230  C.  Die  nationale  Entwidelung  der  Städte.

Ein  noch  ungedrucktes  Protokoll  möge  ein  Bild  geben  von  der
Sprache  der  Bürgerschaft  im  Anfange  des  16.  Jahrhunderts:

Anno  dm.  XV  jar  in  dem  dörden  jar  und  an  dem  dorden  dunredage
na  paschen  quemen  de  stocknevinge  bynnen  Sleßwyck,  de  geeschet  weren
twischen  dem  rade  unde  Mychgel  Lucht  to  schedende  de  sake  twyschen
en  van  des  haves  wegen,  so  unse  gnedigste  here  uthspraken  upp  der  borch;
wilkere  stocknevinge  dar  to  inquemen  to  dinge,  sede,  spreken  unde  vunden,
dat  de  hoff  buten  der  stadt,  wandages  Hinrick  Mynrick  plach  to  brukende,
hörde  der  stadt,  dem  rade  unde  der  menicheit  tho  erst  unde  latest  unserem
Snedigsten  leven  heren,  unde  alle  dat  velt,  dat  buten  der  stadt  porten
beslaten,  in  dem  statvelde  belegen  mit  den  hoben  mach  neenmand  vorschoten
edder  erven.  Vortmeer  hebben  wyF  gheböret  uppe  dem  dinge,  dat  unse
borgermester  Andreas  vragede  Michgele,  seggende:  „Michel,  du  west  wol,
wo  id  umme  de  schüne  unde  den  hoff  is“;  do  antworde  Michghel  unde
sprack:  „ja,  her  borgermester,  dat  weet  ick  wol  unde  des  bin  ick  wol  to
vreden.“  Her  Hans  Retbagen,  en  litmate  des  rades,  sprack  ock  unde  sede:
„NMichel,  bistu  denne  des  to  vreden  van  der  schüne  unde  des  haves  wegen?“
Michel  antworde  unde  sprack:  „ja  ick  bin  des  to  vreden.“  Dit  schach  uppe
dem  apenbaren  menen  dinge,  dat  alle  de  menen  borger  achoreden,  so  de
stockneven  uppo  dem  dinge  dat  so  utbgespraken  unde  vunden  hebben,  so
hir  vorscreven  steit  etc.  Michel  heit  de  schüne  unde  hoff  dem  rade  avergevren
  unde  hoft  wedderlegghinge  darup  eutfangen,  so  de  rad  em  dat  wol
vorstellen  scholen,  wannere  des  tid  is.  Desse  nahscreven  sint  in  deme
stocknevinge  als  Clawes  Loitte,  Henningk  Vos,  Hans  Aschenberch,  Jesse
Kopman,  Hans  Pawelsen,  Jacob  Nigelßen,  Claws  Tamsen,  Clawes  Martenl,
Hinrick  Jeger,  Clawes  Haeß,  Clawes  Büdelmaker,  Hinrik  Vrese.

Ebenso  sind  die  skra  der  Papageiengilde  (1540)  und  die  Statuten
der  Fronleichnamsgilde  (1544)  rein  niederdeutsch;  die  Erlasse  des  Rats,
wie  die  nye  markethordenunge  (1560),  die  bewillung  des  erbaren
rades,  das  verfallene  Rathaus  zu  restaurieren  (1567),  sowie  die  Verordnung,
  betreffend  die  Feier  des  blauen  Montags  (1567),  reden  dieselbe
  Sprache.  Noch  1584  stellt  der  Magistrat  ein  Zeugnis  in  niederdeutscher
  Rede  aus  und  verleiht  1588  dem  Snitkeramt  eine  niederdeutsche
Amtsrolle;  Kämmereirechnungen,  Schötebücher,  Ratsprotokolle  zeigen
bis  zum  Schluß  des  16.  Jahrhunderts  keine  hochdeutsche  Sprache.
Und  ebenso  war  es  bei  den  Gerichten  und  in  der  Kirche;  wir  kennen
ein  Gerichtsprotokoll  mit  rein  niederdeutschen  Formeln  aus  dem  Jahre
1599  und  Rechnungen  des  Domkapitels  aus  den  Jahren  1587,  1595
und  1599,  die  nur  wenigen  hochdeutschen  Einfluß  verraten.  Im
Dome  finden  oder  fanden  sich  keine  hochdeutsche  Grabinschriften  aus