196  Die  Herrschaft  des  Niederdeutschen  u.  d.  Ubergang  z.  Hochdeutschen  i.  d.  Reglerungskanzlelen.

Siegeslauf  angetreten  und  herrschte  in  den  Kontoren  der  Kaufleute
nicht  weniger  als  an  den  Höfen  der  Fürsten  und  auf  den  Burgen
der  Herren.  Selbst  der  grimmigste  Feind  der  Hansa,  König  Waldemar
  IV.,  der  Zerstörer  von  Visby,  legt  mit  dem  höhnenden  Wort
an  die  77  Städte,  die  ihm  ihre  Fehdebriefe  übersandt  hatten:
Seven  und  seventig  hensen  wo  mi  de  gensen  nichten  biten,
heft  seven  und  seventig  gensen;  na  den  heusen  frag  ik  nicht  en  schiten,
unfreiwillig  ein  beredtes  Zeugnis  für  die  überwältigende  Macht  des
niedersächsischen  Volkstums  ab.  Im  Herzogtum  Schleswig  bezeichnet
die  Herrschaft  der  schauenburgischen  Grafen,  ihre  Üübersiedelung  nach
dem  Schlosse  Gottorp  den  völligen  Sieg  der  Niederdeutschen;  während
im  folgenden  Jahrhundert  die  Kirche  noch  meist  an  der  herkömmlichen
lateinischen  Sprache  festhält,  verschwindet  diese  ganz  aus  den  weltlichen
  Urkunden  und  hat  der  neuen  Amts=  und  Literatursprache  Platz
gemacht.  Um  nur  ein  Beispiel  anzuführen,  so  enthält  das  sogenannte
Registrum  Christians  I.  unter  seinen  gesamten  484  Urkunden,  die
vom  Jahre  1394  bis  1492  reichen,  keine  einzige  lateinische,  aber
auch  keine  einzige  dänische  Urkunde;  mögen  sie  Verträge  mit  Fürsten,
dem  Landtage  oder  der  Ritterschaft,  Verpfändungen,  Verleihungen
oder  Verkäufe,  Schuldbriefe,  Quittungen,  Freibriefe  u.  a.  für  Landschaften,
  Städte  oder  Privatpersonen  darstellen,  dieses  offizielle  Staatsprotokoll
  kennt  keine  andere  Sprache  mehr  als  die  niedersächsische.
Wie  im  16.  Jahrhundert  mit  der  Einführung  der  hochdeutschen,  so
ging  es  damals  auch  mit  der  niederdeutschen  Sprache;  die  Regierungsbehörden,
  die  Kanzleien  der  Landesherren,  gaben  das  Beispiel,  dem
nach  und  nach  Gericht  und  dann  auch  die  Kirche  folgte.  Bereits  am
Schlusse  des  14.  Jahrhunderts  ward  das  jütische  Lov  ins  Niederdeutsche
  übersetzt  und  handschriftlich  verbreitet,  um  in  den  niederdeutschen
  Gebieten  südlich  von  der  Schlei  und  zugleich  auch  in  den  Städten,
wo  Niederdeutsch  zur  Herrschaft  gelangt  war,  verständlich  zu  sein.
Zu  allem  kam  noch  der  mächtige  Einfluß  von  Handel  und  Verkehr,
  die  besonders  die  Städte  an  die  norddeutschen  handeltreibenden
  Hansastädte  fesseln  mußten.  Der  Zustrom  von  Süden  an  Handwerkern,
  Gewerbsleuten  aller  Art  steigerte  sich  im  15.  Jahrhundert
von  Jahr  zu  Jahr;  sie  brachten  aus  der  Heimat  die  altgewohnten
Silten  und  Gebräuche  mit  und  gestalteten  danach  ihr  Leben  in  ihren