194  Die  Hertschast  des  Niederdeutschen  u.  d.  Ubergang  z.  Hochdeutschen  i.  d.  Reglerungskanzleien.

berechtigten  Stellung  erhob;  sie  folgte  den  Schiffen  und  Kaufleuten
der  mächtigen  Hansa  in  alle  Städte  des  östlichen  und  nördlichen  Meeres;
in  Bornholm,  Gotland  und  Bergen  hatte  sie  in  besonderen  Ansiedelungen
  festen  Fuß  gefaßt,  wo  Gesetze  und  Einrichtungen  nur  niederdeutsches
  Gepräge  trugen.  Als  Sprache  der  Hansa  und  ihrer  Behörden
  gewann  sie  in  allen  Verhandlungen  mit  den  nordischen  Mächten
eine  vorherrschende  Stellung  und  ward  zu  einer  Diplomatensprache,
der  auch  die  fremden  Regierungen  sich  fügen  mußten.  Infolge  ihrer
hohen  Ausbildung  als  einer  Literatursprache,  die  den  ganzen  Norden
zu  beherrschen  begann,  drängte  sie  auch  das  Lateinische,  das  in  Diplomen
und  öffentlichen  Urkunden  bis  dahin  fast  allein  Geltung  gehabt  hatte.
Schritt  für  Schritt  zurück,  um  bald  als  öffentliche  diplomatische  Sprache
dessen  Platz  einzunehmen.  Dieser  Vorgang  mußte  im  Herzogtum
Schleswig  ganz  besonders  seit  der  Zeit  gefördert  werden,  als  die  holsteinischen
  Grafen  in  die  Geschicke  des  Nachbarlandes  einzugreifen
begannen.

Schon  seit  lange  hatten  die  Herzöge  von  Schleswig  in  engeren
Beziehungen  zu  den  niedersächsischen  Landen  gestanden;  bereits  Knut
Laward  war  am  Hofe  des  Herzogs  Lothar  von  Sachsen  erzogen  und
hatte  hier  niedersächsische  Sprache  und  niedersächsisches  Wesen  lennen
gelernt;  ihm  waren  auch,  wie  es  heißt,  manche  niederdeutsche  Mannen
gesolgt,  als  er  seinen  Sitz  in  Schleswig  angewiesen  erhielt.  Selbst
König  Knut  und  die  beiden  mächtigen  Waldemare  konnten  als  Herren
von  Holstein  und  zeitweilig  selbst  von  Lübeck  dem  niederdeutschen  Volkstum
  nicht  so  feindlich  gegenüberstehen,  da  gerade  während  dieser  Dänenherrschaft
  das  Land  zwischen  Schlei  und  Eider  mit  niederdeutschen  Ansiedlern
  besetzt  ward.  Merkwürdig  ist  es  auch,  wie  schon  früh  an  den
Höfen  der  nordischen  Fürsten  deutsche  Sänger  erscheinen;  als  Knut
Laward  seinen  Todesritt  in  den  Wald  bei  Ringsted  auf  Seeland
(1131,  Jan.  6)  antrat,  begleitete  ihn  ein  sächsischer  Säuger  und  sang
ihm,  wie  Saxo  berichtet,  zur  Warnung  ein  Lied  von  der  Untreue
Kriemhildens  gegen  ihre  Brüder.  Auch  an  dem  Hofe  der  Herzöge
aus  Abels  Stamm,  auf  dem  Schlosse  Gottorp,  waren  die  deutschen
Sänger  nicht  so  seltene  Gäste.  Meister  Rumezlant,  ein  fahrender
Sänger,  war  1287  anwesend  auf  dem  Reichstage  zu  Nyborg,  wo
auch  der  Herzog  Waldemar  von  Schleswig  zum  Ritter  geschlagen  ward.