton war lediglich für diese Zwecke geschaffen wor- 
den und arbeitete mit größten Mitteln und der Humanitätsphrase. Zweck
        <pb n="390" />
        348 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
dieser Arbeit und der britischen Politik war, Schwächung, womöglich 
Auflösung des Türkischen Reiches, indem man fortwährend Unruhen 
erzeugte und Reformen verlangte, die, wie in London wohl bekannt war, 
angesichts der türkischen Zustände nicht durchzuführen waren. Die Stel- 
lung Frankreichs zur Türkei war eine verhältnismäßig freundliche, jeden- 
falls bis zum Russisch-Zapanischen Kriege, wegen der sehr großen geldlichen 
Interessen und der noch größeren Konzessionswünsche Frankreichs in 
der Türkei. Daraus ergab sich das Bestreben, sich mit der Pforte gut zu 
stellen und dem wachsenden deutschen Wettbewerb nach Möglichkeit die 
Spitze zu bieten. Großbritanniens Ziele waren anderer Art: sie gingen 
auf Auflösung des Türkischen Reiches und Abtrennung Arabiens unter 
großbritannischem Zepter. Die britische Flotte sollte dann die türkischen 
Gewässer einschließlich der Meerengen beherrschen. 
Das Mürzsteger Abkommen lief den Wünschen in London zuwider, 
und König Eduard VII. begann bereits 1903 anläßlich eines Besuches in 
Wien seinen Einfluß auf englische Beteiligung an den Balkanfragen, also 
auf englische Einmischung, geltend zu machen. Die geschickte, zielsichere 
Arbeit hatte Erfolg. Im Zahre 1905 war es nicht nur der englischen, son- 
dern auch der französischen Politik gelungen, ihren Einfluß in das damals 
aufgestellte Reformprogramm für die türkischen, insbesondere für die 
mazedonischen Zustände einzuführen. Die mazedonische Finanzkontrolle 
mit allem, was daran hing, wurde den sechs Großmächten in die Hände 
gelegt, damit, wie die britischen Vertreter sich ausdrückten, auch die an- 
deren Mächte das Recht hätten, sich zur Geltung zu bringen. Der Sultan 
verweigerte die Annahme des Reformprogrammes, von dem er erkannte, 
daß es gegen den Bestand seines Reiches gerichtet war. Die Folge war 
eine internationale Flottendemonstration, zugleich die Beschlagnahme 
der Zölle und der Postanstalten. Der Sultan gab dem Druck nach, nach- 
dem er erreicht hatte, daß in der internationalen Finanzkommission auch 
ein türkischer Beamter zugelassen wurde. Das Deutsche Reich hatte sich 
an dieser Druckaktion nicht beteiligt, getreu seinem Grundsatz, auch nicht 
den Schein einer unfreundlichen Haltung der Türkei gegenüber auf sich 
zu laden. 
Der Umschwung der Balkanverhältnisse war groß und grundsätzlich. 
An die Stelle des biöherigen russisch-österreichischen Einvernehmens auf 
der Balkanhalbinsel war ein internationaler Rat unter Führung Groß- 
britanniens getreten. Die britische Politik sprach das gewichtigste Wort 
bei der Gestaltung der sogenannten Reformprogramme, welche die Stel- 
lung der Türkei in Europa mit der Zeit unhaltbar machen sollte. Für 
Deutschland wie für Österreich-Ungarn war diese Wendung böchst un- 
erwünscht, aber ihre Politik wußte kein Mittel dagegen. Mit dem Jahre
        <pb n="391" />
        Orientpolitit und Bosnische Krisis. 349 
  
1905 stand also die damals im vollen Werden begriffene Tripelentente 
vereint auf dem Balkan und vereint der Türkei feindlich und lauernd 
gegenüber. 
Im Hochsommer 1905 war König Eduard wieder in Wien, um Kaiser 
Franz Joseph und die verantwortlichen Staatsmänner der Doppelmon-- 
archie für seine Balkanpolitik zu gewinnen. Die Mürzsteger Konvention 
war weggefegt, und das neue ,europäische Konzert“ diente Großbritan-- 
nien, um die Finanzkontrolle der Türkei im Einverständnisse mit seinen 
Freunden zu handhaben. Großbritannien verweigerte der Türkei z. B. 
die Erhöhung ihrer Einfuhrzölle, bis es Konzessionen erhalten hatte. 
Überall empfand die Türkei den englischen Druck und die englische 
Feindseligkeit, und Deutschland sah den englischen Einfluß stärker und 
erfolgreicher denn je gegen die Möglichkeit des Baues der Bagdadbahn 
arbeiten. 
Zm Zahre 1906 war, wie früher dargelegt worden ist, die britisch- 
russische Einigkeit de facto bereits vorhanden, und man darf annehmen, 
daß Rußland damals für seine Balkanpolitik, wie für seine Absichten 
auf Armenien freie Hand von Großbritannien erhalten hat. Rußland, 
Frankreich und Großbritannien standen ebenso geschlossen gegen den 
Weiterbau der Bagdadbahn und jedes Wachsen des deutschen Einflusses 
in der Türkei, wie sie geschlossen standen für Förderung der großserbischen 
und überhaupt der neoflawischen Bestrebungen, außerdem der jungtür- 
kischen Propaganda, welche bereits seit langen Jahren auf Sturz des 
Sultans Abdul Hamid ausging und ihn vorbereitete. Oie beiden alten 
Antagonisten, Großbritannien und Rußland, fanden sich in gemeinsamem 
Hasse gegen das Deutsche Reich und in gemeinsamer Besorgnis vor den 
Erfolgen deutscher Wirtschaftstüchtigkeit im Orient zusammen. Sie er- 
kannten, daß auch in diesem Sinne die Balkanhalbinsel Berbindung und 
Weg zwischen Zentraleuropa und dem Orient bildete. Das Motto auch 
dieser Politik war Isolierung Deutschlands, die Frage vorläufig noch, 
ob Osterreich-Ungarn durch Drohung und Lockung vom deutschen Bundes- 
genossen loszureißen oder zusammen mit ihm als dem früher oder später 
zu vernichtenden Feind selbst zu zertrümmern sei. 
Der seit 1906 die auswärtige Politik Osterreich-Ungarns leitende 
Minister, Freiherr v. Aehrenthal, hatte nicht vermocht, die ungünstige 
Wendung infolge des Dazwischentretene der britischen Diplomatie zu ver- 
hindern. Um so mehr war er der Auffassung, daß es für Österreich- 
Ungarn höchste Zeit sei, in seiner auswärtigen Politik Kraft und Willen 
zu zeigen und durch eine energische Aktion zu bekunden, daß Osterreich- 
Ungarn nicht beabsichtige, alo Balkanmacht abzudanken. Im ZJanuar 
1908 verkündete Aehrenthal in den Delegationen: Osterreich-Ungarn habe
        <pb n="392" />
        350 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
den Entschluß gefaßt, eine Eisenbahn durch den Sandschak Nowibasar 
zu bauen und so die bereits vorhandene bosnische Eisenbahn von Uwatsch 
bie Mitrowitza zu verlängern. Nach Ausfüllung dieser Lücke würde eine 
direkte Bahnverbindung von Wien über Graz—Agram—Sarajewo— 
Mitrowitza und Usküb nach Saloniki vorhanden sein. Freiherr v. Aehren- 
thal berief sich in seinen Llusführungen auf das Recht, welches Osterreich- 
Ungarn hierzu nach Artikel 25 des Berliner Bertrages (1878) zustand. 
Dieses Recht Osterreich-Ungarns war ausdrücklich und unbestreitbar. Des- 
halb hatte der österreichisch-ungarische Minister auch die anderen Mächte 
nicht erst gefragt, sondern alle Vorbereitungen getroffen, schon bevor er 
in den Oelegationen seinen Plan verkündete: unmittelbar nachher wurde 
die Zustimmung des Sultans formell zum Bahnbau erteilt. 
Die Beröffentlichung dieses Planes fiel wie eine Bombe in die Bal- 
kan- und Orientpolitik aller der anderen Mächte binein, welche 1914 unsere 
Gegner geworden sind. Ihre Politik wollte Osterreich und Deutschland vom 
Balkan abschließen, und der Bahnbauplan des Freiherrn v. Aebrenthal be- 
zweckte das Gegenteil, nämlich die wirtschaftliche Berbindung mit Saloniki. 
Unter Vortritt Großbritanniens erhob sich ein ungeheurer Lärm 
gespielter Entrüstung. Das vertragliche Recht konnte man Österreich- 
Ungarn leider nicht bestreiten, wenn auch ein Teil der britischen Presse 
meinte: der Berliner BVertrag gestatte zwar das Recht zum Straßenbau 
im Sandschak Nowibasar, aber nicht zum Eisenbahnbau; man sieht, mit 
was für Argumenten gearbeitet wurde. Sir Edward Grep und die rus- 
sische Regierung erklärten aber entrüstet, daß der Bahnplan die Mürz- 
steger Konvention verletze und ebenso deren „internationale Ausgestaltung“, 
denn Osterreich-Ungarn strebe mit dem Bahnbau eine wirtschaftliche 
Sonderstellung in der Türkei an, habe sogar Sonderverhandlungen mit 
dem Sultan angeknüpft. Das widerspräche dem Geiste uneigennützigen 
internationalen Zusammenwirkens. Daneben gaben diese Mächte der 
Auffassung Aus#druck, daß der Bahnplan durch die Balkanhalbinsel nach 
Saloniki zwar wirtschaftspolitisch aussehe, aber nur die Vorstufe zum 
machtpolitischen Vorstoße in der gleichen Richtung bilde. Diese Andeutung 
galt mehr dem Deutschen Reiche als ÖOsterreich-Ungarn. In Großbritan- 
nien, Rußland, Frankreich und in den Balkanstaaten bieß es: die Balkan-- 
halbinsel nicht nur, sondern der gesamte Orient sollten nunmehr mit Ein- 
willigung der Türkei unter die germanische Hegemonie gebracht werden. 
Großbritannien behauptete schließlich auch, daß sein Seehandel in der 
Levante nach Kleinasien und Mesopotamien durch die Bahn Wien— 
Saloniki leiden würde. Italien erblickte in der Bahn eine Bedrohung 
seines adriatischen Handels nach der Balkanhalbinsel und nach der Levante. 
Zn Serbien, Montenegro und Rußland aber war man voll Wut über einen
        <pb n="393" />
        Orientpolitik und Boenische Krisie. 351 
  
solchen Ausbau der österreichischen Stellung auf der Balkanhalbinsel. 
Die Bahn ging durch den Sandschak Nowibasar und südlich von ihm ge- 
legene Teile der europäischen Türkei, in denen auch Serben wohnten, 
der also zum künftigen Großserbien gehören sollte. Der Sandschak Nowi- 
basar war nach Bo#ênien, Montenegro und der Küste wichtig. Sollte 
dort in Zukunft österreichischer Einfluß verewigt werden, so war der 
großserbische Traum ausgeträumt. Ungünstiger stand es dann auch mit 
der Hoffnung auf den Zerfall Österreich-Ungarns, den man sich als nahe 
bevorstehend dachte. Auch hierfür war schon ein Programm vorhanden, 
und zwar ein solches Petersburger Ursprunges: die nach außen ohnmäch- 
tige Doppelmonarchie werde zerrissen durch den Hader der Nationali- 
täten, deren jede ein besonderee Zentrum bilde und bilden wolle. Die 
Slawen Österreich-Ungarns — so hieß es — wünschten nichts sehnlicher 
als die Bereinigung mit ihren Brüdern im Süden. 1906 schrieb die in 
Parie erscheinende „Revue Slave“: sämtliche Slawen in Mitteleuropa 
und auf der Balkanhalbinsel müßten nach einem großen Zollvereine mit 
Rußland, den Madjaren, Rumänen und Griechen streben. Alle diese 
Bölker hätten davon viel größeren Nutzen al5 von dem Zollverein mit 
Deutschland ... „Nußlands erneuerte Kraft wird unerschütterlich sein, 
sobald das ganze slawische Element geeint unter seinem moralischen Schutze 
ein entschiedener Gegner aller dieser Brutalitätspolitik wird.“ — 
Die Mächte einigten sich unter britischer Führung auf ein Gegenbahn-- 
projekt, welches von einem Punkt der adriatischen Küste nach der Donau. 
führen sollte. Bis zum Zahre 1911 ist darüber verhandelt worden unter 
prinzipieller Zustimmung der Türkei, aber ohne praktisches Ergebnis. 
In Österreich-Ungarn erregte dieser „europäische“ Sturm tiefes Er- 
staunen, und man fühlte sich besonders durch die unerwartet schroffe Hal- 
tung Großbritanniens verletzt. Zum erstenmal vielleicht begann man in 
Wien die eigentlichen Triebfedern und Richtungen der großbritannischen 
Politik zu ahnen und zu begreifen, daß es dieser nicht auf Recht oder Un- 
recht, sondern auf Herrschaft und Gewalt ankam. Der Schlag wurde gegen 
OÖsterreich-Ungarn geführt. Treffen sollte er Deutschland mit, letzten Endes 
hauptsächlich. 
Am 19. Juli 1908 besuchte König Eduard von England den russischen 
Zaren zu Reval; der Unterstaatesekretär Sir Ch. Hardinge und der Minister 
Jöwolski waren zugegen. Diese Zusammenkunft sollte äußerlich das bri- 
tisch-russische Einvernehmen krönen. Zbre Bedeutung war aber eine größere. 
Wenige Tage vorher hatte Sir Edward Grey erklärt: man beabsichtige 
keinen Vertrag oder noch ein Abkommen mit der russischen Regierung 
zu schließen. Der Besuch sei schon längst geplant worden, habe aber erst 
jetzt zur Ausführung gelangen können. Gleichwohl träfe zu, daß er ein.
        <pb n="394" />
        352 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
politisches Ergebnis haben werde. — Die Trinksprüche in Reval waren 
vorsichtig und korrekt gehalten, aber ausdrücklich wiesen sie hin auf die 
tatsächliche politische Tragweite der russisch-englischen Ubereinstimmung, 
wenn auch die Abmachungen einen begrenzten Charakter hätten. König 
Eduard sprach von der befriedigenden Regelung einiger wichtiger Zu- 
kunftsfragen in freundschaftlicher Weise. Sein Unterstaatssekretär Har- 
dinge und der russische Minister Iswolski veröffentlichten eine amtliche 
Mitteilung: die beiden Minister hätten sich aufs neue von dem gegensei- 
tigen Wunsche Rußlands und Großbritanniens überzeugen können, mit 
allen Mächten die besten Beziehungen aufrecht zu erhalten und keine von 
ihnen über ihre Ziele zu beunruhigen, sei es binsichtlich der Spezial- 
abkommen oder der allgemeinen Politik der beiden Mächte. Beides könne 
mur zur Aufrechterhaltung des Friedens beitragen. 
Das waren teils allgemeine Phrasen, teils allerdings eine etwas 
verdächtige Berteidigung des Wesens der britisch-russischen Nberein-- 
stimmung; Berteidigung ohne vorbergegangenen Angriff ist an sich ver- 
dächtig nach dem französischen Sprichwort, daß, wer sich entschuldigt, sich 
anklagt. Diese damals schon vorhandene Auffassung ist später als richtig 
bestätigt worden, denn man erfuhr einwandfrei, daß in jenen Tagen 
von Reval die beiden Monarchen bzw. Hardinge und Zswoleki sich darüber 
einig geworden sind, im Bereine mit Frankreich und den Balkanstaaten 
den Vernichtungskrieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn zu 
führen, sobald Rußland seine Armee reorganisiert haben würde. Oie 
russischen Fachleute haben damals einen Zeitraum von sechs bis acht Zahren 
dafür angegeben, also als Termin die Zahre 1914—1916. Wie es britische 
Gewohnheit war, wurden keine schriftlichen Abmachungen getroffen. Sie 
waren nicht nötig, denn man wußte auf beiden Seiten, daß man die 
gleichen Ziele hatte und den gleichen Gegner vernichten wollte. Der Zeit- 
punkt für solch weittragende Abmachungen gerade damals war richtig 
gewählt, denn der Kreis der Mächte durch die britischen Ententen und 
Vereinbarungen war geschlossen, nachdem die britische Politik auch in 
der europäischen Balkanpolitik die Führung gewonnen und folgerichtig 
die bieberige russisch-österreichische Balkanentente gesprengt hatte. 
Die Stellung Deutschlands zum Aehrenthalschen Sandschakbahn-- 
projekt war nach dem Gesagten von vornherein gegeben. Bülow erklärte 
im Reichstag: man habe dieses Projekt mit Sympathie begrüßt, da unser 
Bundesgenosse nur von einem Rechte Gebrauch mache, anderseits diese 
Vermehrung der Verkehrswege ein wirksames Mittel bilde, „um den Stand 
der Kultur in jenen Gebieten zu heben und damit auch die wilden kon- 
fessionellen und Stammesleidenschaften zu zügeln ... Aus dem Grund- 
#atz der Aufrechterhaltung des Status quo ergibt sich ferner, daß unsere
        <pb n="395" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 353 
  
Bestrebungen gerichtet sind: einerseits auf die Erhaltung der Einigkeit 
unter den Mächten, anderseits auf die Zustimmung der Pforte zu den 
vorgeschlagenen Reformen. Man kann von uns keinen Enthusiasmus 
für Maßnahmen erwarten, die wir nicht für wirksam oder die wir gar 
für gefährlich halten. Zu den letzteren rechnen wir Neuerungen, die die 
Landeshoheit des Sultans gefährden und dadurch die Türkei und ihre 
mohammedanische Bevölkerung zum äußersten Widerstand reizen würden.“ 
Diese Wendungen, besonders die letzten beiden Sätze, bezeichneten 
die ablehnende Stellung Bülows gegenüber dem Ziele der englisch-ruf- 
sischen Zusammenarbeit auf dem Balkan: Mazedonien vom Türkischen 
Reiche zu lösen und so das Signal zur Zertrümmerung der europäischen 
Türkei zu geben. Der Standpunkt des Deutschen Reichskanzlers blieb auch 
jetzt noch: Deutschland müsse in allen politischen Orientfragen sich nach 
Möglichkeit zurückhalten. Im November 1907 noch hatte Bülow gesagt: 
„Die Frage der mazedonischen Reformen gehört zu dem Kompler von 
Fragen, in denen wir den Ententemächten in den Verhandlungen mit der 
Pforte den Vortritt lassen.“ Im März 1908 war die Sprache des Kanz- 
lers schärfer, enthielt aber trotzdem keine Andeutung, für die Türkei und 
gegen die Großmächte Stellung zu nehmen. König Eduard und seine 
Ratgeber rechneten mit dieser deutschen Zurückhaltung und hofften 
„tätig“", daß sie türkische Mißstimmung gegen Deutschland zur Folge 
haben würde. 
König Eduard von England hatte seit Beginn seiner Regierung 
großen Wert darauf gelegt, seine persönlichen Beziehungen zu Kaiser 
Franz Joseph freundschaftlich und eng zu gestalten. Seit 1907 soll er ver- 
sucht haben, ÖOsterreich-Ungarn von seinem deutschen Bundesgenossen 
zu lösen, außerdem Kaiser Franz Joseph zu Einwirkungen auf den Deut- 
schen Kaiser zu veranlassen, dieser möge den deutschen Flottenbau ein- 
schränken. Kaiser Franz Joseph habe derartige Zumutungen von sich 
gewiesen. In diesen Gerüchten wird, wie meist in ähnlichen Fällen, ein 
Kern von Wahrheit stecken. Es kommt aber weniger darauf an, wieviel 
Wahres daran gewesen ist. Hätte Deutschland in dieser Richtung nach- 
gegeben, so würde das deutsch-britische Berhältnie nicht besser, sondern 
nur die deutsche Stellung der großen Einkreisungsentente gegenüber eine 
schwächere geworden sein. Gab Kaiser Franz Joseph sich zur Ubermittlung 
eines solchen Auftrages nicht her, so handelte er nur klug, im Znteresse 
der deutsch-österreichischen Beziehungen und damit im Znteresse der 
Doppelmonarchie. 
Was die großbritannischen Versuche betrifft, Osterreich-Ungarn auf 
die Seite der Tripelentente zu bringen, so beziehen sich diese mit auf einen 
Aufteilungsplan des Türkischen Reiches, der von Lord Curzon aus- 
Graf Reventlow, Deutschlands auswäetige Polltie. 25
        <pb n="396" />
        354 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreifung. 1908—1914. 
  
gegangen sein soll. Danach hätte Großbritannien die asiatische Türkei von 
der europäischen abtrennen und ein Kalifat in Mekka errichten wollen. 
An dieser Teilung hätte Osterreich- Ungarn beteiligt werden sollen, während 
Deutschland leer ausging. Der Plan hätte die Vernichtung der Türkei 
bedeutet und eine ebenso überragende wie erdrückende Stellung Rußlands 
auf der Balkanhalbinsel und im nahen Orient. Osterreich-Ungarn hätte 
einen größeren Fehler, als auf ähnliche Vorschläge einzugehen, nicht 
machen können, denn über kurz oder lang wäre der des deutschen Rückhaltes 
entbehrenden Doppelmonarchie das Schicksal der Türkei bereitet worden. 
Es ist falsch, wenn hier und da angenommen ist, Österreich-Ungarn habe 
damals eine unpraktische Gefühlspolitik getrieben, wie z. B. in der Schrift 
„Wie wir zu Bosnien kamen" (Dr. A. Fournier) im Hinblick auf die letzte 
Begegnung zwischen König Eduard und Kaiser Franz FLoseph gesagt wird. 
Damals nach Reval hätte in Wien gerechtes Mißtrauen anläßlich der ruf- 
sisch-englischen Balkanentente bestanden, und das Verhältnis der beiden 
Regierungen sei gespannt gewesen. „Bielleicht hätte es Osterreichs Kaiser 
bessern können, wenn er damals sein freundschaftliches Berhältnis zum 
Deutschen Reiche etwas weniger bestimmt betont hätte, als es seiner 
Bundespflicht entsprach.“ — Oas ist realpolitisch ein starker Zrrtum, denn 
ein auf solche Weise gebessertes österreichisch-britisches Berhältnis würde 
schon bald die schwersten Rückschläge für Osterreich-Ungarn gezeitigt haben. 
Wie wenig sentimental die österreichisch-ungarische Politik dachte, ging 
übrigens aus den vielbemerkten Außerungen des Freiherrn v. Aehren- 
thal zu Anfang des Zahres 1908 hervor. Damals wies er auf die Grenzen. 
der österreichischen Bundespflichten hin. Das eigentliche Wesen des deutsch- 
österreichischen Bündnisses liege in dem für beide Mächte gleichermaßen 
vorhandenen Znteresse, daß jede von ihnen eine Großmacht bleibe. Für 
gewisse deutsche Sonderinteressen jedoch habe das Bündnis keine Geltung. 
„Wenn Oeutschland z. B. im Baltischen Meere oder in der Nordsee ein 
spezielles Interesse hätte und dort Verwicklungen entstehen würden, so 
würden dadurch unsere Berpflichtungen nicht berührt.“ — Ahnlich war 
der Standpunkt Osterreichs zu den verschiedenen Spannungen und Krisen 
in der Marokkoangelegenheit. 
Wie Fürst Bülow in seinen zitierten Worten angedeutet und 
wie die deutsche Regierung überhaupt vermutet hatte, wurden die von 
den Mächten unter Englands Führung der Türkei angeblich zur Reform 
der Zustände in Mazedonien gemachten Vorschläge zum Signal für schwere 
Unruhen. Die jungtürkische Bewegung trat plötzlich Mitte Juli 1908 
führend in den Vordergrund, beseitigte die absolute Gewalt des Sultans 
und setzte die Verfassung vom Jahre 1876 wieder in Kraft, welche Abdul 
Hamid nach dem Russisch-Türkischen Kriege hatte einschlafen lassen.
        <pb n="397" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 355 
  
Die sogenannte jungtürkische Bewegung im Osmanischen Reiche 
datierte bereits seit längerer Zeit. Ihr Ziel war von Anfang an: Be— 
seitigung des Absolutismus des Sultans, Inkraftsetzung einer Berfassung, 
Einführung moderner europäischer Einrichtungen überhaupt im innerstaat- 
lichen Leben des Türkischen Reiches, Gleichberechtigung aller im Türkischen 
Reiche vereinigten Nationalitäten und Religionsbekenntnisse. Alle diese 
verschiedenen und vielfach einander bekämpfenden Elemente und Strö- 
mungen sollten unter der Fahne des nationaltürkischen Staatsgedankens 
gesammelt werden. Die jungtürkische Bewegung hatte ihre Propaganda 
immer mit Heimlichkeit und Borsicht ausüben müssen, denn Abdul Hamid 
war mit Todesurteilen und Strafen nicht sparsam. Im Ausland, zumal 
in Paris und London, auch in Brüssel lagen die Agitationsmittelpunkte 
der Zungtürken, die auch ihre Bildung und Erziehung durchweg in Frank- 
reich und England, zu einem kleineren Teile in Deutschland zu vollenden 
pflegten. Die Bewegung hatte von Anfang an einen starken jüdischen 
Einschlag — daher auch später der Sitz des Komitees in Saloniki —, der 
sie mit den Mittelpunkten des europäischen Kapitals in Berbindung brachte 
und in Fühlung erbielt. Die jungtürkische Bewegung wurde in Frankreich 
und Großbritannien eifrig und kräftig unterstützt, denn man betrachtete sie 
dort als das Mittel, um Abdul Hamid zu beseitigen und die freundschaft- 
lichen Beziehungen zwischen dem Türkischen Reiche und den beiden euro- 
päischen Zentralmächten, im besonderen dem Deutschen Reiche, zu zer- 
stören. Das Sandschakbahnprojekt des Freiherrn v. Aehrenthal war nicht 
nur ein Schlag ins Gesicht der großserbischen Idee, sondern, wie wir sahen, 
auch ein großes ÄArgernis für Großbritannien, Frankreich und Rußland. 
So ergibt sich für den Beurteiler ein einfacher Zusammenhang zwischen 
diesen Borgängen und den Revaler Abmachungen. Diese fanden nur 
wenige Monate nach Beröffentlichung des Sandschakbahnprojektes statt, 
und zwar unter völliger Umgehung und Ausschaltung Osterreich-Ungarns, 
welches als einzige Balkangroßmacht ebenso tief wie legitim an der Ge- 
staltung der Balkanverhältnisse und nicht zum wenigsten an denen in 
der Türkei interessiert war. Diese Ausschaltung bedeutete schon an sich 
die politische Kriegserklärung Rußlands und Großbritanniens an die 
Doppelmonarchie und damit an ihren Berbündeten. 
Auch den Türken sagte das Revaler Programm, daß an Stelle des 
russisch-österreichischen Mürzsteger Abkommens nunmehr ein russisch- 
englischer Operationsplan getreten war und bestimmt sein sollte, der euro- 
päischen Türkei den Todesstoß zu geben. Bieher hatte Abdul Hamid und 
hatten die türkischen Staatemänner ihre Politik auf der Grundlage der 
widerstreitenden russisch-englischen Interessen mit Erfolg für die Erhal- 
rung des Türkischen Reiches ausüben können. Nun waren sich diese beiden 
23“
        <pb n="398" />
        356 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
alten Gegner mit Frankreich und den Balkanstaaten hinter sich über ihre 
Türkeipolitik einig geworden. Diese Einigung faßte man in der Türkei als 
Lebensgefahr für ihren Bestand auf, da das mazedonische Reformprojekt 
die Zntegrität der europäischen Türkei aufs tiefste berührt und den An- 
fang von ihrem Ende gebildet haben würde. Tiefe Beunruhigung ging 
durch die Türkei, und wenige Wochen darauf hatte das jungtürkische 
Komitee die Gewalt in Händen. Das liberale Programm des Komitees, 
welches trotz Sultan und Regierung und trotz eigener Namenlosigkeit 
regierte, wirkte zunächst volkstümlich. Der oberste Programmpunkt war: 
ungeschmälerter Bestand des Türkischen Reiches, alle Nationalitäten und 
Bekenntnisse sollten gleiche Rechte haben, mit durchgreifenden Reformen 
sollte sofort begonnen werden. Dem Revaler Programm, welches diese 
Reformen für Mazedonien dem Türkischen Reiche in Gestalt internationaler 
Kontrolle aufzwingen wollte, war damit bis auf weiteres der Boden ent- 
zogen. Seine Durchführung wurde zurückgestellt, um, wie Sir E. Gren 
sagte, dem neuen jungtürkischen Regime Zeit zu geben. Es ist nach den ge- 
schilderten inneren Zusammenhängen wohl verständlich, wenn Grey im 
Unterhause sagte: „Wir begrüßen für den #A#lugenblick die neugeschaffene 
Lage . unsere Ziele in Mazedonien sind niemals politische gewesen.“ 
Zm BVerlaufe derselben Rede betonte Grey, daß er an eine Politik der 
Isolierung des Deutschen Reiches nicht im entferntesten denke. Dabei 
glaubte er und glaubte die ganze Tripelentente hoffnungsfreudig, daß man 
durch die Entfachung der jungtürkischen Bewegung einen weiteren ent- 
scheidenden Schritt zur Isolierung Deutschlands getan habe, zur Isolierung 
nämlich vom Orient. Man hoffte mit Bestimmtbeit, daß durch die Aus- 
schaltung Abdul Hamids, auf dessen zwei Augen die deutsch-türkische Freund- 
schaft gestanden habe, nunmehr dieser selbst ein Ende gemacht worden 
sei und damit auch den wirtschaftlichen Konzessionen an Deutschland und 
den deutsch-türkischen Bahnbauten. Wären die britisch-russischen Pläne 
gelungen, so würde damit in schroffem Widerspruche zu den Worten Greys 
dem Deutschen Reiche wirtschaftlich wie politisch ein schwerer Schlag zu- 
gefügt worden sein. 
Zn Konstantinopel und überhaupt in den Städten der europäischen 
Türkei herrschte, wie gewöhnlich bei solchen Umwälzungen, zunächst nach 
Einführung des jungtürkischen Regimes ungeheure Begeisterung. Man 
sah nur Befreiung, Morgenröte und anderes Schöne. Als Merkwürdiges 
kam hinzu, daß die Balkanvertreter des Neoslawiemus und eines Balkan- 
bundes die jungtürkische Bewegung zum Anlasse nahmen, um die beiden 
im GErunde so verschiedenen Bewegungen politisch zu verschmelzen. Die 
großserbische Propaganda flammte mit nie vorher dagewesener Heftigkeit 
auf, und von Petersburg aus wurde wieder die Parole: der Balkan den
        <pb n="399" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 357 
  
Balkanvölkern, natürlich unter russischer Bormundschaft, verkündet; der 
germanische Einfluß sollte vom Balkan vertilgt werden. 
Da wurde am 5. Oktober 1908 das folgende Schreiben des Kaisers 
Franz Joseph an den Freiherrn v. Aehrenthal veröffentlicht: 
„Durchdrungen von der unerschütterlichen Uberzeugung, daß die 
hohen kulturellen und politischen Zwecke, um derentwillen die österreichisch- 
ungarische Monarchie die Besetzung und Berwaltung Bosniens und der 
Herzegowina übernommen hat, und die mit schweren Opfern erzielten 
Erfolge der bisherigen Berwaltung nur durch die Gewährung von ihren 
Bedürfnissen entsprechenden verfassungsmäßigen Einrichtungen dauernd 
gesichert werden können, für deren Erlassung aber die Schaffung einer klaren 
unzweideutigen Rechtsstellung beider Länder eine unerläßliche Voraus- 
setzung bildet, erstrecke ich die Rechte meiner Souverêènität auf Bosnien 
und die Herzegowina und setze gleichzeitig die für mein Haus geltende 
Erbfolgeordnung auch für diese Länder in Wirksamkeit. Zur Kundgebung 
der friedlichen Absichten, die mich bei dieser unabweislichen Verfügung ge- 
leitet haben, ordne ich gleichzeitig die Räumung des Sandschaks Nowibasar 
von den dahin verlegten Truppen meiner Armee an.“ 
Mit andern Worten: Die bis dahin laut Artikel 25 des Berliner Ver- 
trages von Österreich-Ungarn nur besetzten und verwalteten „Okkupations-- 
gebiete“ Bosnien und die Herzegowina wurden nunmehr im Sinne des 
Begriffes annektiert, staatsrechtlich den übrigen Gebieten der Doppel- 
monarchie angegliedert. Wenn der derzeitige österreichisch-ungarische Be- 
vollmächtigte, Graf Julius Andrasspy, während des Berliner Kongresses ge- 
wollt hätte, so würde damals dem Schritte nichts im Wege gestanden haben, 
welchen Kaiser Franz Loseph am 5. Oktober 1908 tat und bekanntgab. 
Diesen Schritt zu tun lag aber nicht in den Absichten Andrassys, und es 
blieb bei dem Rechte der Besetzung und Berwaltung für unbegrenzte Zeit. 
Freilich hatte Andrassy noch vor Schluß des Berliner Kongresses sich zu 
einem Zugeständnisse an die türkische Regierung bewegen lassen, indem er 
den türkischen Bevollmächtigten durch ein geheimes Abkommen sich ver- 
pflichtete: die Okkupation Bosniens und der Herzegowina sei nur eine 
zeitweilige und ändere nichts an den Souveränitätsrechten des Sultans. 
Die türkischen Bevollmächtigten erklärten, sie brauchten diese Akte nur zu 
ihrer persönlichen Deckung dem Sultan gegenüber, sie werde im übrigen 
stets geheim gehalten werden. Sonst könnten sie aber die Berliner Kon- 
greßakte nicht unterzeichnen. Andrassy gab nach und hat damit der Türkei 
immerhin eine Waffe für den Fall österreichisch-ungarischer Annexions- 
wünsche in die Hand gelegt. Als dann nach Unterzeichnung der Berliner 
Kongreßakte noch ein entsprechender Sondervertrag zwischen ÖOsterreich- 
Ungarn und der Türkei zustande kam, blieb aber die Klausel vom proviso-
        <pb n="400" />
        358 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1911. 
  
rischen Charakter der Okkupation fort. Ferner kam vor der letzten Sitzung 
des Berliner Kongresses zwischen Osterreich-Ungarn und Rußland eine 
Sonderabmachung zustande, des Inhaltes: Wenn infolge etwaiger aus 
der türkischen Berwaltung des Sandschaks Nowibasar entstehender Miß- 
helligkeiten Osterreich-Ungarn gezwungen sein könnte, dieses Gebiet end- 
gültig zu besetzen, wie Bosnien und die Herzegowina, so werde die ruf- 
sische Regierung keinerlei Einwendungen erheben. Ahnliche Versicherungen 
Großbritanniens lagen schon vor dem Kongresse vor. — 
Oreißig Jahre lang hatte Osterreich-Ungarn diese Gebiete besetzt ge- 
halten und verwaltet, Ordnung war geschaffen worden, und die Bevölke- 
rung gedieh. Die Länder waren durch den Umfang dieser zivilisatorischen 
Arbeit auch innerlich Eigentum der Doppelmonarchie geworden. Sie zu 
annektieren, soll in Wien schon früher erwogen worden sein, jedoch hatten 
die österreichisch-ungarischen Staatsmänner sich zum Entschlusse nicht durch- 
ringen können. Die türkische Revolution und ihre Begleiterscheinungen 
zwangen zu schnellem, entschlossenem Vorgehen, ehe die serbisch-flawische 
Bewegung in unnatürlicher Vereinigung mit der jungtürkischen die Okku- 
pationsgebiete in Brand setzte. Eine jungtürkische Gefahr war deshalb vor- 
handen, weil nicht nur Mohammedaner in den Okkupationsgebieten wohn- 
ten, auch türkische Krongüter sich dort befanden, sondern jenes Geheim- 
abkommen mit dem Grafen Andrassy unter dem neuen Feldgeschrei der 
Integrität des Türkischen Reiches zur Rückforderung der Okkupationsgebiete 
an die Türkei führen konnte. Oie Annexion durch die österreichisch- 
ungarische Monarchie schnitt die großserbischen wie die türkischen Wünsche 
in boônischer Richtung kurz ab und stellte beide Bewegungen vor eine 
vollendete Tatsache. 
Freiherr v. Aehrenthal hatte von seinem Schritte vorher niemanden 
benachrichtigt, auch nicht die Türkei. König Eduard von England hatte noch 
am 153. August in Wien geweilt, aber auch ihm hatte man von den Plänuen 
nichts gesagt, obgleich sie vollkommen bereit zur Ausführung waren. Freiherr 
v. Aehrenthal war keineswege unvorbereitet zur Annexion geschritten. Er 
hatte dem deutschen Staatssekretär des Auswärtigen, Freiherrn v. Schoen, 
und dem italienischen Minister des Auswärtigen, Herrn Tittoni, seine Absicht 
der Annexion eröffnet, ohne bei ihnen einem Widerspruche zu begegnen. Uber 
den Zeitpunkt, wann er sie beabsichtigte, hatte er jedoch nichts verlauten 
lassen und ist anscheinend von den beiden Staatsmännern auch nicht danach 
gefragt worden. Drei Wochen vor der Annexion hatte Aehrenthal zu Buch- 
lau eine Begegnung mit dem russischen Minister des Auswärtigen, Herrn 
Zowoleki. Mit diesem soll auch schon im Herbst 1907 über die Sache 
gesprochen worden sein, und zwar hätte Zswolski damals von Österreich- 
Ungarn als Kompensation verlangt, daß man für die Offnung der Oarda-
        <pb n="401" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 559 
  
nellen und des Bosporus für russische Kriegsschiffe einträte. Im Sommer 
1908 soll Iswolski noch einmal im gleichen Sinne an Aehrenthal geschrieben 
haben, und bei ihrer Zusammenkunft im September wurden sie sich wieder- 
um einig, bis auf den angeblichen Vorbehalt I#swolskis: eine internationale 
Konferenz müsse eine derartige Annexion sanktionieren. Auf alle Fälle 
hat der russische Minister wiederbolt, abgesehen von den erwähnten 
früheren Zusicherungen der russischen Regierung, seine Zustimmung zum 
Aehrenthalschen Plane gegeben. Allerdings glaubte er wohl nicht, daß 
Kaiser Franz Joseph und seine Minister den Entschluß jetzt finden würden! 
In einer späteren gereizten Polemik nach der Annexion verstummten 
Jswolski und seine Presse sofort, als Aehrenthal drohte, er werde das 
Buchlauer Protokoll veröffentlichen. 
Die Annexionserklärung sagt in ihrem Schlußsatze: der Sandschak 
Nowibasar werde gleichzeitig der Türkei zurückgegeben. Diese Rückgabe 
erfolgte freiwillig aus eigener Initiative, nicht, wie italienischerseits später 
behauptet worden ist, auf italienischen Druck und als Bedingung italienischer 
Zustimmung zur Annexion. Mit dem Berzicht auf den Sandschak und 
seiner Rückgabe an die Türkei verfolgte die österreichisch-ungarische Politik 
mehrere Zwecke: sie war eine beweiskräftige Kundgebung, daß Öster- 
reich-Ungarn nicht die ihm nachgesagten Absichten nach Gebietserweite- 
rung auf der Balkanhalbinsel hege, daß das Projekt einer österreichischen 
Sandschakbahn aufgegeben werde, obgleich ÖOsterreich-Ungarn vertrag- 
lich zu beidem berechtigt war: zu zeitlich unbegrenzter Besetzung des Sand- 
schak und zum Bau der Sandschakbahn. Erweitert und vertieft wurde dieser 
Zweck der Rückgabe durch den Hinblick auf die Türkei, man hatte die An- 
nexion, um Verschleppungen und einem Hereinreden dritter Mächte vorzu- 
beugen, vollzogen, ohne der Türkei eine vorberige Anzeige zu machen. 
Eleichzeitig mit der Annexion gab man der Pforte den Sandschak Nowi- 
basar wieder frei zurück, obgleich sie keinerlei Recht darauf hatte. Man hoffte 
offenbar, durch diese Morgengabe die junge Türkei zu gewinnen und ihr 
über die Annexion auch ihren eigenen Landsleuten gegenüber hinwegzu- 
helfen. Diese Berechnung war an sich nicht unrichtig, denn in Wirklichkeit 
erhielt die Kürkei damit einen unvorhergesehenen Zuwachs, während Oster- 
reich-Ungarn durch die Annexion sich um keinen Quadratkilometer ver- 
größerte, sondern nur einen tatsächlich längst bestehenden Zustand in staats- 
rechtlich endgültige Formen überführte. Ob das Aufgeben des Sand- 
schake Nowibasar im Hinblick auf Serbien richtig gewesen ist, muß zum 
mindesten dahingestellt bleiben. Besonders gelegentlich des Balkankrieges 
1912 warf sich diese Frage auf. 
Die Verkündigung der Annexion erregte einen europäischen Sturm, 
dessen Zentrum in London lag. Die großbritannische Presse wütete mit
        <pb n="402" />
        360 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
der ihr stets zur Berfügung stehenden sittlichen Entrüstung gegen das ver- 
tragsbrüchige Österreich-Ungarn. Der Londoner Botschafter Österreich- 
Ungarns, der vorher in sehr freundschaftlichen Beziehungen zum Könige 
gestanden hatte, wurde gesucht unbhöflich behandelt, als er zwei Tage vor 
der Veröffentlichung an König Eduard ein die Anzeige der Annexion ent- 
haltendes Schreiben seines Kaisers überbrachte. Er erklärte: „Man hat 
mich fortgejagt.“ Die Aberraschung war in London ebenso vollkommen 
wie in Paris. Man vermochte dort natürlich nicht zu leugnen, daß der tat- 
sächlich bestehende Zustand auf der Balkanhalbinsel durch die Annexion 
nicht geändert werde. In London und St. Petersburg griff man deshalb 
den formalen Standpunkt auf und erklärte: Osterreich-Ungarn habe ein- 
seitig und eigenmächtig den Berliner Vertrag abgeändert, den Artikel 25 
verletzt. Solche Anderungen dürften aber nur durch alle Unterzeichner- 
mächte vollzogen werden. Deshalb müsse die sofortige Berufung eines 
europäischen Kongresses oder einer Konferenz erfolgen und diese habe über 
die Berechtigung der österreichischen Entschlüsse und Wünsche zu befinden. 
Wohin solle es mit der politischen Sittlichkeit in der Welt kommen, wenn 
zur Gewohnheit werde, internationale Verträge eigenmächtig zu ändern, 
sobald die eine oder andere Macht keine Lust mehr habe, daran festzu- 
halten. 
Die türkische Regierung erhob Protest gegen die Annexion und organi- 
sierte einen umfassenden Bopykott österreichischer Waren auf türkischem 
Gebiete. Die russische Regierung und Presse hielten sich zunächst gemäßigt, 
nahmen dann aber eine immer schroffere Haltung an angesichts der vorwärts 
drängenden englischen „Entrüstung“ und angesichts der heimlich von Peters- 
burg aus geschürten wütenden Erregung der Serben. Das serbische Bolk 
sah seine großserbischen Zukunftsträume durch die Annexion Bosniens und 
der Herzegowina wieder in unendliche Fernen gerückt, und nicht minder hart 
fand es sich durch die Rückgabe des Sandschaks Nowibasar an das Türkische 
Reich betroffen. Dazu kam, daß am Annexionstage Fürst Ferdinand von 
Bulgarien sich zum Zaren der Bulgaren ausrufen ließ und Bulgarien für 
unabhängig vom Türkischen Reiche erklärte. Damit wuchs die Stellung 
Bulgariens in einer für Serbien besonders peinlichen Weise, da man mit 
Wahrscheinlichkeit annehmen konnte, daß die bulgarische Unabhängigkeits- 
erklärung und die österreichisch-ungarische Annerion nicht ohne vorberiges 
Einverständnis zwischen König Ferdinand und dem Kaiser Franz Joseph 
stattgefunden habe. 
Der Schlag, welcher die serbischen Hoffnungen traf, traf zugleich die 
Petersburger Pläne ebenso wie die Londoner. Die entschlossene Annexion 
hatte den Prozeß serbischer Revolutionierung in den Okkupationsgebieten 
unterbrochen und ihr für die Zukunft zum mindesten ein Hindernis ent-
        <pb n="403" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 361 
  
  
gegengesetzt. Die Rückgabe des Sandschaks Nowibasar an die Türkei hatte 
den Serben auch diese Brücke ihrer Ausdehnungswünsche genommen. Die 
serbische Nation tobte, schrie nach Krieg, rüstete und machte im festen Ver- 
trauen mobil: Rußland und die anderen Ententemächte würden es nicht 
im Stiche lassen, sondern zum mindesten mit gezogenem Schwerte binter 
Serbien und seinen Ansprüchen stehen. 
Oie russische Regierung war damals den Anforderungen einer großen 
europäischen Krisis nicht gewachsen und nach keiner Richtung bin in der 
Lage, ihren Standpunkt bis in die äußersten Konsequenzen zu vertreten, 
also Krieg führen zu können. Die Armee war nicht bereit, und alle inneren 
Zustände waren derart, daß Zar und Regierung an einen großen Krieg 
nicht denken konnten; eine Tatsache, die den europäischen Zentralmächten 
natürlich ebenso bekannt war wie Großbritannien und Rußland. ODer 
Minister des Tußeren, Herr Iswolski, erklärte schon bald im Berlaufe der 
Spannung, Rußland werde um der bosnischen Sache willen einen Krieg 
nicht führen. Damit war die Krisis sachlich entschieden, sofern Österreich- 
Ungarn und das Deutsche Reich entschlossen waren. Das letztere hatte 
über seine Stellung in der bosnischen Frage keinerlei Zweifel gelassen. 
Zwei Tage nach der Veröffentlichung der Annexion richtete der Reichs- 
kanzler, Fürst Bülow, die folgende Weisung an den deutschen Botschafter 
zu Wien und ließ an anderen diplomatischen Stellen dieselbe Sprache# 
führen: „Ich lege besonderen Wert darauf, daß man in Wien Hinsichtlich 
der Annexionsfrage volle Sicherheit über unsere zuverlässige Haltung habe. 
Es sei dies für uns ein Erfordernis selbstverständlicher Loyalität.“ — Nach 
Beendigung der Krisis in seiner Rede vom 29. März 1909 im Oeutschen 
Reichstage führte Bülow zur Rechtfertigung dieser Stellungnahme den 
folgenden Satz aus der Bismarckschen Rede vom 6. Februar 1888 an: 
„Ein Staat wie Osterreich-Ungarn wird dadurch, daß man ihn im Stiche läßt, 
entfremdet und wird geneigt werden, dem die Hand zu bieten, der seiner- 
seito der Gcgner eines unzuverlässigen Freundes gewesen ist.“ — Es gab 
damale in Deutschland Vertreter auch anderer Ansichten, welche fanden, daß 
das Deutsche Reich keinen Anlaß gehabt habe, bis in alle Konsequenzen 
hinein sich binter Osterreich-Ungarno Balkanpolitik zu stellen. Dazu kam, 
daß der Vollzug der Annexion der Okkupationsgebiete formal vertrags- 
widrig war, zumal im Jahre 1871 auf der Londoner Konferenz (Meer- 
engenfragen) alle Großmächte erklärt hatten, internationale Verträge oder 
Teile von solchen könnten nicht einseitig, sondern nur in Ubereinstimmung 
aller Bertragsunterzeichner aufgehoben oder abgeändert werden. An dem 
fokmalen österreichischen Berstoße gegen die internationalen Abmachungen 
konnte an und für sich die Tatsache nichts ändern, daß der territoriale 
Status quo auf dem Valkan durch die Annexion nicht geändert wurde,
        <pb n="404" />
        562 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
auch das tatsächliche Recht auf seiten Osterreich-Ungarns war. Die Ver- 
pflichtungen des Deutschen Reiches aus dem deutsch-österreichischen Bünd- 
nisse wurden nicht berührt, denn dieses bezog sich lediglich auf einen An- 
griff gegen Osterreich-Ungarn von russischer Seite. Die deutschen Kreise, 
welche damals meinten, eine solche Stellungnahme Deutschlands wäre 
ein sehr gefährlicher Präzedenzfall und entspräche nicht der Auffassung des 
Fürsten Bismarck vom Bündnisse, hatten an und für sich in gewissem Sinne 
recht. Es war klar vorauszusehen, daß jede neue Balkankrise dieselbe Lage 
und dieselbe Frage wieder aufwerfen und akut machen müsse. Oie deutsche 
Stellungnahme schuf gewissermaßen eine deutsche Verantwortlichkeit und 
Bindung durch die österreichisch-ungarische Balkan- und Orientpolitik, 
für etwas also, was sich der Kontrolle des Deutschen Reiches entzog. Die 
einzige Möglichkeit, diesen Zustand wieder gesund zu machen, lag in einer 
völligen Gemeinsamkeit der Balkan- und Orientpolitik der beiden Mächte, 
jedenfalls insofern, als Österreich-Ungarn in Zukunft keine Schritte 
aktiver Orientpolitik täte, ohne der deutschen Zustimmung restlos gewiß 
zu sein. 
1908 lagen die Dinge, unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, inso- 
fern annehmbar, als die Annexion in der Tat eine dringend notwendige 
Maßnahme bildete, um den durch internationalen Bertrag gewährleisteten 
Gebietsstand Osterreich-Ungarns zu schützen. Darin überhaupt bestand die 
Gunst und auch Aberlegenheit der politischen und diplomatischen Position 
Osterreich-Ungarns in der Krisis. 
Unter den Mächten der Entente war zunächst, so kann man jedenfalls 
nach ihrem Benehmen schließen, die Auffassung maßgebend, das Deutsche 
Reich werde wohl bereit sein, seinem Bundesgenossen jede diplomatische 
Unterstützung zuteil werden zu lassen, es aber auf die Kriegsfrage nicht 
ankommen lassen. Man dachte an die deutsche Marokkopolitik und daran, 
daß während der verflossenen Jahre die Politik des Deutschen Reiches 
der Erhaltung des Friedens schließlich alles andere untergeordnet habe. 
So versuchte man unter englischer Führung durch ungeheures Geschrei 
und Geblüffe auf die beiden Mittelmächte zu wirken, in der Gewißbeit, daß 
das Spiel gewonnen sein würde, sobald eine der beiden Mittelmächte 
oder beide sich einschüchtern ließen. Mit welcher Richtachtung die Balkan- 
politik der Ententemächte seit 1905 über Osterreich-Ungarn in den Fragen 
des Balkans und des Orients hinweggegangen war, haben wir gesehen. 
Man glaubte beinahe allgemein — in noch höherem Grade als 1914 —, 
daß die Doppelmonarchie nicht imstande sei, überhaupt Krieg zu führen, 
sondern durch Schwäche und innere Zerrüttung gleich nach Kriegöbeginn 
zusammenbrechen werde. Besonders in Serbien war man überzeugt hier- 
von. Wir möchten annehmen, daß damals nicht nur Ermutigung von Petere-
        <pb n="405" />
        Orientpolitit und Bosnische Krisis. 305 
  
burg nach Belgrad floß, sondern auch das Umgekehrte der Fall gewesen 
ist. In Serbien glaubte man, daß es nur darauf ankäme, Österreich- 
Ungarn in einen Krieg zu verwickeln. Dann würde Rußland nicht ruhig 
bleiben wollen, Deutschland aber keine Lust haben, sich in den Krieg hinein-- 
ziehen zu lassen; Osterreich-Ungarn würde daraufbin nachgeben und sich das 
Todesurteil sprechen. Serbien würde dann den Vorteil davon haben und 
im Schutze Rußlands die große flawische Sache auf dem Balkan mächtig 
fördern. 
Die „Kompensation“, welche Serbien verlangte, wurde zuletzt als 
Mindestmaß auf einen Landstreifen, einen „Korridor“, beschränkt, der das 
serbische Gebiet mit dem Adriatischen Meere verbinden sollte. Die Annexion 
der Okkupationogebiete und die Rückgabe des Sandschaks Nowibasar an 
die Türkei nahmen den Serben sonst für immer die Hoffnung, das Gebiet 
ihres von allen Seiten durch andere Länder umgrenzten Reiches bis ans 
Meer auszudehnen. Die Gewährung eines solchen Korridors konnte aus 
manchen später zu erörternden Gründen nicht erfolgen, außerdem gab die 
bosnische Annexion Serbien keinerlei Recht und Anspruch auf Kompen- 
sationen irgendwelcher Art. Auch von England kräftig und heimlich ermutigt, 
wurde die serbische Haltung aber derart herausfordernd, daß eine starke 
Partei in Österreich-Ungarn darauf drängte: die Würde der Ooppel- 
monarchie verlange, daß man mit Serbien kurzen Prozeß mache, ihm ein 
Altimatum stelle, abzurüsten, gegebenenfalls in serbisches Gebiet einzurücken. 
Militärische Grenzmaßnahmen waren gleich getroffen worden. 
Auch der Bundesgenosse Italien hatte sich nach der Annexion sehr 
entrüstet gebärdet, nachdem nur wenige Tage vorher die Herren Tittoni 
und Zswolski zu Oesio zusammengekommen waren und sich über ihre 
Balkanziele in „voller Ubereinstimmung“ gefunden hatten. In der Tat hat 
Italien in den Balkanfragen seit 1908 nur selten und kurze Zeit auf seiten 
seiner Bundesgenossen gestanden. Nach Ausspruch der Annexion verlangte 
die öffentliche Meinung Italiens stürmisch „Kompensationen“ und über- 
schlug sich in Außerungen des Hasses und der Wut gegen Österreich-Ungarn. 
Die italienische Regierung mußte aber auch öffentlich den Standpunkt ein- 
nehmen, daß der Dreibundvertrag Italien keine Handhabe gäbe, denn das 
Recht auf Kompensationen würde nur vorhanden sein, wenn Österreich- 
Ungarn neue Erweiterungen seines Gebietes auf der Balkanhalbinsel vor- 
genommen hätte. Schließlich erkannte man italienischerseito auch an: 
die Rückgabe des Sandschaks Nowibasar bilde einen Beleg für ÖOsterreichs 
Entschlossenheit, keine Politik der Gebietserweiterung zu treiben. Schließ- 
lich verzichtete Baron Aehrenthal auch auf den Artikel des Berliner Ver- 
trages, welcher Osterreich-Ungarn das Recht der Seepolizei an der monte- 
negrinischen Küste usw. gab, also auf ein Recht am Adriatischen Meere,
        <pb n="406" />
        364 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
dem Gegenstand steigender Eifersucht Italiens in Berbindung mit der 
Tatsache, daß eine montenegrinische Prinzessin auf dem italicnischen 
Throne saß. 
In Frankreich wünschte man keinen Krieg. Einesteils mögen die tür- 
kischen Interessen der Pariser Hochfinanz mitgewirkt haben, anderseits 
wußte man genauer als irgend jemand, daß der russische Bundesgenosse 
einen Krieg damals nicht führen konnte. Diese Uberzeugung ging so weit, 
daß gegen Ende des Jahres 1908 das die Ansichten der französischen Re- 
gierung wiedergebende Blatt „Le Temps“ feierliche Warnungen an Eng- 
land richtete, man möge in London nicht zum Kriege treiben. Einen 
schlagenderen und unanfechtbareren Beweis für den wahren Sitz der kriegs- 
erregenden Kräfte damals konnte es nicht geben. Interessant ist, gerade 
an dieser Stelle zu erwähnen, daß vor der Bosnischen Krisis im Jahre 1908. 
von England aus durch die Presse versucht wurde, Frankreich sowohl wie 
Rußland den Gedanken nahezulegen, die Tripelentente zu einem Orei- 
bunde durch feste Bündnisverträge umzugestalten. Die französische Presse 
antwortete darauf in deutlicher Ablehnung: an derartiges sei erst zu 
denken, wenn Großbritannien eine genügend starke und schlagbereite Land- 
macht zur BVerwendung auf dem Kontinent bereit habe. Die Ergebnisse 
der Anstrengungen Lord Haldanes seit 1906, eine solche Landmacht zu 
schaffen, genügten den Franzosen damals noch nicht. Auch in Rußland 
winkte man ab. Keine der beiden Festlandmächte wünschte einen Krieg, 
welcher, wie damals, ihnen schwerstes Risiko gebracht hätte, nicht aber dem 
Britischen Reiche, welches unter verhältniomäßig geringen Kosten und 
Verlusten Deutschland seines Handels und seiner Kolonien usw. hätte 
berauben können. Das ist offenbar aber der britische Gedanke in jenen 
Jahren gewesen im Verein mit der Aberzeugung, daß Österreich-Ungarn 
sofort zusammenbrechen werde. Großbritannien konnte dann auch, so 
dachte man, durch ein Geschwader vor Konstantinopel die „türkische Frage“ 
im Sinne der britischen Politik zur Erledigung bringen. Noch risikoloser 
wäre natürlich gewesen, wenn das Deutsche Reich über eine rein diplo- 
matische Stützung Österreich-Ungarns nicht hinausgegangen wäre, das 
letztere also einer Kriegsdrohung gegenüber im Steiche gelassen hätte. 
Dann war die Balkanfrage und die Orientalische eo ipso im britischen Sinne 
erledigt und wahrscheinlich der deutsch-österreichische Zweibund gesprengt. 
Wie gesagt, ließ Fürst Bülow aber von vornherein keinen Zweifel über 
den deutschen Standpunkt und dessen Festigkeit. Dadurch wurde die Krisis 
zur Lösung gebracht, und zwar zur friedlichen und im Sinne der Politik 
der Mittelmächte. 
Die internationale Spannung dauerte in verschiedener Stärke vom 
Oktober 1908 bis zum März 1909. Nachdem England und Rußland
        <pb n="407" />
        Orientpolitit und Bosnische Krisis. 365 
  
