Die  Resormation  und  die  hochdeutsche  Gemeinsprache.  207

Die  Reformation,  die  so  rasch  und  ohne  besonderes  Widerstreben
  in  Schleswig-Holstein  durchgeführt  ward,  war  es  demnach
nicht,  die  alsbald  auch  in  sprachlicher  Beziehung  einen  Wechsel  hervorgerufen
  hatte;  wir  werden  weiter  unten  sehen,  wie  gerade  die  Kirche
und  was  damit  eng  zusammenhängt,  die  Schule  am  längsten  gerade  in
der  Sprache  der  alten  Weise  treu  bieibt  und  nur  mit  Widerstreben
der  neuen  Richtung  folgt.  Das  langsame  Fortschreiten  des  Hochdeutschen
  auch  in  den  eigentlichen  Volksgerichten  beruht  auf  denselben
Gründen:  je  weiter  ins  Volk  hinab,  desto  fester  hat  das  Niederdeutsche
als  Amts=  und  Religionssprache  seine  Wurzeln  eingeschlagen.  Und
dazu  kam  noch  ein  anderer  hindernder  Umstand,  der  in  der  neuen
Sprache  selbst  lag.  Die  Heimat  Luthers,  Mitteldeutschland,  mit  ihrem
geistigen  Leben  auf  der  Universität  Wittenberg,  hatte  für  die  neuhochdeutsche
  Literatur=  und  Büchersprache  den  Grundstock  in  ihrem  Lautstand
  und  ihrem  Wortschatze  geliefert.  Als  eine  fertige  kam  die  neue
Gemeinsprache  wie  nach  ganz  Norddeutschland  so  auch  nach  Schleswig-Holstein;
  sie  stand  von  Anfang  an  in  einem  so  scharfen  Gegensatz  zu
dem  herrschenden  Niederdeutsch,  der  sich  besonders  durch  die  Lautverschiebung
  kenntlich  macht,  daß  eine  Verschmelzung  nicht  möglich  war;
wie  man  aus  den  oben  angeführten  Schreiben  des  Herzogs  Friedrich
sieht,  mußte  sie  als  fremde  Sprache  in  den  fürstlichen  Kanzleien  erst
nach  und  nach  erlernt  werden.  Und  wie  konnte  das  nur  geschehen?
Alles.  was  nach  Süden  zog,  ward  ihrer  kundig  auf  den  Universitäten
  und  brachte  sie  heim  als  die  Trägerin  jener  mächtigen  religiösen
Bewegung,  die  zwei  Jahrhunderte  in  Deutschland  alles  beherrschte;
die  landesherrlichen  Kanzleien  füllten  sich  mit  Männern,  die  geschickt
und  fähig  waren  in  allen  auswärtigen  Angelegenheiten  sich  ihrer  in
ziemlicher  Reinheit,  wenn  auch  mit  Unterschied,  zu  bedienen.  Für
den  gemeinen  Mann,  für  Bürger  und  Bauer,  für  die  unteren  ländlichen
  und  städtischen  Beamten,  für  die  Hardesvögte  und  Kämmerer,
ja  für  so  manchen  Bürgermeister  und  Landedelmann  mit  seinen  Familien

lischen  Gütern  bekannt.  Selbst  die  Klosterdamen  in  lütersen  sprachen  noch  unter
sich  1711  plattdentsch,  wie  aus  der  Begegnung  einer  von  ihnen  mit  dem  schwedischen
  Grafen  Steenbock  heworgeht.  Eine  Dorfbeliebung  für  Monkebüll  v.  J.
1717  ist  noch  plattdentsch.  H.  K.  Univers.  B.  S.  H.  448.  A.