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CRUPPE  3:  Das  Zeitalter  der  Reformation

Zwei  Ereignisse  von  ungeheurer  Tragweite  stehen  an  der  Schwelle  der  neueren  Zeit:  die  großen  Entdeckungen  um
1500,  welche  das  politische  und  wirtschaftliche  Aussehen  der  Welt  vollkommen  verändern,  und  die  Reformation,
welche  den  Ubergang  von  mittelalterlicher  zu  moderner  Weltanschauung  vollzieht.  Während  des  Mittelalters  gilt
der  Mensch  nur  etwas,  solange  er  einer  Gemeinschaft  angehört.  Insbesondere  ist  sein  ganzes  Empfinden  von  der
Kirche  gebunden.  Erst  jetzt  beginnt  das  Recht  auf  Persönlichkeit  Anerkennung  zu  finden.  Diese  neue  Geistesrichtung
  knüpft  an  das  Wiederaufleben  der  klassischen  Studien  an,  welche  die  dauernde  Berührung  mit  der  morgenländischen
  Welt  vermittelt:  über  Italien  findet  sie  auch  in  Deutschland  Boden.  Die  „Humanisten“  empfinden
das  irdische  Leben  nicht  mehr  als  eine  Vorbereitung  für  die  jenseitige  Welt,  sondern  lehren  die  Freude  am  Diesseits
  und  streben  nach  einer  allseitigen  Ausbildung  aller  menschlichen  Anlagen,  nach  „Humanität“".  „Die  Wissenschaften
  blühen.  Die  Geister  erwachen.  Es  ist  eine  Lust  zu  leben!“  ruft  einer  ihrer  Vorkämpfer,  Ulrich  von  Hutten,
in  der  Erwartung  der  neuen  Zeit.  Diese  bricht  jetzt  auf  allen  Gebieten  herein.
Als  MAXIMILIAN  I.(rdo  3—1  F  20),„der  letzte  Ritter“/„ohne  päpstliche  Krönung  als  erster  den  Titel  „erwählter
römischer  Kaiser“  annimmt,  ist  die  politische  Lage  des  Reiches  die  denkbar  kläglichste.  Trotz  aller  inneren  Reformversuche
  —  1495  wurde  das  Reichskammergericht  in  Frankfurt  eingeführt  —  und  allen  guten  Willens  gelang  es
ihm  kaum,  sie  grundlegend  zu  bessern.  Wohl  aber  bereitete  er  durch  überaus  glückliche  Heiraten  und  Verträge  das
Weltreich  seines  Enkels  vor,  der  als  KARL  V.  (1519-1550)  nach  ihm  den  Thron  besteigt  und  eine  unermeßliche
Hausmacht  unter  sich  vereinigt:  die  österreichischen  Lande,  Spanien  mit  seinen  Kolonien,  Neapel,  Sizilien  und
die  Niederlande.  So  bleibt  ihm  wenig  Zeit,  sich  um  Deutschland  zu  kümmern.
Hier  hat  sich  gerade  eins  der  größten  Ereignisse  der  deutschen  Geschichte  vollzogen:  am  31.  Oktober  1517
schlägt  der  Augustinermönch  MARTIN  LUTHER  seine  berühmten  95  Thesen  an  die  Tür  der  Schloßkirche  zu
Wittenberg.  1521  verteidigt  er  vor  dem  Kaiser,  der  ihm  das  Versprechen  eines  freien  Geleites  gibt,  auf  dem
Reichstag  von  Worms  seine  Lehre.  Hierbei  muß  Luthers  Eindruck  auf  Widersacher  und  Freunde  geradezu  gewaltig
  gewesen  sein.  Von  Kaiser  und  Papst  in  Acht  und  Bann  getan,  wäre  er  verloren  gewesen,  wenn  ihn
nicht  Kurfürst  Friedrich  der  Weise  auf  der  Wartburg  in  Sicherheit  gebracht  hätte.  In  ihrer  Stille  übersetzt
Luther  die  Bibel,  deren  Studium  bisher  nur  der  Geistlichkeit  vorbehalten  war.  Um  sie  weiten  Kreisen  verständlich