  
gesehen hatten, daß ihr anfänglicher Plan, durch Brüskierung ihre Wünsche 
durchzusetzen, nicht in Erfüllung ging, einigten sich die Mächte der Tripel- 
entente unter Zuziehung Italiens, der Türkei — welche gegen die Annexion 
protestiert hatte — und des Kompensationen für getäuschte Hoffnungen 
fordernden Serbiens auf den großbritannischen Standpunkt: die be- 
stehenden und gültigen Beschlüsse eines internationalen Kongresses könnten 
nur durch einen Kongreß, zur Not durch eine Konferenz aufgehoben oder 
geändert werden. Folglich müsse auch jetzt eine Konferenz berufen werden. 
Baron Aehrenthal wies den Konferenzvorschlag nicht von vornherein und 
völlig von der Hand, machte aber zur Bedingung einer Beteiligung Öster- 
reich-Ungarns an der Konferenz, daß die Annexion und die sonstigen 
Schritte und Maßnahmen der DOoppelmonarchie auf dieser Konferenz nicht 
zur Erörterung gestellt würden und ebensowenig die Kompensations- 
forderungen Serbiens. Um diese Punkte drehten sich im wesentlichen 
während des Winters 1908/09 die diplomatischen Meinungsverschieden- 
heiten. 
Znternationale Konferenzen solcher Art sind gefährliche Veranstal- 
tungen, schon die Algeciraskonferenz und die englischen Wünsche für die 
Haager Konferenz bildeten warnende Beispiele. Für Osterreich-Ungarn 
und damit auch für Deutschland lag 1908 die Frage noch viel schwerer. 
In einer Lebensfrage — und die Bosnische Frage war für ÖOsterreich-Ungarn 
eine Lebensfrage —, ja auch überhaupt in einer Streitfrage, zu der sie 
bereits entschiedene Stellung genommen hat, kann eine auf ihre Würde 
und ihr Ansehen bedachte Großmacht nicht international über die Berech- 
tigung ihrer Entschlüsse und Maßnahmen diskutieren und entscheiden lassen. 
So bleiben zwei Wege: die Konferenz wird zur leeren Form, indem die 
betreffende Macht vorher bindende Zusicherungen von allen Mächten 
einzeln erhält, daß man auf der Konferenz den neuen Stand der 
Dinge lediglich feststellen und sanktionieren wird, oder aber an Stelle der 
Konferenz treten Einzelverständigungen zwischen den verschiedenen Mäch- 
ten. Der Gedanke einer rein formalen, lediglich registrierenden Konferenz 
wurde auch während der Bocnischen Krisiö erwogen. Eine solche wäre 
wahrscheinlich aber praktisch nicht durchführbar gewesen, weil das Tür- 
kische Reich und Serbien von vornherein gerade angesichts einer Kon- 
ferenz nicht entfernt daran gedacht hätten, den neuen Stand der Dinge 
anzuerkennen, weil ferner Bulgarien als nunmehr unabhängige Macht 
Teilnahme an der Konferenz beansprucht hätte und die Türkei sich solcher 
Teilnahme ohne Zweifel widersetzt haben würde. 
Die deutsche Politik vertrat den Standpunkt praktischer Zweckmäßig- 
keit: eine Konferenz brauche man zwar nicht grundsätzlich zu verwerfen, 
sie müsse aber sorgfältig genug vorbereitet sein, um Beunruhigung und
        <pb n="408" />
        366 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Gefahr auszuschließen. Da diese Vorbedingungen angesichte der Lage der 
Dinge nicht geschaffen werden konnten, so darf man annehmen, daß Fürst 
Bülow im Grunde von Anfang an gegen eine Konferenz gewesen ist. 
Angesichts der deutsch-österreichisch-ungarischen Ruhe und Festigkeit, 
ja, man kann sagen, daß dieses Mal auch Zielbewußtsein vorhanden war, 
schwand den anderen Mächten von Monat zu Monat gründlicher die Zllu- 
sion, daß man durch Druck etwas erreichen könne. Baron Aehrenthal, unter- 
stützt von der deutschen Diplomatie, gelangte nach langen Unterhand- 
lungen schließlich, Ende Februar 1909, mit dem Türkischen Reiche zu einem 
Sonderabkommen, das den neuen Stand der Dinge anerkannte: Österreich- 
Ungarn bot der Türkei eine Geldentschädigung von 42 Millionen Mark. 
Baron Aehrenthal hatte damit zwar seinen anfänglichen Standpunkt, daß 
die Türkei durch die Annexion nichts verloren, jedenfalls durch die Rück- 
gabe des Sandschaks Nowibasar genügend entschädigt sei, verlassen. In 
Osterreich ist diese Inkonsequenz vielfach als Fehler ausgelegt worden. 
Wir müssen uns in diesem Zusammenhange versagen, näher auf die Frage 
einzugehen. 
Nun war noch Serbien übrig. Großbritannien und Rußland hatten 
ihr großes Spiel bereits aufgegeben, jedenfalls äußerlich, und so ver- 
einigten sich Anfang März 1909 die russische, die britische, die französische 
und die italienische Regierung, um auf Serbien einzuwirken, es möge auf 
seine Kompensationsforderungen verzichten. Die serbische Regierung tat 
demgegenüber den geschickten und möglicherweise ihr suggerierten Schritt, 
daß sie erklärte: sie lege ihre Angelegenheit in die Hände der Großmächte. 
Ihnen schob die serbische Regierung mithin die diplomatische Niederlage 
zu. ODamit stieg die Erregung auf beiden Seiten wieder, die Kriegsvor- 
bereitungen wurden fortgesetzt. 
Da griff Fürst Bülow entscheidend ein. Alle genannten Mächte hatten 
anerkannt und erklärt, daß die serbische Antwort unbefriedigend sei. Einer 
neuen Antwort wich Serbien aus, indem die dortige Regierung erklärte, 
die Mächte bätten ja selbst ihre Zustimmung zur Annexion nicht gegeben. 
NRun war jene letzte Einwirkung der Mächte auf Serbien unter Führung 
der russischen Regierung erfolgt. Diese Sachlage benutzte Fürst Bülow, 
um der russischen Regierung freundschaftlich zur Erwägung zu stellen: ob 
es nicht richtig sei, Serbien seinen genannten letzten Vorwand derart zu 
entziehen, daß die Großmächte einzeln der österreichisch-ungarischen Re- 
gierung ihre Zustimmung zur Annexrion aussprächen. Ourch diese sehr 
geschickte Wendung wurde sozusagen das Eie gebrochen. Die russische 
Regierung konnte in einem Eingehen auf den Bülowschen Vorschlag kein 
der russischen Würde widersprechendes Nachgeben erblicken, weil sie eben 
selbst vorher Serbien gegenüber vorstellig geworden war, um dieses von
        <pb n="409" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 367 
  
seinen Forderungen abzubringen. Aus eigener Initiative dagegen hätte 
die russische Regierung den von Bülow angeregten Schritt nicht tun 
können und ebensowenig eine der anderen Ententemächte, da diese sich 
biöher alle gegen Osterreich gestellt hatten. Diese unscheinbare Anregung der 
Berliner Regierung beseitigte ebenfalls die von Serbien noch immer dro- 
hende Kriegsgefahr. Daneben kann nicht zweifelhaft sein, daß der Deutsche 
Kanzler durch den Petersburger Botschafter der russischen Regierung 
nochmals hat andeuten lassen, das Deutsche Reich sei bis in die letzten 
Konsequenzen hinein fest entschlossen, auch militärisch bereit. Bis zuletzt 
rechneten die Serben: man würde nur loszuschlagen brauchen, um die 
Unterstützung Rußlands und damit den großen europäischen Krieg zu 
erhalten. Anderseits bestand für Rußland die unangenehme Auesicht, ent- 
weder, ohne kriegsbereit zu sein, sich in diesen großen Krieg hineinzube- 
geben oder Serbien im Stiche zu lassen und so eine schwere Einbuße an 
Ansehen auf dem Balkan und dem ganzen Slawentum gegenüber zu 
erleiden. Auch aus dieser Berlegenheit half nunmehr der Bülowsche Vor- 
schlag den Russen, jedenfalls diplomatisch, heraus. Iswolski ging auf ihn 
ein, die übrigen Kabinette folgten: Die Bosnische Frage war erledigt. 
Am 25. März telegraphierte Freiherr v. Aehrenthal an den öster- 
reichisch-ungarischen Botschafter in Berlin, Baron v. Szögvpenyi-Marich: 
„Ich ersuche Eure Exzellenz, dem Herrn Reichskanzler meine dankbare Be- 
friedigung über das Resultat des von Graf Pourtalês (dem deutschen Bot- 
schafter in Petersburg) unternommenen Schrittes, von welchem ich mir 
eine günstige Rückwirkung auf die ganze Situation erwarte, zum Auedruck 
zu bringen.“ Am 26. März lief die Zustimmung Jswolskis ein, und in einer 
Depesche an den österreichisch-ungarischen Botschafter zu London spricht 
Baron Aehrenthal, der im übrigen sehr sparsam mit derartigen Wendungen 
war, noch einmal von der „erfreulichen Zustimmung Herrn Zswolskis“. 
Nach ihrem Eintreffen bedürfe es „wohl nur eines bestimmten NRates der 
von England geführten Mächte in Belgrad, um den Frieden zu sichern“, 
und daß „ich daher mit Vertrauen der weiteren Entwicklung der Dinge ent- 
gegensehe"“. — Oieses Vertrauen wurde nicht getäuscht, Serbien erkannte 
nunmehr den neuen Stand der Dinge vorbehaltlos an und führte seine 
Armee auf den Friedensstand zurück. 
r— * 
r 
Wir haben heute einen genügenden Abstand von der Bosnischen 
Krisis, um sie als Ganzes politisch einigermaßen richtig beurteilen zu können. 
Wie die dann folgenden Zahre vor dem großen Kriege zeigen, ist die Balkan- 
halbinsel und auf ihr als politischer Brennpunkt Serbien seit 1908 mit 
geringen Unterbrechungen Gefahrherd und Kriegsursache gewesen. Die
        <pb n="410" />
        5068 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Erscheinung trat von dem Augenblick an ein, als Großbritannien sich nicht 
nur als mitentscheidende Macht in die Balkanfragen hineinzudrängen 
wußte, sondern führend und richtunggebend dort wurde. Diese Politik 
und ihr Ziel war ursächlich bedingt durch die britisch-russische Bersöhnung 
einerseits, durch die deutsch-türkische Freundschaft und die deutsche Orient- 
politik anderseits. ÖOsterreich-Ungarn mit seiner geographischen Lage, 
mit seinen Balkaninteressen und Balkanschwierigkeiten sollte das Mittel 
zum Zweck bilden: Seine Bernichtung war beschlossen worden, als die 
Absprengung vom Bündnisse mit Deutschland nicht gelang. Oie groß- 
britannische Führerschaft dieser weit angelegten politischen Operationen 
lag klar auf der Hand, die Bosnische Krisis bildet ein Stück der großbritan- 
nischen Einkreisungspolitik. 
Durch die Beilegung der eigentlichen Krisis war der diplomatische 
Erfolg unbedingt auf der deutsch-österreichisch-ungarischen Seite. Die 
beiden verbündeten Mächte hatten nicht nachgegeben und dadurch die 
Anerkennung dessen erreicht, was ÖOsterreich-Ungarn mit der Annexion 
bewirkt hatte. Der durch die Tatsache ihrer Festigkeit und bestätigten 
Zielbewußtheit erreichte Achtungserfolg der beiden Mächte war ebenso 
wertvoll, denn das Oeutsche Reich hatte einen solchen mindestens ebenso 
nötig wie Osterreich-Ungarn. Die Schlüsse aber, welche man in Deutschland 
durchweg aus dem Verlaufe der Krisis zog, waren unrichtig. Wenn man 
meinte, und wenn auch Fürst Bülow in seiner mehrfach angezogenen 
Schrift zu Anfang des Jahres 1914 schrieb, das luftige Gebilde der Ein- 
kreisung sei an den handfesten Tatsachen der Festlandspolitik zerbrochen, 
so traf das in dieser Allgemeinheit nicht zu, wohl aber wurde diese Theorie 
seitdem zu einer nicht ungefährlichen deutschen Selbsttäuschung. Oie 
Selbsttäuschung beruhte in erster Linie auf der Verkennung der Tatsache, 
daß Rußland damals, drei Jahre nach der Beendigung des Russisch-Zapa- 
nischen Krieges, und kaum aus den Stürmen der Revolution herausgelangt, 
weit von der Kriegaobereitschaft entfernt war. Das wußten alle Beteiligten, 
und es war kein Wunder nach den Vorgängen. Wissen müssen hätte man 
aber damals, daß der Tiefpunkt russischer Ohnmacht und Unbereitschaft 
bereits überwunden war und beides sich in verhältnismäßig raschem 
A#steigen befand, ja, daß mit aller Kraft von Rußland und Frankreich 
gearbeitet wurde, um die militärische Kraft und Angriffsbereitschaft zu 
erhöhen. Deshalb war die allgemeine Schlußfolgerung schädlich und 
irreführend, daß die Tripelentente mit ihren Anhängern dauernd zur 
Unfähigkeit verdammt sei, gegen die beiden Mittelmächte Krieg zu führen. 
Mißlungen war der Tripelentente unter Großbritanniens Führung in 
der Hauptsache nur die Spekulation auf deutsche Schwäche und Unent- 
schlossenheit und infolgedessen entstehende Uneinigkeit zwischen den bei-
        <pb n="411" />
        Orientpolitik und Boenische Krisie. 369 
  
den verbündeten Mittelmächten. Großbritannien hatte die Erfahrung ge- 
macht, daß der Augenblick zur Demütigung Deutschlands durch gemein- 
samen ODruck oder Krieg erst zu erhoffen wäre, wenn Rußland auf die nötige 
Höhe militärischer Macht gelangt sein würde. Schon vor der Balkankrife 
war das zu Reval bekanntlich mit Uberlegung besprochen worden, und die 
russischen Autoritäten hatten sechs bis acht Jahre, also die Zahre 1914 bis 
1916 als Termin angegeben. So betrachtet, stellt sich die von Großbritan- 
nien inszenierte Bosnische Krisis als eine Art Generalprobe der Tripel- 
entente dar, die zeigen sollte und zeigte, wie weit man gehen könne. 
Ein großer Erfolg von damals wohl meist übersehener Tragweite war 
für Großbritannien die Tatsache, daß man die russische Front vom fernen 
Osten weg nach dem Balkan und nahen Orient gedreht hatte und daß das ge- 
samte russische Streben in gesteigerter Leidenschaftlichkeit sich auf die Be- 
herrschung der Balkanhalbinsel, auf die Bernichtung des Türkischen Reiches 
und auf den Besitz von Konstantinopel konzentrierte. Der ferne Osten war 
im russischen Volk nie populär gewesen, ebensowenig wie der Krieg gegen 
Japan. Man war froh, als alles zu Ende war. Im nahen Osten und auf 
der Balkanhalbinsel jedoch vereinigten sich die historischen Bestrebungen 
und Zielpunkte: machtpolitisch, religionspolitisch, wirtschaftlich und rassen- 
haft. Alle diese Ziele lagen sichtbar vor der russischen Tür. Hindernisse 
bedeuteten nur Osterreich-Ungarn und das Deutsche Reich. Das Wort 
Skobelews, der Weg nach Konstantinopel gebe durch das Brandenburger 
Tor, gewann nach dem ostasiatischen Kriege eine neue und viel greif- 
barere Bedeutung, weil im Gegensatz zur ganzen russischen Geschichte 
Großbritannien jetzt nicht mehr Gegner Rußlands im Orient, sondern 
Bundesgenosse geworden war, geeint durch den gemeinsamen Haß gegen 
das Deutsche Reich. Das war kein sentimentaler Haß, sondern ein solcher, 
hervorgegangen aus der tatsächlichen Uberzeugung, daß ein mächtiges 
Deutsches Reich den wirtschaftlichen und politischen Zielen Großbritanniens 
ebenso wie denen Rußlands ein unüberwindliches Hindernis entgegenftellte. 
Die deutsche Orientpolitik und deren bisherige Ergebnisse bildeten den 
Boden, auf dem Großbritannien und Rußland einander, aber, wie be- 
tont werden muß, unter großbritannischer Führung und auf großbritan- 
nische Veranlassung hin gefunden hatten. 
Die diplomatische Aiederlage Rußlands in der Bosnischen Krisis von 
1908 leistete den großbritannischen Endzielen einen Vorspann von unüber- 
trefflichem Werte. Ganz Rußland vom Bauern und Kleinbürger bis zu 
den leitenden Staatsmännern und der Hofpartei schäumte vor Haß und 
Nachedurst gegen Osterreich-Ungarn und das Deutsche Reich, und mehr- 
als je zuvor einte sich das ganze Bolk im Gedanken, durch erhöhte An- 
strengungen eines Tages in die Lage zu kommen, die Scharte von 1908 
Graf Reventlow, DHeutschlands auewärtige Politie. 24
        <pb n="412" />
        370 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
auszuwetzen. Daß der russisch-englische Zusammencschluß durch diese Er- 
bitterung an Festigkeit gewann und gewissermaßen seine Weihe erhielt, 
bedarf nur der Erwähnung. Dieser Erfolg durch die Niederlage selbst ist 
für Großbritannien von höchster Bedeutung gewesen. 
Auf der Balkanhalbinsel saß seit der Bosnischen Krisis, gewisser- 
maßen als Außenposten der russischen Politik, das rachedurstige Serbien. 
Ebenso wie die Serben die Macht und die innere Kraft der österreichisch- 
ungarischen Monarchie unterschätzten, so hatten auch die europäischen Mittel- 
mächte eine unrichtige Auffassung von dem serbischen Reiche und Volke. 
Wie spätere Ereignisse und hauptsächlich die des großen Krieges gezeigt 
haben, ist Serbien mit Unrecht so wenig ernst genommen worden, zumal 
man auch nach der Krisis den serbischen Staat österreichischerseits ge- 
wissermaßen als unbeachtliche Größe behandelte und damit einen wahr- 
scheinlich nicht folgenlosen Fehler beging. Das Türkische Reich war 
mit dem Gewinn des Sandschaks Nowibasar aus der Krisis hervor- 
gegangen und hatte damit etwas erreicht, was man zuvor nicht einmal 
geträumt hatte. Gleichwohl war es den englischen und französischen 
Treibereien gelungen, Stimmung gegen Deutschland und Österreich-Ungarn 
zu machen, nicht nur wegen ihrer Haltung in der Angelegenheit der An- 
nexion, sondern hauptsächlich weil man den Türken sagte, das Deutsche 
Reich, im besonderen der Deutsche Kaiser, sei als Freund Abdul Hamids 
ein Anhänger fortschrittfeindlicher Reaktion im Türkischen Reiche und ein 
Feind des jungtürkischen Regimes. Daß diesen Bemühungen nur vorüber- 
gehender Erfolg beschieden wurde, begründete sich zumal darin, daß die 
deutschen Vertreter in Konstantinopel rubig und geschickt arbeiteten und 
auch die Zungtürken später die Tatsache begriffen, daß einzig das Deutsche 
Reich und ÖOsterreich-Ungarn keine verkappten, sondern wirkliche Freunde 
waren. Das Revaler Programm der Ententemächte konnte wohl zeit- 
weilig, aber nicht auf die Dauer vergessen werden. Eine der großen Er- 
fahrungen der Bosnischen Krisis für das Oeutsche Reich und seine Politik 
war die, daß seine Orientverbindung und deren Ziele von Großbritannien 
wie von Rußland als eine Bedrohung ihrer vitalen Interessen angesehen 
und dementsprechend entschlossen und geschlossen bekämpft werden würden. 
Oer Umschwung, ja die vollkommene Verschiebung der Grundlagen der 
deutschen Politik und Wirtschaft des Deutschen Reiches seit 1890 war 
enorm, viel größer, als man sich damals in Deutschland eingestand und alo 
man gemeinhin begriff. Die Schwierigkeiten wuchsen besonders deshalb, 
weil Großbritannien wie Rußland aus der Balkanhalbinsel anstatt einer 
Verbindungsbrücke von den Mittelmächten nach dem Orient eine Barre 
für sie zu machen bestrebt waren. 
Die Revaler Zusammenkunft im Juli 1908 war von den leitenden
        <pb n="413" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 571 
  
deutschen Kreisen gleich sehr ernst genommen worden. Fürst Bülow hat 
sich dem Anschein nach mehrere Male vom russischen Minister Jswoleki 
versichern lassen, „daß keine, weder offene noch geheime russisch-englische 
Abmachungen bestünden, die sich gegen deutsche Interessen richten könnten“. 
Diese Versicherung war ebenso nichtssagend wie unwahr, wird auch beim 
Fürsten Bülow schwerlich Glauben gefunden haben. Ees handelte sich nur 
um eine Form. Daß er aber an Zswolski die Frage stellte, und zwar wieder-- 
holt, bewies die Bedeutung, welche man in Berlin mit Recht der Sache 
beimaß. 
Unmittelbar nach der Revaler Zusammenkunft wurde in der Presse 
von einer Rede des Deutschen Kaisers berichtet, die er auf dem Truppen- 
Üübungsplatze zu Döberitz unter Hinweis auf die Möglichkeit einer nahen 
Kriegsgefahr gehalten habe. Die Rede wurde halbamtlich in Abrede ge- 
stellt, jedoch in Wendungen, die zeigten, daß man die Lage tatsächlich für 
ernst hielt und daß die Fragen des nahen Orients ihren Angelpunkt 
bildeten. Das halbamtliche Blatt warnte eindringlich gerade die deutsche 
Presse vor Legendenbildung, da das Deutsche Reich dauernd das Ziel von 
Verleumdungen bilde, die von allen Seiten gegen seine Politik gerichtet 
würden. Wiederum wenige Tage später kam der Deutsche Kaiser zu Segel- 
regatten nach Hamburg; er wurde dort von der Menge in ungewöhnlich 
erregter Stimmung und mit der „Wacht am Rhein“ empfangen. Zn einer 
Ansprache darauf sagte der Kaiser: „Als ich mich fragte, wo der Grund 
für den Auebruch der Begeisterung läge, da erschallte spontan, dann immer 
mächtiger anschwellend, unser altes deutsches Sturmlied. Nun wußte ich 
genug. Meine Herren, ich danke Ihnen dafür, ich habe Sie verstanden. 
Es war der Druck der Freundeshand einem Manne, der entschlossen seinen 
Weg geht und der weiß, daß er jemanden hinter sich hat, der ihn versteht 
und der ihm helfen will.“ — 
Aus diesen Außerungen des Kaisers und aus denen des Reichskanzlers 
gebt hervor, daß man eine europäische Krisis infolge Revals im Anzuge 
sab und die aggressive Tendenz der von König Eduard organisierten Ein- 
kreisung wohl fühlte. Daraus ergibt sich weiter, daß die bosnische Annexion 
der Tripelentente mit ihren Vasallen nur einen Anlaß, gleichsam ein Ventil 
bedeutete. 
Das Verhältnis des Deutschen Reiches und Osterreich-Ungarns war, 
unbeschadet des alten Bündnisvertrages und über ihn hinaus, auf eine 
neue gemeinsqame Grundlage gelangt, nicht durch die Bogenische Krisis, 
sondern diese hatte nur gezeigt, daß dem so war. Man konnte, und viel- 
leicht mit subjektivem Rechte, diese Tatsache bedauern und als besorglich 
ansehen, aber sie war kein Ding an sich, sondern eine notwendige Folge der 
deutschen Orientpolitik. Wollte das Deutsche Reich diese, so mußte es nach 
21
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        372 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
dem 2A auch B sagen. Oaneben stand selbstverständlich die Uberlegung im 
Vordergrunde, daß das Oeutsche Reich an der Erhaltung Österreich-Un- 
garns als Großmacht tief interessiert war. Das Deutsche Reich trat 1908 
nicht eigentlich für ein österreichisches Bosnien ein, sondern für die Groß- 
machtstellung Osterreich-Ungarns. Rein politisch betrachtet, wäre dem- 
gegenüber als anderer Weg nur die Preisgabe Österreich-Ungarns ge- 
bliebeen und damit fraglos der Verlust des Bundesgenossen. Eine solche 
Politik wäre nur diskutierbar gewesen bei gleichzeitiger Schaffung eines 
neuen Bundesverhältnisses zwischen dem Deutschen Reiche und einer 
anderen Großmacht. Das stand damals aber für die leitenden Männer in 
Deutschland außer Betracht, und über Möglichkeiten soll hier nicht ge- 
sprochen werden. 
Das österreichisch-ungarische Selbstvertrauen hatte sich durch die Bos- 
nische Krisis stark gehoben, und das Ansehen der Doppelmonarchie war 
gewachsen. Sie hatte seit langer Zeit wieder die Befähigung zu einer 
kräftigen außenpolitischen Aktion dargetan und gleichzeitig Gelegenheit 
gehabt, das Funktionieren der Mobilmachung des Heeres zu zeigen. Graf 
Aehrenthal übertrieb dieses Selbstbewußtsein auch dem Deutschen Reiche 
gegenüber, gefolgt von einem großen Teile der Presse. Er wünschte mit 
England und Rußland wieder in gute Beziehungen zu gelangen, außerdem 
vertrug sein Ehrgeiz nicht, daß die Offentlichkeit Europas die Bedeutung 
des deutschen Beistandes so hoch anschlug. Graf Aehrenthal betonte des- 
halb wiederholt die Selbständigkeit der Entschlüsse und der Handlungen der 
Doppelmonarchie und seine Unzugänglichkeit gegenüber reichsdeutschen 
Beeinflussungsversuchen. Diese Dinge erregten vorübergehende Mißstim- 
mungen zwischen den beiden Bundesgenossen, blieben jedoch ohne Folgen 
und verschwanden in den nächsten JZahren. 
Für das Deutsche Reich und Volk war jede Zunahme der Stärke, 
Geschlossenheit und des Selbstbewußtseins ÖOsterreich-Ungarns ein klar 
erkannter und gewünschter Gewinn. 
Oie Französische Republik hatte sich, wie erwähnt wurde, in der Bos- 
nischen Krisis zurückgehalten und für die Erhaltung des Friedens gearbeitet. 
Frankreich konnte aus den erwähnten Gründen keinen Krieg brauchen, 
hatte außerdem allen Anlaß, kostenlos seine Stellung und Alssichten in 
NMarokko wesentlich zu verbessern. Zm Herbst 1908 war es zu einem deutsch- 
französischen Zwischenfalle in Marokko, und zwar zu Casablanca, gekommen. 
Deutsche, russische und ein österreichischer Deserteur der Fremdenlegion 
batten versucht, auf Dampfern, die im Hafen lagen, zu entkommen. Ein 
deutscher Konsulatsbeamter, ein Konsulatssoldat und noch ein Deutscher 
versuchten, den Deserteuren zu helfen. Französische Soldaten und ein 
Offizier griffen ein, es kam zu Tätlichkeiten, und der Fall erschien zunächst
        <pb n="415" />
        Orientpolitik und Boenische Krisie. 373 
als nicht unbedeutend. In der öffentlichen Meinung der beiden Mächte ent- 
stand große Erregung, und Frankreich nahm, die Regierung an der Spitze, 
die heroische Pose des zu Unrecht Bedrohten, aber zum Kampfe Bereiten 
an. Drohungen lagen der deutschen Regierung wohl von vornherein sehr 
fern, aber es läßt sich nicht leugnen, daß sie zunächst fest auftrat und dann 
eine nachgiebige Haltung einnahm. Die Untersuchungen ergaben, daß der 
deutsche Beamte in der Begünstigung der Deserteure über seine Befug- 
nisse hinausgegangen war, während anderseits französische Tätlichkeiten 
gegen den Beamten festgestellt wurden. Man übertrug die Sache dem 
Haager Schiedsgerichte, welches im Mai 1909 ein mehr zuungunsten der 
deutschen Sache neigendes Urteil fällte. Der Fall von Casablanca war an 
sich unbedeutend, wurde aber, wie gesagt, nicht sehr geschickt behandelt, be- 
sonders insofern, als man den Franzosen Gelegenheit zum Glauben gab, 
die deutsche Regierung habe erst gedroht und einschüchtern wollen und sei 
dann zurückgewichen. Das damalige Kabinett Clémenceau betonte einmal 
über das andere, Frankreich habe keine Furcht, sondern sei zum Kriege be- 
reit. König Eduard von England teilte der französischen Regierung mit: 
Großbritannien sei zum Kriege an Frankreichs Seite entschlossen wie 1905. 
Der deutschen Regierung war der Zwischenfall von Casablanca auch 
aus einem andern Grunde höchst unerwünscht gewesen: sie trug sich bereits 
im Sommer 1908 mit dem Gedanken, die deutsch-französische Reibungs- 
fläche in Marokko zu beseitigen und dadurch bessere Allgemeinbeziehungen 
zwischen den beiden Mächten zu schaffen. Man glaubte, dieses werde sicher 
zu erreichen sein, wenn die deutsche Regierung auedrücklich ihre politische 
Deeinteressierung an und in Marokko erkläre. Auf der anderen Seite hoffte 
man auf wirtschaftlichem Gebiete mit Frankreich einträchtig zusammen 
arbeiten zu können und so die Möglichkeit einer fruchtbareren wirtschaft- 
lichen Arbeit in Marokko zu erbalten als bièher. Die Bosnische Krisis 
verstärkte den deutschen Wunsch nach einer deutsch-französischen Ber- 
ständigung. Aur unterbrochen durch die Casablancasache, wurden Ver- 
handlungen eingeleitet und unter führender Mitwirkung des späteren 
Staatesekretärs v. Kiderlen-Waechter zum Abschluß gebracht. Das Er- 
gebnis der Berhandlungen bildete die folgende Vereinbarung, welche am 
9. Februar 1000 unterzeichnet wurde: 
„Die Negierung der Französischen Republik und die deutsche Reichs-- 
regierung haben, von dem gleichen Bestreben bewegt, die Ausführung der 
Akte von Algeciras zu erleichtern, vereinbart, die Tragweite, die sie ihren 
Bestimmungen beilegen, näher zu bestimmen, in der Absicht, für die Zu- 
kunft jede Ursache eines Mißverständnisses zwischen ihnen zu vermeiden. 
Infolgedessen erklären die Regierung der Französischen Republik in voller 
Hingabe an die Integrität und die Unabhängigkeit des Scherifischen Reiches
        <pb n="416" />
        374 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
und in dem Entschlusse, dort die wirtschaftliche Gleichheit zu erhalten und 
infolgedessen die kaufmännischen und industriellen Interessen Deutsch- 
lands dort nicht zu beeinträchtigen, und die deutsche Reichsregierung, da sie 
in Marokko nur wirtschaftliche Interessen verfolgt und anderweit aner- 
kennt, daß die besonderen politischen Znteressen Frankreichs dort auch mit 
der Festigung der Ordnung und des Friedens im Inneren verbunden sind 
und diese Interessen nicht zu beeinträchtigen entschlossen ist: daß sie keiner- 
lei Maßregeln verfolgen oder fördern werden, die geeignet wären, zu ihren 
Gunsten oder zugunsten irgendeiner anderen Macht ein wirtschaftliches 
Vorzugsrecht zu schaffen, und daß sie trachten werden, ihre Staatsange- 
hörigen in den Geschäften, deren Ausführung ihnen übertragen werden 
könnte, zu gemeinschaftlichem Borgehen zu verbinden.“ — — 
Die allgemeine politische Bedeutung dieses Abkommens mitten in der 
Bosnischen Krisis war nicht in Abrede zu stellen, denn das Zustandekommen 
der Vereinbarung in einem solchen Augenblicke lieferte einen öffentlichen 
Beweis für die Friedlichkeit der Atmosphäre zwischen Frankreich und 
dem Deutschen Reiche. Der Wunsch der französischen Regierung, daß der 
Frieden erhalten werde, wurde gleichfalls betont. Ein offiziöses deutsches 
Organ schrieb zu dem Abkommen: 
„Das Hauptverdienst wird das negative sein, Marokko als politische 
Streitfrage aus den deutsch-französischen Beziehungen auszuschalten. 
Unter Gesichtspunkten der europäischen Politik aber ist es immerhin er- 
freulich, daß in einer Zeit, wo die Großmächte mit Balkansorgen beschäftigt 
sind, zwischen Berlin und Paris ein so wesentlicher Schritt zur Beseitigung 
des marokkanischen Interessenstreites geschehen konnte. Kurz nach dem Ein- 
treffen des englischen Königspaares in Berlin ist das Abkommen Deutsch- 
lands mit Frankreich unterzeichnet worden. Die zeitliche Annäherung beider 
Ereignisse kann ale zufällig betrachtet werden, sie weist aber darauf hin, daß 
in unserem Verhältnis zu den Westmächten gegenwärtig eine fühlbare Ab- 
spannung eingetreten ist.“ — Das war wohl annähernd die allgemeine 
Auffassung damals in Deutschland, aber auch die einzige, die das Abkommen 
deutscherseits rechtfertigen konnte, denn daß diese Bereinbarung einen 
weiteren großen Schritt zurück Deutschlands hinsichtlich Marokkos be- 
deutete, lag auf der Hand. Die Vereinbarung vollzog die auf solchem 
Gebiete praktisch unmögliche Trennung des politischen und des wirtschaft- 
lichen Interesses und gab Marokko somit auch wirtschaftlich in französische 
Hand. Man hat damals in Berlin bemerkenswerterweise die tatsächliche 
Hoffnung gehegt, Frankreich würde sich in Marokko politisch lopal ver- 
halten und zu einem wirtschaftlichen Zusammenwirken gemeinsam mit 
Deutschland durch private Unternehmer und Unternebhmungen bereit sein. 
Die französische Regierung und ihr Botschafter zu Berlin, Herr Cambon,
        <pb n="417" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisie. 375 
  
haben nicht ermangelt, diesen Glauben zu stärken, zunächst, um die Ver- 
einbarung zustandekommen zu lassen, nachher, um Zeit zu gewinnen. 
Häufige Kabinettswechsel seit 1909 erleichterten der französischen Re- 
gierung dieses für sie fruchtbare dilatorische Berfahren. 
Die Beröffentlichung des deutsch-französischen Marokkoabkommens 
traf zeitlich annähernd zusammen mit einem Besuche König Eduards von 
England in Berlin. Es war der erste Besuch, den der König im Laufe 
seiner damals schon acht Jahre dauernden Regierung dem Oeutschen Kaiser 
machte. König Eduard hatte diese selbstverständliche Pflicht der Höflich- 
keit an beinahe allen europäischen Höfen mit passender Pünktlichkeit er- 
füllt. Um so größer war der Mangel an Höflichkeit dem Deutschen 
Kaiser und dem Deutschen Reiche gegenüber gewesen. Der Besuch verlief 
in der üblichen Weise, der König erklärte in seinen Tischreden: die Er- 
haltung des Friedens sei immer das Ziel seiner Bemühungen gewesen. 
Er sagte das, nachdem seine Politik und die von ihm geleitete des britischen 
Kabinettes acht Zahre lang alles getan hatte, um den großen Koalitions- 
krieg gegen das Deutsche Reich vorzubereiten, und durch die Bosnische Kri- 
sis Europa an den Rand des Krieges gebracht hatte. Einige Wochen nach 
dem Besuche sprach der Deutsche Reichskanzler von diesem als von einem 
in jeder Hinsicht glücklichen Begebnisse. Er pries die Worte aufrichtiger 
Friedensliebe und Freundschaft, die der König in Berlin gesprochen habe, 
und sagte: „Es gibt ja kaum zwei Länder, die für ihre nationale Arbeit 
so aufeinander angewiesen sind wie Deutschland und England.“ Der 
Reichskanzler erörterte ausführlich die Größe und Art der beiderseitigen 
Handelsbeziehungen, kurz, es hatte beinahe den Anschein, als ob Fürst 
Bülow glaubte, es werde nunmehr eine neue und bessere Zeit für die groß- 
britannisch-deutschen Beziehungen anbrechen. Ob der Kanzler es wirklich 
geglaubt hat, steht dahin, möglicherweise hatten seine damaligen Aus- 
führungen mehr den Charakter eines Wunsches als den einer gläubigen 
Hoffnung. Der größte Teil der deutschen Bevölkerung freilich gab sich in 
weiten Kreisen wieder dem alten gedankenlosen Optimismus hin, und die 
gewohnte Beweisführung wurde wiederholt: es gäbe ja keinen wirklichen 
Konfliktögrund zwischen den beiden Ländern, sie seien vielmehr aufeinander 
angewiesen und jedes sei der beste Kunde des anderen, es handle sich ledig- 
lich um Mißverständnisse und unverantwortliche Hetzereien von „Chau- 
vinisten und Panzerplattenpatrioten“ auf beiden Seiten. Man# war weit 
von der Wahrheit entfernt, daß die automatisch wachsende Stellung Deutsch- 
lands auf dem Festlande und seine erstaunlich zunehmende Bedeutung als 
seefahrender und ausführender Industriestaat gerade den Konfliktsgrund 
bildeten, um dessentwillen England im letzten Grunde alle seine großen 
Kriege geführt hat.
        <pb n="418" />
        376 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Der Besuch des Königs von England war in der Tat ohne jede Be- 
deutung, und die Unterhaltungen des Fürsten Bülow mit dem Begleiter 
des Königs, Sir Charles Hardinge, gingen über allgemeine Bedeutunge- 
losigkeiten nicht hinaus. Es war ein großer Frrtum, daß man damals und 
auch noch nachher in Deutschland die Ansicht hegte, der König habe sich 
durch den Verlauf der Bosnischen Krisis belehren lassen, daß seine Ein- 
kreisung ein Fehlschlag sei, und wolle jetzt aufrichtig Entspannung und ein 
freundschaftliches Berhältnis mit Deutschland. Der Besuch des Königs und 
die äußerlich freundliche Atmosphäre führten sich vielmehr wohl auf den 
Gedanken zurück, wie die Franzosen sagen: „Zurückzutreten, um besser zu 
springen.“ 
In den leitenden Kreisen Großbritanniens wie in der dortigen Be- 
völkerung war während und nach der Bosnischen Krisis von Entspannung 
nichts zu merken, im Gegenteil waren Presse und Parlament mehr denn 
je voll von Außerungen der Verleumdung und des Hasses gegen das 
Deutsche Reich und Volk, vor allem gegen den Deutschen Kaiser. In den 
schon mehrfach erwähnten Berichten belgischer Gesandter jener Zeit tut 
der Gesandte zu Berlin, Baron Greindl, Ende März 1909 die wahre und 
unparteiische Außerung: 
„Die Verfassung der Gemüter in England erinnert an die in Frank- 
reich während der Jahre 1866 bis 1870. Damals hielten sich die Franzosen 
für berechtigt, Deutschland an der Wiederherstellung seiner Einheit zu hin- 
dern, weil sie darin eine Bedrohung der Vorherrschaft saben, die Frank- 
reich bis dahin auf dem Festlande ausgeübt hatte. Ebenso betrachtet man 
beute in London die Weigerung Deutschlands, sich vertraglich dazu zu 
verpflichten, von der Gnade Englands abhängig zu bleiben, als einen un- 
freundlichen Akt und als eine Bedrohung des Friedens." 
Man konnte und kann sich nicht treffender ausdrücken. Der Gesandte 
bezog dieses Urteil auf eine Außerung Sir E. Greys über die deutsche 
Flottenpolitik. 
Zu Beginn des Jahres 1909 nämlich stand Großbritannien und im 
weiteren Verlaufe standen auch die britischen Kolonien im Zeichen einer 
„Flottenpanik“. Man entdeckte plötzlich, daß Großbritanniens Flotte in 
unverantwortlicher Weise vernachlässigt worden sei, besonders aber, daß 
die deutsche Marineverwaltung ihr Flottenprogramm heimlich viel weiter 
gefördert habe, alo man in Deutschland öffentlich bekannt gäbe und zu- 
gestände. In wenigen JZahren werde die deutsche Dreadnoughbtflotte 
ebenso stark sein wie die britische und diese dann schnell überflügeln. Höchste 
Gefahr sei somit im Berzuge. Die Oppositionspartei unter Führung Bal- 
sours und anderer in Berbindung mit einer großen Anzahl von inaktiven 
Admiralen und imperialistischen Politikern beschuldigten das Kabinett
        <pb n="419" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 377 
  
auf das heftigste: es sei auf dem besten Wege, die Sicherheit des Landes 
preiszugeben. Wie stets in solchen Fragen, gab das Kabinett mit seiner Par- 
tei nicht nur die Berechtigung der Besorgnis zu, sondern versuchte zu über- 
bieten. Der erste Lord der Admiralität erklärte, daß Deutschland im Früh- 
jahre 1912 über siebzehn Dreadnoughts verfügen werde, obgleich er wußte 
— an der Hand des öffentlichen deutschen Flottenplanes und des Marine- 
etats, — daß es nur dreizehn sein würden. Die Oppositionspartei über- 
bot dieses wiederum und erklärte, Deutschland werde im Frühjahr 1912 
nicht nur siebzehn, sondern einundzwanzig Oreadnoughts fertig haben. 
Der Deutsche Reichskanzler und der Staatssekretär des Reichsmarineamtes 
gaben daraufhin im Reichstage ungesäumt Erklärungen dahin ab, daß 
von einer Beschleunigung der Durchführung des deutschen Flottengesetzes 
nicht die Rede sei, daß nicht einundzwanzig und nicht siebzehn, sondern nur 
dreizehn deutsche Großkampfschiffe im Jahre 1912, und zwar nicht im 
Frühjahr, sondern im Herbst fertig sein würden. Unerhörterweise nahm 
die großbritannische Regierung von dieser ihr unbequemen Erklärung keiner- 
lei Notiz, sondern ließ die „Panik“ ihren Fortgang nehmen. In Deutsch- 
land war die Folge, daß die deutsche Flottenvorlage des Winters 1907/08 
ohne Oebatte und in noch nicht dagewesener Einmütigkeit vom Reichs- 
tage bewilligt wurde. Zhre Einbringung war bereits im Herbst 1907 er- 
folgt, und sie betraf die Herabsetzung der Alterögrenze für Ersatzpflicht 
der Linienschiffe von 25 auf 20 Jahre. Diese Herabsetzung war schon längst 
notwendig gewesen, weil der schnelle Fluß der Technik die Schiffe im Ver- 
lauf von zwanzig ZJahren veralten läßt. Man folgte mit dieser Maßnahme 
nur dem bestehenden Gebrauche der alten großen Seemächte, und die 
Folge war, daß drei große Schiffe früher ersatzpflichtig wurden und ihr 
Baubeginn in die Jahre 1908, 1909 und 1910 fiel. 
In England hatte die sogenannte Panik als nächstes den Erfolg, daß 
acht große Schlachtschiffe — ein nie dagewesenes Bauprogramm — für 
das Jahr 1909 bewilligt wurden. Schon zu Ende des Vorjahres hatte der 
britische Premierminister A#squith als grundsätzlichen Standpunkt der bri- 
tischen Marinepolitik aufgestellt, daß die Flotte zehn Prozent Kraftüber- 
schuß über eine Koalition der beiden nächststärksten Flotten haben müsse. 
Im Frühjahr 1909 drängte die öffentliche Meinung immer mehr, man solle 
ein für allemal doppelt so stark zur See sein wie Deutschland. Dabei be- 
trug im Jahre 1909 die großbritannische Kampfflotte an Stärke mehr als 
das Dreifache der deutschen. Auch daraus ging die bewußte Unwahrhaftig- 
keit jener „Panik“ hervor. Wie üblich, kam im britischen Parlament 
übrigens auch in der deutschen Presse die Rede auf das beliebte Gebiet 
der Rüstungeeinschränkungen. Fürst Bülow gab dazu im Reichstage die 
Erklärung ab: es hätten wohl unverbindliche Gespräche zwischen maß-
        <pb n="420" />
        378 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
gebenden deutschen und englischen Persönlichkeiten über diesen Gegen- 
stand stattgefunden, „niemals aber ist ein englischer Vorschlag gemacht 
worden, der als Basis für amtliche Verhandlungen hätte dienen können"“. 
Nichtsdestoweniger fuhr man in der britischen Offentlichkeit zu behaupten 
fort, unter stillschweigender Billigung der Regierung, daß tatsächlich bri- 
tische Borschläge gemacht, aber von Deutschland zurückgewiesen worden 
wären. Welche Dimensionen jene auf Unwahrheit beruhende britische 
Agitation annahm, die mit der „deutschen Gefahr“ getrieben wurde, 
offenbarte sich drastisch auch darin, daß die selbstregierenden britischen Ko- 
lonien in aufrichtige Angst und Empörung wegen der schrecklichen Gefahr 
versetzt wurden, welche Großbritannien von Deutschland drobe. Die bri- 
tische Kolonialpresse und die Parlamentsdebatten in den Kolonien waren 
voll von sittlichem Zorn über die deutschen Angriffsabsichten, über dieses 
frivole Eroberertum, das nur aus Eifersucht und Raubsucht den Frieden der 
Welt stören wolle. Australien und Neuseeland schritten zur Tat und stellten 
dem schwer bedrohten Mutterland das Geld für zwei große Panzerschiffe 
zur Verfügung. Auch in den Bereinigten Staaten von Amerika, sogar 
in einem Teile der deutsch gedruckten Presse, wurden laute Entrüstungs- 
rufe ausgestoßen. Mit wenigen Ausnahmen ergriff man Partei für den 
angelsächsischen Better. Dieser benutzte, praktisch wie er ist, dabei fort- 
während laute Angstrufe ausstoßend, die Gelegenheit, um die Kolonien 
fester an sich zu schließen und nicht nur zu einmaligen, sondern zu dauern- 
den Opfern für die Flotte zu bewegen, auch dankbar und wehmütig an die 
Vereinigten Staaten von Amerika zu appellieren. Noch im Jahre 1910 
hielten amerikanische Seeoffiziere, die an Bord eines Geschwaders bri- 
tische Häfen besuchten (in Gegenwart des Botschafters), begeisterte blut- 
rünstige Reden: Amerika werde den letzten Dollar opfern, um dem be- 
drohten alten Mutterlande in einem Kriege gegen Deutschland zur Seite 
zu stehen. Die Regierung in Washington mißbilligte zwar die Außerungen, 
aber diese blieben nichtsdestoweniger ein beachtenswertes Stimmungs- 
somptom. ANeben den Anerbietungen und Verpflichtungen seitens bri- 
tischer Kolonien war eine Reihe gewaltiger Flottenbudgets die Folge der 
britischen „Panik“ von 1909. 
Sir Edward Grey aber erklärte im Unterhause, man könne Deutsch- 
land zwar keinen BVorwurf daraus machen, daß es seine Seerüstungen nicht 
einschränken wolle, aber er bedaure lebhaft die deutsche Ablehnung der 
englischen Borschläge. — Tatsächliche Borschläge, die eine Grundlage für 
Veränderungen hätten geben können, waren aber, wie gesagt, von der 
britischen Regierung gar nicht gemacht worden. Greyp sagte mithin eine Un- 
wahrheit, um, wie stets, den Eindruck zu erwecken, als ob das Deutsche 
Reich zum Angriff gegen Großbritannien rüste, sich jedenfalls ein Werk-
        <pb n="421" />
        Orientpolitit und Bosnische Krisis. 379 
  
zeug zur Störung des Friedens baue und von keinem freundschaftlichen 
Vorschlage etwas wissen wolle. Die deutsche Politik ihrerseits war damals 
noch von der Überzeugung geleitet, daß schweigendes und unentwegtes 
Ourchhalten in der Flottenbaupolitik das einzig richtige Berfahren Groß- 
britannien gegenüber sei. 
Hand in Hand mit dieser verlogenen und verbetzenden Tätigkeit ging 
die Propaganda des alten Feldmarschallê Lord Roberts für sofortige 
Schaffung eines großen, stehenden Heeres auf der Grundlage der allge- 
meinen Dienstpflicht. Lord Roberts hatte seit 1906 ununterbrochen ge- 
predigt: die großbritannischen Inseln seien gegen Invasion nicht gesichert 
und auch die stärkste Flotte könne ihnen die erforderliche Sicherheit nicht 
geben; dazu sei vielmehr nur ein großes Landheer imstande. Der Feld- 
marschall meinte nicht, was er sagte, und wenn er von Invasion sprach, 
so dachte er nicht an eine deutsche Invasion auf britischem Boden, sondern 
an eine britische Invasion durch belgisches oder holländisches Gebiet nach 
Oeutschland. Die Agitation, welche die Massen mitreißen wollte, bediente 
sich selbstverständlich des unwahren Vorwandes, und auch die urteilslosen 
Kolonialbevölkerungen wie die der Vereinigten Staaten waren überzeugt, 
daß die Werbetätigkeit von Roberts und seinen Anhängern lediglich der 
Befürchtung für die Sicherbeit der großbritannischen Inseln entspränge. 
Vom Zahre 1908 an wurde die Armeeagitation auf eine neue Grund- 
lage gestellt und unter Schlagworten betrieben, welche der Wahrheit 
wenigstens näher kamen. Eine Anzahl einflußreicher Persönlichkeiten und 
Blätter begann im Tone ernster Besorgniê und mit allen Mitteln für 
den Gedanken Stimmung zu machen: Großbritannien müsse für den Fall 
eines europäischen Krieges über ein großes und schlagfertiges Heer ver- 
fügen, das jederzeit schnell auf das europäische Festland übergesetzt werden 
könne, um Frankreich zu retten. Frankreich allein würde dem Ansturme 
der deutschen Armeen nicht gewachsen sein. Die deutschen Truppen wür- 
den Holland und Belgien überfluten, deren Häfen in Besitz nehmen und 
Frankreich zertrümmern. Dieses alles seien aber Lebensfragen erster Ord- 
nung für Großbritannien, und deshalb müsse man das Ziel erreichen, 
mindestens eine Viertelmillion fertiger Truppen zur Berwendung auf 
dem Festlande zur Verfügung zu haben. Hier muß daran erinnert werden, 
daß gerade im Jahre 1908 die großbritannische Presse auf Inspiration der 
Regierung ein Bündnis mit Frankreich und auch mit Rußland empfohlen 
und dafür in den französischen und russischen Zeitungen die Antwort er- 
halten hatte: ein Bündnis wäre jetzt ein schlechtes Geschäft, weil Groß- 
britannien keine nennenowerten Streitkräfte für Festlandsverwendung 
aufgestellt habe. Gleichviel aber, ob man damals wirklich ein Bündnis mit 
Frankreich gewünscht hat oder nicht, so war auf alle Fälle der bestimmende
        <pb n="422" />
        380 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Eindruck, daß Frankreich sich, nachdem im übrigen der Augenblick gekommen 
sei, in den großen Krieg nur bei der Sicherheit starker Landhilfe Groß- 
britanniens hineinziehen lassen werde. Lord Haldane und die anderen 
Autoritäten wollten zwar nicht, wie Lord Roberts und seine Anhänger, 
die Einführung der allgemeinen Dienstpflicht, aber sie waren eifrig und 
zielbewußt mit der Neuorganisation des Heeres beschäftigt. Die Kennt- 
nisse und Erfahrungen, die Haldane sich mit amtlich-deutscher Genehmigung. 
in Deutschland verschafft hatte, trugen Frucht. 
Zn ironischem Gegensatz zu diesen wilden und dabei raffinierten 
Hetzereien standen internationale Besprechungen, welche von Ende 1908. 
bis Anfang 1909 zu London stattfanden: die Londoner Seerechtskonferenz. 
Zur Erklärung ihres Ursprunges muß auf die Haager Konferenz von 1907 
zurückgegriffen werden. Damals hatte man auch über Rechte der Neu- 
tralen und Pflichten der kriegführenden Mächte im Seekriege gesprochen 
und war sich schließlich auf einen deutschen Vorschlag hin grundsätzlich über 
die Errichtung eines internationalen Prisengerichtshofes einig geworden. 
Zm übrigen hatten sich, wie beiläufig bemerkt sei, sehr starke Meinungs- 
verschiedenheiten zwischen den deutschen und den britischen Delegierten. 
gezeigt, u. a. in der Erörterung über die Zulässigkeit der Anwendung von 
unterseeischen Minen unter verschiedenen Verhältnissen. Die Minenwaffe 
war durch die Erfahrungen des Russisch-Zapanischen Krieges 1904/05 zu 
einer vorher ungeahnten Bedeutung gestiegen. Eine ausgiebige Verwen- 
dung von Minen seitens der deutschen Seekriegführung in einem Kriege 
mit Großbritannien war schon damals für die britischen Autoritäten eim 
unangenehmer Gedanke, und man versuchte auf der Haager Konferenz — 
im „Interesse der Neutralen und der Humanität“ —, da nichts anderes- 
mehr fruchten wollte, möglichste Beschränkung des Minengebrauches zu 
erreichen. Die deutschen Bertreter aber ließen sich durch Phrasen nicht ein- 
wickeln und machten keine Zugeständnisse wesentlicher Natur. Der festen 
und geschickten Haltung der deutschen Vertreter auf der Haager Konferenz, 
von 1907 ist es sehr wesentlich zuzuschreiben, daß jetzt im großen Kriege 
Deutschland von Anfang an seinen Minenkrieg wirksam führen konnte, 
ohne im mindesten gegen irgendeine völkerrechtliche Bestimmung zu ver- 
stoßen. In der Tat hat sich dieser Punkt durch den allein untrüglichen Prüf- 
stein des Krieges als mit am wichtigsten von allen Ergebnissen der Haager 
Konferenz gezeigt. Damals bielt man allerdings die auf deutschen Antrag 
von der Haager Konferenz beschlossene Einrichtung eines internationalen 
Prisenhofes im Haag für etwas ungemein Bedeutendes und Weittragen-- 
des. Dieser Prisenhof sollte als Appellinstanz über den nationalen Prisen- 
gerichten im Seekriege von Neutralen angerufen werden, die sich durch 
die kriegführenden Parteien und deren Prisenhöfe beunrechtet oder nicht
        <pb n="423" />
        Orientpolitik und Boenische Krisis. 381 
  
genügend vertreten glaubten. So wurde die internationale Appellinftanz 
beschlossen und gleichzeitig ein Plan über die Art aufgestellt, wie der inter- 
nationale Prisenhof zu wirken habe, wieviel Richter jeder der — übrigens 
unzähligen — auf der Haager Konferenz vertretenen Staaten für den 
Prisenhof stellen dürfe. Nach den Erfahrungen des großen Krieges braucht 
man nicht unzufrieden zu sein, daß, wie vorgreifend bemerkt sei, der inter- 
nationale Prisenhof nicht Wirklichkeit geworden ist. Ganz abgesehen davon, 
daß im Kriege England ihn nicht als Autorität anerkannt haben würde, hätte 
sich, gerade in Beziehung auf Deutschland, bei jeder Entscheidung des 
Prisenhofes jene alte Majorität von der Konferenz zu Algeciras nur wieder- 
bolt; in weiterer Folge hätte der ganze Apparat versagen müssen. Damals 
jedoch nahm man diese Dinge sehr ernst und freute sich — ganz besonders 
die Pazifisten — der hergestellten internationalen Gerichtsbarkeit. Man 
erkannte aber an, daß eine Gerichtsbarkeit alo Grundlage und um über- 
haupt ausgeübt werden zu können, eines Rechtes bedürfe. Um diesem 
Mangel abzuhelfen, lud die Londoner Regierung am Ende eines bereits 
seit 1907 gepflogenen Meinungsaustausches die Hauptseemächte 1908 ein, 
zu Ende jenes Jahres eine Konferenz zu London zu beschicken. Dort 
sollte ein internationales Kriegsrecht vereinbart werden. Das Ergebnis 
der Londoner Konferenz war die seit dem Kriege so häufig genannte und 
besprochene Londoner Deklaration. 
Der Grundgedanke der Londoner Besprechungen ebenso wie des inter- 
nationalen Prisenhofes war ausgesprochenermaßen: der Schutz der Neu- 
tralen und ihrer Schiffahrt im Seekriege durch internationale Garantie. 
In monatelangen Verhandlungen wurde man sich über eine große An- 
zahl von Bestimmungen einig, so über Begriff und Handhabung von Bann- 
ware, über Blockade, über Flaggenwechsel usw. usw. In anderen Punkten, 
so in erster Linie über die Umwandlung von Handeleschiffen in Kriegsschiffe 
und umgekehrt, konnte eine Einigkeit nicht erzielt werden. Die Londoner 
Deklaration umfaßt über 60 Artikel und wäre in der Tat zu ihrem aller- 
größten Teile geeignet gewesen, eine brauchbare und gerechte Grund- 
lage für die Führung des Seekrieges, zumal insofern er sich gegen den See- 
handel richtet oder ihn berührt, zu bilden. Auf der Londoner Konferenz 
glaubten sogar die britischen Vertreter sich dem Gewichte der Gründe der 
Gerechtigkeit und der Billigkeit der Sache nicht immer auedrücklich entziehen 
zu dürfen, um so weniger, als die großbritannische Regierung selbst es 
gewesen war, welche die Konferenz angeregt und die Einladungen an die 
führenden Seemächte hatte ergehen lassen. 
Sobald das Ergebnis der Konferenz, also die Deklaration, öffentlich 
bekannt und begriffen worden war, begann in Großbritannien eine bittere, 
leidenschaftliche Kritik an ihr. Man erklärte sie für ein „in Deutschland
        <pb n="424" />
        382 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
gemachtes Seegesetz“ und vereinigte die Kritik mit der allgemeinen deutsch-- 
feindlichen Hetze jener Zahre. Das paßte außerdem gut zur gleichzeitigen 
„Panik“. 
In den früheren großen Seekriegen ist die Praxis des sogenannten 
Seekriegsrechtes immer britisch gewesen. Das Recht folgte sozusagen der 
Flagge der allbeherrschenden, die Suprematie auf den Ozeanen halten- 
den großbritannischen Flotte. Die erste wesentliche internationale Ver- 
einbarung auf diesem Gebiete war die Pariser Deklaration nach dem Krim- 
kriege im Zahre 1856. Ihre bekannteste Bestimmung ist das Berbot der 
Kaperei. IZn den folgenden Jahrzehnten haben große Seekriege, an denen 
Großbritannien kriegführend beteiligt gewesen wäre, nicht stattgefunden. 
Großbritannien hatte in den Seekriegen anderer Nationen also nur das. 
Znteresse des Neutralen und brachte dieses stets mit dem ganzen un- 
geheuren Gewichte seiner Flotte zur Geltung. Zur Pariser Deklaration 
muß bemerkt werden, daß die damalige Bereitwilligkeit Großbritanniens 
zu einer derartigen internationalen Bindung und Festlegung aus einer be- 
sonderen Lage der Oinge hervorging und damals dem britischen Interesse 
vorteilhaft war. 
Gegen Ende des vergangenen Zahrhunderts wurden die Marinen 
zweiten Ranges, wie geschildert worden ist, bedeutend gestärkt und bil- 
deten sich zu Machtfaktoren heran, wie nie zuvor. Die Schiffahrt, der 
Handel und die überseeischen Bedürfnisse der Staaten und Länder be- 
gannen enorm zu wachsen, und damit wuchs auch ihre Abhängigkeit von 
den überseeischen Beziehungen. Da jeder Seekrieg an sich eine Störung der 
Betriebssicherheit im überseeischen Berkehre bildet, so lag auf der Hand, 
daß durch das gleichzeitige Wachsen der Mittel des Seekrieges, der Mittel 
des Verkehrs und der wirtschaftlichen Bedürfnisse der Bölker auch ihre 
Störung im Seekriege für die neutralen Mächte viel größer und empfind- 
licher werden mußte. Daraus erwuchs als Folge die Notwendigkeit für 
die Neutralen, im Seekriege einen Schutz für ihre Interessen den Krieg- 
führenden gegenüber zu finden. Im Frieden wußte kein Staat mit Be- 
stimmtheit, ob er im nächsten Kriege zu den Neutralen oder den Kriegführen- 
den gehören würde, anderseits wußten die Festlandstaaten, daß, wenn sie 
als kriegführend im Seekriege beteiligt wären, ein gesicherter Handel der 
Neutralen ebenso von Autzen sein würde, wie er einen berechtigten An- 
spruch der Reutralen bildete. Alle diese Fragen sind im Kriege 1914/15. 
akut geworden und in ihrer ganzen großen Bedeutung wirksam gewesen. 
Das Gebiet ist so umfangreich und vielseitig, daß ein näheres Eingehen hier 
nicht möglich ist, sondern für eine politische Sondergeschichte des Krieges 
verschoben werden muß. Als eine auch für die Zukunft bemerkenswerte 
Tatsache jedenfalls ist festzustellen, daß auf den steigenden Wunsch nach
        <pb n="425" />
        Orientpolitik und Bosnische Krisis. 383 
einer internationalen Regelung vom Gesichtspunkte des neutralen In- 
teresses die großbritannische Regierung nach London einlud. 
Deutschland mit seiner großen und wachsenden Schiffahrt hatte, wie 
gesagt, alles Interesse an einer weitgehenden Berücksichtigung des neu- 
tralen Seehandels im Seekriege und hegte die Auffassung, daß ihm eine 
solche unter allen Verhältnissen nützlich sein werde. England hat da- 
gegen immer der Auffassung gelebt, daß international rechtliche Satzungen 
und Gebräuche nur dann annehmbar seien, wenn England als kriegführende 
Macht seinen vollen Borteil dabei fände, mit dem Hintergedanken, daß eo- 
als neutrale Macht seine Wünsche auch ohne und gegen internationale 
Rechtesatzungen mit dem Gewichte seiner Flotte immer durchdrücken könne. 
Von der zweiten Hälfte des ersten Jahrzehntes des neuen Jahrhunderts- 
an betrachtete man in England allgemein einen Krieg mit dem Deutschen 
Reiche als sicher früher oder später bevorstehend, und so wurden die Ber- 
handlungen der Londoner Konferenz von der großbritannischen Bevölke- 
rung als ein vorbereitender deutsch-englischer Kampf angesehen und das 
Ergebnis als Entwurf zu einer internationalen Rechtsgrundlage zuge- 
schnitten auf einen deutsch-englischen Krieg. Tatsächlich war das auch der 
Fall, wenn man, wie es nachher Ereignis geworden ist, annehmen wollte, 
daß der kommende deutsch-englische Krieg ein Krieg DeSutschlands gegen 
die große europäische Koalition sein werde. An und für sich und sachlich ließen 
sich die Standpunkte auf der Londoner Konferenz richtiger als die des 
Inselinteresses auf der einen, des Festlandinteresses auf der anderen Seite 
bezeichnen. Die französischen und russischen Delegierten standen neben den 
österreichischen und italienischen häufig genug mit den deutschen Oele- 
gierten zusammen. Das sachliche Interesse führte sie auf den gleichen 
Boden. In England maß man diesen Meinungsverschiedenheiten mit den 
Freunden wohl im Gedanken an den großen Unterschied zwischen Papier 
und Wirklichkeit keine wesentliche Bedeutung bei, sprach auch nicht von 
ihnen. Dagegen konnte sich die englische Offentlichkeit nicht genug daran. 
tun, die Feindseligkeit Deutschlands und die deutschen Ränke hervorzu- 
heben und in den Vordergrund der Erörterung zu stellen: es sei Deutsch- 
land gelungen, auf der Konferenz Großbritannien zu übertölpeln und es um 
seine seit Zahrhunderten innegehabten und geübten Rechte des Seekrieges 
zu betrügen. Dieser Sturm von Wut und von Vorwürfen gegen die 
eigene Regierung und deren Bertreter auf der Konferenz wuchs auch in 
den folgenden Jahren noch und verfolgte den praktischen Zweck, eine Rati- 
fizierung der Londoner Deklaration zu verhindern. Durch eine solche 
tritt bekanntlich erst die internationale Gültigkeit solcher Bereinbarungen 
ein. Man bediente sich dazu des folgenden Mittels: Sollte die Londoner 
Deklaration in Kraft treten und mit ihr der internationale Prisenhof, so
        <pb n="426" />
        384 4. Abschnitt. Marokto und Baltan als Angelpunkte der Einkreifung. 1908—1914. 
  
