CRUPPE  8:  Das  Zeitalter  der  Befreiungskriege

Gegenüber  der  Französischen  Revolution  (1780),  ihren  Kriegen  gegen  das  Ausland,  dem  AUFSTIEG  NAPO-LEONS
  zum  Kaiser  der  Franzosen  (1804)  finden  sich  in  Deutschland  keine  Ideen,  Männer  oder  Taten  gleichen
Formats.  Zunächst  ist  England  die  Seele  des  Widerstandes  gegen  die  Eroberungsgelüste  der  Franzosen.  Es  vereinigt
  sich  1805  mit  Rußland,  Osterreich  und  Schweden,  um  in  einem  neuen  Krieg  (  dritter  Koalitionskrieg)
Napoleon  niederzuringen.  FRIEDRITLCH  WILHELN  III.  (1797-  1840),  der  inzwischen  seinem  Vater  auf
den  Thron  gefolgt  war,  erklärt  die  strengste  Neutralität  Preußens.  Als  aber  der  General  Bernadotte  auf  ausdrücklichen
  Befehl  Napoleons,  um  6  Marschtage  zu  sparen,  qguer  durch  das  neutrale  preußische  Gebiet  von  Ansbach
marschiert,  macht  Preußen  mobil  und  schließt  sich  den  Verbündeten  an.  Der  Zeitpunkt  ist  günstig,  Napoleons
Lage  schwierig.  Aber  Friedrich  Wilhelm  III.  kann  sich  nicht  zum  Eingreifen  entschließen.  Die  Dreikaiserschlacht
bei  Austerlitz  am  2.  Dezember  1805  wendet  das  Kriegsglück  zu  Napoleons  Gunsten,  Osterreich  muß  Frieden
schließen.  Preußen  demobilisiert  sein  Heer,  während  Napoleons  Truppen  im  Januar  1806  kampfbereit  in
Süddeutschland  Winterquartiere  beziehen.

Die  Folgen  des  verlorenen  Krieges  zeigten  sich  bald:  Napoleon  gründet  am  12.  Juli  1806  den  Rheinbund,  dem
16  deutsche  Fürsten  beitreten,  die  sich  damit  von  Kaiser  und  Reich  lossagen.  Kaiser  Franz  von  Osterreich  legt  am
6.  August  1806  die  deutsche  Kaiserkrone  nieder.  Das  „erste  Reich"  löst  sich  auf.  Preußen  steht  seinem  furchtbarsten
  Gegner  allein  gegenüber.

Französische  Truppenbewegungen  deuten  darauf  hin,  daß  ein  Angriff  auf  Preußen  geplant  ist.  Als  auch  noch  bekannt
  wird,  daß  Napoleon  preußische  Gebietsteile  anderen  Staaten  übereignen  will,  befiehlt  Friedrich  Wilhelm  III.
am  9.  August  1806  die  Mobilmachung.  Am  14.  Oktober  1806  kommt  es  zur  Doppelschlacht  bei  JENA  UND
AUERSTEDT,  wo  das  preußische  Heer  vernichtend  geschlagen  wird.  Die  Trümmer  der  Armee  fluten  zurück.
Die  königliche  Familie  flüchtet  nach  Königsberg.  Napoleon  zieht  am  2  7.  Oktober  1806  in  Berlin  ein.  Ende  1806
greift  Napoleon  die  verbündeten  Preußen  und  Russen  an.  Die  Schlachten  bei  PEREUSSISCH-EVLAU  und
FRlIEDLANDD  lassen  zwar  einen  bereits  erstarkenden  Widerstand  erkennen,  ändern  aber  am  katastrophalen  Ausgang
  des  Krieges  nichts.  Am  9.  Juli  1807  zwingt  Napoleon  in  Tilsit  Preußen  einen  Frieden  auf,  der  den  gleichen
Vernichtungswillen  zeigt  wie  ein  Jahrhundert  später  das  Versailler  Friedensdiktat:  Preußen  verliert  die  Hälfte
seiner  Gebiete,  Danzig  wird  Freistaat.  Ungeheure  Kriegskosten  werden  willkürlich  bestimmt,  die  Stärke  des  Heeres
wird  so  weit  herabgesetzt,  daß  künftiger  Widerstand  aussichtslos  erscheint.

