eines  Stadtverordneten-  oder  Lehrerkollegiums
  —  in  dem  östlichen  Deutschland,
und  man  wird  selten  die  Namen  rein
deutsch  finden.

Wir  haben  es  also  in  der  Welt  der
Familiennamen,  wie  sie  gegenwärtig  in
Deutschland  ist,  mit  einem  Gemisch  nicht
bloss  aus  verschiedenen  Zeitaltern  und
Mundarten,  sondern  sogar  aus  ganz
verschiedenen  Sprachen  zu  tun.  Dadurch
wird  begreiflicherweise  die  Erforschung  der
Namen  ausserordentlich  erschwert.  Nur
derjenige  könnte  ev.  vollkommen  gerüstet
ans  Werk  gehen,  die  in  Deutschland  jetzt
vorkommenden  Familiennamen  zu  erklären,
welcher  eine  umfassende  Sprachkenntnis
besitzt,  nicht  allein  des  Deutschen  nach
seinen  Verzweigungen  und  des  Romanischen,
sondern  vor  allen  Dingen  auchdesSlawischen,
und  zwar  in  seinen  verschiedenen  Mundarten.

Aber  selbst  wer  diese  umfassende  Sprach--kenntnis
  besitzt,  hat  doch  noch  genug  Hindernisse
  zu  überwinden.  Ja,  wenn  die  Namen
in  reiner  unverfälschter  und  unentstellter
Form  vorlägen!  Aber  wieviel  Entstellungen,
Verstümmelungen  und  besonders  Umdeutungen
  haben  sie  sich  müssen  gefallen
lassen  trotz  aller  beanspruchten  Unantastbarkeit,
  die  fremden  zumal,  die  man  nicht  verstand!
  Butzlaff  statt  Bogislaw  (Bugslaff)  ist
noch  nicht  arg;  wenn  aber  Warneking  (Verkleinerungsform
  von  Werner)  sich  in  Warnkönig,
  wenn  Christian  sich  einerseits  in
Kirschstein,  anderseits  in  Kasten,  Bley  gar
sich  in  Pflaumbaum  wandeln  konnte,  so
sieht  man,  dass  hier  Dinge  möglich  sind,
die  bei  den  Gemeinnamen  (Apellativen)
glücklicherweise  zu  den  grössten  Seltenheiten
gehören.

Das  alles  sind  unabsichtliche  Entstellungen;
  es  kommt  aber  auch  vor,  dass  der
Träger  eines  Namens  in  bewusster  Weise
diesen  Namen,  weil  er  ihm  nicht  zusagt,
umändert  und  entstellt,  z.  B.  ein  Fassbinder
nennt  sich  Vasbender,  ein  Knieriem  schreibt
sich  wenigstens  Cnyrim.  Das  ist  ein  harmloses
  Vergnügen;  ganz  anders  ist  es,  wenn
jemand  seinen  ehrlichen  Namen  verachtet,
weil  er  nur  deutsch  ist,  und  ihn  in  ein  fremd-34



artiges  Gewand  hüllt,  damit  er  vornehmer
klinge.  Inder  Art  versündigten  sich  besonders
die  Gelehrten  im  16.  und  17.  Jahrhundert,
indem  sie  ihre  untadeligen  deutschen  Namen
latinisierten,  ihnen  zuweilen  eine  recht
schlotterige  Toga  umwarfen.  Weil  man
dabei  ziemlich  willkürlich  und  gewaltsam
verfuhr,  so  ist  die  Rückübersetzung  häufig
schwierig.  Olearius  z.  B.  kann  die  Uebersetzung
  von  3  Namen  sein:  Oehlmann,
Oehler,  Oehlenschläger.  Andere  sind  gar
nicht  mehr  nach  ihrer  Bedeutung  zu  entziffern.


So  haben  denn  gar  mannigfache  Einflüsse
verschleiernd  und  verdunkelnd  auf  die
Familiennamen  eingewirkt.  Dieselben  sind,
um  es  nochmals  zusammenzufassen:  1.  Das
Alter  der  Namen,  das  nach  Jahrhunderten,
zum  Teil  nach  Jahrtausenden  zu  berechnen

ist,  und  in  Verbindung  damit  die  verschiedenen
  Entwickelungsstufen  der
Sprache;  2.  der  trübende  Einfluss  der

Mundarten;  3.  die  Mischung  mit  fremden
Sprachelementen;  4.  Missverständnisse
und  willkürliche  Entstellungen.  Daher
ist  es  denn  auch  kein  Wunder,  wenn  die
grosse  Mehrheit  der  Familiennamen  uns  so
unverständlich  ist,  wenn  die  tausende  und
abertausende  von  Namen,  die  unter  diesen
Einflüssen  zusammengekommen  sind,  das
Bild  eines  dichtverschlungenen  Urwaldes
darbieten,  in  welchem  man  fast  bei  jedem
Schritt  auf  Schwierigkeiten  und  Hindernisse
stösst.

Freilich  ist  es  schwer,  manchmal  auch
gar  unmöglich,  Bedeutung,  Sinn  und  Ursprung
mancher  Namen  zu  ergründen,  aber  wo  es
möglich  ist,  da  erschliessen  sich  unsganzneue,
unverfälschte  Quellen  für  die  Erkenntnis
der  Denk-  und  Sinnesart  unserer  Vorfahren
in  längst  vergangener  Zeit.  —  Die  Familienoder
  Geschlechts-Namen  gleichen  den  Versteinerungen
  der  Urzeit:  aus  den  Umwälzungen
  früherer  Perioden  sind  sie  übrig
geblieben  als  Zeugen  von  dem,  was  einstmals
  war.

So  ist  es  also  durchaus  keine  undankbare
Mühe,  es  ist  vielmehr  eine  wirklich  schöne
und  nach  mehr  als  einer  Seite  hin  lohnende