mußte zu den in England vorhandenen Prisengesetzen eine Ergänzung ein- 
gebracht und von den gesetzgebenden Körperschaften bewilligt werden. 
Erst dann war die Grundlage in Großbritannien für die neuen Rechts- 
bestimmungen der Deklaration geschaffen. Im Oberhaus nun lehnte man 
die Ergänzung zum Prisengesetze ab, wodurch bis auf weiteres die Rati- 
fizierung der Deklaration unmöglich wurde. Die parlamentarische Ent- 
wicklung der nächsten Zahre mit ihren Krisen und Kämpfen ließ dann die 
Frage zurücktreten. Die Opposition hatte gesiegt, und die Regierung, welche 
die Londoner Konferenz veranstaltet hatte, war befriedigt, daß das Er- 
gebnis: die Deklaration, zunichte geworden war. 
In jenen Oberhausdebatten des Frühjahrs 1911 sprachen sich britische 
Staatsmänner und Admirale im übrigen sehr rückhaltlos über die Dekla- 
ration aus. Man meinte: wenn sie ratifiziert werden sollte, so würde das 
kein Unglück sein, denn bei Ausbruch eines großen Seekrieges würde die 
Deklaration, ob ratifiziert oder nicht, mit Beginn der Feindseligkeiten in 
Fetzen gerissen ins Meer fliegen. In einem Kampfe um die Existenz könne 
Großbritannien sich unter keinen Umständen an internationale Satzungen 
u#w. kehren, sondern müsse lediglich das tun, was militärische Zweckmäßig- 
keit gestattete oder geböte. Die Ereignisse des Krieges 1914/16 haben be- 
stätigt, daß jene Außerungen keineswegs, wie man damals vielfach in 
Oeutschland sich einredete, „chauvinistische Auslassungen unverantwort- 
licher Persönlichkeiten“ seien. Die großbritannische Regierung hat tat- 
sächlich im Kriege genau das getan und tun lassen, was im Oberhause 
als selbstverständlicher Grundsatz bingestellt wurde. Das britische Bolk 
fand sich einmütig im Willen, auch nicht den Schein einer Rechtsverpflich- 
tung für die Seekriegführung auf sich zu nehmen, weil es überzeugt war, 
der nächste Seekrieg werde gegen das Deutsche Reich ausgefochten werden, 
und es werde dann gelten, den deutschen Seehandel zu vernichten und das 
deutsche Volk zu ersticken. Wie hier in der ersten Ausgabe vor dem Kriege 
geschrieben wurde: „Diese Grundsätze, vor allem das naive Gefühl ihrer 
Selbstverständlichkeit, liegen viel tiefer als alle auf augenblicklichen poli- 
tischen Konstellationen und Interessen beruhenden gelegentlichen An- 
näherungen zwischen den beiden Mächten.“ — Die hervorragendsten Ver- 
treter und Vertretungen des britischen Handels forderten von der Re- 
gierung, daß die Londoner Oeklaration unter keinen Umständen ratifiziert 
werden dürfe, auf keinen Fall dürfe man der britischen Kriegeflotte durch 
internationale Verträge im Kriege die Hände binden. Handelskammern, 
Reedereivereinigungen, vereinigte Bertreter des Schiffbaues und der 
Industrie, — alle identifizierten das nationale, das militärische und das 
geschäftliche Interesse. In Deutschland umgekehrt waren es gerade diese 
Kreise, welche in offenbarer Unklarheit über ihr wirkliches Interesse im
        <pb n="427" />
        Potsdam — Agadir — Tripolis. 1909—1912. 385 
Kriege und die ihnen drohenden Gefahren die sogenannte Besserung der 
deutsch-englischen Beziehungen, wie „Verständigung“, in die erste Linie 
stellten und die Ansicht zum #lusdruck brachten, daß sich nach einer Besserung 
bier alles andere von selbst ergeben würde. Das war eine bedauerliche Un- 
kenntnis der englischen Geschichte, der Gebräuche des Seekrieges, ihrer 
Wirkung auf den Handel und vor allem der wahren Art der englischen Amn- 
schauung wie des englischen Charakters. 
Oiese zahlreichen, auf grober Berkennung beruhenden Hoffnungen und 
guten Wünsche wurden die Bäter ebenso vieler politischer Gedanken, und 
diese Gedanken waren nicht gut. 
Potsdam — Agadir — Tripolis. 1909—1912. 
Zm Sommer des Jahres 1909 trat Herr v. Bethmann Hollweg als 
Reichskanzler an die Stelle des Fürsten Bülow. In der Geschichte der 
auswärtigen Politik des Deutschen Reiches beginnt hiermit ein Um- 
schwung und eine neue Periode. Während die Bülowsche Politik im Zeichen 
des Gedankens und des Bestrebens stand, eine Politik der freien Hand zu 
treiben und sich nach keiner Seite hin zu binden oder in Abhängigkeit zu 
bringen, dabei dem großen ursprünglichen Leitgedanken des Oeutschen 
Kaisers folgend, mit tunlicher Energie dem Deutschen Reiche eine starke 
Kriegsflotte zu schaffen, vertrat Herr v. Bethmann Hollweg den politischen 
Gedanken, daß das Ziel der deutschen Politik in erster Linie sein müsse, sich 
die Neutralität Großbritanniens für einen Festlandskrieg versichern zu lassen. 
Fürst Bülow erfreute sich außerordentlichen Mißtrauens, ja eines tiefen 
Hasses in Großbritannien. Man erblickte in ihm einen Mann, der nicht geneigt 
sei, etwas im deutschen Sinne Wesentliches aufzugeben, um das Wohl- 
wollen Englands zu erlangen. Fürst Bülow hat im Reichstage während seiner 
Amtsführung wieder und wieder programmatisch betont, man könne sich mit 
England wohl in dieser oder jener Frage verständigen, und das bedeute an 
und für sich schon viel, das Deutsche Reich sei aber in keiner Weise mehr auf 
England angewiesen, wie England auf das Deutsche Reich. Die Stellung- 
nahme ferner des Fürsten Bülow zu den englischen Rüstungseinschränkungs- 
absichten für 1907 auf der Haager Konferenz wurde in Großbritannien 
erneut übel empfunden, und der diplomatische Sieg des Deutschen Kanzlers 
in der Bosnischen Krisis war selbstverständlich nicht geeignet, das groß- 
britannische Wohlwollen gegen den Kanzler zu erhöhen. Die englische 
Presse hat wiederbolt erklärt, Fürst Bülow sei nicht vertrauenswürdig. 
Der Reichskanzler Fürst Bülow hat die Geschicke des Deutschen Reiches 
in einer schwierigen und gefährlichen Periode verantwortlich geleitet. In 
den früheren Abschnitten ist mit abweichendem Urteile über seine poli- 
Graf Reventlow, Heutschlande auswärtige Polltie. 25
        <pb n="428" />
        386 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
tischen Handlungen und Unterlassungen nicht zurückgehalten worden. 
Betont zu werden verdient aber, und das wird auch die Geschichte später 
ale ein charakteristisches Merkmal der Bülowschen Amtsführung verzeichnen, 
daß der Fürst Reichskanzler von dem Wesen der englischen Politik und ihren 
Sielen eine verhältnismäßig klare und unbeirrbare Erkenntnis gehabt und 
nach Kräften betätigt hat. Die moralisch entrüstete Abneigung, die man in 
England Bülow entgegenbrachte, kann als eine schlagende Bestätigung 
hierfür angesehen werden. Es ist wahr, daß während der Bülovschen 
Amteführung sowohl die britisch-französische als auch die britisch-russische 
Vereinigung und damit der Oreiverband zustande gekommen ist. Wie 
man aber auch jene Entwicklung beurteilen mag, so ist nicht zu verkennen, 
daß wenigstens als Grundsatz Bülows die Unabhängigkeit der deutschen 
Politik nach allen Seiten in den Grenzen des praktisch Möglichen und ge- 
stützt in letzter Linie auf die eigene Kraft, durchstand. Fürst Bülow vertrat 
den Gedanken, daß die — nach seiner Auffassung bestehende — Unmöglich- 
keit, die Isolierung des Deutschen Reiches zu verhindern, keinen Grund 
bilden dürfe, um auf Grund von Konzessionen hinsichtlich der Wehrkraft 
Anschluß an andere Mächte zu suchen und damit die Unabhängigkeit der 
eigenen Politik in Frage zu stellen. Fürst Bülow erblickte im Gegenteil in 
der Stärkung der Wehrkraft zur See des Deutschen Reiches eine not- 
wendige Voraussetzung für die spätere Möglichkeit einer unabhängigen und 
dabei ausgreifenden P olitik unter selbstverständlichem Aufderhöhehalten der 
deutschen Landmacht. 
Als Staatssekretär des Auswärtigen wurde dem neuen Reichskanzler 
Herrn v. Bethmann H ollweg Herr v. Kiderlen-Waechter beigegeben. Auch 
er brachte die Voraussetzungen für einen neuen, dem wohlverstandenen 
deutschen Lebensinteresse entgegenlaufenden Kurs mit. Kiderlen-Wcechter 
teilte nicht die Ansicht von der Notwendigkeit einer starken deutschen 
Flotte, vielmehr war er der Auffassung, daß eine solche und besonders ihr 
Bau nicht friedenerhaltend, sondern friedenstörend, zum mindesten frieden- 
gefährdend wirke. Kiderlen-Waechter war in Unkenntnis über das Wesen 
der Seemacht und ebenso über Inhalt und Zweck der bestehenden deutschen 
Flottenpläne. Er mißbilligte diese aber und versuchte, ihnen nach Möglich- 
keit entgegenzuarbeiten. Er war in Anschauungen und Uberlieferungen 
aufgewachsen, welche eine Flotte für unnötig hielten. Eine „gute Anstands-- 
flotte“, insofern sie keinen englischen Umwillen erregte, wollte er gelten lassen, 
mehr nicht. Zum Ziel seiner Tätigkeit setzte er sich Annäherung an Rußland, 
Annäherung an England, möglichst schnelle Ausschaltung der deutsch-franzö- 
sischen Reibungsflächen, kräftige Förderung der deutschen Orientpolitik. 
Wie der Deutsche Reichskanzler kurz nach seinem Amtsantritt über die 
fortgesetzten englischen Bersuche, Deutschland zu einer Beschränkung seiner
        <pb n="429" />
        Potsdam — Agadir — Tripolis. 1909—1912. 587 
  
Seerüstungen zu veranlassen, dachte, äußerte er zunächst im Dezember 
1910 im Deutschen Reichstage: die großbritannische Regierung habe 
wiederholt dem Gedanken Auedruck gegeben, eine vertragsmäßige Fest- 
legung der Flottenstärken der einzelnen Mächte würde zu einer wesentlichen 
Beruhigung in den internationalen Beziehungen beitragen. Oiesen Ge- 
danken habe England auf der Haager Konferenz und auch nachher wieder--- 
holt angeregt, „ohne jedoch Anträge zu stellen, die für uns den Anlaß 
zu einer positiven Annahme oder zu einer positiven Ablehnung hätten 
geben können. Auch wir begegnen uns mit England in dem Wuncche, 
Rivalitäten in Beziehung auf Rüstungen zu vermeiden, haben aber in 
den ab und zu stattgehabten unverbindlichen, von gegenseitigem freund- 
schaftlichen Geiste getragenen Pourparlers stets den Gedanken voran- 
gestellt, daß eine offene und vertrauensvolle Aussprache und darauf 
folgende Berständigung über die beiderseitigen wirtschaftlichen und po- 
litischen Interessen das sicherste Mittel zur Beseitigung jeglichen Miß- 
trauens wegen des gegenseitigen Kräfteverhältnisses zu Wasser und zu 
Lande sei“. Schon die Fortdauer eines zwanglosen und vertrauensvollen 
Gedankenaustausches über alle mit diesen Dingen zusammenhängenden 
Fragen sei eine Garantie für die freundschaftliche Absicht auf beiden 
Seiten und dürfte allmählich aber sicher zur Beseitigung des Mißtrauens 
führen, „das nicht bei den Regierungen, wohl aber in der öffentlichen 
Meinung sich leider vielfach geltend macht“. Das Wesentliche an dieser 
Darlegung war politisch und bleibt geschichtlich, daß der Reichskanzler die 
Ansicht aussprach und hegte, eine vertrauenövolle Aussprache, ein von 
Vertrauen getragener Gedankenaustausch mit der großbritannischen Re- 
gierung bilde überhaupt eine praktische Möglichkeit. Der Reichskanzler war 
von vertrauenswürdigen Absichten der großbritannischen Regierung 
überzeugt und glaubte ebenso an deren Aufrichtigkeit wie an die Zu- 
verlässigkeit britischer Absichten, das gegenseitige Mißtrauen zu beseitigen. 
Zenes Mißtrauen wurde, wie wir gesehen haben, gerade von der selbst 
nicht vertrauenswürdigen britischen Regierung gesät und geschürt, 
welche sich anderseits das Bertrauen des Deutschen Kanzlers mit besonderer 
Genugtuung gefallen ließ und es geschickt auszunutzen verstand. Unter vielen 
anderen bildet für die Bertrauensun würdigkeit einen besonders schlagenden 
Beweis, daß die britische Regierung während der sogenannten Panik im 
Frühjahr 1909 bewußt falsche Angaben über den Stand der deutschen Flotte 
brachte und trotz der sofortigen amtlichen Korrektur durch den Fürsten Bülow 
und den Staatssekretär des Reichsmarineamtes die falschen Angaben 
auch damals noch nicht zurückgenommen hatte, als Herr v. Bethmann Holl- 
weg 1910 seinem Vertrauen Auesdruck gab. Der Nachfolger des Fürsten 
Bülow glaubte offenbar, sein Borgänger habe England gegenüber eine 
257
        <pb n="430" />
        388 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
unrichtige Politik getrieben, und man müsse diese jetzt auf die Basis gegen- 
seitigen Vertrauens stellen. 
Nachdem Fürst Bülow zurückgetreten war, wandte sich die Wut der 
großbritannischen Presse, welche gerade in solchen Fragen nie ohne Ein- 
verständnis mit der Politik der jeweiligen Regierung handelt, mit Er- 
bitterung ausschließlich gegen den deutschen Staatesekretär des Reichs-- 
marineamtes, Admiral v. Tirpitz. Oieser sei ein unbeilvoller Mann, ein 
Feind Englands und nunmehr das einzige Hindernis einer aufrichtigen 
deutsch-englischen Verständigung. — Oas erfolgreiche Fortschreiten der 
Tirpitzschen Baupolitik und die in England bekannte Tatsache, daß der 
Staatssekretär der Durchführung des Flottenprogramms größte Bedeutung 
beimaß, ließ in England die Hoffnung aufkommen, man könne jetzt viel- 
leicht das Berschwinden des unbequemen Mannes von seinem Platze 
erreichen, wenn man ihn als das Hindernis einer aufrichtigen deutsch- 
englischen Verständigung hinstellte. Der friedliche Berlauf der Bosnischen 
Krisis ist, wie in England später zugestanden wurde, durch den damaligen 
Stand des deutschen Flottenbaues tatsächlich bis zu einem gewissen Grade 
beeinflußt worden, er hatte friedenerhaltend gewirkt. 
Die politische Entwicklung der kommenden -Zahre mußte 
durch den deutschen Kurswechsel ganz in das Zeichen der Frage 
der deutsch-englischen Beziehungen treten, und zwar deutscher- 
seits auf unrichtigen Voraussetzungen als Grundlage. 
r # 
Das Jahr 1909 stand politisch noch ganz unter dem Eindrucke der ver- 
flossenen Bosnischen Krisis, deren offizielles Ende in den April fiel. Bei- 
nahe unmittelbar daran knüpfte sich eine Reihe von Fürstenreisen und 
Fürstenbegegnungen. Der deutsche Kronprinz besuchte König Karl von 
Rumänien zu seinem 70. Geburtstage, offenbar als Anerkennung der 
politischen Haltung Rumäniens auch während der Bosnischen Krisis. Die 
Beziehungen Rumäniens zum Oreibunde waren nicht nur sehr enge, son- 
dern es bestanden auch geheime Berträge, welche anscheinend jedoch nur 
dem Könige und dem jeweilig leitenden Staatsmanne bekannt gewesen sind. 
In jener Zeit entsprachen die tatsächlichen Beziehungen, besonders zwischen 
Deutschland und Rumänien, auch der vertraglichen Bindung. Das deutsche 
Kaiserpaar traf im Frühsommer mit dem Könige von Italien zusammen 
und besuchte später auf der Rückreise von Korfu Kaiser Franz Joseph. 
Der Oeutsche Kaiser hatte eine Zusammenkunft mit dem russischen Zaren 
in Begleitung der beiderseitigen Minister. Diese Zusammenkünfte waren 
ohne wesentliche Bedeutung, wenn auch die mit dem Zaren dokumentieren 
sollte, daß aus der Bosnischen Krisis keine Verstimmung zurückgeblieben
        <pb n="431" />
        Potedam — Agadir — Tripolis. 1909—1912. 389 
  
sei. Bon erheblicher Bedeutung waren dagegen zwei russische Besuche zu 
London. Oer eine wurde von einer großen Anzahl Dumaabgeordneter 
ausgeführt, der zweite vom Zaren, nachdem dieser vorher in Cherbourg 
den französischen Präsidenten begrüßt hatte. König Eduard empfing auch 
die Dumaabgeordneten und stärkte damit das Ansehen der Duma. Die 
beiden Monarchen wünschten einander im Schatten einer großen englischen 
Flottenparade ferneres Gedeihen der herzlichen Beziehungen. 
Oer Deutsche Kaiser nahm an den österreichischen Manövern teil, und 
der Erzherzog-Thronfolger mit seiner Gemahlin machte einen Besuch in 
Berlin. Kurz, das Jahr 1909 bezeichnete eine beinahe allgemeine Be- 
tonung der bestehenden politischen Beziehungen, Freundschaften und 
Vereinbarungen. Das deutsch-russische Verhältnis schien sich zu bessern. 
Um so deutlicher betonte ein Besuch des Zaren in Italien zu Racconigi 
im Oktober 1909 die tiefe russisch-österreichische Berstimmung. Der Zar 
und Viktor Emanuel waren von ihren Ministern begleitet, eine Tatsache, 
welche die Zusammenkunft von vornherein zu einem bedeutenderen Er- 
eignisse stempelte. Gewollt auffallend bei der Reise selbst war, daß der Zar 
einen ungeheuren Umweg machte, um unterwege kein österreichisches Ge- 
biet betreten zu müssen. Man hatte russischerseits, wenn auch nur scheinbar, 
mit Deutschland das Kriegsbeil begraben. Mit Osterreich-Ungarn lag die 
Sache anders, um so mehr, als nach Schluß der Bosnischen Krisis eine bittere 
öffentliche Auseinandersetzung der russischen und der österreichisch-ungari- 
schen Diplomatie, im Grunde zwischen Fswolski und Aehrenthal, statt- 
gefunden hatte. Der Zar und der König von Ztalien und ihre Minister 
haben sich in Racconigi besonders mit südöstlichen Fragen beschäftigt und ihre 
völlige Ubereinstimmung über die Balkanangelegenheit feststellen können. 
Als möglich erscheint, daß der Bundesgenosse Deutschlands und Österreich- 
Ungarns damals schon in das Bertrauen Rußlands und damit des Dreiver--- 
bandes gezogen wurde, daß man Ztalien den Inhalt der in Reval verein- 
barten Beschlüsse mitteilte und für den Fall eines europäischen Krieges bei 
entsprechendem italienischen Verhalten Beute in Aussicht stellte. Außer-- 
dem wurde man sich in Racconigi darüber einig, daß gegen eine Besetzung 
von Tripolis durch Italien auch russischerseits nichts einzuwenden sei. Der 
in diesem Falle zu erwartende Krieg mit der Türkei sollte, wenn möglich 
dazu benutzt werden, um die Türkei auch auf dem europäischen Festlande 
zu schwächen. Daß ZItalien bei dieser Gelegenheit versuchen werde, sich 
in Albanien festzusetzen, dürfte ebenfalls in Racconigi besprochen worden 
sein. Genug, diese Zusammenkunft ist ein wichtiges Ereignis von poli- 
tischer Bedeutung gewesen und hat die Knüpfung eines neuen Bandes zwi- 
schen Italien und dem Dreiverbande bedeutet. Auf der anderen Seite war 
die unter solchen Umständen ausgeführte Reise des Zaren um österrei-
        <pb n="432" />
        390 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
chisches Gebiet herum in das Land von Österreichs Bundesgenossen ein 
ebenfallo sprechender Beweis für die zum mindesten kühle Gesinnung 
Italiens diesem seinem Bundesgenossen gegenüber. 
Zmmerdhin hielten die leitenden russischen Kreise, nachdem so die neue 
Lage scharf betont worden war, für zweckmäßig, im Laufe der folgenden 
Monate eine äußerliche Besserung der Beziehungen zu ÖOsterreich-Ungarn 
eintreten zu lassen. Es ist anzunehmen, daß dabei das Deutsche Reich mit 
besonderem Eifer zu vermitteln, zu versöhnen und zu glätten bemüht ge- 
wesen ist. Im Frühjahr 1910 wurde von Petersburg aus veröffentlicht, 
daß die russische und die österreichisch- ungarische Regierung zu voller 
Übereinstimmung hinsichtlich der Balkanangelegenheiten gelangt seien: in 
Gestalt der Llufrechterbaltung des Status quo, der Förderung des Wohles 
der Balkanstaaten und der neuen Entwicklung in der Türkei. — Dieses 
Programm war an und für sich nichtssagend, außerdem derart vieldeutig 
angesichts der bekannten russischen Ziele, daß sich als tatsächlich eben nur 
der Wunsch ergab, äußerlich ein leidlich beruhigtes Verhältnis herzu- 
stellen. Heute sind die Motive dieser Haltung ziemlich klar erkennbar: Ruß-- 
land war für den kommenden großen Konflikt auf Jahre hinaus noch nicht 
genügend gerüstet, man hatte gesehen, daß ohne Vorhandensein einer 
solchen Rüstung die Mittelmächte nicht durch Bluff hatten eingeschüchtert 
werden können. Es hatte also keinen praktisch vertretbaren Zweck, in der 
Zwischenzeit weiter eine Politik der Gereiztheit und einer solchen, die 
Krisen hervorrief, zu treiben. Deshalb war man auch mit Iswolski unzu- 
frieden, dessen Empfindlichkeit und Rachsucht ob seiner diplomatischen 
Niederlage einen zu persönlichen Charakter gegen den Freiherrn v. Aehren- 
thal angenommen hatte, als daß dies mit dem großen Plane der russi- 
schen Politik: in Ruhe rüsten und warten! — in Einklang zu bringen 
gewesen wäre. Zswolski ging als Botschafter nach Paris und bildete 
dort fortan eine stark treibende Kraft in der Förderung aller deutsch- 
feindlichen Bestrebungen einerseits, aller Bestrebungen zur Befestigung der 
Beziehungen zwischen Rußland, Frankreich und Großbritannien anderseits. 
Zar Nikolaus hat in der Tat damals wohl den Wunsch gebabt, wieder 
freundschaftliche Beziehungen von Aufrichtigkeit zwischen seinem und dem 
deutschen Kaiserhause herzustellen. Dieser persönliche Wunsch begegnete 
sich mit den angedeuteten Plänen der russischen Regierung. Diese glaubte 
außerdem zweckmäßig den beiden Ententegenossen, Frankreich und Groß- 
britannien, nahezulegen, daß Rußland in der Bosnischen Krisis nicht ge- 
nügende Unterstützung gefunden habe, daß es von ihnen durchaus nicht 
abhängig sei und nötigenfalls „auch anders könne“. Zu diesen Erwä- 
gungen trat die weitere, daß es vorteilhaft wäre, mit dem Deutschen Reiche 
über die Verhältnisse in Nordpersien zu einem Einverständnisse zu gelangen,
        <pb n="433" />
        Potsdam — Agadir — Tripolis. 1909—1912. 391 
  
denn dort begann der berechtigte wirtschaftliche Wettbewerb deutscher 
Kaufleute und Unternehmer, Reibungen hervorzurufen. 
Aus diesen und vielleicht noch anderen Gründen erfolgte gegen Ende 
1910 eine Zusammenkunft des Zaren, begleitet von Herrn Ssasonow, seinem 
neuen Minister des Auswärtigen, mit Kaiser Wilhelm in Potsdam. Ourch 
Besprechungen Kiderlen-Waechters mit Ssasonow wurde in der Haupt- 
sache das Folgende vereinbart: Deutschland anerkannte besondere poli- 
tische Interessen Rußlands in Persien und verpflichtete sich, nördlich einer 
gewissen Linie nicht um Erlaubnis zur Anlage von Eisenbahnen, Straßen, 
Schiffahrts- und Telegraphenlinien bei der persischen Regierung nachzu- 
suchen. Beide Mächte kamen überein, daß der Handel aller Nationen in 
Persien gleichberechtigt sein solle. Rußland erklärte, ein Eisenbahnnetz in 
Persien ausbauen zu wollen, darin eine Linie so, daß deren Verbindung 
mit der Bagdadbahn durch eine Querverbindung hergestellt werden könne. 
Den späteren Berkehr zwischen der Bagdadlinie und den persischen Bahnen 
versprach jede der beiden Mächte zu fördern. Die für Deutschland wich- 
tigste Bereinbarung war die Versicherung der russischen Regierung, sie 
werde den Bau der Bagdadbahn nicht hemmen. Damit war etwas Tat- 
sächliches und Bedeutendes gewonnen. Rußland würde nicht mehr auf 
die Türkei im alten Sinne drücken, noch auch gemeinsame Sache mit 
Großbritannien und Frankreich zur Hinderung und Verzögerung der 
deutschen Bagdadbahnpläne machen. In dieser Vereinbarung lag für 
Deutschland überhaupt der Kern des Abkommene, in Verbindung mit dem 
ebenfalls von Rußland bewilligten Anschlusse des Bagdadbahnsystemes 
an das persische. Dieses freilich war noch nicht vorhanden, und seine Aus- 
führung lag in weiter Ferne. Es ließ sich dabei nicht verkennen, daß Deutsch- 
land seine Interessen in Persien und allen Einfluß auf Persien mit dieser 
Vereinbarung aufgab, aber Herr v. Kiderlen-Waechter war der Ansicht, 
daß die Wegräumung von Hindernissen für die Bagdadbahn von größerer 
Wichtigkeit sei und sich ohne derartige Konzessionen nicht erreichen lasse. 
Man maß damals außerdem den Potsdamer Vereinbarungen eine 
hohe allgemeinpolitische Bedeutung bei. Der Deutsche Reichskanzler for- 
mulierte diese am 10. Dezember 1910 im Reichstage dahin: „Als Resultat 
der letzten Entrevue möchte ich bezeichnen, daß von neuem festgestellt 
wurde, daß sich beide Regierungen in keinerlei Kombination einlassen, 
die eine aggressive Spitze gegen den anderen Teil haben könnte. In diesem 
Sinne haben wir insbesondere Gelegenheit gehabt zu konstatieren, daß 
Deutschland und Rußland ein gleichmäßiges Interesse an Aufrechterhal- 
tung des Status quo am Balkan und überhaupt im nahen Orient haben 
und daher keinerlei Politik unterstützen werden — von welcher Seite sie auch 
kommen könnte —, welche auf Störung jenes Status quo gerichtet wäre.“
        <pb n="434" />
        392 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Die Potsdamer Unterredungen hätten „da und dort scheinbare Mißver- 
ständnisse beseitigt und das alte vertrauensvolle Verhältnis zwischen ung 
und Rußland bestätigt und bekräftigt“. Diese Äußerungen erregten in 
Europa größtes Aufsehen, um so mehr, als das russische Regierungsorgan 
„Rossija“ erklärte: nicht alles, was im Potsdam vereinbart worden sei, habe 
Ausdruck in dem Abkommen gefunden. Nachdem die erste Uberraschung und 
Erregung sich gelegt hatte und nach beftigen Angriffen in der russischen, 
britischen und französischen Presse auf die Politik Ssasonows wurde von 
russischer Seite die allgemeinpolitische Bedeutung der Potsdamer Ver- 
einbarungen als immer geringer dargestellt und hervorgehoben, daß die 
russische Regierung nach wie vor ihren Bündnissen und Freundschaften 
treu bliebe. In Deutschland und auch in der englischen Presse war aus- 
gesprochen worden, daß zwischen dem Deutschen Reiche und Rußland 
anscheinend ein Abkommen geschlossen worden sei wie der alte russische 
Rückversicherungsvertrag Bismarcks. Wäre diese Auffassung zutreffend 
gewesen, so würde in der Tat das europäische Mächtespstem eine völlige 
innere AÄAnderung erfahren haben und die Erregung in Frankreich, in Eng- 
land und in Rußland selbst wäre begreiflich genug gewesen. Tatsächlich 
beruhigte sich diese Erregung aber bald, und die französischen Zeitungen 
wußten zu erzählen, daß der im diplomatischen Umgange noch nicht sehr 
erfahrene Ssasonow sich durch das in unauffälliger Form gemachte deutsche 
Angebot eines solchen Rückversicherungsvertrages in Potsdam zunächst 
habe übertölpeln lassen. Nac seiner Rückkehr nach Petersburg habe die 
russische Regierung dann die hinterlistige deutsche Absicht erkannt, die Sache 
als eine harmlose Redewendung behandelt und auf das unschädliche 
Gleis allgemeiner Freundschaftlichkeitsversicherungen abgeschoben. In 
Deutschland mochte man an eine solche Deutung nicht glauben und hoffte 
noch längere Zeit nachher auf amtliche Beröffentlichung eines tatsächlichen 
großen Ergebnisses oder aber auf den Beweis vom allgemeinen Werte des 
Potödamer Abkommens durch politische Tatsachen. Weder das eine noch 
das andere erfolgte. In der Tat ist die angedeutete französische Auffassung 
der Wahrheit ziemlich nahegekommen, ohne sich allerdings mit ihr zu decken. 
Die Staatemänner haben sich in Potsdam über die gegenseitigen Be- 
ziehungen der beiden Mächte unterhalten, sogenannte Mißverständnisse 
aufgeklärt, und dann ist anscheinend von deutscher Seite der Vorschlag an 
Ssasonow gemacht worden, man möge sich gegenseitig darüber einigen: 
„daß beide Regierungen sich in keine Kombination einlassen dürften, 
die eine aggressive Spitze gegen den anderen Teil haben könnte“. Ssasonow 
hat sich damit einverstanden erklärt. Als aber nachber die deutsche Re- 
gierung bzw. ihr Petersburger Botschafter der russischen Regierung nabe- 
legte, neben den Abmachungen über Persien usw. auch diese allgemein-
        <pb n="435" />
        Potsdam — Agadir — Tripolis, 1909—1912. 393 
  
politische Übereinkunft schriftlich zu formulieren, weigerte sich Ssasonow, 
und die Antwort der russischen Regierung lautete: eine schriftliche Fixie- 
rung sei nicht beabsichtigt, auch nicht nötig, da das Wort des Zaren genüge. 
Zm amtlichen Berlin rief diese Wendung eine starke Enttäuschung hervor, 
denn man hatte sich dort nach den Potsdamer Unterhaltungen in der Tat 
eine neue Ara der deutsch-russischen Beziehungen versprochen. Auch der 
sonst sehr nüchterne Kiderlen-Waechter war unmittelbar nach den Be- 
sprechungen der Uberzeugung, daß wirklich etwas Ahnliches wie der alte 
Rückversicherungsvertrag zustande gekommen sei. Wie schon die aller- 
nächsten Zahre erwiesen, war das eine erhebliche Täuschung gewesen, und 
Rußland dachte nicht daran, von der großen Linie seiner Politik, im be- 
sonderen seiner Orientpolitik, abzuweichen. 
Bom Potedamer Abkommen hatte die russische Regierung den weiteren 
Vorteil, daß Großbritannien und Frankreich beflissener denn je wurden, 
sich die russische Freundschaft zu erhalten. Für die deutsche Politik be- 
deutete das Abkommen insoweit eine Reuheit, als das Oeutsche Reich sich 
amtlich zum ersten Male mit den anderen Großmächten in den Vorder- 
grund der Balkanpolitik begab. Die alte deutsche Formel: allen Balkan- 
fragen gegenüber in der „Hinterhand“ zu bleiben, sich in Balkan- und Orient- 
dingen nur als indirekt interessiert zu bezeichnen, war mit dem Augenblick 
öffentlich verworfen worden, als im Potsdamer Abkommen das Deutsche 
Reich zusammen mit Rußland die Erhaltung des Status quo im Orient 
als seine Politik bezeichnete. Dieses Herausrücken aus der „Hinterhand“ 
lag, wie nach allem Gesagten nicht mehr begründet zu werden braucht, 
in der notwendigen Weiterentwicklung der deutschen Orientpolitik. Wollte 
man diese, so mußte die Zurückhaltung einmal aufgegeben werden. Gleich- 
wohl war der Augenblick, in dem Deutschland ausdrücklich als direkt inter-- 
essierte Balkan- und Orientmacht auftrat, von Bedeutung, und beson- 
ders, daß dieses im Augenblicke erfolgte, als die russische Regierung er- 
klärte, den Bagdadbahnbau nicht mehr hemmen zu wollen: Die deutsche 
Orientpolitik arbeitete nun auch in Balkandingen nicht mehr allein durch 
das Medium Österreich-Ungarns und seiner Znteressen, sondern auch 
direkt. 
Während der Zeit dieses scheinbaren Einlenkens und Schwenkens der 
russischen Politik nach der deutschen Seite hin wuchs der russische Haß gegen 
Osterreich-Ungarn und gegen das Deutsche Reich, gegen alles Deutsche 
immer allgemeiner zu bitterem Fanatièômus. Dieser Haß wurde volke- 
tümlich und beilige Nationalsache. Bosnien wurde nicht vergessen: die 
Zeit werde kommen, wo Rußland seine Rache an Deutschland und Osterreich- 
Ungarn für die Demütigung und den Prestigeverlust von 1908 nehmen. 
werde.
        <pb n="436" />
        394 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Im Mai 1910 starb König Eduard von England; — ein Ereignis von 
europäischer Bedeutung. König Eduard hatte es im Laufe seiner kurzen 
Regierung verstanden, die europäische und teilweise auch die außereuro- 
päische Mächtegruppierung völlig zu verändern. Seiner persönlichen 
Staatskunst und Fähigkeit, geschickt, zielbewußt und unmerklich zu führen, 
war es gelungen, das weltgeschichtliche Ereignis der Entente Cordiale zu 
verwirklichen und kurz nachher das ebenfalls politisch epochemachende 
Ereignis der britisch-russischen Annäherung mit folgendem festen Einver--- 
ständnis. Eduard von England arbeitete ebenso ausdauernd wie erfolg- 
reich bis zu seinem Tode an der weiteren Ausgestaltung und Festigung der 
Ententemauer, die er um das Deutsche Reich und ÖOsterreich-Ungarn ge- 
zogen hatte. Daß diese Entente, oder welche Namen dafür gebraucht wur- 
den, kein hohles, kraftloses Blendwerk war, wie man in Deutschland gern 
behauptete, haben die folgenden Zahre und hat hauptsächlich der große, 
Krieg gezeigt. Man muß vom sozusagen technischen Standpunkte dem 
Zielbewußtsein, der Sorgsamkeit und Geschicklichkeit dieser verknüpfenden 
und verwebenden, dabei völlig aggressiven Staatsmannsarbeit alle An- 
erkennung zollen. Ganz Europa beinahbe wurde seit 1903 fest und unmerk- 
lich — jeder glaubte, daß es in seinem eigenen Vorteile liege — vor den 
englischen Wagen, im besonderen vor den der Eduardischen Politik, gespannt, 
immer mit dem aggressiven Ziele, das Deutsche Reich zu isolieren und ihm 
bei jeder Streitfrage erfolgreich die Alternative stellen zu können: Unter- 
werfung oder Krieg. Man hat zu Lebzeiten des Königs und später darüber 
gestritten, ob er den „Krieg gewollt“ habe oder nicht. Gewiß hat Eduard 
und haben seine Staateomänner nicht als einziges Ziel ihrer Politik und 
unter allen Umständen Krieg gegen das Deutsche Reich angesehen, aber 
sie waren überlegt entschlossen, keine europäische Gelegenheit zum Kriege 
vorübergehen zu lassen. Im Zahre 1905/06 hat ein Krieg unter englischer 
Führung mehrere Male unmittelbar vor der Tür gestanden, in der An- 
gelegenheit der Deserteure von Casablanca war Großbritannien ebenfalls 
entschlossen zum Kriege, falls Deutschland nicht nachgäbe, in der Bos- 
nischen Krisis hetzte Großbritannien geradezu zum Kriege. Eine Lage wie 
1914 kam nur deshalb nicht zustande, weil Rußland nicht bereit war und 
Frankreich ebenfalls nicht wollte. Friedliebend kann man König Eduard 
und seine Politik mithin nicht nennen, wenn er auch den Frieden stets im 
Munde geführt hat. Die Tatsache besteht, daß trotz dieser angeblichen Frie- 
densliebe gerade seit dem Regierungsantritte König Eduards Europa von 
einer schweren Krisis nach der anderen heimgesucht worden ist, und daß die 
Ententen Großbritanniens den bekannten dauernd gefährlich gespannten 
Zustand in Europa unvermeidlich machten. Auf der anderen Seite war 
Eduard VII. nüchtern genug, um sich zu sagen, daß es billiger sei, durch
        <pb n="437" />
        Potsdam — Agadir — Tripolis., 1909—1912. 395 
  
Einschüchterung, Druck und Drohung zu siegen als durch Krieg. Er war der 
Uberzeugung, daß Deutschland, wenn man nur mit genügendem Ernste 
drohe und drücke, schließlich immer nachgeben werde, um einen großen Krieg 
zu vermeiden. Und so wurde dieses Mittel wiederholt mit Vorteil ange- 
wandt. In der Bosnischen Krisis versagte es aus den bekannten Gründen. 
König Eduard war von Abneigung gegen den Oeutschen Koaiser er- 
füllt und ließ sich dadurch wiederholt zu groben Unhöflichkeiten hin- 
reißen. Er liebte das Deutsche und die ODeutschen überhaupt nicht, besaß 
aber sachlichen Scharfblick genug, um die deutsche Tüchtigkeit als Ursache 
immer gefährlicher werdenden Wettbewerbes auf dem Weltmarkte zu 
erkennen und zu werten. Hier dürfte der eigentliche Kernpunkt seiner anti- 
deutschen Politik zu finden sein. Eduard VII. war viel zu nüchtern, um 
Besorgnis vor dem Wachsen der deutschen Flotte und vor deutschen In- 
vasionsabsichten zu empfinden. Der deutsche Flottenbau war ihm aber ein 
Dorn im Auge, weil dieser nach englischer Auffassung England zu immer 
größeren Flottenausgaben zwang und damit die geldliche Belastung größer 
wurde. Auch die Tatsache, daß der deutsche Flottenbau anderen Seemächten 
zweiten Ranges Mut gab, ihre Kräfte zur See zu vermehren, mußte auf 
die Dauer dem britischen Steuerzahler zur Last fallen. 
Die wachsende Macht und Wucht des Deutschen Bolkes und Reiches, 
wie sie schon automatisch aus seinem wirtschaftlichen Gedeihen mit dessen 
Folgen und aus der starken Bevölkerungsvermehrung hervorging, er- 
füllte Eduard VII. mit der Uberzeugung: hier habe Großbritannien ein- 
mal wieder einen großen Festlandfeind vor sich, welcher ebenso wie früher 
Spavien, Holland, Frankreich zerschmettert, zum mindesten unschädlich 
gemacht werden müsse; wie immer in jenen Fällen mit Hilfe aller übrigen 
europäischen Festlandmächte in britischen Diensten. Und mit dieser An- 
schauung fand König Eduard beinahe ungeteilten und verständnisvollen 
Beifall im großbritannischen BVolke. Es ist ganz unrichtig, wollte man von 
einer persönlichen Politik des Königs sprechen, die er gewissermaßen über 
den Kopf des Volkes hinweg und im Gegensatz zu dessen eigentlichemt Emp- 
finden getrieben hätte. Ein König von England, der nicht von der Zu- 
stimmung so gut wie aller politisch denkenden Briten begleitet und getragen 
wurde, hätte keine zwei Monate lang eine verfassungewidrige persönliche 
Leitung und Betreibung der auswärtigen Politik Großbritanniens durch- 
führen können. König Eduard ließ man es durchgeben, und einzelne Wider- 
sprüche wurden weder von ihm noch von anderen beachtet. Einen Unter- 
schied in der Beurteilung Deutschlands und der sogenannten deutschen Ge- 
fahr gab es zwischen den beiden großen Parteien Großbritanniens im 
Grunde nicht. Sie beide waren mit Eduards VII. Politik einverstanden 
und froh und stolz auf deren schnelle und große Erfolge. Eduard stand
        <pb n="438" />
        396. 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
persönlich und mit seiner Politik auf dem Boden des britischen Volks- 
empfindens und auf dem Boden einer mehrhundertjährigen politischem 
Überlieferung. Der Kabinettswechsel, und das ist besonders beweiskräftig. 
hierfür, hatte nicht den geringsten Einfluß auf die auswärtige Politik. 
König Eduard trieb sie genau auf der gleichen Linie mit Balfour und Lans— 
downe wie mit Campbell-Bannerman und Grey. Und wenn die Namen 
der Minister anders gelautet hätten, so würde die Richtung ebenfalls die- 
gleiche geblieben sein und nicht minder die Mittel. Deshalb ist es auch irr- 
tümlich, wenn von Eduard VII. und seinen Schülern oder seinen Erben ge- 
sprochen wird. Die Ursachen und Zusammenhänge liegen alle viel tiefer. 
Der Tod des Königs wurde in Deutschland, wo man vielfach diese Zu- 
sammenhänge nicht erkannte oder sich scheute, sie energisch erkennen zu- 
wollen, als der Anfang einer neuen Ara der Entspannung und Versöhnung, 
der Verständigung angesehen. Zedenfalls boffte man, diese Anschauung, 
begen zu können. Eifriger denn je arbeiteten die Berständigungskomitees 
und Amateure ähnlicher Art, und zum hundertsten Male hörte man die 
alten Redewendungen austauschen: die beiden Völker und Staaten seien 
einander die besten Kunden, sie seien aufeinander angewiesen, ernsthafte 
Kriegsgründe beständen nicht, sondern nur Mißverständnisse und äbhnliches.. 
Die Rüstungseinschränkungsfrage wurde in der britischen Presse unauf- 
hörlich weiter behandelt. Der Reichskanzler nahm hierzu Ende März 1911. 
im Reichstage Stellung, indem er eine internationale Abrüstung als. 
praktisch-politische Utopie bezeichnete und ablehnte, dagegen erklärte: die 
deutsche Regierung halte für möglich, in einen Nachrichtenaustausch mit 
Großbritannien über die beiderseitigen Kriegsschiffbauten einzutreten;: 
dadurch könne einer Panik und kampfartigem Wettrüsten vorgebeugt wer- 
den. Er brachte mithbin der großbritannischen Regierung auch auf diesem. 
Gebiete Vertrauen entgegen und maß ihr VBertrauenswürdigkeit bei, 
denn ein solcher Austausch kann nur zweckvoll und anderseites unschädlich- 
sein, wenn beide Mächte Vertrauen zueinander haben und beide vertrauens- 
würdig sind. In Wirklichkeit lag nach wie vor die Sache so, daß die groß 
britannische Regierung und Bevölkerung es als ihr gottgewolltes Recht 
betrachteten, Deutschland zur See ohnmächtig zu halten, und deehalb- 
wider besseres Wissen „Paniken“ inszenierten und den Deutschen Pläne 
unterschoben, die ihnen fernlagen, die auch nicht durchführbar gewesen 
wären, wenn man sie wirklich gewollt hätte. 
Wie die oft genannten Berichte der belgischen Gesandten in jener Zeit 
und wie amtliche deutsche Veröffentlichungen während des Krieges er- 
kennen lassen, hielten die deutschen Staatsmänner im In- und Auslande 
König Eduard für den eigentlich und allein treibenden Geist der deutsch- 
feindlichen und friedengefährdenden Politik Großbritanniens und gingen-
        <pb n="439" />
        Potsdam — Agadir — Tripolis. 1909—1912. 397 
  
deöhalb mit um so mehr Bertrauen der vermeintlich neuen Ara entgegen. 
Wie diese in Wirklichkeit beschaffen war, zeigte im Sommer 1911 die 
Entwicklung der Ereignisse in Marokko. 
Dort war, wie angedeutet wurde, der von deutscher Seite erwartete 
Erfolg des Abkommens vom Februar 1909 nicht eingetreten. Die ge- 
wünschte wirtschaftliche Zusammenarbeit in Marokko und auch in Mittel- 
afrika wurde französischerseits abgelehnt. Sie scheiterte teils am Mangel 
guten Willens, teils an der Fülle feindseligen Ubelwollens in Frankreich. 
Regierung und Presse erklärten im Widerspruche zu den Tatsachen: Deutsch-- 
land verlange von Frankreich, daß die beiden Mächte Marokko wirtschaft- 
lich monopolisierten. Das würde die Algecirasakte verletzen, denn durch 
eine solche Monopolisierung würde der Handel der anderen Mächte, vor 
allem Englands und Spaniens, geschädigt und die angeblich von Deutschland 
vertretene Freiheit des Handels ohne Ungleichheit vernichtet. So habe 
Frankreich das Februarabkommen nicht gemeint. Häufige Kabinettswechsel 
erleichterten der französischen Regierung, die deutschen Vorschläge zu ver- 
schleppen, damit die deutschen Interessen zu schädigen und alle Anfänge 
einer Einigung unmöglich zu machen. Oagegen griffen die Franzosen gleich 
energisch zu, um sich die großen Vorteile des Februarabkommens 1909 zu 
sichern. Man trat nunmehr offen die Algecirasakte mit Füßen, insoweit sie 
sich auf die Unabhängigkeit des Landes und Souveränität des Sultans be- 
zog. Die übrigen Mächte, Großbritannien an der Spitze, ließen Frankreich 
wohlwollend gewähren, nur Spanien empfand Unbehagen, sah sich aber 
isoliert. 
Im Frühjahr 1910 war es Frankreich gelungen, dem Sultan Mulai 
Hafid eine große Anleihe aufzuzwingen. Er erhielt 80 Millionen Franken 
und verpflichtete sich, die französischen Feldzüge in Marokko innerhalb 
75 Zahren zu bezahlen. Die französische Rechnung für die bisherigen Er- 
oberungezüge belief sich auf weitere 70 Millionen Franken. Als Garantie 
mußte der Sultan seine sämtlichen Einnahmen verpfänden; sie wurden 
unter französische Kontrolle gestellt. Damit war der entscheidende Schritt 
getan, nämlich die Souveränität und Unabhängigkeit des Sultans und 
des Landes, ferner die Handelsfreiheit definitiv vernichtet, nachdem die 
Integrität des Gebietes schon im Zahre nach Abschluß der Algecirasakte 
durch die französische Besetzung verletzt worden war. Auch dem Abkommen 
von 1909 widersprach selbstverständlich dieses Borgehen. Der deutsche 
Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter war noch im Winter 1910/11 ange- 
sichts dieser Entwicklung der Auffassung: die deutsche Politik habe während 
der letzten Jahre — vor seinem lmtoantritte — so viele französische 
Aktionen, die im Widerspruche zur Algecira#akte standen, gebilligt oder ohne 
Widerspruch sich vollziehen lassen und dadurch Vorgänge geschaffen, daß
        <pb n="440" />
        398 4. Abschnirt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
man jetzt nicht mehr ohne weiteres eingreifen könne. Man müsse so lange 
warten, bie die Franzosen durch ihr weiteres Vorgehen eine neue Lage 
schafften. 
Diese neue Lage bahnte sich seit dem Frühjahr 1911 an. Seitdem 
der Sultan Mulai Hafid ganz in der französischen Hand war und keinen 
Widerstand mehr versuchte, wurde, wie stets in solchen Fällen, aus der 
früheren übelwollenden französischen Härte Wohlwollen und Nachsicht. 
Der Sultan benutzte seinerseits die französische Freundschaft zu Willkür- 
akten marokkanischen Stämmen gegenüber. Als diese dann ihrerseits 
reagierten, griff Frankreich den Vorwand auf und erklärte die Hauptstadt 
Marokkos, Fes, insbesondere die dortlebenden Europäer, für schwer bedroht 
und gefährdet. Mulai Hafid bat, französischen Instruktionen folgend, um 
Hilfe, und die französische Regierung tat den europäischen Mächten kund, 
sie sei munmehr verantwortlich und verpflichtet, die Souveränität des an- 
erkannten Sultans Mulai Hafid und das Leben der Europäer in Fes zu 
schützen. Eine bedeutende Truppenmacht unter Führung des Generals 
Moinier marschierte auf Fes, und die Stadt wurde am 21. Mai ohne Wider-- 
stand genommen. Es stellte sich heraus, was von deutscher und marok- 
kanischer Seite schon vorher aus Marokko mitgeteilt worden war, daß in 
keinem Augenblick eine Gefährdung der Europäer in Fes bestanden hatte. 
Der Zug nach Fes mußte in der Tat eine neue Lage in Marokko schaffen, 
denn er war etwas ganz anderes als die früher von Deutschland geduldeten 
Ausbreitungen im Schaujagebiete und nahe der algerischen Grenze, son- 
dern er bildete einen Stoß ins Herz des Landes, nämllich in dessen Hauptstadt. 
Die deutsche Regierung erbob keinen Einspruch gegen die Unter- 
nehmung auf Fes, brachte aber halbamtlich zum Ausdruck, daß die Ein- 
nahme der Hauptstadt durch französische Truppen im Widerspruche zur 
Algecirasakte stehe und mit ihrem Eintreten den übrigen Unterzeichner-- 
mächten der Algecirasakte ihre Handlungsfreiheit wiedergegeben werden 
würde. Der Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter sagte in jener Periode 
dem französischen Botschafter Cambon als seine Ansicht: Frankreich würde, 
einmal in Fes angelangt, nicht wieder herausgehen, was Cambon natürlich 
wider besseres Wissen lebhaft bestritt. Der Staatssekretär ließ die Dinge 
dann ihren Gang gehen, entschlossen, die Gelegenheit zu benutzen, um die 
ganze Marokkoangelegenheit für Deutschland jetzt ein für allemal zur 
Erledigung zu bringen. 
Am 1. Zuli 1911 ankerte das deutsche Kanonenboot „Panther“ auf der 
Reede des marokkanischen Hafens Agadir, nachdem dortige deutsche Firmen 
die Reichsregierung um Schutz gebeten hatten. Kurz darauf wurde der 
„Pantber“ durch den kleinen Kreuzer „Berlin“ ersetzt. 
An die Unterzeichnermächte der Algecirasakte erging gleichzeitig die
        <pb n="441" />
        Potsdam — Agadir — Tripolis. 1909—1912. 399 
  
