U.  Die  Stadt  Schlezwig.  229

wie  Allen,  können  sich  nicht  entschließen,  den  damals  völligen  niederdeutschen
  Charakter  der  Stadt  anzuerkennen,  und  glauben  selbst  noch
bis  ins  18.  Jahrhundert  hinein  die  Kenntnis  und  Übung  der  „dänischen“
  Sprache,  wie  sie  die  jütische  Mundart  nennen,  in  der  Bürgerschaft
  nachweisen  zu  können.  Richtig  ist  nur,  daß  seit  dem  17.  und
18.  Jahrhundert  durch  Zuwanderung  aus  den  nördlichen,  damals  noch
jütisch  redenden  Dörfern  und  durch  neue  Ansiedelungen  in  der  sogenannten
  Neustadt  ein  jütischer  Bestandteil  in  die  niederdeutsche  Bevölkerung
  sich  eindrängte,  aber  sehr  bald,  weil  die  Zuzügler  zweisprachig
waren,  germanisiert  ward.  So  finden  die  viel  erwähnten  Worte
Ulrich  Petersens  (f  1735),  wonach  zu  seiner  Zeit  die  Bürger  in  dem
Norderquartier,  d.  h.  am  Pferdemarkt  und  in  der  Michaelisstraße,  wie
auch  das  Gesinde  mit  den  Leuten  aus  Angeln  sich  beim  Kaufschlagen
vielfach  der  „angeldänischen“  Sprache  bedienten,  ihre  vollständige
Erklärung.)

Im  Laufe  der  nächsten  dreißig  Jahre  war  aber  auch  bereits  in
den  Schleswig  benachbarten  nördlichen  Dörfern  ein  Sprachwechsel  eingetreten.
  Unter  anderen  wissen  wir,  daß  der  junge  Asmus  Jakob
Carstens  in  St.  Jürgen  nur  niederdeutsch  redete;  als  er  den  ersten
Unterricht  bei  dem  Wandellehrer  des  Dorfes  erhielt,  geschah  dieses
nur  in  niederdeutscher  Sprache.  Bezeichnend  ist  die  Erzählung  von
seiner  derben  Antwort,  die  er  seinem  Schulmeister  gab,  als  er  ihn
zur  Aufmerksamkeit  ermuntern  wollte:  „Asmus  Jakob,  wat  hest  du
inn  kop?“  —  „Schulmester,  bregen  inn  kop  as  kreienschit!“)

Die  herrschende  Stellung  des  Niederdeutschen  in  der  „Haupt=  und
Residenzstadt“  der  Herzöge  ward  zunächst  durch  die  um  die  Mitte
des  16.  Jahrhunderts  bereits  hochdeutsch  schreibende  landesherrliche
Kanzlei  wenig  berührt;  man  kann  selbst  sagen:  jene  hochdeutsche  Kanzleisprache
  hatte  lange  Zeit  hindurch  so  gut  wie  gar  keinen  Einfluß  auf  die
Sprache  der  städtischen  Behörden,  der  Gilden  und  Zünfte,  der  Kirche
und  Schule;  es  dauerte  fast  ein  ganzes  Jahrhundert,  ehe  das  Niederdeutsche
  den  Kampf  gegen  den  neuen  Sprachwechsel  aufgeben  mußte
und  in  die  Stellung  einer  Mundart  zurücktrat.

1)  Geschichte  der  Stadt  Schleswig  173.
2)  Sach:  Asmus  Jakob  Carstens'  Jugend=  und  Lehrjahre  21.