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dorthin.  Da  passte  der  Urväter  Hausrat
nicht  mehr  in  die  engen  Mietswohnungen
hinein.  Er  wurde  verschleudert  und  verkam.
»Moderne  Möbel«  wurden  dafür  angeschafft.
Die  erzählen  nicht  mehr  von  früheren  Zeiten.
In  der  Stadt  aber  war  das  Leben  ja  so  teuer,
viel  teuerer  als  auf  dem  Lande.  Da  hiess
es  anders  arbeiten.  Man  hatte  keine  beschaulichen
  Mussestunden  mehr,  in  denen
von  alten  Zeiten  erzählt  wurde.  Grossmutter;
wenn  sie  nicht  schon  längst  der  Stadtluft
erlegen  war,  musste  jetzt  auch,  so  gut  es
noch  gehen  wollte,  mitarbeiten,  um  zu  verdienen.
  Man  hatte  keine  Zeit  mehr  für
Familiengeschichte.

Man  war  auch  zu  vornehm  gewoiden.
Die  Kinder  der  Generation,  die  in  die  Stadt
gezogen,  waren  schon  ganz  städtisch  erzogen  ;
keinem  merkte  man  mehr  an,  dass  seine
Familie  vom  Dorfe  stammte.  Ihre  Jungens
sollten  mal  studieren,  um  in  höhere  Stellungen
zu  kommen.  Die  Tochter  hatte  sich  mit
einem  Offizier  verlobt.  Da  durfte  man
niemanden  mehr  erzählen,  dass  Grossvater
noch  einen  kleinen  Hof  gehabt  und  hinter
seinen  Kühen  am  Pfluge  hergegangen  war
oder  dass  der  Urgrossvater  dem  Herrn  Amtmann,
  mit  dessen  Enkel  man  jetzt  gesellschaftlich
  verkehrte,  die  Schuhe  besohlt  oder
die  Hosen  geflickt  hatte.  Um  Himmelswillen,
die  Verlobung  könnte  ja  sonst  zurückgehen.

Aber  merkwürdig,  die  Natur  lässt  nicht
mit  sich  spassen.  Zahllos  sind  die  Fälle,
dass  solche  Familien,  die  vom  Lande  oder
aus  der  Kleinstadt  nach  der  Grossstadt
übergesiedelt  waren  und  dort  rasch  Reichtum
Stellung  erlangten,  von  der  dritten  Generation
ab  untergehen,  aussterben  oder  verkommen.
Wie  das  Reis  eines  Baumes  das  man  abgeschnitten
  und  in  einem  Wasserglase  ins
Zimmer  gestellt  hatte:  rasch  und  prächtig
blüht  es  auf,  um  bald  zu  welken  und  kläglich
zu  Grunde  zu  gehen,  während  die  Brüder
am  alten  Stamme  bescheiden,  aber  kräftig
weiter  blühen  und  Früchte  tragen.  Wir
stehen  indessen  heute,  wenn  nicht  alle  Zeichen
trügen,  am  Beginn  einer  neuen  Zeit.  Allenthalben
  regt  sich  ein  starkes  Heimatsgefühl,
das  sich  im  Entstehen  und  Aufblühen  zahlreicher

  Heimatvereine  und  Heimatschriften
kundtut.  Man  beginnt,  sich  wieder  fest  auf
den  Boden  der  Vergangenheit  zu  stellen  und
einzusehen,  dass  wir  ohne  dieselbe  in  der
Luft  schweben,  das  wir  weiter  nichts  sind
als  ein  Erzeugnis  des  vor  uns  Gewesenen,
ein  Glied,  und  zwar  das  derzeitig  letzte  und
äusserste  einer  langen  lückenlosen  Entwickelungsreihe,
  in  der  kein  Teilchen  fehlen
darf,  in  der  jeder  Einzelne  seinen  Platz  hat
und  uns  die  hohe  verantwortungsvolle  Aufgabe
  zufällt,  unserseits  das  Band  zu  bilden
zwischen  Vergangenheit  und  Zukunft.  Und
mit  dieser  Erkenntnis  von  dem  Werke  der
Vergangenheit,  von  dem,  was  wir  unseren
Vorfahren  zu  verdanken  haben,  beginnt  auch
immer  mehr  die  Achtung  und  die  Ehrfurcht
vor  denselben  zu  steigen,  die  man  früher
unbewusst  gehegt,  die  man  aber  leichtsinnig
über  Bord  geworfen  hatte,  als  man  meinte,
sich  auf  eigne  Füsse  stellen  zu  können.  Und
mit  der  Ehrfurcht  vor  unseren  Vorfahren
wächst  auch  die  Wertschätzung  alles  dessen,
was  sie  geschaffen  und  uns  hinterlassen
haben,  wächst  auch  das  Verständnis  und
die  Achtung  für  die  Umgebung,  in  der  sie
gelebt  und  gewirkt,  in  der  sie  geworden
und  vergangen.  Denn  die  Umgebung,  in
der  ein  Mensch  erwächst,  Land  und  Leute,
zu  denen  er  gehört,  mit  einem  Wort  die
Heimat,  der  ein  Mensch  entstammt,  ist  es,
die  mit  ihrer  Eigenart  auf  ihn  einwirkt  und
ihn  formt.  Deshalb  wächst  mit  dem  Interesse
und  der  Verehrung  für  die  Vorfahren:  auch
die  Heimatliebe.  Und  wie  Familiensinn
untrennbar  mit  Heimatliebe  Hand  in  Hand
geht,  so  darf  man  umgekehrt  das  allenthalben
erwachende  Heimatgefühl  als  ein  Vorzeichen
neu  erstehenden  Familiensinnes  mit  Freuden
begrüssen.

Es  ist  aber  ein  anderes  Heimatgefühl  und
ein  anderer  Familiensinn,  wie  er  früher  war
und  wie  er  jetzt  ist.  Jene  schlummerten
unausgesprochen  und  unbewusst  in  den
Seelen  der  Menschen.  Solange  diese  Gefühle
stark  waren,  taten  sie  ihre  Schuldigkeit.  Es
kam  aber  die  Zeit,  in  der  stärkere  und
dringlichere  Gefühle  auf  die  Menschen
einwirkten:  Habsucht,  Genusssucht  und