folgende Note: „Deutsche Firmen, die im Süden Marokkos, und besonders. 
in Agadir und Umgegend tätig sind, sind über eine gewisse Gärung unter 
den dortigen Stämmen beunruhigt, die durch die letzten Ereignisse in anderen 
Teilen des Landes hervorgerufen zu sein scheinen. Auf ihre Bitte hat die- 
Regierung beschlossen, ein Kriegsschiff nach dem Hafen von Asgadir zu 
entsenden, um nötigenfalls den deutschen Untertanen und Schutzgenossen, 
wie auch den beträchtlichen deutschen Interessen in jenen Gegenden Hilfe 
und Schutz zu gewähren. Sobald Ruhe und Ordnung in Marokko wieder- 
gekehrt sein werden, soll das mit dieser Aufgabe des Schutzes betraute 
Schiff den Hafen von Agadir wieder verlassen.“ 
Die Kölnische Zeitung erhielt zugleich die folgende halbamtliche De- 
pesche aus Berlin: „Anderweitigen Meldungen gegenüber ist zu bemerken, 
daß die Ausschiffung von Mannschaften in Agadir zunächst nicht beabsichtigt 
ist und nur dann in Frage kommt, wenn sich die Notwendigkeit einer 
solchen Maßregel zum Schutze von Leben und Eigentum der Oeutschen 
herausstellen würde. Ebensowenig ist die Besetzung des Hinterlandes von 
Agadir geplant. Es handelt sich bei diesem Schritte der deutschen Re- 
gierung um Vorsichtsmaßregeln, nicht um einen Akt der Besitzergreifung.“ 
Die Note und das halbamtliche Zeitungstelegramm hoben sofort den 
springenden Punkt hervor, daß die Kriegsschifföentsendung nach Agadir 
keinen Akt deutscher Besitzergreifung marokkanischen Gebietes bedeuten 
oder einleiten solle. Auch heute steht außer Zweifel, daß die deutsche Re- 
gierung und im besonderen Kiderlen-Waechter an derartige Pläne von 
Anfang an nicht gedacht hat. Wie angedeutet, war es seit langem der Wunsch. 
und die Politik Kiderlen-Waechters, die Marokkofrage für Deutschland 
aus der Welt zu schaffen. Der Staatssekretär war der Ansicht, daß die 
deutsche Marokkopolitik rettungslos verfahren sei. Man müsse sie bei dem 
ersten schicklichen Anlasse liquidieren. Kiderlen-Waechter stimmte nicht mit 
der Marokkopolitik des Fürsten Bülow überein, hielt eine erfolgreiche Durch- 
führung derselben für unmöglich und hatte sie durch das Februarabkommen 
von 1909 eigentlich schon umgeworfen, denn Bülow hatte besonders auf 
das Recht Deutschlands gehalten — ohne freilich energisch von diesem Rechte 
Gebrauch zu machen —, auch politisch in die marokkanischen Berhältnisse- 
bineinzureden, falls Frankreich oder eine andere Unterzeichnermacht die 
Algecirasakte verletzen sollte. Kiderlen-Waechter beschränkte freiwillig. 
die deutschen Marokkoansprüche auf das wirtschaftliche Gebiet. Auch das 
bedeutete eine Verkennung der Berhältnisse und der französischen Politik, 
denn Frankreich hat niemals daran gedacht, die marokkanische Tür wirt- 
schaftlich wirklich offen zu lassen. Gerade durch seinen politischen Einfluß 
und seine in dessen Dienst gebrauchten Machtmittel wollte und konnte 
Frankreich die offene Tür schließen. Das wirtschaftliche und das politische.
        <pb n="442" />
        400 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Gebiet ließen sich da nicht trennen. Oder man musßte bei einem bestimmten 
Anlaß überhaupt die deutsch-französische Machtfrage aufwerfen. 
An Fußfassung in Marokko hat Kiderlen-Waechter in der Tat niemals 
gedacht. #llle Kombinationen, welche in Deutschland und im Auelande in 
dieser Richtung gemacht worden sind, treffen nicht zu. Daß sein Berbalten 
freilich an der Möglichkeit solcher Mißverständnisse beteiligt gewesen ist, kann 
nicht bestritten werden. Vom März 1911, also Monate vor der „Pantber“- 
Entsendung, bis zum Ende der deutsch-französischen Berhandlungen ist der 
Grundgedanke des Staatssekretärs immer der gleiche geblieben: die marok- 
kanische Frage aufzurollen und zu erledigen, Marokko politisch uneinge- 
schränkt an Frankreich zu überlassen und dafür einen anderweitigen kolo- 
nialen Gegenwert zu erhalten. Die „Panther“-Aktion sollte lediglich 
dienen, um Frankreich zu zwingen, der deutschen Regierung eine erschöp- 
fende Erörterung der Marokkofrage anzubieten. Kiderlen-Waechter war 
der Auffassung, daß ein solcher auffallender Akt nötig sei, weil man nach den 
Vorgängen der letzten Jahre und bei dem französischen Berfahren des 
Ausweichens und Verschleppens sonst keinen Schritt weiterkommen werde. 
Es ist ebenfalls, wie beiläufig bemerkt sein mag, nicht richtig, wenn 
behauptet wurde: der Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter habe, bevor er 
den „Panther" nach Agadir schickte, geglaubt, die Haltung Großbritanniens 
in der marokkanischen Frage und besonders Frankreich gegenüber werde 
eine andere als 1905, jedenfalls nicht mehr solidarisch mit Frankreich 
sein. Deshalb habe er den Agadir-Schritt getan und sei in der Folge schwer 
enttäuscht worden. Auch das trifft, jedenfalls in dieser Form, nicht zu. 
Der Staatesekretär äußerte vor der Entsendung des „Panther“ auf eine 
Frage des Verfassers: er glaube, daß Großbritannien genau ebenso zu 
Frankreich halten werde, wie 1905, schon um den Franzosen nicht als 
unzuverlässig zu erscheinen, also die Entente Cordiale zu gefährden. — 
Ob andere Persönlichkeiten in Deutschland gehofft oder geglaubt haben, 
nach dem Tode König Eduards werde Großbritannien sich auch in einer 
deutsch-französischen Marokkospannung anders verhalten als früher, ent- 
zieht sich der Kenntnis. Wahrscheinlich aber ist, daß man im Schoße der 
deutschen Regierung angenommen hat, es werde möglich sein, über Marokko 
und anderweitige Kompensationen für deutsche Verzichte von Anfang an 
bis zu Ende mit Frankreich allein verhandeln zu können. 
Zm Deutschen Reichstage wurde nachher auch die Einwendung er- 
hoben: wenn die Regierung wirklich weiter nichts in Marokko gewollt 
hätte, so wäre das Mittel, ein Kriegsschiff zu entsenden, unverhältnis- 
mäßig groß und zu gefährlich gewesen. Dieser Einwand war nicht richtig, 
denn gelindere Mittel, um die französische Regierung zu stellen, gab es nicht 
mehr. Eine andere Frage war und ist heute noch, ob, im Gegenteil, das
        <pb n="443" />
        Potsdam — Agadir — Tripolis. 1909—1912. 401 
Mittel der Kriegsschiffentsendung gerade Frankreich gegenüber stark genug 
war, zumal es auch den Fehler hatte, die maritime Seite der Sache zu be- 
tonen, welche hier tatsächlich für Deutschland gar nicht vorhanden war, und 
damit Großbritannien auf den Plan zu rufen, auch der britischen Re- 
gierung den Vorwand zu geben, die Interessen Großbritanniens als ge- 
fährdet zu bezeichnen. Man gab damit auch Frankreich eine Waffe, die es 
sonst nicht besessen hätte, nämlich Großbritannien auf eben die maritime 
Seite hinzuweisen. Die französische Regierung hat damals versucht, zu ver- 
anlassen, daß ein britisches Geschwader nach Agadir ginge, überhaupt nichts 
versäumt, um die britische Offentlichkeit glauben zu machen, die deutsche 
Marokkoaktion sei im Grunde auf die Gewinnung einer atlantischen Flotten- 
basis gerichtet. Bei nüchterner Beurteilung der Berhältnisse und Faktoren 
wäre es aus diesen Gründen wirkungsvoller und zweckentsprechender ge- 
wesen, wenn man den Schwerpunkt der Aktion nicht nach Marokko ver- 
legt hätte, sondern sich unter Ausführungen gleichzeitiger Truppenbewe- 
gungen an der deutsch-französischen Grenze lediglich nach Paris gewandt 
hätte. Der Lokalanstrich, den die „Panther“-Entsendung der Angelegen- 
beit gab, hat nur zur Erschwerung und Komplizierung der Sache gedient. 
Dazu kam, daß im Oeutschen Reiche ein großer Teil der Bevölkerung zu- 
nächst fest überzeugt war, die deutsche Regierung habe den „Panther"“- 
Schritt getan, um damit die Hand auf Westmarokko, im besonderen das Sus- 
gebiet mit seiner Küste, zu legen. Eine intensive Propaganda für diesen 
Plan wurde ins Werk gesetzt, und es lag nabe genug, daß das Ausland 
glaubte, sie sei von der Regierung veranlaßt worden oder wohlwollend ge- 
duldet. 
Genug, die Ankunft des „Panther“ in Agadir erregte größtes Auf- 
sehen in Europa, und die Anzeichen einer allgemeinen Krisenspannung 
machten sich schnell bemerkbar. Die Presse der Tripelentente tat außer sich 
über die deutsche Bedrohung Frankreichs in seinen Rechten und die 
Achtungsverletzung Großbritannien gegenüber. Die großbritannische Presse- 
hatte bereits seit dem Zuge von Fes die Ansicht vertreten, daß Frankreich= 
vollkommen im Rahmen seiner Rechte und der Algecirasakte und unter 
voller Zustimmung Großbritanniens vorgehe. 
Wenige Tage nach den erwähnten deutschen Beröffentlichungen schon 
begannen deutsch-französische Verhandlungen in Berlin, geführt vom 
Staatesekretär v. Kiderlen-Waechter und dem französischen Botschafter 
zu Berlin, Jules Cambon. 
Oie Verhandlungen bewegten sich in zwei Richtungen: Festlegung 
wirtschaftlicher Garantien für den deutschen Handel und deutsche Kon- 
zessionen in einem französischen Protektorate Marokko; Festsetzung einer 
kolonialen Gebietoentschädigung für Deutschland in Mittelafrika, zum Aus- 
Graf Reventlow, Heutschlande auewärtige Polltik. 26
        <pb n="444" />
        402 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
gleich für den Gewinn Frankreichs durch das Protektorat. v. Kiderlen- 
Weechter vertrat den Standpunkt: Großbritannien habe Agypten ge- 
nommen, Frankreich erhalte nun Marokko, folglich müsse das Deutsche Reich 
auch eine angemessene Entschädigung erhalten. An die Möglichkeit einer 
solchen hatte man in Frankreich schon früher gedacht. Im Juni 1911, vor 
der Entsendung des „Panther“, hatte die französische Presse davon ge- 
sprochen und hatten auch die beiden Regierungen unverbindlich den 
Gedanken erörtert, über Kompensationen für Deutschland außerhalb 
Marokkos zu verbandeln; dabei fiel schon das Wort „Kongo“, und zwar 
von französischer Seite. Die Wünsche und Ziele Kiderlen-Waechters also 
waren der französischen Regierung keineswegs unbekannt, aber sie glaubte 
augenscheinlich, e5 werde möglich sein, Marokko einzustecken, ohne Kom- 
pensationen dafür zu geben. 
Die deutsche Regierung legte ihren Standpunkt klar dar: man wollte- 
Frankreich Marokko ganz, also als Protektorat überlassen, mit der Maß- 
gabe, daß die deutschen Interessen und der deutsche Handel in Gegenwart 
und Zukunft geschützt und garantiert würden. Hinsichtlich der Kompen- 
sationen war der Leitgedanke Kiderlen-Waechters die Anbahnung eines 
großen mittelafrikanischen Kolonialreiches. Sein Wunsch ging zunächst dabin, 
das Gebiet der französischen Kongokolonie von der Küste bis zum Ssanga- 
flusse zu erwerben. Er bielt diese Erwerbung für so wichtig, daß er kein 
Bedenken getragen hätte, die kleine aber blühende deutsche Kolonie Togo 
draufzugeben. Zu amtlichen Verhandlungen auf dieser Grundlage ist 
es jedoch nicht gekommen, weil sich in Deutschland selbst starker Widerspruch 
gegen einen solchen Austausch erhob. Zenen wichtigsten Teil der franzö- 
sischen Kongokolonie zu erwerben, wäre aber in der Tat von großer Be- 
deutung gewesen, denn er hätte im Bereine mit dem deutschen Kamerun 
ein großes deutsches Wirtschaftsgebiet Westafrika gebildet, mit langer 
Erenze an das belgische Kongogebiet stoßend, und hätte damit große wirt- 
schaftliche wie politische Aussichten geschaffen. Das in französischer Hand 
liegende Vorkaufsrecht auf das belgische Kongogebiet wäre an Deutsch- 
land übergegangen. Oas hätte damals eine Zukunftemöglichkeit bedeutet, 
aber die Grundlage wäre gleichwohl realer Natur gewesen und das Ganze 
großzügig. Anderseits lag nabe genug, daß weite Kreise in Deutschland 
von der Fortgabe einer so blühenden deutschen Kolonie, wie das Togo- 
gebiet, nichts wissen wollten. Kiderlen-Waechter stand demgegenüber auf 
dem Standpunkte, daß Togo vermöge seiner Lage keinerlei Aussichten im 
Sinne einer Ausdehnung für späterhin hbätte, der Kongoplan aber von 
böchster Bedeutung und großer Ausdehnungsfähigkeit wäre. 
Oas war der Grundgedanke des Staatssekretärs. Er scheiterte ein- 
mal an dem gedachten Widerstande und ferner, wie es scheint, daran, daß
        <pb n="445" />
        Notsdam — Agadir — Tripolis,. 1909—1912. 403 
  
die Reichsregierung den französischen Widerstand gegen eine so große 
Entschädigung nicht vor die Alternative: Krieg oder Frieden, Annahme 
oder Ablehnung stellen wollte. So begann denn eine Periode des Feil- 
schens und auch des Nachgebens. Kiderlen-Weechter erreichte schließlich, 
daß das deutsche Kolonialgebiet, freilich nur mit zwei schmalen Zipfeln, an 
den Kongofluß und den Ubangifluß bzw. an die Grenze des belgischen 
Kongogebietes vorgeschoben wurde. Gewissermaßen schematisch war da- 
mit das alte Ziel Kiderlens erreicht: an die großen Flüsse heranzukommen 
und Nachbarland des belgischen Kongostaates zu werden. Es waren aber 
nur ganz schmale Berbindungsstreifen mitten in französischem Gebiete, 
und von der Ozeanküste bekam man gar nichts. 
Kiderlen-Waechter dachte nicht daran, wie ihm imputiert worden ist, 
eine Aufteilung des belgischen Gebietes anzuregen. Sein Gedanke war 
nur: daß, sollte einmal eine solche Aufteilung erfolgen, Deutschland dann 
als kolonialer Nachbarstaat auf gleichem Fuße wie Frankreich und Eng- 
land dabei mitzureden habe. Die neue koloniale Erwerbung, später Neu- 
kamerun genannt, sollte in erster Linie zur Berkehrsverbindung in dem 
Sinne dienen, daß sie einen Schienen- und Schiffahrtsweg vom deutschen 
Kamerungebicte in das gewaltige belgische Kongogebiet ermöglichte und 
diese Berbindung in einer ferneren Zukunft bis nach dem deutschen Ostafrika 
und durch dieses nach dem Indischen Ozean reichen sollte. Weiter galt der 
Gedanke des Staatssekretärs einer wirtschaftspolitischen Regelung des 
portugiesischen Kolonialbesitzes in Afrika zwischen dem Deutschen Reiche 
und England. Griff diese Regelung früher oder später Platz, so war es von 
hoher Bedeutung, daß Möglichkeiten für eine Berbindung zwischen den 
Gebieten von Angola und Kamerun geschaffen wurden. Alles in allem 
bezweckte der Plan nicht nur die Bergrößerung des deutschen Kolonial- 
gebietes, sondern auch die Bereinigung und VBerbindung seiner einzelnen 
Teile. Der Gedanke war groß, seine Berwirklichung entsprach dieser Größe 
nicht und stellte nur einen Torso dar. 
Was die neuerworbenen Gebiete selbst anlangte, so bielt man diese 
in Deutschland zunächst für gänzlich wertlos, für ganz oder größtenteils 
unbewohnbare, von Schlafkrankheit erfüllte Sumpfgegenden. Je mehr aber 
während der folgenden Zahre die Erforschung der neuen Gebiete fortschritt, 
desto wertvollere Qualität des Landes stellte sich heraus. An erster Stelle 
jedoch blieb der Verbindunge- und Berkehrswert des neuen Gebicts- 
zuwachses. 
Es wurde in Deutschland bedauert, daß dieser Kompensationsgedanke 
nicht schon früher aufgeworfen worden war. Ein solches Bedauern war be- 
rechtigt, aber ergänzend muß dazu bemerkt werden, daß eine Gelegendeit 
bierfür sich nur vor der Konferenz von Algeciras geboten hätte. Damals 
26*
        <pb n="446" />
        404 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
wäre die Gelegenheit, mit Frankreich friedlich und erfolgreich ins reine 
zu kommen, günstiger gewesen, denn die Geschlossenheit der antideutschen 
Koalition bestand damals noch nicht in dem späteren Grade. Vor Alge- 
ciras war außerdem Frankreich noch nicht Gebieter des Landes Marokko 
und des Sultans, wie tatsächlich nachher im Jahre 1911. Einwendungen 
gegen die Zweckmäßigkeit eines deutsch-französischen Sonderabkommens 
vor Algeciras können auch unter diesem Gesichtspunkte nicht als stichhaltig 
angesehen werden. Um so schwerer belasteten Algeciras und die Folgen 
dieses internationalen Vertrages die deutsche Liquidierungspolitik von 1911. 
Die Verhandlungen von 1911 und ihre Ergebnisse sind nur verständ- 
lich, wenn man sich vor Augen hält, daß die deutsche Regierung mit der 
Marokkofrage ein für allemal reinen Tisch machen wollte und bierin ihr 
eigentliches Ziel erblickte. Bon vornherein betrachtete sie die Meinungs- 
verschiedenheiten im Laufe der deutsch-französischen Berhandlungen und 
auch deren Gegenstand als nicht mit der Ehre des Deutschen Reiches ver- 
knüpft. Deshalb wurden die Berhandlungen nicht abgebrochen, sondern 
durch deutsche Nachgiebigkeit fortführbar erhalten. Die Regierung wollte 
aus dem Handel keinen Streitfall machen und ließ von ihren Forderungen 
ab, wo sie der Auffassung war, den französisch-englischen Widerstand nicht 
besiegen zu können. Ob das richtig, ob es ein Fehler war, — darüber können 
die Ansichten verschieden sein. 
Die Verhandlungen würden schneller und wohl auch günstiger ver- 
laufen sein, wenn das Bestreben der deutschen Regierung, mit Frankreich 
allein zu verhandeln, von Erfolg begleitet gewesen wäre. Die großbritan- 
nische Regierung dagegen behandelte die Sache schon im Laufe des Zuli 
als ihre eigene. Die englische Presse tobte, sprach von einer Wiederholung 
der Tangerreise, erging sich in Herausforderungen an Oeutschland und in 
Unverschämtheiten gegen den Deutschen Kaiser. England müsse, so hieß 
es nach französischer Inspiration, mit Frankreich zusammen einige Kreuzer 
nach Agadir schicken, um die Lage klarzustellen. Deutschland wolle sich an 
der atlantischen Marokkoküste festsetzen, Frankreich seinen Marokkobesitz 
nehmen und durch einen atlantischen Hafen als Stützpunkt die britische See- 
berrschaft bedrohen. England werde so etwas nie dulden. Oie deutsche 
Politik handle im Widerspruch zur Algecirasakte und zum Februar- 
abkommen von 1909. 
In Frankreich tat man alles, um die großbritannische Bevölkerung in 
der Ansicht zu befestigen, daß Deutschland ein Stück Marokko wolle, Frank- 
reich mit Krieg bedroht werde, Deutschland binsichtlich afrikanischer Kom- 
pensationen ungeheure, unerfüllbare Forderungen stelle usw. So wurde in 
Großbritannien angesichts der Berliner Berhandlungen die künstliche Ent- 
rüstung immer stärker. Am 21. Zuli hielt der derzeitige großbritannische
        <pb n="447" />
        Potedam — Agadir — Tripolis. 1909—1912. 405 
  
Schatzkanzler, Lloyd George, im Mansion-Hause eine Rede, deren Wortlaut 
vorher in einem Ministerrate festgelegt worden war; er las sie vom Papier 
ab; sie war mithin keineswegs eine Zmprovisierung. Oer wichtigste Teil 
dieser Regierungserklärung lautete: 
„Englands mächtiger Einfluß hat sich manches Mal in der Vergangen- 
heit als unschätzbar für die Sache menschlicher Freiheit erwiesen und kann 
ees auch vielleicht in Zukunft sein. Es hat mehr als einmal in der Ver- 
gangenheit kontinentale Vationen, die manchmal nur zu geneigt sind, diesen 
Dienst zu vergessen, aus erdrückendem Unglück gerettet und sogar vor na- 
tionaler Vernichtung bewahrt. Ich glaube, daß nur Fragen von ernster 
nationaler Bedeutung eine Störung der internationalen Friedfertigkeit 
rechtfertigen könnten. Wenn uns aber eine Situation aufgezwungen 
würde, in welcher der Friede nur durch das Aufgeben der großen und wohl- 
tätigen Stellung erhalten werden könnte, die England sich in Jahrhunderten 
des Heroismus und Erfolges erworben hat, und nur dadurch, daß Groß- 
britannien in Fragen, die seine Lebensinteressen berühren, in einer Weise 
behandelt würde, als ob es im Rate der Nationen gar nicht mehr mitzählte, 
dann — ich betone es — würde ein Frieden um jeden Preis eine Er- 
niedrigung sein, die ein großes Land, wie das unserige, nicht ertragen 
könnte.“ 
Diese damals europäisches Aufsehen erregende Rede wird dauernd 
ein Dokument wertvoller Art für die Beurteilung der großbritannischen 
Politik und ihrer Methoden bilden. Die britische Regierung tat so, als ob 
das Oeutsche Reich, indem es mit Frankreich über die Beseitigung einer 
Streitfrage verhandelte, welche durch fortgesetzten, britischerseits gebillig- 
ten, französischen Bertragsbruch entstanden war, großbritannische Lebens-- 
fragen gefährdete, und wie wenn Bethmann Hollweg in ähnlicher Weise 
über Großbritannien hinweggehen wolle, wie Oelcassé 1904 und 1905 
über das Deutsche Reich. Dabei wußten die britischen Staatsmänner ge- 
nau, daß das, was sie behaupteten, der Wahrheit nicht entsprach. Weder 
wollte Deutschland sich in Marokko festsetzen, um Gebiet zu gewinnen, 
noch wollte es einen atlantischen Hafen dort, noch schließlich wollte es 
Frankreich vergewaltigen. Man dachte weder an das eine noch an das 
andere, die Friedlichkeit der deutschen Absichten war unbegrenzt. In Wirklich- 
keit lag der Kern der großbritannischen Politik auf einem anderen Gebiete. 
Es handelte sich für die leitenden Londoner Staatomänner um die ent- 
schlossene und rücksichtslose Anwendung des alten und bis dahin immer er- 
folgreichen Grundsatzes: die großen Festlandsmächte in Zwist untereinander 
zu halten und gegen die stärkste Festlandsmacht die übrigen unter britischer 
Führung vereinigt zu halten, sie scheinbar zu schützen. Das sind in Wirk- 
lichkeit die „unschätzbaren Dienste“, welche nach Lloyd George England den
        <pb n="448" />
        400 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelvunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
kontinentalen Nationen geleistet hat. In London fürchtete man, Frank- 
reich könne sich tatsächlich friedlich-schiedlich in den Marokko- und Kongo- 
fragen mit dem Deutschen Reiche einigen. Es war in London bekannt, 
daß der damals sehr einflußreiche Minister Caillaux für eine solche Einigung 
war. Oie britischen Staatsmänner besorgten, daß durch die deutsch-fran- 
zösischen Berbandlungen und ihre Ergebnisse die große, in britischen Dien- 
sten stehende, zu Deutschlands N#iederdrückung oder Vernichtung organi- 
sierte Festlandskoalition an Festigkeit verlieren und eine minder scharfe 
antideutsche Spitze erhalten werde. Kurz, der Grund für Großbritanniens 
Eingreifen damals lag nicht in Marokko, nicht in Mittelafrika, son- 
dern auf dem europäischen Festlande. Großbritannien kämpfte um 
die Erhaltung seines beherrschenden Einflusses in Festlandangelegen- 
heiten und seiner gegen Deutschland gerichteten Koalition. 
Die Wirkung der Rede Lloyd Georges auf die Stimmung in Frank- 
reich war die einer Triumphexplosion: Großbritannien rufe Frankreich zu, 
daß es fest an seiner Seite stehe und auch die äußersten Konsequenzen nicht 
scheue. Das großbritannische Bolk war der gleichen Ansicht. Die Spannung 
wuchs. Zn allen europäischen Ländern wurden Kriegsvorbereitungen ge- 
troffen. Zur Verschärfung der Stimmung wirkte mit, daß die Pariser und 
Londoner Presse täglich voll von Mitteilungen über den Inhalt der Ber- 
liner Verhandlungen war, obgleich diese nach Ubereinkunft der Regierungen 
bzw. Minister geheimgehalten und vertraulich behandelt werden sollten. 
So sah sich die Entente Cordiale in der Lage, in erfolgreichster Weise Stim- 
mung zu machen und dadurch die französische Position in den Berhand- 
lungen zu stärken, während in Deutschland die öffentliche Meinung über 
diese Mittel nicht verfügen durfte, außerdem in bedauerlicher Weise ge- 
spalten war. Beides gereichte der deutschen Sache zum Nachteile. 
Am 21. Juli, demselben Tage, als Llond George die Rede hielt, suchte 
Sir Edward Grey eine Unterredung mit dem deutschen Botschafter, Grafen 
Wolff-Metternich, und brachte die bewußt unwahre Auffassung zur Gel- 
tung, der Zeitpunkt sei gekommen, wo Großbritannien in die Verhand- 
lungen eingreifen müsse, denn augenscheinlich wolle Deutschland Hafen 
und Hinterland von Agadir für sich haben. Der Botschafter bestritt dieses 
natürlich: es sei deutscherseits nie eine solche Absicht vorhanden gewesen, 
und die Entsendung eines Kriegsschiffes zum Schutze der deutschen Reichs- 
angehörigen sei kein Eingriff in britische Interessen. Es sei bedauerlich, 
daß der Minister trotz der wiederholten deutschen Versicherung des Gegen- 
teils fremden Einflüsterungen Glauben schenke. Der Botschafter über- 
mittelte den Inhalt der Unterhaltung sofort nach Berlin; schnell kam die 
Antwort von dort zurück, aber da hatte Llopd George schon seine Rede ge- 
halten. Wenn Sir Edward Grey diese Antwort aus Berlin, wie er wollte,
        <pb n="449" />
        Potsdam — Agadir — Tripolis. 19000- 10912. 407 
  
im Unterhause bekanntgegeben hätte, so würde es so ausgesehen haben, 
als ob auf die Rede Llopd Georges bin Deutschland zurückgewichen wäre; 
denn die Antwort betonte ja den alten deutschen Standpunkt, daß man kein 
marokkanisches Gebiet wolle. Deshalb ersuchte der deutsche Botschafter 
den Minister, die Antwort nicht bekanntzugeben. Die Rede Lloyd Georges 
sei in Frankreich und England das Signal zu den beftigsten Ausfällen gegen 
Oeutschland gewesen und allgemein als Drohung aufgefaßt worden. Der 
deutsche Botschafter wies auf diese Wirkung der Rede mit besonderem Nach- 
druck hin und sagte: „Sollte die englische Regierung die Absicht haben, die 
politische Lage zu verwickeln und zu verwirren und einer gewaltsamen 
Entladung entgegenzuführen, so hätte sie allerdings kein besseres Mittel 
wählen können als die Rede des Schatzkanzlers.“ Sir Edward Grey ver- 
teidigte die Rede des Schatzkanzlers, sie sei keine Drohung, England müsse 
seine Interessen eventuell selbst verteidigen. Darauf erklärte auftraggemäß 
der Botschafter: „Wir hätten niemals beabsichtigt, über englische Interessen 
oder Rechte zu verfügen. Diese Absicht bestehe nur in der englischen 
Zmagination. DOie englische Regierung habe keinen Grund zu diesem 
Verdachte, der auch aus der Rede des Schatzkanzlers spreche, und welche 
deshalb provokatorisch gewirkt habe. Gegebenenfalls würde Deutschland 
die Mitwirkung der anderen Signatarmächte zur Wiederherstellung des 
Status quo willkommen sein. Aur wenn diese ausbliebe, würde es sein 
Recht allein durchsetzen. Drohende Warnungen würden Oeutschland nur zum 
Festhalten an seinem Rechte ermuntern.“ — Sir Grey gab zu, daß er nach 
den ihm gewordenen amtlichen Mitteilungen nicht mehr annehmen könne, 
daß englische Interessen in den deutsch-französischen Verhandlungen be- 
rührt würden. 
So endete diese Unterhaltung mit der prinzipiellen Durchsetzung des 
deutschen Standpunktes. Auch Gegner der Kiderlen-Waechterschen Ma- 
rokkopolitik konnten nicht umhin, anzuerkennen, daß die deutsche Regierung 
eine würdige Sprache geführt und ihre Stellung gewahrt habe. Der Reichs- 
kanzler v. Bethmann Hollweg erklärte in seiner Rede vom 5. Dezember 
1911 im gleichen Sinne: „Sir Edward Grey hat gesagt, der Schatzkanzler 
Llopd George habe mit seiner Rede ohne Provokation feststellen wollen, 
daß, wo englische Interessen berührt würden, England nicht behandelt 
werden dürfte, ales ob es nicht mitzähle; käme der Tag, wo das nicht mehr 
klar ausgesprochen werden könne, dann würde England aufgehört haben, 
als Großmacht zu existieren. Meine Herren, ich nehme das gleiche Recht für 
Deutschland in Anspruch ... Uns trieb die Notwendigkeit, unsere wirt- 
schaftlichen Interessen selbst zu wahren und der Welt zu zeigen, daß wir 
fest entschlossen seien, ums nicht beiseiteschieben zu lassen: wenn als schließ- 
liche Folge hiervon angebliche oder wirkliche Kriegsbereitschaft in England
        <pb n="450" />
        408 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
— 
  
entstanden war .. . was von veiden zutrifft, kann ich nicht entscheiden, 
und weiter ein hochgespannter Erregungszustand, den der englische Minister 
politischen Alkoholismus genannt hat, so können wir das nur mit Be— 
dauern registrieren, aber wir lehnen die Verantwortung dafür ab!“ Der 
Deutsche Reichskanzler deutete in der gleichen Rede an, daß jetzt eine Periode 
freundlicherer Beziehungen beginnen könne, worauf Grey in einer Rede 
keinen Zweifel ließ, daß seine Politik genau die gleiche wie bisher bleiben 
werde. 
Die Marokkoverhandlungen jedoch nahmen nach jenen Zuliaus- 
einandersetzungen glatteren Fortgang, auch waren spätere öffentliche 
Außerungen der großbritannischen Minister auf einen gemäßigteren Ton 
gestimmt. In der Presse Frankreichs und Englands war Mäßigung frei- 
lich nicht zu bemerken, im Gegenteil, sie tobte mit unverminderter Heftig- 
keit und unterließ nichts, die öffentliche Meinung durch Berleumdungen 
und Äußerungen des Hasses gegen Deutschland zu entflammen. Die Zuli- 
krisis hatte dem französischen BVolke wiederum die Gewißheit gegeben, daß 
Großbritannien zum Kriege bereit und willens sei, an der Seite Frankreiche 
zu kämpfen. Dazu kam, und zum Teil eben aus diesem Grunde, eine große 
Anzahl verschiedener Legenden über die angebliche Absicht, welche das Deut- 
sche Reich mit der Entsendung des „Panther“ verfolgt hätte: die atlantische 
Marokkoküste zu nehmen, einen Einschüchterungsbluff auszuführen, die 
Entente zu sprengen, vor allem aber Frankreich zu demütigen. Gerade 
bierauf reagierte des ganze französische Bolk mit gewohnter flammender 
Heftigkeit. Der alte Haß und die Nachsucht gegen Deutschland stiegen zu 
einer seit langen Jahren nicht erreichten Höhe, und die Rede des englischen 
Ministers Llopd George wurde in Frankreich benutzt, um höbnisch festzu- 
stellen, daß die deutsche Regierung hieraufhin zu Kreuze gekrochen sei: 
zuerst habe sie tatsächlich eine Fußfassung in Marokko beabsichtigt gehabt. 
Nur der englische Einspruch habe sie davon abgehalten. Es lag auf der Hand, 
daß die deutsch-französischen Berhandlungen besonders auch durch den 
Ton der Presse in Frankreich für die deutsche Regierung nicht unerheblich 
erschwert wurden. Immerhin gingen sie ohne wesentliche Pausen weiter 
und wurden schließlich im November zu Ende geführt. Sie erstreckten sich 
auf zwei getrennt behandelte Gebiete: die deutsche Kompensation im Kongo- 
gebiet und die Sicherung deutscher Wirtschaft und deutschen Handels in 
Marokko selbst. BVon der erstgenannten wurde bereits gesprochen. 
Uoer Marokko wurde ein in alle Einzelheiten gehendes Abkommen 
mit Frankreich ausgearbeitet und abgeschlossen, welches die wirtschaft- 
lichen Interessen Deutschlands, seine Rechte und seine Ansprüche festlegte 
und garantierte. Ließe sich nach papierenen Bestimmungen allein der 
Wert eines Abkommens bemessen, so würde sich der damalige deutsch-
        <pb n="451" />
        Potedam — Agadir — Tripolis,. 1909—1912. 409 
  
französische Marokkovertrag als ein erfreuliches Ergebnis darstellen. Man 
hatte in der Tat den Eindruck, als ob seine Bestimmungen alle Möglich- 
leiten vorsähen und er sich deöhalb nicht umgehen, sondern nur brechen ließe. 
Frankreich hatte bieher in allen seinen Kolonien und Einflußgebieten nie- 
mals und nirgends den Grundsatz der offenen Tür in der Praxis gelten 
lassen. So nahm man es für ein bemerkenswertes Ereignis, als der der- 
zeitige französische Ministerpräsident Mr. Caillaux 1911 im Parlamente er- 
klärte: man werde für die Zukunft in neuerworbenen Gebieten die offene Tür 
anerkennen müssen. Kurz nachher war Caillaux gestürzt und wurde wegen 
seiner auf praktische Berständigung mit dem ODeutschen Reiche gerichteten 
wirtschaftlich-politischen Bestrebungen als Baterlandsverräter verschrien. 
Es ist ihm bis zum Kriege nicht wieder gelungen, eine führende Stellung 
und entsprechenden Einfluß zu erlangen. Das Abkommen über Marokko 
hat keine gründliche Erprobung durch die Praxis erfahren, aber schon 1915 
mebrten sich die Klagen deutscher Unternehmer und anderer Interessenten, 
daß sie von den französischen Behörden in vertragswidriger Weise benach-- 
teiligt würden. Für die deutsche Regierung wäre schließlich doch mur wieder 
die alte #2#lternative geblieben: die Kriegsfrage aufzuwerfen oder nachzu- 
geben. Oa sie nach wie vor die Politik verfolgte, Marokko alö Reibungs- 
fläche aus der Welt zu schaffen, so blieb als einziges Auskunftsmittel: 
weiter fortgesetztes Nachgeben. 
In der öffentlichen Meinung Deutschlands herrschte über den Gang der 
Verhandlungen wie über deren Ergebnis weitverbreitet starke Unzufrieden- 
heit. Die betreffenden nationalen Kreise glaubten dauernd fest, die deutsche 
Regierung habe zunächst tatsächlich die Absicht einer Fußfassung in Marokko 
gehabt und sei dann vor der englischen Drohung zurückgewichen. Wie ge- 
sagt, ist das nicht der Fall gewesen. Die Täuschung mag mit dadurch ent- 
standen sein, daß Organe der deutschen Regierung, zumal Kiderlen-Waechter 
selbst, zunächst meinten, es könne vorteilhaft sein, wenn in Deutschland ge- 
glaubt würde, die Regierung wolle die Fußfassung. Genug, das Ergebnis 
war schädlich, denn so erbielt die Regierung gerade von seiten eines in 
nationalen Fragen sehr rührigen Teiles der deutschen öffentlichen Meinung 
keine Unterstützung, wurde vielmehr bekämpft, sobald man glaubte, sie habe 
ihre Forderungen nach Gebiet in Marokko auf britisches Geheiß aufgegeben. 
Die Schleier, welche die Vorgänge jener Zeit bedecken, sind noch nicht 
alle gelüftet worden, das Folgende läßt sich deshalb nicht beweisen. Wohl 
aber ist in hohem Grade wahrscheinlich, daß die deutsche Regierung auf 
einem anderen Gebiete infolge der britischen Haltung nachgegeben hat. 
Das war das Gebiet der Kompensationsforderungen in Afrika. Kiderlen- 
Waechter hatte zunächst die Absicht, mit seiner Forderung des französischen 
Kongo bis zum Ssangaflusse der französischen Regierung die Frage: wollt
        <pb n="452" />
        410 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkrelsung. 1908—1914. 
ihr oder nicht, — „à prendre ou à laisser“ — vorzulegen, und hat das auch 
getan. Die Franzosen wollten nicht, die Redewendung von den unerfüll- 
baren Forderungen Deutschlands stand plötzlich in Großbritannien auf der 
Cagesordnung. Dann kam die Rede Lloyd Georges. Nachher gingen zwar 
die Berhandlungen glatt, aber die anfängliche große deutsche Forderung 
verkrümelte sich immer mehr und endete schließlich mit dem bekannten Er- 
gebnisse. Dieses war, wie festgestellt wurde, nicht ohne Wert, bedeutete 
vor allem einen Zukunftswert, aber es war nicht das, was man zuerst ge- 
wollt hatte. 
Der Hauptzweck, den die deutsche Regierung mit den Marokkover--- 
handlungen hatte erreichen wollen, scheiterte völlig: der Wunsch, durch 
Ausschaltung der marokkanischen Reibefläche in ein normales, im Sinne 
der Erhaltung des europäischen Friedens wirkendes Berhältnis zu gelangen. 
Oas Gegenteil trat ein. In Frankreich war die Wut über die Abtretung von 
Kongogebieten eine ebenso allgemeine wie die über die wirtschaftlichen Ein- 
schränkungen des französischen Marokkoprotektorates. Diese Wut hatte 
sich zunächst gegen Caillaux gewandt und blieb nach seiner Entfernung auf 
Deutschland sitzen: die Deutschen hätten zwar durch Caillaux' vaterlande- 
verräterisches Berhalten Frankreich übertölpeln können, sie hätten aber 
anderweitig gezeigt, daß sie nur imstande seien zu bluffen, aber vor jeder 
ernsthaften Drohung zurückwichen. Die Andeutungen deutscher Zeitungen, 
Frankreich möge nun doch auch die Kotierung deutscher Werte an der 
Pariser Börse zulassen, wurden mit Hohn und Abscheu zurückgewiesen. Der 
alte Revanchegedanke ging aus der Marokkokrisis von 1911 in hohem Maße 
gestärkt und erbittert hervor. Der „neue Geist“, der Frankreich nunmehr 
beseele, wurde nicht nur Schlagwort, sondern Kampfruf für den großen 
Konflikt, welchen Frankreich früher oder später mit steigender Zuversicht 
erwartete. Gewiß, es gab auch besonnenere französische Politiker, welche 
zum einen Teile überhaupt keinen Krieg wünschten, zum anderen Teile 
ihn damals noch nicht wünschten. Die Bolksstimmung aber gestaltete sich 
steigend gehässiger und explosiver Deutschland und allem Deutschen gegen- 
über. So hatte die deutsche Politik das Gegenteil dessen erreicht, was sie 
wünschte. Auch das war ein Zeichen dafür, daß der eigentliche Konflikt 
nicht um Narokko ging, sondern um eine weit größere Frage. 
Die Gefahr eines Kricges war während des Marokkosommers mehrere 
Male in unmittelbarer Nähe gewesen, insbesondere hatte Großbritannien 
Vorbereitungen getroffen gehabt, deren Bekanntwerden nachher großes 
Aufsehen erregte. Der Offentlichkeit wurden diese Dinge durch die Rede 
eines englischen Hauptmanns Faber mitgeteilt: Die Admiralität hatte alle 
Vorbereitungen zu sofortigem Losschlagen der Flotte getroffen und man 
schlug vielleicht nur nicht los, weil die Kohlenversorgung infolge des damaligen
        <pb n="453" />
        Potsdam — Agadir — Tripolis. 1909—1912. 411 
  
großen Streiks nicht einwandfrei funktionierte. Aufklärungsketten von 
Torpedobooten hätten die Nordsee abgesucht und wären unbemerkt den 
Bewegungen der deutschen Kriegsschiffe und Geschwader gefolgt. Die 
großbritannischen Küsten waren unter Mobilmachung des Signal- und 
Küstenwachtdienstes sorgfältig überwacht worden, die Kriegshäfen wurden 
gesperrt, damit keine deutschen Torpedoboote hineinkommen könnten. VBon 
der Admiralität ging der Befehl an alle Schiffe und Schiffsverbände der 
beimischen Gewässer nicht nur, sondern auch durch Kabel an alle auswärtigen 
Schiffe und Geschwader, sich unbemerkt bereit zu machen und auf die für 
Kriegsbeginn vorgesehenen Stationen zu begeben. Die britische Regierung 
habe, so erzählte der Hauptmann Faber, dem Plane gemäß, ein Expedi- 
tionskorps von ungefähr 170 000 Mann über den Kanal beordern wollen. 
Dabei sei aber festgestellt worden, daß keine genügenden Vorbereitungen 
hierfür getroffen waren, insbesondere, daß es an der nötigen Menge von 
geeigneten Tranêportdampfern feblte. — Oie Oislokation der britischen 
Streitkräfte während der drei Gefahrperioden im Laufe der Marokko- 
verhandlungen ist später authentisch bekannt geworden. Diese Verteilung 
zeigte in der Tat, daß nicht nur die großbritannischen Küstenverteidigungs- 
einrichtungen auf mobilem Fuß, sondern auch die heimischen Geschwader 
unmittelbar bereit waren, sich auf die deutsche Flotte zu stürzen, die Aus- 
gänge der Nordsee zu schließen und die Truppentransporte nach der belgischen 
und französischen Küste zu decken. Kurz, die Dinge lagen so, daß Sir Ed- 
ward Grey, als er mit Anspielung auf die Fabersche Rede von „politischem 
Alkoholismus“ sprach, nur eine Berlegenheitswendung benutzte. In 
Abrede konnte er die Behauptungen nicht stellen. Im Frühsommer 1912 
erklärte der deutsche Staatssekretär des Reichsmarineamtes zur damaligen 
Krisi: „Die Tatsache, daß die militärischen Befehlshaber, damals viel- 
leicht auf beiden Seiten, gewisse Sicherheitsmaßnahmen getroffen haben, 
ist wohl unbestreitbar, beweist aber keineswegs bestimmte Absichten der 
politischen Leitung.“ — An und für sich war das richtig, bezeichnend aber 
die Unbestimmtheit des Ausdruckes. Nachdem die Krisis vorbei war, und 
als auf eine friedliche Zukunft wieder gebofft wurde, konnte ein deutscher 
Regierungsvertreter sich nicht anders ausdrücken. Immerhin war für den 
Kenner des gegenseitigen Stärkeverhältnisses von vornherein klar, daß 
Deutschland unter keinen Umständen der Angreifer hätte sein können noch 
wollen. Im Gegenteil: zur See waren damals die Berhältnisse nicht gün- 
stig, einmal wegen der Rückständigkeit des Baustadiums der Flotte, dann 
waren die Erweiterungsarbeiten am Kaiser-Wilhelm-Kanal noch nicht 
abgeschlossen und schließlich ließ die Küstenverteidigung der Nordsee, im 
besonderen der Insel Helgoland, zu wünschen übrig. 
Man darf nicht annehmen, daß die deutsche Reichsregierung wegen
        <pb n="454" />
        412 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkrelsung. 1908—1914. 
  
dieser Mängel der Wehrkraft zur See allein sich entschieden hätte, die bri- 
tische Herausforderung nicht anzunehmen. Der Hauptgrund war immer 
der gleiche: man wollte den Krieg nicht, aber mitgewirkt hat vielleicht bis 
zu einem gewissen Grade dieser Faktor. Betrachtete man die Landseite der 
Sache, so ergab sich, daß sie ungünstiger war als 1908, viel ungünstiger als 
1905, wahrscheinlich aber günstiger als in späteren Jahren wegen der stetig. 
und mächtig geförderten russischen Wehrkraft. 
* * 
* 
Ende September 1911, mitten in den Berliner Marokkoverhand- 
kungen, vernahm die Welt, daß Italien ein Ultimatum an die Hohe Pforte 
zu Konstantinopel gerichtet habe, des Inhaltes: Trotz aller Mäßigung und 
Geduld ZItaliens habe die Türkei in Tripolis und in der Cyrenaika den be- 
rechtigten italienischen Interessen und Forderungen stets feindlich gegen- 
übergestanden. Die Türkei verspräche jetzt zwar, alle mit ihrer Würde zu 
vereinbarenden wirtschaftlichen Zugeständnisse zu machen, Stalien könne 
sich aber nicht mehr auf Berhandlungen einlassen, weil diese doch nutz- 
los sein würden. Oie italienische Regierung sähe sich deshalb gezwungen, 
die VBertretung ihrer Interessen selbst in die Hand zu nehmenn: sie sei ent- 
schlossen, Tripolièô und die Cyrenaika zu besetzen. Oie türkische Regierung 
möge Anordnungen treffen, daß kein Widerstand geleistet werde. — 
Die Türkei lehnte das unerhörte Zumuten ab und erklärte sich nur 
unter der Bedingung zu Verhandlungen mit Z#talien bereit, daß keine Be- 
setzung Tripolitaniens erfolge. Daraufhin wurden die Beziehungen ab- 
gebrochen, und die italienische Regierung erklärte dem Türkischen Reiche 
den Krieg. Den Vorwand zu dieser Unternehmung hatten türkische Trup- 
pen geliefert, welche südlich Tripolitaniens ein Gebiet besetzt hatten, 
das tatsächlich nicht zu Tripolis gehörte. Außerdem hatte Frankreich nach 
vorheriger Bereinbarung mit der Pforte ein Stück tripolitanischen Hinter- 
landes besetzt. Beides war nicht wesentlich, und der eigentliche Grund der 
italienischen Regierung bestand darin, daß man den Augenblick günstig 
glaubte. Uber Marokko wurde an Frankreich verhandelt, Agppten war seit 
1904, wenn schon ohne jeden Rechtetitel, so doch tatsächlich britisches Eigen- 
tum geworden. Ztalien hatte sich von den beiden Westmächten wieder- 
holt deren Zustimmung für eine bei Gelegenheit auszuführende Be- 
setzung Tripolitaniens geben lassen. Der Gedanke war Delcasséscher Her- 
kunft gewesen: Delcassé erblickte darin eines der Mittel, Ztalien vom Orei- 
bunde abzusprengen, hatte außerdem durch das Versprechen den Beistand 
Italiens zu Algeciras, und in der französischen Marokkopolitik überhaupt, 
erhalten. 1909 zu Racconigi hatte die italienische Regierung auch die rus- 
sische Zustimmung erhalten. So glaubte man in Rom 1911 den günstigen
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        Potsdam — Agadir — Tripolie. 1909—1912. 413 
  
Augenblick gekommen. Das Türkische Reich war noch durch die Revolu- 
tion geschwächt, außerdem durch seine noch zu erwähnenden inneren Un- 
ruhen. Das Deutsche Reich befand sich in der Marokkospannung, war eben 
durch eine schärfere Kriegskrisis hindurch gegangen, sah sich bedroht und 
wünschte den Frieden. Ztalien glaubte nicht besorgen zu brauchen, daß 
von dorther Einspruch käme. Ein italienisches Blatt schrieb: Deutschland 
habe seine Zustimmung zur Tunifizierung Marokkos gegeben, es könne 
mitbin auch nichts gegen die Tunifizierung Tripolitaniens haben. Was 
Tripolitanien betraf, so war dieses allerdings altes italienisches Einfluß- 
gebiet und als solches auch von der Türkei anerkannt. Auch manche der 
italienischen Beschwerden waren an sich begründet und bedeuteten nicht 
mur Vorwände. Als Kriegsgründe ausgegeben freilich wurden sie zu Vor- 
wänden. Die Türkei hatte, wie der folgende Krieg zeigte, ihre tripolitanische 
Provinz stark vernachlässigt. Das galt für die Berwaltung, für die Truppen, 
für die Befestigungen, kurz, für alles. Die Frucht schien reif, und das italie-- 
nische Kabinett Giolitti, Minister des Auswärtigen war der Marquis di 
San Giuliano, griff zu. Das ganze italienische Volk stand begeistert zur 
Regierung und um den König. Selbst die Sozialisten schlossen sich von 
dieser Begeisterung und nationaler Opferwilligkeit nicht aus; die im- 
perialistische italienische Idee des „römischen Imperialimus“ hatte die 
Nation in Flammen gesetzt und einigte sie. Das tripolitanische Unternehmen 
war im übrigen sorgfältig vorbereitet worden und funktionierte organisato- 
risch zu Wasser und zu Lande in einer Weise, wie es vielfach Erstaunen er- 
regte. Der Verlauf des tripolitanischen Krieges bot im übrigen militärisch 
nichts Bedeutendes. Es ist den IFtalienern im Laufe der Zeit gelungen, 
den Küstensaum sicher in ihre Hand zu bringen, aber nur einen Teil des 
Binnenlandes. Im übrigen war es, wie der Freiherr v. der Goltz sich aus- 
drückte, ein immer mehr versumpfender Krieg, und die Widerstände der 
Eingeborenen wurden mit der Zeit nicht schwächer, sondern stärker, nachdem 
Enver Bey, der spätere Enver Pascha, sich mit der ganzen ihm innewohnen- 
den Werbekraft an die Spitze der ihr Land verteidigenden Mohammedaner 
gesetzt und sie organisiert hatte. Ein königliches Dekret erklärte Anfang 
November 1911 die italienische Annexion von Tripolitanien, eine Hand- 
lung, welche tatsächlichen Wert nicht besaß, denn der Widerstand der Ein- 
geborenen wurde dadurch nicht geringer, und das Türkische Reich erkannte 
die Annexion nicht an. Der Ausspruch der Annexion bezweckte politisch 
die Anerkennung der Großmächte und wohl im besonderen, daß Deutsch- 
land und Osterreich-Ungarn auch unter dem Gesichtspunkte der Dreibund- 
verträge Tripolitanien als italienisches Gebiet gelten ließen. 
Für das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn war der tripolitanische 
Krieg in jeder Beziehung unerwünscht: Italien, der Bundesgenosse, ent-
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        414 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
riß in einem vom Zaune gebrochenen Angriffskriege ohne jeden vertret- 
baren Grund dem Deutschland eng befreundeten Türkischen Reiche ein 
Stück seines Gebietes, versuchte es jedenfalls. Kurz vorher waren Oeutsch- 
land und ÖOsterreich-Ungarn mit Rußland, letzteres zwar unaufrichtiger- 
weise, feierlich über Erhaltung des Status quo des Gebietsstandes der 
Türkei miteinander einig geworden. Oie Presse der Tripelentente setzte 
denn auch den Türken auseinander, daß sie an dem Deutschen Reiche keinen 
sehr nützlichen Freund hätten, und ebensowenig sei es mit dem gesamten 
Zslam der Fall: unter Deutschlands Auspizien seien dem Türkischen Reiche 
Bosnien und die Herzegowina verloren gegangen, jetzt gehe ihm Tripolis 
verloren, und das mohammedanische Marokko sei von Kaiser Wilbelm, dem 
angeblichen Freunde aller Mohammedaner, auf dem Wege des Tausches 
vertragswidrig an Frankreich überlassen worden. 
Es konnte nicht feblen, daß die türkisch-deutsche Freundschaft einer er- 
heblichen Belastungsprobe damit unterzogen wurde. ODeutschland und 
Osterreich-Ungarn bielten es aber politisch nicht für zweckmäßig, Einspruch 
in Rom zu erheben, obgleich vor Zahr und Tag der italienische Minister San 
Giuliano selbst sich öffentlich auf den Status quo der Türkei festgelegt hatte. 
Die öffentliche Meinung in Deutschland und Osterreich-Ungarn mißbilligte 
mit Entrüstung das italienische Borgebhen, und vielfach wurden Stimmen 
laut: es sei an der Zeit, dem unzuverlässigen Bundesgenossen IZtalien den 
„ODreibundstuhl“ vor die Tür zu setzen und dafür das Türkische Reich in 
den Dreibund aufzunehmen. Auch der damalige deutsche Botschafter zu 
Konstantinopel, Freiherr v. Marschall, hat diese Ansicht vertreten. Die 
deutsche Reichsregierung war dagegen, und man wird auch heute noch 
diesen Entschluß als richtig anerkennen müssen, trotz des italienischen Ver- 
rates im Jahre 1915. Es wäre unrichtig gewesen, Ztalien direkt in das 
Lager der Gegner zu drängen und so selbst von vornherein zu unserem 
Gegner zu machen. Ein weiterer Grund mag für die deutsche Regierung in 
der Erwägung gelegen haben, daß man durch einen solchen Schritt gleich- 
zeitig, ja eo ipso, für die Türkei Partei nehmen müßte und unter sotanen 
Umständen den Weltkrieg vielleicht berbeiführen würde. Wie wiederholt 
dargelegt worden ist, lag aber nichts weniger in den deutschen Bestrebungen 
alö dieses. So mußte denn das deutsche Bestreben sein, beides zu ver- 
einigen: mit dem Bundesgenossen in den vertraglichen Beziehungen zu 
bleiben und mit dem Freunde in der alten möglichst vertrauensvollen Freund- 
schaft. Das Deutsche Reich übernahm mit Ausbruch des Krieges den Schutz 
der Italiener in der Türkei und der Türken in Italien. Damit war seine 
Rolle sombolisch überhaupt gekennzeichnet. Anderseits erhoben auf Grund 
früherer Dreibundabmachungen und der Bereinbarungen über die Haltung 
der Türkei Deutschland und Osterreich- Ungarn Einspruch, als Stalien den
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        Potsdam — Agadir — Tripolls. 1909—1912. 415 
  
