4  A.  Die  Jüten  und  die  Sachsen  in  der  Landschaft

Die  Jüten  nehmen  geographisch,  sowie  auch  sprachlich  in  der  Reihe
der  von  den  dänischen  Inseln  her  bis  nach  Westfriesland  ursprünglich
wohnenden  Völkerstämme  eine  Mittelstellung  ein,  bilden  den  Übergang
  von  den  Dänen  zu  den  Angeln  und  Sachsen  sowie  den  Friesen
und  haben  demgemäß  mit  diesen  ihnen  am  nächsten  verwandten  Völkern
gewisse  sprachliche  Eigentümlichkeiten  gemeinsam,  ohne  doch  auch  in  dieser
Hinsicht  ihre  Selbständigkeit  einzubüßen.  Ihre  Sprache,  die  sogenannte
westjütische  Mundart,  setzt  sich  noch  heute  von  dem  nördlichen  Schleswig
nach  dem  eigentlichen  Jütland  fort,  wo  sie  durch  eine  Linie  von  Vaars5
bis  Bulbjaerg  am  Skagerak  und  dann  westlich  von  Skanderborg  über
Silkeborg  und  östlich  von  Viborg  bis  an  Hjarbeeck  Fjord  von  der  ostjütischen
  scharf  getrennt  ist.  Die  Abweichungen  dieser  westjütischen  Mundart
  von  der  Sprache  der  Inselbewohner  und  der  dänischen  Literatursprache
  sind  so  groß,  daß  ältere  dänische  und  deutsche  Sprachforscher,  ihre
Mittelstellung  in  der  ganzen  Völkerreihe  verkennend,  die  Jüten  geradezu
  für  einen  ursprünglichen  sächsischen  Volksstamm  erklärt  haben,  der  sich
später  erst  mit  skandinavisch-dänischer  Bevölkerung  gemischt  habe.!)  Wie
unbefangen  man  in  früheren  Zeiten  über  diesen  sprachlichen  Gegensatz

und  den  dänischen  Inseln  alle  von  dem  Grabhügel  des  ersten  Gründers  des  Ortes
herstammte?  Über  die  Lage  der  Orte  auf  lek  im  Herzogtum  hätte  der  obige
Verfasser  sich  übrigens  genau  in  Abt.  II.  124  orientieren  können;  schwerlich  hätte
er  auch  dann  geschrieben,  daß  in  Angeln  noch  Nachkommen  eines  Volkes  wohnten,
die  sich  in  Mundart,  Sitte  u.  a.  von  den  umwohnenden  Sachsen  unterschieden.


1)  Molbech:  Ordbog  I.  Fortale  XXIX.  Selbst  ein  so  patriotischer
Mann  wie  der  bekannte  Allen  läßt  in  Haandb.  i.  facdrel.  historie  v.  J.  1863
S.  1ff.  noch  die  Jüten  als  Sachsen  vom  Süden  her  in  Jütland  einwandern.
Vergl.  auch  N.  M.  Petersen:  Daom.  bistorie  i.  Hed.  60  u.  a.  Ubrigens  will
ich  hier  noch  bemerken,  daß  schon  Molbech  a.  a.  O.  seine  Landsleute  darüber
genügend  belehrt  hat,  wie  wenig  die  an  dem  Dauevirk  und  an  der  Schlei  auf
dem  Boden  des  Herzogtums  gefundenen  historischen,  von  den  nordischen  Herrschergeschlechtern
  gesetzten  Runensteine  mit  ihrer  skandinavisch=  nordischen  Sprache
für  die  damalige  Volkssprache  des  Landes  etwas  beweisen  und  wie  wenig  man
daraus  auf  eine  „dänischredende“"  Bevölkerung  schließen  könne.  Erst  neuerdings
scheinen  einige  jüngere  Gelehrte  wieder  soviel  Besonnenheit  erlangt  zu  haben,
den  seit  Thorsen  und  Wimmer  immer  als  Glaubensartikel  wiederholten  und
aus  den  Runensteinen  eutnommenen  angeblichen  Beweis  für  ein  dänisches  Volkstum
  im  Herzogtum  Schleswig  in  den  Winkel  zu  stellen,  wohin  er  längst  gehört
  hat.