12  A.  Die  Illten  und  Sachsen  in  der  Landschaft

allmähliche  Einführung  der  dänischen  Sprache  in  Verwaltung  und  offiziellem
  Verkehr  die  jütische  Sprache  in  die  Stellung  einer  Mundart
zurückdrängte,  war  es  von  Süden  her  der  Einfluß  der  niederdeutschen
Sprache,  die  den  friedlichen  Kampf  nicht  sowohl  gegen  die  dänische
Literatur=  und  Amtssprache  als  gegen  die  Mundart  des  jütischen
Stammes  unternahm.  Es  ist  eine  völlige  Verkennung  des  ganzen
sprachgeschichtlichen  Prozesses,  der  sich  in  den  letzten  Jahrhunderten  im
Herzogtum  Schleswig  abgespielt  hat,  wenn  man  darin  nichts  anderes
als  den  Ringkampf  der  hochdeutschen  und  dänischen  Literatur=  und  Amtssprache
  sieht  und  das  alles  Volksleben  beherrschende  und  umgestaltende
Ningen  der  beiden  Hauptmundarten  miteinander  außer  acht  läßt.  Eine
genauere  Untersuchung  dieses  schon  Jahrhunderte  dauernden  friedlichen
Sprachstreites,  der  vor  allem  seit  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts
auch  die  politische  Entwicklung  des  Herzogtums  mitbestimmt  hat,  wird
das  Stärkeverhältnis  beider  Mundarten  sowie  ihren  Gewinn  und  ihren
Verlust  näher  darzulegen  versuchen;  sie  wird  zeigen,  daß  das  Westjütische
  wohl  imstande  ist,  den  Kampf  mit  dem  ihm  am  nächsten  verwandten
  Friesischen  mit  Erfolg  aufzunehmen,  ja  noch  in  neuerer  Zeit
diesem  einzelne  Gebiete  abzunehmen  vermocht  hat,  daß  dagegen  das  ferner
liegende  Niederdeutsche  ebenso  die  Kraft  in  sich  trägt,  das  Friesische  wie
das  Westjütische  stetig  zurückzudrängen.  Wie  mir  keine  Ortschaft  bekannt
  ist,  wo  das  Friesische  irgend  an  Terrain  gegen  beide  Mundarten
gewonnen  hat,  so  ist  auch  keine  Dorfschaft  nachzuweisen,  wo  das  Niederdeutsche
  jemals  vor  dem  Westjütischen  zurückgewichen  ist.  Mag  das  stete
Vordringen  des  Niederdeutschen  nun  auch  durch  politische  Verhältnisse
und  durch  mächtige  überlegene  Kultureinflüsse  von  Süden  her  schon  früh
dauernd  gefördert  sein:  es  ist  ein  großer  Irrtum,  wenn  man  glaubt,
daß  dieser  Prozeß  besonders  in  den  Landgebieten  schon  in  alte  Zeiten
fällt.  Vielmehr  wird  sich  zeigen,  daß  das  mächtige  Vordringen  des
Niederdeutschen,  d.  h.  die  eigentliche  Germanisierung  des  südlichen  Teiles
von  Schleswig,  von  der  Schlei  bis  an  den  Flensburger  Busen,  sich  auf
dem  Lande  im  wesentlichen  erst  im  Laufe  des  18.  und  in  der  ersten
Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  still  und  geräuschlos  vollzogen  hat.
Das  Eindringen  des  Niederdeutschen  geschah  der  geographischen
Lage  gemäß  von  Süden  her,  von  den  holsteinischen  Sachsen;  aber  erst
als  sich  diese  von  den  vernichtenden  Schlägen  Karls  des  Großen  wieder