CRUPPE  7:  Deutsches  Geistesleben  um  1800

Der  Zeitraum  vom  Tode  Friedrichs  des  Großen  bis  zu  den  Freiheitskriegen  bringt  über  das  gesamte  deutsche
Sprachgebiet  zunehmende  politische  Ohnmacht  und  eine  allgemeine  Einengung  des  bürgerlichen  Lebens.  Gerade

der  äußeren  Verhältnisse  zum  erstarkten  Bewußtsein  der  eigenen  Art,  zur  vollen  Ausprägung  der  Schriftsprache
—  künftig  zugleich  Umgangssprache  aller  deutschen  Stämme  —  und  zur  Schaffung  einer  großen  NATITONAI#·
LITERATUR  führt.  Diese  kann  schließlich  nicht  nur  ebenbürtig  neben  den  Nachbarliteraturen  bestehen,  sondern
  auch  auf  die  gesamteuropäische  Geistesentwicklung  bestimmend  einwirken.  .
Im  Gegensatz  zu  anderen  Ländern,  deren  Literatur  im  Schutze  der  Macht  und  des  Reichtums  als  Frucht  einer
alten,  durchgebildeten  Kultur  heranreifen  kann,  muß  auf  deutschem  Boden  vielfach  das  Geistesstreben  seine  eigentliche
  Kraft  und  Tiefe  erst  aus  der  Abkehr  von  der  engen  und  kargen  Wirklichkeit  gewinnen;  doch  verbindet  sich  damit
die  ungeteilte  Hingabe  an  eine  ideale  Welt  und  die  Forderung  nach  innerer  Erneuerung  und  lebendiger,  auf  Selbstvollendung
  gerichteter  Bildung.  Der  dauernde  Gehalt  fremdländischer  Dichtung  wird  dabei  empfänglich  aufgenommen
  und  schöpferisch  neu  gestaltet.
Während  aber  das  politische  Leben  noch  lange  einer  gemeinsamen  Richtung  entbehrt,  wirkt  sich  das  Bewußtsein
der  Einheit  und  Ursprünglichkeit  deutschen  Wesens  im  Bereich  der  geistigen  Arbeit  mit  voller  Entschiedenheit  aus
und  schafft  so  die  seelische  Vorbereitung  für  die  vaterländische  Begeisterung  der  Befreiungskriege.
Das  Leben  und  Wirken  GOETHES  erstreckt  sich  über  die  ganze  Epoche.  Seine  dichterische  Entwicklung
wird  während  seines  Straßburger  Aufenthaltes  (1770/71)  durch  die  Freundschaft  mit  Herder  und  die
Liebe  zu  Friederike  Brion  aufs  stärkste  beeinflußt  und  gefördert.  Unter  dem  tiefen  Eindruck  dieses  Erlebnisses
gewinnt  seine  Lyrik  erst  jetzt  ihre  volle,  bezwingende  Ausdruckskraft.  Herder,  der  ihn  auf  Homer,  Shakespeare,
besonders  aber  auch  auf  das  Volkslied  hinweist,  erkennt  als  einer  der  ersten  seine  überragende  Begabung,
führt  ihn  aber  zugleich  zur  Selbstkritik.  Eine  andere,  noch  bedeutendere  Wende  in  Goethes  Leben  wird  später
die  Reise  nach  Italien  (1730—88),  mit  der  er  sich  nach  zehnjähriger  Amtstätigkeit  in  Weimar  die  Muße
zu  neuer  dichterischer  Tätigkeit  wiedergewinnt.  Das  Entscheidende  aber  ist  für  ihn  die  langersehnte  Möglichkeit,
  die  antike  Welt  an  Ort  und  Stelle  auf  sich  wirken  zu  lassen.  Kunst  und  Literatur  des  Altertums  bieten
ihm  ein  Vorbild  gehaltener  Naturkraft  und  festen  Maßes,  wonach  sich  für  ihn  —  wie  später  auch  für  Schiller  —
der  Wert  eigener  und  fremder  künstlerischer  Arbeit  bestimmt.  Was  er  und  mit  ihm  die  Besten  der  Zeit  erstreben,
  ist  über  die  Nachahmung  hinaus  die  lebendige  Eingliederung  des  antiken  Erbes  in  die  neu  erstehende
Geistesbildung.
SCHILLE  ist  mit  seinem  Jugenddrama  „Die  Räuber“  (1781  veröffentlicht)  noch  ganzder  Wortführer  derersten
stürmischen  Gegenbewegung  gegen  die  erstarrte  Vernunftwelt  der  Aufklärung.  Das  Werk  hat  in  ganz  Deutschland
  einen  außerordentlichen  Erfolg,  der  vor  allem  auf  dem  Einklang  mit  der  Zeitstimmung  beruht.  Man  sieht
in  der  Hauptfigur  das  neue  Gesinnungsideal  verkörpert  und  ist  ergriffen  von  der  gewaltigen  Gefühlssprache  des
jungen  Oichters.
Erst  die  gemeinsame  Arbeit  an  der  Zeitschrift  „Die  Horen“  (seit  1794)  führt  zur  Lebensfreundschaft  zwischen
Geethe  und  Schiller.  Anläßlich  der  Proben  zur  Aufführung  des  „Wallenstein“  siedelt  Schiller  von  Jena  nach
Weimar  über  und  nimmt  dort  tätigen  Anteil  an  Goethes  Bestrebungen  zur  Reform  des  deutschen  Theaterwesens.
Als  Schriftsteller  geht  Schiller  und  ebenso  auch  FlCHTE  von  den  Lehren  K  ANTS  aus,  der  in  seinen  Hauptwerken
  die  Quellen  und  Grenzen  der  Erkenntnis  untersucht  und  damit  für  das  ganze  folgende  Jahrhundert  eine
neue  Ideengrundlage  schafft.  Schiller  folgt  Kants  ethischen  Grundforderungen,  wenn  er  auf  die  Berufung  des
Dichters  zum  Erzieher  seines  Volkes  hinweist,  Fichte,  wenn  er  den  Hörern  seiner  „Reden  an  die  deutsche  Nation“
den  sittlichen  Willen  als  das  einzig  Entscheidende  einhämmert.

