Die  nationale  Entwickelung  Stapelholnis.  169

herrschte  und  noch  zu  Boltens  Zeit  bei  dem  gemeinen  Mann  nicht
ganz  erloschen  war,  nicht  zu  erklären  sei.  Dieser  Gegensatz  sei  weit
eher  begreiflich,  wenn  sie  mit  den  friesischen  Eiderstedern  verwandt
seien,  deren  Nationalhaß  gegen  die  Ditmarsen  bekannt  ist;  auch  hätten
sie  mehrfach  mit  den  Eiderstedern  verbündet  gegen  die  Ditmarsen
gestanden  und  gemeinsam  mit  ihnen  Frieden  geschlossen.)  Wahr  ist
es,  der  Gegensatz  zwischen  Stapelholmern  und  Ditmarsen  reicht  weit
zurück;  schon  im  Beginn  des  14.  Jahrhunderts  hören  wir  davon,  wie
die  Ditmarsen  Eider,  Treene  und  Sorge  mit  ihren  Plünderungen
heimsuchten,  besonders  im  15.  und  Aufang  des  16.  Jahrhunderts,  als
der  Gegensatz  zwischen  den  fürstlichen  Untertanen  und  der  Bauernrepublik
  immer  stärker  ward  und  zu  den  heftigsten  Kämpfen  führte,
hatten  gerade  die  Stapelholmer  schwer  von  den  Ditmarsen  zu  leiden.
Nach  Zerstörung  der  Tilenburg  (1500)  plünderten  und  verheerten  die
Ditmarsen  Tielen,  Ersde  und  anderen  Ortschaften,  1559  fielen  Stapelholmer
  und  Friesen  wieder  vereint  in  Ditmarschen  ein,  erlitten  bedeutende
  Verluste  auf  ihrem  Beutezuge  u.  a.  Was  Wunder,  daß  sich
daraus  ein  förmlicher  Nationalhaß  entwickelte!  Aber  dadurch  wird
die  ursprüngliche  ditmarsische  Herkunft  der  Stapelholmer  durchaus  nicht
unwahrscheinlich  gemacht.  Nur  das  eine  geht  daraus  hervor:  der  Einzug
der  Ditmarsen  muß  in  eine  weit  frühere  Zeit  fallen,  und  während
der  Zeit  des  Gegensatzes  kann  kein  weiterer  Zuzug  aus  der  alten
Heimat,  wenigstens  nicht  in  größerem  Maßstabe,  erfolgt  sein.  Wir
kommen  damit  auf  den  Eingang  unserer  Betrachtung  zurück;  als  1260
Stapelholm  in  dauernden  Besitz  der  holsteinischen  Grafen  gelangte,
war  es  bereits  von  Ditmarsen  besetzt,  wenigstens  das  Kirchspiel  Stapel
längst  und  wohl  auch  Erfde  und  Bergenhusen  in  dem  seit  der  Wanderzeit
unbewohnten  Waldgebiet?)  begründet.  Die  späteren  politischen  Verhälmisse
  machen  es  begreiflich,  daß  fortan  statt  der  feindseligen  Ditmarsen
  andere  Niederdeutsche  ins  Land  zogen,  um  durch  Rodungen

1)  Reg.  Christ.  I.  (1480)  S.  282.

2)  Abt.  II.  38  ff.,  41  ff.  Die  am  Fuße  des  Twiebergs  u.  an  andern  Hügeln
gefundenen  Urnen  zeigen  hinlänglich,  daß  Stapelholm  auch  in  der  späteren  Eisenzeit
  bewohnt  war;  nach  der  Wanderzeit  bedeckte  sich  alles  mit  Wald,  und  langdauernde
  Rodungen  machten  wohl  erst  seit  dem  12.  Jahrhundert  größere  Ansiedelungen
  möglich.