Krieg nach der Europäischen Türkei, also auf die Balkanhalbinsel, tragen 
wollte. Die Gefahr lag vor, daß dann die Balkanstaaten, vielleicht auch Ruß- 
land sich auf die Türkei stürzen und sie in Europa vernichten würden. Oie 
Berechtigung dieses Einspruches wurde von der italienischen Regierung aus- 
drücklich und ohne Vorbehalt anerkannt. Der Minister San Giuliano er- 
kannte auedrücklich an, daß ein Ubergreifen des Krieges auf die Balkan- 
halbinsel unter allen Umständen vermieden werden müsse. Gegen die 
italienische Absicht einer Blockade der Dardanellen nahmen alle beteiligten 
Mächte Stellung, während es Italien im Berlaufe des Krieges gestattet 
wurde, zwölf der Türkei gehörige ägäische Inseln zeitweilig zu besetzen. 
Diese IZnseln hat man später unter dem Namen des Oodekanesos zu- 
sammengefaßt. Der Ztalienisch-Türkische Krieg fand, wie vorgreifend 
bemerkt sei, im Oktober 1912 durch den Frieden von Lausanne seinen 
Abschluß: Italien behielt Tripolis und den Anspruch auf das noch nicht 
eroberte Gebiet und verpflichtete sich, der Türkei gewisse Zahlungen zu 
machen. Neben anderen Abmachungen wurde auch beschlossen, daß Italien 
die ägäischen Inseln zu räumen habe, sobald die Räumung Cripolitaniens 
türkischerseits von Offizieren und Truppen erfolgt sei. 
Die Mächte der Tripelentente waren mit dem tripolitanischen Kriege 
im GErunde sehr einverstanden, ja, sie hatten ihn durch die alten Berein- 
barungen mit Italien von langer Hand vorbereitet. Zede Schwächung 
der Türkei war ihnen willkommen. Sie erbofften eine Lockerung und Stö- 
rung der türkisch-deutschen Freundschaft und ganz besonders eine erhebliche 
Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Italien und dem Oreibunde. 
Was diesen letzten Punkt anlangt, so schien zunächst die Rechnung Groß- 
britanniens, Frankreichs und Rußlands nicht zu stimmen. Oer deutsche 
Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter war Anfang 1912 in Rom, um die 
eigentlich erst 1914 fällige Erneuerung des Oreibundes zu betreiben, 
welche dann vorzeitig Anfang Dezember 1912 tatsächlich erfolgte. Die 
Besprechungen drehten sich nicht zum wenigsten um das Verdältnis 
Libyens — wie die italienischen Zmperialisten Tripolitanien nennen — im 
Rahmen der Dreibundverträge und, jedenfalls wie immer, um die Berhält- 
nisse auf der Balkanhalbinsel, insbesondere die türkischen Fragen und die der 
italienisch-österreichisch-ungarischen Beziehungen. Es ist heute noch nicht 
durchsichtig, welches die eigentlichen Absichten des damaligen Spieles der 
ltalienischen Diplomatie gewesen sind. Sie war immer gewohnt mit einer 
größeren Anzahl von Eisen im Feuer zu arbeiten und nie wirklich Farbe 
zu bekennen. Tatsache ist, daß Giolitti, San Giuliano und dem Könige 
damals an einer schnellen außerterminlichen Erneuerung des Dreibundes 
besonders viel lag. Der tripolitanische Krieg hatte unerwartet viel Geld 
gekostet, und deshalb, wie möglicherweise auch aus anderen Gründen, hatte
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        416 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Italien seinen wohl früher vorhandenen Plan, auch in den im Herbste 1912 
beginnenden Balkankrieg einzugreifen, nicht durchgeführt. Oazu kam, daß 
Anfang 1912 nicht unerhebliche Mißbelligkeiten zwischen Ztalien und Frank- 
reich Platz griffen. Schon war eine gewisse Erbitterung in Ztalien ent- 
standen, als während der ersten Hälfte des Tripoliökrieges Großbritannien 
sich den Hafen von Sollum, der eigentlich zu Tripolitanien gehörte, nahm 
und erklärte, es sei ein ägpptischer Hafen. Frankreich seinerseits hatte eben- 
falls zugegriffen und zwei der besten tripolitanischen Oasen genommen. 
Oer tripolitanische Feldzug Italiens war überhaupt den Franzosen in 
mehrfacher Hinsicht nicht erfreulich. Man hatte nicht geglaubt, daß das 
italienische Unternehmen auf die tripolitanische Küste erfolgreich durch- 
geführt werden würde. Dazu kam die Besorgnis wegen der Einwirkung der 
italienischen Besetzung auf die Stimmung in Tunis, dessen Bevölkerung zum 
größten Teile italienisch ist. Schließlich kam es zu mehreren Zwischen- 
fällen. Italienische Kriegsschiffe beschlagnahmten französische Dampfer, 
welche auf der Fahrt von Marseille nach Tunis Aeroplane und türkische 
Offiziere usw. zu bringen versuchten, die dann über die tunesische Grenze 
nach Tripolis geschafft werden sollten, um die Gegner der Btaliener zu 
verstärken. In Frankreich, wo man gewohnt war, Z talien als dienstwilligen 
Helfer anzusehen, der sich damit zu begnügen hätte, Freund Frankreichs ge- 
nannt zu werden, erregten die Beschlagnahmen beftigen Unwillen. Die 
französische Presse raste gegen Italien, und der damalige Ministerpräsident 
Poincaré hielt drohende Reden. Um jene Zeit erfolgte die Berlegung der 
gesamten französischen Flotte in das Mittelländische Meer, und zwar unter 
ausdrücklicher Betonung der amtlichen Personen und Organe, daß die 
neue Wendung der italienischen Politik und die italienische Haltung der 
letzten Zeit den Grund bilde. Bei der Beratung des Marinebudgets in 
der französischen Kammer erklärte der Berichterstatter: Frankreichs Flotte 
müsse stets stark genug sein, um die italienische innerhalb 40 Minuten zu- 
sammenzuschießen. Derartige und ähnliche Außerungen waren damals an 
der Tagesordnung. Bald allerdings glätteten sich die Wogen wieder, und 
die Sprache Frankreichs wurde milde und freundschaftlich wie gewöhnlich, 
während in ZItalien sich die durch französische Mittel aller Art geförderten 
Sompathien für Frankreich und unbegrenzter Respekt vor England bald 
wieder durchsetzten, zumal diese beiden Mächte Italien für seinen Frieden 
mit der Türkei kein Hindernis entgegenstellten, vielleicht ihm auch schon Ver- 
sprechungen baldiger Balkanbeute gegeben haben. 
Trotz alledem kann es kaum einem Zweifel unterliegen, daß die Poli- 
tik San Giulianos und Giolittis seit dem tripolitanischen Kriege ein anderes 
Gepräge aufwies als das der italienischen Politik vorher war. Wenn die 
italienische Presse damals vielfach betonte, Italien sei durch seinen neuen
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        Potsdam — Agadir — Teipolis. 1909—1912. 417 
  
überseeischen Besitz in der Linie einer aufrichtigen Dreibundpolitik festgelegt 
worden, so kann man nicht feststellen, ob diese Parole aufrichtig gemeint 
war. Rein sachlich betrachtet wäre in der Cat eine solche Politik die rich- 
tige für Ftalien gewesen, und zwar auf der Basis eines engeren Zusammen- 
schlusses der Dreibundmächte, besonders auf dem Gebiete der Mittelmeer- 
politik. Gerade der Minister San Giuliano hat in den Jahren 1912 und 
1915 häufig und nachdrücklich betont, daß er von einer Adriatischen Frage 
nichts wissen wolle, daß Ftalien und SOsterreich-Ungarn dort vielmehr gleiche 
Interessen hätten und sich einigen könnten. San Giuliano wollte ebenso- 
wenig etwas wissen von der Vorherrschaft irgendeiner Macht im Mittelmeer. 
Anfang 1913 sagte der Minister unter dem Beifalle der Kammer: „Italien 
und Osterreich-Ungarn sind in Ubereinstimmung darüber, daß der gegen- 
wärtige Zustand in der Adria und das Gleichgewicht im Mittelländischen 
Meere erhalten werde. Keine Macht darf jetzt oder in Zukunft das Mittel- 
meer „mare nostro“ nennen. Es muß vielmehr das freie, allen Nationen 
gemeinsame Feld bleiben. Bei Beränderungen muß Italien gefragt werden.“ 
Es ist eine Tatsache, daß in jenen Jahren, besonders um das Jahr 1913, 
auf deutscher wie italienischer Seite der Gedanke einer italienisch-öster- 
reichisch-ungarischen Annäherung maritimer Natur, letzten Endes einer 
Flottenkonvention ernsthaft erörtert worden ist. Österreich-Ungarn ver- 
bielt sich diesen und anderen italienischen Annäherungsbestrebungen gegen- 
über stets mit größtem Mißtrauen. Heute wird man sagen müssen, daß 
die italienische Politik diesem Mißtrauen recht gegeben habe, aber trotzdem 
liegt darin nicht der Beweis, daß sich nicht doch Besseres hätte erreichen 
lassen. 
Oie deutsche Regierung war damals der Ansicht und der Hoffnung, 
es werde gerade wegen der neuen Nittelmeerstellung Italiens möglich 
sein, eine innigere und aufrichtigere Berbindung Italiens mit dem Orei- 
bunde zu erreichen als bisher. Wie geschildert worden ist, war vorher lange 
Zeit der deutsche Standpunkt: mit Ztalien sei nichts zu erreichen und den 
einzigen Grund, es am Dreibunde zu halten, bilde die Rücksicht auf Oster- 
reich-Ungarn im Bereine mit dem Gedanken, daß es vortellhafter sei, 
Italien nicht von vornherein in das gegnerische Lager zu treiben. Was hier- 
über hinausging, betrachtete und behandelte man mit äußerster Skepsie. 
Dazu hatte insbesondere der bis zum Jahre 1909 das Deutsche Reich zu 
Rom vertretende Botschafter Graf Monts beigetragen. Ihm folgte der 
spätere Staatssekretär des Auswärtigen v. JLagow und schlug eine posi- 
tivere Art des Wirkens ein. Ihm gelang es innerhalb verhältnismäßig 
kurzer Zeit, die Beziehungen wesentlich zu bessern und die Intimität zwi- 
schen den beiden Regierungen zu vergrößern, auch der sehr geschickten und 
konsequenten Arbeit des großbritannischen und des französischen Botschafters 
Sraf Reventlow, Heutschlande aouewärtige Polltle. 27
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        418 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
in Presse und in der politischen Welt mit merklichem Erfolge entgegenzu- 
wirken. Der damalige Staatssekretär des Auswärtigen v. Kiderlen-Waech- 
ter seinerseito hat vom Beginn seiner Amtstätigkeit an auf eine tätige 
und sorgsame Pflege der deutsch -italienischen und der italienisch-öster- 
reichischungarischen Beziehungen hin gearbeitet. Man legte hinfort be- 
sonderen Wert darauf, in allen auch verhältnismäßig unbedeutenden 
Fragen Meinungsaustausch mit der italienischen Regierung zu pflegen, 
um so allmählich Bertrauen und Zusammengehörigkeitsgefühl zu festigen 
und die Sphäre gemeinsamer Interessen zu erweitern und zu vertiefen. 
Der italienische Minister des Auswärtigen, Marquio di San Giu- 
liano, hat sich zu dieser Politik wiederholt bekannt, sicher nicht aus sentimen- 
talen Gründen, sondern weil er damals engen Anschluß #Italiens an den 
Dreibund mit Recht für besonders geboten hielt. Der Deutsche Kaiser traf 
im Frühjahr 1912 zu Venedig mit dem König Biktor Emanuel zusammen, 
und auch diese Zusammenkunft trug das Gepräge einer größeren Intimi- 
tät als biöher. Selbst heute nach dem großen italienischen Verrate läßt sich 
nicht in Abrede stellen, daß damals während des Tripoliskrieges der poli- 
tische Augenblick gekommen schien, die drei Dreibundmächte auf der neuen 
Grundlage gemeinsamer Mittelmeerpolitik zusammenzuschließen. Hätte 
Italien im Besitze von Tripolitanien auf seine gegen den Bestand der Euro- 
päischen Türkei und gegen Osterreich-Ungarn gerichteten Balkanziele ver- 
zichtet, hätten Osterreich-Ungarn und Italien den Kampf um die Adria be- 
graben, so wären sie in der Lage gewesen, im Mittelmeere gemeinsam eine 
gewaltige und wachsende Macht darzustellen, zur See wie zu Lande. 
Oalzu were eine energische Flottenbaupolitik und eine gemeinsame Marine- 
politik im Mittelländischen Meere notwendig gewesen. Unter dieser Vor- 
aussetzung und unter der weiteren noch einiger Friedensjahre wären die 
Flotten des Dreibundes ein sehr großer, im Norden wie im Süden vereint 
wirkender Faktor geworden, die „Lücke im Dreibunde“ würde sich ge- 
schlossen haben. Ztalien hätte das Vertrauen zu sich und zu seinen Bundes- 
genossen gewonnen, daß es auch im Kriege nicht rettungslos der englisch- 
französischen Flottenmacht preiogegeben sein würde. Gerade diese Auf- 
fassung, die schon im Zahre-1914 politisch und militärisch vorhanden war, 
ist beiläufig bemerkt eine der wesentlichen Ursachen für den italienischen 
Verrat von 1915 geworden. Die alte italienische Mittelmeerdoktrin: 
man sei auf England unbedingt angewiesen und müsse unter allen Um- 
ständen mit England geben, war nur durch Stärkung der Seemacht des 
Dreibundes im Mittelmeere zu beseitigen, und eben dazu mußte die ita- 
lienisch-österreichische Adria- und Balkanrivalität aufhören. Das Ge- 
wicht der beiden Flotten konnte dann in dieselbe Wagschale gelegt werden, 
anstatt in zwei einander mehr oder minder aufwiegende, wie bis dahin.
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        Potsdam — Agadir — Tripolis. 1909—1912. 419 
  
Solche Uberlegungen waren keine Phantasien, sondern bildeten das durch- 
dachte Programm der deutschen Regierung. Sie rechnete weiter, daß zu- 
gleich mit der Schaffung einer selbstvertrauenden Dreibundsolidarität im 
Mittelländischen Meere auch Festlandshilfe Ftaliens in einem europäischen 
Kriege eintreten werde. Anscheinend haben in dieser Richtung auch mili- 
tärische Unterhandlungen zwischen den Mächten stattgefunden. Es lag auf 
der Hand, daß die Leiter der deutschen Politik zunächst den tripolitanischen 
UÜberfall, der auch einen Uberfall auf den Dreibund bedeutete, sehr undan- 
genehm und mit schwerer Besorgnis im Hinblick auf die Türkei und die 
Balkanhalbinsel empfanden. Anderseits war nicht nur richtig, sondern bildete 
eine anerkennenswerte Leistung der deutschen Politik, daß sie die ihr auf- 
gezwungene schwierige Lage in einer Weise zugunsten des Dreibundes 
ausnützte, wie es weder dessen Feinde noch Freunde vorausgesehen hatten. 
Daß der Erfolg nicht von Dauer war, hat sich, wie vorgreifend bemerkt 
sei, ebensowohl auf persönliche Meinungsverschiedenheiten in Italien, 
wie auf die weit größere Geschicklichkeit der dauernd mit enormen Mitteln 
betriebenen antideutschen Propaganda in der italienischen Bevölkerung 
zurückgeführt. Hauptsächlich aber war Italien seit zwölf Jahren immer 
tiefer in das politische und diplomatische Getriebe der großen deutschfeind- 
lichen Entente verstrickt worden. Auch die sogenannten deutschfreund- 
lichen italienischen Staatsmänner, wie San Giuliano und andere, be- 
saßen, wenn vielleicht etwas Willen, doch nicht die Kraft, eine klare und 
ehrliche Politik mit festem Ziele zu treiben. Man trieb doppelzüngige 
Politik nach allen Seiten, legte sich hierhin und dahin fest, stets mit dem 
Gedanken, keine Verpflichtung zu halten, falls es einmal vorteilhafter 
schiene, ihr untreu zu werden. Sobald Balkanfragen am Horizonte er- 
schienen, dann besiegten die alten Aspirationen Italiens hinsichtlich der 
Adria, Albaniens und neuerdings der zwölf besetzten ägäischen Inseln und 
über allem anderen der Frredentismus, der tiefe Haß gegen Österreich- 
Ungarn, alle anderen Rücksichten: Ztalien stand im Zeichen der Tripel-- 
entente, der Bereinbarungen von Reval und Nacconigi und wohl noch 
mancher anderen verschwiegenen Abmachungen. 
Die Sendung Lord Haldanes, ihre Begleitumstände und Folgen. 
Die Marokkokrisen des Jahres 1911 hatten in Europa einen tiefen 
Eindruck gemacht. Ze mehr über die Vorgänge und Stimmungen jenes 
Sommers und Herbstes bekannt wurde, desto klarer sahen die großen und 
die kleinen Mächte, daß man sich unmittelbar am Nande des europäischen 
Krieges befunden hatte. Die Folgen dieses Eindruckes und dieser Erkennt- 
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        420 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkrelsung. 1908—1914. 
  
nis bei den verschiedenen Mächten und innerhalb ihrer Bevölkerungen 
waren verschiedener Natur. In Großbritannien begann eine schon vorber 
vorhandene Stimmung größere, wenn schon vielfach überschätzte Stärke 
anzunehmen, die sich gegen die geheime, dem Gutachten von Parlament 
und Presse entzogene Politik des britischen Kabinetts richtete. Zm Herbst 
1911 waren in einem französischen Blatte, dem „Matin“, jene englisch- 
französisch-spanischen Geheimverträge vom Jahre 1904 über Marokko 
veröffentlicht worden. Durch das deutsch-französische Abkommen von 
1911 hatte Frankreich sein Marokkoziel annähernd erreicht, man konnte 
dcohalb die Verträge ohne Schaden veröffentlichen, mit dem Nebenzwecke, 
Spanien bloßzustellen, zwischen dessen Regierung und der Frankreichs 
starke Meinungsverschiedenheiten über Grenzregelungen in Marokko be- 
standen. Die Veröffentlichung jener Geheimverträge warf mit einem 
Male ein Schlaglicht auf die Treulosigkeit, die Hinterhaltigkeit und Ber- 
logenheit der großbritannisch-französischen Marokkopolitik. Sie zeigte 
ferner, daß seit dem Jahre 1904 die englisch-französische Politik vertraglich 
vereinigt war, eine Bahn zu geben, vor deren Ziel in jedem Augenblicke 
der Krieg stehen und zum Ereignis werden konnte. Sie zeigte, daß die 
Konferenz und die Akte von Algeciras eine Täuschung und Farce gewesen 
waren. Nur die unerhörte Friedensliebe der deutschen Regierung hatte 
verhindert, daß die mit jenen Geheimverträgen verknüpfte Politik nicht zu 
einem großen Kriege geführt hatte. Ein halbes Dutzend englischer Staats- 
männer und militärischer Autoritäten hatte um die Geheimverträge und 
um die britisch-französisch-belgische Militärkonvention gewußt. Die Ka- 
binette als Ganzee, ferner die Parlamente hatten keine Ahnung davon ge- 
habt. Aus diesen Gründen machte sich im Winter 1911/12 in Kreisen der 
liberalen Partei Großbritanniens Opposition gegen diese gefährliche Ge- 
beimpolitik im allgemeinen und gegen Sir E. Grep im besonderen geltend. 
Hier und da wurde sein Rücktritt gefordert. Dazu kamen die erwähnten Ent- 
hüllungen des Hauptmanns Faber, ferner sehr unterrichtete Presseäuße- 
rungen, von denen eine Aufsatzreihe der „Morning Post“: „Die Schrift 
an der Wand“ hervorgehoben sei; schließlich Berbandlungen im Ober- 
hause. Besonders hier wurde die Tatsache offen besprochen, daß im Falle 
eines Krieges Großbritannien sofort und so schnell wie möglich eine tun- 
lichst große Expeditionsarmee nach dem Festland überzusetzen gewillt sei. 
Es wurde von Rednern angedeutet, ohne bei der Regierung Widerspruch 
zu finden, daß in der Marokkospannung auch in dieser Beziehung alle Vor- 
bereitungen getroffen worden seien, jedoch technische und organisatorische 
Mängel und Hemmnisse sich ergeben hätten. Ee entspann sich außerdem 
ein Streit über die Frage, ob man für die Ausführung solcher Transporte 
vorher die deutsche Flotte vernichtet haben müßte oder nicht. Auch das
        <pb n="463" />
        Die Sendung Lord Haldanes, ihre Begleitumstände und Folgen. 421 
waren untrügliche Symptome, wie dicht man 1911 am Kriege vorbei ge- 
kommen war. 
DHie aufrichtige Entrüstung mancher Engländer des linken liberalen 
Flügels fand bei einigen Persönlichkeiten des Kabinettes, nämlich den in 
die Geheimpolitik vorher nicht eingeweihten, einen gewissen Widerhall. 
Wie meist nach hohen politischen Spannungen, trat in der Stimmung ein 
gewisser kurzzeitiger Rückschlag ein. Die Leiter der großbritannischen Politik 
vermochten diesen um so ruhiger mit anzusehen und sich selbst zu gestatten, 
weil Großbritannien mit seinen Freunden und Genossen als Sieger aus 
der Marokkokrisis hervorgegangen war. So konnten ohne Schaden und 
Risiko „freundlichere Saiten“ aufgezogen werden. Und damit faßten auch 
die auf englisch-deutsche Berständigung gerichteten Personen und Vereine 
neue Zuversicht, und es wurde mehr denn je zuvor geredet. Man begriff 
noch immer nicht, und zwar ebensowenig in Deutschland, daß es sich 1911 
nicht um eine gewissermaßen zufällig auftretende Spannung und Streit- 
frage mit Krisis und nachfolgender Entspannung gehandelt hatte, sondern 
um die Symptome einer sostematischen, folgerichtig auf schließliche Ex- 
plosion hindrängenden Entwicklung des großen britischen Koalitionoplanes. 
Seine Einzelbeiten freilich sind zum großen Teile erst später bekannt ge- 
worden. 
In einem früheren Kapitel wurden die Anfänge der britisch-französisch- 
belgischen Militärkonvention von 1906 erwähnt. Seitdem hatte man auf 
dieser Grundlage fleißig fortgebaut, und die beiden Gencralstäbe erörterten 
laufend planmäßig alle Möglichkeiten und Seiten der Frage miteinander. 
Britische Generalstabsoffiziere hatten unter den Auspizien des Militär- 
attachés in Brüssel das belgische Gebiet eingehend studiert und stellten im 
Laufe der Jahre ein mehrere Bände umfassendes topographisches Kriegs- 
handbuch fertig. R#cht nur die Landungsgelegenheiten, sondern die Krieg- 
führung in Belgien überhaupt wurde in diesem Werke eingehend erörtert, 
welches ausschließlich zur praktischen Anleitung der Kriegführenden auf 
belgischem Boden dienen sollte. Unter den Brüsseler Dokumenten, die im 
Kriege von der deutschen Regierung beschlagnahmt wurden, fand sich vom 
Frühjahr 1912 eine Aiederschrift des Direktors im belgischen Ministerium 
des Auswärtigen über eine Unterhaltung des englischen Militärattachés mit 
dem belgischen Generalstabochef. Der erstere erklärte im Laufe einer Be- 
sprechung über Landungen im Falle eines Krieges: England würde auch 
gegen den Willen Belgiens 1911 dort seine Truppen gelandet haben. Im 
gleichen JZahre 1911 ging von Brüssel, London und Paris eine starke öffent- 
liche und geheime Einwirkung dahin aus, daß die Scheldemündung, welche 
bekanntlich den Niederlanden gehört, im Widerspruch zu den bestehenden 
Verträgen geöffnet werde. In Berbindung mit den erst nach Beginn des
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        422 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
Krieges einwandfrei bekanntgewordenen britisch-belgischen Abmachungen 
tritt diese Agitation erst in ihr rechtes Licht: man war in der Tat entschlossen, 
Antwerpen zur Verpflegungsbasis einer gelandeten britischen Armee zu 
machen, und die belgische Regierung war für den Plan völlig gewonnen. 
Dieser Eindruck wird verstärkt durch die Tatsache, daß Belgien damals 
auf französische Anregung seine Heereskraft bedeutend erhöhte. In den 
Niederlanden betrachtete man diese Entwicklung mit Sorge und aus dieser 
Sorge ging im Jahre 1911 eine umfangreiche Vorlage zum Schutze der 
Küsten durch schwimmende und feste Berteidigungemittel hervor. Ins- 
besondere sollte auch die Schelde bei Blissingen erheblich und sofort be- 
festigt werden, denn die damalige Regierung der Niederlande war nicht 
gewillt, im Kriege ihre Neutralität durch Großbritannien durchbrechen zu 
lassen. Die Folge war ein „Entrüstungssturm“ in der großbritannischen, 
französischen und belgischen Presse. Der französische Minister Pichon er- 
klärte im Namen der französischen Regierung die Neutralität Belgiens 
durch den niederländischen Befestigungsplan gefährdet und sagte, Frank- 
reich werde unter Umständen an eine internationale Konferenz appellieren. 
Die Niederlande erhoben entschiedenen Widerspruch gegen internationale 
Einmischung in ihre Angelegenheiten, aber die dortige Regierung hat gleich- 
wohl de facto auf den englisch-französischen Druck bis zu einem gewissen 
Grade reagiert und sich auch sonst bestrebt, gute Beziehungen zu den West- 
mächten beizubehalten, zumal wirkte der Londoner Druck: daß die hol- 
ländischen Kolonien nur durch englisches Wohlwollen den Niederlanden 
erhalten, sonst aber Japan und England anheimfallen würden. Die hol- 
ländische Bevölkerung ihrerseits blieb gegenüber den englisch-französischen 
Verleumdungen von den Eroberungsabsichten des deutschen Militarismus 
nicht unempfänglich. Die holländische Regierung hat sich durch den Mund 
ihres auswärtigen Ministers, wie man später erfahren hat („Neue Bei- 
träge zu Entstehungsgeschichte des Weltkrieges“, von Balter) tatsächlich 
zu einer internationalen Erörterung über die Blissinger Befestigungen 
bereit erklärt. Im November 1912 sagte der Minister, er habe mit führenden 
Staatsmännern Westeuropas über die holländische Küstenverteidigung 
gesprochen und sie ihnen in das richtige Licht gesetzt. Sie stehe keineswegs 
im Widerspruch zum belgischen Interesse. Wie die angezogene Schrift 
sagt, gestaltete sich damit die Sache so: „daß man sich das Recht, die Schelde 
einer fremden Kriegomacht zu verschließen, vorbehielt, während man nicht 
mehr auf dem Standpunkte stand, daß es auch die Pflicht unseres neutralen 
Staates sei, dieses unter allen Umständen zu tun.“ — Zm Kriege 1914 aber 
hat die Regierung der Niederlande ebenso lopal wie energisch dem eng- 
lischen Drängen auf Einfahrt in die Schelde Widerstand geleistet. Die 
Berhandlungen von 1911, 1912 und 1915 zwischen den N#ederlanden und
        <pb n="465" />
        Die Sendung Lord Haldanes, ihre Begleitumstände und Folgen. 423 
  
unseren Feinden werden in der Vorgeschichte des großen Krieges ein- 
gebend geschildert werden. Hier kann es sich nur um den kurzen Hinweis 
darauf handeln, wie im Jahre 1911 und 1912, also vor und nach der Marokko- 
krisis und unbeirrt durch Spannungen und Entspannungen von der bri- 
tischen Politik gearbeitet wurde, um außer Belgien auch Holland als Helfer 
im Kriege gegen Oeutschland, zum mindesten aber als britisches Glacis und 
zugleich als Brückenkopf für Großbritanniens geplanten Einfall vorzu- 
bereiten. Im gleichen „Entspannungs“jahre 1912, also nachdem Holland 
seinen früheren grundsätzlich intransigenten Standpunkt hinsichtlich der 
Alissinger Befestigungen aufgegeben hatte, indem die niederländische 
Regierung nur mit westmächtlichen Staatomännern darüber unterhandelte, 
erschien in einem französischen Blatte aus der Feder des Admirals Germinet 
ein Artikel, welcher ausführte, daß Großbritannien und Frankreich im Kriege 
mit dem Oeutschen Reiche den ÄArmelkanal durch Minen und Untersee- 
boote sperren und ihn überhaupt als ein ihrer Küstenhoheit unterstehendes 
Gewässer behandeln würden. Diese Außerungen erregten in den MNieder- 
landen große Beunruhigung und einen Vorgeschmack der Bedrückungen, 
wie sie während des großen Krieges Holland in der Tat hat erfahren müssen. 
Der Admiral wurde von seiner Regierung schnell desavouiert. Die Blif- 
singer Befestigungen, beiläufig bemerkt, sind ebenso wie die anderen Forde- 
rungen der Vorlage 1911 zunächst verschoben, schließlich in weit geringerem 
Umfange bewilligt worden. In Oeutschland maß man dieser Frage mili- 
tärisch und maritim immer nur geringe Bedeutung bei, behandelte sie 
außerdem politisch als innere Angelegenheit der Niederlande, in welche 
bineinzureden niemand das Recht habe. 
Kurz, in Großbritannien und nicht minder in den immer einfluß- 
reicher und breiter werdenden französischen Kreisen der Delcasséschen auf 
Krieg mit Deutschland drängenden Richtung betrachtete man die Ent- 
spannung des Winters 1911/12 lediglich als eine Gelegenheit, um die 
politische und militärische Kriegsrüstung der europäischen Koalition und ihrer 
Verbindungen nach den Erfahrungen der letzten Kriegskrisis neu zu revi- 
dieren, Lücken zu schließen, anscheinend gemachte Fehler wieder gutzu- 
machen, Mißstände abzustellen und alle Glieder des großen Ententekörpers 
noch fester als bisher zusammenzufügen. Noch war der günstige Augen- 
blick nicht gekommen, denn Rußlands Rüstungen waren nicht fertig, machten 
aber von Jahr zu Jahr große Fortschritte. Demgegenüber befand man 
sich in Deutschland, wie gesagt, in weiten Kreisen im Frrglauben, daß nun 
tatsächlich der Augenblick zur Sicherung des europäischen Friedens. durch 
allgemeine europäische Entspannung und Berständigung gekommen sei. 
War doch die marokkanische Reibungefläche aus der Welt geschafft worden, 
wünschte man doch selbst den Frieden und glaubte man doch so gern, was
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        424 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
man wünschte. Zene Rede Llopd Georges wünschte man als eine „Ent- 
gleisung“ anzusehen und tat es desbalb, und anderseits war man überzeugt, 
daß England froh über die Erledigung seiner Berträge mit Frankreich über 
Ma#rokko sei und sich nunmehr nicht mehr in deutschfeindlicher Richtung als 
festgelegt erachten könne. Wie auch aus später veröffentlichten diploma- 
tischen Berichten hervorgeht, war man in Deutschland der Ansicht, daß das 
britische Kabinett, im besonderen Sir E. Grey, vom französischen Ein- 
flusse politisch und persönlich wider Willen beberrscht sei, dagegen an und 
für sich eine ehrliche Politik und freundschaftliche Beziehungen mit dem 
Deutschen Reiche wünsche. In Grey erblickte man einen bornierten aber 
wohlmeinenden Stockengländer, der unter allen Umständen ein „Gentle- 
man“ dem Charakter nach und auch politisch sei, nur Deutschland „nicht ver- 
stehe“. Auch die politisch leitenden Persönlichkeiten der deutschen Regierung 
hielten für annähernd sicher: der Boden in Großbritannien sei vorbereitet 
und der richtige Augenblick gekommen, um eine wirkliche deutsch-englische 
Verständigung anzubahnen. Ziel dieser Verständigung sollte deutscherseite 
Sicherung der großbritannischen Neutralität für den Fall eines europäi- 
schen Festlandkrieges sein. Die Politik des Reichskanzlers v. Bethmann 
Hollweg war sich seit seinem Amtsantritte 1909 konsequent geblieben. 
In diesen politisch-diplomatischen Plan binein spielte maßgebend ein 
anderes Moment von Bedeutung, nämlich die Einbringung einer deutschen 
Heeresvorlage und einer Flottenvorlage zu Beginn des gleichen Jahres 
1912. Unmittelbar nach dem großen und entrüsteten Aussehen, welches im 
Sommer 1911 die Rede des großbritannischen Ministers Llopd George in 
Oeutschland erregt hatte, war es dem überwiegenden Teile des deutschen 
Volkes eine selbstverständliche Forderung des Tages: man mühsse sofort mit 
einer kräftigen Stärkung unserer Wehrkraft zu Lande und zu Wasser ant- 
worten. Die leitenden Persönlichkeiten der Regierung waren anderer Ansicht, 
und erst zu Beginn des Jahres“ 1912 entschloß man sich, eine Heeres- und eine 
Flottenvorlage vorzubereiten. Beide Vorlagen waren, als sie endgültig fertig 
und veröffentlicht worden waren, überraschend geringfügig und konnten 
daber auch im Auslande nicht den Eindruck hervorrufen, welcher im Interesse 
des Deutschen Reiches, der Betonung seines Selbstbewußtseins und seiner 
Stärke gelegen hätte. Einen solchen Eindruck hatte man auch nicht für 
notwendig, ja, nicht für wünschenswert gehalten. Der Reichskanzler 
v. Bethmann Hollweg hat sich im August 1915 über diese Phase der 
deutsch-englischen Berständigungsverhandlungen u. a. wie folgt ausgelassen: 
„König Eduard hatte in der persönlichen Förderung der englischen 
Einkreisungspolitik gegen Deutschland eine seiner Hauptaufgaben erblickt. 
Nach seinem Tode hoffte ich deshalb, daß die von mir bereits im August 
1909 ausgenommenen Berständigungsverhandlungen besseren Fortgang
        <pb n="467" />
        Oie Sendung Lord Haldanee, ihre Begleitumstände und Folgen. 425 
  
nehmen würden. Die Verhandlungen zogen sich bis in das Frühjahr 1911 
hin, ohne daß irgendein Ergebnis erzielt worden wäre, als das Eingreifen 
Englands in die Auseinandersetzung Deutschlands mit Frankreich über 
Marokko der ganzen Welt vor Augen führte, wie die englische Entente- 
politik, wie der englische Anspruch, gestützt auf seine Ententefreunde, der 
ganzen Welt seinen Willen aufzuzwingen, den Weltfrieden bedrohte. 
Auch damals war das englische Bolk über die Gefahren der Politik seiner 
Regierung nicht genau orientiert gewesen. Denn als es nach Uberwindung 
der Krisie erkannte, wie haarscharf es an dem Abgrunde eines Weltkrieges 
vorbeigegangen war, machte sich in weiten Kreisen der englischen Nation 
die Stimmung geltend, ein Verhältnis mit uns herstellen zu wollen, das 
kriegerische Berwicklungen ausschlösse. Man schien an dem einmaligen 
Ritte über den Bodensee genug gehabt zu haben.“ 
Aus diesen im zweiten Kriegsjahre gesprochenen Worten des Kanz- 
leroô geht, ales zur Beurteilung seiner politischen Anschauungen wichtig, 
das Folgende hervor: der Kanzler hielt König Eduard für den eigentlichen 
und alleinigen Träger der englischen Einkreisungopolitik. In Wirklich- 
keit ist er das nicht gewesen, wie an anderer Stelle ausgeführt wurde. 
König Eduard trieb vielmehr eine Politik, die alter großbritannischer Tra- 
dition und dem Gefühle der erdrückenden Mehrheit des politisch denkenden 
Teiles des britischen Volkes entsprach. Zwischen Regierungspartei und 
Opposition bestand hierüber keinerlei Meinungsverschiedenheit. Daraus 
mußte sich ergeben und hat sich ergeben, daß die Schlußfolgerung nicht 
zutraf, der Tod König Eduards werde einen ändernden Einfluß auf die 
Grundlagen, die Methoden und die Ziele der auswärtigen Politik Groß- 
britanniens ausüben. Es ergibt sich ferner, daß man der Ansicht war, ein 
sehr bedeutender Teil des englischen Bolkes sei mit der Greyschen Politik 
nicht einverstanden gewesen und wünsche nun aufrichtig ein Verhältnis 
wirklicher und kriegaueschließender Freundschaft mit dem Deutschen Reiche. 
In Wirklichkeit waren die Kreise, in denen dieses zutraf, verhältniomäßig 
klein, sie hatten geringen Einfluß und durchweg verbanden sie den Wunsch 
nach einer wirklichen Berständigung mit der selbstverständlichen Boraus-- 
setzung, daß das Deutsche NReich sich dann in allen Angelegenheiten der 
großen Politik Großbritanniens Wünschen unterordnen werde. 
Ende 1911 und Anfang 1912, als die deutschen Berständigungsbemü- 
hungen auf Grund der geschilderten Ansichten und Voraussetzungen mit 
besonderer Hoffnungefreudigkeit und mit ehrlichem Eifer erneuert wurden, 
glaubte man in Großbritannien die Gelegenheit gekommen, um endlich 
in die Entwicklung der deutschen Flotte eingreifen zu können. Die groß- 
britannische Regierung bat anscheinend damals nach Berlin wissen lassen, 
daß die in Vorbereitung befindliche deutsche Flottenvorlage wie überhaupt
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        426 A. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
jede, die den Rahmen des Flottengesetzes und den des — nicht gesetzlich — 
festgelegten Flottenbauprogrammes überschritte, ein unüberwindliches 
Hindernis für das Zustandekommen einer Verständigung bilden werde. 
Dabei rechnete Großbritannien, wie beiläufig bemerkt sei, mit Sicherheit 
darauf, daß die Reichstagswahlen jener Jahreswende 1911/12 die sozial- 
demokratische und überhaupt demokratische Richtung in Deutschland mäch- 
tig stärken und damit der deutschen Regierung überhaupt die Möglichkeit 
großer Wehrmachtsvorlagen aus der Hand schlagen würden. Es war in 
London nicht unbemerkt geblieben, daß die deutsche Regierung, ebe sie in 
bestimmter Form über die beiden Vorlagen etwas verlautbarte, die Reichs- 
tagswahlen zum Abschluß gelangen ließ. In London und Paris sah man 
dieses Verfahren als ein Zeichen der Schwäche an und meinte, die deutsche 
Regierung habe nicht gewagt, vor den Wahlen Vorlagen einzubringen oder 
anzukündigen aus Furcht vor einer zu großen Stärkung der sozialdemo- 
kratischen Partei. 
Auf solche Andeutungen bhin, die anscheinend der deutschen Regierung 
von London aus gemacht worden sind, erging Anfang Februar oder Ende 
Januar die deutsche Anregung an die großbritannische Regierung, man möge 
zu näherer Rücksprache ein Mitglied des Kabinettes nach Berlin senden. 
Diesem Ansinnen wurde entsprochen, und im Laufe der ersten Februar-- 
bälfte traf der Kriegominister Haldane in privater Mission zu Berlin ein. 
Wie der Reichskanzler in jener Rede vom August 1915 sagte: „Lord Hal- 
dane versicherte mich des aufrichtigen Verständigungswillens des englischen 
Kabinettes.“ Lord Haldane hat im Juli 1915 sich ebenfalls über jenen 
Besuch geäußert und sagt u. a.: in Deutschland hätten damals starke Par- 
teien zum Kriege getrieben und er, Haldane, habe es deshalb als für seine 
Pflicht gehalten, alles zu tun, um eine freundschaftliche Stimmung in 
Deutschland zuwege zu bringen. „Ich kannte Deutschland einigermaßen, 
ich wußte um die Gefahren der Lage und wußte, wo sich die Pulverkammer 
befand, und ich bemühte mich aufs äußerste, den höchst ungerechten und höchst 
unwahren Berdacht zu beseitigen, welchen die in Deutschland entscheidende 
Partei hegte. Es hat nicht sein sollen, die Kriegspartei siegte.“ — Haldane 
stellt also die Dinge auf den Kopf, und sein wie des Kabinettes „aufrichtiger 
Verständigungswille“ war eine unwahre Redewendung. 
Lord Haldane, daran muß hier erinnert werden, war bereits 1906, 
ebenfalls nach einer Spannung, der damaligen Marokkokrisis, in Deutsch- 
land gewesen, um sich über die deutschen Heereseinrichtungen zu unter- 
richten. In sechsjähriger Arbeit hat er auf der Grundlage seiner damals in 
Deutschland gemachten Erfahrungen und Wahrnehmungen die britische 
Armeeorganisation, besonders die des Expeditionsheeres, mächtig ge- 
fördert, welches im gegebenen Augenblicke auf das Festland übersetzen und
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        Die Sendung Lord Haldanes, ihre Begleitumstände und Folgen. 427 
  
Deutschland in die Flanke fallen sollte. So kam er 1912 wiederum als be- 
kannter und bewährter Freund Deutschlands nach Berlin, beanspruchte 
Vertrauen und fand es. Wie der Reichskanzler erzählte, war Haldane 
„durch die bevorstehende Flottennovelle bedrückt. Ich fragte den englischen 
Minister, ob ihm nicht eine offene Verständigung mit uns, eine Verstän- 
digung, die nicht nur einen deutsch-englischen Krieg, sondern überhaupt 
jeden Weltkrieg ausschließen würde, mehr wert sei als ein paar deutsche 
Dreadnoughts mehr oder weniger. Lord Haldane schien für seine Person 
dieser Ansicht zuzuneigen. Er fragte mich daher, ob wir, wenn wir den 
Rücken gegen England frei hätten, dann nicht sofort über Frankreich her- 
fallen und es vernichten würden. Ich habe ihm erwidert, daß die Friedens- 
politik, die Deutschland in einer Zeit von mehr als vierzig Jahren geführt 
hätte, uns eigentlich vor einer solchen Frage sichern sollte. Wir hätten ja 
die schönsten Gelegenheiten gehabt, im Burenkrieg, im Russisch-Japanischen 
Krieg unsere etwaige Kriegswut zu zeigen, aber da und in allen Phasen 
der Marokkopolitik hätten wir das Gegenteil getan, hätten wir unsere 
Friedensliebe vor aller Welt bekundet. Deutschland, sagte ich ihm, wünsche 
aufrichtig den Frieden mit Frankreich und werde ebensowenig über Frank- 
reich wie über irgendeine andere Macht herfallen. Nachdem Lord Haldane 
von Berlin abgereist war, wurden die Berhandlungen in London fortge- 
setzt.“ Lord Haldane zeigte sich also durch die bevorstehende Flottennovelle 
bedrückt. Uber die Geschichte dieses Teiles der Berhandlungen ist man noch 
auf Kombinationen angewiesen, außerdem auf Mitteilungen aus der 
großbritannischen Presse, deren Richtigkeit deutscherseits niemals in Abrede 
gestellt worden ist. Alles in allem haben die Dinge ungefähr folgendermaßen 
gelegen: Die deutsche Marineverwaltung hielt eine erhebliche möglichst 
schnelle Verstärkung unserer Wehrkraft zur See zumal auch infolge der 
Lehren der Marokkokrisis von 1911 für erforderlich, außerdem eine organi- 
satorische Erhöhung der ständig schlagbereiten Linienschiffsgeschwader und 
anderer Verbände der aktiven Flotte. Dazu kam, daß angesichts des be- 
stehenden Bauplanes das jährliche Bautempo an großen Panzerschiffen 
vom ZJahre 1912 an nur noch zwei große Schiffe betragen sollte, anstatt vier 
und drei, wie bisher. Eine solche Verlangsamung erschien angesichts der 
europäischen Verhältnisse doppelt bedenklich. Man darf aus diesen Grün- 
den annehmen, daß die Marineverwaltung eine Flottenvorlage von min- 
destens sechs großen Panzerschiffen vorbereitet gehabt hat, vielleicht noch 
vermehrt um eine Anzahl großer gepanzerter Kreuzer. Die Zahl sechs 
ergab sich daraus, daß für jedes der Zabre von 1912 bis 1917 damit ein 
großes Panzerschiff hinzugekommen und eine Verlangsamung des bigs- 
herigen Bautempos so vermieden worden wäre. In Großbritannien hatte 
man um die Jahreswende 1911/12, wie immer, um diese Pläne und Vor-
        <pb n="470" />
        428 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
bereitungen genau Bescheid gewußt. Deshalb hat Haldane neben anderen 
Zustruktionen seines Kabinettes vor allem diejenige mitgenommen: die 
deutsche Flottenvorlage nach Möglichkeit zu Falle zu bringen. Als die Vor- 
lage nachher, im März 1912, eingebracht worden war, zeigte sich, daß sie an 
Neubauten von großen Panzerschiffen nur drei vorschlug und von diesen nur 
zwei für bestimmte Jahre vorgesehen waren, während die Entscheidung 
über das dritte wie über einen kleinen Kreuzer nicht getroffen worden war. 
Mit einer schnellen kräftigen Berstärkung des Bestandes der deutschen 
Flotte war es nichts geworden. Die Vorlage war, abgesehen von ihrem 
organisatorischen Teil, welcher die ständig in Dienst zu haltenden Berbände 
gegenüber der Reserveflotte vermehrte und von einer Bermehrung der Soll- 
stärke an Unterseebooten, ein Torso und für die Stärkung der Flotte von un- 
beträchtlicher Wirkung geworden. Sie brachte der Flotte beinahe nichts von 
dem, was sie so dringend brauchte: große gepanzerte Schiffe. Während der 
Anwesenheit Haldanes ist die Flottenvorlage hinsichtlich der damals zu 
kordernden Neubauten um mehr als die Hälfte zusammengeschrumpft. Nach 
diesem bedeutenden englischen Erfolge begannen die Verbandlungen über 
eine Formel für die von Deutschland gewünschte Verständigung zwischen den 
beiden Mächten. Haldane kehrte gleichzeitig nach London zurück, die Berhand- 
lungen wurden durch die Botschafter fortgesetzt. Die sehr interessanten Ver- 
handlungen können im Rahmen dieser Oarstellung nur gestreift werden. 
Fbre eingebende Oarstellung bleibt der Vorgeschichte des Krieges vorbehalten. 
Wie im Fahre 1915 durch die amtliche Norddeutsche Allgemeine Zei- 
tung festgestellt wurde, hat man Haldane zunächst den Vorschlag eines un- 
bedingten gegenseitigen Neutralitätsversprechens gemacht, also eines Ver- 
sprechens, welches Deutschland wie Großbritannien in jedem wie auch 
#immer gearteten Kriege zu gegenseitiger Neutralität verpflichtete. Haldane 
fand diesen Vorschlag zu weitgehend und reiste mit dem daraufbin ge- 
machten neuen deutschen Vorschlag nach London: „Oie Neutralität auf 
Kriege zu beschränken, bei denen man nicht sagen könne, daß die Macht, 
der die Neutralität zugesichert war, der Angreifer sei.“ Die großbritannische 
Kegierung fand auch diesen Borschlag zu weitgehend, und Sir E. Gren 
schlug dafür vor: „England wird keinen unprovozierten Angriff auf Deutsch- 
land machen und sich einer aggressiven Politik enthalten. Ein Angriff auf 
Oeutschland ist in keinem Bertrage enthalten und in keiner Kombination 
vorgesehen, der England zurzeit angehört, und England wird keiner Ab- 
machung beitreten, die einen solchen Angriff bezweckt.“ — Als der Reichs- 
kanzler hierauf die Vorstellung erhob, daß unter zivilisierten Mächten un- 
provozierte Uberfälle nicht üblich seien, und ebensowenig, sich solchen Kom- 
binationen anzuschließen, erklärte Grey sich bereit, seinen obigen Sätzen 
die Worte vorzuschicken: „da die beiden Mächte gegenseitig den Wunsch
        <pb n="471" />
        Die Sendung Lord Haldanes, ihre Begleitumstände und Folgen. 429 
  
haben, Frieden und Freundschaft untereinander sicherzustellen, erklärt 
England, daß es keinen unprovozierten Angriff usw.“ — Auch daraufhin 
setzte der Reichskanzler seine Bemühungen noch fort und erklärte sich zu 
weiterer Erörterung des Grepschen Vorschlages bereit, wenn dieser durch 
den folgenden Zusatz ergänzt würde: „England wird daher selbstverständ- 
lich wohlwollende Neutralität bewahren, sollte Deutschland ein Krieg auf- 
gezwungen werden.“ — Hätte Greyp bzw. das großbritannische Kabinett 
diese Ergänzung zu seinem Vorschlage angenommen, so würden alle Neu- 
bautenforderungen, also auch die letzt übriggebliebenen der deutschen 
Flottenvorlage verschwunden sein. Sir Edward Grep lehnte aber ab mit 
der Begründung, er würde die Beziehungen und Freundschaften zu den 
Mächten der Tripelentente gefährden, wenn er in der Verständigungs- 
formel über seinen Vorschlag hinausginge. Damit waren diese Verhand- 
lungen erledigt. Großbritannien hatte die Berstümmelung der deutschen 
Flottenvorlage erreicht, nur indem es kostenlos die deutschen Hoffnungen 
auf einen Neutralitätsvertrag benutzte. Lord Haldane hatte, wie ihm auch 
noch während des Krieges vom Premierminister Abquith bescheinigt worden 
ist, fich seines Auftrages zur vollen Zufriedenheit erledigt. Der großbritan- 
nische Kriegsminister scheint außerdem nach damaligen Auslassungen der 
englischen Presse und nach anderen Anzeichen für das Zustandekommen 
eines Vertrages und für ein wirklich vertrauensvolles BVerhältnis zwischen 
den beiden Mächten als Bedingung den Rücktritt des Staatssekretärs des 
Reichsmarineamtes, des Großadmirals v. Tirpitz, gefordert zu haben. 
Betrachtet man jene kurze aber inhaltreiche Periode im ganzen, so 
ergibt sich, daß die großbritannische Regierung von vornherein nie daran 
gedacht hat, sich durch ein Neutralitätsversprechen, unter welchen Ver- 
hältnissen auch immer, dem Deutschen Reiche gegenüber zu binden. Eine 
solche Reigung voraussetzen hieß zugleich eine geradezu grundstürzende 
Umwälzung aller Grundsätze, Methoden und Ziele in Gegenwart und Ber- 
gangenheit der großbritannischen Politik voraussetzen. Es bieß gleich- 
zeitig annehmen: die Leiter der großbritannischen Politik und die Mehr- 
heit der politisch denkenden Bevölkerung erachteten das Eingreifen in einem 
europäischen Kriege gegen Deutschland für ein großes und zu vermeidendes 
Unglück. Beides war nicht der Fall, und beides war für den sachlichen Be- 
urteiler schon aus der Geschichte der letzten zehn Zahre, nicht zu reden von 
der großbritannischen Geschichte der letzten zweihundert Jahre, klar er- 
sichtlich. Seit dem Jahre 1903 hatte die Politik König Eduards den alten 
bewährten Weg so vieler britischer Staatsmänner und Monarchen ein- 
geschlagen: eine europäische Festlandskoalition gegen die stärkste seefahrende 
Festlandemacht, das war jetzt Deutschland, zusammenzubringen. Wir 
haben alle Phasen dieser Entwicklung, dieser konsequenten und zielsicheren
        <pb n="472" />
        450 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Organisierungsarbeit zu schildern versucht. Der Zweck der Koalition war die 
Einschüchterung, Einkreisung und schließlich die Vernichtung der Macht 
und Kraft des Deutschen Reiches, sei es auf diesem Wege oder auf jenem. 
Ergab sich günstige Gelegenheit eines Festlandkrieges, so sollte das Werk 
unter allen Umständen vollendet werden, und je weiter die Rüstungen 
Rußlands vorschritten, desto überzeugter war man in Großbritannien, daß 
Deutschland geschlagen werden würde, unter der Voraussetzung freilich, 
daß Großbritanniens Flotten den Deutschen alle überseeische Zufuhr 
absperrten, und daß der britisch-belgische Apparat funktionierte. Dann 
wollte Großbritannien, wie in allen früheren Kriegen äbnlicher Art, dem 
Deutschen Reiche seine Kolonien wegnehmen, seine Flotte vernichten, seine 
Handelsflotte fortnehmen und auf den Weltmärkten an die Stelle 
Deutschlands als industrieller Produzent und Lieferant treten. So war 
das Programm in ganz großen Zügen ausgedrückt. Es lag also auf 
der Hand, daß die großbritannische Politik durch eine aufrichtige Ber- 
pflichtung, in einem solchen Kriege neutral zu bleiben, sich selbst ver- 
neint haben würde. Oer Schein einer neutralen Berpflichtung, wel- 
cher den britischen Staatsmännern sonst vielleicht praktisch erschienen 
wäre — mit dem Vorbehalte, die Verpflichtung bei Beginn des Krieges. 
unter irgendeinem Vorwande zu brechen —, wurde von ihnen aber für 
gefährlich gehalten, weil sie fürchteten, Großbritannien könnte dann das 
ihm so nötige Bertrauen zu Paris und St. Petersburg verlieren und die 
Tripelentente würde zerfallen. Aber auch ohne diese Uberlegungen war 
klar, daß Großbritannien in einem Kriege des Deutschen Reiches gegen 
Frankreich und Rußland wirklich neutral nur dann bleiben würde, wenn 
dieser Krieg für Deutschland vernichtend ungünstig ausgelaufen wäre. 
Zeder deutsche Erfolg aber, zumal gegen Frankreich, überhaupt jede deutsche 
Gewichtsvermehrung auf dem europäischen Festlande hätte Großbri- 
tannien sofort auf den Plan gerufen, dahin wiesen alle Linien großbritan- 
nischer Uberlieferung. Ob die langjährigen elbmachungen und Berhand- 
lungen Großbritanniens mit Belgien der deutschen Regierung damals 
bekannt waren, wissen wir nicht, dagegen steht es außer Zweifel hinsichtlich 
der französisch-britischen Militärkonvention. Die Geschichte der britisch- 
russischen Verständigung mit ihren Mitteln und Zielen und der einschlägigen 
Orientpolitik bildete einen weiteren, einen beinahe überflüssig zu nennenden. 
Beweis dafür, daß Großbritannien nicht daran dachte, neutral zu bleiben, 
sondern eben das Haupt und die treibende Kraft der europäischen Organi- 
sation war, welche die schließliche Vernichtung Deutschlands bezweckte 
und um dieses Zweckes willen geschaffen worden war. Irgendwelche tat- 
sächlichen Boraussetzungen: Großbritannien wolle und könne in einem 
solchen Kriege neutral bleiben, fehlten mithin. Ee blieb die weitere Frage,
        <pb n="473" />
        Die Sendung Lord Haldanes, ihre Begleitumstände und Folgen. 451 
  
ob Großbritannien den festen Willen hätte, einen europäischen Krieg nicht 
eintreten zu lassen und den Frieden zu erhalten. Wie der Reichskanzler richtig 
sagt, hätte ein vertrauensvolles britisch-deutsches Berhältnis und gar ein 
Neutralitätsvertrag der beiden Mächte den europäischen Frieden gesichert. 
Diesem Wunsche gegenüber stand aber die Erfahrungstatsache, daß die- 
jenige europäische Lage und Mächtegruppierung, welche den europäischen 
Frieden von Jahr zu Zahr mehr gefährdete, gerade durch die sostematische 
Arbeit der großbritannischen Politik angestrebt und erreicht worden war 
und dauernd weiter genährt wurde. Aun stützte der Deutsche Reichskanzler, 
wie seine angeführten Worte zeigen, seine Auffassung darauf, daß in weiten 
Kreisen der englischen Nation sich eine Stimmung geltend gemacht hätte, 
„ein Berhältnis mit uns herstellen zu wollen, das kriegerische Berwick- 
lungen ausschlösse “. Mit andern Worten: die großbritannische Politik 
hätte durch den Einfluß dieser Kreise in ihr striktes Gegenteil verkehrt 
werden müssen. Ohne Zweifel hätte ein Neutralitätsvertrag auch den 
Zerfall des Dreiverbandes bedeutet. Dazu waren jene Kreise teils nicht 
imstande, teils auch gar nicht willens, übrigens auch im ganzen ohne Ein- 
fluß. Sie wollten wohl Frieden, aber nur unter der Bedingung, daß das 
Deutsche Reich allen ernstlichen englischen Wünschen nachgäbe. Außerdem 
glaubten sie, daß in Deutschland sehr einflußreiche Strömungen den Krieg 
mit England wünschten, auf ihn hinarbeiteten und nur den geeigneten 
Moment erwarteten. Eben diese Ansicht hat auch Lord Haldane vertreten, 
— freilich wider besseres Wissen, denn er kannte Deutschland. — In 
ihm sah die deutsche Regierung einen aufrichtigen Freund des Friedens 
und einen aufrichtigen Freund des Oeutschen Reiches. Er hat sich als 
das Gegenteil von beiden erwiesen. 
Die in den angeführten gegenseitigen Vorschlägen vorgekommenen 
Begriffe des unprovozierten Angriffes, des aufgezwungenen Krieges, 
der wohlwollenden Neutralität usw. waren und sind für eine Macht, 
welche nicht völlig bona fide handelt, ganz beliebig deutbar. Wäre England. 
damals einen solchen Vertrag eingegangen, so hätte dieser doch keinerlei 
Sicherheit gewährt, denn die großbritannischen Staatsmänner würden 
nie gefunden haben, daß ein Krieg dem Deutschen Reiche aufgezwungen 
worden sei. Sie hätten vielmehr die umgekehrte Auffassung zum Ausdruck 
gebracht und ihre Pflicht zur wohlwollenden Neutralität nicht anerkannt. 
Ebenso wie die Begriffe des Angriffs und der Verteidigung gerade von 
einer Macht wie Großbritannien immer nach Belieben und nach der Ein- 
schätzung des jeweiligen eigenen Borteiles gedeutet worden sind, so wäre 
es auch mit dem provozierten und unprovozierten Angriff, mit dem auf- 
gezwungenen oder nicht aufgezwungenen Kriege gewesen. 
Alles in allem: die deutsche Regierung leitete im Februar 1912 die
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        432 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreffung. 1908—1914. 
  