Werk  wird.

Schriften  begonnen  hat,  wird  durch  die  klassische  Dichtung  der  Goethezeit  zu  Ende  geführt.  In  ähnlicher  Weise
schließt  eine  Entwicklung  ab,  die  sich  gegen  den  Vorrang  der  italienischen  Musik  zugunsten  der  deutschen  seit
NMOZARTS  Opernerfolgen  angebahnt  hat.  Dem  Triumph  der  Sinfonien  HAYDNF  bei  dessen  beiden  Aufenthalten
  in  London  (1791  und  1794)  folgt  später  die  Weltgeltung  BETHOVENS,  bessen  Orchester=  und  Klaviermusik
  bis  heute  ihre  werbende  Kraft  für  das  Verständnis  deutschen  Wesens  bewahrt  hat.  Das  deutsche  Lied  aber
ist  ohne  den  Melodienreichtum  8CHUBERTS  nicht  zu  denken,  der  in  seinem  kurzen  Leben  der  Hausmustk  eine

Überfülle  von  herrlichen  Liedern  schenkt.

in  diesen  Jahrzehnten  aber  vollzieht  sich  in  Deutschland  eine  große  geistige  Umwandlung,  die  trotz  aller  Ungunst

Durch  die  Reisen  A.  VON  HUMBOLDTS  in  Zentral=  und  Südamerika  um  die  Jahrhundertwende  (1799  bis
1804)  greift  deutsche  Forschertätigkeit  zum  ersten  Male  weit  über  die  heimischen  Grenzen  hinaus.  Der  Ertrag
seiner  Fahrten  ist  das  große,  vielbändige  Sammelwerk,  das  seit  1808  in  Paris  erscheint  und  den  Ruf  deutschen
Wissenschaftsfleißes  ebenso  in  der  Welt  verbreitete  wie  der  spätere  „Kosmos“  (1845—62),  der  sein  bekanntestes

Die  Verdrängung  der  europäischen  Vorherrschaft  Frankreichs  auf  literarischem  Gebiet,  die  mit  Lessings  kritischen  6

J-X-







4

.
.