Die  nationale  Entwickelung  Echwansens.  97

gemeinsam  sind;  wenn  ich  nicht  irre,  unterscheidet  man  auch  hier  allgemein
nicht  den  Akkusativ  und  Dativ  des  Maskulinums  von  dem  Nominativ.  Allen
freilich,  der  des  Niederdeutschen  nicht  genügend  kundig  war  1),  hält  die
Schwansener  Sprache  für  kein  eigentliches  Plattdeutsch,  erklärt  sie  für
ein  künstliches  Erzeugnis  der  in  Schwansen  herrschenden  eigenartigen
Verhältnisse,  für  eine  Art  Mischsprache,  wie  sie  ähnlich  am  nördlichen
Schleiufer  herrsche,  die  aber  dem  „Dänischen“  noch  näher  stehe.  Mit
welchen  Illusionen  sich  die  eiderdänische  Partei  vor  fünfzig  Jahren
trug,  geht  besonders  aus  den  Worten  hervor,  womit  Allen  seine  Bemerkungen
  schließt;  da  die  Volkssprache  von  dieser  Beschaffenheit  sei,
sei  es  nicht  zweifelhaft,  daß  die  „dänische  Sprache“  innerhalb  kürzerer
Zeit  als  ein  Menschenalter  in  Schwansen  wieder  aufleben  werde,  wenn
man  hier  dänischen  Schulunterricht  einführe.  Welch  eine  Wirkung  ein
solcher  Versuch  gehabt  hätte,  hat  man  hinlänglich  in  dem  nördlichen
Teil  von  Angeln  erfahren.

Wir  haben  mancherlei  Zeugnisse  aus  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts
  von  Einheimischen  und  Fremden,  die  den  scharfen  Gegensatz
zwischen  Schwansen  und  Angeln  hervorheben;  nicht  nur  sprachlich,  sondern
auch  im  Charakter  des  Volkes  zeige  sich  auch  nach  kurzer  Bekanntschaft
eine  große  Verschiedenheit.  Viel  wird  von  dänischen  Schriftstellern  eine
Bemerkung  des  deutschen  Reisenden  J.  H.  Keller  aus  Rudolstadt  angeführt,
der  bei  einem  „mehrjährigen  Aufenthalt  nach  seinem  eigenen  Geständnis
in  Dänemark  Gelegenheit  fand,  mit  den  Mundarten  und  Gebräuchen
der  Einwohner  Schleswigs  bekannt  zu  werden“.  „Der  Angler“,  sagt
er  1824,  „ruft  dem  teutschen  Nachbar  über  der  Schley  fröhlich  sein
Skaal!  zu,  wenn  er  des  Morgens  mit  dem  treuen  Begleiter,  der  Köhmflasche,
  in  den  Acker  zieht,  und  der  Teutsche  schickt  dafür  ihm  „velen
dank“  zurück.“  Er  will  mit  diesen  Worten  nichts  weiter  als  den  sprachlichen
  Gegensatz  andeuten,  der  ihm  zwischen  diesen  beiden  benachbarten
Landschaften  entgegentrat;  er  vergißt  nur  zu  bemerken,  daß  die  Angler
schon  seit  Jahrhunderten  zweisprachig  waren  und  längst  jeden  Gruß  eines
Fremden  auch  mit  „velem  dank“  zu  erwidern  verstanden.  „Wenn  man

1)  Aus  allen  seinen  Bemerkungen  geht  hervor,  daß  er  nur  die  niederdeutsche
Literatursprache  kannte  und  deren  Verhältnis  zu  dem  neueren  Plattdeutsch  nicht
berücksichtigte.  Wer  nicht  selbst  plattdeutsch  reden  kann,  darf  über  die  heutige
Mundart  kein  Urteil  abgeben.

Sach,  Das  Herzoglum  Schleswig.  III.  7