Berständigungsverhandlungen mit Großbritannien auf Grund von A#- 
nahmen und Voraussetzungen ein, die sämtlich nicht zutrafen. Man brachte 
England Vertrauen entgegen, während es äußerstes Mißtrauen verdiente. 
Die damalige Haldanesche Reise hat außer dem erörterten Haupt- 
zweck anscheinend noch einige Nebenzwecke verfolgt. Zu diesen gehörte 
die Anrufung der Gnade des Oeutschen Kaisers für einen britischen Offizier- 
spion, welcher in Deutschland abgefaßt und verurteilt worden war und 
seine Strafe zu verbüßen begonnen hatte. Seit einer Reihe von Jahren 
bereits wurden die deutschen Hafenstädte, die Werften und die Haupt- 
stadt von britischen Spionen überschwemmt. Gelungene oder mißlungene 
Bestechungsversuche Deutscher waren auf der Tagesordnung. Oie eng- 
lische Spionage arbeitete mit größten Geldmitteln und mit vollendeter 
Strupellosigkeit. In Berlin und in den deutschen Hafenstädten hatten 
sich Spionagemittelpunkte gebildet, welche im Zusammenhange unter- 
einander spstematisch arbeiteten. Es gelang der deutschen Aufmerksamkeit, 
in einer Reihe von Fällen mit Erfolg zuzufassen, aber die Zahl der unent- 
deckten britischen oder im britischen Solde stehenden Spione ist ein Biel- 
faches der entdeckten gewesen. Der Eifer und die große Energie der Spio- 
nage etwa seit dem Jahre 1908 — damals waren die ersten deutschen 
Dreadnoughts fertig geworden — bewies zweierlei: daß die Stärke der 
deutschen Wehrkraft zur See keine unbeachtliche Größe mehr war; daß 
Großbritannien den Krieg gegen Deutschland methodisch vorbereitete. 
Wie sehr es sich dabei um Vorbereitung eines Angriffskrieges handelte, 
ging hinsichtlich der Spionagetätigkeit schon daraus hervor, daß die Spione 
besonderen Wert auf die Erkundung der deutschen Küstenverhältnisse mit 
Wassertiefen und Landungsverhältnissen legten, außerdem auf die Einzel- 
beiten der Küstenbefestigungen und was dazu gehörte. Alles das konnte 
wahrlich nicht die Schlußfolgerung gestatten, daß eben dieses Groß- 
britannien geneigt sein könnte, in dem großen Kampfe, den es selbst 
wollte und vorbereitete, neutral und gar „wirklich“ neutral zu bleiben. — 
Der Offizierspion wurde begnadigt. 
Lord Haldane hatte außerdem den Auftrag, weiter über eine gemein- 
same englisch-deutsche Politik in Mittelafrika, zum Teil auch hinsichtlich 
der Asiatischen Türkei in Berlin zu sprechen. Diese Verhandlungen be- 
trafen einerseits eine neue Auflage des alten deutsch-britischen Delagoa- 
vertrages vom Fahre 1898. Während der Marokkokrisis von 1911 hatte 
bereits der großbritannische Premierminister Asêquith Andeutungen ge- 
macht und Grey sagte im ODezember 1911: Großbritannien habe nicht die 
Absicht, eine koloniale Ausdehnung des Deutschen Reiches in Mittelafrika 
zu bekämpfen. Großbritannien begnüge sich dort mit seinem vorhandenen 
Besitze. Damals wurden diese Andeutungen vielfach auf das belgische
        <pb n="475" />
        Die Sendung Lord Haldanes, ihre Begleitumstände und Folgen. 433 
  
Kongogebiet bezogen, jedoch mit Unrecht. In Wirklichkeit handelte es 
sich um das portugiesische Kolonialgebiet: im großen umschrieben durch 
die Namen Angola in Westafrika als nördlicher Nachbar von Oeutsch— 
Sudwestafrika, Mozambique in Südostafrika. Dieses alte Abkommen, 
welches freilich wohl bis dahin nur in unbestimmten großen Zügen vor- 
gelegen hatte, sollte nmunmehr, wie die großbritannische Regierung ver- 
sprach, endlich eine Wirklichkeit werden und die Ehrlichkeit großbritannischer 
Absichten Deutschland gegenüber erweisen. Beide Kolonien gehörten und 
gehören bekanntlich Portugal. Das alte Abkommen hatte mit der Ver- 
schuldung Portugals gerechnet und mit einer daraus sich ergebenden früher 
oder später eintretenden Notwendigkeit, deshalb die Kolonien zu veräußern. 
Seit König Eduards Thronbesteigung hatte im Gegensatz zu diesen Vor- 
aussetzungen des Abkommens die großbritannische Regierung Portugal 
geldlich unterstützt, um — und zwar mit Erfolg — zu verhindern, daß es 
binsichtlich seiner afrikanischen Kolonien in die besagte Zwangslage käme. 
Nun, im Zahre 1912, sollte alles anders und schöner werden. Man 
glaubte in Deutschland aufrichtig an den Anbruch der neuen Ara. Im 
Winter 1913 erschien eine vielgenannte Flugschrift „Deutsche Weltpolitik 
und kein Krieg“, welche den Gedanken ausführte, daß Deutschlands kolo- 
niale Zukunft in Mittelafrika liege und ohne Konflikte mit Großbritannien 
verwirklicht werden könne. In der Flugschrift fand sich der Satz: „Dieses 
Einverständnis zwischen England und Deutschland bildete (1912) den 
eigentlichen Kern des europäischen Konzertes.“ Oie beiden früheren 
Rivalen hätten sich zu einer Gemeinsamkeit politischen Handelns von ganz 
unerwarteter Intimität zusammengefunden. Oas war 1912 und 1913 
eine in ODeutschland weit verbreitete Auffassung, welche anscheinend von 
der Regierung geteilt worden ist. In der Tat gelang es im Laufe der 
Verhandlungen schon verhältnismäßig bald, um das Zahr 1915, zu einem 
Abkommen mit Großbritannien über Portugiesisch-Afrika zu gelangen. 
Nach allem, was über diesen Entwurf verlautet ist, gab Großbritannien 
dem Deutschen Reiche freie Hand in ganz Angola und auf der ostafrikani- 
schen Seite in dem Gebiete nördlich von dem Sambesiflusse. Zur Ber- 
wirklichung diesee Abkommens über Kolonien, die immer noch Portugal 
gehörten, sollte zunächst die wirtschaftliche Durchdringung dienen. Deut- 
sches Kapital, Eisenbahnunternehmungen usw. sollten den Anfang machen. 
Im Berlaufe dieser Durchdringungsarbeit würde dann früher oder später 
ein Augenblick gekommen sein, wo Entstehung von Unruhen unter den 
Eingeborenen energisches Durchgreifen nötig gemacht hätte. Dazu wäre 
Portugal nicht imstande gewesen, deutsche bzw. britische Streitkräfte 
hätten unter gegenseitiger Zubilligung eingegriffen und im Anschlusse 
hieran Verhandlungen mit Portugal die Schaffung eines neuen Besitz- 
Graf Reventlow, Deutschlands auswärtige Politlk. 28
        <pb n="476" />
        434 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
zustandes unter geldlicher Entschädigung Portugals herbeigeführt. So 
ungefähr wollte die britische Regierung, daß man in Berlin denken und 
hoffen sollte, und hat damit entsprechenden Erfolg gehabt. Noch tief im 
Zabre 1915, als das Abkommen längst abgeschlossen und von den Vertretern 
wohl auch unterzeichnet war, glaubte die deutsche Offentlichkeit noch immer, 
daß weiter unterhandelt werde, und wartete mit Spannung auf das Er- 
gebnis dieser Unterbandlungen. Man begriff nicht, daß sie gar nicht zu 
Ende kämen, und konnte sich das Schweigen der deutschen Regierung dazu 
nicht erklären. In Wirklichkeit standen die Dinge so, daß nach Abschluß 
der Verbandlungen, nach Unterzeichnung bzw. Paraphierung des Ab- 
kommene die großbritannische Regierung sich dessen Geheimhaltung aus- 
bedungen hatte. Der Augenblick sei noch nicht gekommen, zumal müsse die 
deutsche Durchdringung in den portugiesischen Kolonialgebieten erst ent- 
sprechend vorgeschritten und durch erhebliche deutsche Kapitalanlagen eben 
dort „Interessen“ geschaffen sein. So blieb denn das Abkommen ale kost- 
barer aber nicht auszunutzender Schatz in der Schublade liegen. Heute 
kann nicht mehr zweifelhaft sein, daß jene Berhandlungen nur eingeleitet 
wurden, jenes Abkommen nur geschlossen worden ist, um das Deutsche Reich 
hinzuhalten, um der deutschen Regierung die Uberzeugung eines intimen 
Zusammenarbeitens mit Großbritannien zu suggerieren. Oie britische 
Regierung wollte das deutsche Volk an ihren guten und friedlichen Willen 
glauben machen, weil sie im Hinblick auf die Orientpläne und Rußlands 
Rüstungen Zeit zu gewinnen wünschte. Oie großbritannische Presse jener 
Zeit war voll von diesem „guten Willen“: Deutschland sei ja expansions-- 
bedürftig, das gestehe man in England bereitwillig zu und habe das größte 
Interesse daran, zur Friedlichkeit dieser Expansion beizutragen. Wenn 
Großbritannien den berechtigten deutschen Bestrebungen schroffen Wider- 
stand entgegensetze, so entstehe die Gefahr furchtbarer Explosionen. Des- 
halb sei c5 weise und gleichzeitig wohlwollend, den kolonialen deutschen 
Ehrgeiz in unschädliche Bahnen zu lenken. Man rechnete in England auch 
darauf, daß diese gewissermaßen verbrieften deutschen Kolonialhoffnungen 
eine Bremse gegen die Schaffung einer starken deutschen Seemacht bilden 
würden: Großbritannien bewiese nun in der Praxis seine Vertrauens- 
würdigkeit und seine freundschaftliche Gesinnung. Deutschland erhielte 
ein großes Kolonialreich durch hilfreiche britische Bereitwilligkeit, — also 
wozu noch eine starke deutsche Flotte? Die britische Presse führte weiter 
aus, daß ein großer deutscher Kolonialbesitz auf lange Zeit hinaus viel 
Geld kosten und damit von selbst die für weiteren Flottenbau erforderlichen 
Mittel einschränken werde, außerdem meinte man: die Konzentration der 
gesamten deutschen Flotte in der Nordsee würde dann aufhören. Das. 
waren Presseansichten. Die britische Regierung hat, wie gesagt, wohl
        <pb n="477" />
        Die Sendung Lord Baldanes, ihre Begleitumftände und Folgen. 435 
  
  
nie die Absicht gehabt, das sogenannte Angolaabkommen zur Wirklichkeit 
werden zu lassen, war aber sehr befriedigt, daß die alte Lockspeise von 1898 
auch 1912 und 1915 in etwas veränderter Form noch so große Wirkung hatte. 
Im Zahre 1912 ebenfalls kamen Berhandlungen zwischen den beiden 
Nächten über die Bagdadbahn und alle mit diesem Unternehmen zu- 
sammenhängenden Fragen in lebhafteren Fluß. 
Die Anfänge dieser Wendung reichten in das Jahr 1911 zurück. Je 
kräftiger der Bau der Bagdadbahn trotz englischen Widerstandes gefördert 
wurde, je mehr die Bahn sich Bagdad näherte, desto akuter wurde die 
Frage, wie sich nachher, also für den Weiterbau über Bagdad nach Bassora 
und von da nach dem Persischen Golfe, die Dinge entwickeln sollten. Wie 
geschildert worden ist, betrachtete die großbritannische Regierung es als 
einen Eingriff in ihre vitalen Rechte und Interessen, daß eine unter leiten- 
dem deutsch-türkischen Einflusse stehende Bahn bis an den Persischen Golf 
geführt würde. Weitblickend, wie immer, hatten die britischen Staats- 
männer mit den Scheiks von Koweit und Mohammera Abkommen ge- 
troffen. Ein formelles Protektorat beanspruchte Großbritannien hier zwar 
nicht, aber die Regierung betonte die Unabhängigkeit der beiden Scheiks 
der Pforte gegenüber. Was das, im britischen Sinne verstanden, beißen 
sollte, bedarf keiner näheren Erklärung. Oie britische Vorzugsstellung am 
Persischen Golfe war von Rußland ausdrücklich anerkannt worden und vom 
Standpunkte der Machtfrage nicht zu bestreiten. Dieses waren wohl die 
Hauptgründe, weshalb im Winter 1910/11 die Bagdadbahngesellschaft 
auf ihr vertragsmäßiges Recht verzichtete, die Bahn bis an den Persischen 
Golf zu führen. Formal wurde es derart gedreht, daß die Bagdadbahn- 
gesellschaft sich auf den Bau der Bahn bis Bagdad beschränkte. Für den 
Bau des Stückes von Bagdad über Bassora nach einem Punkte des Per- 
sischen Golfes bildete sich neu die „Ottomanische Gesellschaft“. Diese war 
als international unter türkischer Führung geplant, mit der Maßgabe, 
daß der deutsche Interessent geldlich nicht weniger beteiligt sein sollte ale 
jeder der übrigen. Ourch den Berzicht der deutschen Gesellschaft war dem 
grundsätzlichen britischen Widerstande gegen die Vollendung der Bahn 
der Boden entzogen worden. Deutscherseite bedeutete der Berzicht ein 
außerordentliches Entgegenkommen, diktiert freilich durch den immer 
dringender werdenden Wunsch, endlich energisch und ohne Pausen das 
Werk fördern zu können. Als Entschädigung erhielt die Bagdadbahngesell- 
schaft das nicht unwichtig erscheinende Recht, den Hafen von Alexandrette 
auszubauen und ihn durch eine Stichbahn mit der Hauptstrecke der Bagdad- 
bahn bei Osmanje zu verbinden. Hierdurch gewann die Gesellschaft 
wirtschaftliche Berfügung über einen großen und wichtigen Mittelmeer- 
hafen, dessen Wert unschätzbar gewesen wäre, wenn er nicht unter der 
23
        <pb n="478" />
        436 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Vormundschaft britischer Seebeherrschung gestanden hätte. Alexandrette 
nahe gegenüber liegt die Großbritannien gehörende Insel Cypern. Der 
Wert von Alexandrette, ja die Möglichkeit der wirtschaftlichen Ausnutzung 
dieses Hafens beruhte mithin auf der Beschaffenheit der deutsch-britischen 
Beziehungen, und das war eine Schwäche, die sich bei länger dauerndem 
Frieden steigend als solche gezeigt haben würde. 
Die Türkei fühlte sich naturgemäß durch das deutsche Entgegenkommen 
von dem englischen Orucke und den englischen Schikanen wesentlich er- 
leichtert, die Hohe Pforte erkannte ihn als deutschen Freundschaftsdienst an, 
und so hatte der Verzicht nach dieser Seite vielleicht politischen Wert. 
Die Marokkokrise im Sommer 1911 schuf auch hier eine Pause. Erst 
im ZLahre 1912 begannen die weiteren Berhandlungen über die Bagdad- 
bahn wieder, zugleich mit den Scheinverhandlungen über die portugie- 
sischen Kolonien. Im Frühjahr 1915 erklärte Sir E. Grey im Parlamente: 
Großbritannien habe die Uberzeugung gewonnen, daß die britischen Lebens- 
interessen durch die Bagdadbahn, bzw. ihre Bollendung nicht mehr ge- 
fährdet würden. Damals hatten sich die Berhältnisse folgendermaßen 
verändert: Der Bau der Strecke Bagdad—Bassora durch die Ottomanische 
Gesellschaft war von Großbritannien zugestanden worden unter der Be- 
dingung, daß keine Sondertarife oder andere Erschwerungen eingeführt 
und im Verwaltungerate zwei englische Mitglieder sich befinden sollten. 
Die Strecke von Bassora bis zum Persischen Golfe wollte Großbritannien 
selbst zu bauen das Recht haben und erhielt es. Ob dieses letzte Bahnstück 
Bassora—Persischer Golf jemals gebaut werden würde, war freilich 
zweifelhaft, heute ist es eine müßige Frage. Politisch hatte Großbritannien 
kein Znteresse daran, im Gegenteil. Das britische Interesse war dagegen 
um so größer, die Schiffahrtsverbindung von Bassora durch das Schatt-el- 
Arab mit dem Golfe in die Hand zu bekommen. Oie Unabhängigkeit des 
Scheiks von Koweit wurde im gleichen Jahre 19135 von der türkischen 
Regierung anerkannt. 
Alles in allem hatte die deutsche Gesellschaft also einen Hauptteil des 
ursprünglichen Planes aufgegeben, um das unmittelbar praktisch Erreichbare 
ohne Berzögerung fertigstellen zu können. Auf den Stand und Umfang 
der Verhandlungen im ZJahre 1914 wird noch zurückzukommen sein. 
Soschien von Anfang des Fahres 1912 an den Eläubigen alles zu einer 
hoffnunggebenden Entwicklung der deutsch-britischen Beziehungen angetan. 
Als eine Warnung für offene Ohren freilich klangen die häufigen Reden des 
neuen Ersten Lords der britischen Admiralität, Mr. Churchill. Während des 
Haldaneschen Besuches in Berlin erklärte Churchill in öffentlicher Rede: 
für Großbritannien sei eine meerbeherrschende Flotte eine Lebensnot- 
wendigkeit, während das Deutsche Reich eine starke Flotte nicht brauche.
        <pb n="479" />
        Die Sendung Lord Haldanes, ihre Begleitumstände und Folgen. 437 
Die deutsche Flotte sei eine Luxusflotte. Diese Unverschämtheit des bri— 
tischen Ministors zeigte, was es mit den Haldaneschen Verständigungs- 
bestrebungen auf sich habe. Im Jahre 1915 während des Krieges erklärte 
Churchill in einer Rede, er habe bei seiner Berufung an die Spitze der 
Admiralität den Auftrag erhalten: „es als meine ganz besondere Aufgabe 
zu betrachten, die Flotte in den Stand sofortiger und ständiger Kriegs-- 
bereitschaft zu setzen, für den Fall, daß wir von Deutschland angegriffen 
würden . . .“ Und Baldane sagte kurz darauf: „NMr. Churchill brachte die 
Flotte auf einen größeren Stand und höhere Schlagfertigkeit für den Krieg, 
so daß wir uns im Kraftverhältnis 2 zu 1 Deutschland gegenüber befanden.“ 
— DOiese beiden Aussprüche sind, an den Ereignissen gemessen, wahr; 
abgesehen davon, daß selbstverständlich der Hinweis auf einen deutschen 
Angriff lediglich als BVorwand dienen sollte. Um so unwahrer war es, als 
Churchill vom Zahre 1912 ab öffentlich erklärte und propagierte, Deutschland 
möge seine Flotte nicht über ein Stärkeverhältnis von 10 zu 16 der groß- 
britannischen gegenüber vermehren. Der deutsche Staatssekretär des Reichs- 
marineamtes erklärte daraufhin im Jahre 1913: gegen ein Verhältnie 
10 zu 16 zwischen der deutschen und der englischen Schlachtflotte habe er 
als Leiter seines Ressorts nichts einzuwenden. Auffallenderweise erblickte 
man in Oeutschland wie in einem Teile der öffentlichen Meinung Groß- 
britanniens in diesem Eingehen auf die Churchillsche Anregung einen 
grundsätzlichen Umschwung der deutschen Flottenpolitik. In Wirklichkeit 
war davon nicht die Rede. Tatsächlich würde für die deutschen Bedürfnisse 
das Verhältnis 10 zu 16 genügt haben, es war aber 1912 und 1913 deutscher- 
seits lange nicht erreicht, und es bestand auch später keine Aussicht, es zu 
erreichen, wenn man nicht eine längere Reihe von Zahren hindurch eine 
wesentliche Beschleunigung des Bautempos hätte eintreten lassen. Daß 
davon aber unter den bei der deutschen Regierung maßgebenden Anschau- 
ungen nicht die Rede war, wußte Churchill ebensogut wie jedes andere 
britische Kabinettsmitglied. So konnte er sich mit taktischem Vorteile 
seine Vorschläge leisten. Das Eingeben des deutschen Staatssekretärs 
darauf war ihm auffallend unbequem, und er beeilte sich, in der Folge 
immer mehr Einschränkungen seiner ÄAußerung eintreten zu lassen. So 
erklärte Churchill, für das BVerhältnis 10 zu 16 rechneten die in den außer-- 
heimischen Gewässern weilenden Schiffe nicht mit, ja auch nicht die im 
Mittelmeere stationierten. Ferner rechnete er ab die von den britischen 
Kolonien geschenkten oder noch zu schenkenden, und schließlich meinte er, 
daß das Berhältnis 10 zu 16 nicht mehr genügen werde, sobald die soge- 
nannten Vordreadnoughtschiffe veraltet seien; das wäre aber schon in den 
nächsten Jahren eingetreten. Kurz, es ließ sich schon bald nicht mehr ver- 
bergen, daß der Vorschlag des Ersten Lords nicht nur unpraktisch, sondern
        <pb n="480" />
        438 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
unehrlich gemeint war. Des weiteren schlug Churchill in steigender Wieder-- 
holung vor: die Seemächte, in erster Linie Deutschland und Großbritannien, 
sollten, um die Last der Rüstungen zu vermindern, ein sogenanntes Flotten- 
feierjahr einlegen, d. h. ein JZahr lang keine Neubauten in Angriff nehmen. 
Dann würde das Stärkeverhältnis der Flotten untereinander das gleiche 
bleiben und gleichwohl eine merkliche internationale Erleichterung ein- 
treten. Auch dieser Vorschlag war unehrlich gemeint. Er bezweckte zweier- 
lei: Zm Falle seiner Ablehnung Deutschland als den Friedensstörer und 
„Wettrüster" erscheinen zu lassen, bei seiner Annahme Deutschland in Nach- 
teil zu bringen, denn bei der Berschiedenheit der Verhältnisse würde ein 
solches Feierjahr Großbritannien einen bedeutend weiteren Vorsprung 
gebracht haben. Im Frühjahr 1915 äußerte sich der Deutsche Reichskanzler 
zu diesen Fragen folgendermaßen: 
„Mr. Churchill hat in der großen Rede, die er neulich gehalten hat, das 
Stärkeverhältnis zwischen der englischen und der deutschen Flotte be- 
leuchtet und hat dabei einen Gedanken wiederholt, den er bereits im vorigen 
Zahr, und zwar gleichfallö im Parlament, ausgesprochen hatte, den Ge- 
danken, daß zur Berminderung der Rüstungskosten die Schiffswerften 
der großen Mächte von Zeit zu Zeit ein JZahr Feiertag machen möchten. 
Nrr. Churchill hat diesen Vorschlag speziell an Deutschland, und zwar 
für 1914 und 1915, gerichtet, aber er hat anerkannt, daß alle Großmächte 
an dieser Kontingentierung beteiligt werden müßten. Die Marinesachver-- 
ständigen diesseits und jenseits der Nordsee haben, wie mir scheint, ziemlich 
übereinstimmend auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die in der Aus- 
fübrung dieses Problems liegen würden. Mr. Churchill selbst hat diese 
Schwierigkeiten zugegeben. Auch mir ist nicht bekanntgeworden, daß sein Ge- 
danke im englischen Parlament oder in der englischen öffentlichen Meinung 
besonderen Anklang gefunden hätte. Wir werden also abwarten können, 
ob die englische Regierung mit konkreten Borschlägen hervortreten sollte. 
Aber, meine Herren, die Tatsache, daß dieser Gedanke ausgesprochen 
worden ist, und die Form, in die ihn der Erste Lord der englischen Admirali- 
tät gekleidet hat, bedeuten doch einen großen Fortschritt. 
Es gab eine Zeit, wo jedes Wort, das einem Vergleich der englischen 
und der deutschen Seestärke, einem Vergleich des englischen und deutschen 
Schiffbaus galt, zu einem Navyy scare, zu einer Flottenhetze, führte, die 
immer wieder die deutsch-englischen Beziehungen vergiftete. Mir scheint 
— und ich hoffe es —, daß diese Zeiten der Vergangenheit angehören. Mir 
scheint, daß das Vertrauen wieder zurückzukehren beginnt, dae lange Zeit 
dum Schaden beider Länder und der Welt gefehlt hat.“ 
Wenige Monate vorher hatten Sir E. Grey und im Vamen der 
französischen Regierung der Londoner Botschafter, Paul Cambon, Briefe
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        Die Sendung Lord Haldanes, ihre Begleitumstände und Folgen. 439 
  
miteinander ausgetauscht, welche, wennschon in vorsichtiger Form, die 
zwischen Frankreich und Großbritannien bestehende Militärkonvention 
politisch ergänzten und bekräftigten und Andeutungen machten, die über die 
nicht nur defensive, sondern auch offensive Natur der britisch-französischen 
Beziehungen keinen Zweifel ließen. Diese Briefe wurden — nach einer 
Veröffentlichung der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom Oktober 
1914 — durch einen nicht genannten auswärtigen Bertreter des Deutschen 
Reiches der deutschen Regierung mitgeteilt, und zwar im NMärz 1915. 
Wenige Tage später bielt der Deutsche Reichskanzler die oben im Auszuge 
angeführte Rede, in welcher er seiner Genugtuung über die Rückkehr des 
BVertrauens zwischen den beiden Mächten Auedruck gab. Der Reichskanzler 
hat also dem Grey-Cambonschen Briefwechsel nicht die Bedeutung zu- 
gemessen, welche ihm zukam. In dem gleichen diplomatischen Berichte des 
deutschen Bertreters vom März 1913 wurde die durch den Krieg bestätigte 
Mitteilung gemacht: „Bezüglich der Abmachungen wegen einer Koopera-- 
tion zur See erfahre ich von gewöhnlich gutunterrichteter Seite das Fol- 
gende: die englische Flotte übernimmt den Schutz der Nordsee, des Kanals 
und des Atlantischen Ozeans, um Frankreich die Möglichkeit zu geben, 
seine Seestreitkräfte im westlichen Becken des Mittelländischen Meeres 
zu vereinigen, wobei ihm als Stützpunkt für die Flotte Malta zur Ver- 
fügung geftellt wird. Die Einzelheiten beziehen sich auf die Verwen- 
dung von französischen Torpedoflottillen und Anterseebooten im Kanal 
und des englischen Mittelmcergeschwaders, das bei Ausbruch des Krieges 
dem französischen Admiral unterstellt wird.“ Auch das waren keine 
Vorbereitungen defensiver Natur, keine Dokumente britisch-französischer 
Bertrauenswürdigkeit. Im gleichen Jahre der deutsch-englischen Ber- 
ständigung 1912 war die gesamte französische Flotte, wie vorher geschildert, 
im Mittelländischen Meere vereinigt worden, und im August war anläßlich 
einer Reise des französischen Ministerpräsidenten Poincaré nach Peters- 
burg eine französisch-russische Flottenkonvention abgeschlossen worden. 
Anfang Juli aber waren Kaiser Wilhelm und der Zar an der russischen 
Ostseeküste zu Baltischport zusammengetroffen. Man maß deutscherseits 
dieser Begegnung große Bedeutung bei. Kaiser Wilhelm wurde vom 
Reichskanzler begleitet, der Zar von seinem Ministerpräsidenten Kokowzow 
und dem Minister des Auswärtigen, Ssasonow. Damit gewannen die Ge- 
spräche zu Baltischport einen politischen und amtlichen Charakter, und 
dementsprechend wurden für die deutsche wie für die russische Presse amt- 
tiche Kommuniqués erlassen. Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung 
brachte den Satz: „Die Zusammenkunft hat auf beiden Seiten den Willen 
befestigt, dauernde Fühlung zwischen Deutschland und Rußland in den 
großen Tagesfragen zur Wahrung des europäischen Friedens zu unter-
        <pb n="482" />
        440 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
halten.“ — Oie „Nossija“ aber schrieb: „Der Gedankenaustausch ergab aufe 
neue den festen Entschluß, die zwischen beiden Ländern bestehenden alt- 
ehrwürdigen Aberlieferungen hochzuhalten. Die Begegnung soll keine 
Anderung in der GEruppierung der europäischen Mächte herbeiführen, 
deren Wert für die Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes und 
des Friedens sich erwiesen hat. Sie bezeugt aber einerseits die feste und 
dauernde Freundschaft zwischen Deutschland und Rußland, anderseits ist 
sie ein beredter Ausdruck der friedlichen Grundrichtung, welche die Politik 
beider Reiche gleichmäßig bestimmt.“ 
Diese amtlichen Mitteilungen, besonders die russische, erregten großes 
Aufsehen. In der französischen Presse machte sich teilweise ein gewisses Miß- 
behagen geltend. Die führenden Organe in Frankreich jedoch und in Groß- 
britannien erfaßten den Sinn der Sache besser. Sie stellten ausdrücklich und 
triumphierend fest, daß das russische Kommuniqué, dessen Inhalt und Form 
— ebenso wie umgekehrt — mit den anwesenden Bertretern der deutschen 
Regierung vereinbart worden war, eine ausdrückliche Anerkennung des 
friedlichen Charakters der Tripelentente brachte: „Die Begegnung soll 
keine Anderung in der Gruppierung der europäischen Mächte herbei- 
führen, deren Wert für die Aufrechterhaltung des GEleichgewichtes und des 
Friedens sich erwiesen hat.“ — Oamit erkannte — so bieß es — also auch 
die deutsche Regierung an, daß die Tripelentente dem Frieden diene und 
indirekt, daß von einer Einkreisungspolitik gegen Deutschland nicht die 
Rede sein könne. Möglicherweise hat der Deutsche Reichskanzler damals 
geglaubt, er werde durch diese unverdiente Charakterisierung einer dem 
Kriege gegen Deutschland dienenden Organisation die Gegensätze der 
beiden großen Gruppen in Europa mildern; möglicherweise befand er sich 
im IZrrtume über den Charakter der Tripelentente. Auch hat er wohl auf 
den Gang der Verständigungsverhandlungen mit England günstig ein- 
wirken wollen. Oer Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter war zur Reise 
nach Baltischport nicht zugezogen worden. 
Oas russische Kommuniqué von Baltischport sprach ferner von der 
„friedlichen Grundrichtung, welche die Politik beider Reiche gleichmäßig 
bestimmt“. Für das Deutsche Reich traf das im wahren Sinne des Be- 
griffes zu. Die deutsche Politik bedeutete tatsächlich ein unausgesetztes 
Streben, den Frieden zu erhalten. Bei Rußland war das Gegenteil der 
Fall. Die russische Politik und ihre Vertreter verdienten das ihnen geschenkte 
deutsche Vertrauen ebensowenig wie die Leiter der großbritannischen Politik. 
Im August 1912 hatte die Begegnung zu Baltischport mit den Ver- 
sicherungen des Bertrauens und der Friedlichkeit stattgefunden, und im 
September reiste Herr Ssasonow nach Großbritannien, um dort die In- 
szenierung des vorbereiteten Balkankrieges mit den britischen Staats--
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        Die Sendung Lord Baldanes, ihre Begleitumstände und Folgen. 441 
  
männern näher zu vereinbaren. Dem gleichen Zwecke hatte, neben an- 
derem, der erwähnte Besuch Herrn Poincarés in St. Petersburg gedient. 
Die Mine war gelegt und zur Sprengung bereit, welche nach den Be- 
rechnungen der Staatsmänner des Oreiverbandes unter russischer Regie 
sowohl dem Türkischen Reiche wie Osterreich-Ungarn die Grundfesten ihrer 
Machtstellung zertrümmern sollte. 
Nach allen inzwischen eingetretenen Ereignissen und Enthüllungen 
kann nicht zweifelhaft sein, daß die Mächte des Dreiverbandes gerade im 
Zahre 1912 mit Sorgfalt alles taten, um die deutsche Llufmerksamkeit von 
diesem großen Plane abzulenken und deutsches Mißtrauen fernzuhalten. 
Zum großen Teile aus diesem Grunde übertrieb die russische Presse auf 
höheren Befehl die Bedeutung der Zusammenkunft von Baltischport ins 
Ungeheuerliche. Führende deutschfeindliche Blätter wie die „Nowoje 
Wremja“ schrieben überschwenglich begeisterte Artikel über ein russisch 
deutsches Zusammengehen. Ein Teil der französischen Zeitungen war, 
wie gesagt, schlecht gelaunt und ließ sich kurze Zeit durch die Mache täuschen. 
Als Nebenzweck verfolgte diese russische Mache ebenso wie anläßlich des 
Potodamer Abkommens, nach russischer Art den Zweck, sich Frankreich 
politisch und finanziell gefügig zu machen und zu zeigen, daß Rußland nur 
den Finger auszustrecken brauche, um in ein enges Berhältnis zum Oeut- 
schen Reiche zu gelangen. Großbritannien bedurfte keiner besonderen 
Kundgebungen, um seinerseits das gleiche hinsichtlich Deutschlands zu be- 
weisen. Mit welcher Festigkeit die Leiter der russischen Politik im Grunde 
zu den Westmächten bielten, geht, um nur ein Beispiel zu wählen, aus der 
folgenden Tatsache hervor: Der derzeitige Botschafter zu Konstantinopel, 
Herr Tscharpkow, versuchte, wie russische Botschafter und Gesandte häufig, 
eine aktive Politik auf eigene Hand zu machen und die Hohe Pforte zur 
Freigabe der Meerengendurchfahrten für russische Kriegsschiffe zu be- 
wegen. Oiese Machinationen des Botschafters erregten in London solches 
Mißfallen, daß die in Kenntnis gesetzte französische Regierung sich mit 
der dringenden Vorstellung nach Petersburg wandte: Tscharykow müsse 
sofort Konstantinopel verlassen, sonst sei die Festigkeit des Dreiverbandes in 
Gefahr. — Und Herr Tscharpkow wurde ungesäumt abberufen, die jedem 
Russen so teure Meerengenangelegenheit fallen gelassen. 
Der letzte Akt. 
Im Sommer des Jahres 1912 brachte die großbritannische Presse die 
Nachricht: die slawischen Balkanstaaten hätten sich zu einem Bunde, dem 
Balkanbunde, zusammengeschlossen. In Mitteleuropa wurde die Nachricht 
mit skeptischem Unglauben ausgenommen. Es hatte schon so oft gebeißen,
        <pb n="484" />
        442 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
der Balkanbund, sei es mit der Türkei oder ohne sie, sei fertig, und nie war 
etwas daraus geworden. Man betrachtete die Schaffung des Balkanbundes 
ähulich wie die Quadratur des Kreises und hielt einen solchen Zusammen- 
schluß wegen der tiefen Gegensätze und der politischen und nationalen 
Leidenschaftlichkeit der Balkanstaaten für unmöglich. Trotzdem war er 
Ereignis geworden. Es ist im Rahmen dieser gedrängten Schilderung 
der Politik des Deutschen Reiches nicht möglich, die damaligen Balkan- 
ereignisse, so interessant und wichtig sie sind, eingehend darzulegen. Sie 
gehören im eigentlichen Sinne des Wortes ebenso wie die Balkankriege 
1912/13 selbst zur Borgeschichte des Weltkrieges und werden in dieser aus- 
führlich behandelt werden. Hier müssen wir uns auf die Grundzüge und 
Hauptpunkte beschränken. 
Die Balkanbundbestredungen des Zahres 1908/09 waren gescheitert, 
freilich nicht restlos, denn eine gewisse Neigung zu gegenseitiger Annähe- 
rung zwischen Bulgarien und Serbien war geblieben. Diese Neigung ver- 
stärkte sich im Laufe der folgenden Jahre durch die großen und anscheinend 
unüberwindbaren Schwierigkeiten, welche das jungtürkische Regime im 
Inneren des Reiches fand. Die jungtürkischen Leiter des Reiches trieben. 
unter der Parole „Einigung und Fortschritt“ eine Politik der schematischen 
Zentralisierung der aus so verschieden gearteten Stämmen, Nationali- 
täten und Religionsbekenntnissen zusammengesetzten Bevölkerung, welche 
von vornherein an ihrer Unmöglichkeit scheitern mußte. So Ungleichartiges 
konnte nicht, vor allem nicht schnell und gewaltsam, gleichartig gemacht 
werden. Dazu kam, daß die türkische Regierung nicht Zeit hatte, sich die- 
jenige Machtstellung politisch und finanziell zu schaffen, welche eine der 
Grundbedingungen für derartiges, in der Türkei beispielloses Durchgreifen 
gewesen wäre. Schon im Jahre 10909 begannen schwere Unruhen in Alba- 
nien. Die Albaner hatten unter Abdul Hamid, der die Schwierigkeit 
kannte, eine bevorzugte und sehr freie Stellung gehabt. Die Jungtürken 
wollten sie zum Gehorsam, vor allem zur Abgabe ihrer Waffen zwingen. 
Gerade diese Forderung war ein Fehler, denn die Albaner betrachteten 
nichts in höherem Grade als ihr geheiligtes Recht wie das freie Tragen der 
Waffe. Der Aufstand 1909 wurde niedergeschlagen. 1910 wurde ein 
zweiter Aufstand mit großem Aufgebote wiederum niedergeschlagen, und 
die bedenkliche Folge war, daß ein Teil der christlichen Albaner nach MNon- 
tenegro floh und die Losreißung Albaniens vom Türkischen Reiche erörtert 
wurde. Oie Zungtürken versuchten nun in Güte die Sache beizulegen, und 
das gelang auch, aber nur für kurze Zeit. In der ersten Hälfte des Jahres 
1912 brach aufs neue ein Albaneraufstand aus, in dem wiederum die Los- 
reißung Albaniens von der Türkei proklamiert wurde. Die Pforte ist damals 
anscheinend geneigt gewesen, in den Verhandlungen mit Albanien zu einer
        <pb n="485" />
        Oer letzte Abt. 443 
  
dauernden BVereinbarung zu gelangen und den Albanern einen erbeblichen 
Grad von Selbständigkeit zu geben. Auch der österreichisch - ungarische 
Minister des Auswärtigen, Graf Berchtold, der Nachfolger des verstorbenen 
Grafen Aehrenthal, riet der Pforte hinsichtlich Albaniens zur Dezentrali- 
sierung, und es scheint in der Tat, daß eine solche halb unabhängige Stellung 
Albaniens innerhalb des damaligen Türkischen Reiches erwogen worden ist. 
Damit würde aber auch das damalige türkische Mazedonien, welchem die 
Albaner stets zustrebten, unter albanische Herrschaft geraten sein. Darüber 
gab es keinen Zweifel. 
Mazedonien bildete gewissermaßen den Kristallisationspunkt der ge- 
fährlichen Balkanfragen überhaupt. Hier wütete seit Jahrzehnten das 
Treiben der sog. Komitatschis serbischer und bulgarischer Provenienz 
Hier brachen die albanischen Banden ein, und hier versuchten die türkischen 
Behörden und schwachen Truppenkontingente vergeblich Ruhe und Ord- 
nung zu schaffen, übten dabei vielfach auch ein Regiment der Willkür und 
Unduldsamkeit. In Mazedonien setzte die mit unbeschränkten Geldsummen 
arbeitende Propaganda des englischen „Balkankomitees“ ein, um der 
Kultur, Zivilisation und Freiheit der Menschheit willen den Bandenkrieg 
zu schüren und dann die Türkei bitter anzuklagen, daß sie noch immer nicht 
die nötigen Reformen in Mazedonien einführe. Daß die Notwendigkeit 
von Reformen vorlag, war nicht zu bestreiten, ebensowenig aber, daß die 
britischen und russischen Balkanumtriebe es der schwer um ihr staatliches 
Dasein kämpfenden Türkei planmäßig unmöglich machten, schnell solche 
Reformen wirksam einzuführen. Schwere Aufstände in Arabien und die 
üblichen Unruhen in Armenien kamen hinzu. 
Auf das mazedonische Gebiet waren die Expansionsbestrebungen 
Serbiens wie Bulgarieno gerichtet. Fe mehr unterwühlt das Gebäude 
des Türkischen Reiches erschien, desto lebendiger wurden die Hoffnungen 
Serbiens wie Bulgariens, der Augenblick zum Handeln stehe bevor. Für 
Bulgarien tauchte, abgesehen von Ostmazedonien, auch Konstantinopel als 
altes Ziel auf, und Serbien, das sich 1909 nur unter äußerstem Drucke ge- 
fügt hatte, strebte nach dem Adriatischen Meere. Der Weg dahin mußte 
durch Albanien hindurch und nach einem albanischen Hafen führen. Oie 
Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn hatte 
einen anderen Weg Serbiens nach der Adriatischen Küste ohne vorherige 
Vernichtung Österreich--Ungarns unmöglich gemacht. Der neue Weg aber 
erschien deshalb ganz besonders hoffnungverheißend, weil er durch den 
Sandschak Nowibasar geführt hätte. Dieses zum großen Teil serbisch 
bevölkerte Gebiet aber hatte bekanntlich ÖOsterreich-Ungarn 1909 dem 
Türkischen Reiche zurückgegeben und auf alle eignen früheren vertrag- 
lichen Rechte verzichtet. — Unter solchen Berhältnissen mußte ed für die
        <pb n="486" />
        444 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
bulgarischen, hauptsächlich für die serbischen Zukunftspläne einen vernich- 
tenden Schlag bedeuten, wenn Albanien etwa eine gewisse Selbständig- 
keit erhielte und gleichzeitig Mazedonien dem albanischen Einflusse verfiele. 
Außerdem war bulgarischer- wie serbischerseits auch viel wirkliche Volks- 
erbitterung wegen der Leiden der beiderseitigen Volksgenossen in Maze- 
donien vorhanden. Das ließ sich nicht leugnen. 
In St. Petersburg nahm man die gegenseitige Annäherungsneigung 
der beiden einander früher so feindlichen Balkanmächte mit Berständnis 
und Genugtuung auf. Der vielgenannte russische Gesandte zu Belgrad, 
Herr v. Hartwig, begriff, was sich alles im Sinne des großen russischen 
Expansionszieles aus einer bulgarisch-serbischen Berbindung machen lassen 
könne, und förderte die Bestrebungen mit ebensoviel Regsamkeit wie Ge- 
schick. Hartwig, der Sohn eines deutschen Arztes, vertrat durch seine tief 
eingreifende Tätigkeit die sog. allslawische oder neuflawische Nichtung. 
Sie stimmte überein mit derjenigen der Petersburger Hofpartei, welche 
von der Zarin-Mutter und dem späteren russischen Generalissimus, dem 
Großfürsten Ni#kolai NRikolajewitsch, geleitet wurde. Die offizielle Politik 
der russischen Regierung bzw. Herrn Ssasonows war es nicht. Oiese konnte 
man positiv nicht charakterisieren. Sie gab keine Richtung an, sondern 
versuchte, die Hofpartei und die Allslawen zu bremsen, bisweilen ihnen 
auszuweichen, große Entscheidungen zu vertagen, die europäischen 
Beziehungen Rußlands nach beiden Seiten zu fördern oder zu erhalten. 
Sooft es aber den rührigen Führern und Bertretern der Hofpartei und 
der Allslawen gelungen war, eine neue Lage zu schaffen oder aktiv vor- 
zubereiten, mußte auch das amtliche Rußland früher oder später in diese 
Bahn einlenken. Es war beinahe immer ein wesentliches Merkmal der 
russischen Politik, daß Botschafter und Gesandten des Zarenreiches in 
Europa jedenfalls an allen wichtigen Posten energische, selbständige und 
entschlossen deutschfeindliche Persönlichkeiten waren. Ausgenommen war 
davon allein der Berliner Botschafterposten. Ihn vertrat ein unfähiger 
weltmännischer Greis, Graf v. Osten-Sacken, und danach Herr Swerbesjew, 
ein Mann ohne Bedeutung. Im übrigen aber waren die russischen Bot- 
schafter Leute, die zielbewußt ihren Weg gingen und sich um Weisungen 
Herrn Ssasonows wenig kümmerten. Aur Tscharykow war gefallen, weil 
er zu weit gegangen war und den Bestand des Oreiverbandes in Frage 
gestellt hatte, außerdem Konkurrent Ssasonows war. 
Dem Gesandten v. Hartwig war es ebenso wie der Petersburger 
Regierung sehr gleichgültig, ob Christen in Mazedonien gemißbhandelt 
wurden. Von größter Bedeutung aber mußte ihnen eine bulgarisch- 
serbische VBerbindung im Zeichen des Allslawismus erscheinen. Es war klar, 
daß sich Montenegro einem solchen Bunde ohne weiteres anschlösse. Damit
        <pb n="487" />
        Der letzte Akt. 45 
  
würde Rußland eine Barre quer über die Balkanhalbinsel errichtet haben, 
welche ÖOsterreich-Ungarn vom Südbalkan abschnitt und gleichzeitig das 
Deutsche Reich von der Türkei. Es liegt auf der Hand, daß Großbritannien 
einen solchen Zustand gleichfalle mit der größten Genugtuung begrüßen 
und seine Herbeiführung unterstützen mußte. Das Revaler Programm 
von 1908 konnte, wennschon auf etwas andere Weise, als damals gedacht 
war, nicht zweckmäßiger zur Verwirklichung gelangen. Rußland hatte seit 
1909 die serbische Wut und Geringschätzung gegen Österreich-Ungarn 
ständig geschürt und für später russischen Beistand versprochen. Die Be- 
ziehungen zwischen Osterreich-Ungarn und Serbien waren weder politisch 
noch wirtschaftlich besser geworden, und die großserbische Propaganda 
arbeitete auf der Grundlage einer weitverzweigten Organisation mit Wort 
und Schrift, mit Dolch und Bombe in Bosnien wie in Kroatien und 
Ungarn. Während und nach der Bosnischen Krisis waren, wie wir gesehen 
haben, die Beziehungen zwischen Bulgarien und ÖOsterreich-Ungarn gute 
und zeitweise intime. Bulgariens Stellung auf dem Balkan war stark 
gewachsen und damit auch sein Unabhängigkeitsgefühl. Für die Ziele der 
russischen Politik aber war es eine entscheidende und unschätzbare Vor- 
bedingung, daß nunmehr Serbien und Burlgarien sich einander näherten. 
Oiese Annäherung beruhte — und das bildet den Angelpunkt des damaligen 
Umschwunges — auf dem gemeinsamen Wunsche der beiden Mächte, ihr 
Gebiet auf Kosten der Europäischen Türkei zu erweitern. Rußland wie 
Großbritannien konnten mit diesem Ziele nicht nur einverstanden sein, 
sondern mußten es fördern, wie sie nur konnten: erstens, weil sie die 
Türkei schwächen und vernichten wollten, besser gesagt: vernichten lassen 
wollten, und zwar am liebsten durch Balkanstaaten, zweitens, weil damit 
die Ziele und Interessen des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns 
gefährdet oder zerstört wurden, und drittens, weil durch die Verbindung 
Bulgariens mit Serbien eine mächtige neue Koalition entstand, die ihre 
Spitze gegen Österreich-Ungarn richtete und den Bestand der Ooppel- 
monarchie je länger desto schwerer gefährden würde. 
Im Anfang des Jahres 1912 war ein Bündnisvertrag zwischen Bul- 
garien und Serbien zustande gekommen, der sich einerseits gegen die Türkei 
richtete und zum Auê#druck brachte, daß die beiden Mächte gemeinsam 
Reformen in Mazedonien von der Pforte durchsetzen wollten und sich gegen- 
seitig beistehen würden, wenn sie von der Türkei oder — von ÖOsterreich- 
Ungarn angegriffen werden sollten. Im Laufe der Monate und angesichts 
der steigenden BVerschlechterung der Zustände in der Europäischen Türkei 
wurde das serbisch-bulgarische Bündnis allmählich in ein Offensivbündnis 
umgewandelt, auch schon die Teilung Mazedoniens ins Auge gefaßt. Für 
Meinungsverschiedenheiten nahm man die Entscheidung des russischen
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        446 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Zaren in Aussicht. Der Bertrag wurde durch eine Bestimmung ergänzt, 
welche Bulgarien zur militärischen Hilfe für Serbien verpflichtete, wenn 
dieses von Osterreich-Ungarn gehindert werden sollte, seinen Weg durch 
den Sandschak Nowibasar und Albanien nach dem Adriatischen Meere zu 
nehmen. 
Während derselben Monate verhandelte Griechenland wegen der 
kretensischen Berhältnisse mit der Pforte und gelangte zu keinem Ein- 
verständnis. An dieser griechisch-türkischen Meinungsverschiedenheit setzte 
Bulgarien ein und zog den griechischen Ministerpräsidenten Venizelos ins 
Vertrauen. Oie Folge war im Frühsommer 1912 der Abschluß eines bul- 
garisch-griechischen Bertrages: Bulgarien und Griechenland verpflichteten 
sich zu gemeinsamer Durchsetzung von Reformen in der Europäischen Türkei 
und zu gegenseitiger Waffenhilfe, falls eines von ihnen durch die Türkei 
angegriffen würde. Mit Serbien schloß Griechenland damale keinen Ver- 
trag. Dagegen kam es im Frühherbst 1912 zum Abschlusse von Militär- 
konventionen Griechenlands mit Serbien und Bulgarien, welch letztere 
untereinander bereits im Frühjahr eine Militärkonvention geschlossen 
hatten, unter genauer Festlegung der Truppenstärken, welche die beiden 
Mächte zum Kampfe gegen die Türkei und eventuell auch gegen Osterreich- 
Ungarn zu stellen hätten. Mit Montenegro waren ebenfalls Abmachungen 
getroffen worden. 
So war die große Balkanorganisation mit einem Male nicht nur fertig, 
sondern kampfbereit. Die Türkei befand sich damals noch im Kriege mit 
Italien, außerdem, wie erwähnt worden ist, in den furchtbarsten inneren 
Schwierigkeiten, dazu kamen in Parlament, Regierung und politischen 
Kreisen scharfe und lähmende Gegensätze. Die angeführte Mahnung des 
Grafen Berchtold zur Dezentralisation und seine diplomatischen Schritte 
bei den anderen Mächten, um die Interessen der Türkei und der Balkan- 
völker auf friedlichem Wege annähernd in Einklang zu bringen, kamen zu 
spät und scheiterten. Im August forderte die bulgarische Regierung die 
Türkei auf, die Reformen in Mazedonien vorzunehmen, Ende September 
überreichten die Balkanbundmächte die Reformvorschläge dei der Pforte. 
Kurze Verhandlungen folgten, und am 8. Oktober wurden die Feindselig- 
keiten durch Montenegro eröffnet. Unmittelbar darauf stand der Balkan 
in Flammen, Bulgarien, Serbien, Griechenland und Montenegro führten 
ihren Angriffs- und Eroberungskrieg gegen die Europäische Türkei mit der 
Parole: Befreiung der christlichen Balkanpölker vom türkischen Joche. 
Dieser Balkankrieg von 1912, aus dessen Folgen mittelbar der Welt- 
krieg 1914/15 hervorgegangen ist, kann nur aus seiner Entstehungsgeschichte 
verstanden werden. Deshalb hat diese in großen Zügen kurz stkizziert 
werden müssen. Bon maßgebender Bedeutung für das Verständnis der
        <pb n="489" />
        Der letzte Akt. 47 
  
  
  
Vorgeschichte des Balkankrieges und seincs Zieles ist die Tatsache, daß man 
in Rußland nicht nur über jede Phase und jeden Schritt der Balkanmächte 
unterrichtet war, sondern die Fäden selbst in der Hand bielt, den Zeitpunkt 
zum Loeschlagen bestimmte und schon Monate vor dem Beginn des Krieges 
die Schiedsrichterschaft des Zaren für den Fall von Meinungsverschieden-- 
heiten unter den Verbündeten von diesen hatte anerkennen lassen. Der ruf- 
sische Gesandte zu Belgrad, Herr v. Hartwig, war gewissermaßen Führer der 
starken aufklärenden und bahnbrechenden Balkanvorhut des großen russischen 
Ansturmes, dessen Zeitpunkt noch nicht gekommen war, der über Wien und 
Berlin nach Konstantinopel führen sollte. Hartwig arbeitete mit der Seld- 
ständigkeit und Kühnheit, die auch militärisch von einem solchen Führer 
verlangt wird, scheute keine Berantwortung und nahm es der Petersburger 
Regierung nicht übel, wenn sie gelegentlich „von ihm abrückte“. Kurz, der 
politische Feldzugsplan der Balkanmächte war russischen Arsprungs, und 
der Einigungspunkt, in dem sie sich fanden, war der Träger der russischen 
Politik auf der Balkanhalbinsel und durch ihn die russische Regierung und 
der Zar, ja ganz Rußland. Das russische Ziel 1912 war im wesentlichen das 
gleiche wie 1908, aber durch den Balkanbund hatten sich die Verhältnisse 
enorm günstig im Bergleiche zu 1908 für Rußland und seine Bundes- 
genossen verschoben. 
Daß die Londoner und Pariser Regierung in alle Geheimnisse der 
Balkanbundfabrik eingeweiht waren, ihre Arbeit unterstützten, ja die eigent- 
lichen Drahtzieher waren, braucht nicht gesagt zu werden. Der Besuch 
Ssasonows in England und der des Ministerpräsidenten Poincaré in 
Petersburg, von denen bereits gesprochen wurde, dienten der Berabredung 
für die letzten Vorbereitungen und den Zeitpunkt zum Losschlagen. Erst 
im Lichte dieser Tatsachen gewinnt nicht nur die deutsch-russische Zusammen- 
kunft von Baltischport mit dem herzlich freundlichen russischen Kommuniqué 
ihr richtiges Ansehen, sondern vor allem gilt dies auch von den herzlichen 
und vertrauensvollen Verhandlungen zwischen Großbritannien und dem 
Deutschen Reiche während der ganzen Zeit. Die politische Entwicklung vom 
Balkankriege an bis zum Weltkriege kann einigermaßen richtig nur dann 
beurteilt werden, wenn man sich ständig bewußt bleibt, daß nicht die Balkan- 
staaten allein, nicht Rußland mit den Balkanstaaten allein, sondern der 
Oreiverband mit den Balkanstaaten den Ansturm auf die Europäische Türkei 
1912 organisiert und in Bewegung gesetzt hat. 
In Deutschland und Osterreich-Ungarn schlug die Kriegserklärung der 
Balkanstaaten wie eine Bombe ein. Man hatte bis zum letzten Augenblicke 
noch geglaubt, der Frieden könne erbalten bleiben. Auch die Berliner und 
Wiener Finanzkreise zeigten merkwürdigerweise bis zuletzt einen unver- 
wüstlichen Optimismus. Uber Balkanbund und ähnliches war zwar schon
        <pb n="490" />
        448 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
seit Monaten geschrieben und gesprochen worden, aber man glaubte eben 
nicht oder wollte nicht glauben, daß das so oft mißglückte Experiment jetzt 
wirklich geglückt sei. Anderseits wurden die Balkanstaaten ihrer militä- 
rischen Kraft nach zu Wien wie zu Berlin sehr stark unterschätzt, während 
man die damalige militärische Organisation und Bereitschaft des Türkischen 
Reiches in Europa ebenso stark überschätzte. Das ist vielleicht mit das Merk- 
würdigste bei jenen Vorgängen. Ob ein Krieg ausbricht oder nicht — das 
läßt sich oft bis zum letzten Augenblick nicht voraussagen. Eine Kleinigkeit, 
ein Zufall kann den Alusschlag nach der einen oder nach der anderen Seite 
geben. Anders steht es mit der Einschätzung der Kraft und militärischen 
Bereitschaft eines Staates. Gesandte, vor allem Militärattachés, ferner 
Geschäftsträger, Konsuln usw. müssen sich hier ein annähernd richtiges Bild 
machen können. Auf deutscher wie auf österreichisch-ungarischer Seite ist 
das damals nicht der Fall gewesen. Man täuschte sich nicht nur über die 
Wahrscheinlichkeit des Kriegsausbruches, sondern auch vollkommen über 
die Stärkeverhältnisse. v. Kiderlen-Waechter war bei Beginn des Krieges 
der sicheren Uberzeugung, die Türken würden sich ihrer vielen Feinde mit 
Leichtigkeit erwehren, wenn auch diese nicht vernichten können. Deswegen 
sah der deutsche Staatssekretär dem Verlaufe des Kampfes auch mit Ruhe 
entgegen und vertrat führend im Rate der Großmächte den Standpunkt 
der Erhaltung des Status quo auf dem Balkan, einerlei, wie die Kämpfe 
sich gestalten würden. Die übrigen Mächte gingen ohne weiteres darauf 
ein. Das Rad war im Rollen, und die wissenden Mächte des Oreiverbandes 
konnten die Entwicklung nunmehr ruhig den Waffen überlassen. Die Pro- 
klamierung des Status quo sollte da den Balkanstaaten sagen: Schlagt euch 
so viel ihr wollt, territorialen Gewinn werdet ihr davon nicht haben! — 
Und der französische Ministerpräsident Poincaré kam mit dem Vorschlage: 
alle Mächte sollten ihr „absolutes Desinteressement auf der Balkanhalbinsel 
erklären“. Dieses binterlistige Ansinnen richtete sich gegen Österreich-Un- 
garn, gegen dessen Lebensinteressen, Sicherheit und Bestand in erster Linie 
— neben denen des Türkischen Reiches — der Balkankrieg vom Oreiver- 
bande organisiert worden war. Selbstverständlich erklärte sich Osterreich- 
Ungarn nicht bereit dazu und ebensowenig Italien, denn eine Ausdehnung 
Serbiens an das Adriatische Meer lief auch dem italienischen Interesse 
zuwider. Das Deutsche Reich stand, ohne an diesen Einzelfragen direkt 
beteiligt zu sein, hinter seinen beiden Bundesgenossen. In demselben 
Augenblick begann nach dem Muster von 1908/09 eine ebenso feindliche 
wie gehässige Hetze Frankreichs, Rußlands und Serbiens gegen ÖOsterreich- 
Ungarn. Das war schon damals, als der europäischen Offentlichkeit die 
Entstehungsgeschichte des Balkanbundes noch unbekannt war, ein bedeut- 
sames und warnendes Symptom. "“
        <pb n="491" />
        Der letzte Akt. 449 
  
