208  Die  Sprachverhältnisse  in  den  Städten.

war  sie  noch  lange  nichts  als  eine  Büchersprache,  die  auch  nur  aus
Büchern  erlernt  werden  konnte  und  nur  langsam,  in  der  Regel  auch
nur  dürftig  erlernt  ward.  Noch  um  1620  —  30  galt  selbst  in  den
lateinischen  Schulen  neben  dem  Lateinischen  nicht  Hochdeutsch,  sondern
Niederdeutsch  als  Unterrichtssprache;  wie  ist  es  also  zu  verwundern,
daß  angesehene  Bürger,  ja  selbst  Bürgermeister  im  Anfang  des
17.  Jahrhunderts  ihre  Testamente  noch  auf  Niederdeutsch  abfassen
und  manche  Stadtkämmerer  bis  fast  1650  nur  in  dieser  Sprache
ihre  Rechnungen  aufstellen?  Im  folgenden  werden  wir  zunächst  den
Entwickelungsgang,  den  die  sprachlichen  Verhältnisse  im  Laufe  der
Jahrhunderte  mit  ihrem  zweimaligen  Wechsel  in  den  Städten  nahmen,
im  Zusammenhang  näher  darzulegen  versuchen  und  dann  den  sprachlichen
  übergang  in  den  Untergerichten,  den  eigentlichen  Volksgerichten
der  früheren  Zeit,  sowie  in  Kirche  und  Schule  des  platten  Landes
bis  in  die  neuere  Zeit  verfolgen.  Zuvor  aber  wollen  wir  an  dieser
Stelle  einen  Bericht  aus  dem  18.  Jahrhundert  etwas  näher  betrachten,
der  sich  auch  auf  die  Sprachverhältnisse  der  Städte  des  Herzogtums  bezieht,
  weil  er  von  dänischer  Seite  immer  wieder  gegen  die  deutsche
Auffassung  zugunsten  der  „dänischen“  und  zu  ungunsten  der  niederdeutschen
  Sprache,  insbesondere  in  den  nördlichen  Städten,  ins  Feld
geführt  wird.

In  der  „kurzgefaßten  Staatsbeschreibung  der  Herzogtümer  Holstein
und  Schleswig“  (1752)  von  Büsching,  deren  Angaben  auf  den  in  allen
Landesangelegenheiten  sehr  bewanderten  Ober=  und  Landgerichtsadvokaten
  und  Bürgermeister  und  Stadtsekretär  Hansen  in  Sonderburg
zurückgehen,  findet  sich  in  bezug  auf  die  schleswigschen  Städte  folgendes
zu  lesen  (S.  103ff):  ·

„Deutsch  wird  gesprochen  in  den  Städten  Schleswig,  Eckernförde.
Husum,  Friedrichsstadt,  Tönningen,  an  den  meisten  Orten  in  Eiderstädt,
  in  der  Landschaft  Stapelholm,  in  den  Harden  des  Gottorper
Amts,  die  an  der  Süderseite  der  Sley  liegen,  im  Dänischen  Walde  und
auf  Femarn.  In  den  übrigen  Städten  redet  man  theils  eine  gemischte
Sprache  von  Dänisch  und  Deutsch  als  in  Flensburg,  Tundern  usw.,
theils  pur  Dänisch,  als  in  Apenrade,  Sonderburg,  Hadersleben  usw.,
außer  daß  einige  angesehene  Leute  sich  durch  den  Gebrauch  der  deutschen
Sprache  von  dem  Pöbel  unterscheiden.“