—  101  —

ist,  was  er  zu  Hause  arbeiten  soll,  und  daß  er  nicht  von
vornherein  vor  Unmöglichkeiten  gestelit  ist,  die  jede  selbständige
  Betätigung  ausschließen.  Matthias  sagt  in  seiner
praktischen  Pädagogik  für  höhere  Lehranstalten:  „Vor  allem
stelle  man,  besonders  bei  jungen  Schülern,  die  Aufgaben
recht  deutlich  und  bestimmt  und  deute  den  Weg  an,  wie  sie
zu  lösen  sind,  damit  man  unbedingt  sicher  ist,  daß  die  häusliche
  Arbeit  der  Schüler  durchaus  selbständig  ist.  Je  tiefer
die  Altersstufe,  um  so  mehr  beschränke  man  sich  auf  eine
Reproduktion;  erst  nach  und  nach  gewöhne  man  die  Kigsse
an  selbständiges  Schaffen  .!)

Hören  wir  bezüglich  der  Erziehung  zur  Selbsttätigkeit
bei  den  Hausaufgaben  noch,  was  Gaudig  im  „Bericht  des
Jahres  1903/04  über  die  Höhere  Schule  für  Mädchen  und  das
Lehrerinnenseminar  zu  Leipzig“  Seite  3  ff.  sagt:  Sucht  man
den  Hauptwert  der  häuslichen  Arbeit  ein  für  allemal  in  der
„Übung“,  verweist  man  sie  also,  herbartisch  zu  sprechen,
auf  die  fünfte  der  Formalstufen,  so  hat  man  den  wirklichen
Hauptwert  verkannt  und  sie  zu  einer  Abhängigkeit  von  der
Schularbeit  verurteilt,  die  ihr  alle  Würde  nimmt.  Der  Hauptwert,
  der  sich  allerdings  erst  nach  und  nach  entfaltet,  liegt
negativ  gesprochen,  darin,  daß  sie  ohne  die  regulierende  Aufsicht
  und  Einwirkung  des  Lehrers  geschieht,  und  positiv  in
der  damit  gegebenen  Möglichkeit,  zum  freitätigen  Arbeiten
  zu  erziehen.  Eine  Didaktik,  die  ihr  Absehen  nicht
auf  eine  Fülle  abfragbaren  Wissens,  sondern  auf  die  Erweckung
lebendiger  über  'die  Schulzeit  hinaus  wirkender  Kraft  richtet,
hat  das  größte  Interesse,  eben  die  Gelegenheit  auszunutzen,
in  der  sich  die  Motive  und  die  Kraft  der  Selbstbildung  freier
und  freier  auswirken  können.?)  Vor  allem  hängt  die  Erzielung
einer  freieren  Arbeitsweise  von  der  Erzielung  einer  guten
Arbeitstechnik  ab.?)  Unter  Arbeitstechnik  rechnet  Gaudig

2)  A.  Matthias,  Geh.  Oberregierungsrat:  Praktische  Pädagogik  für  höhere
Lehranstalten  (Baumeister,  Handbuch  der  Erziehungs-  und  Unterrichtslehre  für
höhere  Schulen,  Bd.  II,  2.  Abteilung),  München,  Beck,  1895,  S.  106.

9)  Gaudig,  Prof.  Dr.:  Die  häusliche  'Arbeit  unserer  Schülerinnen.  Allgemeine
  Vorbemerkungen.  32.  Bericht  über  die  Höhere  Schule  für  Mädchen
und  das  Lehrerinnenseminar  zu  Leipzig.  Leipzig  1904,  S.  3.

®)  Ebenda  S.  4.