Der Grundsatz der Erhaltung des Status quo ging mit großer Schnellig- 
keit in Trümmer. Es zeigte sich, daß die verbündeten Balkanmächte dem 
Türkischen Reiche in Europa bei weitem überlegen waren. Sie nahmen 
ihm in raschem Siegeslaufe beinahe sein ganzes europäisches Gebiet ab. 
Die Bulgaren rückten nach den siegreichen Schlachten bei Kirkkilisse und 
Lüle Burgas bis an die letzte Berteidigungslinie Konstantinopels, die 
Kschataldschalinie, vor. Die Serben besetzten Uesküb und Monastir, die 
Eriechen gelangten unter glänzenden militärischen Leistungen nach Salo- 
niki, besetzten außerdem ein halbes Outzend Inseln. Die Vereinigung 
Kretas mit Griechenland wurde verkündet. 
Eine Macht, welche selbst bei Vorhandensein des Willens imstande 
gewesen wäre, angesichts dieses türkischen Zusammenbruches den Gebiets- 
zustand wie vor dem Kriege wiederherzustellen, gab es nicht. So ließen 
die Großmächte denn die Status-quo-Formel fallen. An ihre Stelle trat 
die Doktrin der Nationalität auf dem Balban: jede Nationalität sollte das 
Recht auf Selbständigkeit erhalten oder nach Möglichkeit mit ihrem Gebiete 
ihren staatlich organisierten Bolkögenossen angeschlossen werden. Das war 
die elastische Forderung der Balkanmächte und des hinter ihnen stehenden 
Oreiverbandes. 
Osterreich-Ungarn und das Deutsche Reich sahen sich vor einer wenig 
erfreulichen Lage. Alles hatte sich anders gewendet, als sie vorausgesetzt 
hatten. Die Türkei war zusammengebrochen, die Balkanmächte Herren 
der Lage. Im Oeutschen Reiche tröstete man sich freilich zunächst mit dem 
vermeintlich so vertrauensvollen Zusammenarbeiten mit den Regierungen 
zu London und zu Paris. Beide betonten ihren Wunsch, den Frieden zu 
erhalten, und hegten diesen Wunsch auch, denn eine bessere, risikolosere und 
billigere Gelegenheit, Osterreich-Ungarn zu schwächen, auf dem Balkan zu 
isolieren und die Berbindung zwischen dem Orient und den Mittelmächten 
zu unterbrechen, war nicht vorstellbar. Dagegen versuchte man in London 
und in Paris, durch Hetze gegen Österreich-Ungarn und dessen angebliche 
Eroberungelust einen Keil zwischen Wien und Berlin zu treiben. Italien 
batte den Balkankrieg, dessen Vorgeschichte ihm keineswegs unbekannt ge- 
blieben war, als Befreiung aus seinen schweren tripolitanischen Nöten be- 
grüßt. Eben infolge des Angriffs der Balkanmächte sah sich die Pforte ver- 
anlaßt, ihren Frieden mit Italien zu machen, und öffnete ihm damit die 
Sacgasse des tripolitanischen Unternehmens. Anderseits lag ein deutsches 
Interesse darin, den Friedensschluß zu beschleunigen, um aus seiner immer- 
bhin unbehaglichen Stellung zwischen dem Bundesgenossen und dem 
Freunde hinauszugelangen. In Österreich-Ungarn rief der Zusammenbruch 
der Europäischen Türkei tiefe Bestürzung und Erregung hervor. Man sah, 
wie Serbien sich nicht nur des Sandschaks Nowibasar bemächtigte, sondern 
Graf Reventlow, Deutschlands auswärtige Politik. 29
        <pb n="492" />
        450 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
auch durch Albanien nach der Adriatischen Küste marschierte, um sich den 
„Korridor“ nach der Adria zu öffnen. Oaß dieses unter keinen Umständen 
von Österreich-Ungarn geduldet werden konnte, lag auf der Hand. In 
Osterreich-Ungarn waren anscheinend auch innerhalb der Regierung die 
Ansichten geteilt darüber, was zu tun sei. Es gab eine wohl vorwiegend 
militärische Partei, welche von Anfang an die Auffassung vertreten hatte, 
man müsse das Schwert gegen Serbien ziehen, sobald serbische Truppen 
in den Sandschak Nowibasar einrückten. Die andere Partei war für eine 
friedliche Lösung. Oer gleiche Gegensatz spitzte sich zu, als serbische Trup- 
pen in Albanien eingerückt waren und die serbische Presse im Vereine mit 
der russischen und englischen die Verbindung Serbiens mit dem Adriati- 
schen Meere forderte. In diesem Augenblicke entschied die österreichisch— 
ungarische Regierung sich anscheinend unter Beeinflussung von Berlin aus 
wiederum zu friedlicher Erledigung der Angelegenheit: sie stellte inter- 
national die Forderung auf, Albanien müsse zum unabhängigen Staate 
gemacht werden. Ztalien schloß sich, wie schon hier bemerkt sein mag, dem 
österreichischen Standpunkte an, weil es ebensowenig Serbien wie ÖOsterreich- 
Ungarn auf einem Teile des albanischen Gebietes herrschen sehen wollte. 
Den Ausschlag für die damalige Entscheidung SÖsterreich-Ungarns, 
das Schwert in der Scheide zu lassen, hat neben dem Berliner Einflusse die 
Sendung des bulgarischen Staatsmannes Dr. Danew nach Pest zum Kaiser 
Franz Foseph bewirkt. Diese erfolgte am 11. November 1912, als in ÖOster- 
reich-Ungarn alle Welt glaubte, es sei der Augenblick gekommen, um end- 
lich mit Serbien abzurechnen. Die Sendung Danews begründete sich in 
mehreren Momenten: die Angriffskraft der Bulgaren war vor der Tscha- 
taldschastellung erlahmt, die Cholera herrschte in ihren Reihen. Hätte nun 
Osterreich-Ungarn das Schwert gegen Serbien gezogen, so wäre Bulgarien 
verpflichtet gewesen, gemäß der Militärkonvention den Serben zu Hilfe 
zu kommen. Das wäre praktisch ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, eben 
weil es mit der bulgarischen Kraft zu Ende war. Die Folge wäre der Zu- 
sammenbruch Serbiens und wahrscheinlich auch der gesamten russischen 
Balkanhoffnungen gewesen. Deshalb lag es — nicht zur Erhaltung des 
Friedens, sondern aus gewichtigen eigensüchtigen Gründen — im ZInteresse 
des Dreiverbandes, daß Bulgarien durch eine vermittelnde und versöhnende 
Haltung die österreichisch-ungarische Regierung veranlaßte, nicht loszu- 
schlagen. Anscheinend hat Danew der österreichisch-ungarischen Regierung. 
als Gegenleistung Einwirkung auf Serbien angeboten, damit man sich zu 
Belgrad in der Albanischen und Adriatischen Frage bescheide. So wurde 
es auch. Die Albanische Frage wurde auf das Eleie internationaler Ver- 
handlungen geschoben. In Österreich-Ungarn war der Eindruck dieser 
Entscheidung ein sehr geteilter, und die eine der beiden NRichtungen blieb
        <pb n="493" />
        Oer letzte Akt. 451 
  
der Uberzeugung, daß eine berechtigte und militärisch höchst günstige Ge- 
legenheit, die serbische Gefahr aus der Welt zu schaffen, verpaßt sei. Deut- 
scherseits ist wohl alles geschehen, um auch damals ein kriegerisches Ein- 
greifen Osterreich-Ungarns zu verbindern. Nach der Krisis erklärte der 
Deutsche Reichskanzler im Reichstage: „Wenn unsere Bundesgenossen 
aber bei der Geltendmachung ihrer Interessen wider alles Erwarten von 
dritter Seite angegriffen und damit in ihrer Existenz bedroht werden 
sollten, dann würden wir, unserer Bündniepflicht getreu, fest und ent- 
schlossen an ihre Seite zu treten haben, dann würden wir an der Seite 
unserer Berbündeten zur Wahrung unserer eigenen Stellung in Europa, 
zur Berteidigung der Sicherheit und Zukunft unseres eigenen Landes 
fechten.“ 
Herr v. Bethmann Hollweg vertrat damit grundsätzlich den gleichen 
Standpunkt wie sein Vorgänger Bülow: jede Lebenefrage für Osterreich- 
Ungarn werde, sofern sie die Gefahr eines Konfliktes in sich schließe, auch 
für das Deutsche Reich zur Lebensfrage. Es war nur eine notwendige Folge 
der deutschen Orientpolitik und der neuen Stellung, welche Deutschland zu 
diesen Fragen überhaupt genommen hatte, daß auf diese Weise jede lokale 
Balkanfrage Osterreich-Ungarns den europäischen Konflikt in sich trug. Die 
Spannung gegen Ende 1912 und während der folgenden Monate gewann 
deshalb unmittelbar einen so gefährlichen Charakter, weil die russische Regie- 
rung in den Bezirken an der österreichisch-ungarischen Grenze große Truppen- 
mengen auf Kriegsfuß zu setzen begann. Oie Erklärung der Regierung, 
daß es sich um Probemobilmachungen handle, konnte nicht beruhigend 
wirken, und die selbstverständliche Folge war, daß ÖOsterreich-Ungarn mit 
gleichen Maßnahmen nahe der russischen Grenze antwortete, außerdem 
an der serbischen Grenze entsprechende militärische Maßnahmen traf. 
Die daraus erwachsende mißtrauische Spannung dauerte bie Mitte März 
1915. Inwieweit Rußland damals geneigt gewesen wäre, einen großen 
Krieg zu führen, kann dahbingestellt bleiben, auf alle Fälle war man zu 
Petersburg überzeugt, daß Österreich-Ungarn nicht zum Kriege bereit 
sei und daß man es einschüchtern könne. An und für sich wünschte Rußland 
den großen Krieg noch zu verschieben, weil man noch nicht genügend bereit 
war. Aus dem Gefühle dieser Schwäche heraus auch hatte man in Peters- 
burg gewünscht, daß ein österreichisch-serbischer Krieg damals verbindert 
werde, während man gleichzeitig den bulgarischen Zusammenbruch mit 
Genugtuung registrierte, denn vorber bestand Besorgnie: die Bulgaren 
könnten Konstantinopel nehmen. 
Die Lage des Deutschen Reiches, im besonderen der deutschen Regie- 
rung, der Türkei gegenüber war eine wenig angenehme. Alles, was man 
tun zu können glaubte, war das Drängen auf Einstellen der Feindselig- 
297
        <pb n="494" />
        452 1. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
keiten und die Mahnung an die Türkei, ihre Haltung so einzurichten, daß 
man zu einer Berständigung gelangen könne. In London war seit dem 
Ende des JZahreo 1912 unter führendem Einflusse des deutschen Staats- 
sekretärs v. Kiderlen-Waechter die sogenannte Botschafter-Vereinigung 
unter dem Vorsitz von Sir Edward Grey zusammengetreten. Ihr Zweck 
war dauernder Meinungeaustausch und Verständigung über die Balkan- 
fragen und die laufenden Ereignisse dort. Ourch diesen Verkehr zwischen 
den Botschaftern hoffte man, die Längen und die Zeitverluste des diplo- 
matischen Berkehrs der Regierungen selbst untereinander zu verringern. 
Großbritannien hatte während jener Krisis die Absicht, es nach Möglichkeit 
nicht zum großen Kriege kommen zu lassen. VBon deutscher Seite ist diese 
Politik den britischen Staatsmännern damals und auch noch später hoch 
angerechnet worden. In der Tat verdiente die großbritannische Politik 
êhwar ihrer Klugheit wegen Anerkennung, aber sicherlich nicht um ihrer 
Ziele willen. Für Großbritannien stellte sich die Lage mit ihren Fragen un- 
gefähr folgendermaßen: Der Balkankrieg hatte zum größten Teile seinen 
Zweck erfüllt: er hatte die Europäische Türkei zertrümmert, die Balkan- 
staaten gewaltig gestärkt und Osterreich-Ungarn in eine überaus ungünstige 
Lage auf der Balkanhalbinsel gebracht. In London glaubte man ferner, 
daß zwischen Österreich-ngarn und Ztalien albanische Schwierigkeiten 
auf die Dauer nicht ausbleiben könnten. Man war entschlossen und glaubte 
sich fähig, das Prestige SÖsterreich-Ungarns und Deutschlands auf der 
Balkanhalbinsel und im Orient unter diesen Umständen bald vernichten zu 
können. Um die Jahreswende 1912/15 hatte es in der Tat den Anschein, 
als ob eine geschlossene slawische Balkanfront sich an den Südgrenzen 
Osterreich-Ungarns aufgerichtet hätte, und es ergab sich daraus die weitere 
Frage, ob Rumänien imstande und willens sein würde, in einem großen 
Kriege seinen Bündnioverpflichtungen den Mittelmächten gegenüber nach- 
zukommen. ODazu kam die Erwägung, daß Deutschland und Österreich- 
Ungarn sich unter Umständen von dem türkischen Freunde in einem euro- 
päischen Kriege wahrscheinlich nichts mehr versprechen könnten. Der Orei- 
verband würde dann über kurz oder lang mit der Asiatischen Türkei auf- 
räumen. Wie die Lage damals war, mußte man nach dem Zusammen- 
bruche der Europäischen Türkei allerdings mit solchen Möglichkeiten rechnen. 
Oieses waren in der Hauptsache die Gründe, welche die deutsche Re- 
gierung veranlaßten, die große Heeresvorlage von 1915 zu Anfang jenes 
Jahres anzukündigen und demzufolge einzubringen. Im Frühsommer 
1915 erfolgte die Bewilligung der Heereovorlage, welche endlich der deut- 
schen Wehrkraft zu Lande eine wesentliche Erhöhung ihres Standes brachte. 
Es war hobe Zeit, das hat das folgende Jahr bewiesen. Die Heeresvorlage 
des Jahres 1912 war, wie wir gesehen haben, unbeträchtlich und auch für
        <pb n="495" />
        Der letzte Akt. 453 
  
die damalige Lage und deren Aussichten schon nicht genügend gewesen. 
Der erste Balkankrieg hatte die hindernden Momente in Oeutschland dann 
aber besiegt, und so kam die große Vorlage; — freilich sehr spät! Die 
Erklärung, welche der Deutsche Reichskanzler im Reichstage der Vorlage gab, 
nahm offen auf die großen Veränderungen in den Gruppierungen und 
Machtverhältnissen der Balkanstaaten Bezug, mußte allerdinge verschwei- 
gen, daß diese Verhältnisse nur einen Teil der Gründe bildeten und daß 
in der Hauptsache die von Petersburg ausgehende, mit eigenen unge- 
heuren Rüstungen gepaarte, die Balkanstaaten zum Angriffe gegen Öster- 
reich-Ungarn organisierende Politik die Ursache war. Ob man freilich 
zu Berlin damals die russische Kriegspolitik tatsächlich als solche erkannt 
hat, muß noch dahingestellt bleiben. Denn auf der anderen Seite stand 
fest, daß die deutsche Regierung mit allem Vertrauen nach London blickte 
und mit London verhandelte. v. Kiderlen-Waechter war damals — kurz 
vor seinem Tode — der Ansicht, daß die neue Balkanlage Ursache zu 
störenden Reibungen zwischen Großbritannien und Rußland werden müsse 
und unter Umständen als Sprengmittel im Oreiverbande wirken werde. 
In Frankreich erregte die deutsche Heeresvorlage ungeheures Auf- 
sehen und bildete eine erwünschte Gelegenheit zu wütenden Äußerungen 
des Hasses und der Nachesehnsucht gegen Deutschland. Um dieselbe Zeit 
wurde zum Präsidenten der französischen Republik der bisherige Minister- 
präsident, Herr Poincaré, ein Lothringer, gewählt. Poincaré hatte sich 
bereits als Ministerpräsident als ein Mann von großem Einflusse auf das 
französische Volk gezeigt. Regsam, ehrgeizig, von großer und einnehmender 
Beredsamkeit, dabei ganz vom Nevanchegedanken beherrscht, galt er 
von Jahr zu Jahr mehr als der Mann, welcher Frankreich zum erfolgreichen 
Nachekriege führen wolle und führen werde. Insofern war seine Wahl 
zum Präsidenten der Republik ein sprechender Beweis für den Seelen- 
zustand der maßgebenden Kreise des französischen Bolkes. Der Lothringer 
sollte Frankreich die verlorenen Provinzen Elsaß-Lothringen wieder 
schaffen. Fener „neue Geist“ in Frankreich fand in Poincaré seinen Ver- 
einigungspunkt, seine Stütze und Triebkraft,. Objektiv alo Staatsmann 
betrachtet, hatte Poincaré weder als Ministerpräsident, noch hat er nachher 
alo Präsident der Republik Hervorragendes geleistet. Im Gegenteil, seine 
Eitelkeit und sein politischer Dilettantiomus sind wiederholt die Ursachen für 
diplomatische Schlappen gewesen. Seiner Bolkstümlichkeit hat das aber 
keinen Eintrag getan. Poincarés Wahl zum Präsidenten der Republik 
war ein Zeichen, daß Frankreich sich im Berein mit seinen Berbündeten 
und Freunden zum Kriege gegen Deutschland innerlich bereit fühlte. Die 
Ankündigung der deutschen Heeresvorlage hatte unmittelbar zur schein- 
baren Folge, daß man in Frankreich die Wiedereinführung der dreijährigen
        <pb n="496" />
        454 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Dienstzeit für notwendig erklärte. Wegen der Bevölkerungsziffer war eine 
Vermehrung der Präsenzstärke durch jährliche Mehreinstellungen wie in 
Deutschland nicht möglich, und als einziger Weg erwies sich die Verlänge- 
rung der Dienstzeit. Um diese für die Bevölkerung und für das gesamte 
französische Leben ungeheuer drückende und bedenkliche Maßnahme durch- 
zusetzen und volkstümlich zu machen, stellte die französische Regierung mit 
der ihr ergebenen Presse die Frage so dar, als ob die deutsche Heeresvorlage 
deutsche Angriffsabsichten auf Frankreich zur Gewißheit mache und damit 
Frankreich zwinge, selbst das schwere Opfer der dreijährigen Dienstzeit zu 
bringen. In. Wirklichkeit traf diese Darstellung keineswegs zu. Bielmehr 
hat damals der 1914 ermordete Sozialistenführer Jaurêés erklärt, daß 
Poincaré 1912 in Petersburg von Rußland verpflichtet worden sei, die drei- 
jährige Dienstzeit wieder einzuführen, da Frankreich sonst für einen Krieg 
gegen Oeutschland nicht die genügende Bundeehilfe leisten könne. Indirekt 
bestätigt worden ist dieses durch die Berichte der belgischen Gesandten. 
Auch sie sagen, daß man in Frankreich schon lange vor der Einbringung der 
deutschen Heeresvorlage zur dreijährigen Dienstzeit entschlossen gewesen 
sei. Diese Tatsache festzustellen ist wichtig, denn sie beweist den angriff- 
lichen Charakter des russisch-französischen Bündnisses in jener Zeit. Es 
war lediglich Mache, freilich eine geschickte und durchweg erfolgreiche, daß 
man in Frankreich die deutsche Heeresvorlage zum Anlaß der Erklärung 
und Propaganda nahm: angesichts dieser ungeheuren, offenbar durch An- 
griffsabsichten begründeten Verstärkung des deutschen Heeres sei Frankreich 
um seiner Selbsterhaltung willen zu dem Schritte gezwungen. 
Die Winterpause des ersten Balkankrieges ging schnell vorbei. Eine 
innere Umwälzung in der Türkei hatte die Folge, daß man den Kampf 
gegen die Balkanübermacht wieder aufnahm; allerdings zunächst ohne 
Erfolg, denn die Bulgaren nahmen das beldenmütig verteidigte Adrianopel 
mit Hilfe serbischer Truppen, und die Griechen eroberten Zanina. Oie 
Großmächte ihrerseits sahen sich veranlaßt, gegen Montenegro vorzugehen, 
weil der König Mikita sich weigerte, die Belagerung der Stadt Skutari auf- 
zugeben, welche zur Hauptstadt des zu schaffenden Fürstentums Albanien 
bestimmt worden war. Im März 1913 richtete Osterreich-Ungarn ein Ulti- 
matum an Montenegro und wurde, formal jedenfalls, von der Mehrheit 
der anderen Großmächte unterstützt. Als Skutari dann durch Einverständ- 
nis zwischen Belagerer und Belagertem genommen worden war, er- 
reichten Osterreich-Ungarn und Ztalien durch entsprechende Drohungen, 
daß Montenegro die Stadt wieder aufgab. Heute zeigt sich jenes öster- 
reichisch-italienische Zusammenarbeiten in einem anderen Lichte als damale. 
Eine innere österreichisch-italienische Einmütigkeit war nicht vorhanden, 
aber die italienische Regierung wußte, daß es für Österreich-Ungarn eine
        <pb n="497" />
        Oer letzte Alt. 455 
  
Lebensfrage war, Serbien nicht ans Meer zu lassen, und daß die österrei- 
chisch-ungarische Regierung unter allen Umständen mit bewaffneter Hand 
gegen Serbien eingeschritten wäre. Das wollte und konnte Btalien seiner- 
seits nicht dulden, war aber selbst nicht zum Kriege bereit, und deswegen 
schloß es sich unter stets vermittelnder deutscher Einwirkung der österrei- 
chisch-ungarischen Aktion an. Ein serbisches Albanien lag im übrigen nicht 
im Znteresse Ftaliens, ebensowenig wie ein Ubergreifen Griechenlands von 
Süden her nach Albanien. Ourch seine innere Lage, durch die griechischen 
Bestrebungen und die vorher geschilderten Entwicklungen fand Ztalien 
sich damals überhaupt mehr auf seine Zugehörigkeit zum Oreibunde 
angewiesen als seit langer Zeit. Im Dezember 1912 wurde unter beson- 
ders warmer Zustimmung der öffentlichen Meinung Ztaliens der Drei- 
bundvertrag erneuert, obgleich erst im Zahre 1914 die Erneuerung fällig 
gewesen wäre. Oie italienische Regierung stärkte damit, ohne ihre Bezie- 
hungen zu Großbritannien wie zu Rußland zu verschlechtern, ihre Stellung 
am Adriatischen Meere und behielt einen wachsenden Einfluß in der ganzen 
südöstlichen Politik der beiden Zentralmächte. 
Mitten in dieser gespannten Zeit und an Verwicklungen reichen Lage 
starb der Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter. Es ist noch nicht der Augen- 
blick, ohne Rückhalt über die Persönlichkeit und Tätigkeit dieses viel- 
umstrittenen Mannes zu urteilen. v. Kiderlen-Waechter war ein Staatsmann 
von starkem Willen und nüchternem Verstande. Er wurde aber beeinträchtigt 
durch manche merkwürdige Einseitigkeit und einen außerordentlichen 
Eigensinn. Man hat den Eindruck, daß er auf dem Programm seiner Politik, 
welches er schon seit manchen Jahren vor der Ubernahme des Staatssekre- 
tariats in sich getragen haben mag, mit einem gewissen intransigenten 
Starrsinn beharrte und sich nicht bewegen ließ, dieses Programm, sei es im 
ganzen, sei es im einzelnen, auch nur zu diskutieren. Bevor er nach Berlin 
kam, war er lange Zeit Gesandter in Bukarest, ließ sich außerdem angelegen 
sein, die orientalischen Berhältnisse gründlich kennenzulernen. Später 
hat man gesehen, daß das Ergebnis seiner Bukarester Zeit ein negatives 
geworden ist und daß er die Verhältnisse und Tendenzen in Rumänien 
nicht richtig eingeschätzt hat. Er hatte nicht erkannt, daß die Zeiten eines 
dem Oreibunde ohne weiteres und unter allen Umständen treu ergebenen 
Rumänien vorbei waren, und es lag ihm deshalb auch noch als Staatssekretär 
fern, durch eine entsprechend energischere und sorgsamere Pflege der deutsch- 
rumänischen Beziehungen den neuen Berhältnissen Rechnung zu tragen. Die 
Nolle v. Kiderlen-Waechters in der Marokkoangelegenheit ist behandelt 
worden. Während dees Balkankrieges, den er, wie gesagt, nicht hatte kommen 
sehen und binsichtlich dessen er die Kraft der Türkei und ihrer Gegner voll- 
kommen falsch einschätzte, war sein Hauptbestreben, die Gelegenheit zu be-
        <pb n="498" />
        456 4. Abschnitt. Marokko und Balkan ale Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
nutzen, um die Beziehungen zu Großbritannien zu bessern. Noch kurz vor- 
seinem Tode hob er im Reichstage diese Besserung mit Befriedigung hervor 
und betonte den vertrauensvollen Charakter und die erfreuliche Intimität der 
Beziehungen für die Offenbeit der gegenseitigen Aussprache zwischen der 
deutschen und der großbritannischen Regierung. Oie letztere reagierte 
hierauf mit keiner Silbe und ließ sich im übrigen das deutsche Vertrauen 
gern gefallen. Die deutsch-englischen Berhandlungen über A#frika und 
Orient nahmen ihren Fortgang, und die großbritannische Politik unterließ. 
nichts, was den russisch-deutschen Gegensatz verschärfen konnte. v. Kiderlen- 
Weechter ist mitten aus seinem Wirken abberufen worden, und auch des- 
wegen ist ein endgültiges Urteil nicht möglich. Weil er ein starker Wille 
war, so würde er mit der Zeit auch Ergebnisse gehabt haben. Ob diese 
Ergebnisse dem Reiche zum Heile gereicht haben würden, ist nicht zu ent- 
scheiden. Der Staatssekretär suchte Entspannung annähernd nach allen 
Seiten, zugleich war er ein unbedingter Gegner kriegsmaritimer Ent- 
wicklung Deutschlands, hoffte die Tripelentente zu sprengen und die Orient- 
frage ungefähr in dem Sinne zu lösen, wie (lim Sommer 1910) der große 
Krieg sie zur Lösung zu bringen scheint. v. Kiderlen-Waechter war ein über- 
zeugter und energischer Vertreter der Erhaltung des Friedens. Er glaubte 
nicht daran, daß die Tripelentente den Krieg wünsche, und er glaubte auch 
nicht, so sagte er jedenfalls, daß Rußland imstande sein werde, einen großen 
Krieg gegen Oeutschland und Osterreich-Ungarn zu führen. Der Tod v. Ki- 
derlen-Waechters war damals auf alle Fälle ein Verlust, denn sein Einfluß 
auf die Gestaltung der allgemeinen Lage war unleugbar und würde sich 
vermutlich noch erhöht haben. Ob er zu vieles nach zu vielen Seiten und- 
auf einmal wollte, wieweit ihn seine von zuviel Bertrauen getragene Vor- 
liebe für Großbritannien geführt haben würde, läßt sich nicht entscheiden. 
v. Kiderlen-Waechter war auf alle Fälle ein Mann, der etwas erreichen 
wollte, den Beruf dazu in sich fühlte und an sich glaubte. Sein Nachfolger 
wurde der bisberige Botschafter zu Rom, Herr v. Jagow. 
Im Frühjahr 1915 tagte zu London neben der Botschafterkonferenz, 
auch die Friedenskonferenz der Balkanstaaten und der Türkei. Ende 
Mai kam ein Präliminarfrieden zustande, welcher dem Türkischen Reiche- 
Adrianopel mit beinahe seinem ganzen europäischen Besitze nahm und 
als Grenzlinie Enos—Midia festlegte. Ehe dieser Friedensvertrag end- 
gültig und in Einzelbeiten festgelegt werden konnte, entstanden Zwistig- 
keiten zwischen Bulgarien und Serbien und Bulgarien und Griechen- 
land. Serbien beanspruchte Kompensationen in Mazedonien auf Kosten 
der bulgarischen Neuerwerbungen dort, weil es Albanien hatte aufgeben 
müssen und Bulgarien beträchtliche serbische Waffenhilfe zuteil geworden 
war. Serbien und Griechenland fochten den vor dem Kriege getroffenen
        <pb n="499" />
        Der letzte Akt. 457 
  
Teilungsvertrag über die der Türkei abzunehmenden Gebiete an. Das bis- 
her unbeteiligt gebliebene Rumänien hielt Anfang 1915 den Augenblick 
für gekommen, um seinerseits eine Kompensation auf Kosten bulga- 
rischen Gebietes an der Donaumündung zu verlangen. Ein in Peters- 
burg zusammengetretenes, aus den dortigen Botschaftern der Groß- 
mächte bestehendes Schiedsgericht der europäischen Mächte entschied zu- 
ungunsten Bulgariens. Unmittelbar nach diesem Schiedsspruche führte 
die neue bulgarisch-serbische und die bulgarisch-griechische Gebietsstreit- 
frage zum Kriege Griechenlands und Serbiens gegen Bulgarien. Bul- 
garien ließ sich nicht einschüchtern, zunächst auch dann nicht, als Rumänien 
mit seiner unversehrten Armee einzugreifen drohte. In Sofia hoffte 
man noch auf russischen Beistand. Rumänien erklärte den Krieg, und 
während die rumänischen Truppen schnell und ungehindert gegen Bul- 
garien vorrückten, sah die Türkei unter der drängenden Initiative Enver 
Beys die Stunde gekommen, um die Bedingungen des Londoner Vor- 
friedens für sich zu verbessern. Die türkischen Truppen bemächtigten sich 
wieder Adrianopels. 
Das durch den Türkenkrieg schon furchtbar geschwächte Bulgarien 
mußte dieser AUbermacht vereinigter Feinde rasch erliegen, da es von 
Rußland preisgegeben wurde. Das ungeschwächte Rumänien war Herr 
der Lage, Bulgarien gab nach, und unter dem Vorsitze des rumänischen 
Ministerpräsidenten Majore#cu traten die Bevollmächtigten der Balkan- 
regierungen in Bukarest zu einer Konferenz zusammen, welche den Frieden 
unter neuer Regelung der Balkangrenzen herstellte. Dieses war der Frieden 
zu Bukarest. 
Da Rumänien die Lage beherrschte und tatsächlich erzwingen 
konnte, was es wollte, so wurde dieser Friede durchaus nach rumä- 
nischen Wünschen geregelt. Der alte, weise König Karol von Numä- 
nien ging von dem Gesichtspunkte aus, daß für sein Land ein Zustand 
relativen Gleichgewichtes auf der Balkanhalbinsel das Wünschenswerteste 
sei, denn dann konnte Rumänien durch eine Kombination, sei es mit 
einem Balkanstaate, sei es auch mit ÖOsterreich-Ungarn oder mit Ruß- 
land, immer die Vormacht bilden, auch in Konflikte mit entsprechender 
Ubermacht eingreifen und sic entscheiden. Für sich verlangte Rumänien 
nur das Stück an der Donaumündung, das es sich bereits hatte zugestehen 
lassen. Serbien wurde durch den Frieden von Bukarest an Gebiet ver- 
doppelt, Griechenland nicht ganz so viel, aber doch enorm vergrößert. 
Bulgarien erhielt einen kleineren Gebietszuwachs, aber lange nicht den- 
jenigen, der ihm nach den Abmachungen von früher gebührt hätte. Auch 
Adrianopel, Kirkkilisse und umliegende Gebietsteile mußte es schließlich 
wieder herausgeben, so daß sich die Lage der Türkei in Europa gegenüber
        <pb n="500" />
        458 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
der in London vorgeschlagenen Grenze Enos—Midia nicht unerheblich 
besserte, der Pforte außerdem einen hohen moralischen Erfolg brachte. 
Bulgarien fügte sich protestierend, und der Zar Ferdinand ermahnte 
sein Bolk, das Unglück schweigend zu ertragen und auf bessere Zeiten zu 
warten. Oas Schicksal Bulgariens, welches immerhin die Hauptlast des 
Krieges getragen und nachber der Gewalt einer erdrückenden Ubermacht 
hatte weichen müssen, war in der Tat hart. Die Hilferufe, welche Danew 
und der König in der Not des zweiten Balkankrieges nach St. Peters- 
burg richteten, verhallten ungehört, und Zar Nikolaus II. soll geäußert 
haben, Bulgarien hätte sein Schicksal verdient. Oieses russische Fallen- 
lassen Bulgariens hat verschiedene, vielleicht auch persönliche Gründe 
gehabt. Zn der Hauptsache soll der Grund gewesen sein, daß Danew da- 
mals gelegentlich seiner Mission bei Kaiser Franz Joseph in Pest ohne 
Wissen Serbiens und Rußlands diesem von seiten König Ferdi- 
nands ein Bündnis mit Bulgarien angeboten habe. Das weäre eine 
bulgarische Doppelpolitik gewesen, denn, wie ausgeführt worden ist, war 
der unmittelbare Zweck der Danewschen Sendung im Einverständnis mit 
Rußland, Serbien und Griechenland: ÖOsterreich-Ungarn abzuhalten, das 
Schwert gegen Serbien zu ziehen. In Belgrad hatte man nun nachber 
von dem bulgarischen Bündnisvorschlag an ÖOsterreich-Ungarn Kenntnis 
erlangt, ihn nach Petersburg berichtet und damit starke Erregung gegen 
Bulgarien hervorgerufen. Die Folge war, daß Rußland die Nieder- 
werfung Bulgariens durch die vereinigten Balkanmächte und ihre Bergröße-- 
rung auf Bulgariens Kosten nicht hinderte, sondern befriedigt mit ansah. 
In Wien faßte man das Berhalten Bulgariens realpolitischer auf 
und begriff, daß der König Ferdinand, als er jene Militärkonvention mit 
Serbien schloß, sich in einer politischen Zwangslage befunden hatte. Die 
österreichisch-ungarischen Staatsmänner hielten deshalb eine Politik für 
richtig, welche nicht nur die Beziehungen mit Bulgarien für die Zukunft 
aufrechterhielt und stärkte, sondern auch Bulgarien beispränge in seiner 
verzweifelten Lage, jedenfalls nach Kräften versuchte, ihm guten Willen 
zu zeigen. So trat ÖOsterreich-Ungarn für eine NRevision des Bukarester 
Friedensvertrages ein, als dessen Bedingungen bekanntgeworden waren. 
Österreich-Ungarn mußte auch vom Standpunkte des eigenen Interesses 
diese Bedingungen als höchst ungünstig ansehen: Serbien war um das 
Ooppelte vergrößert und Osterreich-Ungarn gegenüber angriffslustiger 
denn je zuvor. Osterreich-Ungarns Prestige auf der Balkanhalbinsel war 
stark beeinträchtigt, sowohl durch die neue Gebietsverteilung der Balkan- 
staaten, alo auch dadurch, daß die Doppelmonarchie nach außen hin den 
Eindruck der Zwiespältigkeit und Unentschlossenheit gerade im Hinblick 
auf Serbien erweckt hatte. Gegenüber einem Großserbien, dessen Zu-
        <pb n="501" />
        Der letzte Alt. 459 
  
kunftsziele offen auf Zerschmetterung der Doppelmonarchie hinausliefen 
und das mit Rußland enger denn je verbunden war, bot sich für Öster- 
reich-Ungarn von selbst als Gegengewicht das gemißhandelte und rache- 
durstige Bulgarien. Jede Schwächung Bulgariens erschien als Schwä- 
chung der österreichisch-ungarischen Balkanstellung. Dieses waren wohl 
die Hauptgründe, weshalb der leitende Staatsmann, Graf Berchtold, 
eine Revision des Bukarester Friedens wünschte. 
Die Gesichtspunkte und Ziele der deutschen Politik waren hier andere 
als die des Bundesgenossen, teilweise ihnen entgegengesetzt. Die deutsche 
Rechnung war in großen Zügen etwa die folgende: Mit Österreich-Ungarn 
war man derselben Ansicht darin, daß das neue Großserbien unerwünscht 
sei und eine Friedensgefährdung erster Ordnung für die Zukunft bilde, 
außerdem die Stellung Österreich-Ungarns in einem europäischen Kriege 
militärisch sehr verschlechtere. Die Berliner Diplomatie suchte das Gegen- 
gewicht aber nicht in Sofia, sondern in erster Linie zu Bukarest, in zweiter 
zu Athen. In den Bukarester Friedensverhandlungen war es den be- 
sonderen deutschen Bemühungen gelungen, die am Agäischen Meere 
liegende Hafenstadt Kawalla auf Kosten Bulgariens für Griechenland 
zu gewinnen, ein Akt, welcher dem Deutschen Kaiser damals vom König 
Konstantin und dem griechischen Volke hoch ausgenommen wurde. Der 
Deutsche Reichskanzler hatte nach den Ergebnissen des ersten Balkan- 
krieges, als er die neue deutsche Militärvorlage begründete, mit Recht auf 
die um ein VBielfaches vergrößerte slawische Gefahr auf der Balkanhalb-- 
insel hingewiesen. Das war die Bereinigung Serbiens, Bulgariens und 
Montenegros unter russischen Auspizien: gegen ÖOsterreich-Ungarn und 
gegen das Türkische Reich. Durch die Beruneinigung Bulgariens mit 
seinen Bundesgenossen war nun zwar jene schlimmste der Balkankombi-- 
nationen zunichte geworden. 
Beiläufig bemerkt, wurde damit der deutschen Militärvorlage die 
sachliche Begründung keineswegs entzogen, denn die Balkanlage war 
im Verhältnis zu früher noch immer ungünstig, außerdem höchst un- 
sicher. Darüber hinaus aber war der Ubergang Frankreichs zur drei- 
jährigen Dienstzeit beschlossene Tatsache, und so sah sich die deutsche 
Militärpolitik auch insofern wieder in der Defensive und in der Not- 
wendigkeit, den Gegenzug zu tun. 
Oie Leiter der Politik des Deutschen Reiches waren der Auffassung, 
daß das nichtslawische Rumänien und das nichtflawische Griechenland dazu 
bestimmt und auch benutzbar seien, um mit den Zentralmächten ale Rück- 
halt der slawischen Gefahr entgegenzuwirken. Die dominierende Stel- 
lung Rumäniens auf der Balkanhalbinsel empfand und begünstigte man 
deohalb mit aller Genugtuung. Man verkannte dabei aber zweierlei,
        <pb n="502" />
        460 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
nämlich daß das rumänische Volk den Feinden der Zentralmächte inner-- 
lich weit näher stand als den letzteren, und daß von deutscher Seite nichts 
getan worden war, um durch eine ständige, auf lange Sicht arbeitende 
Propaganda jenen feindlichen und gefährlichen Einflüssen zu begegnen; 
auch dieses sehr lehrreiche Kapitel gehört recht eigentlich in die Vor- 
geschichte des Krieges. Rumäniens damalige weise, kräftige und dabei 
maßvolle, den Zentralmächten treu zugewandte Politik stand auf den 
beiden Augen des greisen Königs Karol. Daß nach seinem Tode die schon 
damals das rumänisch-österreichisch- ungarische Berhältnis verbitternden 
und erschwerenden Fragen der ungarländischen Rumänen einen noch un- 
angenehmeren und folgenschwereren Charakter annehmen würden, war 
sicher. Deutschfreundliche rumänische Diplomaten hatten bereits in den 
Jahren 1911 und 1912 warnend bierauf hingewiesen. Was Griechenland 
anlangte, so hatte es bisher unter der Vormundschaft der Westmächte 
gestanden, aber König Konstantin, dessen Gattin bekanntlich die Schwester 
des Deutschen Kaisers ist, besaß damals schon die politische Erkenntnis, 
daß Griechenlands Zukunft es eher auf die Mittelmächte denn auf den 
Dreiverband hinwiese. Eine solche Entwicklung konnte sich allerdings auch 
im günstigsten Falle nur vorsichtig und langsam vollziehen. 
Der von Osterreich-Ungarn gewünschten Revision des Bukarester 
Friedensvertrages widersetzte sich das Deutsche Reich und erreichte auch, 
daß die Revision unterblieb. Der König von Rumänien machte diesen 
deutschen Anteil zu einem politischen Ereignis von europäischer Beden- 
tung, indem er im August 1915 dem Oeutschen Kaiser drahtete: dank 
ihm bleibe der Bukarester Friedensvertrag definitiv. 
Die Trennung des DOeutschen Reiches von seinem Bundesgenossen 
in den stizzierten Fragen war für den Augenblick unerwünscht und be- 
dauerlich, ist aber ohne wesentliche nachteilige Folgen geblieben, wenn sich 
die Dinge auch anders entwickelten, als man gedacht hatte. 
Nachdem so die neue Gebietsverteilung auf der Balkanhalbinfel 
geregelt und ein Friedenszustand hergestellt worden war, der ledig- 
lich auf der Vergewaltigung Bulgariens beruhte, blieb die Lösung 
der Albanischen Frage noch übrig. Das sogenannte unabhängige Alba- 
nien war von der Londoner Konferenz beschlossen worden. Die Politik 
des Dreiverbandes unter Führung Großbritanniens und in Berbindung 
mit Italien war mit Erfolg bestrebt, die Grenzen des zu schaffenden 
Albaniens so zu regeln, daß die Lebensunfähigkeit des neuen Fürsten- 
tums von vornherein sicher war. Auf diese Weise würde, das war die 
britische Berechnung, immer eine Albanische „Frage“ bleiben und sich 
trennend zwischen Österreich-Ungarn und Ztalien stellen. Ein lebens- 
fähiges Albanien, wie es Deutschland und Osterreich-Ungarn anstrebten,
        <pb n="503" />
        Der letzte Aklt. 461 
  
hätte anstatt eines Zankapfels zu einem Einigungspunkte Italiens und 
der Ooppelmonarchie werden können. Auch Zwistigkeiten zwischen 
Ztalien und Griechenland über Südalbanien bzw. Nordepirus waren 
den Westmächten nur erwünscht. Die Serben aber wollten sich in ihrer 
steigenden Ausdehnungssucht und in ihrer Verachtung Österreich-Ungarns 
das „unabhängige Albanien“ nicht entgehen lassen und rückten in alba- 
nisches Gebiet ein. Die Folge war ein österreichisch-ungarisches Ulti- 
matum an Serbien mit der Naßgabe der Räumung des albanischen Ge- 
bietes. Nach vorübergehender Spannung gab Serbien nach, da auch 
die Mächte des Oreiverbandees die neue serbische Aktion politisch unzweck- 
mäßig fanden. Ahnliche Schwierigkeiten bestanden noch lange mit 
Griechenland wegen Räumung eines Stückes von Südalbanien. Als Fürst 
des unabhängigen Albaniens ließ sich Prinz Wilhelm zu Wied bereit- 
finden und bezog damit einen Posten, den er von vornberein als einen 
verlorenen hätte betrachten müssen. An und für sich war der Gedanke 
eines unabhängigen Albaniens zwar ein Notbehelf, aber trotzdem bei 
allseitigem guten Willen durchführbar gewesen. Aufrichtiger guter Wille 
war nur auf seiten Österreich-Ungarns und des Oeutschen Reiches vor- 
handen, und das genügte nicht. So wurde Albanien im Laufe des Jahreo 
1915 und 1914 bis zum Kriege ganz dem großbritannisch-französisch- 
russischen Programm entsprechend eine beständig offene und sich immer 
beikler gestaltende Frage. Es erwies sich nicht als möglich, eine rückhaltlose 
Einigkeit Ztaliens und Osterreich-Ungarns zu erzielen, insbesondere haben, 
wie sich nachträglich erwies, die italienische Regierung und ihr Bertreter 
im Fürstentum Albanien eine kaum mehr zweideutige Nolle gespielt. 
Der Fürst von Wied stand den an sich schon schwierigen Verhältnissen 
im Lande ebenso wehrloe gegenüber wie den internationalen Intrigen, 
in welche er sich und seine Aufgaben von allen Seiten verwickelt sah. 
Bom Standpunkte des Deutschen Reiches betrachtet, sah nach den 
Balkankriegen die Lage etwa folgendermaßen aus: 
Oie Rolle und Aufgabe der deutschen Politik und Diplomatie war 
von deren Leitern, wo es immer anging, als eine der BVermittlung auf- 
gefaßt worden. Oas Bestreben, in den italienisch-österreichisch-ungarischen 
Streitfragen und in dem Verkehre der beiden Mächte überhaupt ver- 
mittelnd zu wirken, war teilweise mit Erfolg gekrönt gewesen. 
Das Ziel der deutschen Politik bei ihren Bermittlungsversuchen 
war stete die Erhaltung des Friedens als Selbstzweck. Sie glaubte sich 
in diesem Ziele einig mit der Politik Großbritanniens, eine Ansicht, die 
insofern irrig war, als Sir Edward Grey, der auch damals den Frieden 
erhalten wollte, von ganz anderen Gesichtspunkten ausging als der deutsche 
Reichskanzler. Darüber ist bereite gesprochen worden. Grey wollte den
        <pb n="504" />
        462 4. Abschnitt. Marokke und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Frieden erhalten, weil der so geschaffene und sich bildende Zustand eine 
Menge von Keimen zu enthalten schien, um den Oreibund zu zerrütten 
und Österreich-Ungarn auf dem Balkan steigend zu schwächen und zu 
gefährden. So glaubte er, wie die französischen und russischen Staats- 
männer, daß die Erhaltung des Friedens — auf den sikizzierten Grund- 
lagen — im Sinne der Schwächung der beiden europäischen Zentral- 
mächte wirken würde, die früher oder später zu unterdrücken oder zu ver- 
nichten nach wie vor das Programm dee Dreiverbandes bildete. Rußland 
war noch nicht mit seinen Rüstungen fertig, jedoch in der Lage, den Zeit- 
punkt seiner Bereitschaft mit Sicherheit angeben zu können. Die Art, 
wie Grey die Londoner Verhandlungen führte, richtiger: sich hinschleppen 
ließ, bewies, daß ihm an einem schnell hergestellten und gesunden Frieden 
nichts lag, im Gegenteil. In ODeutschland aber hatte man gerade zur 
Person Greps festes und aufrichtiges Vertrauen, dienten doch auch die 
Derhandlungen über die kleinasiatischen Bahnen und über Angola und 
Mozambigque zwischen den beiden Mächten zur Bertiefung der „Intimität“. 
Großbritannien seinerseits war sehr befriedigt, daß die Balkanangelegen- 
heiten die Stimmung Rußlands gegen Osterreich-Ungarn und das Deutsche 
Reich verschärften. Richt zum wenigsten, um diese Erkenntnis nicht in 
Berlin eintreten zu lassen, versuchte man dort den Eindruck zu er- 
wecken, als ob Großbritannien wegen der wachsenden Machtstellung Ruß- 
lands auf der Balkanhalbinsel anfinge, besorgt zu werden und insofern 
eine gewisse verschämte Solidarität mit dem Deutschen Reiche empfände. 
Es konnte nicht fehlen, daß solche Andeutungen in Berlin mit Genug- 
tuung aufgenommen wurden und zur Grundlage für weitgehende Hoff- 
nungen dienten. #Man glaubte zu Berlin, was man hoffte. 
Osterreich-Ungarn soll, so ist erzählt worden, durch die deutsche Ver- 
mittlung zweimal veranlaßt worden sein, nicht loszuschlagen. Anderseite 
ist schwer zu entscheiden, ob die leitenden Männer der Ooppelmonarchie 
damals tatsächlich einen geeinten und festen Entschluß gefaßt hatten oder 
fassen wollten. Man möchte es bezweifeln. Wäre das der Fall gewesen, 
so würden der Oeutsche Kaiser und die deutsche Regierung schwerlich eine 
entscheidende Einwirkung im entgegengesetzten Sinne versucht, sondern 
die Konsequenzen gezogen haben, welche der Oeutsche Reichskanzler in 
seiner Rede andeutete. Auf alle Fälle war die Lage der Doppelmonarchie 
sehr unbehaglich, und ihr Prestige ging, wie gesagt, erheblich gemindert 
aus den Balkankriegen hervor. Serbien floß über von geringschätzigem 
Hasse. Die großserbische Propaganda wurde umfassender und anmaßender 
denn je betrieben, und man war überzeugt, daß in absehbarer Zeit ein 
vernichtender Angriffskrieg gegen Osterreich-Ungarn bevorstände. Die 
militärischen Erfolge im Balkankriege hatten das serbische Selbstgefühl
        <pb n="505" />
        Der letzte Aklt. 463 
—— Ü 
derart gesteigert, daß man glaubte, auch allein in einem Kriege gegen 
Osterreich-Ungarn sich Erfolg versprechen zu können. Dazu kam die Auf- 
fassung, Osterreich-Ungarn sei ein untergehender Staat, seine Armee 
untauglich und zerrüttet, die Regierung habe nur deshalb in der Balkan- 
krisio Frieden gehalten, weil sie den Krieg nicht wagte. 
Trotzdem war die Balkanlage nach dem zweiten Kriege günstiger 
für die Mittelmächte als nach dem ersten. Oie deutsche Politik hoffte auf 
Rumänien und auf Griechenland, sie hoffte auch auf eine günstige Ent- 
wicklung der deutsch-türkischen Beziehungen. Die Türkei hatte den größten 
Teil ihres europäischen Besitzes verloren und damit nicht nur einen Ver- 
lust, sondern auch eine gewisse Erleichterung erfahren, denn die großen 
europäischen Gebiete, welche sie nicht verteidigen konnte und die fort- 
während Anlaß zu Reibungen und Konflikten gewesen waren, gebörten 
jetzt den Balkanmächten. Das türkische Gebiet war verkleinert worden, 
aber seine Berteidigungslinie in Europa war ungeschwächt vorhanden; 
sogar Adrianopel hatte die entschlossene Tatkraft Enver Beys dem Tür- 
kischen Reiche zurückgeholt. Man sagte sich in Konstantinopel, jetzt sei 
der Augenblick der Sammlung und der nationalen Neorganisierung ge- 
kommen, jetzt oder nie. Dazu brauchte man Oeutschland, dessen Uneigen- 
nützigkeit im Sinne des türkischen Interesses den Gegenstand unerschütter- 
ten Vertrauens zu Konstantinopel bildete. Trotzdem die deutsche Regie- 
rung sich vorher an einem internationalen Druck auf die Pforte behufs 
Rückgabe Adrianopels an Bulgarien beteiligt hatte, gelang es, die alten 
Beziehungen zu erhalten bzw. wiederherzustellen. 
Nach den Krisen des ersten Balkankrieges begannen wieder jene 
topischen Spmptome der „Entspannung“, die wir 1906, 1909 und An- 
fang 1912 feststellen konnten. Im Frühjahr 1913 wurde eine, allerdings. 
mißglückte Aktion dieser Art zwischen Osterreich-Ungarn und Rußland ein- 
geleitet, ale die russischen Brobemobilmachungen die Lage gefährlich gemacht 
hatten. Im Januar 1913 hielt dagegen der neue deutsche Botschafter 
zu London, Fürst Lichnowsky, eine Rede, in der er überschwenglich die 
deutsch-englische Freundschaft pries und eine Ara allgemeiner inter- 
nationaler Freundschaft und Verständigung ankündigte. Englische Minister 
dagegen, die im Parlamente gefragt wurden, ob für Großbritannien Ver- 
pflichtungen beständen, an einem Festlandkriege teilzunehmen, und ob 
Großbritannien bei den bisherigen Krisen Festlandhilfe angeboten habe, 
antworteten mit den üblichen orakelhaften Wendungen. Als einen beson- 
deren und schönen Beweis für die gebesserte Lage und für die erfokgreich 
friedenerhaltende Stellung des Deutschen Reiches innerhalb dieser Lage 
sah man den Besuch des Königs von England mit der Königin und des 
russischen Zaren in Berlin zur Hochzeit der Tochter Kaiser Wilhelme (im
        <pb n="506" />
        464 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Mai 1915) an. Oie Herzlichkeit des Zusammenseins der drei Monarchen 
wurde als ganz außerordentlich bezeichnet und in Deutschland froh ge- 
priesen. Auch in Dingen der Balkanpolitik, so hieß es, befänden sich 
die Herrscher Großbritanniens und Rußlands ganz auf dem Boden der 
deutschen Auffassungen. Oie englische, die russische und die italienische 
Presse waren voll freudiger Rührung und sicherer Hoffnungen, daß dieser 
mächtige Bund der drei Herrscher die Grundlagen für dauernden euro- 
päischen Frieden und eine allgemeine Annäherung in hohem Maße festigen 
werde. Nur in Frankreich waren die Geister des Hasses zu stark, um eine 
derartige Maske tragen zu können. Die Berhandlungen in Presse und 
Parlament über die Einführung der dreijährigen Oienstzeit hielten die 
Nation fortwährend in hoher Erregung. Zugleich wurde bekannt, daß 
zwischen Frankreich und Rußland eine neue große Anleihe von zwei und 
einer halben Milliarde Franken zustande gekommen sei unter der Be- 
dingung, daß Rußland sich verpflichte, einen erheblichen Teil der Summe 
auf sofortige Ausgestaltung seines Eisenbabmnetzes nahe den deutschen 
Erenzen zu verwenden. Diesen Abmachungen, zu denen noch die Ver- 
pflichtung der Aufstellung von zwei neuen Armeekorps an den deutschen 
Grenzen kam, waren mit der überraschenden Entsendung Delcassés als 
Botschafter nach Petersburg verbunden; die Designierung Delcassés fand 
bereits im Februar 1915 statt. Auch diese Veröffentlichungen wirkten 
alo Fanfare auf das französische Volk. Dazu kam im Laufe des Jahreo 
1915 eine Anzahl von Zwischenfällen zwischen dem Deutschen Reiche 
und Frankreich. Im Frühjahr mußte infolge von Navigierungsfehlern 
ein Zeppelinluftschiff bei Lunêcville in Frankreich landen. Große Er- 
regung in Frankreich war die Folge und in Oeutschland gerechter Un- 
wille über die Behandlung der Besatzung des Luftschiffes und über die 
Untersuchung seiner Konstruktion. Deutsche Fliegerlandungen in Frank- 
reich und Mißhandlungen von Deutschen zu Nancy kamen dazu. Als 
dann im Spätherbst der sogenannte Zaberner Fall stattfand, nahm die 
französische Presse in einer Weise an den Vorgängen in Elsaß-Lothbringen 
teil, welche schlaglichtartig bewies, wie nahe das französische Volk den 
großen europäischen Krieg glaubte und wie zuversichtlich es ihm entgegen- 
sah, wie vollkommen es alle Ereignisse in den Reichslanden als franzö- 
sische Sache behandelte. Bereits seit einigen Zahren war es in fran- 
zösischen, großbritannischen und russischen Militärkreisen üblich geworden, 
die deutsche Armee, ihre Waffen, ihr Führer- und Menschenmaterial und 
ihre Leistungen in Manövern als geringwertig zu bezeichnen. Dazu 
glaubte man in Frankreich an eine große überlegenheit der französischen 
Fliegerwaffe und der Feldartillerie, vor allem auch an höhere Qualität 
des französischen Soldaten. Eine Schrift nach der andern erschien, welche
        <pb n="507" />
        Oer letzte Alt. 465 
  
