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Ausgangspunkt  nehmen,  und  sie  würde
dann  den  Rohstoff  für  ihre  Arbeit  in  Form
umfassender  Stamm-  und  Ähnentafeln  finden,
die  jeden  Menschen  in  seinen  natürlichen
Geschlechtszusammenhang  stellen;  denn  in
dieser  Hinsicht  sagen  die  Zahlen  der  Statistik
  nichts.  Sie  erfahren  vielmehr  eine  ganz
neue  Beleuchtung,  wenn  sie  zu  den  Familienzusammenhängen
  in  Beziehung  gesetzt  werden.
  Wenn  nach  der  Statistik  ein  Berufsstand
  oder  eine  Bevölkerungsgruppe  in  einem
halben  Jahrhundert  (1850—1900)  so  und  so
stark  gewachsen  oder  zurückgegangen  ist,
so  hat  uusere  Einsicht  in  die  gesellschaftlichen
  Verschiebungen  dadurch  nicht  zugenommen;
  denn  das  wäre  nur  der  Fall,
wenn  man  die  Einzelpersonen,  die  1850
und  1900  gezählt  wurden,  ihrem  Familienzusammenhange
  nach  betrachten  könnte.
Es  gilt  —  bei  der  Zunahme  —  zu  untersuchen,
  in  wie  weit  das  in  beiden  Gruppen
vertretene  Blut  in  beiden  Jahren  dasselbe
war  sowie  in  welchem  Masse  und  woher
neues  zugeflossen  ist,  während  bei  einer
Abnahme  besonders  geprüft  werden  muss,
wohin  die  Nachkommen  der  Glieder  jener
ersten  Gruppe  gekommen  sind.  Die  zahlenmässige
  Verschiebung  der  Stadt-  und  Landbevölkerung
  oder  der  Land-  und  Industriearbeiterschaft
  in  einem  halben  Jahrhundert
wird  gesellschaftswissenschaftlich  erst  fruchtbar,
  wenn  man  sieht,  welche  Wege  in  vielen
einzelnen  Fällen  die  Glieder  einer  Familie
in  drei  Generationen  gegangen  sind  und
inwiefern  sich  in  1000  Familien  der  rein
zahlenmässig  bekannte  Vorgang  widerspiegelt.
  Die  liberale  und  sozialistische  Gesellschaftstheorie
  kranken  beide  daran,  dass
sie  immer  nur  an  die  in  einem  gegebenen
Augenblicke  lebenden  Personen  denken
und  die  Gesellschaft  nicht  als  organisches
Ganzes  betrachten  unter  Hinzuziehung  der
vergangenen  und  der  künftigen  Geschlechter.
Nur  weil  die  sozialistischen  Theoretiker  das
in  jedem  Menschen  verkörperte  Familienerbe
  (seine  geistigen  und  körperlichen  Anlagen)
  vernachlässigt  haben,  wird  praktisch
mit  dem  bekannten  Fanatismus  die  soziale
Gleichheit  gefordert  und  der  tatsächlichen

Ungleichheit  jede  Anerkennung  versagt,  werifi
sie  auch  widerwillig  bisweilen  zugegeben
werden  muss.  Dieser  theoretische  (gesellschaftswissenschaftliche)
  Irrtum  bildet  den
Ausgangspunkt  für  die  übrigen  marxistischen
Irrlehren,  vor  allem  für  die  in  der  Praxis  so
verhängnisvolle  Lehre  vom  Mehrwert,  mit
deren  Hilfe  die  angebliche  Ausbeutung  der
Handarbeiter  durch  das  Kapital  herauskonstruiert
  wird.

Ist  die  Erkenntnis  einmal  so  weit  gediehen,
  dann  bedarf  es  nur  noch  eines
Schrittes,  um  die  sozialpolitische  Bedeutung
  der  Genealogie  zu  begreifen:  denn
Sozialpolitik  in  dem  richtigen  Sinne  ist  nichts
anderes  als  die  zielbewusste  Arbeit,  um  gesellschaftliche
  Zustände  in  bestimmter  Hinsicht
  zu  ändern.  Wenn  man  in  der  Familie
die  kleinste  gesellschaftliche  Einheit  sieht,
dann  ist  es  klar,  dass  eine  wirklich  erfolgreiche
  Arbeit,  die  natürlich  nicht  von  heute
zu  morgen,  sondern  erst  nach  einer  Generation
  Früchte  tragen  kann,  von  der  bewussten
  Einwirkung  auf  die  Familie  ausgehen
  muss.  Das  ist  bis  heute  grundsätzlich
  den  Sozialpolitikern  nicht  klar  geworden,
und  es  ist  dringend  notwendig,  dass  auch
ihre  Kreise  mit  den  Problemen  der  Genealogie
  mehr  vertraut  werden,  damit  sie  ihre
Aufgaben  tiefer  erfassen  und  wissenschaftlich
  begründete  Wege  einschlagen.

In  jeder  der  drei  Richtungen  hat  die
wissenschaftliche  Genealogie,  die  mehr  sein
muss  als  ein  gelehrter  Sport,  grosse  Aufgaben
  zu  erfüllen.  Und  um  das  zu  ermöglichen
  oder  wenigstens  zu  erleichtern,  ist
es  notwendig,  dass  Stamm-  und  Ahnentafeln
  nebst  möglichst  eingehenden  biographischen
  Mitteilungen  gewissenhaft  und  in
immer  wachsender  Zahl  bearbeitet  werden,
damit  alle  Forscher,  die  sich  unter  irgend
einem  Gesichtspunkte  mit  menschlichen
Gesellschaften,  ihren  Lebensgesetzen  und
Lebensäusserungen  beschäftigen  müssen,
reichlich  familiengeschichtliches  Tatsachenmaterial
  zur  Ausnutzung  und  Verwertung
vorfinden.