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Die  Akten  studentische  Korporationen  als  Quellen
für  Familienforschung,

Von  Dr.  Hans  Menzel,  Charlottenburg.

Einen  kurzen  Reiseaufenthalt  in  meiner
früheren  Alma  mater  wusste  ich  vor  einiger
Zeit  nicht  besser  auszunützen,  als  meine  alte
Verbindungskneipe  wieder  einmal  aufzusuchen,
  Erinnerungen  aufzufrischen  und
einen  Dämmerschoppen  zu  machen.  Da  es
noch  früher  Nachmittag  war,  fand  ich  dort
niemand  von  den  jungen  Verbindungsbrüdern
vor,  als  den  fleissigen  derzeitigen  Schriftwart,
der  eifrig  bemüht  war,  den  Aktenschrank  zu
ordnen.  Neugierig  sah  ich  anfangs  zu,  nahm
hie  und  da  ein  Papier  oder  ein  Heft  zur
Hand  und  war  schliesslich  ganz  vertieft  in
die  Lektüre  der  alten  Akten.  Mit  besonderem
Interesse  nahm  ich  die  Aufzeichnungen  aus
meinen  Semestern  vor  und  bald  zog  die
schöne,  ernste  und  tolle  Zeit  noch  einmal
wieder  vor  meinen  Augen  vorüber.  Die
Gestalten  vieler,  die  ihr  Lebensweg  anderswohin
  geführt  hatte  wie  mich  und  die.  ich
ange  nicht  gesehen,  oder  mancher,  der  heute
so  ganz  als  biederer  Philister  auf  seinem
'Dorfe  haust,  früher  aber  der  Füchse  frohester
oder  der  Burschen  tollster  gewesen  oder
schliesslich  die  Bilder  derer,  die  nicht  mehr
unter  uns  weilen,  sie  erstanden  neu  vor
meinem  Geiste,  wie  ich  sie  damals  gekannt.

Da  ging  mir  mit  einem  Male  der  Gedanke
durch  den  Sinn:  was  liegt  doch  hier  für  ein
prächtiges  Material  für  die  Familienforschung
begraben!

‚Nicht  nur  bei  meiner  Verbindung,  sondern
überhaupt  in  den  Aktenschränken  der  studen-Archiv

  Nr.  1,  VIII.  Jahrg.

tischen  Korporationen.  Dabei  setze  ich
natürlich  voraus,  dass  andere  Korporationen
mit  derselben  Sorgfalt  und  Pietät  ihre  Akten
führen  und  bewahren,  wie  wir  es  machen.
Und  ich  denke,  ich  gehe  darin  nicht  fehl.
Vor  allem  die  den  alten  bekannten  Verbänden
  und  Korps  angehörigen  Korporationen.
  Aber  auch  die  häufig  so  sehr
mitgliedreichen  Verbindungen  der  Turnerschaften,
  Gesangvereine,  der  Vereinedeutscher
Studenten,  des  Wingolf  und  alle  übrigen
Verbindungen.  Sie  alle  hängen  ja  so  sehr
an  der  oft  gescholtenen  Ueberlieferung.
Mögen  sie  es  immer  tun,  soweit  sich  diese
Ueberlieferungen  mit  unserer  Zeit  vertragen.
Denn  wir  alle,  obwohl  wir  Kinder  unserer
Zeit  sind,  wurzeln  ja  in  der  Vergangenheit,
in  der  Ueberlieferung,  verdanken  ja  unser
ganzes  Sein,  körperlich  wie  geistig  denen,
die  vor  uns  waren.  Das  weiss  niemand
besser  als  der  Familienforscher.  "
Unter  unsern  Vorfahren,  Vätern,  Grossvätern,
  Urgrossvätern  und  Onkeln  der  verschiedensten
  Grade,  deren  Lebensschicksalen
wir  nachspüren,  ist  wohl  manch  einer,  der
auf  der  Universität  und  der  auch  aktiv  gewesen
  ist.  Von  ihm  erfahren  wir  ja  noch
leicht  Geburtstag,  Tauftag,  Konfirmation,
Hochzeit  und  Sterbetag  aus  den  Kirchenbüchern
  und  anderen  Registern.  Auch  von
anderen  Daten  und  Taten  seines  Lebens  erlangen
  wir  vielleicht  unschwer  Kenntnis,  so
von  Schul-  und  Studienzeit,  Militärjahr,  Beförderungen
  und  Examinas;  von  Aemtern
und  Würden;  Orden  und  Ehrenzeichen.  Aber
das  alles  ist  doch  nur  ein  Gerippe.  Der.
Sohn  und  Enkel  möchte  gern  den  Rahmen
der  starren  Daten  durch  Fleisch  und  Blut,