CRUPPE  5:  Das  Werden  und  Wachsen  Preußens

Die  Mark  Brandenburg,  einstmals  „des  Heiligen  Römischen  Reiches  Streusandbüchse“,  ist  das  Kernland  des
Königreiches  Preußen,  das  unter  der  zielbewußten  Regierung  der  Hohenzollern  machtvoll  aufblüht.  Zu  Beginn
des  15.  Jahrhunderts  steht  das  Land  unter  der  Willkürherrschaft  des  märkischen  Adels.
1411  setʒt  der  damalige  Kaiser  Sigismund  den  BURGGRAFEN  FRIEDRIC  VI.  von  Nürnberg  aus  dem  Hause
Hohenzollern  als  Dank  für  geleistete  Kriegsdienste  zum  Statthalter  ein.  Friedrich  bricht  in  Verbindung  mit  den
Städten  vermittels  der  bekannten  „Faulen  Grete“  die  ritterliche  Gewalt  und  wird  1415  als  Friedrich  I.  mit  der
KURVWURDE  belegt.  Unter  seinen  Nachfolgern  ragt  vor  allem  ALBRECHT  ACHILL(1470-1480)  bervor.
Dieser  erläßt  u.  a.  ein  Hausgesetz,  nach  welchem  die  Mark  immer  nur—  und  zwar  ungeteilt—  an  den  ältesten  Sohn
fallen  darf.  JOACHIM  II.  (1535-1571)  schließt  sich  1539  dem  Luthertum  an.  JOHANN  SGCISMUND
(1608-1619)  macht  im  Jülich-Cleveschen  Erbschaftsstreit  die  ersten  Erwerbungen  im  Westen  und  wird  1618
durch  Heirat  zugleich  Herzog  von  Preußen.  So  sind  schon  damals  die  äußeren  Grenzen  des  späteren  Königreichs
vorgezeichnet.  Vorerst  ist  es  freilich  kein  geschlossenes  Staatsgebiet,  sondern  es  sind  selbständige  Länder,  die  nur  die
Person  des  Herrschers  verbindet.  Der  zojährige  Krieg  verwüstet  auch  sie  aufs  furchtbarste.  So  ist  es  kein  leichtes
Erbe,  welches  der  damals  zwanzigjährige  FRIEDRICHWILHELN,  DER  GROSSE  KURF  URST  (1640  bis
1688)übernimmt.  Dieser  hat  in  den  aufblühenden  Niederlanden  Staatsverwaltung  und  Kriegskunst  gelernt.  Seine
erste  Sorge  ist  es,  sein  Land  durch  Waffenstillstands-Verträge  vor  den  Schweden  zu  schützen.  Dann  geht  er  daran,
sich  —  wenn  auch  in  bescheidenem  Umfange  —  eine  Truppe  zu  schaffen,  über  die  er  jederzeit  frei  verfügen  kann.  Es  ist
dies  der  Anfang  des  stehenden  Heeres  im  Gegensatz  zu  den  Landsknechten,  die  ihren  Soldatenberuf  jeweils  bei  dem
ausüben,  der  sie  am  höchsten  bezahlt.  Gleichzeitig  damit  gibt  der  Kurfürst  als  erster  seinem  Lande  den  Charakter
des  „Soldatenstaates“  und  stellt  das  ganze  wirtschaftliche  Leben  unter  den  Gesichtspunkt,  daß  die  Erhaltung  dieses
  Heeres  vaterländische  Pflicht  sei.  Infolge  dieser  Maßnahmen  vermag  Friedrich  Wilhelm  bei  den  Friedensverhandlungen
  zu  Münster  ein  gewichtiges  Wort  mitzusprechen.  Er  erwirbt  hierbei  nach  dem  Osten  zu  Hinterpommern,
  nach  dem  Westen  zu  Magdeburg,  Halberstadt  und  das  Bistum  Minden  als  Brückenpfeiler  zur  geographischen
  Einheit  seiner  Länder.  Wichtiger  noch  ist  deren  staatspolitische  Zusammenfassung.  Trotz  heftigen  Widerstandes
  gelingt  es  ihm,  den  Einfluß  der  Stände,  z.  B.  des  Adels  und  der  Zünfte,  zu  brechen  und  dafür  die  unumschränkte
  Monarchie  herzustellen.