Dann  wendet  sich  Napoleon  gegen  Spanien,  um  seinen  gefährlichsten  Feind,  England,  vollkommen  vom  Kontinent
  abzuschließen.  Seine  Abwesenheit  benutzt  Osterreich,  um  seine  alte  Machtstellung  wiederzugewinnen.  Es  ruft
die  deutschen  Völker  zur  Befreiung  auf;  aber  die  Zeit  hierfür  ist  noch  nicht  reif.  Nur  TIROL  erhebt  sich.  Schon
nach  4  Tagen  erbitterten  Kampfes  ist  Nordtirol,  mit  der  Hauptstadt  Innsbruck,  von  den  verhaßten  Bedrückern
befreit.  Ooch  neue  feindliche  Kolonnen  marschieren  heran.  Heldenmütig  kämpfen  die  Tiroler  noch  zweimal  unter
Führung  Andreas  Hofers  und  Joseph  Speckbachers  um  den  Besitz  Innsbrucks,  das  immer  wieder  in  ihre  Hände
fällt.  Erst  in  der  vierten  Iselberg-Schlacht  erliegen  sie  dem  übermächtigen  Zwingherrn.  Mit  der  Erschießung
Andreas  Hofers  in  Mantua  sindet  der  Tiroler  Freiheitskampf  seinen  tragischen  Abschluß.

Auch  in  Deutschland  regt  sich  der  Freiheitswille:  SCHILL  versucht,  den  Volksaufstand  zu  entfachen,  und  der
Herzog  von  Braunschweig  schlägt  sich  mit  seinem  schwarzen  Korps  bis  zur  Küste  durch  und  bildet  in  England  die
Deutsche  Legion.

Da  vollzieht  sich  in  Preußen  das  Wunder  einer  geistigen  Wiedergeburt,  wie  sie  noch  wenige  Jahre  vorher  undenkbar
  erschien.  Das  Schicksal  hat  dem  deutschen  Volk  Männer  geschenkt,  die  eine  völlige  Umwandlung  der  Gesinnung
  und  ein  gewaltiges  Aufflammen  des  Nationalbewußtseins  hervorrufen  und  die  die  geistigen  Grundlagen
für  den  kommenden  Befreiungskampf  schaffen.  In  den  Jahren  1807—1872  kommen  tief  einschneidende  Reformgesetze
  zur  Ausführung,  deren  geistige  Urheber  die  Minister  STEIN  und  HARDENBERG  sind.  General
sCHARNHORST  gestaltet  mit  Hilfe  der  Reorganisationskommission  das  Heereswesen  völlig  um.  Durch  die
allgemeine  Wehrpflicht  wird  ein  Volksheer  geschaffen,  dem  zu  dienen  Ehrenpflicht  eines  jeden  Staatsbürgers  ist.
Der  Turnvater  Jahn  begeistert  die  Jugend,  ihre  Körperkräfte  für  den  Dienst  des  Vaterlandes  zu  regen  und  zu
stählen.  Fichtes  Reden  an  die  deutsche  Nation,  Wilhelm  von  Humboldts  feinsinnige  Bildungsarbeit  und  Körners
Freiheitslieder,  sie  alle  zeugen  von  dem  neuerwachten  Leben,  das  jetzt  die  Nation  durchpulst.  Ein  Feuerstrom  neuer
Geistigkeit  erfüllt  die  Herzen.  Es  ist  ein  unaussprechlicher  Verlust,  als  Königin  Luise  inmitten  dieser  Epoche  geistiger
  Umwälzungen  am  ro.  Juni  1810  die  Augen  für  immer  schließt.  Dem  scharfen  Blicke  Napoleons  entgeht
die  Wandlung  nicht,  sein  Haß  verfolgt  die  führenden  Männer;  Stein  muß  ins  Ausland  gehen,  Hardenberg  und
Blücher  werden  drangsaliert.  Gneisenau  kann  jahrelang  nur  im  Verborgenen  wirken.

Das  Jahr  1812  bringt  endlich  die  Wende.  Es  beginnt  mit  einer  Gewalttat  Napoleons,  die  den  Untergang  Preußens
  herbeizuführen  scheint,  aber  letzten  Endes  nur  die  Volkserhebung  beschleunigt.  Napoleon  zwingt  Preußen

durch  den  Vertrag  vom  24.  Februar  1812,  ihm  20000  Mann  das  ist  etwa  die  Hälfte  des  preußischen  Heeres  —

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