Nibelungenliedes  erinnert  zu  werden,  an
Siegfried,  Hagen,  Gunther,  Dietrich,  Rüdiger,
Namen  die  wir  sämtlich,  wenn  auch  vielleicht
ein  wenig  verändert,  in  der  Gegenwart  als

Familien-Namen,  zum  Teil  auch  als  Vor-.

namen  häufig  finden.  Einzelne  reichen  noch
höher  hinauf,  bis  zu  den  Anfängen  der
germanischen  Geschichte,  wie  sie  uns  freilich
in  lückenhafter  Kunde  Griechen  und  Römer
überliefert  haben,  ja  über  Armin  und  Marbod
hinauf  in  Zeiten,  da  wohl  noch  kein  Germane
Fuss  und  Speer  auf  den  Boden  des  nachmaligen
  Deutschland  gesetzt  hatte.

Nun  haben  aber  die  Eigennamen  mit
der  stetigen  Weiterentwicklung  der  Sprache
nicht  gleichen  Schritt  gehalten,  sie  sind  je
länger  je  weniger  mitgegangen,  zumal  seit
sie  als  Familiennamen  festgeworden.  Die
Veränderungen,  welche  die  Sprache  zu  erleiden
  gehabt,  haben  sie  als  das  geheiligte
Eigentum  des  einzelnen  nicht  gleichmässig
mitgemacht,  sie  sind  stehen  geblieben;  die
Stürme  der  Zeiten,  welche  die  alten  Sitten
und  Weisen  hinweggefegt,  haben  sie  nur
wenig  berührt.  So  stehen  die  Namen  da
gleich  den  Ruinen  der  Ritterburgen,  als
Zeugen  einer  vergangenen  Zeit.  Die  alten
Wortformen  sind  untergegangen  in  dem
sonstigen  Gebrauch  der  Sprache,  manche
Stämme  und  Wurzelwörter  ganz  abhanden
gekommen,  wie  Zweige  eines  Baumes  ganze
Stämme  verdorren;  doch  in  den  Namen  sind
sie  noch  da,  wenn  auch  dem  Verständnis
entrückt.  So  verstehen  wir  z.  B.  von  dem
Namen  Hildebrand  die  letzte  Silbe  wohl  noch,
was  heisst  aber  hilde?  Hier  gibt  uns  unser
Neuhochdeutsch  nicht  mehr  Aufschluss,  wir
müssen  weiter  hinaufsteigen,  zum  Altdeutschen,
  um  den  Schlüssel  für  diesen  noch
jetzt  gar  nicht  seltenen  Namen  zu  holen.
Hild  heisst  Kampf,  Schlacht,  also  Hildebrand:
Kampfesbrand,  Schlachtenbrand  —  gewiss
ein  trefflicher  Name  für  einen  Helden,  der
wie.  verzehrendes  Feuer  um  sich  her  wütet
in  der  Schlacht!  Aehnlich  ist  es  mit  der
Silbe  mar,  berühmt,  in  Waldemar  (berühmt
im  Walten),  Germar  (speerberühmt),  sowie
mit  rud,  welches  gleichfalls  »berühmt«  bedeutet,
  in  Rudolf,  Rüdiger.  So  könnten  der

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verschollenen  Stämme  noch  gar  manche  angeführt
  werden;  andere  haben  wenigstens
ihre  Bedeutung  geändert,  wie  schalk  (ursprünglich
  »Knecht«),  und  wir  als  geborene
Deutsche  müssen  bei  den  Gelehrten  Rat
suchen,  um  uns  diese  urdeutschen  Namen
wie  fremde  erklären  zu  lassen.  Es  ist  Moos
darum  gewachsen,  Rost  hat  sich  auf  das
Metall  gelegt  und  will  mit  behutsamer  Hand
entfernt  sein,  ehe  uns  wieder  der  edle,  reine
Metallglanz  entgegenstrahlt.

So  nehmen  denn  die  Eigennamen  eine
besondere,  eine  Ausnahmestellung  in  der
Sprache  vor  allen  anderen  Wörterklassen
ein;  sie  gehen  nicht  mit  der  Zeit  mit,  sie
kümmern  sich  nicht  darum,  ob  man  sie
versteht,  sie  haben  ihre  eigenen  Formen,  die
nicht  angetastet  werden  dürfen,  ja  ihre  eigene
Rechtschreibung.

Aber  es  ist  nicht  allein  das  hohe  Alter
der  Namen  und  ihre  von  daher  grossenteils
bewahrte  Form,  wodurch  sie  so  dunkel  und
rätselhaft,  fast  hieroglyphengleich  geworden
sind  —  auch  die  mannigfachen  Mundarten,
in  welche  sich  das  Deutsche  spaltet,  tragen
dazu  bei,  die  Bedeutung  der  Familiennamen
zu  verhüllen.  Als  diese  sich  bildeten,  waren
die  verschiedenen  Mundarten  Deutschlands
noch  in  voller  Blüte,  eine  allgemein
herrschende  Schriftsprache  war  noch  nicht
vorhanden.  So  setzten  sich  denn  auch  die
Familiennamen  für  jede  Landschaft  zunächst
in  der  dort  verbreiteten  Mundart  fest.  Sieht
man  sich  z.  B.  die  lange  Reihe  pommerischer
Namen  aus  der  Zeit  Herzog  Bogislaw  X.  an,
wie  sie  Klempin  in  seinen  »Diplomatischen
Beiträgen  zur  GeschichtePommerns«  aufstellt,
so  wird  man  alles,  was  darin  an  Namen
deutsch  ist,  eben  als  niederdeutsch  erfinden:
Apenborch,  Benekendorp,  var  deme  Berghe,
Bilrebeke,  Blome,  Boddeker,  Bokholt  usw.
Als  nun  nach  Luther  das  Hochdeutsche
auch  im  Norden  als  Schriftsprache  durchdrang,
  wurden  diese  »plattdeutschen«  Namen
allerdings  zum  grössten  Teile  dem  neuen
Lautsystem  angepasst,  aber  doch  nicht  ausnahmslos:
  viel  Niederdeutsches  blieb  und
bleibt  bestehen.  So  schimmert  die  ursprüngliche
  mundartliche  Grundlage  für  ganz