durch  das  Lebensbild  ausfüllen.  Beim  Vater
geht  es  noch,  schwerer  bei  Grossvater  und
gleichaltrigen  Angehörigen.  Zum  Teil  hilft
mündliche  Ueberlieferung,  helfen  Briefe  und
Tagebücher.  Meist  aber  bleibt  ein  Teil  des
Rahmens  leer:  Die  Zeit  der  Studienjahre.
Oder  er  ist  nur  mit  einem  farblosen  nichtssagendem
  Bilde  erfüllt:  ob  Vater  oder  Grossvater
  ein  fleissiger  Student  oder  ein  forscher
Bursch  gewesen.  Kleine  Einzelzüge,  die  ein
farbiges  Bild  aus  dieser  Zeit  geben  könnten,
fehlen  meist.  Und  doch  ist  gerade  diese
Zeit  so  wichtig  und  so  interessant.  Wenn
nämlich  der  Forscher  ein  persönliches,  tiefgehendes
  Interesse  für  seine  Forschungsobjekte,
  hier  für  seine  Vorfahren  hat.  Denn
die  Studentenjahre  bieten  so  oft  den  Schlüssel
zu  der  ganzen  Entwickelung  späterer  Zeiten.
Hier  krümmt  sich  das  Häkchen,  das  ein
Haken  werden  will,  schon  recht  merklich.
Und  aus  dieser  Zeit  gibt  es  so  eigentlich
nicht  recht  einen  Anhalt  dafür,  wie  die
innerliche  Entwickelung  vor  sich  gegangen
ist.  Später  sprechen  die  Beschäftigung,  die
wissenschaftlichen  oder  praktischen  Arbeiten
eine  beredte  Sprache.

Da,  denke  ich,  springen  die  Akten  der  Korporation
  in  vielen  Fällen  hilfreich  ein.  Man
denke  an  die  Züge,  um  die  die  Akten  seines
Korps  Bismarcks  Lebensbild  bereichert  haben.

Zuerst  kommt  von  diesen  Akten  wohl
das  grosse  Stammbuch  der  Korporation
in  Betracht.  In  demselben  ist,  so  denke  ich
wird  es  auch  bei  anderen  Korporationen
sein,  Namen,  Herkunft,  Alter  und  Studium
eines  jeden  verzeichnet.  Dazu  ist  die  Dauer
seiner  Aktivität,  die  Rolle,  die  er  gespielt,
1.  h.  Chargen  und  Aemter,  die  er  bekleidet,
seine  Inaktivierung  und  schliesslich  sein
Uebertritt  ins  Philisterium  gebucht.  Aber
weiter  sind  noch  aile  Personalien  getreulich
nachgetragen:  Die  Examina,  die  er  bestanden,
die  Aemter,  die  er  erhalten,  seine  Wohnorte,
seine  Verheiratung,  die  Kinder,  die  er  gezeugt,
und  schliessich  auch  sein  Todestag  sind  aufgezeichnet.
  Dieses  Stammbuch  gibt  also
schon  eine  ganze  Reihe  von  wertvollen  Daten.

Sodann  sind  von  Wichtigkeit  die  den  Mitgliedern
  periodisch  übersandten  Korporations

  und  Verbandszeitschriften,  Semesterund
  Jahresberichte.  In  ihnen  sind  alle
Angehörigen  der  Korporation  namentlich
aufgezählt  in  die  wichtigsten  Ereignisse  erwähnt
  und  besprochen.

Unendlich  wertvoller  sind  aber  die
Protokolle  der  Konvente.  In  ihnen  finden
alle  in  der  Korporation  vorfallenden  Ereignisse,
  auch  die  kleinsten  und  regelmässig
wiederkehrenden  Erwähnung  und  aus  ihnen
geht  mit  aller  Schärfe  und  Klarheit  hervor,
was  ein  jedes  Mitglied  der  Korporation  in
derselben  für  eine  Rolle  spiel.  In  den
Conventsprotokollen  zeigt  sich  schon  der
angehende  Redner  und  Organisator.  In
ihnen  ist  der  Raufbold,  der  Friedfertige,  der
Aengstliche  und  der  Zügellose  deutlich  erkennbar.
  Der  Charakter  eines  jeden  pflegt
sich  in  diesen  Aufzeichnungen  mit  Sicherheit
  abzuzeichnen.  Deshalb  sind  diese  Protokolle
  von  grösster  Wichtigkeit.

Wo  besondere  Paukbücher  geführt
werden,  sind  auch  sie  recht  lehrreich.

Während  in  den  bisherigen  Arten  von
Akten  lediglich  Sachlichkeit  und  offizieller
Ernst  herrscht,  zeigen  die  Kneipzeitungen
die  heitere  und  oft  ausgelassene  Zeit  des
Korporationslebens  und  damit  auch  eines
jeden  ihrer  Mitglieder.  Der  zukünftige  Dichter
und  Humorist  ist  oft  aus  denselben  mit
greifbarer  Klarheit  zu  erkennen.  Kneipzeitungen
  und  Bierulke  in  ihrer  ungeschminkten
  Derbheit  bieten  oft  dem  Forscher
eine  unerschöpfliche  Fundgrube  von  Charakterbildern.
  Deshalb  sind  sie  so  wertvoll.

Und  schliesslich  pflegen  dieKorporationen
von  ihren  Mitgliedern  durchweg  Bilder
aufzubewahren,  darunter  solche,  in  deren
Besitz  die  Familie  des  Betreffenden  kaum
gekommen  ist.  Solche  Bilder  können  dann
für  die  Familienforschung  von  grösstem  Interesse
  sein.

DieseSchätze  von  unzweifelhaft  wichtigem
kulturhistorischem  Interesse,  in  denen  sich
oft  auch  die  Stellung  der  Korporation  und
ihrer  einzelnen  Mitglieder  zu  den  grossen
geschichtlichen  und  kulturgeschichtlichen  Ereignissen
  spiegelt,  sind  nun  aber  nicht  so
ohne  weiteres,  auch  nicht  für  den  Familien-