  zu  machen,  schafft  er  bei  diesem  Werk  zugleich  die  hochdeutsche  Sprache,  die  erste  Vorbedingung  zu  einer
deutschen  Einheit.
Während  dieser  Zeit  verliert  Luther  freilich  die  unmittelbare  Einwirkung  auf  die  Geschehnisse.  In  Schwaben  und
Franken  erheben  sich  die  Bauern.  In  Thüringen  verbinden  sich  Wiedertäufer  und  Bilderstürmer  mit  ihnen,  werden
jedoch  zu  Boden  gezwungen.  Ein  ähnliches  Schicksal  erleidet  der  rheinische  Ritterbund  unter  Franz  von  Sickingen.
Die  geistlichen  Fürstentümer  behalten  die  Oberhand.  Sickingen  bezahlt  den  Kampf  mit  seinem  Leben.  Ein  Teil  der
deutschen  Fürsten  stellt  sich  jedoch  auf  den  Boden  der  neuen  Lehre  und  erwirkt  1526  im  ersten  REICHSTAC  ZU
SPEVER,  daß  jeder  Reichsstand  diejenige  Form  des  Bekenntnisses  wählen  bann,  die  er  „vor  Gott  und  kaiserlicher
Majestät  zu  verantworten  gedächte".  Auf  einem  zweiten  Reichstag  zu  Speper  1529  tritt  die  katholische  Partei
jedoch  schon  energischer  gegen  die  Lutherischen  auf.  Diese  protestieren  gegen  die  Beschlüsse  und  erhalten  damit  den
Namen  Protestanten.  Ihre  Fürsten  und  Reichsstädte  schließen  sich  1531  zum  Schmalkaldischen  Bund  zusammen.
  Luther  (rr##40)  hat  in  diese  politischen  Verwicklungen  nie  eingegriffen.  Er  ist  der  Meinung,  daß  die  gute
Sache  sich  auch  ohne  Waffen  durchsetzen  müsse.  Dies  wäre  freilich  kaum  der  Fall  gewesen,  wenn  nicht  Karl  V.
ständig  mit  seinen  auswärtigen  Unternehmungen  gegen  Frankreich  und  die  Türken  zu  tun  gehabt  hätte.  Jetzt  aber  eilt
der  Kaiser  nach  Deutschland,  um  hier  die  reichsständische  Selbständigkeit  zu  brechen  und  im  Bund  mit  dem
Papfst  die  kirchliche  Einheit  wiederherzustellen.  1546-1  547  entbrennt  der  SCHMALKALDISCHE  KRIEC,
der  zwar  günstig  für  Karl  V.  ausläuft,  jedoch  nicht  zum  Ziele  führt.  Schließlich  zieht  sich  der  Kaiser  nach
den  Niederlanden  zurück  und  überläßt  seinem  Bruder  Ferdinand  die  Herstellung  des  Friedens  in  Deutschland.
Dieser  kommt  1555  zu  Augsburg  zustande.  Er  überläßt  den  deutschen  Landesberren  in  ihren  Gebieten  die
Religionsfreiheit.  Persönlich  hat  Karl  V.  Kunst  und  Wissenschaft,  Handel  und  Wirtschaft  bestens  zu  fördern
gesucht.  In  den  aufblühenden  Städten  heben  sich  Wohlstand  und  Bildung.  Die  großen  Kaufmannshäuser
der  Fugger  und  Welser  zu  Augsburg  sind  hierfür  ebenso  bezeichnend  wie  die  kraftvolle  Gestalt  des  Schusters
und  Poeten  Hans  Sachs.  Sein  politisches  Ziel  aber  hat  Karl  V.  nicht  erreicht.  Der  neue  Geist  des  Individualismus
  im  staatlichen  und  religiösen  Leben  war  stärker  als  er.  An  ihm  zerbrach  nicht  nur  sein  Reich,  sondern  auch
sein  Leben:  in  Schwermut  verfallen  entsagt  er  1556  der  Krone  und  stirbt  zwei  Jahre  darauf  im  spanischen

Kloster  Sankt  Bust.

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