den Untergang des Deutschen Reiches seniattolen schilderte. Franzosen 
und Engländer waren der AUberzeugung, daß in einem großen Kriege 
der alte Gegensatz zwischen Norddeutschland und Süddeutschland akut 
werden und außerdem die deutsche Sozialdemokratie die Gelegenheit be- 
nutzen werde, um in Deutschland zur Macht zu gelangen. Kurz, das 
französische Erfolgsvertrauen war ebenso echt wie der nach Betätigung 
drängende Haß. Um so „deutschfreundlicher“ zeigte sich ein Teil der groß- 
britannischen Presse, welche zuweilen sogar milde Verweise nach Paris 
richtete, in der Gewißheit, daß man sich auch ohne weiteres und trotz 
solcher publizistischen Arabesken voll verstehe. Damals war es auch, 
ale führende, dem Kabinett nahestehende großbritannische Organe einerseits 
erklärten, Großbritannien könne sich nunmehr ganz auf Inselpolitik zurück- 
ziehen, und anderseits von der „brennenden Frage von Alsace-Lorraine“ 
sprachen, welche gelöst werden müsse, ehe es möglich sei, auf einen dauernden 
Frieden in Europa zu rechnen. Das Bertrauen auf die von Fahr zu Jahr 
steigende gewaltige russische Stärke schimmerte auch britischerseits, wenn schon 
vorsichtig, durch, während die russische Presse ihre eigene Zuversicht durch 
jene Steigerung grober Anmaßung des Tones bekundete, wie er in Rußland 
eigentümlich ist. Inmitten dieser gespannten und haßerfüllten Atmo- 
sphäre fand jener Berliner Hochzeitsbesuch statt. Vier Wochen später 
war der Präsident Poincaré in London. 
Besondere politische Bedeutung legte man in DOeutschland einem 
Besuche des Königs von Italien mit seiner Gattin Anfang Juli 1915 in 
Kiel bei. Der Minister di San Giuliano begleitete den König, der Reichs-- 
kanzler v. Bethmann Hollweg und der Staatssekretär v. Jagow den 
Deutschen Kaiser. Deutscherseits hoffte man die bundesgenössischen Be- 
ziehungen zu einer wirklichen Bundeögenossenschaft gemacht zu haben 
und hat möglicherweise damals zu Kiel bei gegenseitiger Ubereinstimmung 
über Schutz der neuen italienischen Mittelmeerinteressen von Dreibunde 
wegen gesprochen. In jenem Sommer haben auch Berhandlungen 
zwischen den Generalstäben der beiden Mächte stattgefunden, und die 
Ansicht herrschte, man sei zu Bereinbarungen gelangt, die sich im Kriege 
als sehr fruchtbar erweisen würden. Der Chef der italienischen Flotte, 
der Herzog der Abruzzen, wohnte den deutschen Flottenmanövern bei, 
die Generalstabschefs der italienischen und der österreichischen Armee den 
deutschen Kaisermanövern. Kurz, es hatte eine militärische und militär- 
politische Intimität Platz gegriffen, wie noch nie zuvor. Ein italienischer 
General wurde zu einer Feier nach Wien entsandt. Dazwischen platzten 
italienisch-österreichische Mißbelligkeiten in und um Triest und erinnerten 
unangenehm an die rauhe Wirklichkeit. 
Es ist heute schwer, nach den inzwischen mit Italien gemachten 
Sraf Reventlow, Deutschlands auswärtige Polltik. 30
        <pb n="508" />
        466 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
Erfahrungen, zu beurteilen, ob jene Annäherung Italiens an seine Bundes- 
genossen lediglich Spiegelfechterei gewesen sei oder nicht. Auch die Er- 
#5rterung dieser Frage bleibt für die besondere Borgeschichte des Krieges 
vorbehalten. Hier mag nur gesagt sein, daß der Verfasser jene italienische 
Politik für ernstpaft und als für beide Teile zweckmäßig auch heute noch 
ansieht. Allerdings, und darin lag eine italienische innere Schwierigkeit, wäre 
Stärkung der italienischen Rüstungen, und zwar eine zielbewußte erbeb- 
liche Stärkung zu Lande wie zur See notwendig gewesen. Die deutsche 
Politik Ztalien gegenüber ging auf alle Fälle von Gesichtspunkten aus, die 
richtig waren, sofern man die Zugebörigkeit Italiens zum Dreibunde 
überhaupt bejahte. Etwas anderes freilich ist die Frage, ob man damals 
vielleicht militärisch den italienischen Autoritäten pränumerando zuviel 
Vertrauen gezeigt und ihnen Einblicke gewährt hat, die sie bei der be- 
kannten italienischen Indiskretion gegenüber Frankreich, Rußland und 
England im Gegensatz zum deutschen Znteresse und der eigenen Bundes- 
pflicht verwendet haben. « 
Als während des Balkankrieges Österreich-Ungarn mit der Absicht 
umging, dem serbischen Unwesen und der von Serbien kommenden stän- 
digen Bedrohung des Gebietsbestandes der Doppelmonarchie mit den 
Waffen ein Ende zu machen, hatte der italienische Premierminister Gio- 
litti sich geäußert: Italie#n würde sich nicht verpflichtet halten, den Bünd- 
nisfall dann anzuerkennen und Osterreich-Ungarn Waffenhilfe zu leisten. 
Diese Tatsache ist erst während des großen Krieges bekannt geworden. Sie 
ist wichtig, weil damals und nachher die Bestrebungen der Mittelmächte 
eifriger denn je waren, die Beziehungen Italiens zum Oreibunde intimer 
und fester zu machen. Man hielt diese Bemühungen also trotz jener 
italienischen Absage nicht für nutzlo# und glaubte zur Hoffnung sich be- 
rechtigt, daß Italien zukünftig in höherem Grade solidarisch mit dem 
Dreibund sein werde. Nach dem Verrate von 1915 ist in Deutschland 
die Meinung verschiedentlich vertreten worden, es sei auch nach dem 
Balkankriege noch von Oreibunds wegen angezeigt gewesen, Italien 
fallen zu lassen. Wir sind nach wie vor der entgegengesetzten Ansicht: die 
deutsche Ztalienpolitik besonders der letzten Zahre war ansich richtig und zweck- 
mäßig. Sie zum positiven Erfolge zu führen, war aber nicht von einem Tage 
zum anderen möglich, sondern beanspruchte Zeit, Geschicklichkeit und Aus- 
dauer. Die Ereignisse von 1914 haben die nötige Zeit nicht gelassen. 
Die Entwicklung der Beziehungen der Balkanmächte unter sich und 
zu den Großmächten nahm 1915 und während der ersten Hälfte des 
Zahres 1914 ihren Fortgang und teils unerwartete Wendungen. In 
Rumänien setzte von Rußland, von Frankreich und von Großbritannien 
aus eine mit allen Mitteln betriebene Propaganda ein, um trotz der
        <pb n="509" />
        5 Der letzte. Akt. 467 
unveränderlich den Mittelmächten freundlichen Politik des Konige Karol 
Rumänien in das Lager des Oreiverbandes hinüberzuziehen. Manche 
Verhältnisse ließen diese Bemühungen aussichtsreich erscheinen. Der 
größte Teil gebildeter Rumänen studiert seit Generationen in Parie, 
französische Bildung, französische Literatur und Presse, französisches Ge- 
sellschaftsleben und der Gebrauch der französischen Sprache sind in diesen 
rumänischen Schichten herrschend geblieben, auch nachdem durch König 
Karol die Beziehungen zum Deutschen Reiche lebhafter und enger ge- 
worden waren. Dazu kommt die von den Deutschen nicht annähernd 
erreichte Kunst einer nicht aufdringlich werdenden, nicht unangenehm 
auffallenden und dabei eindringenden und wirksamen Propaganda. Der 
Russe auf der anderen Seite ist für Rumänien zwar der Bedrücker ge- 
wesen, der das rumänische Beßarabien geraubt und auch sonst das kleine 
Land bei jeder Gelegenheit mit despotischer Willkür behandelt hatte. Für 
Ehrungen, die von Rußland ausgingen, ist der Rumäne dagegen stets 
desonders empfänglich gewesen, denn der Aimbus ungeheurer, unwider-- 
stehlicher Macht des benachbarten Rußlands war in Rumänien ein absolut 
herrschender. An Ehrungen aber ließ Rußland es nach dem zweiten 
Balkankriege nicht fehlen. Ubrigens war die russische Regierung ja auch 
für die Kompensation Rumäniens an der Donaumündung und dann für 
die Erhaltung der Bukarester Friedensbedingungen eingetreten, ebenso 
wie Frankreich. Im Frühsommer 1914 besuchte sogar der Zar den König 
Karol, und man plante die Verlobung des Sohnes des rumänischen Thron- 
folgere mit einer Tochter des Zaren. Das Gerücht wurde verbreitet, Ruß- 
land beabsichtige unter Umständen, Beßarabien an Rumänien zurück- 
zugeben. Auf der anderen Seite waren die rumänisch-österreichisch- 
ungarischen Beziehungen wenig erfreulich. Die Frage der ungarländischen 
Rumänen verschärfte sich, weil man in Ungarn den Wünschen der 
dort wohnenden dreieinhalb Millionen Rumänen nach Bermehrung 
ihrer sehr eng begrenzten Rechte kein ernstliches Entgegenkommen an- 
gedeihen ließ. Die französisch-russische Propaganda benutzte mit ge- 
wohnter Geschicklichkeit diese Streitfrage, nicht nur, um das Berhältnis 
zu Osterreich-Ungarn zu verschlechtern, sondern vor allem, um die rumd- 
nischen Wünsche auf das von Rumänen bevölkerte Gebiet in Ungarn zu 
lenken. Man versprach ihnen Siebenbürgen als Siegespreis für einen 
Krieg an der Seite des Oreiverbandes gegen die Zentralmächte. Der 
alte König Karol freilich war diesen Anregungen nicht zugänglich, 
sondern wußte, daß Rumäniens wahres Interesse nach wie vor festen 
Anschluß an die Zentralmächte verlangte. Er konnte aber angesichts der 
Stimmung der rumänischen Bevölkerung und besonders der rumenisch- 
österreichisch-ungarischen Streitfrage nicht erreichen, daß der Gedanke 
307
        <pb n="510" />
        468 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
eines mit Osterreich-Ungarn und dem Deutschen Reiche politisch soli- 
darischen Rumänien sich in der Bevölkerung durchsetzte, im Gegenteil. 
Die zwischen den Zentralmächten und Rumänien bestehenden Bündnis- 
verträge sind der rumänischen Bevölkerung unbekannt geblieben, nur die 
jeweilig leitenden Minister baben um sie und ihren Inhalt gewußt. Das 
Parlament hatte sie also nicht gebilligt. So konnten die Verträge nicht 
im Sinne der Zentralmächte werbend wirken. Alles in allem ließ sich nicht 
verkennen, daß seit dem zweiten Balkankriege Rumänien mehr nach der 
Seite der Feinde Oeutschlands glitt. Die russischen sogenannten Probe-- 
mobilmachungen während der Balkankriege und die tatsächlich ungeheuren 
russischen Rüstungen ließen es den Rumänen zweifelloser denn je scheinen, 
daß sie auf seiten der Gegner Rußlands verloren sein würden. 
In Petersburg bemühte man sich, neben der Einwirkung auf Rumä- 
nien und im sicheren Besitze des beherrschenden Einflusses auf Serbien 
auch die verlorene Zuneigung des mißhandelten Bulgariens wieder zu 
gewinnen. Der Balkanbund sollte noch einmal unter russischer Vormund- 
schaft zustande gebracht werden. In Bulgarien hatten sich aber die Stim- 
mungen und mit ihnen die Verdbältnisse geändert. An die Stelle des 
Rußland ergebenen Kabinettes war ein neues unter dem Vorsitze von 
Radoslawowm gekommen. Dieses legte entscheidenden Wert auf gute 
Beziehungen zu Österreich-Ungarn. König Ferdinand von Bulgarien 
gewann bei längerem Aufenthalte in Österreich-Ungarn das völlige Ver- 
trauen des Kaisers und Thronfolgers, und im Laufe der seit dem zweiten 
Balkankriege verfließenden Monate festigten sich auch die Beziehungen 
zwischen Bulgarien und dem ODeutschen Reiche zusehends. In der ersten 
Hälfte des Jahres 1914 kam unter Bedingungen, die von beiden Ländern 
als vorteilhaft empfunden wurden, eine deutsch-bulgarische Anleihe zu- 
stande. Kurz, es kräftigte sich die Uberzeugung bei den Mittelmächten 
wie in Bulgarien, man sei aufeinander angewiesen. So hatte sich Öster- 
reich-Ungarns Bulgarenpolitik als richtig und weitblickend bewährt. Die 
deutsche Rumänenpolitik von Bukarest hatte zwar ihr Ziel nicht erreicht, 
wohl aber gedient und sollte noch dienen, um einen gewissen politischen 
Ausgleich für die rumänisch-österreichisch-ungarischen Schärfen zu liefern, 
einen Ausgleich auch auf dem Wege des Einflusses. Gegen das Deutsche 
Reich bestand in Rumänien keine Abneigung, man wünschte im Gegen- 
teil gute Beziehungen. So erwies sich die Meinungsverschiedenheit 
zwischen dem Deutschen Reiche und Österreich-Ungarn angesichts des 
Vertrages von Bukarest als nützlich und fruchtbringend. Das galt auch 
hinsichtlich Griechenlando. Im Herbst 1915 war König Konstantin in 
Berlin und erklärte dort, er müsse laut und öffentlich aussprechen: „daß 
unsere Siege nächst der unüberwindlichen Tapferkeit meiner Helden den
        <pb n="511" />
        Der letzte Alt. 469 
Grundsätzen über Krieg und Kriegführung zu danken sind, die ich und 
meine Generale hier in Berlin bei dem lieben Garderegiment zu Fuß, 
in der Kriegsakademie und im Verkehr mit dem preußischen General- 
stabe uns angeeignet haben“. — Kaiser Wilhelm hatte dem König den 
Feldmarschallstab überreicht. 
Diese Worte König Konstantins erregten im Dreiverbande großen 
Arger. Man überschüttete den König mit Beschimpfungen, nicht nur, 
weil Griechenland finanziell von Frankreich und England abhängig war 
und von ihnen als politische Domäne behandelt wurde, sondern besonders 
auch, weil eine französische Militärmission seit Jahren in Griechenland 
arbeitete und man dieser das Verdienst an den griechischen Siegen aus- 
schließlich beigemessen wissen wollte. Die Angelegenheit nahm für den 
König insofern eine unangenehme Wendung, als sein eigener, damals 
allmächtiger Ministerpräsident Benizelos König Konstantin desavouierte 
und dieser eine Flut von öffentlichen Schmähungen über sich ergehen lassen 
mupßte, ohne seinen Besuch beim Präsidenten Poincaré unterlassen zu können. 
Die Folgejahre haben gezeigt, daß König Konstantin sich nicht nur dessen 
bewußt blieb, was er im September 1915 zu Potsdam aussprach, sondern 
auch, daß die deutsche Politik des Deutschen Kaisers und seiner Regierung, 
im Bukarester Frieden Griechenland zu begünstigen, eine richtige gewesen 
ist, vorausgesetzt, daß man sich nicht mehr von ihr versprach, als angesichts 
des britisch-französischen Machteinflusses auf Griechenland möglich war. 
Das an diplomatischer Arbeit, man kann sagen an Vorbereitunge- 
arbeit für den kommenden großen Krieg so reiche Jahr 1915 in Ber- 
bindung mit der ersten Hälfte des Jahres 1914 brachte noch ein anderes, 
leider negatives Ereignis, welches in Deutschland kaum bekannt geworden 
ist: Bei der japanischen Regierung bestand der Wunsch, mit dem Oeutschen 
Reiche in nähere Beziehungen zu gelangen. Oer damals in Berlin wei- 
lende japanische Botschafter Sugimura machte kein Hehl daraus, daß er 
eine erfolgreiche Durchführung dieser Bestrebung als den Daseinszweck 
seiner Botschaftertätigkeit ansehe. Ein Erfolg ist aber diesem Bestreben 
leider nicht beschieden gewesen, weil deutscherseits das erforderliche Ent- 
gegenkommen nicht eintrat. Ob man in Berlin besorgte, die Beziehungen 
zu Großbritannien, auf welche man so große Hoffnungen setzte, würden 
durch eine deutsch-japanische Annäherung beeinträchtigt werden, steht. 
dahin. Sicher ist aber, daß gerade damal,s die britische Hetzerei in China 
und Japan gegen Oeutschland einen Höhepunkt erreichte. Sicher ist auch, 
daß von den Vereinigten Staaten eifrig und erfolgreich gearbeitet worden. 
ist, um ein Zusammenkommen Deutschlands und Japans zu hintertreiben. 
Ein solches wäre von höchster Bedeutung für Deutschland gewesen, auch 
ganz abgesehen davon, daß ein festbegründetes deutsch-japanisches Ver-
        <pb n="512" />
        470 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkrelsung. 1908—1914. 
  
hältnis in der Tat das einzige Mittel bilden konnte, um dem 
Deutschen Reiche den Besitz von Kiautschou zu sichern. Auch 
diese Ereignisse des Jahres 1915 bilden einen wichtigen Teil der Vor- 
geschichte zum großen Kriege. 
Oie Leiter des Dreiverbandes setzten mit Eifer alle Vorbereitungen 
umd Maßnahmen fort, um eine geschlossene politisch-militärische Einheit 
herzustellen. Im Spätherbst 1915 war der russische Ministerpräsident 
Kokowzow in Paris, um dort die abschließenden Besprechungen für die 
Verwirklichung der erwähnten großen Anleihe zu erledigen und die militä- 
rische Gegenleistung Rußlands sicherzustellen. Auch die 1912 russischer- 
seits geforderte militärische Leistung Frankreichs: die Einführung der 
dreijährigen Dienstzeit, wird dabei zur Erörterung gelangt sein. Es ist 
jetzt für den Rückschauenden von einem sonderbaren Znteresse, festzustellen, 
mit welcher Offenheit in der Presse des Dreiverbandes damals das Kom- 
men des großen Krieges besprochen wurde. Ein russischer Ministerbesuch 
wie der des Herrn Kokowzow in Paris gab zu öffentlichen Erörterungen 
Anlaß: die Zeiten seien vorbei, wo man an die unüberwindliche Stärke 
Deutschlands geglaubt habe. Frankreich ebenso wie Rußland hätten ihren 
Platz im Rate der Völker wieder voll eingenommen, und für einen Krieg 
mit ODeutschland lasse nur das russische Bahnnetz an der deutschen Ost- 
grenze zu wünschen übrig. Und in England setzte man wissenschaftlich 
auseinander, daß Deutschland von Jahr zu Zahr weniger in der Lage sei, 
an einen Erfolg seiner Waffen in einem Kriege gegen den Oreiverband 
zu hoffen. ODabei wurden die britisch-deutschen Verhandlungen mit un- 
entwegt wachsender Freundschaftlichkeit und mit immer fester werdendem 
Bertrauen seitens der deutschen Regierung fortgeführt. 
Auf seiner Rückreise von Paris nach Rußland verweilte Kokowzow 
in Berlin. Die Angelegenheit, welche ihn dorthin führte, war eine deutsch- 
kürkische Abmachung, daß eine deutsche Militärmission unter der Füh- 
rung des Generals Liman v. Sanders vorläufig für eine Zeit von fünf 
Zahren die Reorganisation des türkischen Heeres zu übernehmen habe. 
Liman sollte gleichzeitig die Führung des ersten türkischen Armeekorps zu 
Konstantinopel übernehmen. Bei seinem Berliner Besuche scheint Kokow- 
zow mit IJüußerungen über diese deutsch-türkische Abmachung zurück- 
gebhalten zu haben, ebenso Ssasonow. Ale der Ministerpräsident aber in 
Petersburg eingetroffen war, erhob sich der übliche Sturm der Entrüstung 
in der Presse des Oreiverbandes: Deutschland wolle sich durch seine 
Militärmission zum Herrn der Meerengen und Konstantinopels machen. 
Das könne der ODreiverband nicht dulden. Bor allem müsse die Bestim- 
mung der deutsch-türkischen Abmachung rückgängig gemacht werden, daß 
dem deutschen General als Führer des Konstantinopler Armeekorps eine
        <pb n="513" />
        OHer letzte Akt. 471 
  
militärische Kommandogewalt erteilt werde. In London wie Paris 
und Petersburg wurde mit drohender Schärfe die Unterstellung zum Aus- 
drucke gebracht, Deutschland wolle die Türkei zu seinem Basallenstaate 
machen, in Kleinafien Gebiet erwerben und für den Fall eines von deutscher 
Seite organisierten Krieges die Meerengen beherrschen. Die russische, die 
französische und auch die großbritannische Regierung erboben gemein- 
schaftlich Vorstellungen bei der Pforte und stellten die formelle Anfrage, 
was es mit der deutschen Militärmission auf sich babe. Die Anfrage be- 
deutete eine Drohung und richtete sich ebensowohl gegen Deutschland wie 
gegen die Türkei. Von russischer und damit auch von französischer Seite 
kam dieser diplomatische Schritt nicht unerwartet. Daß aber auch Groß- 
britannien sich daran beteiligte, hätte in Deutschland als sehr bemerkens- 
wert erscheinen müssen. Dort konnte man sich aber nicht genug tun an 
Versicherungen, wie vertrauensvoll die Berlin-Londoner Beziehungen 
seien und wie restlose Einigkeit insbesondere über die orientalischen 
Fragen bestehe. Die schon seit längerer Zeit in Konstantinopel vor- 
handene britische Marinemission hatte gerade damals viel größere Be- 
fugnisse erhalten, weitreichende, türkische Häfen und Werften betreffende 
Abmachungen waren zwischen der britischen und türkischen Regierung 
getroffen worden. — Und trotzdem trat die großbritannische Regierung 
ohne weiteres — und für die deutsche Regierung überraschend — mit 
Rußland und Frankreich vereinigt als drohender Beschwerdeführer gegen 
die deutsche Militärmission zu Konstantinopel auf. Die Pforte antwortete, 
die Frage der Militärmission sei eine innertürkische Angelegenheit und 
gehe andere. Mächte nichts an. Die Meerengen fielen nicht in den Be- 
fehlsbereich des Generals Liman v. Sanders. Genug, die Pforte zeigte 
sich fest, und ihre Haltung war würdig. Der Oruck des Oreiverbandes 
auf Berlin aber wurde energisch und drohend fortgesetzt. Die deutsche 
Regierung gab um die Fahreswende 1913/14 nach: dem General Liman 
wurde das Korpskommando genommen und er erhielt den Posten eines 
Generalinspektors der Militärschulen. Die Ursachen dieses deutschen Zurück- 
weichens haben vor allem in London gelegen. Hätte Grepy sich nicht mit 
einer ihm selbstverständlichen Entschlossenheit und Schnelligkeit an die 
Seite Rußlands gestellt, so würde man in Berlin wohl fest geblieben sein. 
Die Stellungnahme Englande kam aber der deutschen Regierung, wie gesagt, 
überraschend. Die Politik des Deutschen Reiches wurde auch nach den fehl- 
geschlagenen Berhandlungen von 1912 durch das Bestreben beherrscht und 
ihrer Richtung nach geleitet: Englands Aeutralität für den tatsächlichen 
Kriegsfall zu erringen, oder aber ein deutsch-englisches Verhältnie zu schaffen, 
welches so eng und vertrauensvoll sei, ein solches Maß von britisch-deutscher 
Solidarität schaffe, daß der russisch-französische Zweibund an Krieg nicht
        <pb n="514" />
        472 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
mehr denken könne. Weil man glauben wollte, diesen Ziel werde sich 
erreichen lassen, so blieb es richtunggebend für die deutsche Politik. Nach 
Maßgabe der wirklichen Lage und der Tatsachen war das Ziel nicht zu 
erreichen, weil die Grundrichtung der großbritannischen Politik und ihre 
Ziele sich weit von denen unterschieden, welche die Leiter der deutschen 
Politik, von ihren Wünschen bestimmt, annehmen zu sollen glaubten. 
Aus dem gleichen subjektiven Grunde gab man deutscherseits in der 
Frage der Militärmission nach, im Gedanken, man wolle die sorgsam ge- 
pflegte und hoffnungsvoll zu betrachtende deutsch-britische Verständigung. 
nicht durch entschlossenen Widerstand gegen den unberechtigten und un- 
willkürlichen Eingriff der Tripelentente unter Großbritanniens Führung 
in deutsch-türkische Angelegenheiten in Frage stellen. Dazu kam, daß in 
Rußland großer Unwillen über die deutsche Haltung in Sachen der arme- 
nischen Fragen herrschte. Rußland hatte die Gelegenheit nach dem Balkan- 
kriege benutzen wollen, um die armenischen Gebiete des Türkischen Reiches. 
der türkischen Autorität zu entreißen und unter die russische zu bringen. 
Hier setzte die deutsche Regierung, und zwar notwendigerweise sofort ein. 
Eine Durchführung der russischen Pläne hätte das Signal zum Beginn 
der Auflösung nun auch der Asiatischen Türkei gegeben. Deutschland 
würde sich die Freundschaft der Pforte verscherzt und bei ihr um Ansehen 
und Vertrauen gebracht haben, wäre sie hier nicht mit Festigkeit für die 
Türkei eingetreten. Man einigte sich schließlich über eine international 
gemischte Kontrolle der in Armenien durchzuführenden Reformen. Da- 
mit war vorläufig die Gefahr abgewendet. Rußland aber hatte keinen 
Zweifel über die Richtung auch seiner Orientpolitik gelassen. Die Hohe 
Pforte erkannte die Zeichen der Zeit auch nach anderen Seiten bin richtig 
und tat alle ihr möglichen Schritte, um tunlichst schnell auch einige kräftige 
Kriegsschiffe anzuschaffen. Maßgebend für dieses Bestreben war nicht nur 
die Gespanntheit der Beziehungen zu Griechenland, sondern in erster 
Linie der Hinblick auf die wachsende russische Gefahr. Ob man in Kon- 
stantinopel damals schon erkannte, welche Rolle die britische Marinemission 
eben dort spielte und fernerbin spielen sollte, muß dahingestellt bleiben. 
Die Türkei bestellte aber zwei große Schlachtschiffe bei britischen Firmen. 
Znzwischen hatten die Berhandlungen über die großen im Bau be- 
findlichen oder geplanten Bahnsysteme in Kleinasien und Sprien ihren 
Fortgang genommen. Sie wurden auf eine wesentlich breitere Basis 
gestellt, insofcern, als auch Frankreich sich beteiligte. Die großbritannische 
Regierung gab sich den Anschein, als ob sie, um die Aufrichtigkeit ihreo 
guten Willens gegen Deutschland zu beweisen, die orientalischen Bahn-- 
fragen glatt und vorbehaltlos gelöst zu wissen wünschte. In der Tat war, 
nachdem die vorher erwähnten Zugeständnisse am Golfende der Bahn
        <pb n="515" />
        Der letzte Akt. 43 
  
an Großbritannien gemacht worden waren, die Stellung der deutschen 
Finanzgruppe binsichtlich des Restes stark und bis zu einem gewissen Grade 
unangreifbar. Geldlich war dasselbe der Fall. In Frankreich hatte man 
zu spät erkannt, daß für die einst von den deutschen Vertretern des Bahn- 
unternehmens gewünschte französische Beteiligung der Augenblick über- 
haupt verpaßt war. So machte man französischerseits denn besonders 
seit 1915 die größten Anstrengungen, um sich an Bahnen und sogenannten 
Einflußzonen in Kleinasien und Sprien so viel zu sichern, wie möglich. 
Es handelte sich dabei in der Hauptsache um Nordwestkleinasien, ander-- 
seits um Ausbau des sprischen Bahnnetzes und seinen Anschluß an die 
Bagdadbahn. Frankreich und Großbritannien planten außerdem den 
Bau einer großen Konkurrenzstrecke gegen den südlichen Teil der Bagdad- 
bahn. Da auch diese Verhandlungen, die sich in das Zahr 1914 hinein- 
zogen, durch den Krieg außer Kraft gesetzt worden sind, ebe ein allseitig 
anerkanntes Ergebnis erzielt worden war, so sei nur gesagt, daß es den 
deutschen Unterhändlern im Einverständnisse mit der Pforte zu erreichen 
gelang, daß das sprische Bahnnetz der Franzosen ohne Einfluß auf das 
kleinasiatische der deutschen Gesellschaft blieb und daß ein Bau von Kon- 
kurrenzlinien der Bagdadbahn für Frankreich wie für England vertraglich 
ausgeschlossen wurde. In Nordwestkleinasien erhielten die Franzosen 
Bahnzugeständnisse, welche, nach der Kilometerzahl gerechnet, sehr be- 
trächtlich, jedoch auf die Bagdadbahn als Rückgrat des gesamten Ber- 
kehrssostems angewiesen waren. Frankreich hatte diese Konzessionen auf 
Grund einer Anleihe an die Türkei verlangt. In der französischen Presse 
zeigte man sich vielfach verstimmt darüber, daß es Frankreich nicht gelungen 
war, sich in das deutsche Bagdadbahnunternehmen noch hereinzudrängen. 
Da aber die Ergebnisse der sehr verwickelten Berhandlungen endgültig 
nicht abgeschlossen wurden, so erfolgte naturgemäß auch keine amtliche 
Beröffentlichung. Bei den Verhandlungen zwischen Oeutschland und 
Großbritannien standen wohl hauptsächlich die Rechte und Pflichten der 
beiden Parteien am Südende der Bagdadbahn und hinsichtlich der Fluß- 
verbindung nach dem Persischen Golfe in Rede. Soweit sich damals 
übersehen ließ, würde es sich im ganzen für die deutschen Interessenten 
und damit für die Türkei um ein gutes Ergebnie gehandelt haben, ab- 
gesehen freilich vom Verzichte auf das südliche Endstück. 
Angesichte des zur Schau getragenen amtlichen britischen Wohlwollens 
war es eine befremdende Erscheinung, wie eifrig die großbritannische Presse 
andauernd die Auffassung zu verbreiten versuchte, es sei das eigentliche 
Ziel des Deutschen Reiches, sich in Kleinasien durch dat Bagdadbahn- 
unternehmen eine Interessensphäre zu schaffen, von ihr aus und mit ihr 
auf die Zerstörung des Türkischen Reiches zu arbeiten und dann die Hand
        <pb n="516" />
        474 4 A#bschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Eintrelsung. 1908—1914. 
  
auf die Interessensphäre zu legen. In Frankreich wurde dieser Gedanke 
eifrig und emsig gefördert, ebenso in Rußland. Man hoffte, auf diese 
Weise Verstimmung in der Türkei gegen das Oeutsche Reich hervor- 
rufen zu können. Die Bemühungen waren vergebene, aber sie zeigten 
auf der anderen Seite, daß die Mächte des Dreiverbandes sehr ernstlich 
mit einer Alufteilung der Türkei rechneten. In der französischen Presse 
kam dieser Gedanke wiederholt zum Ausdruck. Der Grund hierfür war 
keineswegs der oft behauptete, das Türkische Reich sei nicht lebensfählg, 
sondern lag in der wachsenden Militärmacht Rußlands. 
Ze größer die Fortschritte der russischen Rüstungen wurden, eine 
desto deutlichere Sprache führte die russische Presse. Das Wort von 
Konstantinopel als dem geschichtlichen Ziele, welches Peter der Große 
den Russen für alle Zukunft gewiesen habe, kehrte immer häufiger wieder. 
Russische Politiker, Militärs und Professoren setzten kübl und selbstsicher aus- 
einander, daß ein Konflikt mit den Mittelmächten, insbesondere mit dem 
Deutschen Reiche, unvermeidlich sei, wenn dieses zusammen mit Öster- 
reich-Ungarn eine Balkan- und Orientpolitik zu treiben fortfahre, welche 
dem unwiderstehlichen Zuge der russischen Ausdehnung ebendorthin zu- 
widerlaufe. Im Frühjahr 1914 erklärte die russische Presse und erklärten 
russische Minister: Rußland sei stark und werde mit jedem Jahre stärker. 
Mit dem in einigen Zahren bevorstehenden Ablaufe der russisch-deutschen 
Handelsverträge würden die Deutschen diese Stärke zu merken bekommen. 
Deutschland habe damals für die Gestaltung der bestehenden Handelsverträge 
sich die Schwächung Rußlands durch den Ostasiatischen Krieg zunutze gemacht. 
Die Zeiten seien vorbei, Rußland werde sich demnächst endgültig von der 
Herrschaft der deutschen Wirtschaftsdespotie befreien. — Ein Symptom 
dieser Art folgte dem anderen. Im Närz 1914 erschien ein vielbeachteter 
Artikel des Petersburger Vertreters der Kölnischen Zeitung, welcher aus- 
führte: die russischen Rüstungen seien ganz ungeheure, dabei zweifellos 
zu Lande wie zur See gegen Deutschland gerichtet. Im gesamten russischen 
Volke würde ein solcher Krieg begeisterte Zustimmung finden. Im Jahre 
1916 oder 1917 sei man fertig und wolle dann losschlagen. Beiläufig be- 
merkt, stimmt dieser Termin mit jenen Abmachungen von Reval im Jahre 
1908 überein. Oer russische Kriegsminister, Herr Suchomlinow, ließ in 
einem Petersburger Blatte darauf antworten: Rußland wünsche zwar 
nicht den Krieg, wäre aber bereit zum Kriege. Rußlands Heere hätten 
ihre Kriege immer auf feindlichem Boden geführt und stets sei der Sieg 
mit ihnen gewesen. Beschwichtigende Erklärungen des deutschen Staats- 
sekretärs und des russischen Ministers des Auswärtigen folgten, konnten 
aber nicht den Eindruck beseitigen, daß in Rußland der Gedanke allgemein 
und herrschend geworden war: der große Krieg stehe in Bälde bevor und.
        <pb n="517" />
        Det letzte Alt. 45 
müsse geführt werden, um die mitteleuropäischen Kaisermächte zu zer- 
trümmern, denn sie ständen den russischen Orientzielen im Wege. Diese 
Ziele waren, wie bei Besprechung der Balkanverhältnisse ausgeführt 
worden ist, solche der Eroberung um ihrer selbst willen, aber unter der 
Maske nationalrussischer und panslawistischer Zbeale, verbunden außer- 
dem noch mit einem Reste des Leitmotivs der alten russischen Türken- 
kriege: „gegen die Ungläubigen“. Von Michtigkeit ist, zu betonen, daß 
jener russische Drang zum Kriege die russische Bevölkerung in ihren 
breitesten Massen beseelte und daß es sich keineswegs nur um eine kleine 
kriegslustige Clique und einzelne Menschen handelte. 
Um die gleiche Zeit, als diese Spmptome immer lauter und sicht- 
barer wurden, setzte, wie nachber erzählt worden ist, unter Führung des 
russischen Botschafters zu Paris, Herrn Jswolski, in der Oiplomatie des 
Dreiverbandes wie in der Presse eine lebhafte Propaganda für die Ber- 
wandlung des Dreiverbandes in einen vertraglich fest geschlossenen Drei- 
bund ein. In der großbritannischen Presse wurde mit wenigen Ausnahmen 
dieser Gedanke abgelehnt. Man wollte sich äußerlich sichtbar nicht binden. 
Dafür war eine ganze Reihe innerer und auswärtiger politischer Gründe 
maßgebend, nicht zum wenigsten aber war es die AUberlegung, daß die 
großbritannische Regierung von dem Augenblicke an, wo sie dem Zwei- 
bunde durch ein öffentliches Bündnis angegliedert wäre, ihren starken 
und wertvollen Einfluß auf Deutschland und dessen Politik verloren haben 
würde. Oie britisch-deutsche Politik der „Berständigung“, das unentwegte 
deutsche Bestreben, den britischen Staatsmännern zu beweisen, wie lauter 
und harmlos die deutschen Ziele seien, die dahinterliegende deutsche Sorge, 
Großbritannien könne sich nach der anderen Seite entscheiden, dabei aber 
die deutsche Hoffnung, es könne vielleicht doch anders kommen, — das 
alles waren Trümpfe erster Ordnung im britischen Spiele. Ourch 
Beitritt zum russisch-französischen Bündnisse hätte man diese Trümpfe, 
die nach beiden Seiten wertvoll waren, aus der Hand gegeben, und 
zwar ohne Not. Vom deutschen Standpunkte betrachtet, wäre es viel 
Zgünstiger gewesen, wenn Großbritannien damals sich offen mit Rußland 
und Frankreich verbündet hätte. Der Verfasser darf das um so eher 
sagen, als er diesen Standpunkt im Frübjahr 1914 wiederholt betont hat. 
Genug, es wurde nichts daraus. Wohl aber konnte der russische Minister 
Ssasonow Ende Mai 1914 öffentlich erklären, daß die auswärtige Politik 
des aDreiverbandes jetzt durch einen ständigen „Bundeerat“, bestehend aus 
dem französischen und dem russischen Botschafter und Sir Edward Grey, 
von London aus eindeitlich geleitet werde. Das war zum Uberflusse noch 
ein in die Augen springender Beweies für den angrifflichen Charakter der 
Dreiverbandpolitik. Eine solche einheitliche politische Leitung eines Ver-
        <pb n="518" />
        476 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
  
bandes von drei großen Mächten, die durch Militär- und Marinekonven- 
tionen jeder Art miteinander verbunden sind und die, wie sie wußten, 
von niemandem bedroht waren, konnte nur der Vorbereitung eines 
gemeinsamen Angriffes dienen. Irgendein sonstiger Grund für diese 
ohne Beispiel dastehende Maßnahme war nicht denkbar. In Deutschland 
aber blickte man mit wachsendem Vertrauen auf den freundschaftlichen 
Charakter der deutsch-englischen Berhandlungen über Angola und die 
Bagdadbahn. 
Im April 1914 waren der König und die Königin von England zum 
Besuch in Parie, begleitet von Sir Edward Grey. Damals wurde die 
Schaffung einer Flottenkonvention zwischen Großbritannien und Ruß- 
land vereinbart, und die militärischen, maritimen und politischen Autori- 
täten der beiden Länder nahmen sogleich die erforderlichen Vorarbeiten 
und Vorbereitungen in Angriff. Der Inhalt dieses Flottenabkommens —. 
er ist nachher bekannt geworden — bewies wiederum den angrifflichen 
Charakter des Dreiverbandes. Unter anderem verpflichtete England sich, 
große Mengen von Transportschiffen zur Verfügung des russischen Gene- 
ralstabes zu halten, um eine russische Landung an der pommerschen Küste. 
zu ermöglichen. Auch für den Seekrieg im Schwarzen Meere wurden. 
eingehende Abmachungen getroffen. Im englischen Unterhause richtete 
man Fragen an Greyp, welche dieser, wie gewöhnlich, ausweichend be- 
antwortete. Er und der Premierminister Asquith hatten im Parlament 
und in ihrer Presse seit JZahr und Tag Wert auf die Betonung gelegt, 
daß Großbritannien sich nie an einem Angriffskriege beteiligen und einen 
französischen Rachekrieg gegen Deutschland mißbilligen würde. Es war 
das alte Spiel mit Worten, um das deutsche — so nützliche — Vertrauen. 
zu erhalten. Für die britischen Staatsmänner war es eine zum Abce der 
Politik gehörende Selbstverständlichkeit, daß jeder Krieg, an dem Groß--- 
britannien sich beteiligte, unter allen Umständen ein „Krieg der Ver- 
teidigung“, nicht des Angriffes sei. Auf Ursachen und Anlässe ist es in 
solchen Dingen für Großbritannien nie angekommen. Führt Groß- 
britannien einen Krieg, so stempelt es ihn zum Verteidigunge- 
kriege, und die Welt hat zu glauben, daß der ruchloseste Angriffskrieg. 
ein Krieg notgedrungener Berteidigung sei, weil eben Großbritannien. 
ihn führt. 
Trotz der unentwegt als hocherfreulich gerühmten britisch-deutschen 
Verhandlungen über Angola und die Orientbahnen, trotz des immer mehr 
wachsenden „gegenseitigen Bertrauens“ wurde die europäische Lage unter 
diesen Umständen zusehends gespannter. Die internationale Atmosphäre 
schien mit Explosionsstoff derart geladen, daß eine Steigerung nicht denk- 
bar war. Im Sommer weilte ein britisches Geschwader in russischen
        <pb n="519" />
        Der letzte Akt. 477 
  
Häfen, und Reden wurden gewechselt, deren provozierender Ton nur 
durch die Unbekümmertheit übertroffen wurde, mit der man sie bielt. 
In der Presse wurde dann, wie üblich, alles in Abrede gestellt. In Deutsch- 
land aber herrschte unmittelbar darauf allgemeine aufrichtige Freude, als 
ein britischer Geschwaderbesuch in Kiel zur Tatsache wurde. Konnte es 
einen schlagenderen Beweis für die Aufrichtigkeit und die friedenerhaltende 
Bedeutung der deutsch-britischen L#nnäherung geben? In der deutschen 
Presse sprach man treuherzig und hoffnungsvoll von der Vereinigung: 
„Union Jack und Schwarz-Weiß-Rot“. 
Als die großbritannischen Schlachtkreuzer im Kieler Hafen lagen, 
befand sich der österreichisch-ungarische Thronfolger, begleitet von seiner 
Gemahlin, der Herzogin von Hohenberg, auf einer Besichtigungsreise der 
bosnischen Truppen. Am 28. Zuni 1914 wurden Erzherzog Franz Ferdi- 
nand und die Herzogin zu Sarajewo von Emissären der großserbischen 
Bewegung durch Pistolenschüsse ermordet. 
Wenige Wochen darauf stand die Welt in Flammen. Ein Fahrzehnt 
war verflossen, seitdem die britisch-französische Entente Cordiale sich auf 
Betreiben König Eduards und seiner Staatsmänner verwirklicht hatte. Die 
Entente Cordiale war Grundlage und Anfang der auf Deutschlands Ver- 
nichtung gerichteten britischen Einkreisungspolitik und damit die Keim- 
zelle des Weltkrieges. Die politischen Leiter Großbritanniens haben unter 
zielbewußter Entflammung und Benutzung des französischen Nachegeistes, 
ferner unter Umwendung der russischen Expansionsfront aus dem Fernen 
nach dem Nahen Osten, den europäischen Krieg auf Räder gesetzt und 
ihm den Stoß auf schiefer Ebene gegeben. De#halb gab es nach Sarajewo 
kein Halten mehr. 
Britische Herrschsucht und Handelseifersucht sind die Triebfedern 
gewesen, welche die Welt organisiert und in Bewegung gesetzt haben, 
um den Vernichtungskrieg gegen ein friedliebendes Bolk zu führen.
        <pb n="520" />
        Verzeichnis der 
Abd el Malet 258. 
Abdul Asis 325. 
Abdul Hamid, Sultan 105. 315. 336 f. 338f. 
347. 348. 350. * 355. 356. 370. M 
Abruzzen, Herzog der 465. 
Aehrenthal 349f. 33 355. 357. 358f. 363. 
365 ff. 372. 389. 390. 443. 
Alexander, Fürst von Bulgarien 4. 
Alexander, König von Serbien 345. 
Alexander III., Kaiser von Rußland 2. S. 5. 
7. S. 19 f. 24 f. 30 f. 3ö ff. 36. 37f. 53. 335. 
Alexejew 186. 
Alfons XIII., König v. Spanien 258. 259. 317. 
Almodovar 280. 
Alvensleben 173. 
Andrassy 357. 358. 
Agsquith 377. 429. 432. 476. 
Augustin 1536. 
Avellan 37. 
Balfour 116f. 118. 121. 176. 204. 256. 243. 
44. 254. 275. 287. 376. 396. 
Baratieri 17. 82. 
Barnardiston 292. 
Barrère 128. 191. 194. 262. 
Barzilai 192. 
Berard 128. 
Berchtold 443. 446. 459. 
Beresford 62. 118. 
Berteaux 263. 
Bertie 264. 
v. Bethmann Hollweg 385. 386. 387. 391f. 
396. 405. 407f. 424 f. 426 f. 428f. 431. 
438. 459. 440. 451. 453. 459. 461. 462. 465. 
Bihourd 261. 
Biemarck, Fürst Otto v. 1. 2. 3. 4. S. 7. 8. 
Sf. 11. 12 ff. 15. 16. 17. 19ff. 25ff. 26f. 
28. 30. 34. 39f. 45 f. 51. 53. 55. 56. 59. 
60. 61. 66. 69. 77. 86. 92. 95. 94. 99. 
105 f. 125. 138. 1539. 192. 208. 228. 230. 
308. S17. 335. 345. 362. 392fF. 
Bismarck, — HHerbert 14. 30. 47. 
Bluhme 27 
Boulanger 252 
Bowen 215f. 
Brandes 279. 
Brodrick 238. 
Bülow, Fürst 99. 100. 109. 112. 117. 119.120. 
121. 122. 130. 154. 136. 139. 144. 145. 147 . 
149. 152. 154. 155. 161. 162. 164f. 171. 
172. 175. 175 ff. 178. 180 f. 1853. 188. 195. 
196. 197. 198. 201 f. 212. 230 ff. 236. 237. 
240. 241. 255f. 257. 2539. 260. 261. 262. 
265. 268. 270. 271 ff. 281. 283. 284. 286. 
289. 301 f. 505. 306 f. 508. 509. 312f. 517. 
321 f. 525. 332 f. 554. 561. 364. 366f. 368. 
S71. 375. 376. 377f. 585. 386 f. 399. 451. 
Busch 45. 
Buxton 347. 
Caillaux 406. 409. 410. 
  
Personennamen. 
Cairoli 10. 11. 
Cambon, JZules 320. 374. 398. 401. 
Camon Paul 128. 129. 144. 200. 221. 262. 
Campbell-Bannerman 254. 287f. 295. 298. 
299. 300. 305. 317. 396. 
Canevaro 131. 132. 
Canrobert 123. 
Caprivi 7. 18. 22. 25f. 27. 28. E#n 35. 36. 
38. 39. 40 f. 26 46f. S2. 53. 56f. 59. 
60. 99. 105f. 230. 307. 
Carnot 31. 36. S7f. 2 55. 123. 
Caftro 210. 
Chamberlain 70. 80 ff. 88. 118. 119. 121. 
122. 123. 126. 129. 130. 140. 141. 142. 
148ff. 152. 173. 174. 176. 178. 205 f. 206. 
207. 231. 244. 
Sprstian IK., König von Dänemark 278# 
burchill Beff. 
Clémenceau 327. J73. 
Constant 31. 
Corti 10. 11. 
Cranborne 212. 
Crispi 4 11f. 13. 14 16. 30. 32. 54. 55 
63. 65. 134. 1939f. 
Curzon vIn 316. 322. 353f. 
Danew, Dr. 450. 458. 
Delafosse 235. 
Delcassé 126. 127. 128. 129. 130f. 1534. 147 
190. 191. 192. 194. 200. 205. 221. 
229. 230. 234. 235. 236. 238. 260 ff. 263 ff. 
267 ff. 270. 276. 278 f. 285 f. 291. 322. 40 
412. 464. 475. 
Derby 10. 192. 
Deschanel 235. 
Oetring 83. 
Dewey 136. 137. 
v. Oiederichs ioof. 156. 137. 
Dilke 245. 
Disraeli 10. 
Draga (Maschin), Königin von Serbien 345. 
Drago 304. 
Ducarne 292. 
Eckardtstein 178. 179. 180. 181. 183. 
Eduard VII., König von England 28. 29. 
35. 179. 198. 199 f. 205. 205. 221. 234. 
235. 238. 239. 241 f. 255. 264. 273. 275. 
276 f. 279. 284 f. 288. 291. 294. 303. 309. 
311. 317 f. 555. 348. 349. 351 f. 553. 358. 
360. 371. 373. 375 f. 589. 394 ff. 424. 425. 
429. 455. 477. 
Enver Pascha 415. 457. 465. 
Etienne 256. 
Faber 410f. 420. 
Faure 102f. 
Ferdinand König von Bulgarien 20. 360. 
4 
Fergusson 32. 33. 
8
        <pb n="521" />
        Verzeichnis der Personennamen. 
479 
  
       
     
   
30. 
3. 31 f. 228. 
230. 
254. 
298. 
243. 
Admiral 131. 
Dr. 354. 
Ferdinand, Erzberzog von Osterreich 
o 477. 
ran Folrt Kaiser von Osterreich 19. 
⅛ loc. 332. 340. 353. 357. 359. 360. 388. 
450. 458. 468. 
4. 6. 
4. 31f. 
196. 
„ODeutscher Kaiser 9. 
der Große 176. 
Kaiserin 35. 
Wilhelm, Deutscher Kronprinz 388. 
    
   
Genua, Herzog von 191. 
Georg I., König von Griechenland 105. 
Georg V., König von England 463. 476. 
Germinet 423. 
Gervais 31. 
v. Giers S. 5. 19. 
Giolitti 413. 415. 416. 466. 
Gladstone 53. 
v. der Goltz 413. 
Goluchowski 196. 200 f. 286. 
Gortschakow 2. 3. 
Goschen 159. 243. 
Granville 26. 
Greindl 293. 309. 376. 
Gren 125. 204f. 254. 274 f. 276. 287. 288. 
294. 314f. 517. 350. 35 1. 356. 376. 378f. 
396. 406ff. 411. 420. 424. 428. 429. 432. 
456. 439. 452. 461 f. 471. 475. 476. 
Haldane 294. 295. 364. 380. 419ff. 426ff. 
429. 431. 432. 436 f. 
Hamilton 62. 
Hanotaux 83. 124. 126. 127. 130. 228. 
Hansen 9. 332. 
Hardinge 288. 318. 351. 352. 376. 
v. Hartwig 444. 447. 
Hatzfeldt 241. 151. 180. 
296. 
ay 
Hayaschi 178f. 180. 
Beinrich, Pein von Preußen 211. 212. 215. 
Herbette 4 
Hohenberg, Herzogin von 477. 
Hohenlohe, Fürst 7. 22. 25f. 29f. 42. 59. 
72. 76. 84 f. 94. 99. 100. 105. 160. 230. 307. 
Hohenlohe, Kardinal 32. 
v. Holleben 211. 
Hollmann 75. 76. 
v. Holstein 75. 
Humbert, König von Ztalien 35. 131. 
v. Jagow 417. 4560. 465. 
Jameson, Dr. 71. 74. 75. 77. 
  
  
  
Jaureèe 264. 454. 
Zmtbriani 193. 
JSoswolsti mkuinm . 35Sf. 361. 363. 367. 
371. 38 
gto 179. 182 
Juoanschikai 163. 
« Kaiserin-Mutte- von China 163. 164. 167. 
Kalle 47. 
Kalnokp 19. 
Karl I., König von Portugal 257. 
Korel, König. von Rumänien 388. 457. 460. 
Katkow 3. 24. 
Kato 178. 
v. Kettler 164. 166. 
v. Kiderlen-Waechter 324. — 386. 391. 
8 397f. 4Sett. 402f. 407. 409. 415. 
418. 440. 448. 452. 453. 465. 
Kitchener 120. 125 . 
Knollpe 277. 
Knorr 75. 
Kokowzow 439. 470. 
Konstantin, Großfürst 36. 
en tntin, König von Griechenland 459. 
Koweit, Scheie von 435. 436. 
Krüger' 69. 70 f. 72. 75. 75. #r 72. 82. W. 
122. 140. 141. 142. 145. 
Labouchère 29. 
Lagarde 126. 
Lambedorf 172. 186. 200. 
de Lanessan 129. 157. 
Lans 164. 
Lansdowne 171 f. 179. 200. 206. 208. 227. 
236. 254. 264. 275. 287. 341. 342. J96. 
Laovigerie 32. 
Lee 252f. 285. 297. 299. 
Leyds, Dr. 90. 
Lichnowsky 463. 
Li-hung-Tschang 83. 
Liman v. Sanders 420. 471. 
List, Friedrich 334. 
Llopd George 405. 406 f. 408. 410. 424. 
Loubet 191. 198f. 200. 205. 221. 234. 
  
Ma, General 236. 
Macdonald 179. 
Mac Kinley 146. 
Majorescu 457. 
Malet 28. 
Mannesmann 326. 
Marchand 125f. 
v. Marschall 19. 23. 34. 54. 71. 72. 73. 74. 
75. 76. 78 ff. 81. 82. 85. 106 f. 109. 122: 
201. 271. 286. 305. 304. 345. 414. 
May 204. 
Meline 102. 
Menelik 126. 
Milan, König von Serbien 345. 346. 
Nilner 140. 141. 
Mohammera, Scheil von 435.
        <pb n="522" />
        480 
Verzeichnis der Personennamen. 
  
v. Mohrenheim 4. 6. 
Moinier 398. 
v. Moltke 30. 334. 
Monte 57. 417. 
Mulai Hafid 325f. 597. 398. 
Müller 47. 
Münster 26. 42. 127. 
Muraview 295. 
Napoleon I. 50. 
Napoleon III. 333. 
Nelidow 305. 
Nikita, König von Montenegro 454. 
Nikolai Ni#kolajewitsch, Großfürst 444. 
Nikolaus II., Kaiser von Rußland 37. 85.86f. 
92. 102f. 106. 111. 123. 156. 164. 166. 172. 
200. 214. 238. 270. 277. 289. 295. 296. 
308. 317. 351. 361. 388. 389. 390 f. 439. 
447. 458. 463. 467. 
v. Osten-Sacken 444. 
Dasitsch 346. 
Bercy 256. 
eter der Große 474. 
beter Karageorgewitsch, König von Ser- 
bien 345 f. 
Peters 39. 
v. Pfeil 7. 
VPichon 320ff. 551. 422. 
Pinon 127. 128. 
Peineart 41. 459. 441. 447. 448. 455. 454. 
45 
v. Pourtales 367. 
Prinetti 192. 195. 196. 
Nadolin 231. 260. 261. 
Radoslawow 468. 
Radowitz 282. 
Rampolla 32. 
v. Ranke 334. 
Rantzau 93. 
Rawson 131. 135. 
Rhodes 70. 71. 72. 75. 80. 122. 
Ribot 4. 31. 
Richter 62. 
v. Richthofen 261. 
Rieunier 55. 
Noberts 379. 380. 
Robilant 12f. 
Rohlfs 230. 
Rojestwenski 238. 
Romanones 235. 
Roosevelt 157. 211. 296. 
Rosebern 53. 87f. 226. 
Rouvier 262. 265. 265. 270. 272. 275. 274. 
di Rudini 32. 196. 
Saliebury 11. 14. 29. 30. 33. 43. 50. 53. 
74. 105. 106. 107. 108. 130. 142. 146. 
148. 151. 166. 171. 178. 179. 185. 20 4.254. 
Saionji 179. 
San Giuliano 413. 414. 415. 416. 417. 418. 
419. 465. 
Schäffle 92f. 
  
2M2M2 
262. 
Stanley 50. 
  
Schnäbele 5 
v. Schoen 3 
Schuwalow 20. 25. 26. 
Selborne 244. 
v. Senden-Bibran 75. 
Seymour 164. 
Skobelew 5. 6. 369. 
Sophie, Prinzcssin 33. 
Spanien, Königin-Regentin von 211. 
Speck von Sternburg 217. 
Ssasonow 391. 392. 393. 459. 440. 444.4½ 
[40. 475. 
Stolberg 175. 
v. Stosch 57. 
Suchomlinow 474. 
Sugimura 4069. 
Swerbejew 444. 
v. Szögyenyi-Marich 367. 
Taft 220. 
Taillandier 257. 258. 262. 274. 
Tattenbach 261. 
v. Tirpitz 95. 96. 97. 98. 155S. 158. 250. 251. 
577. 387 f. 411. 429. 457. 
Tittoni 263. 268. 358. 363. 
Tscharpkow 441. 444. 
v. Agron 191. 
Valter 422. 
Bassos 105. 
Benizelos 446. 469. 
Biktor Emanuel III., König von IZtalien 
1o#f. 197. 198. 199. 200. 319. 388. 389. 
415. 418. 465. 
Biktoria, Königin von England 67. 69. 78. 
120. 140. 154. 199. 211. 
Biktoria Louise, Prinzessin von Preußen 464. 
Viljoen 145. 
Waddington 11. 
Waldersee 38. 164 ff. 1 
Wales, Prinz von #n 54. 55. 65. 
Welseröheimb 282. 
Werner 51. 
White 136f. 211. 
Whitman 93. 
Wilhelm, Prinz zu Wied 461. 
Wilhelm I., Deutscher Kaiser 8. 19. 69. 
Wilhelm II,, Deutscher Hailer 8. 14. 28. 
29f. 33. 5äf. 36. 47. 48. 57f. 60ff. 65. 
66. 67. 70. 74. 75. 76. 7. 78. 86 f. 91. 
92. 95. 96. 97. 103. 105. 106. 111. 117. 
120. 125f. 142. 145. 144. 145f. 1221. 
154f. 158. 164. 180. 187. 188. 211. 
217. 219f. 241 f. 235. 2587. 258 f. 270. . 
275. 277. 278. 285 f. 289. 291. 294. 301. 
508. 527. 334. 537. 345. 570. 371. 373. 
375. 376. 385. 388. 389. 391. 394. 414. 
418. 452. 459. 459. 460. 462. 465. 469. 
Wilhelmina, Königin der Niederlande 327. 
Wilson, Admiral 278. 
Wolff-Metternich 180. 262. 264. 406. 
Vounghusband 241. 
  
E. S. Mittler &amp; Sohn, Berlin SW 68, Kochstr. 68—71.
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