Während  der  Kurfürst  noch  mit  der  inneren  Ausgestaltung  seines  Staates  beschäftigt  ist,  wird  er  durch  neue  europäüsche
  Verwicklungen  stark  in  Anspruch  genommen.  Ludwig  XIV.  von  Frankreich  hat  inzwischen  gegen  Holland
einen  erbitterten  Krieg  (lov2—1678)  entfacht.  Zum  Schube  seiner  rheinischen  Besitzungen  greift  der  Kurfürst
auf  seiten  Hollands  ein  und  veranlaßt  auch  Kaiser  und  Reich,  sich  gegen  Ludwig  zu  wenden.  Dieser  aber  bringt
die  Schweden  dazu,  in  die  Mark  einzufallen.  In  Eilmärschen  eilt  der  Kurfürst  nunmehr  „vom  Rhein  zum  Rhin“.
Mit  einer  zahlenmäßig  viel  geringeren  Truppe,  unterstützt  von  Derfflinger  und  dem  Prinzen  von  Homburg,  schlägt
er  die  Schweden  entscheidend  bei  FEHRBELLIN,  dem  ersten  selbständigen  Sieg  des  brandenburgisch-preußischen
Heeres.  In  kühnem  Zuge  erobert  er  dann  nachstoßend  das  damals  schwedische  Vorpommern  und  vertreibt  im  Winter
  1678—1670  den  schwedischen  General  Horn  aus  Ostpreußen.  Diese  Kämpfe  spielen  auch  auf  die  Ostsee  über.
Die  ersten  brandenburgischen  Kriegsschiffe  nehmen  hieran  ruhmvollen  Anteil.  *
Vom  Kaiser  im  Stich  gelassen,  muß  jedoch  der  Kurfürst  im  Frieden  von  St.  Germain  1679  seine  Eroberungen
wieder  herausgeben.  Sein  damaliger  Ausspruch  „Mge  einst  aus  meinem  Gebein  ein  Rächer  entstehen“  hat  später
in  Friedrich  dem  Großen  seine  Erfüllung  gefunden.
Seine  letzten  Jahre  sind  vor  allem  dem  weiteren  Ausbau  seines  Reiches  gewidmet.  So  führt  er  in  den  Städten
die  indirekten  Verbrauchssteuern  (Akzise)  im  Gegensatz  zu  der  bis  dahin  üblichen  direkten  Kopfsteuer  (Kontribution)
  ein.  Außerdem  sucht  er  für  sein  entvölkertes  und  verarmtes  Land  durch  Teilnahme  am  Welthandel  und  durch
Kolonisation  (Afrikanische  Handelskompagnie  1082)  neue  Kräfte  zu  gewinnen.  1685  nimmt  er  ca.  20000  Hugenotten,
  die  von  Frankreich  vertrieben  werden,  in  sein  Reich  auf.
Sein  Nachfolger  FRIEDRICH  III.  (als  König  Friedrich  I.),  1688—1713,  kann  die  Selbständigkeit  der  brandenburgischen
  Politik  nicht  behaupten.  Seine  Krönung  zum  „König  in  Preußen“  1701  gibt  jedoch  dem  Staat  nach
außen  hin  einen  Abglanz  von  Macht.  In  der  auswärtigen  Politik  hält  Friedrich  zum  Kaiser,  den  er  im  spanischen
ERBFOLCEKRIECG  (1701-1740)  gegen  Ludwig  XIV.  unterstützt.  Im  Innern  hat  es  der  erste  preußische
König  verstanden,  an  seinen  glänzenden  Hof  zahlreiche  Gelehrte  und  Künstler  zu  ziehen.  Unter  ihm  wurden  die
Universität  Halle  sowie  die  Akademien  der  Künste  und  der  Wissenschaften  gegründet.
Sein  Nachfolger  FRIEDRILCH  VILHELMI.  (1713-1740)  hat  für  die  Prachtliebe  seines  Vaters  wenig  Sinn.
Er  „jagt  die  Hofschranzen  zum  Teufel“  und  errichtet  dafür  eine  Hofhaltung  von  spartanischer  Einfachheit.  Seine
Bedeutung  für  die  innere  Ausgestaltung  Preußens  ist  eine  außerordentliche.  Er  baut  Straßen  und  Kanäle,  gründet
  Manufakturen,  hebt  das  Gewerbe,  sichert  den  Bauern.  Er  führt  die  allgemeine  Schulpflicht  ein,  ordnet
Steuern  und  Finanzen  und  bildet  ein  zuverlässiges  Beamtentum  und  eine  hervorragende  Armee  heran.

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