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Gedenke  mein!  so  ruft  es  aus  den  Zweigen
Des  Stammbaums  deinem  Enkelkind  entgegen,
Wie  feurig  auch  die  Kräfte  sich  bewegen  —
Gedenke  mein!  es  wird  der  Tag  sich  neigen.

Gedenke  mein!  sieh  deine  Väter  flehen,
Dass  sich  dein  Leben  köstlich  mag  gestalten,
Doch  kommt  die  Zeit,  dann  wird  wie  bei  den  Alten

Ein  schwarzes  Kreuz  auf  deinem  Schilde  stehen.
Hermann  Unbescheid.

Th  Famiienorschung  1"

Von  Dr.  Hans  Menzel-Charlottenburg.

Schön  ist  es,  den  Spuren  seines  Geschlechts
  nachzugehen  ;  denn  der  Stammbaum
  ist  für  den  Einzelnen  das,  was
die  Geschichte  des  Vaterlandes  für  ein
ganzes  Volk  ist.

Esaias  Tegner.

Eine  Geschichte  und  einen  Stammbaum
zu  haben,  war  ehedem  das  Vorrecht  der
fürstlichen  und  adeligen  Geschlechter.  Nur
wenige  hervorragende  bürgerliche  Familien,
wie  Geistliche,  höhere  weltliche  Beamte,
Gelehrte,  Kaufleute  u.  a.  teilten  diesen  Vorzug
  mit  jenen.  Alle  übrigen,  der  Bürger
in  der  Stadt  wie  der  Bauer  auf  dem  Lande,
entbehrten  vor  Zeiten  jeder  gedruckten  oder
geschriebenen  Familiengeschichte.  Sie  bedurften
  aber  auch  gar  keiner.  An  deren
Stelle  stand  bei  ihnen  die  Familienüberlieferung.
  Seit  Geschlechtern,  ja  seit  Jahrhunderten
  sassen  sie  und  ihre  Vorfahren  in
ihren  Häusern  und  auf  ihren  Höfen.  Eine
Generation  folgte  der  anderen.  Von  den
Alten  erfuhren  die  Jungen,  wie  es  früher

*)  Mit  freundl.  Bewilligung  des  Verfassers  aus
dem  Juniheft  »Hannoverland«  Jahrgang  1907  abgedruckt.
  Schriftleitung.

Archiv  Nr.  4,  VIII.  Jahrg.

gewesen  war.  Die  Jungen  behielten  es,  bis
sie  auch  alt  waren.  Da  erzählten  sie  es
ihren  Kindern  weiter.  Man  hatte  ein  besseres
Gedächtnis,  als  man  noch  nicht  so  viel  schrieb
wie  heute.  Und  wenn  man  je  mal  etwas
vergessen  hatte,  dann  erzählten  Haus  und
Hof,  dann  sprachen  die  alten  ererbten  Geräte
und  Möbel  ein  gewichtig  Wort.  Dort  die
Tür  hat  der  Grossvater  gezimmert  und  die
Jahreszahl  darauf  eingeschnitten.  Der  Milchkübel
  stammt  noch  aus  Grossmutters  Zeiten,
wie  Buchstaben  und  Zahlen  auf  ihm  zeigen.
Urgrossvaters  Lehnsessel  steht  noch  hinter
dem  Ofen  und  Grossmutters  zierlich  geschnitzte
  Aussteuertruhe  birgt  noch  heute
des  Hauses  Linnen.  Früher  wechselte  man
nicht  so  oft  mit  dem  Hausrat.  Was  man
einmal  anschaffte,  hielt  fürs  ganze  Leben,
wohl  auch  noch  für  Kind  und  Kindeskinder.
Das  war  dann  die  Familienchronik  der
früheren  Zeit.

Man  hatte  früher  auch  einen  starken
Familiensinn.  Die  ganze  Verwandtschaft  oder
Freundschaft,  wie  man  es  an  manchen  Orten
nannte,  kannte  sich  untereinander.  Ein  Gefühl
  der  Zusammengehörigkeit  verband  die
einzelnen  Familienmitglider  unter  sich;  das
kam  besonders  bei  Familienfestlichkeiten,
wie  Hochzeit  und  Kindtaufe,  sowie  bei
Trauerfällen  zum  Ausdruck.

Aber  es  folgte  eine  Zeit,  in  der  diese
Verhältnisse  sich  gewaltig  änderten.  Das
war,  als  die  Sesshaftigkeit  der  Bevölkerung
nachliess  und  immer  grössere  Ansammlungen
von  Menschen  entstanden,  die  kein  eigenes
festes  Heim  mehr  hatten;  als  die  grossen
Städte  zu  wachsen  begannen.  Manch  eine
Familie,  und  nicht  die  schlechteste,  zog  es